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Nwmiewtli»: Sie die Redaktion Jas. Lau», fäi 3«feiatc 3. parzellcr in Fulda.
mif Anterhaktungs -Anlage „Mustrirte Sonnlags-Aeilnng"
MB.
Jutöcr, Samstag, den 11. Januar 1902.
29. Jahrgang.
[] Die Polen in Rußland und Preußen.
Eine wenig erbauliche Schilderung der Ber« hältniffe und des Zwanges, unter denen die Pole» in Rußland stehen, bringt das politische Blatt,Goniec WielkopolSki'. In einem Theile des Zarenreiches, nämlich in Litauen, Wolhynien und Podolten und sogar in einigen Bezirken des Königreiches Polen, wird auch der Rrligions. unterricht den polnischen Kindern in russischer Sprache erthrilt; und an Galatagen zu Ehren der zarischen Familie i müssen d»r katholischen Polenkinder auch die russischen Kirchen besuchen. „Als vor einigen Jahren — so erzählt das ge- nannte polnische Blatt — die katholische Geistlichkeit in Kowao eine Opposition dagegen ins Werk setzte, daß polnische Kinder in die Gottes- Häuser eines fremden Bekenntnisses geführt wer- de», da schickte man ohne gerichtliches Urtheil sechs Geistliche nach Sibirien". In Litauen ist das Polnischsprechen überhaupt verboten, und ebenso ist jede Unterrichtsertheilung untersagt, die nicht amtlich ist. Und wegen Verfehlungen gegen diese Gebote „werden alljährlich Hunderte von Urtheilen gefällt, in denen auf Zwangsarbeit, Verschickung oder Gefangniß erkannt wird, und diese Urtheile ergehen ohne gerichtliche Verband- lang, ohne die Möglichkeit, Vertheidiger zu stellen und die Sache aufzuklären, sie ergehen in der Stille der moskowitische» Festungen . . . Man darf nicht gedankenlos der russischen Presse auf den Leim gehen, die mit schuftiger Heuchelei über das Laos der Polen im Posenschen jammert; man darf nicht auf Abwegen umherirren . . . ."
Zur Beurtheilung der Polenbewegung in Posen ist eine Meldung wichtig, wonach achähr- lich Vertreter aller ehemals volnischtn Gebiete in deatz galizischen Kurorte Gakopane zusammen- kommen, um das gemeinsame Aktionsprogramm für olle Polen zu berathen. Dabei geben die galizischen Polen den Ton an. Das klingt durchaus wahrscheinlich nach den Erfahrungen der jüngsten Zeit.
Leider steht für die nächste Zeit ein ähnlicher Sen sations prozeß bevor, wie der in Gnesen über die Vorgänge in Wreschen. Im Dorfe Ojczanowo bei Labischin sind ähnliche Dinge vocgekommen; und nun wird vor der Bromberger Strafkammer ein ähnlicher Prozch sich abspiele«. Daß jrtzt Militär nach solchen Orten geschickt werden soll, wo derlei sich ereignet, wurde berichtet: je ein Bataillon Infanterie soll im Frühjahr nach Wrefchrn und nach Schrimm in Garnison komme». Wahrscheinlich ist dies der Anfang der Rückkehr zu dem früheren System der vielen kleine« Garnisonen im Osten.
Im preußischen Abgeordnetenhause gelangen, wie bekannt, die Interpellationen über Polenfragen am nächsten Montag zur Be- sprechung. Es handelt sich um zwei Interpellationen, die der Vollständigkeit wegen hier noch einmal im Wortlaute Platz firden mögen, '
Der Spekulant.
7) Original-Roursn von Hans Dahlen. ------ (Nachdruck verboten)
Nr an Jahre halten genügt, um Johann Wilhelm zu zeigen, daß die Welt kein Glück geben kann. Kostspielige Reifen, vornehme Gr- srllschasten, das Schlaraffenleben in Kurorten, die Strapaze« der „Saisons" in Paris und Wstlin, alle der Tand, in oem die Lcbewelt lebt und stirbt, hatte ihn nicht dauernd zu befriedigen vermocht. Frau Marie hatte ihm nachgcgeben und in die Übersiedelung noch der Villa eingewilligt; sie hatte sich überhaupt rafch und nur allzu viel an das neue Leben ge. wöhnt. Aus der schlichten fast hausbackenen Frau war eine Dame geworden, die in Gesellschaften und Mode» den Ton angab, eine eitle, leere, prahlerische Weltdame, die ihm das Leben verbitterte. Aber es war ja seine Schuld! Die a'mm Kinder litte« unter der Arnderung der Verhältnisse, und als der Vater ernstlich mit sich zu Rache ging, wir er das Verderben, das ihnen unzweifelhaft drohte, abwenden könnte, war es für den Sohn schon zu spät gewesen. „Was, ich soll in ein Kloster?" hatte der Junge höhnisch gefragt. „Das kann doch Dein Ernst nicht sein, Vater! Kein Theater mehr, kein Konzrrt —" Und die Mutter hatte aus Seit-n des Sohnes gestanden! Freilich hatten sie iha nicht hindern können, die noch kindliche Thilüa in ein holländisches U'fulinerinnenkloster zu bringen. Nachdem er seine Tochter in S'cherhttt wußte, bekümmerte er sich kaum
Die Interpellation der National- liberalen lautet:
Welche Maßregeln beabstchtigt die königl. Staats« regterung zu ergreif rn, um, den Worten der Thronrede gemäß, in den östlichen Provinzen dem Deutschthum dir politische und wirthschaftliche Stellung zu erhalten, auf welche eS durch seine lange, unter der weisen Führung der hohenzoller'schen Fürsten geleitete Kulturarbeit ge« rechten Anspruch erworben hat, daS Deutschthum zu pflegen, staatsfeindliche Bestrebungen abzuwehren und daS^urückdrängen der deutschen Sprache und Sitte zu
Die Interpellation der Polen Haiden nachfolgenden Wortlaut:
Wir richten an die königl. Staatsregierung die Frage, ob dieselbe in Anbetracht der bekannten Schulvorgänge in Wreschen und im öffentlichen Interesse überhaupt es nicht für geboten erachtet, die auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes in den Volksschulen der sprachlich gemischten LandeStheile getroffenen Anordnungen einer Abänderung zu unterwerfen.
Die Poleninterpellatton hat starke Unterstützung bei dem C.-ntrum gesunde».
Deutsches Deich«
Berlin, 10. Januar.
• Keine KtaatsvergrverKe in Oelsen Kirchen. Halbamtlich schreibt die .Norddeutsche Allgemeine Zfftung': Im Hinblick auf die Blätterm-ldung, betreffend den Ankauf der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft durch dm preußischen Staat sind wir zu der Erklärung ermächtigt, daß über einen solchen Ankauf weder verhandelt worden ist, noch verhandelt wird.
4- Kinisnn» der proiestantisches Landes Kirche«. Der Regent des Herzogthums Sachsen- Koburg Gotha hat den Vorstand des „Evangelischen Bundes" für das Herzogthum empfangen und hat dabet darauf hingewtesm, daß die Auffassung falsch sei, als handele es sich um eine beabsichtigte Verschmelzung der einzelnen evangelischen Landeskirchen Deutschlands zu einer Einheit in Glauben und Lehre. Er, der Regent, und der Kaiser hätten in Gotha „nur von der Schaff mg einer solchen Gemeinschaft gesprochen, die d-i: Bekennt- nißstand und die inneren Einrichtungen -jner jeden unserer Landeskirchen in ihrer Sl-Müdigkeit gänzlich unberührt läßt". Es sollte sic-- vielmehr nur um die Frage eines Zusammenschlusses der Landeskirchen für bestimmt begrenzte Zwecke handeln, die schon seit lang-r Zeit eingehend erwogen und schon mehrfach behandelt worden sei. Die Synoden be« größten Theile« der evangelischen Landeskirchen hätten sich mit den Grundgedanken einer solchen Einigung längst einverstanden erklärt. Dadurch verliert nun die Kundgebung in Goiha sehr an Bedeutung. Nichtsdestoweniger wird die Sache nach wie vor ihre großen Schwierigkeiten haben.
W 3?ie sklÜKtHolische« Professur-« in Bon« staden sich auch in dem neuen preußischen Etat, obwohl sie nun schon zweimal hintereinander in Abgeordnetenhause vom Cmtrum und von den Konservativen abgelihnt worden sind. Diesmal hat man es aber anders gemacht: Die Profeflureu stad nicht der katholisch-theologischen Fakultät in Bonn zugerechnet, sondern innerhalb der philosophischen Fakultät untergebracht.
noch um Frau Marie und seinen Sohn, waS diesem nur recht war.
Nunmehr begann ein burt-s Treiben in der Nrumannschen Villa, bunter roch und toller, als er eS am Abende jenes Tages, der ihn zvm Millionär gewacht harte, Frau Marie Ms- gemalt hatte. Damals war sie schon beim bloßen Gedanken, sich von der ihr lieb gewordenen Eiusachheit trennen zu müssen, in Thränen ausgebrochen. U ib nun —
Aber es war ja seine Schuld! Tausend Mal hatte er sich diesen Borwarf gemacht, der ihn au den Rauh der Verzweiflung gebracht hatte. Dann kam die q ratvolle Zett, in der er mit seiner ganzen Energie gegen die Bestrebungen seiner Frau und seines Sohnes ankämpft-, gegen den Luxrs, gegen di« unsinnige Genußsucht, bis er ew.sah, daß Alles vergeblich war, den Dingen ihre» Lauf ließ und sich wieder wie früher mit Leib und Seele dem Geschäft hingab
Die zweite Million, die dritte war errangen ; mit dem außerordentliche» Erfolg stieg die Begierde noch mehr. Längst schon prüfte Johann Wilhelm nicht mehr die Mittel, die ihn vorwärts brachten; mit dem Bürgermüster, der ftin Mitschuldiger war, machte er eine Reihe bedenklicher Geschäfte zum Nachthrile der Stadt Noch außen freilich blieb er stets der recht- schaffen« Biedermann, dessen unbeschreibliches Glück alle beneideten.
Wer die Orale« s-ines Gewissens gekannt hätte! Den ewigen Kampf zwilchen Schein und Sein, der sein Hrrz durchwühlt?, die endlos langen Nächre, bte ihm höchstens einen kurzen,
ES werden gefordert 3410 Mk. zur Besoldung eines außerordentlichen Professors, 1200 Mk. für einen Assistenten und 600 Mark zu säch- lichen AuSzaben für die Errichtung eines alt- katholischen Seminars. An einmaligen außerordentlichen Ausgaben sllr die Errichtung dieses Seminars werden 3000 Mk. verlangt.
* Die Anfiedeltmgskommisston hat eine ihre Thät'gkeit veranschaulichende Karte heraus- gegeben. Seit ihrer im Jahre 1886 erfolgten Begründung hat die Kommission in der Provinz Posen 113,200 Hektar, in Westpreußen 49,200 Hektar, zusammen 162,400 Hektar erworben, welche auf 264 Gütör und 70 Bauern«irth schäften entfallen. An Ansiedlern waren bis zum 1. Oktober rund 4700 Bauern- und Arbeiterstellen mit einem Areal von 77,00» Hektar (131/2 Quadratmeilen) begeben, und zwar in Posen 3497 Stellen mit 59,000 Hektar, in Westpreußen 1205 Stellen mit 18,000 Hektar. Neuge- schaffen sind dadurch bisher 116 Dörfer, welche mit Kirchen, Bethäusern, Schulen, Armenhäusern, Spritzenhäusern und Dotationsländereien mit einer Gesammtfläche von 4200 Hektar ausgestattet sind.
* Mit Bezug auf die Trinkerfürsorge in Preußen hat der Minister des Innern gemeinsam mit dem Kultusminister unterm 20. Mai 1900 an die Provinzialbehörden einen Erlaß gerichtet, um darzuthu», wie viel Trunksüchtige zur Entmündigung in einem Zeiträume von zwei Jahren, d. h. seit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, gelangten und ob für diese entmündigten Alkoholisiert zur Unterbringung in geeigneten Anstalten hinreichend und zweckentsprechend gesorgt ist. Die Berichterstattung über diese Ermittelungen, welche Dr. I. Waldschmidt-Charlottenburg auf Grund ihm vom königlich preußischen statistischen Bureau zur Verfügung gestellten Materials vorgenommen, wird im Laufe dieses Monats erfolgen. NE diesem umfangreichen Material wurde in Prerß--n im Jahre 1899 Alkoho- lismuS fesch-st llt: In allgemeinen Krankenhäusern bei 13 610 männlichen, 776 weibliche», zusammen 14,386 verpflegten Personen; in in Jrrenansta! ?n bei 6259 männlichen, 716 Weiblichen, zas -mmen 6975 verpflegten Personen, insgesa» wt bei 19,869 männlichen, 1492 weiblichen und zusammen 21,361 oer- pflegten Personen, yierbei war bei 6514 (30,40 pCt.) keinerlei andere Krankheitserscheinung als das reine Bild des Alkoholismus angegeben. Für diese Kranken sind gemäß Punkt drei des betreffenden Ministerialerlasses, welche Anstalten zur Befriedigung der Unterbringung von Trunksüchtigen in Trinker - Heilanstalten sich ergeben, in Preußen 27 Anstalten mit insgrsammt 558 Betten vorhanden, gegen erforderliche 6514. Bezüglich der Vorbeugnngsmittel, um das Massenelend, das durch den Alkoholis- mus hervorgerufen, zu verhüten, verlangt neben der Prophylaxe dir praktische Therapie erhöhte Bedeutung und die Forderung nach Trinkerheilanstalten scheint durchaus gerechtfertigt, waS auch durch dis ministerielle Umfrage nicht bestritte« wird, wenn auch die BedÜrfnißfrage noch des Näheren geprüft werden soll. Außerdem aber stellt sich die Noch wendigkeit eines traumreschwerten Schlaf brachten ! Kein Bettler würde mit ihm getauscht haben. —
Und immer noch klangen die Wrih-iachtS- glocken voll und klar ins dunkle Z tnmer, als wenn sie dem armen Millionär zurufen wollten: Geb zum Kftdr in der Krippe, es wird Dich heüen, folge ihm, und Da wirst den Frieden gewinnen. Friede den Menschen aus Erden, dir eines gut;» Willens fbt\
Johann Wilhelm s ufzte uad erhob sich. Dir guten Willens stad! Er war iS nicht, konnte es nicht sein, ohne f»h Verwögen, seine gesellschaftliche Stillung zu vpferr: — und hierzu fehlte ihm jetzt die Kraft.
Vor Jahren freilich, da wäre cs noch angegangen Damals noch, als er den Hass-lbkck und besonders den Diurnisten Schefor glücklich machte. War er damals nicht voller Glück und Freden geivesen, als er das ärmliche Mieths - haui an der Schm'edpaffe arfol- t von innigen Segenswünschen einer beglückten Familie verließ? Da hatte das reine heilige Glück mche-r ihm gestanden und seinen beseligenden Hauch in seine Seele gesenkt. Er aber halte e« nicht beachtet; und dann kam das öbe Leben des Genusses und dann — das Leben in Schuld und Sünde!
Die Weihuachtsglockm verstummten.
Vom Flur her ward die Thür geöffnet, goldene Lichtwellen drangen herein, und ein starker ausdringlicher Veilchenduft oertfln'uete bftn Sp-kulanten, der gar nicht aufblrckre, daß Frau Marie eingetreten war.
„Bist Du fertig, Jean?" Sir sagte nie mehr Johann.
Trinkerfürsorgegesetzes heraus und hierin find die Schweiz und Oesterreich mit gutem Beispiel v orangegangen.
h Die Aköeitsverhältnisse in chasi- «nd Schanürvirthlchrflen sollen demnächst durch eine Verordnung deS Bundes- ratheS geregelt werden. Der Reichstag soll, wie die ,Soziale Praxis' erfährt, nicht mehr mit der Sache befaßt werden.
* Siegburg, 10. Jan. Wenngleich noch kein abgeschloffenes Srgebniß über die gestrige ReichStagSwahl vorliegt, so kann doch jetzt schon festgestellt werden, daß der CentrumS» kandtd at, Amtsrichter Dr. Becker zu Hennef, mit großer Mehrheit gewählt worden ist. Hier wurden bis 8 Uhr Abends gezählt für Amtsrichter Dr. Becker 1194 Stimmen und für den Fabrikanten Rolffs aus Siegburg (116.) 404 Stimmen. Aus allen größeren Orten deS Wahlkreises werden ebenfalls große Mehrheiten für den Kandidaten deS CentrumS gemeldet.
+ München, 9. Jan. Die CentrumS» Fraktion des bayerischen Landtages richtete durch ihren erstrn Vorfitzenden, Herrn Prälaten Dr. v. ©aller, an Herrn Dr. Kausen zu dessen Schriftsteller-Jubiläum ein längeres Glückwunsch-Schreiben, dem wir folgende Sätze entnehmen: „Im Namen der ganzen Centrums» Fraktion und noch ganz besonders in meinem eigenen bitte ich Sie/ unfern innigsten und aufrichtigsten Dank für all' Ihre erfolgreiche und unermüdete treue Bertheidigung unserer gemeinsamen und heiligen Sache der katholischen Kirche, des christlichen Volkes und unseres Vaterlandes während der vergangenen 25 Jahre nebst unseren herzlichsten Glückwünschen zu allen Ihren Erfolgen in der Vergangenheit und für eine noch reiche, gesegnete und fruchtbare Wirksamkeit auf lange, lange Jahre der Zukunft anzunehmen . . . In aufrichtigster Hochachtung, Verehrung und Dankbarkeit Ihr ganz ergebenster Dr. v. Daller, erster Vorsitzender der bayerischen CrntrumS- Fraktion." Der Auftrag erging in der heutigen Fraktions-Sitzung, der ersten nach den Weihnachts- Ferien.
+ Die Schicksale der Zolltarif - Gesetze sind vollkommen dunkel Aber die eine Thatsache ist nicht zu bezweifeln, daß in den Kreisen der Reichstags-Abgeordneten die Zweifel an der Wahr- fcheinlichleit zunehmen, den Zolltarif einigermaßen glatt zu erledigen. Als einen Gradmesser für dieses Abflaum der Stimmung könxte man zwei Aenßerungen betrachten, die am Lornerstag und Freitag die agrarische.Deutsche Tagesztg/ machte. Am Donnerstag schrieb dieselbe: „Trotzdem glauben wir vorläufig, daß die Kommission zu einem Ergebnisse gelangen werde. . . .“ Am Freitag schreibt sie: „Die Aussichten deS Zolltarifes werden fast in allen Reichstags-Kreisen recht pessimistisch beurtheilt, und man wird kaum sagen können, daß diese Urtheile unbegründet seien. Wie die Dinge liegen, bedarf es keiner eigentlichen Obstruktion, um daS Zustandekommen einer so weitschichtigen Vorlage zu vereiteln . . .“ Auch die .Deutsche TageSztg/ erklärt jetzt dir Gewährung von Diäten an die Abgeordneten als nothwendtg zur Erhaltung einer beschlußfähigen Mehrheit.
Er hob mÜ4e den Kopf „Wozu denn?
„Alberne Frage. Sollen wir bd Bürgermeisters zu spät kommen?"
Er hatte die E nladung fast vergessen. „Ich kann noch nicht. Ich bin trübe, habe Kopfschmerz."
„Faule Ausreden. Du kommst j tz'.!"
S4-, Selbstgefühl bäumte sich auf. „Ich komme nicht. Vielleicht später —"
Frau Marie verlegte sich aus's Bitten. Johann Wilhelm sah erstaunt auf. Sir pfl'gte sonst.nie mehr zu bitten, nachdem sie sich daran gewöhnt hatte zu herrschen. „Gibt es denn einen besonderen Grund?" fragte er.
„Nein — ja — ich weiß nickt. Also Du kommst, nicht war?"
„Jrtzt nicht Ich kann nicht."
„Aber später? B-tte, bitte!" Sie war zu ibm getreten und legte die Hand auf seine Schulter. Der Vetlchenduft war fast betäubend und machte ihn nervös „Geh' nur. Go gegen halb neun hin ich dort."
„Gewiß?"
„Wenn ich etwas sage —"
„Gut, gut, ich weiß schon. Besten Dank. Adieu!"
Im nächsten Augenblick erklangen schon die Grschirrglöckchen des absahrenden Wagens. Ein Peitschenknall, und es war wieder so ruhig wie früher.
Johann Wilhelm stand auf und schaltete das Licht ein. Ein rascher Blick auf die Pendule, die zwischen den buatr geformten venetianifchen Gläsern auf dem Kaminsims stand, zeigte ihm, daß er noch zwei volle Stunden Zeit hatte