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JV? 298.
Fulda, Samslag. den 30. Dezember iooö.
3>. Jahrqanq.
Krstes Wlalt.
K* Wegen des RenjahrsfesteS wird die nächste Nummer unserer Zeitung erst am Dienstag ausgegeben.
* Deutschlands innere Politik im Zahre 1905.
n.
Bedeutsame Tagungen hielten der Reichstag und der preußische Landtag ab. I» dem in das Jahr 1905 fallenden Abschnitt der Session 1904-1905 erledigte der Reichstag zunächst die neuen Handelsvertäge mit den bisherigen Torisveriragsstaaten. Ihre definitive Annahme 'm Reichstag eriolgte Ende Februar. Am 30. März nahm der Reichstag dann weiter die Erhöhung der Friede nspräsenzstär ko des Heeres unter Festlegung der zweijährigen Dienstzeit an. Etwas überraschend wurde das Reichsvarlament am 31. Mai geschlossen. Am 5. November wurde eine neue Session eröffnet mit einer sehr ernst gehaltenen Thronrede, wclclie u. a. eine starke Flottcnvermchrung und eine Reichsfinanzreform mit einer Viertel Milliarde neuer Stenern ankündigte. Der erste Cessioiisabschnitt vor Weihnachten brachte nur die erste Etatsleiung. mit der eine Generaldebatte über die beiden eben erwähnten Vorlagen verbunden wurde.
Ter pr-nßischeLandtag tagte bis jtttn 1. Juli. Seine Arbeiten gipfelten in der Annahme der Kanalvorlage (8. Febr. bezw. im Herrenhause am 1. Avril) und der Berq- gesetznovelle. Tie am 5. Dezember eröffnete neue Session brachte vor Weihnachten in der Hauptsache nur die erste Lesung der Volks- schulunterbaltnngsvorlage. A» wichtigeren Ersatzwahlen zum Reichstage fehlte es im Laufe des Jahres nicht. Hervorragendes Interesse beanspruchte die Wahl in Essen, die der Tod des verdienten Aentrumsabgeordneten Stöbe! notwendig machte. Sie endete mit einem glänzenden Siege des Zentrums über den So- Saldemokraten, der von Nationalliberalen und reisinnigen unterstützt wurde.
. Einen großartigen Erfolg brachten die L a n d- ragswählen in Pavern am 1«. Juli dem Zentrum. Sie schufen eine fast Zweidrittelmehrheit in der neuen bayerischen Kammer für eine gründliche Wahlgesetzreform. die dann auch unter Annahme des Prinzips des allgemeinen gleichen Wahlrechts noch vor Weihnachten in der Kammer zmtande kam. Die liberale Prelle zeterte viel über ein ad hoc berbeiaefübrtes Zusammengehen des Zentrums mit der Sozialdemokratie. Wenige Wochen spater bildete sich in Baden ein aus Sozialdemokraten, Nationalliberalen, Freistnni- gen und Temokraten zusammengesetzter „Block", der nach einem großen Erfolge des Zentrums im ersten Wahlganae dasselbe hinderte, im zweiten Wahlgange die absolute Mehrheit zu erreichen.
Verschiedene Ministerwechsel von Be- oeutung voll-oger. sich. In Preußen trat im März der Oberpräsident von Bethmonn-Hollweg an die Stelle des verstorbenen Ministers des Innern Freiberrn von Hammerst-in. Im Oktober löste der Oberpräsident Dr. Delbrück den bisberiaeu Handelsminister Master ab, und gegen Ende des IabreS ersetzte der Oberlandesgerichtspräsident Beseler den scheidenden Iustizminister Sckoen- stedt. In Bayern löste General von Horn anfangs Avril den bisherigen Kriegsminister von Asch ab.
kl c. Silvesterabend.
Von Henriette Bery.
(Nachdruck verboten.)
Es war bitterkalter Abend. Die Schnee- schanfler, welch» in den Straßen den dichtfallenden Schnee wegfegten, hielten zuweilen inne und hauchten in die frosterstarrten Hände. Mancher stützte sich auch wohl eine Weile auf seinen Besen oder zog aus der Rocktasche eine Flasche hervor und führte sie zum Munde.
Die festlich geputzten Leute freilich, die jetzt aus dem Theater berau«fh omten und lachend und plaudernd durch die Straßen schritten, spürten wenig von der Kälte.
„Aber sieh doch nur, Emil", sagte sie empört, „diese Menschen können sogar bis in dte Nacht hinein von ihrem Schnaps nicht lassen! Unbe» greiflich! Und bann spricht man noch von Proletarierelend . . ."
„Laß doch", unterbrach ihr Begleiter, sie weiterziehend, „bei dieser Hundekälte mag ein Schluck Branntwein sie wohl von innen e wärmen."
Der Arbeiter ballte die Faust hinter ihnen. Aber schweigend schaufelte ei weiter, in düsteren Gedanken vertieft. Als es vom Rathausturm elf Uhr schlug, warf er sein Arbeitsgerät auf bett Karren, rief seinen Genosien ein paar er- klärliche Worte zu und eilte hastig nach Hause. Rach elf Uhr, hatte der Arzt gesagt, wolle er noch einmal nach seinem Knaben sehen, denn heute abend war die Krisis!
Er öffnete die Siudentür und trat ei«. Der Arzt war noch nicht da. In einer Ecke des He-nett Gemaches stand das Bettchen des Kranken, eines etwa fünfjährigen Knaben. Vor dem Lager laß ein Weib. Sie sah vergrämt und «erbittert aus. vorzeitig gealtert. In chren tief»
Mit Wiederbeginn der Reichstagsverhandlungen erfolgte auch ein Wechsel in der Leitung der Kolouialverwaltung, indem an die Stelle des Dr. Stübel der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg trat.
Unsere Kolonien waren im vergangenen Jahre vom Unglück heimgesucht. Zu dem Ausstand der Herero und Hottentotten in Deutsch- Südwestafrika, besten Bekämpfung große Opfer an Geld und Blut forderte und noch fortgesetzt fordert, wenn auch nach dem ansang November erfolgten Tode Hendrik Witbois durch die Unterwerfung zahlreicher Witbois die Situation etwas gebcstert erscheint, trat Ende August ein sich mehr und mehr ausdehnender Aufstand der Eingeborenen in Deutsch-Ostafrika, der gleich zu ansang das Leben des Bischofs Spitz und mehrerer katholischer Missionare forderte. Unsere Schutztruppen sind zwar bis jetzt überall siegreich gewesen, aber eine völlige Unterdrückung der Unruhen steht noch in weitem Felde. Auch in K a m e- r u n kam es zu Empörungen der Eingeborenen. Dieselben trugen aber einen mehr lokalen Charakter. Einen Lichtblick in der Kolonialpolitik bildete der anfangs Oktober in Berlin abgehaltene Kolouialkongretz, der eine Einmütigkeit weiter Kreise über die Aufgaben und Ziele unserer kolonialen Bestrebungen bekundete.
Einen erhebenden Verlauf nahm der diesjährige Katholikentag in Stratzburg i. E., der am 20. August und die folgenden Tage versammelt war. Wahrhaft kläglich nahm sich dagegen der Mitte September in Jena abgehaltene sozialdemokratische Parteitag aus, der eine einzige große „Dertnschungskonimission" darstellte, sich in blutigen revolutionären Phrasen erging, und es doch nickt hindern konnte, daß gleich nachher im Anschlutz an die Maßregelung einiger allzuzahmer „Vorwärts'-Redakteure ein Parteigezänk losbrach, das die ganze Hohlheit der Sozialdemokratie in hellem Lickte zeigte. Außerordentlich bedenkliche Folgen züchtigte dos Schüren der Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern seitens der Sozialdemokratie; sie zeigten sich in einer starken Zunahme der Streikbewegung, der die Arbeitgeber vielfach umfassende Aussperrungen entgegenstellten. Abgesehen von dem groben Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier im Januar und Februar, der durch das Versagen berechtigter Forderungen der Berg- arbeitet herbeigeführt und durch die gesetzgeberische Aktion der preußischen Regierung beigelegt wurde, sind zahlreiche Streiks au verzeichne« gewesen, > 5, in geradezu frivoler Weise von der Sozialdemo, fratic vom Zaun gebrochen wurden und leibet dazu bei getragen haben, die sozialen Gegensätze zu verschärfen. Eine bedenkliche Rolle spielte die Sozialdemokratie auch in der sächsischen W a d l r eck t sdeweg u n g , die am 19. Dezember in Dresden dank der Aufhetzung der Masten durch sozialdemokratische Agitatoren schon zu Straßenunruhen führte, bei welchen Blut floß.
Recht unblutig, d. h. im Sande, verlief dagegen die sogenannte Fleischnotbewegu ng, die als bleibende Erinnerung nur die Einrichtung eines deutschen Städtetages zeitigte. Unrühmlich entwickelte und verlief auch die st u- denk ische Bewegung, die unter dem Deckmantel eines Kampfes für die akademische Freiheit die katholischen Studentenkorporationen reckt loS zu machen suchte. Glücklicherweise vergeblich.
Erwähnen wollen wir noch, daß im Sommer die Cholera von Rußland her Deutschland be- drohte. Energische Maßnahmen der Behörden verhinderten aber ihr Umsichgreifen. Um diesen Rückblick mit einem lichten Bitte zu schließen, sei noch an die begeisterte und einmütige Huldigung erinnert, die das deutscke Volk Anfang Mai den Manen Schillers darbrackte.
liegenden Äugen, bie mit starrem Ausdruck vor sich hinschau en, stand eine ganze Geschichte von Leid und Eiend geschrieben.
Dre Frau rührte sich nicht, al? der Mann eintrat. Sem erster Blick galt dem Kinde. Bewegungslos wie eine Leiche lag es in den Kissen. Ein plötzlicher Schreck n durchrieselte ihn. War e« toi? - „Marie, was ist mit dem Kinde?"
Sie wandte den Kopf nicht. „Den ganzen Abend lag es in fürchterlichen Ärämpm,' sagte sie mit zuckenden Lippen, „<eit einer Stunde ist es ruhig, kaum noch atmend. Ich weiß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist, oder — oder — das Erlöschen."
Sie sprach mit monotoner Stimme, aber ein tiefer Schmerz lag darin, eine zitternde Angst, ihr Kind zu verlieren — ihr geliebtes, einziges Kind, chren Trost in dem Elend ihrer Ehe.
Der Maun beugte sich ängstlich forschend über den Klemen und warf sich dann seufzend auf die Holzbank. Wie lange der Aizt doch blieb! Wenn es zu spät war?
Auch ihm war der Knabe alles! Er war ein wüster Meuich geworden, seit er in schlechte Gesellschaften gerat n, streitsüchtig und jähzornig — sein Weib wußte davon zu erzählen — aber das Kmd liebte er. Die Liebe zu seinem Kinde war die einzige weiche Stelle in seinem Gemüle.
Er hörte den Schritt des Arztes und öffnete hastig die Tür. 9)iit flüchtigem Gruß trat der Arzt schnell zum Bettche: des Patienten, während der Mann mit vorgeneigtem Kopse mitten in der Stube stehen blieb. Auch das Weib war aufgestanden und hielt sich krampfhaft am Bett- pfosten. Beider Augen hingen voll Angst an seinen Lippen. Endlich richtete der Arzt sich auf.
«Danken Sw Gott, — der Knabe ist gerettet-, sagte er bewegt, »das Fieber ist gebrochen, er schläft ruhig.-
veutjches Reich.
Berlin, den 29. Dezember 1905.
.. Der Kaiser empfing am Donnerstag den Londoner Finanzmann Alfred Beil. Ter Empfang dürfte wahrscheinlich daraus zurückzu- fübten fein, daß Herr Beck dein Ber iner „Alten Museum" vor einiger Zeit mehrere weit- volle Schenkungen machte, welche den Kaiser lebhaft interessierten. Politische Bedeutung kann der Empfang wohl kaum beanspruchen, doch verdient er vielleicht insofern größere Beachtung, als et in eine Zeit füllt, in der man sich ernstlich bemüht, zwischen Deutschland und England freundschaftliche Beziehungen zu schaffen.
.'. Dem verstorbenen UnterstaatssekretLr Wilhelm v. Fischer widmet der.Reichsanzeiger' einen ehrenvollen Nachruf Der Berstorbene habe sich durch hohe Sachkunde, insbesondere auf allen Gebieten des Reichs, teuer wesens, durch sckarjes Urteil und großen Fleiß hervorragend betätigt und sich namentlich auch in den von ihm eingenommenen leitenden Siellungen beim Rerch-schatzauile als ein Beamter von besondrer Tüchtigkeit und seltener Arbeitskraft erwiesen. Sein Heimgang erwecke tiefe Trauer. Sein Andenken werde treu in Ehren gehalten werden.
* Der preußische Staatshaushalt für 1906 ist im Entwurf sirtiggesiellt. Er enthält zwar eine Reihe Reuerungen. Ueberraschungen wieder kaum bringen. Bekannt ist bereits, daßdieWoh- nungsgeldiuschüsse für die Unterbeamten erhöht werden sollen. Tas neue Vollsschulgeseh w rd, sein Zustandekommen vorau-gesetzt, »n der Hauptsache den Etat tür 1907 beknien, nut einige auf die Schulder Hallnisse bezügliche Aenderungen wird bereits der Etat fit 190(1 aus wecken, io z. B. die angeiordetten 3 Millionen zur Beseitigung der schlimmsten Härten der Lehretbe- ioldung auf dem Lande. Recht mannigsattig sind die Forderung, n im Etat der ErsenbahnverWallung. Es werden zunächst nachträglich 17 Millionen Mark für im Etatsjahr 1905 cm geschaffte bezw. anzuschaffende außereiaismäßige Betriebsmittel gefordert. Für die Neubeschaffung von Betriebs- Mitteln sind 160 Millionen Mark eingestellt. ,<yüt &» Verbesserung der Signaleinrichtungen eingleisiger Strecken sind 2 Millionen Mark vorgesehen. Das Erlraoidmarinm der Eisenbahn- Verwaltung beläuft sich auf 146 Millionen Mk. Der Etat der Handels- und Gewelbeverwaltung weist Neusor der ungen auf u. a im gewerblichen Fachschulwesen, für Rechtsschutz, der der Zustiz- veripaliung für Lermehrung der Richterstellen, ifir die Teilnahme an staatswisiemchasilicken Kursen u s. w. Der Etalsentwurs soll gleich nach den Weihnachtsferien vom Freiheir o. Rheinbaben im Abgeordnetenhaus eingebrachi und begründet werden. Da auch in dieser Session die vorherige Feststellung der Dispositionen für die Etatsberatung beabsichtigt ist, so ist mit Be- ffimmtheit daraus zu rechnen, daß der Etat für 1906 ebenso wie der für 1905 rechtzeitig fertig gestellt wird.
.'. Die offiziöse Ableugnung des angeblichen „Ultimatums" deS Reichsschah- sekretärs ist einigen Blättern nicht genügend. Sie erinnern daran, daß in der in dem offi- siösen Dementi angezogenen Begründung der Steuervorlagen ausdrücklich gejagt ist, die Vor- ichläge bildeten eine „einheitliche Vorlage" und
Tie Frau fiel kraftlos auf einen Stuhl. Ter Mann drückte stumm die Hand des Arztes. daß üe schmerzte, er suchte vergeblich, seiner Rührung, Herr zu werden.
Der Arzt ging. Die beiden waren roiebei allem. Das Kind schlief ruhig weiter. Wiemaiib sprach ein Wort, um feinen Schlummer nicht zu stören. Die Frau war in ihre vorige Stellung iurückgefunken. Sie hatte dre Hände gefaltet und ihre Lippen bewegten sich leise.
Der ÜJlann sah zu ihr herüber. In seiner glücklichen Stimmung ob der Rettung des Kmdes hatte er das Bedürfnis, mit jemand zu sprechen.
„Maria", sagte er freundlicher wie sonst Aber sie hörte ihn nicht, sie schien seine Gegenwart vergessen zu haben.
Da wallte sein leichterregtes Blut zornig auf; aber um des Kranken wißen mußte er sich full verhalten.
Wie elend und abgehärmt üe aussah! — Und sie war doch früher ein so hübsches, blühendes Weib gewesen! ....
Früher! Ja, früher war auch er ein anderer Mensch gewesen, cm ganz anderer, und sie hatten glücklich und zufrieden zusammen gelebt! Aber qann war er auf Abwege gekommen —.
Seine breite Brust hob sich schweratmend. Ob es nie mehr werden konnte wie früh«? Koi nte er nicht ein anderer Mensch werden?
Es gab doch etwas, das sie verband: Er sah nach dem Kinde und dann wieder forschend nach der Frau, lieber ihre hageren Wangen rollten jetzt große Tränen, und mit einem Male legte sie den Kopf auf die Kiffen und weinte krampfhaft.
Das griff ihn ans Herz und weckte längst «stickte Gefühle wieder aus. Er trat zu ihr und sagte leise: „SDlatie, wein doch nicht." — <5te schluchzte nur heftiger.
die Verbündeten Regierungen würden es nicht zugeben, daß diese E inbei lichleit zerstört wttbe. Wir finden darm ke nen Widerspruch. Der Umstand, daß in dem Dementi der .Nordd. Allg. Ztg/ auf diese Stelle der Begründung nicht zurückgegriffen ist, scheint uns darauf hinm- fceuien, daß die Verbündeten Negierungen jetzt nicht mehr in so strenger Weve die ..Einheit» lichkeit" betonen möchten. Tie.Deutsche Tageszeitung' faßt die heutige Stellung der Delbün- beien Regierungen datun auf, daß dieselben gegen die Herausnahme der einen oder anderen Blume aus dem Steuerbulett sich nicht wehren würden, wenn nur eme andere aleichweitrge ein» getügt werde. Als solche empfiehlt das Blatt bann wieder eine Erhöhung der Börsensteuern und einen Ausfuhrzoll auf Kali. Unteres Erachtens bildet die genaue Festsetzung des tatsächlichen Mehrbedarfs die Grundlage für die Erörteiunq dieser Fragen.
* Ter deutsche Handelstag, der am 19. und 20. Februar 1906 in Berlin tagen wird, wird sich u. a. mit den Sieuervorlagen dec Verbündeten Regierungen beschäitigen; weitere Punkte der Tagesordnung betreffen die Besteuerung der Ge'ellschasten mit beschränkter Haltung, die Flei'ch- teuerung, die Personen! risresorm und die Gerichtsvollzieherordnung.
* Der Nicktritt des braunschw:igischen Bundesratsbevollmächtigten Frhr. von Gramm» Burgdorf ist in der Presse vielfach kommentiert morden. Man ist dabei zu den widersinnigsten Annahmen gekommen. Ein Berliner Blatt halte z. B. herausgebracht, daß Frhr. von Cranim Gegner der Tabaksteuer Vorlage sei und darum seinen Posten habe aufgeben müssen. Ein anderes Blatt faßte den Rücktritt sogar als ein An reichen eines bevorstehenden Cystemwechsels in Braunschweig aut. Ter wahre Grund des Rücktritts ift aber unpolitischer und recht prosaischer 'Jiatur. Da- Charlottenburger Amtsgericht hat nämlich am Donnerstag über das Vermögen des Frhr. ö. Cramm das Konkursverfahren eröffnet. Wie daS .Berliner Tageblatt' wissen will, halte Frhr. v. (Stamm Blankoakzepte gegeben mit der Bedinaung, daß nicht über 6000 Mk. hinaus- gegangen werden dürte. In einem Falle wurde eift Akzept in Höhe von !OO,000 Mk. in Umlauf gesetzt. Um sich gegen unberechtigte Forderungen zu fchützen, hat Herr v. Cramm seinen Konkurs onaemelbet Da übriaens der von Eram'n'sche Belitz arößlenteils Fideikommiß ist, so werden die Gläubiger sich kaum schadlos halten können. .
** Ter preußische Lehrerinnentag hat in seiner weiterH Verhandlungen die bereits gestern e.wähnte Resolution, welche die Verquickung der finanziellen Frage mit der konfessionellen Mißbilligt, angenommen. Ferner wurde em Antrag angenommen, der über dte Bestimmungen des Entwurfs heraus Raum für die Simultanschule verlangt. Den Schulgemeinden soll es freigestellt fein, ob sie konfessionelle oder gemeinsame Schulen errichten bezw einrichten wollen, auch soll ihnen das Recht zustehen, konfessionelle o'er gemeinsame Schulen nebeneina- der einzurichten. Eine weitere Resolution ve»langt, daß auch den Lehrerinnen die Teilnahme an den Schuldeputationen zugestanden werden müsse.
*, Ein „Wegweiser zum Zukunftsstaat" ist von einem Genossen Jakobten heruusgegeben. Die Wochenschrift macht einen so seltsamen Ein«
„tiRarie, warum weinst Tu?" fragte er ergriffen.
Stoßweise brach es aus ihr hervor: „Weil . . . weil ich . . . mein Kmd . . . behalten Darf ... o, Gott ist gut . . . so werde ich doch nicht . . . ganz elend fein . . ."
Da war er erichüttect. — Armes Weib! Wie sehr mußte sie gelitten haben — durch seine Schuld!
„Marie," sagte er unsicher und faßte scheu ihre Hand, „Marie, kann es zwischen uns nicht mehr werden — wie früher?"
Sie blockte erstaunt auf. Einen Augenblick flog es wie heiler Schein über ihr Gesicht, dann aber schüttelte sie hoffnungslos den Kopf. Sie hatte schon zu viel Leid erfahren, sie glaubte nicht mehr an ihn.
Aber er faßte ihre Hand fester. ..Marie, ich weiß es wohl, ich bäte Dich schlecht behandelt, aber ... um unseres Kindes willen, das uns heute neu geschenkt ist, vergiß alles I Marie, ich will ein besserer Men ich werten — laß uns das Vergangene begraben un > mit dem neuen Jahre ein neues Leben aufangen! Marie. . der große, starke Alana breitete die Arme aus — da warf sich das Weib roeiuenb an seinen Hals und barg den Kops an seine Brust.---
In diesem Augenblick erwachte der kleine Kranke und blickte nut klaren Augen um sich. „Baler, Mutter!" flüsterte er matt und lächelte.
Mit einem Freudenruf beugten sich die Eltern über das Beuchen.--
Da schlug es vom Turme Mitternacht. . . . DaS alte Jahr versank, ein neues begann! Die Beiden reichten sich zum pummen Gelöbn s die Hände — sie wußten, daß mit dem neuen Jahre ffir sie auch ein neue», besseres Leben fernen Anfang nahm.