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29. Jahrgang.

Iutöcr, Dienstag, den 21. Januar 1902.

[] Kinderschuh.

Der längst angekündigte Gesetzentwurf zum Schutze der Kinder gegen die ungeeignete Aus­beutung durch gewerbliche Arbeit ist dem Bunde«, rathe nunmehr zugegangen. Daß e« sich um Arbeit außerhalb der Fabriken handelt und um Kinder, die noch die Schule besuchen, weiß man ja allgemein. Da« wesentlich Neue ist der Umstand, daß sich da« Gesetz auch um die Beschäftigung der Kinder durch ihre eignen Eltern kümmert; -da« ist ein neuer und außerordentlich wohtthätiger Grundsatz in unserer sozialen Gesetzgebung, dessen Einführung höchst nothwendig ist au« Rücksicht auf verschiedene Hausindustrieen, in denen gegenwärtig die Kinder in ganz unverantwortlicher Weise aus- genützt werden. Daß auch die übrige Kinderarbeit einer allgemein gesetzlichen Regelung und Be­grenzung bedarf, ist leider nicht« weniger al« neu. Der Entwurf ist in zwei Hauptabschnitte eitge- theilt, je nachdem e« sich um fremde oder um eigne Kinder handelt.

Für die Beschäftigung beim Austragen von Waaren, sowie al« Laufbursche oder als Lauf­mädchen soll al« Altersgrenze das zehnte Lebens- jahr festgesetzt werden. Im übrigen sollen schul- pflichtige Kinder überhaupt nicht beschäftigt werden bei Bauten, Ziegeleien, Brüchen und Bergwerken, auch bei einer Reihe von Werkstätten mit gesund­heitsschädlichen Betrieben. Wo Kinderarbeit über­haupt gestattet wird, soll sie nur erlaubt sein vom 12. Lebensjahre ab und täglich nicht mehr als vier Stunden in der Zeit von 8 Uhr früh und 8 Uhr Abends. In Gast- und Schankwirthschaften dürfen schulpflichtige Mädchen überhaupt nicht be» schäfligt werden, Knaben nur unter den vorher angeführten Beschränkungen.

Die eigenen Kinder dürfen von den Eltern i« allen den Betrieben nicht beschäftigt werden, in denen Kinderarbeit überhaupt verboten ist. Der Dienst der eignen Kinder für das AuStragen von Maaren und in Saft- und Schankwirth­schaften soll durch die Ortspolizrib»Hörden ge­regelt werden. In Handels- und Verkehrs- gewerben, ebenso bei Schau- und Theater- vorflellunge« dürfen auch die eignen Kinder nicht in dem Alter utter zehn Jahres be­schäftigt werde«, und die eignen Kinder über zehn Jahre nur vier Stunden täglich zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abend».

Gänzlich verboten soll die Beschäftigung von Kindern unter Anderem sein in Buchdruckereien, in Werkstätten für Spielwaaren aus Gummi. Dir kleinen Dienst leistur, gen von Kindern im Haushalte und draußen in der Landwirthschaft fallen natürlich nicht unter die neuen Be­stimmungen, die nur mit der gewerblichen Arbeit zu thun haben. Durch Beschlüsse des Bundesrathes oder der Landes-Zentralbehörde soll die Kinderarbeit je «ach Bedürsniß noch für einzelne weitere Betriebe untersagt werden können.

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Deutsches Keich«

Berlin, 30, Januar.

+ >,Wo« Kaf««L bis z« K«de er- /««de«" ist die Nachricht von et«em Rund-

Der Spekulant.

Original-Roman von Hans Dahlen.

15) ------(Nachdruck verboten )

Neumann freute sich über die Offenheit des jungen Mannes. „Ich meinte, Sie ließen Ihr Gehalt im Geschäft verzinsen. Wo sind Tie noch in Stellung?"

„Beim Architekten Paulsheim, Herr Neu­mann. Gewiß, mein Grhalt bleibt unangetastet. Aber ich gebe in meiner freien Zeit Privatunter­richt in Algebra, Proj-ktionszeichnen, Statik und dergleichen schönen Sachen."

Johann Wilhelm ergriff Heinrichs Hand mit schnellem Druck und lobte seinen Fleiß. Wo es an der Ordnung war, Anerkennung zu spenden, pflegte er niemals damit zu kargen.

Der Bürgermeister saß still da und regte kein Glied. Nur die dunklen Augen ruhten vor­wurfsvoll auf Johann Wilhelm oder glitten über die lustig plaudernden oder scherzenden jungen Leute, denen der Millionär an Munter­keit nicht viel nachgab. Als jetzt Neumanns Blick zufällig den Bürgermeister streifte, sah er an seinem Mienenspiel, daß er innerlich in hef­tiger Bewegung fein mußte, ja, er glaubte sogar in seinen Augen einen oerrätherischen Schimmer zu bemerken.

„WaS ist Ihnen, Bürgermeister?" fragte er. nur um etwas zu sagen. „Fühlen Sie sich nicht wohl?"

Der Bürgermeister antwortete nichts, sonder« erhob sich und ging mit flüchtigem Kopfnicken. Johann Wilhelm sprang auf und eilte ihm nach.

schreiben d.s Herrn Erzbischofs von Stab- lewskt an die Geistlichkeit seiner Diözese — so wird von zuständiger Seite festgestellt. Die Nachricht trat mit solcher Bestimmtheit auf und war so sehr ins Eirzflne ausgeführt, daß man nicht aus den Gesanken kommen konnte, sie sei unwahr, und zwar um so weniger, als ji auch die ganze Sachlage den Erlaß eines solchen Hirtenschreibens recht wahr­scheinlich machte.

* ZkaMaß vo« WienS schulde». Der Kaiser hat einer Reihe von Beamten der Post- undTele- grophm-Verwaltung zu Weihnachten eine uner­wartete Freude dadurch gemacht, daß er auf An­trag des Staatssekretärs Stätte 29 Bramt-u und 14 Unterbeomt?« Dirustschulde« im Betrage von 18.849 Ä er ließ. Davon entfallen 12,801 auf Beamte und 6047 J6. auf llnterbeamte. Diese Dknst'chutten rühren im Wiseitlichen aus dem Verluste von Kafsenaeldern und Postsendungen her, für welche die Betheiligten ersatzpflichtig ge­macht worden waren. Im Einzelnen handelt es sich um Betrage von 31—1500 Jk

* liebet die K«1schädig«»s fär Kise« vaH««»fSlre ergibt eine Zusammenstellung deS preußischen Eisenbahnministeriums, daß im Jahre 1900 die einmaligen A bfindungen einschließlich der Kost?« des Heiloerfahrrns und der Beerdigung 849,694 Work, die fort­laufenden Zahlungen 2,740,086 Mark betragen haben, zusammen 3,589,780 Mark gegen 3 900,377 im Jahre 1899 und 4,901,370 Mark in 1898.

* Das Urovivzialdok-rlianssesetz ist nun­mehr dem Abgeordnetenhause zugegangen. Nach demselben sollen den Provinzialverbändrn der 12 Provinzen, dem Stadtkreise Berlin, dem Kommunalverbande deS HrrzvgthumS Laumrburg und dem der Hohenzollernschrn Lande zur Er­leichterung ihrer Armenlasten und, abgesehen von Berlin, zur Unterstützung von leistungs­schwachen Kreisr« und Gemeinden auf den Ge­bieten des Armen- und WegewesenS, sowie beim Bau und d.r UNterhaltung von Brücken jährlich 7 Millionen Mark aus den Staatseinnahmen überwiesen werden. Davon sollen erhalten: die Regierungsbezirke Kassel 47.179 Mark und Wiesbaden 31,816 Mark. DaS neue Gesetz soll am 1. Oktober iw Wirksamkeit treten. Ja den gegenwärtigen Etat sind bereits 5 Millionen Mark hierfür eingestellt worden.

X Weil««-«- v»« Ir««e« s« sozial­politische« Aestrev««ge«. Kürzlich wurde in den Zeitungen berichtet von der Auflösung eine« sozialpolitischen Studentenverein« in Berlin. Die Auflösung erfolgte, weil in den Sitzungen de» Verein« auch Damen an der sozialpolitischen Dis­kussion sich bttheiligten, eine Maßregel, für die man in unseren Degen nur schwer Verstärchniß finden kann. Sie stimmt aber zusammen mit den rückständigen Bestimmungen, wonach Frauen auch nicht Mitglieder werden dürfen in anderen sozial­politischen Vereinigungen. In der Gesellschaft für soziale Reform hat man sich bereits mehrfach mit diesem Gegenstände beschäftigt; rhotsächlich brauchen wir heut« die Thetlnahme der Frau ganz noth­wendig, wenn die sozialen Rrformbestrebungen unserer Tage gedeihlichen Fortgang nehmen sollen.

„Sie wollen doch zu Mittag hierbleiben. Was soll daS heißen?" Doch jener riß sich mit Hast los. „Laß mich, laß mich!" bat .er mit ab» gewandtem Gesicht.

„Wen« Ste nicht wollen, ist nichts zu machen," meinte Neumann achselzuckend und half ihm in den marineblauen Wintermantel mit den breiten Aufschlägen aus Zobelpelz. Heber die Lippe« deS Bürgermeisters kam kein Wort mehr. Ebenso stumm blieb Johann Wilhelm über den Vorfall und gab sogleich den Befehl, das Effen aufzutragen.

Später nahm man den Kaffee im Winter­garten ein. Da die jungen Leute wie Kletten aweinanbetbingen und seine Gesellschaft wenig zu entbehren schienen, blieb Johann Wilhelm ein wenig abseits a« der Seite feiner Frau, die ibm sogleich seine schlechte Laune vorwarf. Er zuckte die Achsel«. DaS Benehmen des Bürgermeisters hatte ihn in der That sehr verdrossen und seinen Stolz empfindlich verletzt. Dazu der Aerger über den Jungen — Grund genug, mißgestimmt zu sein.

„Der arme HanS!" seufzte Frau Marie Über den leichtgewellten Rand deS durchsichtigen MokkatäßchenS.

Auch dar noch! Neue Auflage des Ge­sprächs vorn gestrige« Abmd — nein, daS hielt er ganz bestimmt nicht aus. „Verschone mich mit derartige« Klagen," satt- er barsch, „Du kennst ja meinen Ttandp^nk !"

„Rabenvater, der daS Glück seines Kindes mit Füßen tritt," zischte sie ihm ins Ohr.

Johann Wilhelm sah seine Frau mit hilf­losem Blicke an. „To fei doch vernünftig," bat

Nunmehr haben die Abgeordneten Pros. Hitze (Centr.), Dr. Paasche (natl.), Dr. Pachnicke (sreis. Vereing.) und Roe ficke-Dessau (wild- liberal) folgenden Antrag im Reichstage ein­gebracht:

„Der Reichstag wolle beschließen, die Ver- „bünbeten Regierungen zu ersuchen, baldmöglichst „einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen „die landesgesetzlichen Bestimmungen ausge- „hoben werden, die der Thetlnahme von Frauen „an sozialpolitischen Bestrebungen in Vereinen „und Versammlungen entgegenstreben."

Es ist recht sehr zu wünschen, daß der Antrag von durchschlagendem Erfolge begleitet sein möge. Der gegenwärtige Zustand ist ganz einfach uner­träglich auf die Dauer.

h. Die katholische Universität i« Salz­burg wird hoffentlich Kalo zur Thatsache gewor­den fein. Am vorigen Sonntag hat in Salzburg die 18. General - Versammlung des Vereins zur Gründung und Erhaltung eirer freien katholischen Universität in Salzburg unter dem Vorsitze des Herrn Fürsterzbischofs o. Katscht Hal er statt- aefunben. Prinz Eduard Liechtenstein, der de« Beucht über den Stand der Dinge erstattete, gelangte zu dem Schluffe, daß „die Hochschule m Kürze entstehen werde".

Aus dem Reichstage.

«0? 122. Sitzung vsm 20. Jan.

Ohne jede Debatte und auch ohne eine Begründung durch den Antragsteller ist heute (Montag) der An­trag des freikons. Abg. Arendt angenommen worden, einen NachtragSetat einzustellen für die Zahlung von Beihilfen an alle Veteranen, deren Unterftützungsberechtigung und Bedürftigkeit anerkannt sind.

Sodann wurde die Besprechung der sozia l d emo- kratiichen Interpellation wegen Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit fortgesetzt.

Geheimrath Wehrman« stellte fest, daß ständig beschäftigt gewesene Arbeiter von der Staatsbahn über­haupt nicht entlasien würde».

Der wzd. Abg. Koch meinte, man könne den Be­richten, die der Staatssekretär Graf PosadowSky ver­lesen habe, keinen Werth benneff en, weil sie von Leuten herrührten, die nicht Urtheil genug hätten über die wirthfchaftliche Lage. In Wirklichkeit sei der Roth- stand groß und es fei Pflicht der herrschenden Klasse, dem vorhandenen Nolbstande abzuhelfen. Die Syndi­kate — so fuhr der Redner fort — sind für unser WirthschaftSleben kein Segen, sondern ein Fluch. Sie schwächen die Krise nicht ab, sondern verschärfen fie. Und wenn die landwirthschaftlichen Ringe auf die in­dustriellen, auf Kohlen- und Eis nring usw. schimpfen und umgekehrt, so werden sie wohl alle beide recht habe». Trotz de« WttersprucheS der amtlichen Ver­treter steht es fest, daß daS Personal auf der StaatS- bahn an Zahl zu klein und deswegen überlastet ist, worauf die Bahnunfälle in der Hauptsache zurückzu­führen stad. Weiterhin spricht der Redner von den „Brotwucher-Bestrebungen" und den damit verknüpften Gefahren für die gesammte Industrie und deren Ar- beiter. Zum Schluffe verbreitete sich der Redner in sehr scharfen Ausdrücken über die Arbeitslosenkund­gebungen in Frankfurt und über das Verhalten der Polizei dazu, wurde vom Vizepräsidenten Büsing mehrfach ersucht, sich zu mäßigen und schließlich zur Ordnung gerufen, weil er mit den Worten schloß: Ihr Staat ist ein Staat wucherischer Ausbeutung.

Staatssekretär Graf "Nosado«»»« widersprach sehr nachdrücklich dem Borwurfe des Vorredners, die Reichsregierung thue nicht genug für die Arbeiter und sei nicht rechtzeitig gegen die ArbeitSlofigkeit einge­schritten. Mit Fug und Recht strebe die Regierung danach, die Landwnthschaft zu stärken, damit diese ihre er. „In jener Heirath könnte ja daS Glück des Jungen nie beruhen."

„Was weißt Da davon?" fragte sie über­legen. Dann «ahm sie die Züge einer Themis an und fragte sirngen Tones weiter: „Warum behandelst Du Deine Kinder nicht nach gleichen Grundsätzen?"

„Bitte, erkläre Dich deutlicher. Ich mrstehe Dich nicht."

Sie lachte ihm ins Gesicht. „Dummer Jean! Da schau' einmal hin! Dein Sohn darf keine Gräfin heirathen; wird Deine Tochter Dir einen Tagschreiberssohn als Eidam zusühren dürfe«?"

Johann Wilhelm blickte nach der Palmen­gruppe, unter deren breiten, glänzendgrünen Wedeln die jungen Leute wie gute Freunde Hand in Hand standen. „Nein," sagte er, „das darf meine Tochter nicht. Ich halte aber Deine Befürchtungen für unbegründet."

Nichtsdestoweniger hob Johann Wilhelm so­fort die Gesellschaft auf und zog sich mit Frau Marie und Thilda zurück. Heinrich Schefer verabschiedete sich ans's liebenswürdigste. Neu­mann entgegnete artig, fast zu artig, aber kein „Auf Wiedersehen!" kam über seine Lippen. Thilda kräuselte unmutig die Lippen und stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite, aber ohne Erfolg.

„5)n hättest ihn noch einmal für einen Abend in der Woche einlaben sollen," schmollte sie, wahrend fie neben dem Vater die Treppe hinaufstieg.

„DaS wäre deS Guten doch zu viel," meinte Neumann. „Schesers stehen gesellschaftlich tief

Arbeiter besser entlohnen könne, wodurch dann auch der industrielle Ardeiismarkt entlastet würde. Damit müßten doch alle diejenigen einverstanden sein, die auf wirkliche Abhilfe gegen die Arb^itsnoth bedacht sind. Eine Besprechung der Frankfurter Vorgänge verwies der Staatssekretär in den preußischen Landtag.

Sächsischer Gesandter Hraf Aotzenlhak stellte noch- mals fest, daß bei der sächsischen Staats batm ständige Arbeiter nicht entlaffen worden sind, und Ministerial­direktor Wehrman» weift nach, daß vor dem Unfälle bei Altenbeken ferne Entlassungen von Personal statt- aefunden haben, weder von Beamten, noch von Wärtern. Die Löhne aber seien seit zehn Jahren um 20 bis 23 v. H. gestiegen.

Der natl. Ab«. AttvÄ suchte die Syndikate rem zu waschen von den Borwürfen, die ihnen von so ziemlich allen Rednern gemacht wurden; die Produktion Habs durch die Thätigkeil der Syndikate in Wahrheit zuge- nommrn, nicht abzenommea. Die Löhne der Berg­arbeiter seien gestiegen, nicht gesunken; und sollten die Kohlen noch billiger werden, als sie schon sind, so müßten die Löhne der Arbeiter wieder herabgesetzt werden. Der Redner glaubt nicht an eine baldige Ueberwindung der herrschenden Krise; deswegen bittet er den Kanzler, doch endlich die wafferwirthschafrliche Frage ernstlich in Angriff zu nehme«.

Nachher sprach noch Abz. Dr. Vachuiiüe von der freifiimigen Bereinigung; aber er beschäftigte sich weniger mit der Sache, auf die es ankommt, als vielmehr.mit dem Zolltarif und verwundten Angelegenheiten. Er stellte unt.r anderem die wanderliche Behauptung auf, daß die Hauptmaffe unserer Industriellen den neuen Zolltarif fürchte. Der Herr Redner meinte, er traue eS der Regierung nicht zu, daß d>ese, um einer Obstruktion gegen den Zolltarif zu begegnen, die bestehenden Han­delsverträge kündigen werde.

Damit schloß die heutige Sitzung, ohne daß die Be­sprechung dieser Interpellation beendet worden wäre. Am Dienstag finden Wahlprüsungen statt.

Aus dem Landtage.

ALgeorönelenhau». — 9. Sitzung vsm 20. Jan.

Nach Erledigung einiger kleiner Vorlagen und Rechnungssachen und nach der Ermächtigung des Präsidenten, dem Kaiser die Glückwünsche des HauseS zu deffen Geburtstage auszufprechen, folgt die nationalliberale Interpellation wegen der irrthümlichen Verhaftung des Kaufmanns Kuhlen- kamvf in Elberfeld.

Wegen DiebstahlS — so legt der Abg. v. Knapp die thatsächlichen Verhältnisse dar — wurde ein gewiffer Keulenkamp verfolgt, Kuhlenkampf aber auf Ver­anlassung der Staatsanwaltschaft von Neuruppin ver­haftet. Es wurde eine Haussuchung abgehalten und Kuhlenkampf inS ArresthauS gebracht, obwohl der Jrrthum auf der Hand lag. Der Verhaftete litt an einer Fußkrankheit, wurde rücksichtslos behandelt, im Gefängnisse mit Sträflingen zusammengebracht, ihm die eigene Beköstigung verweigert. Die Mitgefangenen verhöhnten K-, kur,, daS ganze Verfahren war unmenschlich. Ein ähnlicher Fall war der eines ge- wiffen Kremer in Düsseldorf, der im Mai unrecht verhaftet wurde an Stelle eines gewiffen Crämer, der wegen Diebstahls verfolgt wurde. Dieser wurde sogar in Sträflingskleidung gesteckt und mit einer Kette am Handgelenk gefesselt.

Justizminister Schönstedt bedauert die Hinein­ziehung des Falles Kremer, über den er nicht genügend unterrichtet sei. Nach s-iner Kenntniß der Sache liege dabei ein grobes Versehen mott vor; die Aehnlichkeit der Namen entschuldige den Jrrthum. Im Falle Kuhlenkampf handelte es sich um einen Manu, der im Verdachte der Hochstapelei stand. Eine der betrogenen Damen wollte in K. den Gesuchten wieder erkennen, und darauf erfolgte die Verhaftung. Beim Gericht ist daun K auf3 rücksichtsvollste be­handelt worden. Der Richter glaubte den R. nicht vor erfolgter Jdentifizirung entlasten zu können. Nach er­folgter Aufklärung wurde K. sofort entlaffen. Beim Ruppiner Amtsgericht liegt augenscheinlich eine liebet» eilung vor. Der fragliche Herr war erst kurze Zeit im Amte. Die ganze Sache verdient nach der Ansicht des Ministers nicht das große Aufsehen, das davon unter uns, dann ist auch bald an Deine Abreise zu denken."

Frau Marie fuhr auf ihre Art plump da» zwischen. „Es wird nämlich Zeit, daß Du Deine Bildung verrollständißst, die noch manche Lücke ausweisi. Mit dem jungen Schefer hast Du viel zu frei, zu — zu kindisch verkehrt. DaS muß anders werden; Du bist eine Million'bin. Merke Dir das."

Kurzr Zeit darauf trat Johann Wilhelm aus der Thür seiner Villa und schlug den Weg zum Bürgermeister ein. Die Zuneigung, welche er zu dem Bürgermeister hegte, hatte Neumann zu diesem Entschlüsse gebracht, der ihm nicht leicht geworden war. Dazu kam die Neugier, za er­fahren, aus welchen Gründen der Bürgermest-r am Vormittag ein fo seltsames Wesen gezeigt hatte.

Nachdenklich »erfolgte Johann Wilhelm se.nrn Weg. Vielleicht hatte den Bürgermeister nur sein Gewiffen gequält wie vorgestern Abend, und nur die Anwesenheit seiner Tochter ihn an her Erneuerung seiner Vorwürfe gehindert. Sollte er jetzt wieder eine ähnliche Sprache führen, fo würde er sich gavz energisch dagegen verwahren. Wen« er auch dem Bürgermeister die Be- Heiligung an seinen unehrlichen Geschäftspraktiken angeboten hatte, war nicht Jener, von der Gier nach Gewinn getrieben, ihm bereitwillig auf halbem Wege entgegengrkommen? Seine Schulo schien ihm aus einmal ganz gering; büßte er doch sozusagen in jedem Augenblick für dieselbe.

Ueberhaupt bestand sein Leben fast ausschließ­lich aus Unannehmlichkeiten. Der Aerger mit seiner Frau, mit Hans allein genügte schon, ihm