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’Tää.SXS“' mit ZtnterHallungs-Meilage „Muflrirle Komltags-Ieitung"

JK 32.

Mutöcr, Samstag, den 8. Februar 1902.

29. Jahrgang.

TiniguagSamt insbesondere, in Berührung kommen/

saale. Schluchzend hat dann die Kaiserin zu der Gattin deS amerikanischen Gesandten gesagt, an dem Angriffe gegen die Gesandtschaften sei damals ein furchtbarer Jrrthum schuld gewesen! China — so sagte außerdem die Kaiserin — wolle seine ver­einzelte Stellung aufgeben und sich enropäffche Zivilisation aneignen .... Ob das wirklich wahr ist?

Man steht, der Hamburger Verband folgt i lediglich der von dem großen Central-Verband auSgegebenen Parole, und damit gewinnt die Angelegenheit eine über den engeren Rahmen hinauSgehende symptomatische Bedeutung.

Der passtve Widerstand gegen die Gesetzes­bestimmung, wenn man diese Taktik deS Central- verbandeS so mild nennen mag, ist das traurigste Armuthszeugniß, das fich die dort vereinigten Unternehmer selbst ausstellen konnten. Es zeigt fich hier offenkundig, wer einer friedlichen Bei­legung von Arbeitsstreitigkeiten abgeneigt ist. Ader alles Sträuben wird da nichts nutzen: die Gleichberechtigung und das Mitbestimmungsrrcht der Arbeiter beim Abschluß des ArbeitSoenrageS, wo die LebenSintereffen derselben in Frage kommen, wird sich gleichwohl Bahn breche».

Das Rezept ist nicht neu; es stammt auS der Küche des „Centralverbandes deutscher In­dustrieller" und hat den berühmte« Alexander Tille zum Brrfaffer. In einem Referate über die Novelle zum Gesetz betreffend die Gewerbe- grrichlr vom 24. Juni 1891 auf der Delegirtrn- Versammlung deS genannten Scharfmacher-Ber- bandes am 1. und 9. Oktober vorigen Jahres zu Berlin führte er auS (orrzl. Verhandlungen, Mittheilunge« und Berichte deS Central-Ber- bande« deutscher Industrieller Nr. 91, S. 232):

Luxusartikel, der viel mehr koste, al« er «erth sei, als Gaumenkitzel, aber kein Nahrungsmittel. Wenn wir in unserem kindlichen Hunger nach Z der mal lange Naschfinger machten, wurden keine mildernden Umstände anerkannt. Wer da­mals prophezeit hätte, daß die gestrenge Militär­verwaltung noch einmal zur Bonbonlieferanti« und die Soldaten zu offiziellen Zuckerlutscher« werden würden, hätte einen Laufpaß zum Irre«- Hause bekommen. Inzwischen ist e« doch so ge­kommen, und «ich» bloß die weise Behörde, son­dern da» ganze Volk sieht ein, daß Zucker et« werthvollc« Kräftigungsmittel ist. Der Zucker hat fich auch die Küche und den Tisch de« kleinen Manne« erobert. Bei den Kindern ist jetzt manch­mal schon im Uebermaß eine bedenkliche Lecker- mäuligkeit |U beobachten.; aber gewiffe Auswüchse machen die Sache an fich nicht schlecht. Der ver­mehrte Zuckerverbrauch ist sicherlich ein bessere« Ding, al« der vermehrte Gebrauch von Alkohol. E« wäre kein Unglück, wenn die Männer statt be« Priem« oder der Cigarre manchmal ei« Stückchen Zucker in den Mund schöben. Der Zucker versüßt da« Dasein, erfrischt die Kräfte, muntert die Leben«- und Arbeitslust auf. Und der Humor — da« ist eine volle Zuckerdose, au« der die Seele von Z-it zu Zeit fich ein er­frischende» Bonbon nehmen kann. Dieser Herzen«- zucker ist sogar noch billiger, al« gegenwärtig der Gaumen- und Magenzvcker; er ist frei von Steuern und Kosten, er wächst wild in den Gewüthern, die Gotte« Sonne frei auf sich wirken lassen.

Wer gegen da» Schnupfe« keinen Ekel hat, kann auch den Humor mit einer wohlgefüllte« Schnupftabaksdose vergleichen. Wenn mal die Stimmung matt und da« Gespräch flau wird, sa taucht s» ein Döschen auf, wird behaglich be­klopft, beguckt und berochen; da« Prieschen wird zierlich gefaßt und aufgesogen, man schnaubt und nießt und putzt in Gemeinschaft, die Stimmung hebt und belebt fich. An sich ist da« Prieschen ein Nichts, vielleicht sogar ein Unsinn. Aber im gegebenen Augenblick ist e« eine Wshlthat, ein nützliche« Hilfsmittel. Damit möchte ich durchaus nicht den Leuten mit unentwethter Rase anrathen, fich nun zu den übrigen „Lasten" auch noch da« Schnupfen anzugewöhnen; e« handelt sich hier um die geistige Schnupftabaksdose. Wer im ge­eigneten Augenblick eine muntere, launische Be­merkung macht, der bietet den Gemüthern ein an­regende« Prie«ch<», man fühlt fich wieder behag­lich und frisch.

selb vom deutschen Luftschiffer-Bataillon ist am 1. Februar nach einer rasenden Fahrt bei tobendem Oststurm bei Antwerpen so schwer verunglückt, daß er alsbald starb. Der Ballon hatte starken Gas­verlust, sank, und der Hauptmann suchte sich zu retten durch einen Sprung auf die Schelde-Wiesen. Seinem Ballongenoffen Dr. Link gelang der Sprung. Der Hauptmann blieb mit dem Fuße im Tauwerk hängen, wurde fünfzig Meter weit geschleift und kam dabei ums Leben. Der Ballon hatte den Riesen- weg von Berlin bis Antwerpen in fünf Stunden zurückgelegt!

In der belgische« Sammer hat ez wieder einmal sehr stürmische Auftritte gegeben. ES war der Antrag gestellt auf die Zulassung der gericht­lichen Bersolgunz des sozialdemokratischen Abgeord­neten Maeet», und der Satholikenführer Woeste trat für die Zulassung ein. Da erhob sich wüster Lärm bei den Sozialisten und auf den Tribünen. Hand­greiflichkeiten kamen vor, so daß die Tribünen ge­waltsam geräumt werden mußten. Fünf Personen wurden dabei verhaftet, die Sitzung aber mußte ge­schloffen werden.

Die Nachtragsforderung der britischen Regierung für den Krieg in Südafrika im Betrage von hundert Millionen Mark ist vom englischen Unter­hause mit sehr starker Mehrheit angenommen worden. Er stimmten 159 Abgeordnete dafür und nur 56 da­gegen. Der Krieg verschlingt Unsummen: Am 8. März 1901 wurden für das KriegSjahr 1901/1902 I nicht weniger als 56 070 000 Pfund Sterling bewilligt, so daß der Verbrauch bei ganzen Jahre« 61070 000 Pfund Sterling beträgt. Rechnet man dazu noch die Kriegsausgaben vorher, dann erhält man als Gesammtziffer der etatsmäßigen Krieg«» auSgaben bisher die ungeheure Summe von 30s Milliarden Mark. Außerdem aber erwachsen den Engländern durch diesen Krieg noch sehr viele andere Lasten und Ausgaben, für die Kriegsinvaliden, so daß jeder Bure in den etwa neu eroberten Ländern den Engländern eine schwere Summe Geldes kosten wird — vorausgesetzt nämlich, daß es zur Eroberung kommt.

Da« holländische Anerbieten, zwischen Engländern «nd den Buren zu vermitteln, ist von der britischen Regierung nicht angenommen worden. Nach übereinstimmenden Meldungen herrscht indeffen in de« Kreisen der Diplomatie die Ansicht vor, daß dieser erste Schritt der niederländischen Regierung doch die Einleitung abgeben werde für weitere Bemühungen um die Herstellung des Friede»«. Hoffentlich behalte» die Diplomaten, die dieser An­sicht sind, recht! In England hat man jedenfalls den Krieg gründlich satt.

Im französischen Parlamente hat man in diese» Tagen eine unerquickliche Auseinander­setzung gehabt: E» handelte sich um die nachträg- liche parlamentarische Bewilligung der Kosten, die durch den Zarenbesuch verursacht worden waren. Dabei brachte der Sozialdemokrat Dejeaute eine Resolution ein, die sich „gegen die Geldvergeudung und gegen die Haltung der republikanischen Regie­rung zum russischen Selbstherrscher" tadelnd au«- spricht. Ein anderer Sozialdemokrat Namen« Sembat führte an«: Das Bündniß mit Rußland habe für Frankreich gar keinen W-rth, da diese« Letztere nicht einmal Handelsvortheile davon habe. Diese Ausfälle gegen Väterchen Zar mögen den französischen Regierungsherren unangenehm genug gewesen sein. Es ist ihren Bemühungen aber doch gelungen, ihre Geldforderung mit der Riesen Mehrheit von 502 gegen 46 Stimmen bewilligt zu erhalten, «nd nun stehen sie wieder groß da als sie Freunde | «nd Verbündeten des Zarenreiche«. Präsident Loubet wird den Besuch de« Zaren erst nach den nächsten Kammerwahlen erwidern. 1

Unpolitische Zeitläufe.

(Nachdruck »erboten.)

® Berliv, 6. Febr. 1902.

Also Fastnacht! „Spaß muß find", ruft das Volk. „Muß, muß" — das ist leider vielfach das bezeichnende Wort. Die Lustigkeit ist ange- quält, die Freudenspringe krampfhaft; im Schweiße des Angesichtes giert und hascht mau mühselig

Ministerpräsident Lord Salisbury wird mit dem Ende der laufenden britischen Sßjrtementä« tagung zu rücktr-ten, wenn bis dahin der Krieg ------- v_tll Jllullllli:i<c„, luclltiC In lt0ttlo etn„

ieentet fetn fottte fo öertunbet die ,St. James» Horm dem Crntraloerbande angehören, die dringende Gazette, die dem engllschen Königshofe nahe steht. Bitte, der «eschäslSführun, ausführliche Mittheilung

Lord Salisbury ist hoch betagt und sehnt sich längst von jedem einzelnen Falle zu machen, in dem sie mir

nach Ruhe. Aber auch au« dieser Notiz kann man | dem Sewerbegerichte an sich, oder dem sogenannten

ersehen, daß man in England mit einer baldigen """ *

Beendigung des Kriege« rechnet.

Zwischen Wie» und Budapest herrscht gegenwärtig ein nicht eben allzu herzliches Berhält- niß. Es handelt sich dabei immer um Ausgleichs­fragen: Bei den Ungarn hört eben die Gemüthlich- keit in Geldsachen auf; sie wollen immer die Rolle der Nehmenden spielen und verweigern gar zu gern die Gegenseitigkeit in diesem Verhältnisse. Diesmal handelt es sich um eine steuerpolitische Frage: Die österreichischen Steuerbehörden wollen den Umsatz der ungarische» Mühlen in österreichischen Lagern versteuern, die Ungarn wollen sich das nicht gefallen lassen und antworten mit ähnlichen Gegenmaßregeln. Dabei führen die ungarischen Regierungsblätter eine äußerst scharfe Sprache: Die ungarischen Interessen würden in Oesterreich fortwährend von Amts wegen gebrandschatzt und dergleichen mehr — eine starke Verdrehung der Thatsachcn. Desto erfreulicher ist der rasche Fortgang der Arbeiten im Budgetaus- schusse des österreichischen Abgeordneten­hauses; hoffentlich ändert sich dieses angenehme Bild nicht wieder bei den Verhandlungen im Plenum des Abgeordnetenhauses. In Mähren will nun die Regierung zwei Hochschulen errichte«, eine tschechische und eine deutsche; und damit werden wohl auch alle Betheiligten zufrieden sein.

In China geschehen Zeichen und Wunder. Die bisher gegen alles Fremde so vollkommen abge­schlossene Kaiserin hat jetzt sogar olle Diplomaten mit ihren Kindern empfange»! Der Kaiser saß dabei auf einem etwas erhöhten Sitze im EmpfangS-

Mochen-Rrmdfcharr.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 8. Februar 1902.

nach Genuß. Wo das Vergnügen nicht von innen kommt, ist eS nicht weit her.

„AuStobeu" nennt man das. Meinetwegen! Wenn« nur ein wirkliches Au Stoben ist, daß der Strom der Lebenslust aus dem Herzen herauSbrtcht l Dann ist eS natürlich und wird fich nachher in den Grenzen der Vernunft und Zucht halten, als wenn erst durch künstliche Retz- mittel die Stimmung mühsam hervorgerufen wird. Wer in seinen gesunden Waden ein muntere« Zucken fühlt, der mag ein Hopser tanzen; aber ein Tanz auf Krücken ist nicht schön.

Soll man denn nicht vergnügt sein? Potz­tausend ja! Nicht blos in der sog. KarnevalSzeit, sondern das ganze Jahr hindurch soll man ver­gnügt sein. Vergnügt bei der Arbeit, vergnügt beim Essen, vergnügt in der Feierstunde, frisch und fröhlich von Morgen- bis Abends an allen geraden und ungeraden Kalendertagen; wer diese- Rezept befolgt, braucht nicht erst den Narrentag von Fastnacht abzuwarten, um sich feines Lebens zu freuen.

Alle Tage vergnügt fein wollen, wie verträgt fich das zu dem Ernste deS Lebens und der treuen Pflichterfüllung?.. Ich habe nicht gefunden, daß die Säule mit dem gesenkten Kopf und dem verdroffenen Trott den Wagen am besten vor­wärts bringen. Was wird denn mit dem Kopf- bängen und dem ewigen Knurren, Klage« und Reifen gewonnen? Man macht fich da« Leben nur noch schwerer, die Pflichterfüllung saurer.

WaS ist denn der Humor? — Der Eine schafft mit Sorg' und Müh', sucht Dorne« auf und findet sie; der Andere geht desselben Weges, läßt die Dornen bei Seite und freut fich Über jede- Veilchen, da« dort am Wege blüht. Früher herrschte bei den Soldaten die Vorschrift, daß während den schweißtreibenden Hebungen kein Trunk kalten WafferS eingenommen werden sollte, damit fich die Leute nicht krank machten. Jetzt sorgt man dafür, daß überall, wo eS nur geht, für die durstigen Leute Kübel mit frischem Wasser bereit gestellt werden. Sie trinken nach Be­darf und werden nicht krank, sondern frisch «nd leistungsfähig. Der Humor ist wie ein Wasser« quell, die un« fort und fort ein Schluck erfrischen­den Wasser- bietet, wenn wir vor der Karre der L-beit und unter der Last der Sorgen durstig und malt werden.

Die Soldaten bekommen jetzt auch Zucker. In meiner Kinderzeit galt der Zucker noch für einen

„ISegenüber dieser Bestimmung (b. h. dem ®r> scheinungSzwang) bleibt dem Unternehmer nur ein Weg. Er erscheint vor dem Schiedsamte und erklärt dort, daß er nicht gekommen sei, um zu verhandeln, fowbem nur feine Weigerung, die» zu thun, bekunden wolle. Geschieht dies prinzipiell und allgemein, so werden die Gewerberichter eS sehr bald müde werben, noch weiterhin derartige nutzlose Borladungen vor- zunehme» und diese Seite der Novelle wird ganz ein­fach durch die Praxi« außer Thättgk-ik gesetzt werden .... Deshalb ergeht hierdurch (vergl. S 234) an alle Herren Industriellen, welche in irgend einer

Das politische Interesse wandte sich in Der jüngsten Zeit weniger der Gesammtheit des Reichstages und ihren Berathungen zu, als vielmehr ben Arbeiten ber Zolltarif - Kommission — noch genauer gesagt, -einigen Kunbgebungen, bie mit diese» Arbeiten im Zusammenhänge stehen. I« der Kommission handelte es sich um Ursprungszeugnisse für die Waaren, die aus dem AuSlanbe zu uns eingeführt werben. Staats­sekretär Graf Posadowsky und der preußische Handel«- Minister Möller haben dabei gegen die Einführung solcher Ursprungszeugnisse gesprochen; aber die Kom­mission hat anders beschlossen. Für bestimmte Fälle sollen solche Urkunden beigebracht werden.

Nachher ist die offiziöse ,Nordd. Allg. Ztg/ mit einer Kundgebung auf dem Plane erschienen, die ohne Zweifel auf den Reichskanzler selbst zurückzuführen ist. Darin ist die Rede von „Uebertreibungen", worunter eben jene Ursprungszeugnisse z» verstehen sind, und davon, „daß das ganze Werk auf« ernstlichste gefähr­det" werde durch solche Maßnahmen und auch dann, wenn die vorgeschlagenen niedrigsten Zollsätze für Ge­treide überschritten werden sollten. Aber auch dar kann man nicht als eine bestimmte und unzweifelhafte Aeußerung der Regierung annehmen, so da« man wohl leider darauf verzichten muß, eine solche zu er­halten. In einem anderen Regierungsblatte wird nun angedeutet, erst müsse die Zolltarif-Kommission bestimmte Beschlüsse über die Höhe und die Art der lavdwirthschaftlichen Zölle fassen, bevor die Regierung ihre eigene Stelle festlegen könne. Bi« zu solchen Beschlüssen ist es aber noch recht weit, und man wird noch große Geduld üben müssen, bi» man die ersehnte Aufklärung erhält.

Bei der fortgesetzten Berathung de» Etats des Reich-amteS des Innern hat der Reichstag sehr aus­führlich über allerhand Uebelstände in den Kranken­häusern verhandelt, die in erster Reihe mit dem ungenügenden und ungeeigneten Pflegepersonal zu- sammenhängen. Die Krankenpflege-Orden und die protestantischen Diakonissen verbannt man, und bann entwickeln sich bie traurigsten Uebelstände. Aber eher erträgt man diese, als daß man jene» einzig zuber­lässige Pflegepersonal zuläßt! Abg. Gröber vom Centrum hat im Reichstag: in überzeugender Weise auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht.

Allgemeines Aufsehen hat eine Veröffentlichung des sozialdemokratischen,Vorwärts' erregt: darin war ein geheimer Erlaß des' Marinestaatssekretär- von Tirpitz abgedruckt, der von Vorbereitungen zu einer neuen Flottenvorlage im Parlamentswinter von 1904 spricht. Der Erlaß war echt, wi« bekannt. Do- Hat Herr vo» Tirpitz selbst i» der Budgetkommission des Reichstage« zugegeben. Nun weiß man wenigsten«, wessen man sich zu versehen hat.

Die EtatSberathung im preußischen Abge­ordnetenhause war der Hauptsache nach den land- wirthschaftlichen Etat-Verhältnissen gewidmet. Er wiederholte sich dabei da« Bild: Die Freisinnigen sprechen zwar sehr viel von solchen Dingen; aber ihre Kenntniß der thatsächlichen Dinge reicht bei weitem nicht an den Umfang ihrer Reden heran. Da­bei ist an einem Tage auch über die Einführung einet Anerbenrechte« in der Rheinprovinz gesprochen worden, wobei sich zeigte, daß die Meinungen darüber sehr verschieden sind. Die Centrumsabgeordneten Frhr. von Eynatten und Schmitz sprachen ebenso entschieden für, wie bie Abgg. Graf Spee, Wallenborn unb Pleß gegen das Anertenrecht.

Die Ersatzwahl zum Reichstage in Schaum­burg-Lippe hat an den bestehenden Verhältnissen nichts geänbert. Der Wahlkreis war bisher frei­sinnig im Reichstage vertreten unb wird es nun auch weiterhin sein. Aber auch hier haben bie Freisinnigen ihren Mann nicht mit eigenen Kräften durchgebracht; vielmehr finb cs auch hier wieder die Sozialdemo­kraten gewesen, die ihm in der Stichwahl zum Siege Verholfen haben. Er ist schwer zu begreifen, was unter solchen Umständen eigentlich ben Jubel in der Freisinn-presse über diesen Sieg veranlaßt hat; die Abhängigkeit von der Gnade der Sozialdemokratie ist doch eigentlich kein sehr erhebende- Gefühl. Die Stimmen der Sozialdemokratie haben sich in diesem Wahlkreise vermehrt durch weitere Entwickelung der Industrie und die damit verbundene Erhöhung der Zahl der industriellen Arbeiter — in Schaumburg- Lippe ebenso wie in dem sächsischen Wahlkreise Döbeln, den zum ersten mal jetzt bei der Nachwahl die Sozial, demokratie erobert hat.

In Preußen ist eine neue Verordnung über ba« Studium der Rechte ergangen. In dieser Ver­ordnung wird al« bie geeignetste Anstalt zur Vor­bildung für ben juristischen Beruf ba» humanistische Gymnasium bezeichnet. Aber eS sollen dennoch fortan zum Studium der Rechte auch Solche zugelassen wer­den, die da- Zeugniß der Reife an einem deutschen Realgymnasium ocer an einer preußischen Oberreal- ichule erworben haben. Bei ber erste» juristische» Prüfung sollen sich die Stubirenden dieser letzteren Art über ihre nachträgliche Ausbildung im Lateinische» «»«weisen. Man darf wohl einstweilen annehmen,- daß die Sache nach und nach sich von selbst so regeln «rrd, daß bie Realabitnrienten sich nur in AuSnahme- wllen dem Studium der Rechte zuwende».

Einen herben Verlust hat da» deutsche Heer z« '«nagen: Der Hauptmann Bartsch von Sig».

!□ Eine Umgehung des Gewerbe- gerichtsgesetzes

bereiten die Hamburger Unternehmer vor. Nach der mit dem 1. Januar diese- Jahres in Kraft gefetzten Novelle mm Gewerbegerichtsgesetz hat bekanntlich das G werbegericht die Befngniß er­halten, bei EtniguurSoerhandlungen, falls eS von einer der streikenden Parteien angerufeu wird, den anderen Theil vorzulade« und ihn im Falle deS NichtirscheinenS mit 100 Mark Geld­strafe zu belegen. Diese Bestimmung ist bekannt­lich seiner Zeit seitens des ScharfmacherthumS auf daS schärfste bekämpft worden, befürchtere es doch von derselben eine Gefährdung feines „HrrrenthumS".

Emen niedlichen Vorschlag, diese Bestimmung deS Gesetzes zu umgehen, macht, rote Anfangs bemerkt, der Hamburger Arbeitg-berverband in I einem Ru»dschre:ben an seine Mitglieder. In demselben heißt es nach dem sozialdemokratischen .Hamburger Echo' u. A.:

„ES ift nun auS Arbeitgeberkreisen demgegenüber Folgende« in Vorschlag gebracht worben: Da durch die Novelle zwar der Erscheinung«- und Berneh- mungSzwang, nicht aber der BerhandlungS- zwang der streitenden Parteien gesetzlich eingeführt worden ift, sollte kein Arbeitgeber fich vor dem Ge- werbrgerichte auf mehr etnleffen, al« wozu er gesetzlich verpflichtet sei, das heißt, er solle zwar der Vorladung Folge leiste», nicht aber fich irgendwie auf eine Ver­handlung vor dem SinignngSamte einlassen. Eine derartige Taktik stellt an die Selbstbeherrschung der be­treffenden Arbeitgeber, die fich solcherart jede« Ein- gehen auf noch so einseitig tendenziös gefärbte Schil­derungen des Sachverhalt« verfagen müssen, allerdings recht beträchtliche Anforderungen. Da zur Zeit aber irgend ein anderes Mittel, um die üblen Wirkungen de« gedachten Gesetzes zu paralystren, nicht existtrt, wäre ein dahin zielender Versuch immerhin zu em­pfehlen. Im übrigen wird auch in diesem Falle wie st iS die Erfahrung bie beste Lehrmeisterin sein, und wir richten deshalb an die geehrten Mitglieder unseres VerbandeS daS dringende Ersuchen, un« über alle Fälle Bericht erstatten zu wollen, in denen fie genöthigt waren, eintgungsamtlichen Vorladungen der gedachten Art Folge zn leisten."