trt»fhrt tioH», wft ausnahmt her Sonn« unh Sekrtage. viertel« jährl. Btjugspttl» ohne Bringerlobn und Befitflgelh in Suita unb auswärts! Ml 50 psg.
Verantwortlicher $d;rifHeiler: 3. Baum; für »k Bnjeictn 3. pari-ler *" Suita.
WdaerM Zeitung
Wochenbrttag«: „Illustrierte Sonntagszeitung" Monakbeüagk-. „8«ltaer Seschichtsblätter".
rlnzelgen: Vie ei» fp ltige vetitzei e oder deren Kaum 15 Pfg. Fttlamen hie Petitzeil« 25 Pfg.; bei wieher« Holungen wirb entfpr. Rabatt gewährt.
Balationshrud «. vertag «er fnltaer Ke« tknbruierei In Hulda. .Sernlpreher Nr. 9.
3Jahrqanq.
Fulda, Mittwoch, den 20. Dezember lüoä.
M 291.
Krstes HZlalt.
§ Lin gefährliches Treiben
entfaltet die Sozialdemokratie. Die Vorgänge in Rußland und die tumultuöse Wablrechtsbewegung in Oesterreich haben de» „Ehrgeiz" einer Anzahl sozialdemokratischer „Führer" aufgestachelt und ihre Phantasie mit revolutionären Bildern erfüllt. Sie halten es an der Zeit, auch in Deutschland etwas in Szene zu setzen, was wenigstens den Schimmer einer revolutionären B e- wegung bietet. Seit Wochen schon ist die sozialdemokratische Presse bemüht, die „Masse" auf den „heraufziehenden Sturm" aufmerksam zu machen und geheimnisvoll von einer nahe» Zukunft zu prophezeihen, die dem Proletariat in Deutschland ungeahnte Erfolge bringen soll. Nach und nach find die sozialdemokratischen Propheten deutliclfcr geworden und ihre Auslassungen verdichteten sich zu Drohungen. Schließlich suchte man nach einem passenden Haken, an dem man wenigstens einige Demonstrationen aufhänge» könnte, und nach dem Vorbilde der „Genossen" in Oesterreich erblickte man ihn in der Wahlrechtsfrage.
In Deutschland läßt sich dieser Vorwand aber tut in beschränktem Maße anwenden, nämlich nur da, wo in den Einzelstaaten das allgemeine und gleiche Wahlrecht noch nicht eingcsührt ist. Dieser Mangel an „Einheitlichkeit" störte jedoch die sozialdemokratische» Drahtzieher nicht, da man auch so wenigstens in Preußen, Sachsen und anderen hauptsächlich für die Partei in Betracht kommenden Bundesstaaten den gesuchten Anlaß zu Demonstrationen hatte. In Sachsen machte man den Anfang mit solchen, und am Sonntag abend ist es bereits auf de» Straßen Dresdens zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der bewaffneten Macht gekommen. Aus den Reihen der Demonstranten ist auch auf die Gendarmerie geschossen worden.
Die sozialdemokratische sächsis ch e Presse bemüht sich — wenigstens zum Teil —, die Verantwortung für die Vorgänge von der Sozialdemokratie abzuwälzen und dem „Mob" die Schuld an dem Blutvergießen aufzubürden. Die tatsächlichen Feststellungen stehen damit aber in Widerspruch. Auch die Betonung des Umstandes, daß verschiedene sozialdemokratische Führer von den Straßendemon- strationen in den boraufgegangenen Volksversammlungen abgeraten haben, reicht nicht aus, um die Sozialdemokratie zu entlasten. Diese Betonung ist vielmehr offensichtlich Heuchelei. Es ist das erwiesen durch die Haltung der sächsischen sozialdemokratischen Blätter vor und nach den Demonstrationen. Ohne jede Ausnahme haben bte?e Blätter die „Genossen" in der bösartigsten Weise 'ufgebetzt und in wahrhaft blutrünstigen Artikeln en Fanatismus der Masse angestachelt. Und nach jen blutigen Voraängen in Dresden hat das Organ des — vielgenannten „Genossen" Mehring die Losung ausgegeben: Nun aber weiter! Es gebe wtzt, nachdem einmal Blut geflossen, nur noch eine Narole: Vorwärts! In seinen Ausführungen «utefe Mehring ganz offen an, daß die Antwort des sächsischen Proletariats auf die „Dresdener Blntnacht" nur in weiteren Straßenkundgebungen bestehen könne. Auch die Auslastungen der sozialdemokratischen Redner in den Volksversammlungen, die in Dresden, Chemnitz ufro. veranstaltet wurden, glichen der Aufforderung, auf die Straße hinobuisteiaen, auf das Haar, trenn auch wohlweislich vermieden wurde, das mit klaren Worten auszufprechen.
Die Sozialdemokratie wird sich keiner Täuschung darüber hingebe» dürfen, daß sic mit diesem Vorgehen ein gefährliches Spiel unternimmt. Tie sächsische Regierung ist entschlossen, alle Straßen- bcmonftrationcn zu unterdrücken und man darf vorausfetzen, daß sie diesen Entschluß mit Energie durchsetzen wird. Versucht die Sozialdemokratie trotzdem, weitere Demonstrationen in Szene zu setzen, so sind blutige Unruhen unvermeidlich. ES erscheint angezeigt, die Verantwortung für dieselbe» sofort der Stelle zuznschieben, die sie tatsäch- sich trägt: der Sozialdemokratie. Daß dieselbe mit einem solchen Vorgehen die Interessen der Gesamt- arbeiterschaft Deutschlands aus das Schlimmste gefährdet, brauchen wir nicht erst zu betonen.
Deutsches Reich.
Berlin, den 19. Dezember 1905.
* Heber die Zentral-Anskunstsstelle der katholischen Presse (C.-A.) referierte deren Leiter, Dr. Kaufmann (Koblenz) in der Delegiertenverfamm- lung der österreichischen Priester-Rechtsschutz- bereine während des 5. allgemeinen österreichischen Katholikentages in Wien am 21. November. Dem Vortrag entnehmen wir folgendes: Tie Zentral- AuSkunftsstelle bezweckt in erster Linie eine systematische Abwehr gegen die kirchenfeindlichen Angriffe und Verleumdungen, mit welchen der „neue Kulturkampf? geführt wird. Die Zahl der von der G. A. behandelten Fälle nimmt nut jedem Jahre zu, weil das segensreich wirkende Institut in Deutschland, Oesterreich und anderen Staaten immer mehr bekannt wird und ihm von allen Seiten Angriffe kirchenfeindlicher Blätter eingefchickt werden. Jrn Gründungsjahre 1900 wurden etwa 40 bis 50 Fälle behandelt, 1901 waren deren etwa 100, 1902: 152. Von diesen 152 Fällen beruhten 124 auf Verleumdung ober gänzlicher Entstellung der Tatsachen (also etwa 85%!). Im Jahre 1903 wurden rund 600 Fälle behandelt, im Jahre 1904 etwa 800 und Heuer dürften es 900 bis 1000 werden. Eine genaue Registratur ließ sich aus pekuniären Gründen bisher leider nicht durchführen. Jedoch dürfte das Resultat der Nachforschungen der letzten 3 Jahre folgendes Bild ergeben: In etwa 90 Prozent aller gemeldeten Fälle wurden Nachforschungen durch die C. A. angestellt und etwa 85 % konnten genügend aufgeklärt werden. Davon erwiesen sich rund 65 % als Lügen ober gänzliche Entstellungen, und auch in den übrigen Fällen war oft Wahrheit mit Unwahrheit vermischt. Mit der C. A. verbunden ist die Nechtsschutzstelle für die katholische Geistlichkeit Deutschlands, die feit Januar 1904 im ganzen 82 Berichtigungen auf Grund von § 11 des Deutschen Preßgesetzes veranlaßte und fünf Prozesse gegen kirchenfeindliche Blätter wegen Verleumduna anhängig machte. — Dw C. A. erfreut sich eines stetig wachsenden Ansehens, sowohl bei der Presse, als auch beim Klerus und in der katholischen Laienwelt. In riditicer Erkenntnis ihrer großen Dienste lasten ihr die kirchlichen Behörden Deutschlands und des Auslandes bereitwilligst autoritative Auskünfte zukommen. Diese sehr wertvolle moralische Unterstützung fand auf dem Delegiertentag lebhaften Beifall und dankende Anerkennung. Das ein- zige Organ der Zentral-Auskunstsstelle für die weitere Oeffentlichkeit ist die „Apologetische Rundschau". Diese volkstümlich - apologetische Monatsschrift (bei der Post bestellt 75 Pfennig vierteljährlich) wurde durch den Delegiertentag bestens empfohlen. Wer sie durch, Abonnement unterstützt, der unterstützt die Zentral-Auskunfts- stelle, eines der wichtigsten und segensreichsten apologetischen Unternehmen unserer Zeit!
* Mit dem Scheitern der Einkommensteuer-Reform drohen die ,Berl. Pol. Rachr.' für den Fall, daß die Besteuerung der Gesell« ichaslen mit beschränkter Haftpflicht nicht die Zustimmung des Parlaments finden würde. Die genannte Korrespondenz schreibt: „Sollte der Landtag nicht geneigt sein, den Vorschlägen der Staalsregiernng in Bezug auf die Besteuerung der Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht zu- zustimmen, so dürfte nichts anderes übrig bleiben, als auf die materielle Aenderung der Einkommen- besteuerung zur Zeit überhaupt zu verzichten. Die Staatsregiemng würde einen solchen Verlauf der Angelegenheit bedauern. Sie ist bereit gewesen, selbst um den Piers erheblicher Einbuße an Einnahmen die Hand zu de» Steuererleichterungen zu bieten. Wenn die Landes Vertretung sich jetzt nicht dazu entschließen foll'e, den Vor- ausiehtingen zuzustimmen, die die Regierung notwendig an die Bewilligung jener Steuererleichterungen knüpfen muß, so wird sie die Verantwortung dafür, daß auch jene Steuerermäßigungen jetzt nickt Platz greifen, nicht von sich abweisen können." — Die'en Auslassungen gegenüber da,s man wohl das Wort anwenden: „Bange machen, gilt nicht!"
• Zur Ausführung der Berggesetz-Novellen hat der preußische Handelsminiiter Dr. Delbrück ein Regulativ betr. Geschäftsgang und Vers-hren der Bergausschüfse erlassen, welches über die Art des Verfahrens, die Befugnis des Vorsitzenden, die Beweisaufnahme, die mft dl he Verhandlung, die Kosten ic. nähere Bestinu u gen trifft. Ein sofort in Kraft tretender Kostentarif für dasVer- waltungsstreit-Verfahren vor den Bergausschüssen ist gleichzeitig veröffentlicht.
* Eine Zusammenstellung d»rAbänderungen der neuen Knappschafrsnovelle gegen« Über dem geltenden Gesetz ist am Dienstag im Abgeordnetenhaus Hera »^gegeben Die Begründung zur Novelle wird am Mittwoch dieser Woche erscheinen.
Die Einberufung eines Städtetages zur Stellungnahme gegen das neue Volksschulgeietz wird von verschiedenen Seiten angeregt. Mit Recht bemerkt die .Deutsche Tageszeitung' dazu, daß nach dem Fiasko, das der Stadtetag in der „Fleftchnotsrage" gemacht bat, eine solche Anregung eigentlich unverständlich sei.
* Zu den deutsch-englischen Sympathiekundgebungen will das /Berliner Tageblatt' erfahren haben, in diplomatl'chen Streben verlaute, es seien Anzeichen vorhanden, daß das neuernannte englische Kabinett die Initiative ergreifen werde, um eine diplomatische Aussprache über die bestehenden Gegensätze zwischen Deutschland und England herbeizusühren und die Beziehung zwischen den beide» Staaten freundlicher zu gestalten. Mo» will wissen, daß Fürst Bülow sowohl dem Premierminister Sir Campbel Banner- man als auch dem Minister des Aeußeren Sir Edward Grey in besonders herzlichen Worten seine Glückwünsche übermittelt und von den genannten Ministern überaus freundschaftliche Dar.k- telegromme erhalten habe. König Eduard habe in der letzten Zeit wiederholt bei paffender Gelegenheit dem Wunlch Ausdruck gegeben, daß alles geschehen möge, um die zwischen England und Deutschland bestehende Mißstimmung z» beseitigen, und dieselben Intensionen seien auch in
nachdrücklichster Weste vom Kaster Wilhelm geäußert worden. — Das kl mit alles recht schön, wenn es nur nicht bei dem Wun che bleibt.
*. Zum Deutsch-brasilianischen Zwischenfall. Die deutsche Regierung hat der ,Nordd. Allgem. Ztg/ zufolge durch ihren Gesandten auf die Beschwerde der brasiliamschen Regierung wegen her Vorgänge in Stahajy folgende Antwort geben lassen: 1) Steinboff ist nicht an Bord des Panthers und auch niemals dort genmen. 2) Der Kommcwdant des Panther halte an Land beurlaubte Olfiziere und Mannschaften beauftragt, unauffällig den Verbleib eines der Desertion verdächtigen Matrosen festzustellen. Th nach den stattgehabten Ermittelungen die Beteiligten sich eine lleberschreitung ihres Austrags haben zuschulden kommen lassen, hat die kaiserliche Regierung der brasilianischen ihr Bedauern Über das Vorkommnis ausgesprochen."
* Die Einnahme an Wechselstempel steuern beträgt amtlicher Rachweuung zufolge im Deutschen Reiche während der ersten acht Monate des laufenden Finanzjahres 9,586,511,70 Mark. 1,0 5,603.90 Mark mehr als im gleichen Zeiträume des Vorjahres.
* Eine Aenderung der Vorschriften über die Prüfung der Tierärzte hat der Bundesrat vorgenommen. Danach soll sich die Piistung in Zukunft auch auf die Fleischbeschau erstrecken. Der Befund und die Beurteilung sind von Kandidaten schriftlich mitzuteilen. Außerdem ist gleichzeitig durch eine mündliche Prüfung zu ermitteln, ob der Kandldat die für die Ausübung der Schlachtvieh- und Fleischbeschau erforderlichen theoretischen Kenntnisse, insbesondere auch hinsichtlich dec wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen besitzt. Die neuen Bestimmungen finden auf alle Fachp üfun- gen in der Tierheilkunde Anwem ung, die nach dem 1. Januar 1906 begonnen werden.
* Die Statistik der Deutsche r Reichspost- und Telegraphenverwaltung von 1904 ist so- eben fertig gestellt worden. Die Gesamt- le stungen der Verwaltung haben im letzten Kalenderjahre die Summe von 7"« Milliarden überschritten. Roch vor 5 Iihren betrug sie nur wenig über 5 Milliarden. Auf die durch die Post beförderten Sendungen entfallen davon 6234'/, Millionen, aus Telegramme 44». Millionen, auf Ferngespräche 959'/» Millionen. Die Zahl der Ferngespräche hat sich in den letzten 5 Jahren nahezu verdoppelt. Sie betr ug 1899 noch 574 Millionen. Gegen das Vorjahr haben die Ferngespräche um 128 Millionen zugenommen, die Sendungen um 331 Millionen, während die Zahl der Telegramme gleich geblieben ist Der Gesamtbetrag der Wertangaben und des vermittelten Geldverkehrs beträgt jetzt über 22 Milliarden. Die gesamten Einnahmen haben im Rechnungsjahr 1904 487®/* M llionen
Mark betragen, von denen 53'/- Millionen als Ueberschuß verbleiben. Die Gesamtzahl der Postanstalten beträgt jetzt 327.'7; Telegraphenbetrieb haben 24,986. Die Postanstalten haben sich um 9, die Tel-graphenan stallen um 1390 vermehrt. Dagegen ist die Zahl der Fern sprech- an stallen im letzten Jahr e von 17,499 aus 19,584 gestiegen. Amtliche Verkaufsstellen für Postwertzeichen gibt es jetzt 26,117, Post bries kästet. 1118 6. Die Gesamtzahl der Beamten und llnterbeamkn u. s. w. beträgt jetzt nicht weniger
Mohöach.
Lustige Erinnerungen aus meiner Dienstzeit von Hans Marti».
5] (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung au8 dem zweiten Blatt)
Neunieister batte sofort Martha, die jüngere der beiden Nickten, erkannt, trat ohne an seine eigenartige Kostümierung zu denken unter dem Dach hervor in den Lichtkreis der Laterne, die vor der Türe brannte, und rief sie beim Namen.
Die Wirkung war ungeahnt.
Erschreckt blieb das junge Mädchen einen Moment stehen, starrte Neumeister mit entsetzten Auge» einen Augenblick an und eilte dann, wie von Furien gejagt, ins Hans zurück, riß die Tür des Gastzimmers auf und die beiden verblüfft draußen Stehenden hörten nur noch einen kreischenden Aufschrei; dann wurde die Tür ins Schloß geworfen. Das geschah alles mit Blitzesschnelle, und nun folgte für einen Augenblick im Lokale Totenstille.
Tiefe kurze Zeit benutzte Palinie, um so schien- nigst wie möglich auf die Straße zu kommen, und Neumeister, der sich selbst erst von seinem Schrecken erholen mußte, eilte ihm nach, besann sich aber unterwegs, r«ß eine der auf den Hof gebenden Türen auf, sprang hinein und verriegelte von innen. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Der Raum, worin er sich befand, war klein und nur für eine Person bestimmt, aber er bot wenigstens vorläufig Sicherheit. Neumeister lauschte, im Hause wurde es jetzt lebendig, säbelraffelnd und svorenklirrend liefen einige Unteroffiziere zum Torwege hinaus, andere folgten und nun hörte er die Stimme des „Deutschen" ganz dicht vor seiner Tür.
„Ich glaube, Herr Wirt, daß bet Kerl sich hier in de» Ställen verkrochen hat."
„Nein," — klang eine andere Stimme, „ich war ja gleich zur Tür hinaus und sah, wie der Mensch zum Torweg hinaus rannte." — Dann
faßte jemand an den Drücker der Tür. Neumeister fühlte, wie er um eine Schattierung bleicher wurde, und mit zitternder, erstickter Stimme stieß er einen leisen Schrei aus.
„Na," rief da die Stimme Römers, „bleibt nur da weg und laßt mir die Frauensleute in Ruh', stellt euch lieber am Tor auf und paßt auf, daß er »ns dort nicht entwischen kann, ich will derweilen meinen Köter holen und wen» er wirklich noch hier herum steckt, wird er den Kerl schon aus- baldovern."
Die Unteroffiziere begaben sich nun auf die Straße und Römer ging ins Haus, um feinen Hund zu holen. Kaum schien sttthimeister die Lust für einen Augenblick frei, so hatte er auch schon die Türe offen. Mit zwei Sätzen war er durch den Lichtschein der Laterne im Garten verschwunden, erkletterte wie eine Kade das niedrige Dach der Kegelbahn und war im Dunkel des Nachbargartens verschwunden. Atemlos lauschte er nun auf jedes Geräusch: er kam sich vor wie ein Verbrecher. Je- des zur Erde fallende Blatt, jeder rinnende Tropfen machte ihn schrecken. Nicht achtete er mehr des Regens, nicht des kalten Windes: heiß war ihm, heiß vor Angst und Erregung.
Drüben an der anderen Seite ging es wieder laut her, die Gäste kamen von der Jagd zurück, was ging sie der fremde Kerl an, sie wollten deswegen ihr Bier nicht abstehen lasten. Und dann, — was hatte das dumme, ängstliche Frauenzimmer denn gesehen, — hatte sie überhaupt was gesehen? Nein, der Wein, den sie getrunken, mochte wohl ihre fünf Sinne verwirrt haben. „Aber," klang die Stimme des Unteroffiziers von vorhin wieder, — „ich habe den Spitzbuben doch auch laufen sehen, jedenfalls, Herr Römer, würde ich auf meiner Hut" —; das andere war nicht mehr zu verstehen.
Nun folgte wieder eine lange Pause, in der Neumeister alle - möglichen Pläne machte, wie er unbemerkt entkommen könne. Was mochte aus Palinie geworden sein, hatte man ihn erwischt, — würde er ihn allein seinem Schicksal überlasten? Nein, das tat der gute Kerl nicht. Mitgegangen, mitaehangen, so hieß es bei dem: ein Schuft, wer
feine Kamerad im Stich laßt, so backte er und so tat er, davon hatte er Neumeister und den klebrigen genug Beweise geliefert.
„Js doch eigentlich schlecht, daß du den braven Kerl so mit hereinreißest," dachte Neumeister, „aber noch ist Polen nicht verloren". Etwas mutiger geworden, tappt er zwischen Blumen- und Gemüsebeeten umher, um einen Ausgang zu finden. Gott fei Dank, da ist ein Lattenzaun und auf der 'anderen Seite eine kleine, enge Straße ohne Laterne. Er versucht,-den Zaun zu erklettern, reifet sich aber oben an dem Stacheldraht und rutscht wieder herunter. Das Manöver wiederholt sich drei — viermal an verschiedenen Stellen, aber überall ist der verflirte Draht. „So gebts nicht, ein Stuhl muß herbei", und wieder tappt er über Gurken und Kürbisse zurück zur Kegelbahn, wo er vorhin einen gesehen bat. Nach längeren Versuchen gelingt es ihm, ein paar Latten von den Stacheln zu befreien und den Zaun zu erklettern.
„Wer hier Gurken stehlen will, dem werden sie gleich sauer genug gemacht," meint Neumeister, als er das Hindernis glücklich überwunden hat.
Jetzt fühlt er sich sicher. Ein Blick auf die Uhr, die in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen, zeigt ihm, daß es bereits 10 Uhr vorbei ist. Alles, was Soldat ist, vom Wachtmeister abwärts, mit Ausnahme der Wachen und Patrouillen, liegt allo im süßen Schlaf: die Gefahr von dieser Seite ist also nur noch gering und woher sollte ihm sonst noch etwas drohen? Gemütlich holt er sich eine neue Zigarre aus der Tasche, zündet sie an und schlendert durch verschiedene Straßen zum Marktplatz.
Der Regen hat anfgehört, aber der Wind treibt noch immer dicke Wolken vor sich her, sodaß kein Sternlein am Himmel sich hervorwagt. Eine Ratte kommt neben einem Schlächterladen aus einem Winkel hervor, holt sich etwas aus dem Rinnstein und verschwindet dorthin, woher sic gekommen. „Ekelhaftes, freches Viehzeug," denkt Neumeister und versucht dem Tiere mit seinem Stock auf den Schwanz zu schlagen, der noch eine Weile unter der Winkeltüre hervorhängt. Das getroffene Tier quietscht und sucht seinen Anhang in Sicherheit zu bringen. Die Laterne am Kaffee Römer brennt
noch und das Tor ist noch offen. Neumeister hält seinen Stock hinter sich und stützt sich auf denselben. Er will nun noch ein paar Minuten abwarten, ob nicht doch noch ein verspäteter Gast mit blanken Knöpfen aus dem Restaurant herauskommt, und bann hineingehen.
Er hat Hunger und ihn fängt auch allmählich wieder an zu frieren. Billig soll seine Frau Landsmännin diesmal für die ausgestandene Angst nicht davon kommen, das muß schon mindestens et» steifer Grog ober Glühwein fein. „Ob Palmie schon da drinnen ist? Mechanisch mackt er einige Schritte vorwärts, bleibt aber plötzlich wieder stehen, denn im Torweg erblickt er Römer mit einer Sturmlaterne, dem großen Neufundländer und die schlanke Gestalt der Martha. Wiederum macht Neumeister einige Schritte und kommt nun in das volle Licht der Laterne. Er sieht, wie Römer und das Mädchen jetzt auf ihn aufmerksam werden und ihm langsam die Straße herauf entgegen- kommen. Jetzt sind die drei bis auf 20 Schritte an ihn herangekommen. Aber geblendet durch das Laternenlicht wird er nun erst zu feinem Schrecken einen Schutzmann gewahr, der sich bisher hinter den Näherkommenden verborgen gehalten hatte- — Da läßt Römer den Hund los und mit getoolti- gen Sätzen und wütendem Bellen stürzt das Tier Neumeister entgegen. Wie eine Bildsäule steht- dieser da: auf den Stock gestützt, die andere Hand in der Tasche, die Zigarre im Mundwinkel, cm Bild der Verwogenheit. Da war ja der Römer und Martha, was konnte ihm nun noch passieren? Der Schutzmann trat auf ihn zu.
„Was machen Sie hier?" redete er Neumer.,
„Ich warte auf meinen Kollegen." „So, wo ist denn Ihr Kollege?" „Vermutlich im Kaffee Römer." „.Haben Sie Papiere?"
^Wollen Sie nicht die Hand aus der Tasche nehmen, wenn ich mit Ihnen rede?"
„Gern," erwiderte Neumeister, zog die Hand hervor und wollte die Zigarre aus beut Munde
nehmen