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Fulda, Donnerstag, den 30. November iW)ö.

32. Jahrgang.

Zweites Wt'att.

Dr. k. weihnachtsbücherschau 1905

iL

Der Verlag von I. P. Bachem in Köln bietet in diesem Jahre zwei Neuheiten, die wegen ihrer unmittelbaren Beziehungen zur Geburt deS Welt­erlösers sich in ganz hervorragender Weise zu Weihnachtsfestgeschenken eignen: daS prächtige Madonnenalbum von Rothes und das lieblicheJesu-Kinderbilderbuch. In bei­den sind Jesus und die allerseligste Jungfimu der Mittelpunkt des Bilderschmuckes.

Tas neue Kinderbilderbuch mit sei­nen vielseitigen Kunstdrucken, seinen schlichten, rührenden Versen, seinem gefälligen Einbande (geb. 3 wird Tausenden eine willkomntene Bereicherung in der Auswahl von Festgeichenken sein, nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr hindurch.

Der überraschend billige Preis der „Ma- d o n n a" von Dr. Rothes (in vornehmem Salonband mit Goldpressung und feingetimtem Teckenbild 5 <&} sichert diesem wertvollen Buch: eine weite Verbreitung. Dasselbe wird auch über die Kreise der eigentlichen Gebildeten hinaus leb­haftes Jnteresie erwecken, denn daS Verständnis für die Marienverehrung in der Kunst aller chnst- liehen Jahrhunderte ist schon vermöge des fast allenthalben wirksamen vergleichenden Anschau­ungsunterrichtes in Kirche und Haus mehr oder minder zum Gemeingut deS Volkes geworden. Die nicht weniger als 159 Abbildungen (118 Texr­und 10 Einschaltbilder) sind durchweg von vor­züglichster Wirkung. Bei einer zweiten Auflage wären vielleicht einige Reproduktionen (nament­lich gilt dies beispielsweise von Raffaels „Madon­na di Sisto", Seite 64) durch bessere und schärfere zu ersetzen, die Zahl der prächtigen Einschaltbilder mit ihrem weichen und warmen Sopiaton um das eine oder andere zu vermehren. Der Gesamtein- druck des Rothes'schen Madonnenbuches ist ein äußerst günstiger. Dasselbe dürfte geeignet sein, auch zur Wertschätzung der christlichen Kunst und ihrer Meister und Jünger nicht wenig beizutragrn.

Unter den übrigen Neuheiten des Bachem'schen Verlages sind die Lebenserinnerungen der leider im Januar aus dem Leben geschiedenen F r e i i n Ferdinande von Brackel („Mein Leben", mit 12 Bildern und zwei Handschriftpeoben, Salon- band 3,50 oft) an erster Stelle zu nennen. Daß die Verfasserin den Mut hatte, ibre Eigenart auch da, wo sie „bürgerlichem" Empfinden vielleicht ntcht immer zusaat, zu offenbaren, gibt dem Buche eine Eigenart, die mit dem Grundzuge der meisten Brackel'schen Romane völlig parallel läuft. Datz dieselben sich ungeminderter Beliebtheit erfreuen, beweisen die vielen nötig gewordenen Neuauf­lagen. In 22. Auflage erschien „Die Tochter des Kunstreiters" (Salonband 5,75 dH), ein Roman, dessen Meisterschaft allgemein anerkannt ist, in 1 Auflage „Daniella", (Salonband 7,50 dH) vom Llterar. Handweiser f. Z. den sozialen Romanen Spielbagens an die Seite gestellt, gleichfalls in 9. Auflage „Am Heidstock" (Salonbänd 5,75 JZ) mit seinem frisch pulsierenden Volksleben, in 4. Auflage „Im Streit der Zeit" (Salonband 8 dH). diese in die Kunstform des Romans gekleideten packenden Erinnerungen an die religiös-politischen Kämpfe der süngsten Vergangenheit. Auch Brackels „Gedichte" (Goldschnittband 4,50 <M) erlebten eine neue Auflage (die fünfte), während die Novelle „Prinzeß Ada" (Salonband 4,50 dH) erst kürzlich in fünfter, „Der Spinnlehrer von Carrara" (Salonband 4,25 =#) in vierter Auflage erschien.

Daß M. Herberts Romane und Novellen für so viele nicht nur ein vorübergÄender Genuß, sondern eine Quelle nachhaltiger geistiger Änre- aung sind, liegt in der Eigenart der Verfasserin f’-'arünbet. Langeweile empfindet man bei der Lektüre Herbertscher Romane und Novellen nie. Wenn jemals, dann ist daS oft mißbrauchte Epithe­ton „fesselnd" bei ihr angebracht. M. Herbert schildert keine Dutzendmenschen, feine ©tfioblonen- Helden. Hochmoderne Fragen und Probleme ver- lethen unmittelbar oder mittelbar ihrem ganzen Schaffen und den Gebilden ihrer Erzahlungskunst eine aktuelle Färbung. Man braucht nur an die drei größeren Novellensammlungen der letzten Jahre, „Marianne Fiedler" (Salonband dH 3.50), „Won unmodernen Frauen" (Salonband dH 5,—), Em Buch von der Güte" (Salonband dH 5,—). «n erinnern. In diesen neunzehn Novellen ist 0Qn?e Galerie von lebenswahren Seelenge-

-tau3 6ePn verschiedensten Lebens- und Be- rufskrelsen aufgerollt- Aber überall spürt man die fcharshnnige Beobachterin und feinnervige Gedankenleserin die den intimsten psychischen Vor- gangen und Zusammenhängen nachgeht und durch rem kunstlensche Mittel-starke erzieherische Wir- kuugen erzielt. Das ist ein Vorzug, bet auch M. Herberts nenesten Buchroman „Ohne Steuer" (Salonband dH 4,25) nachzurühmen ist Die Lehre, datz ein Menschenschicksal, auch bei den günstigsten äußeren Vorbedingungen, ohne ge- bieoene Grundsätze und ohne eine gefestigte Welt­anschauung den Weg der Befriedigung und deS Glückes nicht findet, ist durch die verschlungenen Fäden eines frisch und anziehend entwickelten, figurenreichen Romans hindurch überzeugend be­gründet und besiegelt.

Von Don Luis C o l o m a s' Werken liegt im Bachcm'scheu Verlage ein neues Bändchen vor, die Novelle: „Hinter den Kulissen" (sonst unter dem 3-ttel „Die Spätzin" bekannt). Colomas' liebliche N-welle Verrechnet" (geb. 2,50 dK) hat in dem- jelöen Verlage schon die vierte Auslage erreicht.

spanische Jesuit, dessen charakte- ,rtftt)q)c§ Porträt eine willkommene Ergänzung der

hochinteressaiiten Biographie auS der Feder des mit spanischen Verhältnissen innig vertrauten Uebersetzers I. Caspari ist, versteht die seltene Kunst, auch verfängliche Tinge und gewagte Situ­ationen mit jener gesunden kritischen Nüchtern­heit zu behandeln, welche die reinigenbe Kraft in sich selbst trägt. Diese ungeschminkten Schilderun­gen aus dem Leben der spanischen Gesellschaft ver­raten auf jeder Seite den gründlichen Kennet, der auS unerbittlicher Erfahrung heraus der Welt den Spiegel vorhätt. Colomas' „Hinter den Kulissen" (geb. 2,50 ist ein Buch für reifere Leser und verdient weite Verbreitung.

Ein neuer Band von R. F a b r i d e F a b r i s wird gewiß viele Leset und noch mehr Leserinnen finden. Die Verfasserin von „WaS die Blumen erzählen", welche unter dem Decknamen Angelika Harten einen großen Teil der bei Bachem erschiene­nen reizenden Erzählungen für junge Mädchen und mehrere Märchenbücher geschrieben hat, be­währt auch in den siebzehn herzerfrischenden Ge­schichten und Bildern „Don der Wanderstraße" ihre gemütvolle Eigenart. Der stattliche Salon- band kostet nur 3,50 Jt.

Im 6. Jahrgange erschien der aus Aufsätzen und Erzählungen der Unterhaltungsbeilage der „Kölnischen Dolksztg." zusammengestellte schmucke rote Kalikoband (geb. 3 dH) „Für Mußestunden", eine abwechslungsreiche Sammlung aus den ver­schiedensten Gebieten des Wisiens und der Welt.

Jtba von Goldeggs prächtiger Roman aus der österreichischen Gesellschaft, „Das Märchen vom Glück", früher zweibändig, jetzt in einem dicken Bande (geb. 8 dH) vereinigt, erlebte die fünfte Auflage.

Prof. Alb. Gockels Buch über „Das Gewitter" hat bereits beim ersten Erscheinen das Interesse weiter Kreise erregt. Was die wissenschafiliche Forschung und Beobachtungen zuverlässiger Laien über die ebenso fruchtbare wie erhaben-schöne Naturerscheinung bisher zutage förderten, ist dem allgemeinen Verständnis no&e gebracht. In der jetzt vorliegenden zweiten, bedeutend vermehrten Auflage mit 5 Kunstdruckbeilagen und 37 Text- Abbildungen (im Originalband 6 JC) sind mehrere Kapitel auf Grund neuerer Forschungen völlig umgearbeitet; der Frage des Hagelschiebens und dem Photographieren von Blitzen wurden eigene Abschnitte gewidmet.

Bachems illustrierte Jugendschristen sind nun­mehr zu einer Bibliothek von 30 Bänden ange­wachsen. Eine herrliche Reihe historischer Gemälde, die jedes Knabenherz erfreuen mutz! Auch der äußeren Ausstattung nach gehören diese Drei- Markbände in rotem Kaliko mit farbigem Decken­bild und je vier farbigen Einschaltbildern zu dem Vornehmsten, was die Jugendschristeu-Literatur < heute aufzuweisen hat. Rob. Münchgesang, der eigentliche Begründer und Hauptmitarbeiter der Sammlung, hat, mit „Spartasus" beginnend, bis „Unter dem alten Dessauer" achtzehn Bände bei ge­tragen. Diesmal tritt als frisck«, bewährte Kraft Ad. Jos. Cüpvers zu den übrigen. Cüppers hat gleich zivei Erzählungen beigesteuert, die eine, „Hanani", aus der Zeit der Zerstörung Jerusa­lems, die andere, „Die Priesterin der Vesta", auS dem ersten christlichen Jahrhundert. Beide Er­zählungen gehören zu den spannendsten und far­benreichsten der ganzen Sammlung. Wilhelm Rohm hat wieder prächtige. Bilder dazu geliefert, ebenso auch zu dem dritten neuen Bande, dem 30. der Sammlung, „Goldene Sporen", einer sehr wirkungsvoll durchgeführten Erzählung aus der Mitte des 13. Jahrhunderts von I. von Garten.

Von Bachems illustrierten Erzählungen für Mädchen liegt der 22. Band vor: „Die Familie des Admirals", von E. Meunier, aus dem Fran­zösischen übertragen von F. von Barmen, eine sehr interessante Erzählung, deren besonderer Reiz in dem ungewohnten Milieu liegt, welchem die schönen Bilder von W. Roegge ir. sich vortrefflich anvasien. Wie die meisten (nämlich 18) der früheren Bände, von „Wildfangs Kindetjahre" angefaiigen, kostet auch dieser neueste Band in prächtiger Kalikodecke mit Farbendruckbild 2,50 <M., während die für an­gehende junge Damen bestimmten vier größeren Bände (Fräulein Uebermeer, Eine wilde Rose usw.) in Ganzleineichand 4 dH kosten.

Die billigen Jugenderzählungen (für Kinder von 9 bis 14 Jahren) des Bachemscben Verlages — jedes Bändchen mit 4 Bildern und in Halbleinen gebunden 1,20 — sind mittlerweile bis zum 32.

Bändchen gediehen. Vier neue Bändchen kamen in diesem Jahre heraus. Zwei Erzählungen der Frei- in v. Brackel, „Wem gehört die Palme?" und „Talismann", eröffneten den Reigen, „Der Schütz­ling des Soldaten" und „Sparpfennige" von Lo­renz Heitzer bilden ein weiteres Bändchen, ebenso „Mutters Romreise" und „Am schönen Strand der Mosel" von A. Maidorf je ein Bändchen.

Die einander ergänzenden, auch in der äußeren Ausstattung toi* Zwillingsschwestern behandelten zwei Goldschnittbändchen (je 4 <AC) „Die ratende Freundin" (Mitgabe für junge Mädchen beim Ein­tritt in s Leben) von Maria von Lindemann und „Ernste Stunden für junge Mädchen", heraus­gegeben von Klara Rheinau, machten neue Auf­lagen nötig. Das ältere Lindemannsche Werkcken hat die 10., das jüngere bet Rheinau bie 2. Auf­lage erreicht.

kl c. Tantchen.

Humoreske von Juli LandSkron.

(Nachdruck verboten.)

Papa hatte die Wohnung eingerichtet, die Köchin abgerichtet und das Mittagessen herge­richtet, das junge Paar durste sich, von der Hoch­zeitsreise zurückkehrend, nur an den schön gedeckten Tisch setzen und es sich schmecken lassen.

Nach dem Speisen wurde noch einmal die Woh­nung besichtigt, welche ganz nach Geschmack des

jungen PaareS eingerichtet war, alles am richtigen Platz. Salo», Speisezimmer usw. Dann unter­nahmen die Herren ein Schach und Anni benutzte die Stille, um auf dem Divan einen kleinen Nicker zu machen. Ach wie freute sie sich auf ihren kleinen Haushalt! Hermann würde staunen über ihre wirtschaftlichen Kenntnisse. Alle Tage würde sie ihm selbst eine andere Lieblingsspeise bereiten. . . . Jetzt mit dem Schlüsselkörbchen neben sich, kam sie sich erst als richtig verheiratet vor und begünstigt durch das leise Rücken der Schachsigu- ren, schlummerte die junge Frau mit glücklichem Lächeln auf den frischen Lippen ein. Plötzlich heftiges Schellen an bet Außenttit und da nicht gleich geöffnet wird, ein zweites und drittes un­geduldigeres. Endlich ruft draußen eine sehr er­regte Frauenstimme. Die Tür wird heftig aufge- rissen und eine korpulente, mit besorgniserregen­der Gesichtsfarbe behaftete Dame stürzt in's Zim­mer, indem sic mit vorwurfsvollen Blicken die er­schreckt in die Hohe fahrenden Insassen mißt, (ironisch) „Hübscher Empfang das!"

„Tantchen!", ruft Hermann tonlos, denn bie Stimme versagte ihm, er erinnerte sich eines in der Tasche vergessenen Briefes, welchen er auf der Hochzeitsreise nachgeschickt bekam. „Tantchen, Sie hier?".....

„Hätte natürlich besser wegbleiben können, die Verhältnisse scheinen sich geändert zu haben. Deine Frau . . . ." Endlich wird die beleidigte Tante beschwichtigt. Anni eilt selbst in die Küche, um ein nachträgliches Mittagessen zu improvrsieren und als sie zum Schlüsse desselben mit einer schönen Omelette erscheint, streichelt Tantchen der jungen Frau bie erhitzte Wange, indem sie sagt:

„So meine Liebe und nun sollst Du Dich zum letztenmale für mich bemüht haben, von morgen ab nehme ich die Wirtschaft selbst in die Hand, denn ich bleibe bei Euch für immer. Dankt mir nut nicht, ich tue es gern, Kinder".

Es war ihr Glück, daß die Tante keinen Dank begehrte, denn die verblüfften Kinder tonten keines Wortes mächtig. — Tantchen aber hielt Wort. Als man ihr die Wohnung gezeigt hatte, fand sie diese entzückend: nur wo das Schlafzim­mer war, mußte man natürlich den Salon postie­ren, bas Speisezimmer sollte verlegt toerbett usw. Ein einziges Gemach war nach ihrer Ansicht am richtigen Platze.

„Dort stellt meinen Koffer hin, Kinder, dieses bescheidene Eckchen mir!", meinte Tantchen. Es war Papas Zimmer, und Papa schlief 8 Tage in Annis Boudoir, als lateinisches 8 zusammenge- bogen auf einem kleinen Divan und übersiedelte dann, bis auf weiteres in ein nahegelegenes Hotel über. Er hatte das bessere Teil erwählt, denn Tantchen wirtschaftete von 6 Uhr morgens ange­fangen bis in bie sinkende Nacht. Das Haus er­zitterte unter den kräftigen Schlägen, welche sie unter Assistenz des Dienstmädchens gegen bie wehrlosen Möbel, Teppiche usw. führte. Wenn dann der Spektakel aufs Höchste gediehen, dann schlich Tantchen leise auf den Zehenspitzen an die Schlafzimmertüte, öffnete diese sachte ein wenig und wisperte tonlos hinein: „Schlaft nur ruhig weiter, Kinder, Tantchen sorgt für alles!"

Nachmittags war die Wohnung endlich für eine kurze Zeit in Ruhestand versetzt, doch nimmer die unermüdliche Tante. Denn kaum fing man an, sich dieser Ruhe zu freuen, so war Tantchen schon fix und fertig in Annis Boudoir, um sie ab« zuholen. Besuche zu machen, ober die Läden anzu- fehen. Anni war in Verzweiflung, sie wäre gerne zu Hanse geblieben, hatte keine Lust auszugehen.

„O ganz wie Du willst, liebes Kind", sagte dann Tantchen, natürlich mit gekränkter Stimme, „Tantchen kann allein gehen!" Na, wenn Tant­chen sagte, „ganz wie Du willst", dann gab es überhaupt keinen Willen mehr im Hause, denn sonst schmollte Tantchen und daS war schrecklich. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und weinte über den Undank der Kinder. Sie, welche Her­mann erzogen, gepflegt — von Kindheit an, o sie war eine Null im Hause; niemand tat ihr ettvaä zu liebe.

„Papa!" sagte Hermann eines Tages, als dieser wie gewöhnlich erst zum Abendessen ans feinem Hotel herübergekommen wat und Tantchen eben zu Bett gegangen. „Papa, Du mußt uns helfen, so geht es nicht mehr fort, Anni, welche sich so sehr auf ihre kleine Wirtschaft freute, ist nervös und gereizt, das sechste Dienstmädchen hat uns gekündigt, wir sind das Gespötte der Nach­barschaft unb ich fürchte, der Hausbesitzer wird uns ob des> vielen Klopfens und Schruppens noch bie Wohnung kündigen. Und Du armer Papa — — also hilf uns. Ick kann natürlich nichts gegen Tantchen unternehmen--"

Papa versprach also, sobald sich die Gelegenheit bieten würde, Tantchen ins Gewißen zu reden, ja, das würde er! Und er ließ sich fotoeit hinreißen, gegen Tantchens Stube die Hand drohend zu ballen ... Man ging getröstet auseinander. Gleich nächsten Tag bot sich wirklich für Papa sein Ver­sprechen zu erfüllen Gelegenheit. Als er wie ge­wöhnlich abends eintrat, saß die Tante allein im Zimmer — Papa machte sofort einen Schritt ge­gen die Tür und wollte Reißaus nehmen, aber es war zu spät. Die Tante fragte sehr liebenswürdig, ob er schon gespeist, sie würde sofort das Abend- effen auftragen, bie Kinder seien im Theater, er möge sie erwarten. Dann setzte sie ihm bald ein von ihr prachtvoll nubereiteteS Bees vor, schenkte gastfreundlich fein Glas wieder voll, brachte Zigar­ren und schließlich kam Papa in sehr angeregt? Stimmung unb halb waren beibe im angenehmsten Gespräch begriffen. Die Tante, noch eine frisch ausfehenbe 40erin mit glatten, dunklen Scheiteln satz strickend auf dem Sopha unb erzählte von Hermanns Kindheit, während Papa alle möglichen Anekdoten aus Annis Jugend hervorsuchte. Schau, schau, wer hätte gedacht, daß Tantchen noch solch eine liebenswürdige, nette Person wäre. Und Papa errötete innerlich, wenn er sich an die ge­

ballte Faust erinnerte. Da fiel Tantchens Strick­zeug zu Boden, Papa bückte sich, es aufzuheben und da es sich seinen Blicken entzieht, kniet Papa, welcher ziemlich kurzsichtig war, zu Tantchens Füßen — das Verlorene zu suchen. Im selber. Augeriblick Öffnet sich die Türe und Hermann tritt herein. Ein Gedanke zuckt blitzartig durch sein Gehirn: Das ist die Rettung! Dann, als die Tante sich für eine Minute entfernt, drückt er Papa gerührt an seine Brust, indem er der eben eintretenben Anni freudig zürnst: „Wir sind ge­rettet, denke nur Kind, Papa heiratet die Taute!'

Der gute Papa ging drei Tage mit sich schwer zu Rate. Endlich konnte er die hilfeslehen- den Blicke der Kinder nicht mehr ertragen unb da sich wieder ein gichtisches Leiden bei ihm zeigte, welches ihn öfter befiel, meinte Hermann: „Papa. Du brauchst jemanden, der Dich pflegt, die Tante- ift eine vorzügliche Pflegerin."

„Diese Gicht kommt Euch wohl gelegen!", sagte Papa verständnisvoll lächelnd mit guter Laune. „Na, fragt also an, ob Tantche- dieses Amt als meine liebe Frau übernehmen würde." Tantchen fügte zu, jedoch nur unter der Bedingung, daß bte Kinder sie entbehren könnten. „Denn ich fürchte", fagte sie, „sie werden mich nicht fortlassen wollen".

vermischtes.

* Kleine Nachrichten. Kansas. Einen. Ehemann dtirchs Los gewann die acht­zehnjährige Katharina Knoche aus Kansas. Ein Verein am Orte veranstaltete ein Vergnügen: da­zu gab es eine Lotterie, deren Hauptgewinn eilt junger Mann fein sollte. Das zog, der Saal mar bis auf den letzten Platz gefüllt. Der „Hauptge- toinn", ein junger Virginier namens Arnett, siel auf das Los der Miß Knoche. Voller Freude be- anfpruchte sie den „Gewinn". — Berlin. Eine Großstadtpflanze ivurde vom Berliner Landgericht abgeurteift. Es war ein jetzt in Für­sorge-Erziehung befindlicher 14-jähriger Junge, der einen Straßenraub vollführte und Brand­stiftungen beruhte, um sich die Meldeprämie zu verdienen. DoS Gericht er’inrrk auf ein Iahe Gefängnis. — Chemnitz. Eine emptlnd« li che S kraf - erhielt der in Berlin verheiratete Heiratsschwindler Türpe aus Chemnitz. Er wurde zu 4 Jahren 6 Mo "te» Zuchthaus unb 10 Jahren Ehrverlust verurteilt. Trotzdem er verheiratet ist unb eine stattliche Kinderschar be­sitzt. hatte er sich drei „Bräute" angeschafft unb diese unter der Vorspiegelung, sie heiraten zu wollen, um nicht unerhebliche Summen betrogen. — «Samberg. Ein lustiges Mißver- ständniS wirb ans Bamberg berichtet: Ern Gerichtsbiener schrieb in die Rubrik eines Woh- nungsformulars, das bie Frage enthielt: „Hat die Wohnung verschiedene Mängel?" — „Meme Schwiegermutter wohnt bei mir." —Dresden. Eine Beleidigung des Kaisers und Königs von Sachsen trug einem,Oberfell- ner xwei Jahre Gefängnis ein. Bielefeld. Aus allen Teilen Westfalens werde» Sturm« schäden gemeldet. In Blotdo entwurzelte der Sturnt starke Bäume und beschädigte toebättbe. Bei Porta ging das Steinschiff „Mathilde" auf der Weier unter. Tie Mannschaft wurde gerettet. In Minden wurde das Dach der neuen Artillerie- kaferne beschädigt. — Höchst a. M. Bei einem Muschel eisen, das am Freitag abend wer un Hotel Schmitt stattfand, fand einer der Gälte in einer Muschel eine Perle, die er in Frankfurt für 745 Mark verkaufte. •

* Denk- und Sinnsprüche. Die Läge wollte salon» fähig sein; da zog sie schone Kleider an und nannte sich Schmeichelei. — Die Leute erzählen von anderen immer nur die Hälfte oder das Doppelte — je nachdem es Gutes oder Schlechtes betrifft.

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Literarisches.

Kriegs-Ereignisse 1870 7L Kürzlich erschien bn Verlage von Gerh.StaMng in Oldenburg em Buch, das für manchen Leser der ,Fuld. Ztg.' voll be» fonbetem Interesse sein dürste. Es trägt den Titel: Kriegstagebuch des weiland Major und Bataillonskomulandeurs im 2. Nassauischen Inf.» Regt. Nr. 88 Wilh. Heye. Herausgegeben von Alex. Heye, Major unb Bataillonskommandeur in Jnf.-Regt. Nr. 16. — Das 2. Nassauische In­fanterie-Regiment Nr. 88 stand, wie bekanilt, f. Zt. hier in Fulda in Garnison, und mancher Fuldaer bat in seinen Reihen im Feldzug 70—71 fürs Vaterland geblutet. Auch Major Wilh Heye wird noch manchem Leser unserer Zeitung in Grumcnmg fern. Tie Militär-Literatur-Zeitung' schreibt übet obiger Buch u. a.: „Der Major Wilh. Heye hat den Krieg von 1870/71 als Bataillonskommandeur int Jnfanterieregimeut Nr. 88 ohne Unterbrechung' mitgemacht und an dem Treffen von Weißenburg, den Schlachten von Wörth und Sedan, sowie der Belagerung von Paris rühmlich teilgenommen. Während des ganzen Feldzuges hat er sorgfältig Tagebuch geführt, das von seinem ältesten Sohne nunmehr der Oeffentlichkeit übergeben worden ist. Tiefe Veröffcntlicyung ist nicht nur eine pietätvolle sondern auch eine verdienstvolle Handlung.....

Das vorliegende Tagebuch reiht sich den besten dieser Art an. Es schildert nicht nur die Knegs- erlebniffe des Verfassers, die Eindrücke des Kampfes, bie Mühseligkeiten und Gefahren, aber auch die erhebenden Begebenheiten des Kriegslebens m tausend Zügen ungemein lebhaft und anschaulich, sonvern wir lernen aus ihm auch einen Mann von edelstem Charattcr, einen vorbildlichen preußischen Stabs­offizier kennen ...Gewiß wird manchem Kriegs­teilnehmer dieses Tagebuch eine willkommene Lektüre fein. Für uns war es besonders interessant, daß der Derfaffer des Kriegstagebuches an mehreren Stellen bemerkt, daß er Mitteilungen über den Verlauf des Krieges an bi# Guldaer Tagespreise abgeschickt habe.