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Balationshrud «. vertag «er fnltaer Ke« tknbruierei In Hulda. .Sernlpreher Nr. 9.

3Jahrqanq.

Fulda, Mittwoch, den 20. Dezember lüoä.

M 291.

Krstes HZlalt.

§ Lin gefährliches Treiben

entfaltet die Sozialdemokratie. Die Vorgänge in Rußland und die tumultuöse Wablrechtsbewegung in Oesterreich haben de» „Ehrgeiz" einer Anzahl sozialdemokratischer „Führer" aufgestachelt und ihre Phantasie mit revolutionären Bildern er­füllt. Sie halten es an der Zeit, auch in Deutsch­land etwas in Szene zu setzen, was wenigstens den Schimmer einer revolutionären B e- wegung bietet. Seit Wochen schon ist die sozial­demokratische Presse bemüht, die „Masse" auf den „heraufziehenden Sturm" aufmerksam zu machen und geheimnisvoll von einer nahe» Zukunft zu prophezeihen, die dem Proletariat in Deutschland ungeahnte Erfolge bringen soll. Nach und nach find die sozialdemokratischen Propheten deutliclfcr geworden und ihre Auslassungen verdichteten sich zu Drohungen. Schließlich suchte man nach einem passenden Haken, an dem man wenigstens einige Demonstrationen aufhänge» könnte, und nach dem Vorbilde der „Genossen" in Oesterreich erblickte man ihn in der Wahlrechtsfrage.

In Deutschland läßt sich dieser Vorwand aber tut in beschränktem Maße anwenden, nämlich nur da, wo in den Einzelstaaten das allgemeine und gleiche Wahlrecht noch nicht eingcsührt ist. Dieser Mangel an „Einheitlichkeit" störte jedoch die sozial­demokratische» Drahtzieher nicht, da man auch so wenigstens in Preußen, Sachsen und anderen hauptsächlich für die Partei in Betracht kommen­den Bundesstaaten den gesuchten Anlaß zu Demon­strationen hatte. In Sachsen machte man den An­fang mit solchen, und am Sonntag abend ist es bereits auf de» Straßen Dresdens zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der bewaffneten Macht gekommen. Aus den Reihen der Demonstranten ist auch auf die Gen­darmerie geschossen worden.

Die sozialdemokratische sächsis ch e Presse be­müht sich — wenigstens zum Teil —, die Ver­antwortung für die Vorgänge von der Sozialdemo­kratie abzuwälzen und dem „Mob" die Schuld an dem Blutvergießen aufzubürden. Die tatsächlichen Feststellungen stehen damit aber in Widerspruch. Auch die Betonung des Umstandes, daß verschiedene sozialdemokratische Führer von den Straßendemon- strationen in den boraufgegangenen Volksver­sammlungen abgeraten haben, reicht nicht aus, um die Sozialdemokratie zu entlasten. Diese Be­tonung ist vielmehr offensichtlich Heuchelei. Es ist das erwiesen durch die Haltung der sächsischen sozialdemokratischen Blätter vor und nach den De­monstrationen. Ohne jede Ausnahme haben bte?e Blätter die „Genossen" in der bösartigsten Weise 'ufgebetzt und in wahrhaft blutrünstigen Artikeln en Fanatismus der Masse angestachelt. Und nach jen blutigen Voraängen in Dresden hat das Or­gan des — vielgenannten „Genossen" Mehring die Losung ausgegeben: Nun aber weiter! Es gebe wtzt, nachdem einmal Blut geflossen, nur noch eine Narole: Vorwärts! In seinen Ausführungen «utefe Mehring ganz offen an, daß die Antwort des sächsischen Proletariats auf die „Dresdener Blntnacht" nur in weiteren Straßenkundgebungen bestehen könne. Auch die Auslastungen der sozial­demokratischen Redner in den Volksversammlun­gen, die in Dresden, Chemnitz ufro. veranstaltet wurden, glichen der Aufforderung, auf die Straße hinobuisteiaen, auf das Haar, trenn auch wohl­weislich vermieden wurde, das mit klaren Worten auszufprechen.

Die Sozialdemokratie wird sich keiner Täusch­ung darüber hingebe» dürfen, daß sic mit diesem Vorgehen ein gefährliches Spiel unternimmt. Tie sächsische Regierung ist entschlossen, alle Straßen- bcmonftrationcn zu unterdrücken und man darf vorausfetzen, daß sie diesen Entschluß mit Energie durchsetzen wird. Versucht die Sozialdemokratie trotzdem, weitere Demonstrationen in Szene zu setzen, so sind blutige Unruhen unvermeidlich. ES erscheint angezeigt, die Verantwortung für die­selbe» sofort der Stelle zuznschieben, die sie tatsäch- sich trägt: der Sozialdemokratie. Daß dieselbe mit einem solchen Vorgehen die Interessen der Gesamt- arbeiterschaft Deutschlands aus das Schlimmste ge­fährdet, brauchen wir nicht erst zu betonen.

Deutsches Reich.

Berlin, den 19. Dezember 1905.

* Heber die Zentral-Anskunstsstelle der katho­lischen Presse (C.-A.) referierte deren Leiter, Dr. Kaufmann (Koblenz) in der Delegiertenverfamm- lung der österreichischen Priester-Rechtsschutz- bereine während des 5. allgemeinen österreichischen Katholikentages in Wien am 21. November. Dem Vortrag entnehmen wir folgendes: Tie Zentral- AuSkunftsstelle bezweckt in erster Linie eine sy­stematische Abwehr gegen die kirchenfeind­lichen Angriffe und Verleumdungen, mit welchen der „neue Kulturkampf? geführt wird. Die Zahl der von der G. A. behandelten Fälle nimmt nut jedem Jahre zu, weil das segensreich wirkende Institut in Deutschland, Oesterreich und anderen Staaten immer mehr bekannt wird und ihm von allen Seiten Angriffe kirchenfeindlicher Blätter eingefchickt werden. Jrn Gründungsjahre 1900 wurden etwa 40 bis 50 Fälle behandelt, 1901 waren deren etwa 100, 1902: 152. Von diesen 152 Fällen beruhten 124 auf Verleumdung ober gänzlicher Entstellung der Tatsachen (also etwa 85%!). Im Jahre 1903 wurden rund 600 Fälle behandelt, im Jahre 1904 etwa 800 und Heuer dürften es 900 bis 1000 werden. Eine genaue Registratur ließ sich aus pekuniären Gründen bis­her leider nicht durchführen. Jedoch dürfte das Resultat der Nachforschungen der letzten 3 Jahre folgendes Bild ergeben: In etwa 90 Prozent aller gemeldeten Fälle wurden Nachforschungen durch die C. A. angestellt und etwa 85 % konnten ge­nügend aufgeklärt werden. Davon erwiesen sich rund 65 % als Lügen ober gänzliche Entstellun­gen, und auch in den übrigen Fällen war oft Wahrheit mit Unwahrheit vermischt. Mit der C. A. verbunden ist die Nechtsschutzstelle für die katholische Geistlichkeit Deutschlands, die feit Januar 1904 im ganzen 82 Berichtigungen auf Grund von § 11 des Deutschen Preßgesetzes ver­anlaßte und fünf Prozesse gegen kirchenfeindliche Blätter wegen Verleumduna anhängig machte. — Dw C. A. erfreut sich eines stetig wachsenden An­sehens, sowohl bei der Presse, als auch beim Klerus und in der katholischen Laienwelt. In riditicer Erkenntnis ihrer großen Dienste lasten ihr die kirchlichen Behörden Deutschlands und des Auslandes bereitwilligst autoritative Auskünfte zukommen. Diese sehr wertvolle moralische Unter­stützung fand auf dem Delegiertentag lebhaften Beifall und dankende Anerkennung. Das ein- zige Organ der Zentral-Auskunstsstelle für die weitere Oeffentlichkeit ist die „Apologetische Rundschau". Diese volkstümlich - apologetische Monatsschrift (bei der Post bestellt 75 Pfennig vierteljährlich) wurde durch den Delegiertentag bestens empfohlen. Wer sie durch, Abonnement unterstützt, der unterstützt die Zentral-Auskunfts- stelle, eines der wichtigsten und segensreichsten apologetischen Unternehmen unserer Zeit!

* Mit dem Scheitern der Einkommen­steuer-Reform drohen die ,Berl. Pol. Rachr.' für den Fall, daß die Besteuerung der Gesell« ichaslen mit beschränkter Haftpflicht nicht die Zu­stimmung des Parlaments finden würde. Die genannte Korrespondenz schreibt: „Sollte der Landtag nicht geneigt sein, den Vorschlägen der Staalsregiernng in Bezug auf die Besteuerung der Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht zu- zustimmen, so dürfte nichts anderes übrig bleiben, als auf die materielle Aenderung der Einkommen- besteuerung zur Zeit überhaupt zu verzichten. Die Staatsregiemng würde einen solchen Verlauf der Angelegenheit bedauern. Sie ist bereit ge­wesen, selbst um den Piers erheblicher Einbuße an Einnahmen die Hand zu de» Steuererleichte­rungen zu bieten. Wenn die Landes Vertretung sich jetzt nicht dazu entschließen foll'e, den Vor- ausiehtingen zuzustimmen, die die Regierung not­wendig an die Bewilligung jener Steuererleichte­rungen knüpfen muß, so wird sie die Verant­wortung dafür, daß auch jene Steuerermäßigungen jetzt nickt Platz greifen, nicht von sich abweisen können." — Die'en Auslassungen gegenüber da,s man wohl das Wort anwenden: „Bange machen, gilt nicht!"

• Zur Ausführung der Berggesetz-Novellen hat der preußische Handelsminiiter Dr. Delbrück ein Regulativ betr. Geschäftsgang und Vers-hren der Bergausschüfse erlassen, welches über die Art des Verfahrens, die Befugnis des Vorsitzenden, die Beweisaufnahme, die mft dl he Verhandlung, die Kosten ic. nähere Bestinu u gen trifft. Ein sofort in Kraft tretender Kostentarif für dasVer- waltungsstreit-Verfahren vor den Bergausschüssen ist gleichzeitig veröffentlicht.

* Eine Zusammenstellung d»rAbände­rungen der neuen Knappschafrsnovelle gegen« Über dem geltenden Gesetz ist am Dienstag im Abgeordnetenhaus Hera »^gegeben Die Begrün­dung zur Novelle wird am Mittwoch dieser Woche erscheinen.

Die Einberufung eines Städtetages zur Stellungnahme gegen das neue Volksschulgeietz wird von verschiedenen Seiten angeregt. Mit Recht bemerkt die .Deutsche Tageszeitung' dazu, daß nach dem Fiasko, das der Stadtetag in der „Fleftchnotsrage" gemacht bat, eine solche An­regung eigentlich unverständlich sei.

* Zu den deutsch-englischen Sympathiekund­gebungen will das /Berliner Tageblatt' erfahren haben, in diplomatl'chen Streben verlaute, es seien Anzeichen vorhanden, daß das neuernannte eng­lische Kabinett die Initiative ergreifen werde, um eine diplomatische Aussprache über die be­stehenden Gegensätze zwischen Deutschland und England herbeizusühren und die Beziehung zwischen den beide» Staaten freundlicher zu ge­stalten. Mo» will wissen, daß Fürst Bülow sowohl dem Premierminister Sir Campbel Banner- man als auch dem Minister des Aeußeren Sir Edward Grey in besonders herzlichen Worten seine Glückwünsche übermittelt und von den ge­nannten Ministern überaus freundschaftliche Dar.k- telegromme erhalten habe. König Eduard habe in der letzten Zeit wiederholt bei paffender Ge­legenheit dem Wunlch Ausdruck gegeben, daß alles geschehen möge, um die zwischen England und Deutschland bestehende Mißstimmung z» be­seitigen, und dieselben Intensionen seien auch in

nachdrücklichster Weste vom Kaster Wilhelm ge­äußert worden. — Das kl mit alles recht schön, wenn es nur nicht bei dem Wun che bleibt.

*. Zum Deutsch-brasilianischen Zwischenfall. Die deutsche Regierung hat der ,Nordd. Allgem. Ztg/ zufolge durch ihren Gesandten auf die Be­schwerde der brasiliamschen Regierung wegen her Vorgänge in Stahajy folgende Antwort geben lassen: 1) Steinboff ist nicht an Bord des Panthers und auch niemals dort genmen. 2) Der Kommcwdant des Panther halte an Land beurlaubte Olfiziere und Mannschaften beauftragt, unauffällig den Verbleib eines der Desertion ver­dächtigen Matrosen festzustellen. Th nach den stattgehabten Ermittelungen die Beteiligten sich eine lleberschreitung ihres Austrags haben zu­schulden kommen lassen, hat die kaiserliche Re­gierung der brasilianischen ihr Bedauern Über das Vorkommnis ausgesprochen."

* Die Einnahme an Wechselstempel steuern beträgt amtlicher Rachweuung zufolge im Deutschen Reiche während der ersten acht Monate des laufenden Finanzjahres 9,586,511,70 Mark. 1,0 5,603.90 Mark mehr als im gleichen Zeit­räume des Vorjahres.

* Eine Aenderung der Vorschriften über die Prüfung der Tierärzte hat der Bundes­rat vorgenommen. Danach soll sich die Piistung in Zukunft auch auf die Fleischbeschau erstrecken. Der Befund und die Beurteilung sind von Kan­didaten schriftlich mitzuteilen. Außerdem ist gleich­zeitig durch eine mündliche Prüfung zu ermitteln, ob der Kandldat die für die Ausübung der Schlacht­vieh- und Fleischbeschau erforderlichen theoreti­schen Kenntnisse, insbesondere auch hinsichtlich dec wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen besitzt. Die neuen Bestimmungen finden auf alle Fachp üfun- gen in der Tierheilkunde Anwem ung, die nach dem 1. Januar 1906 begonnen werden.

* Die Statistik der Deutsche r Reichspost- und Telegraphenverwaltung von 1904 ist so- eben fertig gestellt worden. Die Gesamt- le stungen der Verwaltung haben im letzten Kalenderjahre die Summe von 7"« Milliarden überschritten. Roch vor 5 Iihren betrug sie nur wenig über 5 Milliarden. Auf die durch die Post beförderten Sendungen entfallen davon 6234'/, Millionen, aus Telegramme 44». Millio­nen, auf Ferngespräche 959'/» Millionen. Die Zahl der Ferngespräche hat sich in den letzten 5 Jahren nahezu verdoppelt. Sie betr ug 1899 noch 574 Millionen. Gegen das Vorjahr haben die Ferngespräche um 128 Millionen zugenommen, die Sendungen um 331 Millionen, während die Zahl der Telegramme gleich geblieben ist Der Gesamtbetrag der Wertangaben und des ver­mittelten Geldverkehrs beträgt jetzt über 22 Milliarden. Die gesamten Einnahmen haben im Rechnungsjahr 1904 487®/* M llionen

Mark betragen, von denen 53'/- Millionen als Ueberschuß verbleiben. Die Gesamtzahl der Postanstalten beträgt jetzt 327.'7; Telegraphen­betrieb haben 24,986. Die Postanstalten haben sich um 9, die Tel-graphenan stallen um 1390 vermehrt. Dagegen ist die Zahl der Fern sprech- an stallen im letzten Jahr e von 17,499 aus 19,584 gestiegen. Amtliche Verkaufsstellen für Postwert­zeichen gibt es jetzt 26,117, Post bries kästet. 1118 6. Die Gesamtzahl der Beamten und llnterbeamkn u. s. w. beträgt jetzt nicht weniger

Mohöach.

Lustige Erinnerungen aus meiner Dienstzeit von Hans Marti».

5] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung au8 dem zweiten Blatt)

Neunieister batte sofort Martha, die jüngere der beiden Nickten, erkannt, trat ohne an seine eigenartige Kostümierung zu denken unter dem Dach hervor in den Lichtkreis der Laterne, die vor der Türe brannte, und rief sie beim Namen.

Die Wirkung war ungeahnt.

Erschreckt blieb das junge Mädchen einen Mo­ment stehen, starrte Neumeister mit entsetzten Au­ge» einen Augenblick an und eilte dann, wie von Furien gejagt, ins Hans zurück, riß die Tür des Gastzimmers auf und die beiden verblüfft draußen Stehenden hörten nur noch einen kreischenden Auf­schrei; dann wurde die Tür ins Schloß geworfen. Das geschah alles mit Blitzesschnelle, und nun folgte für einen Augenblick im Lokale Totenstille.

Tiefe kurze Zeit benutzte Palinie, um so schien- nigst wie möglich auf die Straße zu kommen, und Neumeister, der sich selbst erst von seinem Schrecken erholen mußte, eilte ihm nach, besann sich aber unterwegs, r«ß eine der auf den Hof gebenden Türen auf, sprang hinein und verriegelte von innen. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Der Raum, worin er sich befand, war klein und nur für eine Person bestimmt, aber er bot wenig­stens vorläufig Sicherheit. Neumeister lauschte, im Hause wurde es jetzt lebendig, säbelraffelnd und svorenklirrend liefen einige Unteroffiziere zum Torwege hinaus, andere folgten und nun hörte er die Stimme des „Deutschen" ganz dicht vor seiner Tür.

„Ich glaube, Herr Wirt, daß bet Kerl sich hier in de» Ställen verkrochen hat."

„Nein," — klang eine andere Stimme, „ich war ja gleich zur Tür hinaus und sah, wie der Mensch zum Torweg hinaus rannte." — Dann

faßte jemand an den Drücker der Tür. Neumeister fühlte, wie er um eine Schattierung bleicher wurde, und mit zitternder, erstickter Stimme stieß er einen leisen Schrei aus.

„Na," rief da die Stimme Römers, „bleibt nur da weg und laßt mir die Frauensleute in Ruh', stellt euch lieber am Tor auf und paßt auf, daß er »ns dort nicht entwischen kann, ich will derweilen meinen Köter holen und wen» er wirklich noch hier herum steckt, wird er den Kerl schon aus- baldovern."

Die Unteroffiziere begaben sich nun auf die Straße und Römer ging ins Haus, um feinen Hund zu holen. Kaum schien sttthimeister die Lust für einen Augenblick frei, so hatte er auch schon die Türe offen. Mit zwei Sätzen war er durch den Lichtschein der Laterne im Garten verschwunden, erkletterte wie eine Kade das niedrige Dach der Kegelbahn und war im Dunkel des Nachbargartens verschwunden. Atemlos lauschte er nun auf jedes Geräusch: er kam sich vor wie ein Verbrecher. Je- des zur Erde fallende Blatt, jeder rinnende Tro­pfen machte ihn schrecken. Nicht achtete er mehr des Regens, nicht des kalten Windes: heiß war ihm, heiß vor Angst und Erregung.

Drüben an der anderen Seite ging es wieder laut her, die Gäste kamen von der Jagd zurück, was ging sie der fremde Kerl an, sie wollten des­wegen ihr Bier nicht abstehen lasten. Und dann, — was hatte das dumme, ängstliche Frauenzimmer denn gesehen, — hatte sie überhaupt was gesehen? Nein, der Wein, den sie getrunken, mochte wohl ihre fünf Sinne verwirrt haben. „Aber," klang die Stimme des Unteroffiziers von vorhin wieder, — „ich habe den Spitzbuben doch auch laufen sehen, jedenfalls, Herr Römer, würde ich auf meiner Hut" —; das andere war nicht mehr zu ver­stehen.

Nun folgte wieder eine lange Pause, in der Neumeister alle - möglichen Pläne machte, wie er unbemerkt entkommen könne. Was mochte aus Palinie geworden sein, hatte man ihn erwischt, — würde er ihn allein seinem Schicksal überlasten? Nein, das tat der gute Kerl nicht. Mitgegangen, mitaehangen, so hieß es bei dem: ein Schuft, wer

feine Kamerad im Stich laßt, so backte er und so tat er, davon hatte er Neumeister und den klebri­gen genug Beweise geliefert.

„Js doch eigentlich schlecht, daß du den braven Kerl so mit hereinreißest," dachte Neumeister, „aber noch ist Polen nicht verloren". Etwas muti­ger geworden, tappt er zwischen Blumen- und Ge­müsebeeten umher, um einen Ausgang zu finden. Gott fei Dank, da ist ein Lattenzaun und auf der 'anderen Seite eine kleine, enge Straße ohne La­terne. Er versucht,-den Zaun zu erklettern, reifet sich aber oben an dem Stacheldraht und rutscht wieder herunter. Das Manöver wiederholt sich drei — viermal an verschiedenen Stellen, aber überall ist der verflirte Draht. „So gebts nicht, ein Stuhl muß herbei", und wieder tappt er über Gurken und Kürbisse zurück zur Kegelbahn, wo er vorhin einen gesehen bat. Nach längeren Ver­suchen gelingt es ihm, ein paar Latten von den Stacheln zu befreien und den Zaun zu erklettern.

„Wer hier Gurken stehlen will, dem werden sie gleich sauer genug gemacht," meint Neumeister, als er das Hindernis glücklich überwunden hat.

Jetzt fühlt er sich sicher. Ein Blick auf die Uhr, die in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen, zeigt ihm, daß es bereits 10 Uhr vorbei ist. Alles, was Soldat ist, vom Wachtmeister abwärts, mit Ausnahme der Wachen und Patrouillen, liegt allo im süßen Schlaf: die Gefahr von dieser Seite ist also nur noch gering und woher sollte ihm sonst noch etwas drohen? Gemütlich holt er sich eine neue Zigarre aus der Tasche, zündet sie an und schlen­dert durch verschiedene Straßen zum Marktplatz.

Der Regen hat anfgehört, aber der Wind treibt noch immer dicke Wolken vor sich her, sodaß kein Sternlein am Himmel sich hervorwagt. Eine Ratte kommt neben einem Schlächterladen aus einem Winkel hervor, holt sich etwas aus dem Rinnstein und verschwindet dorthin, woher sic gekommen. „Ekelhaftes, freches Viehzeug," denkt Neumeister und versucht dem Tiere mit seinem Stock auf den Schwanz zu schlagen, der noch eine Weile unter der Winkeltüre hervorhängt. Das getroffene Tier quietscht und sucht seinen Anhang in Sicherheit zu bringen. Die Laterne am Kaffee Römer brennt

noch und das Tor ist noch offen. Neumeister hält seinen Stock hinter sich und stützt sich auf denselben. Er will nun noch ein paar Minuten abwarten, ob nicht doch noch ein verspäteter Gast mit blanken Knöpfen aus dem Restaurant herauskommt, und bann hineingehen.

Er hat Hunger und ihn fängt auch allmählich wieder an zu frieren. Billig soll seine Frau Lands­männin diesmal für die ausgestandene Angst nicht davon kommen, das muß schon mindestens et» steifer Grog ober Glühwein fein. „Ob Palmie schon da drinnen ist? Mechanisch mackt er einige Schritte vorwärts, bleibt aber plötzlich wieder stehen, denn im Torweg erblickt er Römer mit einer Sturmlaterne, dem großen Neufundländer und die schlanke Gestalt der Martha. Wiederum macht Neumeister einige Schritte und kommt nun in das volle Licht der Laterne. Er sieht, wie Römer und das Mädchen jetzt auf ihn aufmerksam wer­den und ihm langsam die Straße herauf entgegen- kommen. Jetzt sind die drei bis auf 20 Schritte an ihn herangekommen. Aber geblendet durch das Laternenlicht wird er nun erst zu feinem Schrecken einen Schutzmann gewahr, der sich bisher hinter den Näherkommenden verborgen gehalten hatte- — Da läßt Römer den Hund los und mit getoolti- gen Sätzen und wütendem Bellen stürzt das Tier Neumeister entgegen. Wie eine Bildsäule steht- dieser da: auf den Stock gestützt, die andere Hand in der Tasche, die Zigarre im Mundwinkel, cm Bild der Verwogenheit. Da war ja der Römer und Martha, was konnte ihm nun noch passieren? Der Schutzmann trat auf ihn zu.

„Was machen Sie hier?" redete er Neumer.,

„Ich warte auf meinen Kollegen." „So, wo ist denn Ihr Kollege?" „Vermutlich im Kaffee Römer." „.Haben Sie Papiere?"

^Wollen Sie nicht die Hand aus der Tasche neh­men, wenn ich mit Ihnen rede?"

„Gern," erwiderte Neumeister, zog die Hand hervor und wollte die Zigarre aus beut Munde

nehmen