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Jutöcr, Freitag, den 31. Januar 1902.
29. Jahrgang.
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Die Rede des Abgeoidneten Spahn zur Begründung der Inter pellation in Betreff der Aufhebung de« Jesuitengesetzes in der Reichs- tagsfitzung vom 29. d. M. hatte folgenden Wort laut:
Meine Herren! Als 1894 der Reichstag zum ersten Male den Beschluß faßte, das Jesuitenausweisungsgesetz aufzuheben, war der Bundesrath in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit einer Antwort zur Hand. Die Ent schließung auf uuseren Beschluß erfolgte bereits am 2. Juli 1894; diese Entschließung lautete ablehnend. Seitdem hat der Bundesrath nicht mehr Gelegenheit genommen, sich mit dieser Frage zu besaffen, obwohl der Reichstag im Februar 1895, im April 1897, am 1. Februar 1899 seinen im Jahre 1894 gefaßten Beschluß wiederholt und ipei Mal in verschiedenen Sessionen die Aufhebung des Jesuitengesetzes beschloß. Im Juni 1896 hat der damalige Reichskanzler, der ver- Krbene Fürst von Hohenlohe, auf meine Anfrage, wes- lb eine Beschlußfassung auf den 1895 gefaßten Be schluß nicht ergangen ist, erwidert, daß die Beschlußfassung des Äundesraths im Juli 1894 verhältnißmäßig erst so kurze Zeit zuruckläge, daß man geglaubt habe, nicht Anlaß zu einer erneuten Stellungnahme zu haben. Diese Antwort kann uns heute wohl nicht mehr gegeben werden. Während der Bundesrath sich Zeit nimmt mit der Be- schlußfaffung über die Frage der Aufhebung dieses Ge- setzeS, das die Gefühle aller Katholiken auf das Empfindlichste berührt, stirbt ein und das andere Mitglied vom Orden der Gesellschaft Jesu und von den ihm verwandten Orden draußen im Auslande. Ich erinnere nur an den alten, ehrwürdigen Pater Wilmers, der uns Katholiken allen theuer war, weil wir seine Geschichte der Kirche in unserer Jugend alS Lehrbuch benutzt haben, und der in seiner Jugend ein gern gesehener Gast auf dem Schlöffe der Hohenzollern in Sigmaringen gewesen ist. Dir Frage der Aufhebung deS Jesuitengesetzes ist für alle Katholiken ohne Unterschied im deutschen Reiche eine Frage der garantirten Freiheit des Gewissens, eine ' Frage des Rechtes und der Billigkeit, eine Frage der menschlichen unv christlichen Barmherzigkeit. (Sehr richtig! in der Mitte.) Man hat in der Preffe erörtert, weshalb wir in diesem Zeitpunkt die Frage in der Form einer Interpellation wieder aufwürfen. Man hat geglaubt, nach der Art der Beantwortung unsere Haltung in der Tarifkommission zu bestimmen. Wenn wir eine Frage von dieser idealen Bedeutung in Verbindung bringen wollten mit einer wirthschaftlichen Frage, so würde unser katholisches Bolk das nicht verstehen. (Sehr wahr!) Man hat gesagt, wir wollten dem Bundesrath Schwierigkeiten bereiten. Der Bundesrath macht sich Schwierigkeiten genug, unsere Hilfe braucht er dazu nicht. (Sehr gut! in der Mitte.) Die Wahl deS Zeitpunktes erklärt ausreichend die Wiederkehr deS 1. Febr. Die Verzögerung der Beschlußfassung durch den Bundesrath berührt recht lebhaft das Verhältniß von Bundesrath und Reichstag, das vor wenigen Tagen hier erörtert worden ist. Ich will dies« Seite der Frage nicht vertiefen, aber ich darf das doch aussprechen: die Art, wie der Bundesrath in unserer Frage das deutsche Volk behandelt, ist dem Ansehen und der Ehre des Volkes zuwider, denn wir müssen unS gegenwärtig halten, daß hier nicht die Katholiken als solche, nicht ein religiö/er Theil der Bevölkerung zu vertreten ist, sondern daß ver Reichstag das ganze Volk vertritt, und daß ein Beschluß deS ganzen Reichstags eine Beantwortung nicht gefunden hat. Die Ehre und daS Ansehen deS deutschen Reichstages wird durch diese Art der Behandlung seitens des
ganz unbeträchtlich«
diese Anstalten im Innern Deutschlands geblieben wären, die deutsche Schulverwaltung diese Schulanstalten beaufsichtigen könnte, wie sie es mit den in Deutschland bestehenden Schulanstalten thut, ist sie nicht in der Lage, das im Auslande zu thun. Uns ist das ja gleichgiltig, denn wir haben kein Mißtrauen gegen die Schulanstalten, die im Auslande von Schwestern unterhalten werden, gleichviel, welche Farbe und welchen Schnitt das Kleid hat, das die leitenden Schwestern tragen. Wir kennen den Geist, in dem diese Schulanstalten wirken. Aber daß es widersinnig ist, diese Schulanstalten hinaus ins Ausland zu drängen nud damit die Eltern zu zwingen, ihre Kinder ins Ausland zu schicken, das kann, glaube ich. Niemand bestreiten. (Sehr richtig! in der Mitte.) Die Grenzboten enthielten vor einigen Wochen einen Artikel, den man dem Historiker Dr. Kaemmal, dem Direktor eines Leipziger Gymnasiums, zuschreibt, und der von dem Geist der Versöhnung getragen ist, der aber als Voraussetzung der Versöhnung zwischen Katholiken und Protestanten die Preisgabe der Jesuiten verlangt. Es ist mir ausgefallen, daß selbst bei einem historisch gebildeten Mann und in gebildeten Kreisen dieses Mißtrauen gegen die Jesuiten noch obwaltet. Es ist deshalb nöthig, daß man auf die Frage des Jesuitenordens hier noch einmal eingeht. Was ist denn der Jesuitenorden? Er ist ein apostolischer Orden und in Folge dieser Stellung als apostolischer Orden bewegt sich seine Thätigkeit vorwiegend auf dem Gebiete der Missionen, sei es im Auslande und soweit er kann, im Jn-
Bundesrathes in Frage gestellt. Und wenn wir danach fragen, wie daS Volk diese Art der Behandlung ansieht, so muß ich sagen, daß ich über die Ansichten sehr erstaunt gewesen, die sich in den Wahlkreisen, die zu besuchen wir die Gelegenheit haben, durchbrechen. Ich kann ihnen nicht drastischeren Ausdruck geben, als der alten Priamel:
ihre Leute in der gleichen Weise heranzubilden, wie es bei uns geschehen kann. Sie können sich nur dadurch helfen, daß sie den einen oder anderen aus dem Aus
rechnungen der Babylonier zu finden, sowie von Kugler der diese Arbeiten glücklich in seinem Buche über die babylonische Mondrechnung weitergeführt hat. Auf geographischem Gebiete, insbesondere dem der Reisebeschreibungen, könnte ich eine ganze Anzahl Namen nennen; erst vor wenigen Monaten ist es dem P. Fischer gelungen, diejenige Karte zu finden, auf der die neue Welt den Namen Amerika zum ersten Male trägt. Dabei sind die Jesuiten noch in den verschiedensten Ländern bemüht, dem sprachlichen Bedürfniß, so wie es sich gerade zeigt, entgegenzukommen Es sind Grammatiken über die Sprache der Bewohner der Provinzen, in denen sie sich aufhalten, Uebersetzungen von Katechismen, Handbücher der Geschichte. Auch! auf dem Gebiete der Jurisprudenz sind Jesuiten thätig, allerdings wesentlich auf dem Gebiete der Rechtsphilosophie. Aber ich erinnere daran, daß ein Jesuit es gewesen ist, Pater Lehmkuhl, der bet der Frage der Annahme des Bürgerlichen Gesetzbuches zuerst auf die Schanze getreten ist, um die Annahme des Bürgerlichen Gesetzbuches durchaus zu rechtfertigen, der ferner allerdings mit wesentlich philosophischen Anschauungen mit einem Commentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch hervorgetreten ist. Die deutsche Ordensprovinz der Jesuiten erscheint darnach als eine universatis litterarum in sprachlicher, räumlicher und sachlicher Beziehung. Da fragt es sich, ob es nicht eine Ehren- und Dankes- pflicht des Deutschen Reiches wäre, statt diesen Männern die wissenschaftliche Arbeit durch die Verbannung ins Ausland zu erschweren, ihnen die Pforten zu öffnen, damit sie im Jnlande wieder thätig sein können. Sie würden uns dafür dantbar sein. Man kann mit der Auffassung nicht kommen, die Jesuiten seien dem Deutschen Reiche feindlich gesinnt. Die Liebe zum Vaterland, zur Menschheit, ist Niemandem wärmer eigen, wie den Jesuiten. Ich möchte nur an eine Stelle aus der Gedichtsammlung „Den Weg entlang* von Pater Kreiten erinnern:
Wie oft man mir auch weh gethan, Die Menschheit klag ich doch nicht an, Sie gibt mir Liebe mehr, als ich gegeben.
Und aus dem Auslande herüber sind in oen Schriften „Die soziale Frage" die Jesuiten.fortlaufend bemüht, auf unser Volk einzuwirkrn zur Erhaltung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung. (Lebhafter Beifall in der Mitte.) Dabei bewegen sie sich im Großen und Ganzen auf den von uns vertretenen rechtlichen und sozialen Anschauungen. Glaubt nun aber wirklich Jemand, wegen der Ausweisung sei die Verbindung des katholsschen Volkes mit den Jesuiten irgendwie gelöst? Wenn Sie den Eingang ihrer Preßerzeugnisse bei uns verhindern könnten, dann allerdings wäre die Frage zu bejahen. Aber das ist einfach unmöglich. Wir stehen durch die Presse in fortlaufendem Verkehr mit ihnen. Ihre Zeitschriften, wie di« Stimmen aus Maria Laach, die obengenannten Hefte über die sozialen Fragen, die Wochenzeitung Katholische Missionen, gehen in unser Aller Häuser, werden von uns gelesen; dadurch kommen ihre Anschauungen bei unS zur Geltung. Was Sie mit Ihrem AusweisungSvrrbot erreicht haben, ist dreierlei. Einmal, daß eine größere, stärkere literarische Produktion der Jesuiten eingetreten ist. Der Buchhändler-Katalog wies in den Zeiten bis 1870 höchstens zehn Werke der Jesuiten auf; seit der Zeit hat sich die Produktion so gesteigert, daß der Katalog von 1900 deren 42 aufweist. In jedem Jahre ist die literarische Produktion dem vorhandenen Bedürfniß entsprechend größer geworden. Vor dreißig Jahren hat Windthorst gesagt: wenn die Jesuiten etwas lehren, was nicht recht ist, so bekämpfen wir sie. Daß die Jesuiten nichts Falsches lehren, will ich gewiß nicht behaupten. Aber, was ist nun die Folge des Aus- weisun^sgesetzes? Sie haben es unmöglich gemacht, daß wir solchen falschen Lehren entgegentreten. Wer direkt von den Jesuiten angegriffen ist, muß sich auch als Katholik vertheidigen. Aber ein Anderer wird dem Angegriffenen bei der Vertheidigung nicht beispringen; ohne daß ein Angriff vorliegt, wird feder vornehm denkende Katholik sich hüten, einen unschuldig Geächteten zu bekämpfen: man schweigt lieber und läßt damit selbst eine falsche Auffassung sich unter der Bevölkerung verbreiten. Es mag ja Katholiken geben, die in dieser Beziehung anders über die Jesuiten urthrilen; aber vor Allem darf ich sagen: auf der Seite der Jesuiten steht die Instanz, die in erster Linie urtheilsfähig ist: der deutsche Episkopat. Und die paar Katholiken — es mag ja sein, daß ihre Zahl größer ist, als in der Presse zum Ausdruck kommt — die abweichen, finden bei dem deutschen Volke keine dauemde Beachtung, daS deutsche Volk geht über ihre Ansichten hinweg. Da bewährt sich auch wieder die alte Wahrheit, daß die Unterdrückung einer geistigen Bewegung die geistige Macht des Unterdrückten erheblich stärkt. (Sehr richtig 1 in der Mitte ) Was Sie erreicht haben, ist der Ausschluß der Jesuiten aus den Missionen in Deutschland. Damit schädigten Sie nach meiner tiefsten Ueberzeugung nicht nur das katholische Volk in Deutschland, sondern Sie schädigen das ganze deutsche Volk. (Lebhafte Zustimmung in der Mitte.) Was wollen und was sollen diese Missionen? Da giebt es keine Controoerspredigten — die liegen ferne —, keine Politik; die Einmischung in öffentliche Angelegenheiten ist den Jesuiten untersagt; es ist auch noch nie vorgekommen, daß eine Anklage gegen sie wegen Einmischung in öffentliche Angelegenheiten erhoben worden wäre. (Sehr wahr! in der Milte.) Was geschieht, ist zunächst die Belebung des religiösen Sinnes des Volkes durch die Darlegung der Heilswahrheiten, durch Erregung des Gemüths, es werden Zwistigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Herrschaft und Gesinde, zwischen Ehegatten und Eltern und Kindern zu beseitigen gesucht, man versöhnt sich mit Gott. Das Bestreben dieser Missionen ist die Hebung des sittlichen Zustandes derer, die sich an dieser Mission betheiligt haben. (Sehr richtig! in der Mitte.) Wenn sie den sittlichen Zustand einzelner Gruppen des deutschen Volk«? heben, so hat das zur Wirkung, daß der sittliche Zustand in der ganzen Um- gebung und bei vielen solcher Kreise, zuletzt im ganzen deutschen Volke gehoben wird. Ob dazu Anlaß vorliegt, kann Niemand zweifelhaft sein, der in unsere Strasstatistik einmal Hineingesehen hat. (Sehr richtig! in der Mitte.) Was Sie verhindern, das sind auch die sogenannten Konferen^vorträge. Es giebt für uns Gebildete, vor allen Dmgeu für Studirende Glaubensfragen genug, die durch die Ergebniffe der neuen Forschungen aufgeworfen werden, die darauf zurück- zuführen sind, daß sich diese mit der religiösen Anschauung nicht im ersten Moment in Einklang bringen lassen; es bedarf des RathrS und der Aufklärung von Fachleuten, um diese VrgebnUe mit dem religiösen Be-
lande an eine unserer Universitäten schicken, um sich dort fachwiffenschastlich auszubilden. Man muß sich vergegenwärtigen, daß ihre Bibliotheken, insbesondere die in Maria Laach, zerstreut wurden, ein Theil der Bücher ist im Meer begraben. Die Jesuiten sind von unseren wissenschaftlichen Centren, von unseren Hilfsmitteln, wie sie nur der Staat unseren Universitäten mit seinen reichen Mitteln bieten kann, hinweggebracht; man hat sie getennt von ihren Fachgenossen in Deutschland. Jeder kennt ja die Bedeutung dieser Factoren für die wissenschaftliche Bewährung, man muß sie bei der Würdigung der Ergebniffe der wiffenschaftlichen Arbeiten der Jesuiten im Auge behalten. Trotz dieses Mangels wird man behaupten können, daß es eine ganze Anzahl wissenschaftlicher Fächer gibt, die gerade von den Jesuiten in besonderer Weise gepflegt worden sind. Ihr Hauptgebiet ist selbstverständlich die Theologie, da die uns verhältnißmäßig wenig berührt, will ich auf sie nicht eingehen. Aber wir habe« gute Vertreter in der Dogmatik, der Apologetik und vor allem jetzt auch wieder in der Exegese. Die Jesuiten hatten die Exegese in ihren Schulen zurückgehen lassen; augenblicklich sind sie wieder auf ihrer vollen Höhe angelangt. Ich verweise auf den cursus scripturae sacrae von Cornely, Knabenbauer und von Hummelauer, welch Letzteren man in die biblische Kommission in Rom gezogen hat. Wir haben in der philosophischen Fakultät die Jesuiten vertreten mit einer ganzen Anzahl philosophischer Lehrbücher sowohl für die höheren wie mittleren Kurse. Wir haben in der Geschichte bedeutende Namen. Ich nenne vor Allem den Pater Ehrle, einen Württemberger, der Präfekt der vatikanischen Bibliothek ist. Ihnen ist ja die lobende Aeußerung bekannt, die über dessen Bibliothekverwaltung Professor Kern in der „Allgem. Ztg." gemacht hat. Oxford hat ihn zum Ehrendoktor der Rechte ernannt, Göttingen hat ihn bei seinem Jubiläum zu seinem wirklichen auswärtigen Mitgliede ernannt. In der Ehrung dieses Mitgliedes darf die deutsche Ordensprovinz, weil sie ihn herangezogen und ausgebildet hat, eine Anerkennung des echt wissenschaftlichen Geistes erblicken, mit dem sie ihre Mitglieder durchdringt, und diese Ehrung ehrt die Universität Göttingen, aber auch den Pater Ehrle, von dem zu bemerken ist, daß er die Forscher aller Länder ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle Stellung unterstützt und dadurch die Wissenschaft fördert. Von Pater Ehrle haben wir das Archiv für Literatur und Kirchengeschichte, das er mit Pater Denifle zusammen herausgibt, über das der verstorbene v. Sybel sich in außerordentlich lobender Weise ausgesprochen hat. Wir haben von ihm die großangelegte historia bibliothecae Romanornm pontificum und von ihm und SörenseN das Prachtwerk über die vom Papst Leo XIII., selbst seinem Jesuitenzögling, wiederhergestellten Borgiasäle. Wir haben auf dem historischen Gebiete ferner den P. Braunsberger mit seiner acta et epistolae Canisii, die auch von Männern — ich will nicht auf Katholiken zurückgreifen, — wie Professor Mirbt und Professor Philippsen als eine erhebliche Förderung der Kenntmß der Reformationszeit und eine allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechende Edition hezeichnet wird. Wir haben dann ans dem Gebiete der Kunstgeschichte einen Mann wie Beissel, der seit 20 Jahren in den verschiedensten Schriften die Grundsätze vertreten Hal, die jetzt bei der Denkmalspflege in Deutschland zum Durchbruch kommen, Wir haben von ihm Arbeiten über bte Miniaturmalerei aus dem Mittelalter und 80 Lichtdrucktafeln von Flügelaltären. Auch auf dem Gebiete der Literaturgeschichte sind sie thätig; ich verweise auf die vier Bände von Baumgartners Weltliteratur, die unsere Bibliothek enthält, auf seine, Kreitens und Giet- manns Monographien und vor allen Dingen das reiche Buch analecta hymnica medii aevi von Drossel und Blume. Wir haben auch schaffende Künstler unter ihnen. Dichter, Literaten und Musiker. Wenn wir herübergreisen auf das Gebiet der Naturwissenschaften, so brauche ich Ihnen nur den Namen Waßmann zu nennen, den Entomologen, der im vorigen Jahre hier in unseren Räumen über Termiten gesprochen und dabei üher die Anatomie und Entwickelung der Ameisen- gäste ganz neue Aufschlüsse gegeben hat. Vielleicht interepirt es den einen ober anberen ber Herren, zum Beweise dafür, wie frei bie Jesuiten in wissenschaftlicher Beziehung benten, zu erfahren, daß Waßmann in feiner Biologie der Ameisen auf dem Standpunkt steht, daß die Descendenztheorie für feine Thiergattung — auf diesem Gebiete und in Begrenzung desselben — zu billigen sei. Wir haben auf dem Gebiete der Physik Dreffel. Die Jesuiten sind stark vertreten auf dem Gebiete der Philologie, wir haben von Straßmair Arbeiten auf dem Gebiete der Keilinschriften, die sich des größten Ansehens erfreuen; ihm ist es gelungen, mehr als 3000 babylonische Inschriften zum ersten Male zu entziffern. Das hat bis jetzt keine deutsche Akademie als Ganzes fertiggebracht. Der bescheidene Pater war hierher geladen von den bedeutendsten Affyriologen zum Orientalistenkongreß, und es gehört zu den Absonderlichkeiten der preußischen Bureaukratie, daß der damalige Kultusminister nicht Anlaß genommen hat, dem Manne die Möglichkeit einer Audienz bei ihm zu gewähren. (Hört, hört!) Wir haben auf dem Gebiete der indischen Alterthumskunde einen Mann wie Dahlem, an den der Oxforder Max Müller nach Erscheinen seines ersten Buches geschrieben hat:
Ich muß Ihnen doch mit ein paar Worten für den Genuß danken, den mir Ihr Buch bereitet hat; ich wollte es ursprünglich nicht lesen, aber nachdem ich einmal angefangen habe, muß ich «S bis ans Ende durchlesen, es thut einem wohl, einmal etwas Neues und Selbständiges zu lesen.
Und ähnliche Erklärungen wie diese liegen unter Hervorhebung der Methode und Art der Forschung dieses jungen Gelehrten vor von Professoren in Berlin und Wien. Wir haben Demosthenesarbeiten von Pater Fox. Von Hagen, dem Direftor der Sternwarte in Georgetown, haben wir die Synopsis ber höheren Mathematik. Aus bem Gebiete ber Aesthetik haben wir bie Kunstlehre von Gietmann und Sörensen in fünf Theileu, von ber die Herren vier Bänbe in unserer Bibliothek einsehen können. Auf bem Gebiete ber Astronomie haben wir Hagens alias stellarem variabilinm unb bie bahnbrechenben Arbeiten von Eping, bem es gelang, den Schlüssel zu den Beobachtungen und Be
laube; beruht seine Thätigkeit ferner barin, daß er mit wissenschaftlichen Arbeiten sich beschäftigt. Was die Thätigkeit der Jesuiten auf dem Misiionsgebiet im Auslande anbetrifft, so möchte ich betonen, daß bie beutsche Ordensprovinz gegen 560 Patres im Auslande verwendet. Wir haben in Nordamerika 269 Patres für die dortigen deutschen Katholiken; wir haben 153 ebenfalls für die deutschen Katholiken in Brasilien, 30 in Chile, 120 dann noch in anderen Städten innerhalb und außerhalb Europas, und gerade diese einzelnen Jesuitenniederlassungen in den einzelnen Städten des Auslandes bilden die Centren für alle'die deutschen Colonien, die in diesen Städten sich befinden. (Hört! Sört! in der Mitte.) Es gibt eine große Anzahl dieser olonien, in denen nur durch den Zusammenhang mit den Jesuiten bie beutsche Gesinnung erhalten wird. (Hört! Hört! in der Mittel Man darf es ruhig aussprechen, daß z. B. in einem Lande wie Chile, deutsche Art, deutsche Denkweise nur durch die Jesuiten fortlebt. (Härt! Hört! in der Mitte.) Alle die Opfer, die für diese Missionen an Geld und Menschenkräften zu bringen sind, werden von den aus Deutschland ausgewiesenen Jesuiten nur im Interesse des deutschen Vaterlandes gebracht. Die Jesuiten unterhalten in Nordamerika und Brasilien außer den gewöhnlichen Pfarrschulen 12 Gymnasien, bie von ben Kindern ber bortigen Deutschen zahlreich besucht sinb. Daß bie deutsche Ordensprovmz während des letzten Menschenalters so viel für die deutschen Landsleute im Auslande geleistet hat, obgleich sie vom heimathlichen Boden vertrieben war und obgleich sie nur angewiesen war auf die Hilfe Gottes und die Unterstützung der deutschen Katholiken, daS ist meines Erachtens ein Ruhmesblatt in der Geschichte dieser Provinz. (Sehr wahr! Sehr richtig! in der Mitte.! Da zeigt sich so recht, was die eigentliche Vaterlandsliebe ist, die den Undank des Vaterlandes damit vergilt, daß sie große Opfer für das Vaterland bringt. Es find Söhne aus ben besten deutschen Familien — ich nenne nur den Namen von Schorlemer — die während diese? Menschenalters in die Ewigkeit eingehen mußten draußen in der Fremde, in Nordamerika und in Brasilien. In Bombay haben die Jesuiten das Taverkolleg, welches von 1500 Gymnasiasten besucht wird. Die Jesuiten sind dort mit 11 Patres vertreten an der Universität, Jesuiten sind dort zugegen zu den akademischen Prüfungskommissionen. Seit 30 Jahren vollzieht sich daS unter voller Anerkennung der englischen Behörden. Deutschland ist nach China gegangen, um seinen Platz dort an der Sonne zu suchen, wir haben baS Protektorat über bie chinesischen Missionen übernommen, und da ist doch im Interesse der Jesuiten von Werth, hervorzuheben, daß die erste Anregung zur llebernahme eines deutschen Protettorats über die christlichen Missionen in China zurückzuführen ist aus eine Aeußerung eine? Jesuiten aus bem 18. Jahrhundert, lieber die ersten in Kanton eingelaufenen deutschen Schisse schrieb damals ein deutscher Jesuit:
Sie hätten bei manchen Neidern zwar ein großes Aussehen, bei den Deutschen aber, welche bisher bei anderen europäischen Nationen nicht ohne Beschwerde sich hatten einbetteln müssen, eine unbeschreibliche Freude erweckt, wegen geschöpfter Hoffnung, fürhin gleich anderen katholischen Priestern in China ihres eigenen allerhöchsten Monarchen allergnädigsten Schutz unmittelbar zu genießen.
Die Stelle ist entnommen dem Buch von Huonder, „Deutsche Jesuitenmisstonäre". Zu derselben Zeit, wo Elsaß-Lothringen von unS getrennt wurde, äußerten die Jesuiten, daß der deutsche Aar in China seine Fittige über die deutsche Missions- und Kulturarbeit ausbreiten möchte, wie deutsch die Jesuiten gedacht haben und wie deutsch sie geblieben sind, das ist ja gerade in oäerjüngfter Zeit durch einen Bericht über das Gymnasium in Schlettstadt bargelegt worben, wo bie Jesuiten gegen bie französische Regierung festgehalten haben an der beutsche« Sprache, wo bie Jesuiten, weil sie begeistert mit der deutschen Bevölkerung mitgefeiert haben bie kaiserlichen Siege über ben Erbfeind des christlichen Namens (bie Türken', den Groll aus Paris zu fühlen bekamen. Wenn nun ein Drben in btefer Weise für baS Deutschthum thätig ist, bann frage ich, ob es nicht zu derselben Zeit, wo man von uns Gelder verlangt für bie Errichtung einer Kolonialschule, um Kräfte auszubilden für die Deutschen im Auslande, ein Zeichen wahrer Vaterlandsliebe wäre, diesem Orden bie Möglichkeit zu geben, eine Pflanzstätte für seinen Nachwuchs in Deutschland zu errichten, damit in Deutschland, in ber deutschen Bevölkerung, deutscher Geist diese Zöglinge umgäbe. (Sehr wahr! in der Mitte.) Ein nicht geringeres Ruhmesblatt wie die Misstonsthätigkeit bilden für die OrdenSprovinz ihre wissenschaftlichen Leistungen. Was immer für Fortschritte tm Laufe des vorigen Jahrhunderts wir in ber Wissenschaft zu verzeichnen haben, sie haben in ben Jesuiten sorgfältige Beobachter gefunden. Gewiß find wn. ab:, rttet.t überzeugt, «nb der Jesuit wird zuletzi elwas Anderes Ji
Kommt Wahrheit an unb läßt sich sehen, So muß sie lang vor ber Thüre stehen; Kommt Gerechtigkeit auch vor baS Thor, Sie finbet Ketten unb Riegel vor.
Kommt aber bann der Pfennig geloffen, So findet Thür und Thor er offen!
In diesem hohen Hause ist die Behandlung deS Reichstages in dieser Frage von einem beredten Mund wieder mit einigen Ausdrücken bezeichnet worden, die ich nicht verschärfen kann, wenn ich mich in den Formen der Geschäftsordnung halten will. Die Behandlung des Reichstages ist als rücksichtslos bezeichnet worden, und Sie werden es verstehen, wenn aus den Kreisen unserer Wähler uns gesagt würde; wir sollten nicht mehr rücksichtslos sprechen, sondern rücksichtslos handeln. DaS Jesuitengesetz hat sich in seinen Wirkungen alS ein ungerechtes, ein gehässiges, widersinniges Gesetz gezeigt. (Sehr wahr! in ber Mitte ) Wen treffen Sie benn mit dem Jesuitengesetz? Nicht Personen, die sich irgend welchen Vergehens gegen die Staats- oder Gesellschaftsordnung schuldig mache«, die Staatseinrichtungen verletzen ober bekämpfen, nicht Personen, benen sie irgenb welche Aufreizung ber Bevölkerungsklassen gegeneinanber vorwerfen können. Sie treffen bamit Männer, bie im wiffenschaftlichen Leden thätig sinb, die sich bemühen, durch aScekischen Lebenswandel ein gutes Beispiel zu geben, die unermüdet überall Noth und Elend durch erbarmungsvolles Mitgefühl zu lindern suchen, wo sie können. Sie treffen damit Männer, denen Niemand auch nur de« geringsten sittlichen Mangel zum Vorwurf machen kann. (Sehr richtig! in der Mitte,) Sie treffen diese Männer nur um der Art ihrer Gottesverehrnng willen. Sie treffen nicht nur Männer durch dieses Gesetz; Sie treffen auch Frauen, die Sie inS Ausland werfen und denen Sie damit unmöglich machen, nicht etwa in öffentlichen Versammlungen auhutreten und Frauenrechte zu fordern, sondern bie in stiller Einsamkeit nach ben Lehren unserer Kirche ihrem Gott bienen und unsere Töchter religiös erziehen wollen. (Sehr richtig! in der Mitte.) Unb was haben Sie bamit erreicht? Ihre Schulanstalten, bie sie bei und hatten, sind nun- in das Ausland verlegt. Dadurch, daß die Elter« ihnen treu geblieben find unb ihnen die Kinder in ihre Unterrichtsanstalten in8 Ausland nachgeschickt haben, sind fie in der Lage gewesen, die AuSweisunas- maßregel allmählich zu verwinden. Mr eitern ater
sind durch die Ausweisung genöthigt, die Auslagen unb Anspruch nehmen, daß nicht jede wissenschaftliche Leistung Aufwendungen, die wir für unsere Kinder im Jnlande : der Jesuiten eine solche ersten Ranges ist. Um gerecht hätte« machen ober gar ersparen können, nunmehr bem zu urtheilen, muß man beachten, daß durch bie Aus- Auslande zuzuwenden, und das sind alljährlich nicht i Weisung den Jesuiten unmöglich gemacht worden ist, ganz unbeträchtliche Summen. Und während, wenn ihre Leute in der gleichen Weise heranzubilden, wie es
»•££'* mit Ztnlerhattungs-Beilage „Issustrirte Sonntags-Zeiümg"