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Zuldaer M Zeitung

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3?. Jahrqanff.

Fulda, Donnerstag, den 30. November itwö.

JW /LL

Krstes Wlcrlt.

• Zu den Zteuervorlagen.

Etat, Flottengesetz und Steuervorlaqen stehen rlbstverständltch im Vordergrund der Erörterungen ,n Abgeordnelenkreise«. Die nächste Frage, welche abei zu entschieden ist, betrifft die geschäftliche Behandlung dieser drei Borlagen, die in einem engen Zusammenhang miteinander sieben. Wie wir hören, haben bereits Vorbesprechungen nnerhalb der einzelnen Fraktionen und zwischen den verschiedenen Fraktionen über diese Frage stattgefunden. Man scheint an einigen Stellen dazu zu neigen, die sämtlichen drei Vor­tagen an die Budgetkommission zu ver» weisen. Wir würden ein solches Vorgehen nicht gerade für praktisch ansehen, weil dadurch die Erledigung der Vorlagen jedenfalls erheblich ver» zögert werden würde und eine lange Dauer der Tagung in Aussicht genommen werden müßte. Sieben der Frage der geschäftlichen Behandlung der drei Hauptoorlaqen nimmt vor allem die Frage einer sachlichen Stellungnahme, speziell zu den Steuergesetzen, die Aufmerksamkeit der Abgeo'dneten in An pruch. Denn die Steuer» Vorlage bildet gewiflermaßen daS Rückgrat der im Etat und in dem Flottengesetz erhobenen For» oerungen. Schon jetzt dürste unseres Erachtens die Reichsregierung damit rechnen, daß die Steuer» Vorlage nicht als ein unteilbares Ganzes «gesehen oder gar en bloc angenommen wird.

Für das Zentrum wird zweifellos der ß 6 des Flottengesetzes, betreffend die Aufbringung einer eventuellen Mehrbedarfes, als Richt­schnur dienen. Danach wird sich die Stellung des Zentrums, vor allem zur Biersteuer und auch zur Tabaksteuer, richten. Wir glauben nicht, daß sich der Reichstag auf eine stärkere Heranziehung des inländischen und des ausländtichen Roh» tabaks einlaffen wird. Dagegen dürfte die Zigarreltensteuer und die Erhöhung der Steuer aus Jmportfadrikate wohl eine Mehrheit der Abgeordneten auf sich vereinigen. Wenn ohne eine Erhöhung der Biersteuer nicht aus­zukommen sein wird, so wird es sich doch wohl emp'eblen. die Sätze für die unteren Staffeln niedriger zu bemeffen, als es die Vorlage tut. Die dort vorgesehenen Unterschiede reichen schwer» lich aus, um die kleineren Brauereien in den Stand zu setzen, die Konkurrenz der großen unter erschwerten Umständen auszuhalten.

Die QuiltungSsteuer begegnet einer derartigen allgemeinen Abneigung,daß auf ihreAnnabme wohl von vornherein nicht zu rechnen ist. Auch die Belastung der Personen.Fakrkarten bei der dritten und vierten Wagenklaffe ist derart, daß sie vom volks­wirtschaftlichen Standpunkte aus kaum gerecht­fertigt werden kann. Will man die Fahrkarten» Steuer nickt vollständig fallen lassen, so empfiehlt eS sich doch, sie auf bte erste und zweite Wagen- tlasse zu beschränken. Gegen eine Automobil­steuer wird unter den Voraussetzungen, welche die Vorlage dafür enthält, schwerlich etwas ein» gewandt werden können. Auch die Reichs- Erbschaftssteuer wird im Prinzip wohl bei keiner Partei eine Ablehnung zu gewärtigen haben.

Eme Frage, von deren Beantwortung die Bemessung einzelnen Steuern und der neuen

Steuern überhaupt wesentlich abhängen wird, dürfte die Berechnung des tatsächlichen Mehrbe­darfs des Reiche« darstellen. Die verbündeten Regierungen beziffern diesen Mehrbedarf, sowett er durch neue Steuern zu decken wäre, bekannt­lich auf 225—230 Millionen Mark. Die Zusammensetzung dieser Summe unterliegt aus alle Fälle der Kritik, und es fehlt nicht an Stimmen, welche den Satz, den die Regierungs­vorlage ausstellt, alS außerordentlich hochgegriffen bezeichnete. Eine genauere Berechnung dürfte den­selben wohl wesentlich herabmindern.

Deutsches Reich.

Berlin, den 29. November 1905.

• Beginn brr Landtags - Session. Der .Staatsanz/ veröffrnllicht eine Bekanntmachung deS Minister» des Innern, wonach die Eröffnung des Landtages am 5. Dezember mittag- 12 Uhr im Wnßen Saale des Schlöffe- erfolgt. Zuvor findet um 11 Uhr im Dome für die evangelischen und um ,/«12 Uhr in der HedwigSkirche für die katholischen Mitglieder Gottesdienst statt.

* Die Vertreter Deutschlands auf der Marokko-Konferenz in Algesiras sind, rote die ,Nordd. Allaem. Zig.' offiziös mitteilt, der Botschafter in Madrid v. Radorottz und der zurzeit nach Deutschland beurlaubte Gesandte in Lissabon, Grat v. Takten back.

.* Die Denkschrift über den Verlauf deS Aufstandes in Südwestafrika, die, rote mit« geteilt, dem Reichstag zugegangen ist, bildet eine Fortsetzung der bereit- in der vorigen Session auSgegebenen Denkschtisten. Sie schildert die Operationen in dem Schutzgebiet, wie sie sich bi- Mitte September dS. Js. gestaltet haben. Nach der Denkschrift rechnete General Trotha nicht mehr damit, gegen die WitboiS einen großen Schlag ausführen zu können, weil die Führer sich einem solchen Angriff zu entziehen bestrebt seien. Solange aber diese Gegner rocht über­wunden seien, könne von einer Beendigung de- Kriege- keine Rede fein. Die jetzt erfolgte Unterwerfung der WitboiS dürfte eine völlig veränderte Sachlage schaffen.

X Die Denkschrift über die Fleischteuerung, dievom preussischen landwirtscka tltchenMinisterium ausgearbeitet ist, liegt jetzt im Reichs tage vor. Sie lehnt das Verlangen nach Oeffnung der Grenzen unbedingt ab. Es hieße, io wird aus» geführt, den sanitären Erfolg der Grenzsperre für die heimische Viehzucht „leichtsinnig aufs Spiel setzen", wollte man jetzt unter dem Druck einer nach sicherer Voraussicht vorübergehenden Teue­rung deS Fleisches die Grenzen öffnen. Allerdings hätten die Fleischpreise im lausenden Jahre eine Höhe erreicht, die al- „unerwünscht" bezeichnet werden müsse: aber diese Preissteigerung fei nur zu geringem Teil auf ein Nachlassen der heimischen Produktion, in der Hauptsache aus ein starkes Steigen der Nachsraae infolge verbeflerter Lebens­haltung der breiteren Bevölkerungsmassen und auf eine Erhöhung der Vieh- und Fleisckpreise der nach Deutschland exportierenden Staaten zurückzusühren. Der Mehrverdienst der Landwirte sei durch die Erhöhung der Produkttonskosten gerechtsertigt Die Teuerung habe ein Nachlassen deS Fleischkonsums nut in sehr geringem Maße zur Folge gehabt; der Verdienst der Fleischer habe sich im allgemeinen zwar etwas

geschmälert, doch könne von einem Niedergänge des Gewerbe- im allgemeinen keine Rede sein. Daß eine künstliche Preissteigerung durch dte Landwirte stattfinde, wird verneint; dagegen wird dem Zwischenhandel vorgeworsen, daß er durch gewisse Machenschaften die Preise künstlich in die Höhe getrieben habe; auck der Beun­ruhigung der öffentlichen Meinung durck die Presse und den siädti'chen Schlacht, und Vieh­steuern sei ein Teil der Schuld für die hohen Fleischpreise beizumesien. In jedem Falle habe man es bei den jetzigen hoben FleisSpreiien mit einer vorübergehenden Erscheinung zu tun. Der deutschen Landwirt'chaft werde es, wie bisher, gelingen, den inländischen Fkeischbedarf in de Hauptsache durch eigene Produktion zu decken, fall- fe auch in Zukunft auf einen genügenden Seuckenschutz und auf Beibehaltung de- jetzigen wirtschaitspoliiischen Systems tecknen könne.

*, Ter Gesetzentwurf betr. die Abänderuu mehrerer Reichstagswahlkrcise beiristt den 12 und 13. Wählt»eis des Großberzogimns Bade' und den 7 Wahlkreis des ßrotzbeizogiun- Hessen. Tie Abänderung ist bedingt durch di Auflösung des zwischen Baden und Heise' bestehenden Kondominates über die Gemeinde Kürnbach mittels Staatsvertrages vom 11. Mai 1903. Hessischerseiis sind die Hoheitsrechte über den Anteil an der Gemeinde und Gemarkung Kürnbach an das GroiHerzogtum Baden ab getreten worden. Als Eeaenleistung tret für sind badischerserts die Hohensrechle über die Eiclave Michelbach, sowie über einen 2eil des an das großherzogl. hessische Staatsgebiet grenzenden Domainalwaldes in Diftr»kt Ädkerstein bei Hedderbach an Hessen überlassen worden.

§ Tie dem Reickstage vorgelente Denk­schrift betr. die Einkommensverbefferung der Oberzahlmeister und Zahlmemer sowie die Umwandlung der Stzllen der „etats­mäßigen Zahlmeisteraspiranten- in solche für „Unterzahlmeister" beadsichtiat, für die neuen Besoldurnsvertälmisse das An« fangsgehalt der Zahlmeister, das feil bet all» gemeinen Gehaltsaufbesserung 1897 1800 Mark beträgt, und die z. Z. bestehende Einteilung in 7 Gehaltsstufen mit Ausrückesristen von 3 zu 3 Jahren deizubehalten, so daß das Höchstgehalt von der Ernennung zum Zahlmeister ob nack 18 Iahten — von Militäranwärtern bet Anrechnung eines Jahres von der Militärdienstzeit nach 17 Jahren — erreicht wird. Statt der bisherigen iGehaUstätze von: 180 —2000—220t ।—240 >— 26()0—3000 Mk. sollen flirt tig laiche van: 1800—210' t—24« >0—2700 3000—3200-3400 Mark gewährt werden. —Die Besserstellung der Unteroffiziere, für welche im neuen Reichsetat, wie bereits milgeteilt, eine erhebliche Summe gefordert roiro, wird durch eine beson­dere Denkschrift begründet. Die Denkschrift plant 1. eine Aufbesserung der Besoldungen der Unlerossiztere vn der Weise, daß alle Uuleroffi- ztere, nicht nur die in besonderen Stellungen be» sindlichcn, auch wenn feine etatsmäßiqe Stelle frei ist, das Diensteinkommen der Vizefekdwebel erhalten sollten; 2. für die Verbesserung Ver Unterkimslsverhältniffe sind in Aussicht genommen: Vermehrung der Familtenwohnungen, Berat öße- rung eines Teiles derselben, Unterbringung sämt­licher Unteroffiziere auf besonderen Stuben, Ver­größerung der Unteroffiziers-Speise-Anstalien und Bereitstellung solcher für abkommandierte Unter­

offiziere in großen Garnisonen und endlich Ver­besserung der Geräte-Ausstaltung und der Be­leuchtung, Erhöhung der Gebühren an Feuerung-« Materialien für die Familienwohnungen. Endlich sollen auch bei Erkrankungen von Familienange­hörigen der Unteroffiziere, die sie zu unterhalten verpflichtet sind, Diakonissinnen, Orvensschweftern usw. zuaezogen werden.

.. Bei der Betriebsverwaltung der Reichs- eifenbahne» sollen dte Gehälter der Unter» beamten um je 60 Mark erhöht werden. Die Kosten der vorgeich'.agenen Erhöhung deS Wolmnngsgeldzuichusser für die Leutnants- und Afsistenzarztklaffe belaufen sich auf rund 840 oOO Mark, für die Unterbeamten, einschließlich der Einkommensverbesserunq für dte Unterbeamten der Reichseiienbahnverroaltung, auf 6 240 000 M.

.’. Der dem Reichstage vorliegende Gesetz- entrourf betr. Abänderung des Gesetzes über die Bewilligung von WohnungSgeldzu» schüssen bringt zunächst eine Erhöhung de- WodnungSgeldzuschusses für die zur Leiilnanis- und Assistenzarztklasfe ge­hörenden Otsiziere re. in den Orten der Servis« klaffe A. und t. Diese Erhöhung wird durch die un Elaiserurvurs für 1906 vorgesehene Be­teiligung des Personal-ServiS bedingt. Ferner­sieht der Entwurf eme durchgängige Erhöhung des WohnungsgeldzuschuffeS für die Unter­beamten um 50's der nach dem Gesetz von 1873 gewahrten Beträge vor. Die Vorlage begründet sie Erhöhung mit den gestiegenen Mietpreisen rmd der dadurch hervorgeruienen Verteuerung der LeKensoerhättnisse, welche durch die fett 1873 eingetretenen Gehaltsaufbesserungen nicht aus­geglichen seien.

Parlamentarische Nachrichten.

:: 25 Vorlagen sind dem Reichstage bis heute, rote aus der Verlesung der Eingänge zu Beginn der ersten Sitzung heroorging, von der Regierung zugegangen. Präsident Graf Balle­st rem stellte dieses als eme „interessante und noch nie dageroeiene" Tatsache fest und sprach unter verständnisinniger Heiterkeit des ganzen HauieS die Erwartung aus, der Fleiß, den die Vertreter der verbündeten Regierungen an den Tag gelegt hätten, möchte auch dem Reichstage vorschweben, wenn er an die Erledigung dieser35 Vorlagen herantrete. — Morgen steht die sozialdemokra­tische Fleischnot-Interpellation zur Beratung

* Zn Berichterstatter« für den Etat hat daS Zentrum den Abg. Speck, für die Steuer­vorlagen den Abg. Müller-Fulda, für die Marine-Vorlage den Avg. v. Thünefeld be» sümmt.

* Zu der morgigen Interpellation des Zentrums betr. die Fleischteuerung wird vom Zentrum der Abg. Herold sprechen. Das Zentrum dürfte den Standpunkt vertreten, daß. dte Grenzen im allgemeinen nicht geöffnet werden, rondern nur da, wo ein besonderer Not­stand besteht.

* Zum Vorsitzenden ter Budgetkommission des Reichstags ist der ,P o fr zujolge der Abg. Gamp (Rpi.) gewählt worden.

* Ber der Schriftführerwahl im Reichstag ist der Abg. Mielezynoti (Pole) mit wenigen Stimmen gegen den Abg. v. Damm (Wirtfch. Bereinigung) unterlegen.

•■■■BeaHaemeeeeeKeieeeeaHKeeaeaeHaaeaaaKaMeeeaeaaeew

KieWofioko-Yarne.

Roman von Ernst von Waldow.

49] (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Ferdinand Forstenberg besucht die Tochter ost, kann er doch mit ihr immer von der Verstorbenen reden, Gusti lauscht seinen Erzählungen stets mit regem Interesse, Edi hat eben so viel zu tun und dann nimmt ihn die Sorge nm daS Söhnchen in Anspruch, wenn er im Familienkreise weilt. Für des Vaters Fühlen besitzt er weniger Verständnis als die Tochter, ja er findet sogar, daß ber alte Herr anfängt, recht wunderlich zu werden. Gehört es doch, nach Edis Ansicht, zu des Vaters fixen Ideen, daß ber alte Herr sich nicht darüber be­ruhigen kann, daß er der Gattin letztem Wunsche nicht gewillfahrt und an dem Unglücksabend da­heim geblieben sei.

Sie hätte vielleicht gerettet werden können l so klagt Ferdinand Forstenberg, und wenn er, was oft geschieht, Katharinas Grabhügel befudjt, dann flüstert er geneigten Hauptes: Arme Kathi — vergib mir!

Weder Edi noch Gusti Haden die mindeste Ahnung von dem wirklichen Zusammenhänge der Dinge und die übrigen Mitwisser des traurigen Geheimnisses gaben die feierliche Zusage, daß die Kinder nie von der Mutter Schuld erfahren sollten.

Maud Lavard und Margarete Moorland haben länger als ein Jahr in Italien gelebt und sind dann nach Deutschland zurückgekehrt, ohne Wien zu berühren, an das sich für sie so trübe Günne- rungcn knüpften. Nachdem auch die schönsten Partien Deutschlands bereist waren und Maud sich längere Zeit in Berlin aufgehalten, fiel die Wahl eines bleibenden Aufenthaltsortes auf Dresden

Ausschlaggebend war nebst der Schönheit der Umgebung und der Kunstgenüsse, welche die Stadt selbst bietet, auch der Umstand, daß entfernte Ver­wandte — Engländer — in Dresden wohnten.

Mr. Wilson — der Bruder von Mauds ver­storbener Mutter — war schon vor Jahren einem Brustleiden erlegen, doch lebte ein Sohn von ihm, der jetzt nach Dresden gekommen war, um seinen Studien — er ivar Maler — obzuliegen und Verwandte zu begrüßen.

Durch eifrige, in London angestellte Nach­forschungen nach ihrem Oheim, hatte Maud diese Einzelheiten erfahren unb sich gern dem Kreise der Verwandten in Dresden zugesellt. Stand sie doch so einsam und freundlos in der Welt, Venn die Liebe Margaretes vermochte nicht, ihr alles zu ersetzen, was sie entbehrte.

Von Ullrich hatte sie wohl zuweilen gehört durch Frau Moorland, mit welcher er in Korre­spondenz stand, aber wiedergesehen hatte sie ibn nicht, selbst dann nickt, als sie ihm so nahe weilte, während ihres Berliner Aufenthaltes. Maud wußte freilich nicht, daß Ullrich mehr als einmal nach Berlin gekommen war, um sie heimlich zu sehen: im Tiergarten, bei ihren Ausfahrten, im Theater, im Korner tsaal. Selbst Margarete ahnte von dieser „kleinen Schnecke", wie Ullrich es bei sich nannte, nichts. Jedesmal, wenn ein Ortswechsel stattgefunden, hatte sie ihm dies in Kürze angezeigt und einige Notizen, Mauds Ge­sundheit und Gemütsstimmung betreffend, bei­gefügt. Dafür war Ullrick ihr sehr dankbar, ge­wesen. In der letzten Zeit waren die Berichte ein wenig länger ausgefallen und es wurde viel von den Verwandten Mauds darin erzählt. Diese im allgemeinen unb der Mr. Charles Wilson, der Maler, im besonderen waren Frau Moorland nämlich in hohem Grade unsympathisch und sie ließ es sich nicht ausreden, daß Vetter Charles einen feinen Plan entworfen hatte, um das Lay- ardsche Vermögen den Wilsons zu erhalten. Er war ein ziemlich hübscher Bursche mit einer i Hünengestalt, dessen rotblondes Gelock höchst male­

risch auf den weißen Hemdkragen und den schwar­zen Samet rock herabfiel. Maud befand sich auch gern in des Vetters Gesellschaft, war derselbe doch nicht ohne Talent, wenn er auch kein Genie war, wie er wähnte.

Zuweilen überkam Margarete ein Angstgefühl, daß ihre kluge, verständige Maud dem schlauen Vogelsteller ins Netz gehen könnte, und dann zürnte sie im Geiste Ullrich Winterfell, daß er gar so lange zögerte, von seinen älteren Rechten Gebrauch zu macken. •

In ihren Schilderungen des Dresdener Lebens spielte denn auch „das Genie", „der umvidersteh- liche Charles, ber moderne Makart in Rotgold", eine große Rolle.

Ullrich hchte zwar keine ernstliche Besorgnisse, daß Mauds Herz ihm geraubt werden könne, doch ertappte er sich mehr als einmal auf dem Gedanken an dem schönen Engländer int Sammetrock; ein Landsmann, ein Detter — das gibt gewisse Reckte, kleine Vettraulichkeiten — ist immerhin einer jungen, reizenden Base gegenüber eine bevorzugte Stellung. Trotzdem blieb Ullrich bei dem einmal gefaßten Entschlüsse: sich Maud nicht ober wieder naben zu wollen, bis er ihr eine ihren Ansprüchen entsprechende Lebensstellung bieten könne — und endsick schien auch für die geduldig Harrenden die Zeit der Erfüllung ihrer Wünsche gekommen zu sein.

An einem Sommer morgen, der durch seine Frische entzückte, da tags vorher ein Gewitter lang ersehnte Abkühlung gebracht, rüstete Maud* sich zu einem Spaziergänge tm „Großen Garten", in dessen Nähe ihre Wohnung gelegen ivar, als Mar­garete mit vielsagendem Lächeln ihr einen Bries übergab. Einen Blick nach der Aufschrist werfend, ließ sich Maud erglühend in einen Sessel gleiten. Tas Herz klopfte ihr zum Zerspringen und sie sah unendlich reizend aus in dieser mädchenhaften Verwirrung. Maud war noch gewachsen, war schöner und vor allen Dingen gesünder geworden. Das war nickt mehr das bleiche, nervenleidende Mädchen, sondern eine voll erblühte Jungfrau.

Endlich brach sie das Siegel und las: Teure Maud!

Nach langem Ringen und harter Arbeit habe ich das vorgesteckte Ziel erreicht. Wohlvcrstan- ben, weder den Besitz von Millionen noch eine Ehrenstellung im Staate, die andere mir be­neiden könnten, nein, nicht von märchenhaftem Glück, keine romantischen Erlebnisse. Nur eine geachtete, bürgerliche Existenz ist es, welche ich der Erwählten meines Herzens zu bieten habe.

Gestern bat mir Herr Ebener, mein Prinzi­pal, der, durch einen Schlaganfall gelähmt, dem Geschäft sich nur wenig widmen kann, den An­trag gemacht, sein Kompagnon zu werden. Meme Stellung ist eine völlig unabhängige, kann später sogar eine glänzende werden; da- Ehrendste für mich ober ist jedenfalls der hohe Grad von Vertrauen, der in mich gesetzt wurde.

Zugleich mit diesem Briefe sende ick Ihnen das Medaillon mit dem Bilde Ihrer Mutter — der „Rokoko-Dame" — wie wir beide fit genannt. Sie mag Ihnen tagen, geliebte Maud, daß das Herz, an welchem sie die Jahre her geruht, nur Ihnen gehörte in echter Siebe, un­wandelbarer Treue!

Denken Sie noch wie einst, haben Sie mir Ihre Neigung gleich treu bewahrt — dann Maud, senden Sie mir statt aller Antwort Ihr eigens, liebes Bild. Ist Ihr Herz einem andern geneigt — s» geben Sie mir das mir in der Trennunasstande geschenkte Medaillon zurück, als ein Pfand der Freundschaft, als Erinnerung an einen schönen Traum, im Mai des Lebens geträumt! . ,

Wie Ibre Entscheidung auch auswllen möge, meine geliebte Maud, glauben Sie mir, daß meine Liebe und Treue für Sie nickt erschüttert werden kann und Ihnen ein ergebener Freund fürs Leben bleibt

Ihr

Ullrich Winterfeit.