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32. Jahrgang
Fulda, Samstag, den 25. November 1905,
JA 2.10.
Zweites Wt'att
»ototiew$6rud a. Verlag der,< ulboer Le» tiewömtferei in Salbe. gernfpreJ)« Ur. 9.
and ist zwar mit dem Vorgehen der Mächte einverstanden. bat aber kein Schiff gestellt, da ein geeignetes Fahrzeug im Augenblick nicht zur Verfügung steht.
fpolttge petltjell« aber deren Saum 15 P1-. Uetlamea die pellt,eil« 25 pig.; bei wieder- Holungen wird enlspr. Lada« gewährt.
Unpolitische Zeitlaufe.
(K Berlin, 23. November 1905.
(Nachdruck verboten.)
Den Nebel haste ich. Im Sommer haben wir die goldene Zeit, im Herbst die kupferne, im Schnee und Frost die silberne, aber wenn der Vorwinter uns eine Reihe von Nebeltagen beschert, dann liegt es wie Blei auf Leid und Seele, ein schweres, häßliches, giftiges Blei.
Der Nebel kriecht in die Kleider, auf die Haut, in die Haare, in die Luftröhre, in die Lungen, ja bis ins Herz und Gemüt. Wenn ich lange im Nebel mich aufhalten mutz, so ist mir zu Mute, als wenn ich ein paar Flaschen Spülwaster trinken mützte.
Die Dichter besingen alles, sowohl das ewige Eis als die tropische Kollerhitze. Aber dem Nebel können sie keine poetische Seite abgewinnen. Er wird nur zum Sinnbild des greulichen Elends gebraucht. Zum Beispiel wenn Schiller sagt:
Ach, auS dieses Tales Gründen, Die der kalte Nebel drückt. Könnt' ich doch den Ausgang finden usw.
Und wenn der alte römische Dcrsschmied Horaz die Polargegend abschreckend schildern will, so schreibt er ihr „Nebel und schlechtes Wetter" zu, und her Mann war niemals auf einem „Ver- gnügungsdampfcr" nach Spitzbergen gefahren; aber er hatte doch die richtige Ahnung, datz der natzkalte „Nebel dort den abscheulichsten Gegen- satz zu dem klaren Himmel" seines Vaterlandes bilde.
Und nun muß man erst einen Seebären über den Nebel fluchen hörenI Mit einem ehrlichen Sturmwetter nimmt er den Kamps in trotzigem Behagen auf; aber wenn der Nebel sein Schiff umschleicht, dann schmeckt ihm auch das beste Priemchen nicht mehr. Er Weitz, wie grotz die Gefahr des Zusammenstoßes oder Auflaufens tft, und er fühlt sich ohnmächtig vor diesem nichtswürdigen Dunst; er kann nichts sehen und kann nichts anderes tun, al» in größtmöglicher Lang- samkeit dahin kriechen und dabei in einem fort heulen oder pfeifen.
In London soll der Nebel noch viel schlimmer sein, als bei uns zu Lande. Ein magerer Trost. Wir haben in unserem drückenden, lähmenden Novembernebel schon übergenug. Alles atmet erleichtert auf, wenn mal wieder auf ein Weilchen die Mutter Sonne ins Haus und Feld guckt und die dunstigen Spukgestalten verscheucht.
Und dabei steckt hinter dem lästigen und gefährlichen Nebel eigentlich gar keine große Bosheit. In den unteren Luftschichten ist der Wassergehalt etwas zu dicht und zu dick geworden: das ist alles. Das Wasser ist doch sonst kein schlimmer Feind, und wenn die schwebenden Wasserteilchen oben in der Luft Wolken bilden, so freuen wir uns über diese himmlischen Gebirgslandschaften, die uns den fruchtbaren Regen vermitteln. Aber wenn die Bewölkung im Erdgeschoß der Natur sich breit macht, dann wird die Wohltat zur Plage.
Dann erwacht die Sehnsucht nach Klarheit. Wir wollen in reiner Luft atmen, wir wollen in durchsichtiger Lust freien Ausblick haben, wir wollen in frischer Lust flott streben und schaffen.
Es gibt auch geistige Nebel, die uns die Klarheit des Blickes, des Urteils und des Wirkens
Die Wahlrechtssrage bildet auch In Oester- reich nach wie vor das Thema der politischer. Erörterungen. Zu Beginn der Reichsratstagung am 28. ds. MtS. erwartet nun umsastende Demon- trationen der Sozialisten. In U n g a r n geht >ie Regierung jetzt gegen die renitenten Komi- tate scharfer vor. Eine Klärung der Lage ist aber noch immer nicht eingetreten. Unter Füh- rung des Grafen Andrassy hat sich jetzt eine Ver- astungspartei konstituiert, die auf der Basis des AusgleichS von 1867 steht, aber mit den koalierten Opposition Hand in Hand geht.
Der italienische Ministerpräfi- dentFortis hatam Samstag in Neapel eine Bankettrede gehalten, die eine Kundgebung der friedlichen Absichten Italiens, zugleich aber auch eine Widerlegung der Annahme bedeutete, als ob Italien eine Veränderung seiner Stellung zu den europäischen Mächten, speziell zum Dreibunde beabsichtige.
Der französische Senat hat sich auch im Laufe der vergangenen Woche mit dem Gc- sctzenttvurf betreffend die Trennung von Kirche und Staat beschäftigt und bereits einige Artikel der Vorlage angenommen.
Norwegen ist jetzt ein selbständiges Königtum. Einstimmig hat das Storthing den Prinzen Karl von Dänemark zum König gewählt; auch die Sozialisten stimmten dieser Wahl zu. Eine Abordnung des Storthings hat dem Prinzen in Kopenhagen die Krone angetragen, und der Prinz hat dieselbe angenommen. Er wird den Namen König Haakon VII. führen. Die Eidesablegung des Königs im Storthing wird am Montag erfolgen. Damit ist nun die „schwedisch-norwegische Frage" endgiltig begraben.
Auch in Rußland scheint endlich Ordnung einkehren zu wollen. Die Stratzenunruhen haben aufgehört und es mehren sich von Tag zu Tag die Anzeichen dafür, datz Graf Witte sowohl im Kampfe mit der Revolution wie im Kampfe mit der Reaktion Sieger bleiben wird. Ein Appell Wittes an die Arbeiter zur Mitwirkung an dem von ihm übernommenen Reformwerke ist nicht ohne Wirkung geblieben. Es zeigt sich das schon in dem Umstande, daß der Versuch der Revolutionäre, einen neuen Generalstreik zu inszenieren, vollständig gescheitert ist. Zu diesem Umschwung der Dinge hat jedenfalls die Festigkeit viel beigetragen, mit welcher Witte auftrat, und feine Drohung, gegebenen Falles zu den schärfsten Maßnahmen zu greifen. Eine erheblichere Gefahr betreffs erneuter Unruhen besteht zur Zeit noch in Polen, wo die nationale Autonomie- Bewegung trotz der Verhängung des Kriegszu- standes noch im Gange ist.
Die vielberufene Marokko-Konferenz soll nun am 15. Dezember in Algeciras zusammentreten. Spanien will zu diesem Termin die Einladungen erlassen, und da die Bevollmächtigten des Sultans von Marokko bereits ernannt sind, glaubt man nicht mehr mit einer Verzögerung rechnen zu müsten.
Renitenter als der Sultan von Marokko zeigt sich der Beherrscher der Türke i. Er hält an seiner Weigerung fest, die Vorschläge der Mächte bezüglich der mazedonischen Finanzreform anzunehmen. Dadurch werden die Mächte gezwungen, die beabsichtigte Flottendemonstration in den Dardanellen zur Ausführung zu bringen. Der Beginn der Demonstration war auf den 22. November festgesetzt. Möglicherweise wird auch die eine oder andere der türkischen Inseln besetzt und eine Truppenlandung veranstaltet werden. Das Kommando über die Demonstrationsflotte ist Oesterreich-Ungarn übertragen worden. Deutsch-
frf»ehrt täglich,«« Hesnabme der Sonn« unb Feiertage, ölend- fährt. Bejugsprei» ohne Bringerloltn nutz Seriell gelb in Sulba nnb auswärts i Hit 50 Pfg.
trüben. Da denkt vielleicht mancher gleich an den Zustand, den man im Volksmunde als „benebelt" bezeichnet. In der Tat, ein Portiönchen Alkohol kann im Menschen einen verwirrenden und lähmenden Nebel erzeugen, dessen jämmerlicher Verlauf einem aschgrauen Novembertage sehr ähnlich sieht. Doch der Alkohol ist nicht der einzige Nebelvater. Auch die anderen Leidenschaften und Schwächen bringen nur zu oft häßlichen und giftigen Nebel in Haus und Herz.
Große Frevel, schwere Missetaten führen in der Regel zu Sturm, Donner und Blitz. Aber die „steinen" Fehler, Nachläsiigkeiten und Mißgriffe können in ihrer Häufung ein schleichendes liebel herbei führen, wie die gehäuften Wasserteilchen in der Luft.
Da ist z. B. ein sonst ganz braver Hausvater etwas stammtischsüchtig. Er glaubt zu verdursten, wenn er nicht alltäglich sein Gläschen in gewohnter Gesellschaft trinkt; dabei gibt es leider oft schöne Anlässe, noch ein zweites oder drittes sich zu genehmigen. Die Stuhlböden sind von Pech, und die Uhr geht viel zu schnell. Der Mann berauscht sich nicht, er macht auch keine übermäßige Verschwendung; von jeder schweren Sünde spricht er sich frei. Aber, aber — das @ef*"ft leidet mcir und mehr unter der häufigen Abwesenheit des Herrn; die Frau fühlt V.4' vernachlässigt und fängt in der unliebsamen Einsamkeit Grillen; die Kinder entbehren in bett Mußestunden ihren Vater. Am verlöteten Familientisch ist es ungemütlich. Der Mann bringt Wirtshausluft und Wirtshausgedanken mft nach Hause; das Denken und Fühlen der Seinigen, die kleinen Ereignisie und Bedürfnisse der Familie werden ihm mehr und mehr fremd. Es legt sich ein Nebel über das Familienleben. Kein häusliches Gewitter mit Luftreinigung und nachfolgender sonniger Aufklärung, sondern eine dumpfe, dunkle, bleierne lähmende Luft, in der nicht Gutes und Schönes, aber alle schlechten Keime gedeihen. Aus lauter „Kleinigkeiten" braut sich da ein großes Hebet zusammen.
Oder die Frau ist unordentlich. Sie hat ja den besten Willen, gewiß; aber sie läßt hier etwas liegen und macht dort einen Mißgriff; sie läßt sich auch etwas aufhalten durch eine klatschsüchtige Nachbarin ober ein Modejournal oder einen Roman. Sie bleibt auch mal bei einem Ausgange wegen der vielen schönen Schaufenster etwas zu lange aus und kommt wegen „lehr vorteilhafter" Gelegenheitskaufe mit ihrem Wochen- oder Monatsgeld nicht so ganz aus. Die Ordnung uni Sauberkeit, die Pünktlichkeit und Güte des Familientisches, die Pflege und Erziehung her Kinder, die Sorgfalt für den Mann lassen bald hier, bald da etwas vermisien. OH, saat sie, das sind ja alles nur Kleinigkeiten, nur gelegentliche, läßliche Zwergsünden. Aber wenn das Woche für Woche, Jahr aus Jahr in diesem Schlendrian weiter gebt, so nimmt im Hause ein Häßlicher und giftiger Nebel der Ungemütlichkeit, des verkniffenen Aergers, des Argwohns und der Zuchtlosigkeit Dauerwohnuna. Der Mann sucht sich außerhalb des unbehaalichen Heimes schadlos zu halten, das Gesinde sündigt auf die Schwächen der Herrschaft hin, die Kinder nehmen aus der schlechten „Kleiniakeiten", die ihnen die Eltern vormachen, als Muster für gefährliche Unsitten.
Anderswo hat man eine Schwäche für Lurus und Vergnügen. Verschwendung im Großen wird nicht betrieben; für solchen schweren Frevel ist man doch zu „gewisienhaft". Aber „etwas" darf man sich doch gestatten. Heute etwas und morgen wieder etwas. Uehermorgen muß man wieder ein Vergnügen mitmachen, oder eine
Perantwortlidxr
♦djriftleiier: 3. Bax«;
iWUÄ. w°chMdoi-g«: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
Zeitung
moiiotebdiagt: „ßuldaer Geschlchtrblätter".
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(Nachdruck verboten.) Fulda, den 25. November 190».
Schon im Laufe der jetzt abgeschlossenen Woche ,ollte die Reichshauptstadt einen weiteren fürstlichen Besuch sehen, den K ö n i g K a r l v o n P o t- t u fl a l. Tie Reise des Königs, die denselben über Paris und Berlin nach Wien führen soll, ist indessen ein wenig verschoben worden, sodaß der König erst am Ende der lausenden Woche in Berlin eintreffen wird. Sein Aufenthalt dortsclbst ist auf drei Tage berechnet. Eine andere Reise, eine Reise, von der es keine Wiederkehr mehr gibt, hat der Grotzherzog AdolfvonLuxemburg angetreten. Derselbe ist hochbetagt nach längerem Kranksein in seinem Schlosse Hohenburg gestorben.
Das Herannahen der Reichstagseröffnung hat die verbündeten Regierungen veranlaßt, nunmehr mit einer Veröffentlichung der Hauptvorlagen vorzugehen. Zunächst hat man die Flottenvorlage publiziert, die mit Einschluß der weiteren im Marineetat unteryebrachten Forderungen abgesehen von der einmaligen Ausgabe von 165 Millionen JH, die fortdauernden Ausgaben des Marineetats bis zum Jahre 1917 um rund 100 Millionen JH in die Höhe schnellen wird. Der Flottenvorlage hat man die neue Steuervorlage folgen lassen, die wenigstens in den Grundzügen veröffentlicht worden ist. Die verbündeten Regierungen beziffern den Mehrbedarf des Reiches auf 245 bis 255 Millionen Mark. Davon sollen 220 bis 230 Millionen durch neue Steuern oder Zölle aufgebracht werden, während der Rest aus den Erträgen des neuen Zolltarifs gedeckt werden soll. Das Bier soll 60 Millionen, der Tabak 40 Millionen mehr bringen wie bisher; den Rest tragen Stempelsteuer und Reichserbschaftssteuer.
Ein bedauerliches Unglück hat unsere Marine getroffen. Das Torpedoboot „S126" ist bei einer Kollision gesunken. Dreiunddreißig brave Seeleute haben dabei ihr Leben eingebützt.
Der längst angekündigte Personenwechsel im preußischen Justizministerium ist nunmehr vollzogen. An die Stelle des Herrn Schoen stedt ist der Oberlandesgerichtspräsident Dr. Beseler getreten. Diese Veränderung hat eine die Zentrumspartei nahe berührende Verschiebung hervorgerufen, da der an Stelle des neuen Iusttzministers als Oberlandesgerichtspräsident nach Breslau berufene bisherige Präsident des Oberlandesgerichts in Kiel durch Herrn Dr. Spahn, den Führer der Zentrumspartei, ersetzt werden soll.
Aus Deuts ch-Südwestafrika ist die Kunde von dem Tode des Hottentottenführers Hendrik Witboi gekommen. Ob fein Tod Einfluß auf den Gang der Dinge in unserer süd- westafrikanischen Kolonie haben wird, bleibt abzuwarten. Unsere dortige Schutztruppe hat den Aufständischen wiederum verschiedene erfolgreiche Gefechte geliefert Das gleiche wird aus Deutfchostafrika gemeldet. Der Bezirk Tar-es-Salam ist jetzt völlig pazifiziert.
Die bayerische Abgeordnetenkammer hat auch in zweiter Lesung den Wahlgesetzantrag des Zentrums einstimmig angenommen, nachdem ein liberaler Antrag auf Einführung der absoluten Mehrheit bei den Wahlen an Stelle der relativen Mehrheit abgelehnt worden war.
FrieHlosioko-Yame.
Roman von Ernst von Waldow.
44] (Nachdruck verboten.)
Nun war eS anders geworden. Wenn auch die Liebe tief im Herzen ruhte, einem versunkenen Schatze gleich, so hatte doch die Reflexion, die Stimme der Ehre, der Vernunft Macht erhalten über das törichte Herz, und Ullrich fragte sich: hätte Maud einem anderen Manne gegenüber solch ungeheuerlichen Verdacht gehegt und denselben zu äußern gewagt? — Stein und tausendmal nein!
Dem Fremdling, dem Glücksjäger, der arm, ohne Freunde, ohne Familie in der Welt steht, im harten Kampfe ums Dasein, durste man eine ehrlose Handlung zutrauen, ihn für den Genossen von Dieben und Räubern, vielleicht selbst für einen Verbrecher halten! — o, wie das schmerzte, und von ihr — von ihr!
Ruhelos wand Ullrich sich auf seinem Lager, und als er am andern Morgen nach kurzem, durch angstvolle Träume gestörten Schlummer erwachte, fühlte er sich so matt und tödlich erschöpft, daß die brave Frau Karoline, die ihn so treulich gepflegt, erschreckt den Arzt benachrichtigte: Der hielt dem Patienten eine Strafpredigt, verschrieb eine Medizin und nebenbei absolute Ruhe.
Ja, wenn die auch in der Apotheke zu bekommen wäre, dann würde es Wunderkuren geben.
Tie Wahrheit war, daß Ullrich nicht einen Augenblick Ruhe finden konnte. Immer und immer hielt er sich vor, wie schmählich er von Maud verkannt, tote schimpflich die Beleidigung, die Kränkung seiner Ehre gewesen sei, er durch- lebte alle Einzelheiten jener letzten Szene mit Maud voller qualvoller Deutlichkeit, und doch tönten die Worte ihm ins Ohr: „Maud schwer erkrankt" und übertönten zuletzt alles.
Fort zu ihr! Und was wollte er bei ihr? 58er- löhnung gab es nicht, wenn sie auch die ihm angetane Schmach bitter bereuen mochte. Weil ein
Zufall die wirklich Schuldigen entdeckt, nur deshalb — stand er in Mauds Augen gereinigt da. — Ha, eine Ehrenrettung, auf die er sich wenig ein bilden durfte, da andernfalls der schlimme Verdacht zeitlebens auf ihm gelastet haben würde.
Wenn er sie noch einmal sehen könnte, ihr vergeben und dann scheiden für immer. Die Trennung wäre dock nicht so schaurig und jammervoll, wie sie in der Tat gewesen. Aber nein, er konnte es nicht darauf ankommen lassen, well er feine eigene Schwäche fürchtete und bann, in ihrer Nähe atmen, die verlorene Seligkeit doppelt schmerzlich sich zu vergegenwärtigen und abermals einen Abschied — es ging nicht, das hieße von vorne anfangen und das Stück dornenvollen Pfades, welches er bereits zurückgelegt, noch einmal gehen.
So beschloß denn Ullrich, schweigend abzuwarten, was Margarete Moorland ihm in dem Der- sprochenen Briefe mitteilen werde, und er zählte die Stunden bis zum Empfange dieses ersehnten Schreibens.
JnMischen schrieb er, wie et sich längst vorgenommen, an Herrn Ebener in Frankfurt, teilte dem alten Herrn mit, datz die Verlobung mit der Erbin gelöst sei, und er beabsichtige Europa zu verlasien. Das kleine Kapitol, sein bescheidenes Erbe, würde genügen, ihn so lange über Wasser zu halten, bis er drüben eine ihm angemessene Lebensstellung gesunden habe.
Schließlich bat er den umsichtigen alten Herrn um Rat und wenn möglich um einige Empfehlungen an Londoner oder New-Notker Hand- lungshäuser.
Tie Antwort des Herrn Ebener ließ nicht lange auf sich warten, sie war kurz und enthielt die dringende Einladung, nach Frankfurt zu kommen, sobald der Arzt die kurze Reise gestatte.
Wenn mich nicht das Zipperlein wieder plagte, schloß der alte Junggeselle, würde ich selbst nach Berlin gekommen sein, um Sie heim zu holen. Längst hatte ich den Wunsch, Sie in meinem Geschäfte zu haben, doch nach Ihrer Verlobung und den glänzenden Aussichten in Wien, wagte ich gar nicht. Ihnen den Vorschlag zu machen! Jetzt
ist das etwas anderes. Vorläufig werden Sie nicht nach der neuen West geben, in der übrigens das alte Elend Wurzel geschlagen hat und üppig genug fortwuchert — helfen Sie lieber einem kranken, gebrechlichen Mann fein Geschäft in Ordnung halten; nach drüben zu gehen ist noch immer Zeit, wenn es Ihnen im Vaterlande nicht gefällt.
Ullrich atmete förmlich erleichtert auf, in seiner jetzigen Seelenstimmung und bei der körperlichen Schwäche hatte der Gedanke einer langen Seereise nichts Verlockendes für ihn. Er antwortete umgehend und sprach seine Bereitwilligkeit aus. eine Stellung in dem Ebenerschen Geschäfte anzunehmen, nur müsse er sich noch einige Tage Ruhe gönnen, da der Arzt ihn noch nicht reffen lassen wolle. Nun wäre Ullrich, trotzdem er sich noch recht matt fühlte, doch gleich nach Frankfurt gefahren, da die kurze Reife nicht eben sehr anstrengend war und er sich an5 dem Krankenhause fortsehnte — wenn er nicht den versprochenen Bries Margaretens noch hier in Empfang zu nehmen wünschte.
Und endlich, spät genua für feine Ungeduld, traf das Schreiben ein. Dasselbe enthielt zwar nicht die erwartete genaue Mitteilung, die Einzelheiten des Mordes im Liegnitzer Landhause betreffend und die Namen der Schuldigen — aber Frau Moorland schrieb von Maud, erzählte von deren Krankheit, wie selbst die Aerzte sie schon verloren gegeben hätten und ließ hie und da durchklingen, daß Maud tiefen Schmerz und bittere Reue fühle über ihr damaliges Verhalten, das schließlich doch auf eine krankhafte lieber- reizung des Nervensystems ?nrii cf xu führen sei und ihr deshalb nicht als so große Schuld angerechnet werden dürfe.
Dazu komme, daß Maud schon tn Liegmtz, her juristischen Belehrung zum Trotze, die fixe Idee gefaßt habe, daß ihr armer Vater durch einen Schlag mit dem silbernen Stockknopfe getötet worden fei und infalgebcffen habe sie auch den Besitzer des Stockes für den Mörder gehalten. Das Blut des Ermordeten habe ja auch in der Tat an dem Hufeisen aus oxidiertem Silber geklebt, die Flecken feien noch sichtbar.
Was nun die Schuldigen betreffe, so seien dieselben entdeckt, und demnächst solle Ullrich Winterfelt die ganze traaische Geschichte erfahren, er allein, denn für die Welt müsse es das tiefste Geheimnis bleiben, da jene der Familie so nahe stünden, daß unabsehbares Unglück entstehen würde, wüßte man ihre Namen.
Das klang nun allerdings sehr geheimnisvoll, aber so gern auch Ullrich schon jetzt gewußt hätte, wer denn eigentlich das Verbrechen begangen, mit welchem Maud ihn in so engen Zusammenhang gebracht, hatte er doch fein Recht, auf die Enthüllung eines Geheimnistes zu bringen, das Personen in Gefahr brachte, welche der Familie For- stenberg nahe standen. Im Grunde genügte es ihm, daß Maud ihn für schuldlos hielt, es war Sache des Gerichts, die Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Vor allem inereffierten ihn die Nachrichten, Maud betreffend, und er dankte Gott aus tiefster Seele, daß ihr Zustand sich gebessert und die Gefahr für ihr Leben geschwunden fei. Das schrieb er auch der Moorland und fügte hinzu, daß er, feiner geschwächten Gesundheit wegen, von einer Reise nach Amerika Abstand genommen habe und im Ebenerschen Geschäfte in Frankfurt die ihm angetragene Stelle eines Prokuristen demnächst antreten werde.
Die ihm in Aussicht gestellte eingehende Mitteilung über die Urheber am Morde Sir George Loyards erwartete et nun in Frankfurt zu erhalten.
Jetzt rüstete sich Ullrich allen Ernstes zur Abreise, die am nächsten Tage schon erfolgen feilte, als die Wärterin ihm eine angelangte Depesche überbrachte. Erschreckt öffnete er und uberlaS das von Margarete Moorland abgefanbte Telegramm, dann ließ er es auf den Tisch gleiten und versank in tiefes Nachdenken.
Am andern Tage reiste Ullrich zwar, tote be- stimmt, nach Frankfurt, aber er hielt sich nur wenige Stunden im Ebenerschen Hause auf und setzte mit dem nächsten Zuge feine Reise nach Wien fort.
(Fortsetzung folfltl