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Jutöcr, Mittwoch, den 19. Februar 1902.
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29. Jahrgang.
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Die Pflichten der höheren Stände auf sozialem und charitativem Gebiet. (Rede des Rechtsanwalt J»st-zrath Earl Trimborn von Köln am Rjei^ auf d,m Eharitastag zu Aachen am 17. Juli 190!.)
Hochansehnliche Versammlung! Wir alle wollen das liebe, gastliche Aachen neugestärkt in Begeisterung für die Charitas verlassen; wir alle wollen, wenn wir nach Hause kommen, auf dem Gebiete der charita- tiven und sozialen Thätigkeit einen Schritt vorwärts machen. Wenn wir von hier gleichzeitig zurückkehren, nicht mit neubelebter Begeisterung, dann sind wir vergeblich hier gewesen, bann sind alle die schönen Reden und alle die fleißigen Belehrungen in den Wind gesprochen. Die Triebkraft aber der Begeisterung, die wir zu Hause bethätigen wollen, der Urquell der freudigen Arbeitslust und das Mark der zähen Widerstandskraft, das ist die tiefe, feste Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, von der Würde, von der Heiligkeit unserer Mission, und diese Ueberzeugung soll ich als Schlußredner noch einmal zu wecken und zu beleben versuchen, indem ich behandle die Pflichten der höheren Stände auf sozialem und charitativem Gebiete.
Ich werde, meine hochverehrten Damen und Herren, diesen Gegenstand nüchtern und praktisch behandeln; geistreiche Redner haben Sie gestern und heute in Hülle und Fülle gehört und die Geistrcichig- keit, das ist nun einmal nicht Kölner Art (Heiterkeit). Wir Kölner sind eben, verehrte Damen und Herren, zum Unterschied von so vielen andern Rheinländern, vielleicht auch von den Aachenern, nüchterne und praktische Leute (Heiterkeit).
Wenn ich jetzt sowohl das charitative wie das soziale Gebiet behandeln soll, so bin ich mir _ des Unterschiedes, der zwischen beiden Thätigkeiten besteht, vollauf bewußt. Die eine — es ist ja fast ein Gemeinplatz, es zu wiederholen — die eine will vorbeugen, die andere will heilen; die charitative Thätigkeit will die am Gesellschaftskörper vorhandenen Wunden heilen, die soziale Thätigkeit will,vorbeugen, daß keine neuen Wunden entstehen; sie will die gesellschaftlichen und die wirthschaftlichen Zustände so gestalten, daß jeder Stand im Volke eine relativ zufriedenstellende Lage hat, der Art, daß allgemeines Elend, daß eine Roth ganzer Klassen, daß Massenelend möglichst ausgeschlossen erscheint. Aber wenn auch die beiden Organisationen und die beiden Wirkungsgebiete verschieden sind, so haben sie doch ungemein viel Gleiches. Gleich ist auf beiden Gebieten die treibende Kraft: der Opfersinn, der Gemeinsinn, der hervorgeht aus Nächstenliebe und aus Gerechtigkeitssinn. Unö was vertieft und verstärkt die treibende Kraft? Hier wie dort vor allem die innige, die warme, die opferwillige Liebe zum Heilande, sodann die Anhänglichkeit an die Heimath und an das geliebte Vaterland. Auch in ihren Endzielen sind beide Thätigkeiten gleich, in dem mehr oder weniger bewußten schließlichen und letzten Endresultat. Beide überbrücken die Kluft zwischen Arm und Reich, beide fördern den sozialen Frieden, beide dienen der Wahrung und der Weiterentwicklung unserer Kultur. Ja, Kulturarbeit ist es, die wir leisten, wenn wir auf sozialem und charitativem Gebiete thätig sind, edle, herrliche, ideale Kulturarbeit. Oder ist es kein ruhmvolles Blatt in der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, was uns gestern Abend in so meisterhafter, formvollendeter, vornehmer Art aus der Geschichte des Franziskanerinnenordens gezeichnet worden ist? Oder ist es kein glänzendes Bild des Kulturfortschrittes, welches unsere soziale Gesetzgebung und die mannigfaltige soziale Arbeit auf allen Gebieten der Selbsthilfe bietet? Wir freuen uns dieser Kulturarbeit, wir sind stolz darauf, dafür gehören wir auch zu den gebildeten Klassen, die diesen Fortschritt wohl zu würdigen und abzuwägen wissen oder wissen sollten. Aber mit der Freude, mit dem gesättigten Stolze ist es nicht gethan; wir sind verpflichtet, — verpflichtet, sage ich, — mitzuarbeiten an dieser Kulturarbeit au: sozialem und charitativem Gebiete.
Jetzt, meine verehrten Damen und Herren, werde ich recht professoriös (Heiterkeit), recht gelehrt. Sehen Sie, ich komme jetzt an die Pflichtenlehre. Die Pflichtenlehre muß absolut zwingend sein, sie muß den Verstand überwinden und muß daher zum Verstände reden. Deshalb lassen Sie mich jetzt, aber nur wenige Minuten, philosophiren (Heiterkeit). W a - rum müssen wir auf sozialem und charitativem Gebiete thätig sein, warum sind wir, die höheren Stände, dazu verpflichtet?
Das Charakteristikum, das Erkennungszeichen der höheren Stände ist der Besitz und die Bildung. Die Berechtigung des Eigenthums, des Besitzes liegt lediglich in seiner sozialen Funktion. So Professor Dr. Sohm in Leipzig in einem Vortrage über die sozialen Pflichten der Gebildeten, dem ich hier in seinen Gedankengängen folge. Das Eigenthum ist ein Amt, welches verwaltet werden muß im Dienste des Ganzen, es ist aber keine Garantie und kein Rechtstitel für willkürlichen Genuß. Das ist die alte christliche und germanische Auffassung, die von unserer Kirche zu allen Zeiten stets hochgchalten worden ist. Und die Bildung andererseits, damit steht's genau ebenso. Auch die Bildung verpflichtet geradeso wie der Besitz. Auch sie gibt ein Amt in der Gesellschaft, das im Dienste des Ganzen verwaltet werden muß. Die Bildung macht dich reich, also gib auch von diesem Ateichthum der Gesammtheit ab! Bildung und Besitz,
sie geben Macht, viel Macht, sie geben Herrschaft, weite, tiefgreifende Herrschaft, aber Herrschaft ist in den Augen des wirklichen Philosophen und des tiefdenkenden Menschen nichts anderes als Dienen. Nur durch Dienen kannst du herrschen; die Herrschaft hat nur ihre Berechtigung im Interesse des Ganzen; auch sie ist dazu da, um dem Ganzen zu dienen, das Ganze zu halten, fortzuentwickeln und zu höchster Blüthe zu entfalten. Herrschaft, die nicht dem Ganzen dient, die ist nutzlos. Bildung und Besitz und die damit verknüpfte Macht und Herrschaft, die nicht dem Ganzen dient, sie hat ihre Lebensberechtigung im tiefsten innersten Kern verloren (Beifall). Daraus olgt, daß die herrschenden, die höheren Klaffen, die Aasten der Bildung und des Besitzes sich nur so lange in der Führerrolle behaupten können, als sie thatsächlich Reichthum und Bildung, Macht und Herr- chaft in den Dienst des Ganzen stellen; so will es um einmal die menschliche, die göttliche Ordnung und o ist es auch allein vernünftig, billig und recht (Lebhafter Beifall). Und daher, wenn die herrschenden, die führenden Klassen dazu übergehen, nur zu genießen, statt zu arbeiten1 im Dienste des Ganzen, dann and sie nutzlose Glieder der Gesellschaft, dann werden ’ie absterben entweder von selbst oder sie werden auf dem Wege gewaltsamer Revolution oder Reaktion be- eitigt, und sie haben ihr Schicksal verdient (Beifall). In der Natur und in der Rechtsordnung, da hat nichts Bestand, was nutzlos ist; was ohne Zweck ist und seinen Zweck nicht erfüllt, das ist werth, daß es zu Grunde geht; so will es die natürliche und so will es die göttliche Ordnung. Das, meine verehrten Herren, für diejenigen unter Ihnen, die sich zu den Philosophen rechnen (Große Heiterkeit). Ja, ich muß auf alle hier Rücksicht nehmen (Heiterkeit). Jetzt werde ich Ihnen etwas Praktisches geben und etwas schärfer, etwas fester ans Herz Herangehen.
Ich sage, meine verehrten Damen und Herren, auf charitativem und sozialem Gebiete thätig sein, ist ur die höhern Stände eine ganz eminent patriotische Pflicht. Die Leiden der Gedrückten, die Nöthen des vierten Standes, das sind die Leiden der ganzen Nation. Wenn ein Glied leidet, dann leiden ille Glieder; wir sind Brüder und wir gehören zu- ämmen; die Leiden und Freuden des einen sind, wir mögen wollen oder nicht, auch die Leiden und Freuden des andern. Wer daher die Nation wirklich liebt, wer an Volk und Vaterland und Herrscherhaus mit ganzer Seele hängt, der fühlt mit die Nöthen und die Leiden des vierten Standes, die Nöthen und Leiden der gedrückten Klassen. Mit dem Patriotismus, der sich in festlichem Hoch und kriegerischem Hurrah Luft macht, ist es schön und gut, ich will nichts dagegen sagen, es muß auch solche Aeußerungen der patrio tischen Freude und Kraft geben; an gewissen Tagen, da sind sie ja durchaus erklärlich (Sehr gut! und Heiterkeit); aber die wirkliche und wahre Liebe zum Vaterland, die zeigt sich in der wahren Anhänglichkeit, in der opferfreudigen Sorge für diejenigen im Volke und Vaterland, die leiden unter den Sorgen und Nöthen des Lebens (Beifall). Und dann noch eine Erwägung des Patriotismus. Darüber sind sich heute alle einsichtigen Männer klar: zwei Feinde sind es, die unserm Volke und unferm Vaterlande drohen, das ist der konfessionelle Hader und der Klassenhaß. Wehe, wenn hierdurch in unserm Volke nach der einen oder der andern oder gar nach beiden Richtungen hin zwei gespaltene Lager entständen, Lager, durch eine Kluft getrennt so groß, daß sie nicht überbrückt werden könnte. Ich sage, wenn sie entstände, — denn ob wirklich die Kluft so groß, wie gestern der letzte Redner des Abends in so ergreifender Weise geschildert hat, das will ich nicht eütscheiden, — aber wehe, wenn sie so groß wäre, wehe unserm Vaterlande! Auf dem sozialen Frieden, dem guten Verhältniß der Klassen unter und zu einander, darauf beruht die Einheitlichkeit, die Existenz der Nation, und darum sage ich, derjenige ist ein guter Patriot, der mit allen Kräften arbeitet, den Klaffenhaß zu mildern und verschwinden zu machen. Diese Arbeit ist in erster Linie patriotische Pflicht der höheren Stände.
In einer wesentlich aus katholischen Bürgern und Bürgerinnen zusammengesetzten Versammlung darf ich auch nicht unterlassen, auf die Erwägungen hinzn- meifen, die uns als Katholiken, als Christen zu sozialer und charitativer Thätigkeit aneifern müssen. Der heilige und gütige Stifter der Kirche hat nicht nur gelehrt, er hat auch gewirkt. Beneficiendo transiit, Wohlthaten sprechend ging er durchs Leben, und wenn alle Mitglieder der Kirche, seinem Beispiel folgend, Wohlthaten spendend durchs Leben gehen, muß auch die Kirche selber blühen; sy lehrt es die Erfahrung aller Jahrhunderte.
Auf die Wechselwirkung zwischen der religiösen und sozialen Entwicklung in der Geschichte der Menschheit will ich nicht näher eingehen, ich will nur an das Eine erinnern: glauben Sie denn, daß das Christen- thum lediglich durch seine theoretischen Lehrsätze und dogmatischen Wahrheiten eine Welt erobert hätte, Lehrsätze und Wahrheiten, bargelegt von den Aposteln, von einfachen Fischern? Nein, das Christenthum hat auch wesentlich dadurch die Welt erobert, daß es die Welt sozial und wirthschaftlich umgestaltet, das Antlitz der Erde erneuert hat. Das eine ist mit dem andern gegangen, so ist es zu allen Zeiten gewesen. Wer daher im Geiste und im Sinne der Kirche charitativ und sozial wirkt, der wirkt als Apostel der Kirche (Beifall).
Wollen wir uns und andere für eifrige soziale und charitative Thätigkeit disponiren und gewinnen, so ist das erste, daß wir uns von dem Bewußtsein unserer Verantwortung auf diesem Gebiete durchdringen. Man glaubt gar nicht, was in dieser Richtung in den höheren Ständen für eine Gedankenlosigkeit herrscht. Dafür, daß man wirklich
unter Sünde verpflichtet ist, nach dem Maße seiner Kräfte und nach den Gelegenheiten, die sich bieten, sozial und charitativ thätig zu sein, dafür haben verhältniß- mäßig wenige Kreise ein vollständig klares, zu Thaten ührendes Bewußtsein. Viele meinen, es stände ihnen :rei, für soziale und charitative Dinge sich zu iute- ressiren, gerade so wie es in ihrem Belieben steht, ob sie sich zu Radfahrern ausbilden sollen oder ob te dem Rudersport den Vorzug geben sollen. Meine verehrten Damen und Herren! So steht die Sache d enn doch nicht! Wir sind v e r P f l i ch t e t, auf sozialem und charitativem Gebiete thätig zu sein. Die Leute, welche den charitativen und sozialen Bestrebungen mehr oder weniger gleichgiltig gegenüber stehen, sagen zur Recht- ertigung: ja, ich thue ja nichts Böses, ich betrachte mich als durchaus achtbaren und ehrsamen Bürger, ich bin tadellos (Heiterkeit), und im Gefühle seiner Vortrefflichkeit geht solch ein Mann stolzen Hauptes durch die Straßen (Heiterkeit) und doch ist er ein Thor, ein gewaltiger Thor, für den der Name eines Philisters noch viel zu gut ist (Beifall und Heiterkeit). Der Mann ist mit einer schweren Unterlassungssünde belastet, die sich von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr weiter schleppt, bis er sein bedeutungsloses Leben beendet hat; er ist mit der Unterlassungssünde belastet, daß er fein Talent vergraben hat; er ist niemals in den Geist und in' die ganze Tiefe des Evangeliums von den Talenten eingebrungen, trotz bes ausgezeichneten Religionsunterrichts, den er ja zweifellos genossen hat (Heiterkeit).
Die Verantwortung für eine Thäti g- f eit auf sozialem und charitativem Gebiete, ie ist da, sie ist da für die höherenStände; ür jeden Einzelnen von Ihnen ist sie vor- janden; diese Verantwortung, sie ist unentrinnbar, sie ist unerbittlich wie der Tod.
Es ist eine Verantwortung zunächst Gott gegenüber. Nirgends ist dies schöner, einsacher und ergreifender dargestellt als in der bekannten biblischen Parabel vom reichen Prasser und vom armen Lazarus. Sie wissen, der reiche Prasser, er befindet sich in schweren Qualen, die gleich sind den Qualen der Hölle; und ich habe mich schon als Junge immer gefragt : was mag der arme Kerl denn eigentlich gethan haben? (Heiterkeit). Denn von großen Schandthaten berichtet das Evangelium nichts. Wissen Sie, meine verehrten Damen und Herren, was seine Sünde war? Seine Sünde war, daß er seine Güter in egoistischem Genuß verzehrt hat. Das war alles, aber es war sehr viel! Er kannte nichts von den sozialen Pflichten, er kannte nichts von den Verpflichtungen der Charitas; nur seinem Genuß, dem elenden und egoistischen Genuß hat er seine Reichthümcr geopfert; das war seine Sünde, das ist die Sünde der höheren Stände, und er selbst ist der Repräsentant derjenigen höheren Stände, die ihre sozialen, ihre charitativen Pflichten nicht erfüllen. Die Sünde, sie war eine Todsünde; und sein Schicksal, es war so schrecklich, daß er, nachdem die Möglichkeit, den Qualen selbst zu entrinnen, sich als nicht vorhanden erwiesen, kein anderes Bestreben hatte, als wenigstens seine Nachkommen vor seinem eignen Leben zu warnen, damit sie selber nicht dem gleichen Schicksal verfallen möchten. Und welche Antwort wird ihm zu theil, als er den Wunsch der Warnung derer, die noch auf Erden wandeln, ausspricht? „Nein, diese haben Moses und die Propheten, die sollen sie hören." Das einzige Mittel also für die höheren Stände, dem Schicksal des reichen Prassers zu entgehen, ist: auf Moses und die Propheten zu hören, das Heißt, die Reichthümer, die materiellen Güter und die geistigen Schätze im Sinne Christi und seiner Kirche zu verwenden (Beifall). Je schärfer uns diese Lehre von der Kirche eingeprägt wird — und wie nachdrucksvoll wird sie uns immer wieder vorgehalten! — um so größer ist unsere Verantwortung. Wie scharf, wie nachdrucksvoll ist uns hier in diesen Tagen während der Verhandlungen des Charitasver- bandes eingeprägt worden, unsere Reichthümer im Sinne Christi und nicht im Sinne und int Geiste des reichen Prassers zu verwenden, und, so deutlich und eindrucksvoll diese Mahnung an unser Ohr geklungen ist, so tief, so groß, so gewaltig ist die Verantwortung, die uns jetzt belastet!
Und nun die Verantwortung den Menschen, der Gesellschaft gegenüber! Keiner, sage ich, arbeitet so intensiv, keiner mit einer so unheimlichen Sicherheit an der Macht des Sozialismus und an der Zerstörung der heutigen Gesellschaftsordnung als der reiche und der gebildete Mann, der durch sein eigenes Leben die Gerechtigkeit und die Liebe verletzt; er fordert die Repressalien des Volkes geradezu heraus (Sehr wahr). Wie ist denn, meine verehrten Damen und Herren, die Situation? Auf der einen Seite ein vielfach gedrücktes Volk, ringend im Kampfe ums Dasein, jede Stunde die volle und ganze Kraft anspannend, um sich und die Familie durch des Lebens Nöthen hin- durchzubripgen; die Masse solcher Armen ohne Bildung, ohne Erziehung, vollständig unfähig, durch eigene Kraft sich auf eine höhere Kulturstufe zu erheben und ihre wirthschaftliche und soziale Lage derart zu fördern, daß auch sie an dem Wachsen der Kulturgüter, an den Fortschritten der Civilisation theilnehmen könnten; und auf der andern Seite so viele, die Zeit, die (Selb, bie Talente hätten, um ben Millionen Armer zu helfen unb die ihre Zeit und ihr Geld vergeuden. Wissen Sie, wie diese Menschen mir Vorkommen? Sie kommen mir vor, wie Leute, die bei einer großen Feuersbrunst Wasser haben, um das Feuer zu löschen, es aber nicht hergeben wollen. Ist es da nicht natürlich, daß man ihnen das Wasser mit Gewalt entreißt? Und wer trägt die Verantwortung, wenn es so weit kommt? Die höheren Stände, bie das Wasser Hatten, um das Feuer zu löschen, die die Mittel hatten, den niedern Standen in ihren Nöthen aufjuhelfen und
ihnen einen andern Geist, eine andere Erziehung, ein andere Gesinnung beizubringen. Und du gehörst zu diesen höheren Klassen! Und der Zugehörigkeit zu den mit dieser Verpflichtung belasteten Klaffen wirst du nicht dadurch ledig, daß du das Szepter der Herr- chaft, welches den führenden Klaffen gegeben ist, begräbst im Kote der Bequemlichkeit (Beifall).
Zuletzt die Verantwortung vor dir und deiner Familie! Ach, ein Leben, dessen Reichthümer und dessen Bildungsschätze nur dem Genuß gewidmet sind, rächt sich auch an dir selber. Du untergräbst dein eigenes Glück durch ein solches Leben. Der Mann, der nur sich selbst kennt und die Bildungsschätze und die Reichthümer nur für die Befriedigung seiner und höchstens feiner engsten Familiengenossen Bestrebungen verwendet, ich sage, ein solcher Mann, er kennt auch nur sein Leben, nur seine Sorgen, und das ist die Nemesis: diese Sorgen werden ihn auf die Dauer erdrücken, sie werden ihm immer größer Vorkommen, denn er kann sie nicht messen an dem Maßstab der viel großem Sorgen anderer; er geht gewiß in seinen Freuden, aber er geht auch in seinen Leiden unter. Wie er, so leben seine Kinder; es geht von ihm aus ein weiteres, oberflächliches, gedankenloses Geschlecht. Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugeud Böses muß gebären. Wie drückend und gewaltig aber dieser Fluch ist, das sehen Sie ja an dem reichen Prasser. Die größte Qual, die ihn schließlich trifft, das ist die, daß er nichts mehr daran ändern konnte, daß nach ihm ein ebenso nutzloses, ein ebenso verwerfliches Geschlecht aufwuchs. Mit dieser Verantwortung wollen wir uns nicht belasten, wir wollen unsere Jugend bei Zeiten lehren auf MoseS und die Propheten zu hören.
Einer Ausrede möchte ich begegnen und damit auch zugleich einen Wink geben, tote wir von vornherein bei der Erziehung unserer Jugend im charita» tiven und sozialen Sinne vorgehen müssen. Es wird o vielfach der Einwand gemacht: „Ich gebe ja mein Almosen" und auch unter der Jugend der höheren Stände ist die Auffassung verbreitet, daß es schon eine heroische, jedenfalls eine genügende Leistung ist, wenn man ein Almosen gibt. Aber du hast mehr als Geld, du hast Talente in Hülle und Fülle, du hast reiche Schätze des Wissens, du hast Beredtsamkeit, du hast kaufmännische Talente, du hast politische Talente, du hast sozialen Einfluß, du hast wirthschaftliche Schätze und Kräfte, du hast eine hohe Stellung in der Beamtenschaft und in der Gesellschaft, das alles sind Talente und jedes dieser Talente mußt du in den öffentlichen Dienst, in den Dienst der Gesammtheit teilen, und von dieser Pflicht kaufst du dich nicht los mrch ein Almosen; auf jene Gaben hat die Gesammtheit ein Recht und über jene Gaben mußt du Rechen- chast ablegen. Deshalb müssen wir uns die Rolle unserer Thätigkeit auf sozialem und charitativem Gebiete nicht so oberflächlich, so geistlos, so unfruchtbar vorstellen wie die des nachlässigen, gelangte eilten oder gar blasirten Almosengebers. Nein, meine verehrten Damen und Herren, die höheren Stände haben eine viel höhere, eine viel herrlichere Position in bet Nöthen dieser Zeit; sie haben die Position des Arztes, von dem gestern der erste Festredner des Abends so wundervoll ausgeführt hat, daß er ein so herrliches, ein so priesterähitliches Amt habe. Vergegenwärtigen Sie sich einen Augenblick den Arzt in seiner Thätigkeit. Wir sehen ihn über den Schwerkranken gebückt; mit ängstlicher Sorgfalt beobachtet er jedes Symptom, ans dem er etwas schließen zu können glaubt. Jeden Pulsschlag, jede Bewegung des Herzens, jedes Zeichen körperlichen Lebens verfolgt er mit gespannter Aufmerksamkeit. Alle Kraft nimmt er zusammen, kein Mittel läßt er unversucht, um ein kostbares Leben zu retten. Das ist die Stellung, in der sich die höheren Stände gegenüber den gedrückten heute befinden muffen, das ist die einzig würdige, die einzig schöne, die einzig ideale Position der höheren Stände in der heutigen Zeit.
Und was, meine verehrten Damen und Herren, müssen wir nun thun, um diese Stellung würdig auszufüllen ? Wir müssen die Krankheiten am Volkskörper und an der Volksseele ftubiren, wir müssen zu helfen versuchen, und zwar jeder einzelne Stand in seinem Bereiche. Nun ist mir von einem Herrn, der in der Benrtheilung von Reden in großen öffentlichen Versammlungen außerordentlich erfahren ist, geraden worden, ich solle jetzt die einzelnen Stände durchgehen, ich solle mit den Geheimen Kommerzienräthen anfangen (Heiterkeit). Aber ich habe dem Herrn erwidert: das nützt nicht viel, denn wir haben nicht allzuviel Geheime Kommerzienräthe (Heiterkeit). Dann hat mir einer gesagt, ich solle doch einmal den Juristen die Wahrheit sagen (Heiterkeit) — das hätte ich schon mit einem gewissen Wohlbehagen gethan (erneute, große Heiterkeit). Ein anderer hat mir gesagt, ich solle mich mal an die Herren Pastöre heranmachen (Heiterkeit), dem habe ich aber gesagt, das ist mir viel zu gefährlich (Heiterkeit), das werde ich bleiben lasten (Heiterkeit); — aber ich muß doch gleich noch hinzufügen, daß der Nichtsnutz, der mir diesen zweifelhaften Rath gegeben hat, selber ein Pastor War (Heiterkeit). Also, auf diesen Bahnen will ich mich nicht bewegen. Ich will in meinen Ausführungen vielmehr kurz schildern, wie wir in den einzelnen Lebensaltern charitativ und sozial uns erziehen müssen — uns und unsere Kinder, das paßt dann für alle Stände; ich fage jedem die Wahrheit und verderbe es mit keinem (stürmische Heiterkeit), das ist alte, gute Taktik (Beifall und Heiterkeit).
(Fortsetzung folgt.)