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mit Anterhallungs -Aeikage „Mustrirte Sonnlags-Zeilung"

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M18.

• Der Etat des Reichskanzlers vor dem Forum des Reichstages.

Auch der Reichs kanzler muß dem Reichstage Rede und Antwort stehen, wenn es fich um die Bewilligung der Gelsbezüge für ihn und für die Reichskanzlei handelt; und diesmal waren die vor­gebrachten Beschwerden gar nicht gering an Zahl. Aber sie ginge» weniger den Kanzler in Person an, als vielmehr den Bundesrath, dessen Vor­sitzender der Reichskanzler ist. An den vorge­brachten Beschwerden betheiligten sich indessen Vertreter aller Parteien, bis weit in die Reihen der Rechten hinein. Sogar Exzellenz v. Levetzsw, der frühere Präsident de« Reichstages und greise Führer der konservativen R.ichstagsfraktion, brachte einen ganz leisen Tadel vor, daß di« Mitglieder des Reichstages nicht einmal freie Fahrt auf den Eisenbahnen haben; und das will gewiß etwas sagen.

Es handelte sich dsr Hauptsache nach um die Sicherheit des WahlgehermnissrS und um dis Stellung des Bundesrathes zu Beschlüssen des Reichstages.

Man weiß ja leider, daß dsr BundeSrath mit großer Zähigkeit gewisse Beschlüsse des Reichstages vollkommen übersieht, andere immer wieder ablehnt, ohne irgendwelche Gründe dafür anzugeben; und so fanden heute (Mittwoch) im Reichstage diejenigen Redner vollen Beifall, die an diesem eigenartigen Verhalten der Verbündeten Negierungen rückhaltklose Kritik übten. Er waren die» namentlich die Abgg. Darbach (Centr.), Dr Barth (freis. Vrreing.), Lenz mann (freis. Volksp.), Bas sermann (natl.) und Dr. Oertel (kons.); und man ersieht aus dieser Zusammen­stellung der Redner, daß das Verhalten des Bundesrathes gegenüber dem Reichstage bei allen Parteien ohne Ausnahme Anstoß und Be­fremden erregt. Mindestens kann der Reichstag verlangen, daß der Bundesrath ihm sage, welche Gründe ihn zu seiner ablehnenden Stellung ver­anlassen; aber das geschieht niemals, und man weiß ja, daß oft, wenn im Reichstage Anträge aus dem Haufe berathen werden, der Bunderrath geflissentlich durch völlige Abwesenheit glänzt.

Reichskanzler Graf Bülow hatte einen schweren S.and. Sein sonst so schlagfertiger Humor verließ ihn heute fast vollkommen, aus­genommen in einem Falle, als er dem Abg. Dr. Barth die Gegenfrage vorhielt, ob denn nicht auch der Reichstag so manche Vorlage des Bundesrathes ablehne? Nur vergaß er dabei zu erwähnen, daß der Reichstag in solchen Fällen sehr genau seine Beweggründe angibt. Aber die Vertreter der Regierungen kommen nach der Darstellung des Kanzlers oft gar nicht in die Lage, Gründe für ihr Verhalten arzugeben; daS heißt, deutlich und deutsch gesagt, sie handeln dann gar nicht nach eigenem Ermessen und Nachdenken, sondern ganz einfach auf Be­fehl von oben herab, als eine „Vertretung öox Fürsten", wie Graf Bülow fich auSdrückte. Ob der BundeSrath durch diese Kennzeichnung in den Augen des Volkes an Bedeutung gewinnen werde, wagen wir nicht zu entscheide». Wir be­zweifeln es einigermaßen. Und Graf Bülow versicherte außerdem, es solle ganz gewiß keine

Der Spekulant.

Original-Roman von HanS Dahlen.

-17) -------(Nachdruck verboten)

5.

Ein entzückend schöner FrühlingSmorgen liegt über die Welt gebreitet. Der Hrmmel ist so blau und weit; amdra- und rosen- farbene Federwölkchen segeln langsam von Osten nach Westen.

Au^vst hat mit vieler Mühe dir südlichen, in Foltz« der Winlernäffe ausgeqaollenen Scheidenrahmen drS Wintergartens in die Höhe geschoben, u»b feinten Herrn im Krankenstuhl Licht an die Brüstung gefahren, damit der Ge­nesende den herrlichen Morgen so reckt genießen kann. Tdil:a geht auf leisen Sohl?« hin und wieder, rückt dos Kissen zurecht, zieht die Pelz­decke fester um die Knie des Vater« und ist bemüht, dem Kranken all die Blqnemlichkeiten zu verschossen, die sorgende Kindesliebe aus­findig machen kann.

Johan» Wilhelm athmet mit Wonne die reine thaufrische Luft ein und blick! in den Garten, aus dessen braunschwarzen frisch um ge­worfenen Beeten unter dem warmen Schein der Sonne die Feuchtigkeit wie ein feiner weißer Nebel emporqutllt. Ar; den Zweigen und Aesten vom Baum und Strauch, oie im Morgenwind schwanken und leise aneinander- fd;lagen, dehnen sich braungrüve Knospe«, die ordentlich mit jedem Augenblick anschwellsn und die gelbgrünen Blattfpitzrn, die sie in ckreuer Hut umschließen, weiter in die verjüngte

Irrtöa, Donnerstag, den 23. Januar 1902.

29. Jahrgang.

Unhöflichkeit gegen den Reichstag sein, wenn einmal bei der Berathung eines Antrages aus der Mitte des Hauses heraus der Bundesrath gar nicht vertreten fei. Aber der Beweis dafür dürfte dem Reichskanzler schwer werden; mehr­fach sollte das Fehlen des Bundesrathes ganz bestimmt eine solche Kundgebung im Gegensätze zum Reichstage bedeuten, auch schon während der Kanzlerschaft des Grafen Bülow selbst. Aber wenn die Erklärung des Kanzlers die Be­deutung in sich trägt, daß derlei in Zukunft nie mehr vorkommen solle, dann kann man sie ja dankbar hinnehmen.

Von einer Aenderung der Wahlbestim­mungen will Graf Bülow gar nichts wissen. Daß er persönlich der Bewilligung von Tage­geldern nicht abgeneigt sei, hat man bisher angenommen; und in der That hat er davon auch nur in sehr sanfter Tonart gesprochen. Er verwies darauf, daß Fürst Bismarck ein Gegner der Tagegelder gewesen fei; und er ersuchte darum, daß man» es den Verbündeten Rrgie- rnngen nicht verdenken solle, wenn sie nach wie vor gegen die Zahlung der Diäien sich sträuben würden Irgend welchen Gr und dafür hat der Reichskanzler nicht angegeben, denn das kann man keinen Gründ nennen, wenn er noch jetzt auf den Fürsten Bismarck hinweist. D e Zeiten ändern sich; und wer kann wissen, ob nicht Fürst Bismarck heute ein Freund der Tagegelber sein würde?

Zu den Beschlüssen des Reichstages, um die der Bandesrath sich geflissentlich nicht kümmert, gehört bekanntlich auch der nochmalige Beschluß über die Aushebung des Ausnahme-Ge­setzes gegen die Jesuiten. Heute ist nicht davon gesprochen worden. Denn darüber wird das C-ntrum eine besondere Interpellation im Reichstage einbringen; und dann soll desto nach­drücklicher die R-de davon sein.

Nach dem Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei folgte der E:at des Reichsamtcs des Innern, wobei Abg. Prof. Hitze vom Centrum in überzeugender und außerordentlich klarer Weise dartyat, was bisher »uf dem Ge­biete der Gozialr.form geschehen ist, und was auf der anderen Seite noch g'schehen muß. Von dem L.tzteren gibt es noch mehr, als von Jenem I _____________________

qng Zolltarif und Wittwen- und Waisen-Versicherung.

Der Antrag deS Centrums, daß nach Annahme dts neuen Zolltarifs über die Mehr- verrräge der Zölle auf Getreide, Fleisch, Butter, Eier, Käse, Mehl rc. durch em besonde­res, spätestens bi« zum 1. Januar 1910 zu ver­abschiedendes Gesetz zur Erleichterung der Durch- führung einer Wtttweu- und Waisen-Ver- sicherung Bestimmung zu treffen sei, hat einer Reihe von Blättern verschiedenster Parteirichtusg Anlaß zu sittlicher Entrüstung über die Schlechtig­keit des CrntrumS gegeben. Die .Frankfurter Zeitung spricht von einer „Demonstration zur Beruhigung des sozialvolitischen Gewissens des Centrums," von der A'fichr „einen Theil des Sündenlohnes sür die Arbeiter - Wittwen und

Welt hinausschauen laffen. Der Rasen zeigt wieder frische Farben, und blauer und gelber Krokus bringt durch die frostbefreite Grasnarbe empor zum belebenden Licht. Vorbei ist der Wmter mit seinen Togen ohne Sonne, ohne Sicht und Wärme, und neues Ltben ist überall.

Niurs Leden! Auch Johann Wilhelm durch- ftnömte es mit Macht und fast will er meinen, es sei wieder ein Stück von der früheren Kraft über ihn gekommen. Aber die zitternde Hand vermag noch kaum das Weinglas zum Munde zu führen. Dennoch Hai sich sein Befinden in den letzten Tagen außerordentlich gebessert; der Arzt hatte eS wohl ein dvtzeno Mal im tiefsten Ernst behauptet und Thildas Gestchtchen zeigt an, daß der Doktor nur die Wahrheit gesagt hat. Ja, er fühlt fich sogar wieder so stark, daß er mit völliger Ruhe überdenken kann, wie es gekommen ist, daß er wochenlang hat mit dem Tode ringen müssen.

An jenem Abend im Februar war es gewesen. O, er entfaen sich ganz wohl. Er hatte am Fenster gesessen und das überaus schöne Abrnd- roth bewundert. Da war Mina, die treue Dienerin, leise ins dämmerige Zimmer gekommen, so leise, daß er zuerst gar nichts gehört hatte und zusammengeschreckt war, als sie neben ihm stand und so schmerzlich seufzte. Die gnädige Frau und der junge Herr seien am Vormittag mit einer Miethskutsche fortgrsahren und hätten alle Kleider und sammtlicke Wäsche mitgenommen.

Wie mit scharfen Messern begann der Schmerz sein Inneres zu durchwühlen. Seit dem frühen Morgen war er in Geschäften außerhalb gewesen und erst vor einer kleinen halben Stunde heim-

-Waisen zu referöiren"; die .Vosstsche Zeitung' nennt den Antrag unaufrichtig, weil er der An­nahme dec Getreckezölle Vorspann leisten soll, die .Kölnische Zeitung' faselt von dem „Unge­heuerlichsten, das je einem Parlament zugemuthet wurde", von „Leichtsinn erstiN Ranges" rc.

DaS größte Wort führt in dem Entrüsturrgs- rummel natürlich die sozialdemokratische Presse. Der ,Vorwärts' redet von „Zoll-Jesuiten." und die sozialdemokratische,Rhein. Zeitung' macht ihrem heiligen Zorn in folgendem Erguß Luft:

„Damit ist der ungeheuerlichste politische Schwindel, der bisher bloß in den Reden einzelner CentrumS- demagcgen geübt worden ist, zu einem unentbehrlichen Glied der ultramontanen Brodwuchertaktik geworden. Unter den Argumenten für die Vertheuerung des Brodes tritt neben den geflicktm Strohdächern der nothleiden- Ngrarier das Bild der hungernd-n W.ltwen und Waisen. Mit widerlicher Heuchelei wird man denen, die nicht alle werden, emzureden vers chen, daß ja Alles nur für die armen Wittwen und Waisen geschehe! Was soll auch gegen eine Zcllpolitik etnzuwenden sein, deren Er- trägntfie dazu verwendet werden, den Aermsten der Armen zu Helsen? Was das Centrum Hut, thul es ja doch nur us purer christlicher Nächstenliebe und geist­licher Mildigkeit. Es ist zu rührend! So wenigstens wird es in den Versammlungen und in der Centrums­presse scheinen. Aber das Centrum hat ebensogut zwei Gesichter wie der Bettelmönch, der ga z anders aus- sieht, wenn er gabenhkischend vor der Thüre steht, ganz anders, wenn er im verschwiegenen Klost-rkeller die Weine probirt. Das Crntrum weiß so gut wie wir, daß die Verknüpfung der Zolltarifvorlage mit der Wittwen« und Waisenoerforgung vom Standpunkte der Gesetzgebung ein Unding -.st, und es fällt ihm nicht ein, zu erwarten, daß sein Vorschlag von der Reichsregierung ernst aufgefaßt und - selbst wenn er angenommen wird — ernstlich durchgeführt würde" rc.

Es kann nicht schaden, dieses sozialdemokra­tische Geistesproonkt zur Kenntnißncchme für wei­tere Kreise festzunageln. Jedes Wort der Ent­gegnung aber wäre öfteren; das ganze Ge­schreibe verräth ebenso viel Anstand und Sach- kenntniß, wie die faoe Bemerkung von der Wein­probe im verschwiegene« Klosterkeller.

Die sozialdemokratischen Blätter, der vor­wärts' en der Spitze, versuchen aber auch mit einer „Berechnung" den CentrumSantraz herab- zufttzm. Diese Berechnung gelangt zu dem Er- gebniß, daß bei Anwendung der Minimalzollsätze des neuen Zolltarifentwurss und unter Berück- sicktigmra einer — vom,Vorwärts' aus 25°/o veranschlagten — Verringerung der Einfuhr in Folge der Zollerböhungen auf einen durch schnitt- lichen jährlichen Mehrertraa von nur ca. 20 Mill. Mark zu rechnen sei. Wir wollen davon ab­sehen, daß die Sozialdemok aten, während sie sonst die Verringerung der Einfuhr möglichst in Abrede zu stellen suchen, hier — wo eS ihnen in den Kram paßt — gleich eine unwahrscheinlich hohe Verringerung der Einfuhr annehmen; denn um die 25 pCt. der Einfuhroerminderung und außerdem entsprechend dem Bevölkerunqswachs- thum müßte doch die inländische Produktion steigen, und das ist zunächst nicht abzusehen. Nehmen wir indeß die Berechnung von nur 20 Millionen Mark jährlichen Zollüberschüffen als richtig an. Die Sozialdemokraten machen nun« mehr ihr beliebtes R cheukunststück und „Der- theilen" diese Summe auf die gesummte Bevöl­kerung, wonach auf den Kopf ca 40 Pfg. ent­fallen würden, während die Mehrbelastung durch höhere Zölle mindestens 40 Mk. pro Kopf aus­

machen würde. Die gewaltige Uebertreibung, die in letzterer Behauptung liegt, ist oft genug wider­legt worden. Wir Huben es hier nur mit der SBittroen- und Waisen-Versicherung zu thun, und du durf mun die sozialdemokratischen Rechen­künstler wohl fragen: Was soll die Vertheilung der 20 Mll. auf den Kopf der Bevölkerung? Es handelt sich doch wohl lediglich um bte Wittwen und Waisen und zwar in erster Linie um die erwerbsunfähigen und unterstützungsbe­dürftigen Wittwen rc. Wenn dir Leistungen einer Wittwen- und Waisen-Versicherung zunächst auf letztere beschränkt werden, bihften die Kosten, die bei Gewährung einer Rente ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit im Reichstag (12. Jan. 1900) regierungsseitig auf jährlich etwa 95,9 Mill. Mk. angegeben wurden, voraussichtlich 50 Mill. Mk. nicht übrrsct reiten und in den ersten Jahren noch erheblich niedriger fein. Selbst der von den Sozialdemokraten so gering wie möglich veran­schlagte Mehrertrag der Zölle würde also schon wenigstens einen beträchtlichen Theil der Kosten einer Wittwen- und Waisen-Verficherung decken. Jedenfalls könnte daher Die Verwirklichung deS Centrumsantrages die Schaffung einer solchen Versicherung sehr erleichtern helfen.

Was soll überhaupt die ganze Entrüstung gegen den Antrag des CmtrumS? Was soll duS Gerede von „Unaufrichtigkeit", „Heuchelei", „Demonstration zur Beruhigung des sozial­politischen Gewiffens rc? Das C-ntrum hat kein Hehl daraus gemacht, daß es heute Zoll- erhöhunsen zum Schutz; der Landwirthschaft für eine wirthschaftliche Nothwendigkeit an sich halt, deren Bewilligung ohne irgend welche Neben- rückstchten als eine sozialpolitische Pflicht gelten muß. Es hat ferner stets betont, daß trotz einer gewissen — an die Uebertreibungen der „Brod- wucher"-Gegner aber nicht entfernt heranreichen­den - Mehrbelastung der Arbeiterkreise die Zollerhöhungen zu den gejammten wirthschast- Uchen Interessen der übrigen Stände, auch denen der industriellen Arbeiterschaft nicht in Wider­spruch ständen. Einer „Beruhigung seiner sozialpolitischen G-wiffenS« bedarf also das Crntrum nicht. Wenn es überdies nun die that- sächliche Mehrbelastung bet Arbeiterkreise durch Verwendung der ZollüberschÄsse für eine Wiitwen- und Wa se«oerstcherung mildern will, so erschemt das l-diglich al8 ein Akt der Gerechtigkeit, der mit der klaren Stellungnahme des Centrums in der Zollfrage durchaus in Einklang steht.

Deutsches Keich-

Berlin, 22. Januar.

• Der englische Thronfolger wird an diesem Samstag zum Besuche des Kaiser« in Berlin eintreffen.

Bei der heutigen Subskription auf 115 Millionen Mark Sproz. Dlrichsankeihe und 185 Millionen 3proz. preußische Staats­anleihe wurden auf die Reichsanlethe allein rund 7 Milliarden gezeichnet.

+ Das Klavtschss - cheöiet wird tot ausführlich in einer Denkschrift behandelt, Sie das ReichSmarineamt als Vorlage für den Reichstag auägearbeitet hat. Danach hat fich

gekehrt. Frau Marie hatte ihm vorher tetneilei Andeutung gegeben. Dann die Abfahrt in der M'ethSkutsche, mit großem Gepäck — er ahnte das Schreckliche gleich. Aber e« durfte nicht be­kannt werden, um alles in der Welt nicht.

„Es ist gut Mina, ich weiß Bescheid." Mit Ausbietung aller Energie hatte er die Worte über die Lippen gebracht. „Tie find verreist, mit meiner Zustimmung "

„Und hier der Brief lag auf dem Toilette­tisch der Gnädigen."

„Gib her!"

„Gott tröste Sie, mein lieber, guter Herr!"

Johann Wilhelm hatte eine kühle Entgegnung geben wollen, denn auch Mina sollte nicht ein» mal den wahren Sachverhalt ahnen, aber die Dienerin war schon hinausgeschlüpft und hatte ihn mit dem Briefe allein gelassen.

Wie glühendes Eisen lag das veilchenduftende Papier in seiner zitternden Hand. Dieponceau- rothe überschmale Briefhülle stammte aus der Mappe seiner Frau, die schiefgekritzelten Schrift­züge der Aufschrift rührten von Hans her. Auch auf dem rothen einliegenden Bogen fand er die Schrift seines Sohnes. Ohne Anrede begannen die Worte seiner kühlen Mittheilung gleich unter dem grünen in das Papier eingepreßten Glücks­klee:

, „Ich reife mit Mama zu meiner Braut, um ihr den Ring wieder an die Hand zu stecken, den Du ihr mit List entlocktest. Wenn Du diese Zeilen zu Gesicht bekommst,- find wir schon außer Lande«, und die Heirath findet in den allernächsten Tagen statt. Daß Da mich enterben willst, macht mir wenig Kummer.

Meiner Mutter wirst Du ihr Vermögen nicht vorenthalten köanen, welches sie mit in die Ede gebracht hat. und Dein Ehrgefühl wird Dich zwingen, dessen eingedenk zu bleiben, daß das Vermögen meiner Mutter den Grundstock zu Deinen Millionen bildete, und im Gedanken hieran jene Summe angemessen zu vergrößern. HanS."

Kein Gruß, kein liebendes Wort zum Abschied! Dann kamen noch einige Zeilen von Frau Maries ungeübter Hand stammend:

„Lieber Jean! Ich konnte den Jammer des guten Jungen nicht länger mehr unthätig mit ansehen. Ich mußte handeln. Du wirst uns angemessenen Unterhalt gewähren, denn ohne mein Vermögen wärst Du kein Millionär geworden, wie Du mir selbst oft gesagt hast. Denke nur an den Skandal, wenn ich klagen müßte! Aber Du wirst vernünftig sein. Lcke wohl, Du hast es nicht anders gewollt. Marie."

Dann hatte er den Brief vor sich auf die Fensterbank gelegt und versucht, sich von der Größe des Schlages, der ihn so unerwartet ge­troffen Hütte, eine Vorstellung zu machen. In feinem Hirn siedete und toste es wie tausend Wasserstüye, wie vor Jahren die blaue Adria im Wintersturm, eS pochte und hämmerte in seinen Schläfen, flirrende Farbenkreise sprühten vor seinen Augen. — „Das nimmt kein gutes Ende mit mir," sagte er laut und vernahm seine Stimme wie dir eines Fremden ganz fern und leise; von Minute zu Minute verloren seine Glieder an Kraft uns Biegsamkeit. Bevor der volle Zusammenbruch seiner Kräfte kam, erledigte