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Dtranitoortltdxr Sd>rtftietter: 3 Baum; für bit Bn$ttotn J. par,.ner in Snlbe.
Hnjetgen: Bit em fp lüge prtitzei e ober deren Bannt 15 Pfg. Reflamtn die Petitzeile 25 Pfg.; bei Wiederholungen wirb entspk. Habatt gewährt.
Boiattonsornd n. vertag »er «albaer Mo tirnbru irret in .tuIba.
Xernipre per Br. v.
Fulda, Samslaq, den 23. Dezember woö.
M 294.
3 Jahrqanst.
Erstes Wlalt
bedarf keiner Wiederholung.
Unter diesen
Umständen verstellen wir nicht, wie sich die .Deutsche Tageszlg/ noch vor wenigen Tagen dazu hergeben konnte, den gegen den Slaatsie retär gerichteten Machenschaften Vorschub za leisten.
Wegen des hl. Weihnachtsfestes wird die nächste Nnmmer unserer Zeitung erst am Mittwoch ausgegeben.
»rängen, daß es in der Welt besser ausiehen würde, wenn es gelänge, dem Weien des Weih- nachtssestes im Veben der Völker auch nur einigermaßen den Einfluß zu schaffen, den es im Leben des Einzelnen hat. Leider sind wir heute davon «rettet entfernt wie je zuvor. Tie Leiden- chasten schweigen auch in der Weihnachtszeit nicht und mache« das Wert vom Frieden auf Erden nur zu oft zu Schanden. Das gilt für dte innerpolitischen Verhältntffe wie für die auswärtigen politischen Ereignisse. Gerade jetzt h.bt das Geipenst der Klajlenverhetzung bei uns sein Haupt höher als je zuvor, und im Osten, in Rußland vermag auch das Weihnachtssest den blutigen Greueln der Revolution nicht Einhalt zu tun.
Angesichts dieser Vorgänge muß gerade das diesjährige Weihnachlssest unserer Ansicht nach den Einzelnen veranlaffen, noch mehr als bisher sich zu bemühen, dem Sinne des christlichen Weihnachtsfestes durch Betätigung der Räch st en liebe und Barmherzigkeit gerecht zu werden. Jeder an seinem Teile muß dazu beitragen, daß das: „Friede den Menschen auf Erden!" mehr und mehr zur Wahrheit werde. Der Blick soll nicht hasten an der nächsten Umgebung; wer nur ein wenig weiter schaut, erkennt so manche Gelegenheit zum Wohtlun, die sich fast gebieterisch dem ausdrängt, der die Pflicht d.'r Barmherzigkeit noch anerkennt. Wenn das Weihnachtssest dazu beiträgt, das Bewußtsein dieser Pflicht zu stärken, jo ist das der beste Segen des Festes.
* lieber die Reichsfinanzreform hat sich der Staatssekretär Freiherr v. Stengel einem Bei tretet der .Sozialpolitischen Rundschau' geäußert,indem er die äußersten Grenzen kennzeichnete, in welchen eine Verständigung über die neuen Steuergeletze zwischen den verbündeten Regierungen und dem Reichstage möglich sei. Die .Germania' bemerkt dazu, sie glaube nicht, daß das „Ultimatum" vom Reichstag werde angenommen werden. Die Quittungssteuer dürste auch .modifiziert" keine Aussichten haben. Eine völlige Ausicheidung der Bier- und Tabaksteuer aus dem B. kett beabsichtige die Rtichstagsmehrheit ohne Zweisel nicht, aber ebenso müsse e» als ausgeschlossen betrachtet werden, daß ber Reichstag Einnahmen aus ihnen in her Höhe bewilliat, wie sie der Schatzsekrelät in Aussicht genommen habe. Die angekündigte „Prüiung" werde das nicht ändern können. Was der Staatssekretär von der Erbschaftssteuer gesagt habe, scheine ein Entgegenkommen im Sinne der Ausführungen des Abq. Fritzen in Aussicht zu stellen. Tie.Germania' schließt ihreAussührunaen mit folgenden Sätzen: „Gänzlich scheitern müßte schließlich die Berständieuna doch an der Forderung, daß die Einnabmevermehrung in ihrer Höhe nicht wesentlich verkürzt werden dücfe. Die 230—250 Millionen erhält Freiherr n. Stengel nun einmal nicht, und an eine völlige Be reiung der Emzelstaaten von ungedeckten Matrikularumlagen ist nicht zu denken."
* „Sturmzeichen in Preußen" überschreibt dir Nalional-Zta " einen Artikel, in welchem sie darauf hinweist, daß die Sozialdemokratie auch in Preußen sich zu^Skanendemonstrationen rüste. Am 14. Januar soll die Verteilung von Millionen von Flugblättern stattsinden und am 21. Januar sollen Hunderte von Maffenversamm- lungen abgebalten werden, in denen über die Propaganda für das allgemeine Wahlrecht beraten werden soll. Die „diational-Ztg." meint dazu: „In den Massenversammlungen am 21. Januar werden sich sicherlich viele Tausende zusammen- d'ängen; die Führer werden wobl nicht aut der Straße dentonstrieren, dazu fehlt ihnen die Courage; aber wer bürgt dafür, daß dies nicht wie Sachlen von Seiten der Massen geschieht! Bei einer fanatischen Masse von tausenden unreifer Burschen in Berlin und den großen Industriezentren muß man auch aus das schlimmste gefaßt sein. Darum: „Vidennt consule*. so lange es Zeit ist" — Auch wir sind der Meinung, daß |eber Hinaustragunq ber Politik auf die Straße mit allem Nachdruck entgegengetreten werden sollte.
.-. Tie Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach dem russischen Ostseehäfen haben die Reichstagsabgeordneten Pauli-Potsdam und Froelich beim Reichskanzler beantragt. Der Antrag hat folgenden Wortlaut: „Angesichts der von Stunde zu Stunde wachsenden Gefahr, die unsere Bolksgeitoffen in den baltische« Provinzen bedroht, beantragen die ergebenst Unterzeichneten: Ter Herr Reichskanzler wolle — eventuell unter nachträglicher Genehm.qung des zurzeit verlegten Reichstages, da ein Aufschub von unabsehbaren Folgen wäre — geneigtest unverzüglich eittige Kriegsschiffe an die russischen Ostseehäfen schicken, um die Deutschen aus ihrer bedrängten Lage zu retten und der Vernichtung des Deutschtums vorzubeugen."
* Ter Versuch, einen Entrüstungsfiurm gegen den Bolksschulgesetzentwurf zu inszenieren, der von ber radikal-liberalen und demotratstchen Presse unternommen wird, wirb von der »Deutsch. Tageszlg.' mit Recht kräftig verspottet. „Was es mit solchen Entrüstungsslürmen auf sich hat".
emerkt bas B alt, „weiß man zur Genüge. Meistens haben die Entrütteien bas Gesetz nitit studiert oder nicht verstanden!" Das ist vollkommen richtig und dürfte unteres Erach ens auch für zahlreiche Volks schnllehrer unb Volls- schullehrerinnen gelten, welche den „Entrüstungs- rummel" mitmaAen.
Der brutsche Landwirtschaftsrat hält vorn 6 bis 9. Februar k Js. seine 34. Ptenarver- samuilung in Berlin ab. Auf ber Tage? rd- nung steht u. a die Frage ber Verschmelzung ber Arbetterversicher ungsgesetze, ferner die Bekämpfung bes Giiindstückivtichers, die Erhaltung der deut'chen Kalilager für die inländische Produkt.on, ber Schutz der deutschen Milchprodukt on, ber Gesetzentwurf über den Versicherungsvertrag, Die Ausschließung gewiffer Stoffe bei ber Denaturierung von Futtermitteln. Außerdem soll bie Herbeiführung günsti erer Bedingungen für die T«s^-onbenutzung auf dem Laude erörtert werden, sowie bie Regelung des Verkehrs mit Krastsahrzeugen auf dem platten Laune, bie Entlastung ber Landwirttchaft bei ber Bekämpfung ber Maul- und Klauenseuche.
* Das Hinausschieben des Inkrafttretens des neuen russischen Zolltarifs um einen Monat halten die Aeliesten der Berl.iier Kausmaiinschaft in einer Eingabe an den Reichskanzler erbeten. Sie begründeten ihr Gesuch damit, daß infolge der anbarurriben Verkehrsstörungen, der inneren Wirren und der llusicherheit der öligem, inen wirtschaftlichen Lage in Rußland das Autsachen unb der Eingang von Warenbestellungen baselbst sehr verzögert werde. In seinem Aickivottschieiben teilt der Reichäkanzler mit, baß bet bet russischen Regierung nicht die Absicht bestehe, den Termin der Jnkrastiehung des russischen neuen Zolltarifs hinauszriichieben; er werde es sich aber in Rücksicht aus die augenblickliche Lage angelegen sein lassen, so weit möglich, ou| schonende Heber« leitung in die neuen russifchen ZöllnerHäUnisse pnzuwnken.
' Den Hilfsaufruf für die notleidenden Deutschen in Nußland begleitet bie ,Voidd. Allg. Zig/ mit warm empfehlenden Worten: „lieber bie Notwendigkeit einer solchen Hilss- akiion ist", lagt das oifiziöse Bl tt, „kaum ein Wort zu verlieren. Täglich müssen wir Rach- richten bringen über die zunehmende Rat der Deutschen in Rußland, bie vielfach aus bem Zu- sammenb.uch nut ihr nacktes Leben retten tonnen, während derer, die in Rußland verblieben sind, ein vielleicht schreckliches Schicksal harrt. Der Hilssausschuß wird genug zu tun bekommen. Tcnisende von Flüchtlingen besinden sich bereits in Königsberg, andere kommen über Posen, ein kleiner Teil auch über Schlesien nach bem Reich. Viele von diesen Flüchtlingen weiden einen sehr erfreulichen Zuwachs für unsere Bevölkerung bedeuten. Es sind z. B. zahlreiche Landarbeiter barunter, die seht wohl der Fe darbeiternot bei uns steuern und die ruififtfrpotnnd>en Saisonarbeiter in Zukunft überflüssig machen tönmn. Desgleichen kann unsere Industrie manche von den Industriearbeitern, die aus Lodz und anderen Judustrieorlen des russischen Westens lonimen, gebrauchen. Das Blatt begrüßt es mit besonderer Genugtuung, daß ber Ausschuß, ber bie Hilfsaktion in die Hand genommen habe, bie verschiedensten Parteien unb Gesellschaftsklassen umfasse und über bas ganze Reich ausgedehnt toetben solle. Es sollen sämtliche Bürgermeister unb Oberbürgermeister angegangen werden, die Bildung örtlicher Ausschüsse unb Sammelstellen an wegen. Dem Ausschuß gehören n. a. bie
Deutscher Reich.
Berlin, den 22. Dezember 1905.
* Reichskanzler Fürst Bulow empfing am Donnerstag bie Deputation der Vereinigung für rechts- und volkswissenschaftliche Fortbildung in Köln, bestehend aus dem Oberbürgermeister Becker, Justizrat Trimborn und Kommerzieniat Michels.
* Dem Staatstekrelär Grasen v. Posadowsky erteilt bie »Deutsche Tagesztg/, bie den Staats- sekrc 5r vor einigen Tagen bekanntlich in einen gewissen Gegensatz zum Reichskanzler zu bringen versuch'e, ein förmlich^ Veitraueiisvoluin. Sie wendet sich gegen ein freisinniges Blatt, in welchem die letzte Rede des Staatsfekietärs als Schwanengesang behandelt wurde. Die.Deutsche Tages- ztg/bemerkt daiu: „DaßGraf v. Posadowsky jetzt während einer ungemein bedeutsamen Reichstags Session daran denken könnte, aus dem Amte zu scheiben, ist vollkommen ausgeschlossen. Er hat auch kein Wort gesagt, aus bem man von dem Vorhandensein eines beiaitigen Gedankens hätte schließen können. Im Gegenteil, ber ganze Inhalt seiner Aus üdrangen ließ vielmehr darauf schließen, baß der Staatssekretär entschlossen sei, an der notwendigen Erneueiun >s - Arbeit selbst t. ilzunehmen. In ern ft hatten politischen Kreisen glaubt man auch nicht, baß Graf v. Posadowsky, bem bisher in keiner Weite Amtsmüdigkeit anzusehen war, in absehbarer Zeit aus bem Dienste scheiden werde, den er, rote wir mehrfach hervorhoben, mit burchaus anerkennenswerter Pflichttreue versehen hat. Wie unendlich schwer es sein würde, für ihn einen nach ollen Richtungen unb auf allen Gebieten vollwertigen Ersatz zu finden.
' Wkilfttitchttn.
Wiedereinmal erklingen die Weihnachtsglocken, wieder einmal brennen bie Kerzen am Christbaume unb roieber einmal erklingt bas Wort: „Friebe den Menschen aut Erden, die eines guten Willens sind!" Wohl an keinem Festtage im Jahre öffnet sich das Menschenherz so leicht der Freude, wie zu Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Wie es vr nun fast 20* >0 Jahren ber Menschheit das Zeugnis und das Unterpfand der unendlichen Liede und Barmherzigkeit Goties brachte, so ist das Weihnachts- fest heute für Millionen unb Millionen die Gelegenheit, anderen Menschen Freude zu bereiten durch sichtbare Zeichen der Liebe und Zuneigung. Gewiß, Rächstenliebe und Barmherzigkeit ist die Pflicht eines jeden Cl)risten lagern tagaus, aber niemals in die Ausübung dieser Pflicht mit einem solchen Schimmer von Poesie umgeben, wie am Weihnachtsfeste.
Für viele Menschen, selbst unter denen, die sich Christen nennen, hat ja leider der Ursprung des Festes seine Bedeutung verloren; sie betrachten es nur noch als bie alljährlich wieder- febrenbe Gelegenheit, mit Geschenken zu prunken und benten nicht daran, baß sie dadurch bas Fest »eines schönsten Glanzes entfleiben. Man bat sich bemüht, ben Ursprung deS Weihnachlssestes auf das Heidentum zurückzuführen, um ihm so feinen christlichen Charakter zu nehmen und die Einbürgerung der Sitte des Eeschenkegebens an Weihnachten auch in nichtchristlichen Kreisen zu er Laten ober auch zu rechtfertigen. Diele historltchen Untersuchungen mögen immerhin ergeben, daß man im Heidenlume um die Zeit ber kürzeiien Tage ein Fest feierte, an bem man sich gegenseitig beschenkte, so vermag dieses Ergebnis doch nicht bie Tat a e umzustoßen, daß das Weihnachtsfest des Christentums ein n ganz andern Inhalt hat, als das heidnische Fe st der Sa t ur nahen.
Für bei Christen ist das Weihnachtsfest bie Erinrie.unq an das Wunder der Menschwerdung Gottes, das nur bie unerschöpfliche göttliche Liebe zu vollbringen vermochte. Erst dadurch erhält bis Weihnachtssest seine eigentliche Weibe, unb für jeden Cinisten muß, wenn er das Fest in rechter Welle begehen will, biefe Eiinnerung die ©runbftimmung abgeben. Erst aus ihr leiten sich dann bie Gesinnungen ab, bte sich in den Zeichen ber Liebe zu den Mitmenichen kundgeben, erst sie vermag auch das geringfie Geschenk zu einer wertvollen Gabe zu machen.
Das Weihnachtssest wird auf der ganzen Erbe ge'etert. Für bie ganze Erbe galt ja auch bas Wort: „Friede den Menschen, die eines guten Willens sind!" Um wieviel anders würde es um bie Memchheik stehen, wenn sie bieses Wort nicht so oft vergessen hätte! Wenn nicht nur der Einzelne, sondern auch die Völker sich dann erinnerten, baß ihnen das Weihnachtssest ben Frieden bringen sollte! Gewiß, in der Politik sollen keine Gesühlsstimmungen gelten, ober ber Gebaute läßt sich boch nicht zurück-
Der lveihnachlsbattm.
Erzählung von A. Straßburger.
8] (Rachdruck verboten.)
(Fortsetzung aus dem zweite» Blatt.)
Die Geschenke für das Fest mehrten sich von Tag zu Tag, die Lehrer ließen cs nicht bei dem Aufrufe bcircnbcn, sondern setzten durch Freunde und Bekannte Listen in Bewegung. Keiner aber tat es Scheuertet» gleich. Begeisterung für die Sache hatte ihn ergriffen, und sie ist „der Engel mit goldenen Flügeln", der zu wunderbarer Tatkraft die Seele erfüllt, und dadurch, daß er alle Sinne zum Dienste eines vorgesteckten Zweckes gefangen nimmt, fast immer Großes erzielt; sie ist der wunderbare Zauberstab, der verborgene Türen öffnet, der selbst den Fels erschließt und den von Dämonen bewachten Schatz gewinnt. Ganze Scharen von Briefen flogen täglich aus Scheucr- leins Zimmer in die Welt hinaus. Gott segne euch! Das war der Gedanke, den er jedem Brief mit auf den Weg gab. Je näher das Fest kam, je reichlicher gingen die Gaben ein und zwar bei Scheucrlein am meisten. Er verlebte Tage, die er gewiß zu den schönsten seines Lebens rechnen wird. Bald kam ein Diener und brachte einen Geldbeitrag von seiner Herrschaft, bald erhielt er Geldbriefe durch die Post, bald wieder wurden ihm Tücher, Kleiderstoffe usw. von Kaufleuten gesandt, ja, es kamen Equipagen vorgefahrcn, in denen vornehme Herren und Damen Körbe voll Spielsachen, Bücher und dergleichen brachten.
Die Lehrer hatten anfangs die Absicht gehabt, das Fest in einem Schicksale zu feiern. Doch davon mußte man abstehen,, denn schon acht Tage vor Weihnachten ergab ein Ueberblick über die Gesanck-
eimiabme, daß gegen tausend arme Kinder reichlich beschenkt werden konnten. Scheuerlein schaffte auch hier Rat. Dor Wirt eines der elegantesten Lokale stellte durch seine Vermittelung dem Vereine seinen größten Saal Mir Verfügung. Doch sollte die. Bescherung zwei Tage vor dem ersten Feiertage und in den NachmittagSstunden abgehalten werden.
Am Abende zuvor wurden sämtliche Sachen von den Lehrern in das be eichnete Lokal geschafft. Es galt jetzt, in der Nacht den Zaubergarten für die armen Kinder aufzubanen. Der Familienvater weiß, daß es schon nichts kleines ist, den Weihnachtstisch für zwölf, fünfzehn Personen zu bereiten. Nun bedenke einer, was es heißt, für tausend Kinder aufzubauen! Frohen Herzens begannen sie ihr Werk und es gelang.
Am letzten Schultage vor den Weihnachtsferien teilte Scheuerte in seiner Klasse mit, daß eine Anzahl der Kinder an bem Feste teilnehmen sollte. Es galt nun, eine Auswahl zu treffen. Solche Auswahl ist wahrlich kein leichtes Geschäft für einen Lehrer, der es gut meint mit seinen Kindern. Er wählte unter de» ärmsten Schülerinnen die würdigsten. Die kleine Else stand oben an auf der Liste. Sie, die weder Vater noch Mutter hatte, war in Pflege bei armen Leuten, die für sie aus der Stadtarmenkasse monatlich 2 Taler erhielten.
Mit frohem Herzen ging Else heute nach Hause. Einschlafen möchte ich heute und an dem Festmorgen erst wieder erwachen, dachte sie. Endlich ging sie zum letzten Male vor dem Feste zu Bett. In der Nacht erschien ibr ihre verstorbene Mutter int Traum. Sie war bleich und schön und hatte ein herrlich leuchtendes Gewand an. Und sie gab dem Kinde eine Nose und sprach! „Diese Nose, mein Kind, hüte und wahre stets, so lange Tu lebst. Der himmlische Vater hat sie mir gegeben, damit ich sie Dir reiche. Und wenn Du einst stirbst, dann werde ich sie wieder fordern von
Deiner Hand, und werde vor ben Ewigen treten unb sie ihm auf die Stufen feines Thrones legen und sagen: „Siehe, die Blume der Unschuld, die Du mir gabst für mein Kind, hier ist sie."
Da sprach Elise: „£) Mutter, wie duftet die Nose so süß, wie selig ist mir, seit ich sie am Herzen trage; aber sage mir, wird sie nicht vergeben, wie die irdischen Blumen, die in Gärten und auf Kirchhöfen blühen?"
„Stein, mein Kind", sprach die Mutter, „sie wird nimmer vergehen, so lange Du Gottes Kind bleibst, denn sie ist ans des Ewigen Hand. O hüte sie, die Gottesblume. Des Gebetes heiliger Odem stärke sie täglich, und die Tränen frommer Rührung feien der Tack, der sie tränkt!"
Da zog eine Schor leuchtender Engel vorüber in strahlenden Lichtgewändern; ihre Angesichter glänzten wie Sonnen so mild und hell, und sie erhoben sich hoch und hoher, und Elise sah einen goldenen Strahl niederfließen über sie.
„Wohin ziehen diese schönen Engel?" fragte Elise. Tie Mutter antwortete: „Ihnen ist's vergönnt, das Allerveiligste zu schauen, denn sie haben ihre Rosen unverwelkt zurückgebracht in den Schoß des Ewigen.."
„O Mutter", sprach das Kind, von Sehnsucht nach dem Heiligen ergriffen, „ziehe mit ihnen und nimm auch mit mit, damit wir erschauen die Herrlichkeit Gottes!"
Da neigte die Mutter ihr Angesicht und sprach in tiefem Schmerz: „Wehe mir, mein Kind, daß ich noch nicht das Heilige fchauen darf! Auch meine Brust war geschmückt mit der Nose der Unschuld. Aber ach, ich ließ sie welken auf Erden, und ein Engel trug sie weinend zurück zum Vatc^ Siehe, darum darf ich das Heilige noch nicht fchauen. Aber von dem Engel ber Barmherzigkeit, ber vor Gott stehet, ist mir eine frohe Verheißung geworden. Wenn Dein armes Kind auf Erden seinen Vater findet, sprach des Engels Mund,
dann sollst Du aus Gottes Hand die Rose neubelebt zurückerhalteu, und dann sollst auch Du au- beten in dem Allerheiligstcn!"
„O Mutter", sprach das Kind, „ich will zu Gott beten früh und spät, daß er mir den Vater wieder sendet aus dem fernen Lande, in das er gezogen ist. Oder ich will ziehen durch die weite Welt, bis ich ihn finde. Du sagtest ja immer, er sei weit, weit von hinnen, er sei in ein herrliches Land gezogen, das gen Mittag liegt. Ach, warum hat er Dich verlassen, da Du ihn doch so lieb hattest, und immer von ihm unter Tränen sprachst, da Du noch lebtest auf Erden!"
„Mein Kind", sprach die Mutter, „wandle nut einen Weg, den Weg, den ber, Heiland uns durch sein Leben als den rechten gezeigt hat. Dann wird Gott alles wohl machen und sich Deiner und meiner erbarmenI" Damit hob sie das Kind auf ihre Arme und drückte es au ihre Brust. Und das Kind schlug seine Aermchen um der Mutter Hals, und legte sein Haupt an ihre Wange. Ach, da ward ihm so selig zu Mute, so selig, wie ihui immer gewesen war, wenn es die Mutter umfaßt hielt, als sie noch lebte auf Erde». Und das Kind weinte in süßer Lust. Da verschwand ber Traum und Elise erwachte. „Stehe auf", sprach die Pflegemutter, „und ziehe Dich an, um zum Feste zu gehen".
Viele der erwählten Kinder hatten in dieser Nacht vom Christbaum geträumt, feinem derselben aber war ein so süßer Traum beschert worden, als Elisen.
Am Nachmittage zwischen zwei und drei Uhr zogen fröhliche Scharen armer K iuder, geführt von ihren 'Lehrern, nach dem Festlokale. Dort war alles bereit, bie Ankornmenben in feierlicher Weise zu empfangen. Ein Musikbirektor hatte sich erboten, mit seiner Kapelle mitznwirken; ein Gesanglehrer war mit seinem Männerchor erschienen.