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st» Inserat« 3. Parzelle» in Suita. mit Zliüerhattungs -Anlage ^Zlluflrirte Sonntags-Zeitungi'

Jfä 38* JuLöcr, Samstag, den 15. Februar 1902. 29. Jahrgang.

Mocheu-Krrn-schan.

(Nachdruck verböte«.)

X Fulda, 15. Februar 1902.

Der Kaiser hat sein erstes Jubiläum gefeiert: Am letzten Sonntag nänilich waren genau 25 Jahre vergangen seit dem Tage, an dem er bei dem ersten Garderegiment zu Fuß in Potsdam zur praktischen Dienstleistung eingestellt worden war. Größere Fest­lichkeiten sind an dem Tage nicht veranstaltet worden. Der Kaiser hat den Gedenktag mit und bei dem ge­nannten Regiment verbracht, und in Potsdam ist des­selben sowohl im katholischen, als auch im protestan- tischen Gottesdienste gedacht worden. Prinzrrgent Luitpold von Bayern hat dem Kaiser einen Glück­wunsch in besonders warmen Ausdrücken zugehen lassen.

Was aus der Reise des Prinzen Heinrich von Preußen nach den Vereinigten Staaten von Amerika werde, war zweifelhaft gewor­den. Ein Sohn des Präsidenten Roosevelt ist an Lungenentzündung schwer erkrankt, so daß ein Trauer» fall im Roosevelt'HHen Hause nicht ausgeschlossen er­schien. Beinahe wäre die Reise um einige Zeit ver­schoben worden. Nach einzelnen Zeitungsmeldungen war in diesem Sinne von Washington aus bereits eine Verhandlung mit den maßgebenden Stellen in Berlin singeleitet worden. Von London aus sind allerhand Versuche gemacht worden, Mißstimmung zwischen Deutschland und der nordamerikanischcn Union zu säen. Dazu gehört auch die Behauptung, Deutschland habe seinerzeit versucht, die Vereinigten Staaten an dem Kriege gegen Spanien zu hindern. Diese Be­hauptung ist nun weiter nichts, als eine offenbare Lüge; und sie ist in erfreulich derber Weise von der offiziösen ,Nordd. Allg. Ztg/ als solche derart ge« brandmarkt worden.

Ob die Vertreter der Regierung ebenso kräftige Worte finden werden, wenn in der nächsten Woche im Reichstage beim Etat des Auswärtigen Amtes dieB uren-Angelegenheiten zurSprache gebracht werden, müffen wir abwarten. Die deutschen Buren­vereine sollen den unglücklichen Buren, die zu Zehn­tausenden in den sogenannten Konzentrationslagern von den Engländern zusammengepfercht worden find und dort Mangel am Nolhwendigsten leiden, Lebens­mittel und Kleidungsstücke zuführen. Aber dieser Samariterdienst ist nicht nach englischem Geschmacke, und anscheinend will die britische Regierung diese Sendungen nicht durchlaffen. Da ist nun schon bei passender Gelegenheit am letzten SamStag in preu­ßischen Abgeordnetenhause die Frage aufgeworfen worden, wie denn unsere Regierung sich zu dieser Sache stelle; aber infolge eines Mißverständnisse« war kein Regierungsvertreter zur Stelle, der zuver­lässige Antwort auf diese Frage hätte geben können. Nunmehr soll diese noch einmal gestellt werden bei der Berathung des Etats des Auswärtigen Amtes im Reichstage.

Die Unterhandlungen zwischen den Re­gierungen von Berlin und London sind bereits im Gange, wie Staatssekretär Freiherr v. Richt­hofen am Mittwoch im preußischen Abgeordneten- Hause erklärt hat. Von besonderem Interesse ist die Thatsache, daß diese Unterhandlungen in den Fluß gekommen sind durch einen Anstoß, den die Kaiserin gegeben hat. Diese fragte beim Auswärtigen Am.e an, ob England die Lebensmittel und Maaren frei bis nach den Burenlagern passiven lassen wolle, und auf dieser Grundlage sind die Verhandlungen einge­leitet worden. Ueber ihre Ergebnisse will der Staats­sekretär berichten, wenn solche Ergebnisse vorliegen werden.

Ein anderes wichtiges Ereigniß auf dem Gebiete der auswärtige» Politik ist die Reise de- österreichi­schen Thronfolgers, des ErzherzogsFranzFerdi- nand, nach Petersburg. Im Anfänge schien eS so, als handele es sich dabei um einen Besuch von rein familiärem Charakter. Das ist indeffen ganz gewiß nicht der Fall. Der Reise ist eine hohe poli- tische-Bebeutung beigemeffen. Interessant ist ein Vor­gang vor dieser Reise. Der Erzherzog sollte unter anderen von einem österreichischen und von einem ungarischen Magnaten begleitet sein, und er er­wählte sich au» Ungarn den Grafen Johann Zichy, den Führer de» ungarischen Centr»ms, oder der katholischen Volkspartei, wie man in Ungarn sagt. Diese Wahl paßte der ungarischen Regierung nicht, und daraufhin reiste der Erzherzog ohne un­garische Begleitung «ach Petersburg ab. Das paßte nun den Leuten von der ungarischen Regierungsfarbe erst recht nicht. Aber jetzt ist Einlenken zu spät, und ein andermal werden sie wohl nachgiebiger ge­stimmt sein.

Bei uns in Deutschland steht wieder einmal Alle» unter dem Zeichen der Zollfrage. Reichskanzler Graf Bülow hat bei einem Festmahle, das der . deutsche Laudwirthschastsrath in Berlin veranstaltete, eine Rede gehalten, die mit Recht als hoch bedeutsam gepriesen wurde. Die Wort« des Kanzlers find durchaus freund­lich für die Landwirtschaft gehalten; und schon der Ort, den er sich auswählte, bürgt dafür, daß Graf Bülow nicht etwas gegen die gerechten Ansprüche der Land- wirthschaft sagen wollte. Aber auch diese Kanzlerrede ist verschiede« gedeutet wordex. Die Einen haben sie als bestimmte Erklärung aufgefaßt, daß die Ver­bündeten Regierungen auf keine« Fall über diejenigen Getreidezollsätze hinausgehen wollen, die sie in ihrem Zolltarifentwurfe vorgeschlagen haben; die Anderen

geben sich die größte Mühe darum, das Gegentheil zu beweisen und einen Vergleich mit der Regierung zu Stande zu bringen. Aber Voraussetzung dabei ist natürlich, daß die von der Regierung vorgeschlagenen Mindestzölle für Getreide ein wenig erhöht werden. Die G neralversammluug de» Bundes der Land­wirt he hat am letzten Montag im Cirküs Busch zu Berlin eine Entschließung gefaßt, in der gesagt wird, eS würde besser für die Landwirthschaft sein, wenn der Zolltarifentwurf der Regierung ganz und gar ab­gelehnt würde, al» wenn die von diesem vorge­schlagenen Mindestzölle für Getreide Gesetz würden. Bestimmte, ziffermäßige Mindestzölle werden in dieser Entschließung des Bunde» der Landwirthe nicht verlangt.

Im Reichstage war am interessantesten die Berathung dkS Marine-EtatS. Man weiß ja, daß das sozialdemokratische Berliner Centralorgan einen gestohlenen Erlaß des Marine-Staatssekretärs von Tirpitz veröffentlicht hatte, in dem für 1904 eine neue Flottenvorlage angekündigt wird, außerdem aber eine Stelle vorkommt, die so klingt, als sei bei der letzten Flottenvorlage dem Reichstage absichtlich ein X für ein U gemacht worden. Diese Stelle deutete man so, als sei damals die Höhe der Kosten gefälscht worden, die die Ausführung der letzten Flotten­vorlage verursachen würde, um diese Vorlage nicht zu ge­fährden. Staatssekretär von Tirpitz hat aber diese Deutung seiner Morte mit Entrüstung zurückgewiesen und die überwiegende Mehrheit des Reichstage- hat ihm Glauben geschenkt. Nur die Sozialdemokraten und die Leute um Eugen Richter blieben ungläubig. Der Marine-Etat ist sogar in einer einzigen Sitzung fix und fertig durchberathen und erledigt worden. Eine spätere Flottenvorlage ist eine spätere Sorge — sagte der Centrumsabgeordnete Müller-Fulda. Nun, au-bleiben wird sie ja keinesfalls!

Bei dem Etat der Reichsjustizv erw al - tung, der nach dem Marine-Etat berathen wurde, spielte eine Hauptrolle die Duell frage. Die beiden freisinnigen Parteien haben besondere Anträge darüber bereit» im Reichstage eingebracht. Aber es kann sehr lange Zeit vergehen, bis diese zur Be­rathung und Erledigung gelangen, deshalb hat das Centrum durch den Abgeordneten Gröber gleich zum Justiz-Etat eine Resolution beantragt, in der um die Vorlage eine» DuellgesetzeS ersucht wird. In diesem Gesetze soll bestimmt werden, daß die Duelle unter die allgemeinen Strafbestimm izen fallen, daß auch Herausforderung zum Zwei > ampfe und Annahme derselben strafbar sind, und d » bei einer ehrlosen Handlungsweise des Thäters » h Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte eintreten hnn. Sehr eigenartig war die Art und Weise, in der sich Staatsseketär Nieberding über die ersehnte Reform des Strafgesetzbuches äußerte: Danach könnte es damit noch etwa zehn Jahre dauer«. Der Centrumsabgeordnete Dr- Spahn zahlte dem Staatssekretär aber in seiner Münze heim: Er meinte ironisch, er glaube das noch gar nicht, viel­mehr nehme er an, daß nach zehn Jahren noch genau dieselben sogenannten „Schwierigkeiten" der Reform entgegenstehen würden, wie heute.

In de« sonst so ruhigen und friedlichen Sachsenlande war im Parlamente ein heftiger Z w ist ausgebrochen: Die Regierung hat die Etatsvoranschläge in einigen Ausgabeposten, nament­lich bei Eisenbauten, in unerhörter Meise über­schritten, nämlich theilweise doppelt so viel ausge­geben, als vom Parlament genehmigt war. Natür­lich erhob das Letztere Widerspruch dagegen, und zwar sehr heftigen, weil die Regierung noch dazu in herausfordernder Weise auftrat. Mindesten» mußte Finanzminister von Watzdorf von seinem Posten weichen; und so ist es auch gekommen. Das gesammte Ministerium wollte zwar zurücktreten, aber der König hat nur in den Rücktritt des Finanzministers eingewilligt. Das Finanzministerium wird nun einstweilen von dem Justizminister Rüger mit verwaltet.

Für die Osterwoche ist eine bayerische Bischof»konferevz angekündigt. Dieselbe soll in Eichstätt zusammentreten, und es soll dabei die Rede sein davon, ob und auf welche Weise in Bayern das Institut der Weihbischöfe zu einem allgemeinen und dauernden zu machen sei. Außerdem wird er sich um wichtige Fragen kirchenpolitischer Natur handeln.

Eine wichtige Verhandlung hat im öster­reichischen Ab geordnet enh aus e stattgefun­den, und zwar in Verbindung mit der Berathung über die Bewilligung des Rekrutenkontingents — Friedensstärke des Heere» würden wir in Deutschland sage«. Erstens machten bei dieser Gelegenheit wieder einmal die radikalen Tschechen von dem Schlage de» im vorigen Jahre regelrecht durch­geprügelten Abgeordneten FreSl Lärm: Sie wollen nicht für die Vorlage stimmen, wenn in Böhmen nicht statt „Hier" tschechisch „Zde" gerufen werden darf, und was dergleichen Kindereien mehr sind. Außerdem wurde mit vollem Rechte von mehreren Rednern eine Reform des militärischen Strafver­fahrens verlangt, daS i« Oesterreich genau so reform­bedürftig ist, wie es bis in die allerjüngste Zeit hinein auch noch bei «n» im allergrößten Theile des Deutschen Reiche» »ar, das Königreich Bayern ausgenommen, daS auf diesem Gebiete allen anderen deutschen Bundesstaaten in der Kultur erheblich vor­aus,«eilt «ar. Die Debatte über diese Fragen ist im österreichischen Abgeordnetenhause noch nicht beendet.

Den deutschfeindlichen Etraßenkundgeb- nngen in Lemberg sind andere Kundgebungen derselben Art gegen Rußland erfolgt. Dort in Ruffischpolen hat sich neuerdings der russische

Generalgouverneur wiederum nichts weniger als liebenswürdig gegen die Pole« gezeigt, und nun meinten die polnischen Studenten in Lemberg dem Zarenreiche zu imponiren durch Kundgebungen vor dem russischen Konsulat. Die Ruflensreunde unter den Polen sind aus allen Himmeln gestürzt; aber es ist zu loben, daß die Presse und auch ein politi­sches Komitee unter dem Borsitze des Fürsten Sapieha durchaus warnt vor der Wiederholung solcher Straßenkundgebungen als schädlich für da» Ansehen der Polen und erwünscht für deren Gegner. Hoffentlich befolgen die polnischen Jünglinge nun auch diese verständige Mahnung.

In dem ewig unruhigen Bulgarien ist wieder einmal ein Minister ermordet worden, nämlich der Unterrichtsminister Kantschew, und zwar in seinem eigenen Dienstzimmer. Der Thäter ist der stellenlose Gymnasiallehrer Karandjulow gewesen, ein Makedonier, der angeblich irrsinnig sein sollte. Zwischen dem Mörder und dem Minister hat ein langer Kampf stattgefunden; das Bureau­personal Kantschew'» lief aber — echt bulgarisch! — davon, um die Polizei zu holen, al» ihm schleunigst Hilfe zu leisten. Der Mörder hat sich nach der That durch zwei Revolverschüsse entleibt.

Die Mandschurei-Frage wird augenschein­lich noch lange nicht zur Ruhe kommen. Die Ber­einigte« Staaten erheben ebenso wie Großbritannien und Japan Widerspruch gegen die Ausführung des zwischen Rußland und China abgeschlossenen Ver­trages. Namentlich hat man von Washington aus keinen Zweifel daran in Petersburg gelassen, daß die Vereinigten Staaten sich alle die Handelsvortheile erhalten wollen, die sie jetzt in der Mandschurei besitzen. Daraus ist es wahrscheinlich auch zurück- zusühren, daß noch nicht alle russischen Häfen für den nicht russischen Verkehr gesperrt sind. •

Aus Ostasien ist noch ein anderer Vorgang von Bedeutung zu verzeichne«: Die Engländer geben den Hafen Wei-hai-wei auf. Im briti­schen Unterhause hat Kriegsminister Brodrick in amt­licher Form erklärt, daß die englische Garnison von dort zurückgezogen und die weitere Befestigung de» Platzer eingestellt wird. Wei-hai-wei war von de« Engländern bes gt worden, als die Russen sich Port Arthur nähme». Der Hafen hat keine besondere Be­deutung für G vßbcitannie«.

Die Aufgabe von Wei-hai-wei wird aber noch leichter erklärlicd durch die Thatsache, daß nunmehr das längst erwirtete Büudniß zwischen Eng­land und Japan abgeschlossen und unterzeichnet worden ist. Er handelt sich dabei um Korea und China: Rußland soll keine Gebietstheile mehr für sich wegnehme«. Die Engländer wollen im Noth- salle sich der japanischen Kriegsmacht in Ostasien bedienen, die Japaner brauchen das englische Geld — das ist mit kurzen Worte« der Sinn dieses Ver­trages, über den Deutschland sich gar nicht im ge­ringsten aufzuregeu braucht.

Ueber den Entwurf zu einem Anarchisten» Sesetze in den Vereinigten Staaten von Amerika at der Jnstizausschuß des Repräsentantenhauses an dieses Letztere seinen Bericht erstattet. Darin werden al» die Zwecke dieses Entwurfes angegeben Schutz für den Präsidenten und Unterdrückung verbrecherischer Anschläge gegen die Regierung, ferner auch die Verhinderung von Verschwörungen gegen europäische Herrscher. Die Absichten sind gut. Hoffentlich bleibt der Erfolg nicht aus!

Unpolitische Zeitläuse.

(Nachdruck verboten )

E> Berlin, 13. Febr. 1902.

Wittwen- und Waisen-Versorgung — gehört das auch in die „Unpolitische«"? Im Reichstage ist diese Frage jetzt angeschnitten wor­den ooa unseren Politikern; aber wenn eine ver­zweifelnde Wittwr und hungrige Kinder an der Bahre des Gatten und Vaters fitzen, der ihnen nichts hinterlassen konnte, als einen ehrlichen Namen — dann ist das doch wahrlich eine all­gemeine menschliche Angelegenheit, die All»« au's Herz geht. Unsere CentrumSmänner treiben nicht bloß Politik, sondern auch ei» Werk der christ­liche» Barmherzigkclt, wenn sie diese Tarifge- legercheit benutzen, um für die Witwen und Walsen der Arvetter eine Versicherung von Reichs- wrgen in Sang bringen.

Aber wo bleiben nun die redseligen „Vor­kämpferinnen des weiblichen Geschlechts", dir großmächtigen „Führerinnen der Frauenbe­wegung"? Eigentlich müßten sie doch mit der höchsten Begeisterung und Thatkraft auf diese Frage stürzen. Hunderttausende oo« schwer ge- prüften Frauen der Roth zu entreißen und ihnen die gesicherte Möglichkeit zur Fortführung ihres Haushaltes zu verschaffen, daS ist doch ein kolos- saler Beitrag zur Lösung der Frauenfrage. Aber nein: diese Maulheldinnen haben kein Interesse für die „gewöhnlichen" Wittwen und Waisen, sie denken nur an die „höhere" Minderheit. Ein paar Hundert ehrgeizige Mädchen auf daS Gymnasium zu bringen und ein paar Dutzend von Ausnahme-Frauen in den Aerztrstand und in die sonstigen höhere« Berufe zu schieben, er­scheint ihnen alS de» Kern der Frauenfrage.

Zahlenmäßig habe» wirschonmehrfach nach- gewtesen, daß eS in Deutschland mehr Wsttwen

gibt, alS sitzenbleibende Jungfrauen, und daß für einen sehr großen Thetl dieser Wittwen der Kampf um daS tägliche Brot schwieriger ist, alS für die Ledige», schon wegen der Sorge für die halbverwaisten Kinder.

Eine Frauensperson „ohne Anhang" schlägt sich immer schon durch, wenn sie Kopf und Arme auf dem rechten Fleck hat; die ErwerbSthätig- keit des weibliche» Geschlechtes hat sich fort» während neue Gebiete erobert, sowohl in den privaten Geschäften, alS bei den staatliche» Be­hörden. Aber wo bleibe» die Frauen „mit An­hang", denen der Ernährer geraubt ist? Da könne» sich ungeheuer viele beim beste» Willen nicht ordentlich durchschlagen, sondern müffen sich durchhunger« und durchbetteln. Die „Vor­kämpferinnen" hoch da droben sehen nicht die Thränen und höre» nicht die Seufzer dieser armseligen GeschlechtSgenoffinnen, die mühselig und verzweifelnd um ein Stückchen Brot ringe«. Was kümmern sich diese Amazonen um so prosaische Dinge, wie tägliches Brot, warmes Zeug, heile Schuhe und trockene Wände? Latei« und Griechisch müffen die Frauen lernen, zwischen den UniverfitätSstudenten müffen sie sich breit mache», Aerztinnen und Advokatinnen und sonst waS Hohrs müffen sie werde», Stimmrecht müffen sie haben — darin steckt das Heil für daS Frauengeschlecht. Wen» da unten bei dem gewöhnliche» Volk viele Tausende von Wittwen darben, nun, dann müffen sie daS Rezept von Heines Grenadire» befolge«: „WaS scheert mich Weib, waS scheert mich Kind. Laß' sie betteln geh'«, wenn sie hungrig find".

Dann nennt man „Emancipatton", auf deutsch Befreiung. Nein, die richtige Emancipatton der weiblichen Geschlecht» muß nicht oben mit dem akademischen Luxus anfangen, sondern unten, nämlich mit der Befreiung au» der Noth. Und da setzt die Reichsverstcherung für Wittwen und Waisen den Hebel an der richtigen Stelle an. Wenn unsere Abgeordnete« nun solche durchsetzen, so haben sie einen Kultur- fortschritt begründet, den da» begonnene Jahr­hundert würdig einreiht.

Meines Thetl« habe ich hierbei noch einen Wunsch auf dem Herzen. Wenn ich einen unbe­mittelten Familienvater zu Grabe geleiten muß — (je älter man wird, desto häufiger muß man zum Kirchhof!)— so thut e« mir immer weh, di« Kostspieligkeit de» Begräbnisses zu betrachten. Da» Sprichwort sagt immer noch, der Tod sei umsonst. E« ist nicht wahr; der Tod ist noch kostspieliger, al» die Geburt. Daher gibt e» ja auch zahlreiche Sterbekaffen. E« sind aber längst nicht alle in einer solchen Kaffe. Und sie kann a«ch vielfach nicht die ganzen Kosten decken. Zu den nothwendtgen Kosten kommt dann noch der Luxus, der durch die gesellschaftlichen Vorurtheile erzwungen wird. E» ist «in Jammer, wenn Hunderte von Mark bei dem Begräbniß de« Vater» daraufgehen, und am nächsten Tage die Hinter­bliebenen in Armuth und Noth dafitzen. Ich halte di« Besteuerung der Todesfälle für die schlechteste Steuer und meine also, man sollte alle öffentlichen Gebühren für die Beerdigung ab­schaffen. Ferner sollten die „Leidtragenden" auch den Luxus etwas einschränken, namentlich in der Stiftung von schnell vergänglichen Kränzen. Lieber den Tobten ein Gebet«opf«r und den Hinterbliebenen Unterstützung widmen. Bei Hochzeiten macht man Geschenke, bet Leichen­begängnissen wären solche oft viel besser ange­bracht. Unter Umständen kann man ja nicht mit einem Almosen in Baar herausrücken; aber auch der verschämten Bedürftigkeit kann man durch Rath und That zu Hilfe kommen, wenn nur der gute Wille und etwa« Takt da ist. Kanu ich der verlassenen Wittwe nicht beispringen, indem ich ihr eine Erwerbsthätigkeit nachweise oder ein« Mtethe für die überflüsfig gewordenen Wohn­räume oder eine Unterkunstsstelle für die Kinder, die sie nicht bet sich behalten kann? So sollte sich Jeder fragen, statt nur Kompliment« und Kränze zu drechseln.

Komme« wir auf die Frauenfrage zurück, so möchte ich meine Freud« bekunden, daß der Kardinal Erzbischof Gibbon« von Baltimore den amerikanischen Emancipirten kräftig di« Wahrheit gesagt hat. Besonder« schön führt er den grauen zu Gemüthe, daß ste durch ihr Eindringen in da« öffentliche Leben nicht an Einfluß und Macht ge­winn«», sondern vielmehr verlieren, weil die Wurzel ihrer Macht und Kraft in der Be­herrschung der Familie liegt. „Frauen Amerika'»", ruft er au«, „eure Gatten find die Souveränen unsere« Lande«, und wenn ihr die Souveränen eurer Gatten seid, dann werdet ihr in der That die Nation regieren!" In Deutschland sind frei­lich di« Männer nicht die Souveränen de» Lande«, aber soweit da» Volk Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten hat, können die Frauen al» Herrinnen de» Hause» durch ihre Männer und die von ihnen erlogenen Söhne viel mehr