Einzelbild herunterladen
 

trtoehrt tSgttch. mH flusnafrme der Sonn* vnd Seitrtoat. vierlel- jährl. Bt$ngspt«ts obre Brinoerlobn und verrllsrldin.'inldannd auswärts 1 Olt. 50 Pf J.

Verantwortlicher Schriftleiter: 3. van«; für di« Anzeiarn 1. parzeller in finlda.

Anzeigen: Vie rin spaltige peiitzeile oder deren Raum !5 pfg. Reklamen die Petitzeile 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entipr. Rabatt gewährt.

Rotattonsdruck n. vertag der Luldaer Le« tiendruoerei itt Hulda.

Zernipre her Ur. 9.

Fulda, Samstag, den 11. November 1905.

M 259.

32. Jahcgana.

Irveites Wt'crtt.

Unpolitische Zeitläufe.

Berlin, 9. November 1905.

(Nachdruck verboten.)

Also der König von Spanien ist hier. Großer Empfang. Die Berliner sind immer höflich gegen die hohen Gäste des Hofes. Aber diesmal war das Lolk noch etwas lebhafter bei der Sache, als sonst. Nicht der Politik halber, sondern aus rein menschlicher Teilnahme. Denn der junge König geht auf Freiersfüßen, und wo das liebe Publi­kum etwas Hochzeitsluft wittert, da ist es mit neugieriger Seele dabei. Wenn König Alfons einmal später als bärtiger Ehemann an die Spree zurückkommt, wird er den Berlinern und Berline­rinnen längst nicht so „interessant" sein.

In den kleineren Orten denkt man oft, in der Weltstadt kümmere sich kein Mensch um den an­dern. Das ist nur halb wahr. Wie's trifft. Um einen Leichenzug zum BeispiÄ pflegen sich die Leute auf der Straße sehr wenig zu kümmern. Aber wenn ein Hochzeitstag in Sicht kommt, da werden die Augen und die Mündchen aufgerissen. Sonst hasten und rennen die Weltstädter, als ob ihre Zeit Gold wäre. Doch, wenn die Kirchen- diener vor einer Kirchentür den Läufer ausbreiten, so sammeln sich alsbald zu Dutzenden und schließ­lich zu Hunderten Leute an, die Zeit genug zum Warten haben und sich geduldig die Beine in den Leib stehen. Tenn der Läufer verkündet ein Schauspiel, das immer neue Zugkraft ausübt: ein Brautpaar mit Gefolge wird vorfahren. Die Brautleute müssen in der Großstadt ebensogut Spießruten laufen, wie in den kleinen Nestern. Erst beim Einsteigen in die Kutsche vor dem Stammhause, dann beim Eintritt in die Kirche, dann beim Rückmarsch aus der Kirche und schließ­lich noch beim Einzug in das Gast- oder Privat- haus, wo die Sache begossen und betrunken werden soll. Da die Berliner Zunge bekanntlich „schnod­derig" ist, so können er und sie und die Braut- jungfern und die befrackten Freunde sich manche Stachelbeere von diesem Spalier pflücken. Die Toiletten werden krittsiert, die Figuren werden auch durchgehechelt, und unter den Nachbarn oder Bekannten der betreffenden Familien wird ab­gewogen, ob der enffaltete Pomp auch in richtigem Verhältnis zum Vermögen steht. Aber es ist nicht bloß Klatschsucht und nicht bloß blöd« Gafferei, was die Leute an den Laufteppich treibt, sondern auch ein verständnisinniges Herz. Die Hausfrau, die von ihrem Kaffeetopf zur Kirchtür gelaufen ist, denkt an ihre grüne Hochzett zurück und lächelt wehmütig der angehenden Schicksalsgenoffin zu. Tas junge Mädchen mall sich aus, was sie wohl fühlen und hoffen wird, wenn sie einmal im weißen Schleier desselben Weges geht und wie „er" dann wohl ausschauen wird. Der Hagestolz brummt in den Bart, daß die Leichtsinnigen nicht alle werden, und im Grunde seines Herzens bereut er, daß er nicht auch mal seinen Mitmenschen diese Augenweide geboten hat. Der vorübergehende Jüngling denkt, an einer solchen Parade sei ihm freilich nichts gelegen, aber so ein liebes Frauchen bennznführen, sei doch nicht uneben, und wenn er noch ein paar Jahre schaffe und strebe, so könne er auch mit ihrer Mutter reden. Alle jedoch em­pfinden es, daß die Ehe eine große und heilige Sache ist. Gerade die, welche die üblichen schlech­ten Witze machen, wollen vielleicht eine warme Empfindung verdecken. Das freundliche Mitge­fühl bekundet sich in der Regel unwillkürlich bei dem Erscheinen der Braut in dem gedehnten Aus-

KieMosioko-Darne.

Rouian von Ern st von Waldow.

32] (Nachdruck verboten.)

Es war unmöglich, daran zu zweifeln, daß diesen liebeir Menschen allen ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen sei. Gnsti fühlte sich innig beglückt, daß sie noch imstande gewesen war, so viel Freude zu bereiten.

Und als sie dann alle traulich beisammen saßen, das Brautpaar auf dem Ehrenplätze, da nahm Papa Sanders das Wort und sprach, Gnsti auf die Stirne küssend:

Jetzt, liebeS Tochters, wird „Du" gesagt, so froh und leicht ist mir seit langem nicht zu Dkute gewesen, denn eine große Last ist mir abgenommen. Eure Geheimnistuerei, das Unglück betreffend, m’1' nie gefallen. Nun sollen Deine Eltern, lreoe Gusti, alles erfahren, denn wenn es ein schaden ist, daß Dein glattes Gesichte! durch die oosen -^arbeit verunziert worden, so hat der Junge, Detn Zukunfttger, ihn zu tragen.

>5" uuserm Haufe ist Dir das Malheur pas­siert, X.U. brauchst es aber nicht gar zu sehr zu be- trauern, liebes Tochterl, denn trotzdem hast Du etncn Mann bekommen,. Und morgen wird der Theobald nach Wten reffen, sich in einen schwarzen Frack stecken und tn aller Form in seinem und meinem Namen bei Forstenberg und Söhne um Gusti werben. Im Sommer aber gibts eine froh, liche Doppelhochzeit k I Q

Mizi jubelte hoch auf, Mama Sanders weinte einige Tränen der Rührung und Theobald drückte seinem Vater mit glücklichem Lächeln die Hand. ®ufti aber weinte sich in dieser Nacht nicht in den Schlaf, obwohl sie viel nach Hause dachte und wie “je Eltern wohl die Nachricht aufnehmen würden. 'eä toat doch beglückend, sich so geliebt zu sehen.

• *

rufe: Ahl In das gedehnte Ahl weiß der Set­liner sein ganzes Gemisch von Gedanken und Ge­fühlen hineinzubringen: etwas Ironie, etwas Bewunderung, aber auch viel gemütliches Wohl­wollen. In dem Ahl stecken auch herzliche Glück­wünsche.

Wenn die emanzipierten Frauen in Berlin ihre „Tage" abhalten, so keifen sie gerne gegen die hergebrachte Ehe, die nur auf die Versklavung des Weibes hinausgehe. Einige wollen die Ehe so umgestalten, daß es gar keine mehr ist und andere predigen ganz offen die freie Liebe. Das Volk, sogar das berlinische Volk, kümmert sich um das Gerede dieser „aufgeklärten" Mannweiber durchaus nicht; es schätzt und verehtt in der Ehe noch immer den Kern- und Angelpuntt des ganzen Lebens, es freut sich nicht bloß bei der eigenen, sondern auch bei jeder anderen Ehe­schließung, es bleibt sich trotz aller Verweltlichung der Heiligkeit des Eheschluffes bewußt. Die große Neugierde, die jeder Brautschleier noch immer erregt, ist kein schlechtes Zeichen der Zeit. —

Die Zeitungen wissen bekanntlich alle Dinge eher, als wie sie passiert find, und so kann man denn auch schon lesen, welche deutsche Prinzessin Königin von Spanien werden soll. Ich meine, man sollte dem jungen König und der betreffenden Prinzessin doch so lange Schonzeit gewähren, bis sie sich mal ordentlich besehen und ausgesprochen haben. Etwas hängt ja doch schließlich auch von den persönlichen Empfindungen ab.

Allerdings nicht so viel, tote bei uns gewöhn­lichen Bürgersleuten. Wir sind viel freier in der Wahl unserer Lebensgefährten, als die allerhöchsten und tzxhsten Herrschaften. Ein König braucht freilich um Wohnung, Nahrung und Kleidung nicht zu sorgen; ober er hat viel schwerere Sorgen und muß viel zahlreichere Rücksichten nehmen. Er sucht nicht bloß eine Frau für sich, sondern zugleich eine Königin für sein Reich, eine Mutter für sein Land. Er ist bei der Suche angewiesen auf den kleinen Kreis der „ebenbürtigen" Prin- zessinen, was die Demokraten für eine rückständige Engherzigkeit erklären, was aber doch vielleicht sein Gutes hat, weil sonst die Milliardäre fich auch noch zu Sckftviegervätern der regierenden Fürsten machen würden. Vor den königlichen Ehen spre­chen nicht blos die Eltern mit, sondern sogar die Minister, welche ihr politisches Barometer in die Herzensangelegenheit stecken. Je höher die Stel­lung, desto mehr Pflichten; je größer die Macht, desto strenger das Müssen; je mehr Glanz, desto weniger Glück.

Wir gewöhnlichen Sterblichett muffen uns unser bescheidenes Nestchen selber bauen. Das ist mühsam und erfordert oft viel Geduld; aber wir haben dafür auch mehr Freiheft, es so recht nach unserem Geschmack und Behagen einzurichten.

Man redet jetzt und so viel vom Wahlrecht; in Rußland und Oesterreich schreien sie davon sogar auf der Straße. Die Leute meinen das bischen politische Wahlrecht. Ich glaube, ein wert­volleres Stück der Menschenrechte ist die Braut­wahlfreiheit.

Nur muß man den rechten Gebrauch von diesem Wahlrecht zu machen verstehen. Wenn uns nicht so viele Rücksichten und Vorschriften beengen, wie die hohen Herrschaften, so folgt daraus noch keines­wegs, daß wir nun blindlings einem einseitigen Trieb folgen dürften. Der eine träumt von einer reichen Frau, der andere von einer vornehmen Frau, der dritte und vierte von einer reizenden Frau. Wenn der erste bloß auf die Mitgift sieht und nicht auf die Ansprüche seiner Zukünftigen, so kann er ein schlechtes Geschäft machen. Wenn der zweite nur auf die Noblesse spekuliert, so kann er zum mißachteten Dienstmann. der. vornehmen Sippe werden. Der dritte fällt aus die Schönheit

herein und bekommt eine dumme Modepuppe; der vierte entdeckt vielleicht hinterher, daß auch Teufelinnen fich in reizende Engel verkleiden ton­nen. Die Liebe macht blind, sagt das Sprichwort. Aber wer den folgenschwersten Schritt tun will, der über sein ganzes Lebensglück enffcheidet, der darf nicht blind zugreifen, wie ein Waisenknabe am Glücksrad; dem genügt noch nicht einmal ein Auge, das nur einen einseitigen Ueberblick gibt, sondern er muß beide Augen tüchtig ge­brauchen.

„Nehmt nur alles in allem", sagt der Dichter. Aus der Brautschau muß man auch alles in Be­ttacht nehmen — das Aeußere und das Innere, das Körperliche und das Geistige, das Sittliche und Wirtschaftliche, das Persönliche und Sachliche, das Individuelle und das Gesellschaftliche, das Gegenwärtige und das Bevorstehende —> und alle diese Einzelheiten muß man in einem Gesamt­bilde bereinigen.

Die Heirat ist fein Stückwerk, sondern es ber­einigen fich da die ganzen Menschen mit all' ihren Kräften und Schwächen, mit all' ihren guten und schlechten Eigenschaften, mit ihrem ganzen Wesen und Zubehör. Ob sie zu einander passen, das ist die Frage, die sehr einfach klingt und doch nicht so leicht zu lösen ist. Ein Nock, der bloß an der einen ober anderen Stelle patzt, ist nichts wert; er muß durchgehends paffen.

Sich selbst erkennen, ist schwer; das wußte schon der uralte Weise von Griechenland. Wer heiraten will, mutz erstens sich selbst kennen und zweitens auch noch das auserwählte Wesen. Denn sonst kann er nicht richtig abwägen, ob er und sie zusammenpassen.

Man heiratet nicht bloß für die Hochzeitsreise ober die Flitterwochen ober die Sonntage, sondern auch für die Tage der Arbeit und der Mühsal. Auch für die Berufsstellung ober das Geschäft des Mannes muß die Fran paffen. Ferner gilt die Heirat nicht bloß für die Tage der Lust, sondern auch für die Zeit des Leidens, der Krankheit, des Alters. Wer das bedenkt, wird mehr auf Ge­sundheit und Herzensgüte, als auf reizendes Lächeln und elegante Manieren sehen.

Die Auswahl ist groß; in diesem Zeitalter der Freizügigkeit mit Dampf ist sie sogar sehr groß. Jeder kann die Rechte finden, wenn er nur klare Augen und ein gesundes Urteil hat. Aber die Augen lasten fich leicht blenden, das Urteil leicht verwirren. Darum ist es gut, auf den Rat verständiger Leute zu achten. Nicht auf das leichtsinnige Gerede von sogenannten Freun­den ober Freundinnen, sondern den Rat der Ettern, der Seelforger, der erfahrenen Verwand­ten ober bewährten Gönner. Die werden ihrer Ansicht auch Gründe beigeben, und diese Gründe fällten auch die verliebten Leute wenigstens einer redlichen, unbefangenen Prüfung für wert er­achten. Sie werden bann auf Umstände und Ge­sichtspunkte aufmerksam, die sie bisher nicht be­achtet haben, und bleiben damit vor der Em- feitigfeit bewahrt, aus der die verhängnisvollsten Irrungen hervorgehen können.

Da denkt vielleicht der eine ober anbere Leser, ich wollte hier als Flaumacher auf bem Heirats­markt auftreten, ober als „Vater der Ehehinder- nisse". O nein, ich sage vielmehr: Immer 'rin m den heiligen Ehestand, — aber mit der rich­tigen, paffenden anderen Hälfte! Ich möchte recht viel glückliche Ehen stiften, und darum rate ich den jungen Leuten: Suchet, suchet mit Vernunft und Gewissenhaftigkeit, damit ihr den Rechten oder die Rechte findet l Und den Ellern, sowie den sonstigen berufenen Anverwandten und Gön­nern rufe ich nicht zum erftenmale zu: Helft den jungen Leuten, daß sie zu einer guten Ehe kommen; nicht bloß durch rechtzeftige Warnung,

wenn ite aus falsche Pfade geraten, sondern auch durch taktvolle Stnleitung auf den rechten Weg. Nicht mit Gewalt, sondern mit wohlbegründetem Rat; nicht in Eigensinn oder Eigennutz, sondern nur im ehrlichen, wohlbedachten Streben sür das Wobl der beiden Beteiligten zugleich.

Ehen sollen im Himmel geschlossen werden; also wer Ehen stiften will, der spielt sich als Engel auf. Wenn seine Gesinnung nicht engel­rein ist, so soll er freilich lieber seine Hände da­von lassen.

—■■—■■■■■■■■■■ME_ WJÜT7 'IN

Römischer wochenbrief.

[:] Rom, den 6. November 1905.

Gestern war do"velter Festtag bei den Benediktine n auf röm scheu Aventin,

denn eines ihrer ttrüver, der hochw. Pater Raymund Netzhammer, Rektor des hiesigen

griechischen Kollegiums, wurde in der Abtei vom hl. Anselm durch den Propaganda-Präfekten Kardinal Gotti zum Erzbischof von Bukarest ge­weiht. Als Mitkonsekranten fungierten der Erz­bischof Panici und der Bischof Virili, als Lener der Zeremonien die päpstlichen Zeremonienme.ster Marzolini (welcher am Taae vorher feine Er­nennung mm Domherrn von St. Peter erhalten hatte) und Ciocci. Zwei volle Stunden dauerte die hl. Handlung, während welcher die Scho a cantorom der Benediktiner gregorianffche Ge­sänge ausführte; am Schluffe erteilte der neue Erzbischof zum erftenmale mit den Pontifffal- gewändern angetan, den bischöflichen Sen en. Um 12 Uhr versammelte sich eine cmSerlltene Schar von Eingeladenen um den neuen furchen» fürsten im großen Resekiorium, welches mit Myrthengmrlanden und Palmen, sowie mit den Wappen des HI. Paters, des Kardinale Gotri, des neuen Erzbischofs, des Benebittiner orden?, des Abt-Primas, sowie der Abteien von tim» siedeln und St. Anselm geschmückt war. Arrsier dem Kardinal, den Mitkonsekranten und dem neuen Erzbischof nahmen an her Tafel Pta>: der bnlgariftbe Bischof Mladenoff, die Benedik- tineräbte von Montecaisino, Einsiedeln, St. Paul, Silos, Montevergrne und St. Wandville, der ®eneralmmi|ter der Kapuziner, P, Bernhard von Andermatt, P. Jordan, Generalsuperior d -• Salvatorianer, die Sekretäre der Prop.iganda- kongregation, der Präfekt der päpstlichen Zere­monien, Riggi, P. Eubel, Generaldefin tor her Konventualen, der griechische Papas Frauco, mehrere Prälaten der Kurie, Meister Pecost, die rumänische Deputation mit dem Kapttuka. vlkar Domherrn Baud an der Spitze, einige hervor­ragende Mitglieder der Momecassino-Komminwn, darunter der Oberstleutnant Schmidt v> u der Schive'zergarde, endlich sämtliche Benediktiner von St. Anselm und das ganze griechische Kol- legium. Erzbischof Netzhammer dankte dem Kardinal in längerer italienischer Rede für die empfangene Weihe; der Abt-Prtmas Hemptinne feierte Se. Eminenz als Zierde des Karmeliter­ordens und tatkräftigen Beschützer der Missionen. Dieser sprach in seiner Rede den Wunsch aus, daß dem neuen Benediktiner-Erzbischof eine lang« und gesegnete Regierung im fernen Rumänien beschieden sein möge. Während der Tafel sangen die BenedittinerNeriker die altchristlichen Landes und die Griechen unter der Leitung P. GaifferS die alten griechischen Akklamationen. An Ge­schenken erhielt der Erzbischof u. a. von Em-

Man zählte die Stunden im Sandersschen Hause bis zu Theobalds Rückkehr, denn er hatte versprochen, so bald als möglich wieder in Triest zu sein. Im Stillen hegte Mizi die Hoffnung, Edi werde den Bruder begleiten und dies warb ihr zur Gewißheit, als ein Telegramm anlangte des Inhalts: „Wir treffen heute abend ein!" —

„Wir", das hieß selbstverständlich „Edi und ich", da es aber drei Worte gewesen wären, hatte Theobald, der Geschäftsmann, getoohnheftsgemäß „wir" gesetzt.

Gusti befand sich in ihrem Schlafzimmer, denn sie hatte ein wenig geruht, weil sie starkes Kopf­weh gehabt, eben wollte sie sich erheben, um Haar und Anzug zu ordnen, da vernahm sie bas Ge- räusch nebenher Schritte unb eine Stimme schlug an ihr Ohr, deren sonoren Klang sie lange nicht gehört, sie sprang zur Tür, riß diese auf und lag im nächsten Augenblick schluchzend in der Mutter Armen.

Frau Katharina hielt ihr Kind umfaßt, sie zitterte heftig und hatte nicht den Mut, das Ant­litz, welches sich an ihrer Brust verbarg, anzu- blicken, um die Verheerungen zu betrachten, welche das Feuer in den lieblichen Zügen angerichtet.

Bescheiden und taktvoll hatten die anderen sich zurückgezogen, Mutter und Kind blieben allein, ihre Tränen flössen vereint und als nun Gusti der Wahrheit gemäß erzählte, wie das Unglück sich zu getragen hatte, da rang Frau Forstenberg die Hände und rief verzweifelnd:

Ja, es gibt eine Vergeltung — aber, du strenger Richter, konnte nicht mich das Unglück treffen, statt sich über dem Haupte meines unschul­digen Kindes zu entladen? I

Verwundert schaute Gusti auf, dann sagte sie in berubigenbem Tone: Wie kannst Du Dir so un­gerechte Vorwürfe machen, Mama? Dein Gebot, den Brief zu verbrennen, war ja wohlgemeint und eine gebotene Vorsicht, zumal in diesem Hause. Konntest Tu ahnen, daß die schlimme Botschaft mir die Besinnung rauben und so den verhängnis­vollen Zufall veranlaffen werde? —

Kacharina hatte inzwischen Zett gehabt, sich zu fassen unb lenkte den Ton alltäglicher Plauderei zu, indem sie von dem und dem erzählte, was sich im Hause und in dem Familienkreise inzwischen zugetragen, habet ängstlich vermeidend, Maud und Winterfell zu nennen.

Als beide Frauen ihren Anzug geordnet und eben im Begriffe waren, das Gemach zu verlassen, blieb Gusti zögernd an der Türe stehen und fragte leise:

Sind jene glücklich — werben sie fich bald ver­heiraten?

O, damit hat es gute Weile, meinte Frau Kacharina, die Beantwortung der ersten Frage übergehend.

Winterfell, spielt den Uneigennützigen und will im Sommer aus unserem Geschäft treten, um in Amerika fein Glück zu versuchen. Man soll ihm nicht nachsagen, daß er Maud ihres Geldes wegen gewählt. Nun, er hat es wohl gewußt, daß wir in eine eheliche Verbindung nicht so schnell einge- willigt hätten; ihr Verkehr ist noch jetzt ein mehr freundschaftlicher, es können Jahre vergehen, ehe sie ein Paar werden.

Gnsti atmete erleichtert auf. Vielleicht wird es mir erspart bleiben, Ullrich so bald wieder zu sehen. Wenn dann erst Jahre vergangen und ich verheiratet bin, werde ich ruhig über all das denken. Jetzt laß uns zu den anderen gehen.

6.

Tante Julie hatte ein Ehrenamt bekommen, sie war während Frau Katharinas Abwesenheit Re­präsentantin der Hausfrau getoorben unb „garde dame“ für Maud.

Sonst hätte daS junge Paar sich ja gar nicht sehen können und gerade jetzt hegte Maud das dringende Bedürfnis, mit Ullrich recht eingehend über die Zukunft zu sprechen, weil sie dessen Plan, Wien zu verlassen unb jenseits des Ozeans dem Glücke nachzujagen, abenteuerlich fand unb töricht zugleich. Also des eitlen Mammons wegen wollte Ullrich sein Leben wagen, weil sie reich war —

jedenfalls ein Glück für beide — verletzte es seinen Mannesstolz, von ihrem Uebersluß mitzuzehren. Fürchtete er, in eine abhängige Stellung zu ge­raten? Das konnte unmöglich der Fall fein, so arg verkannte er sie nicht, denn bann hätte er sie nicht geliebt. Also alles nur her Leute, bet Ver­wandten wegen, um der Well ein eklatantes Bei­spiel seiner Uneigennützigkeit zu geben I Wie klein­lich erschien ihr das im Grunde und sie gab die Hoffnung nicht auf, Ullrich zu ihrer Ansicht zu bekehren.

Auch sie wünschte, daß ihre Heirat noch hinaus­geschoben werde, bei ihrer großen Jugend erschien ihr das Verlangen der Tante und des Vormundes vollständig gerechtfertigt; im Gegenteil, ein Auf­schub kam ihr ganz erwünscht, denn sie wollte ja gesund — recht gesund werden und es alle ver­gessen machen, daß es je eine kranke Maud Layard gegeben habe, ein kleines, nervöses Ding, das in trübsinnigen Betrachtungen den Tag verbrachte.

Aber Ullrich sollte dableiben, nicht weit fort- gehen, aus ihrem Gesichtskreise nicht verschwinden. Er konnte ein Geschäft gründen, von ihrem Kapital eine Summe flüssig machen, ober mit dem Gelbe spekulieren — was ihm am besten und vorteil­haftesten erschiene, sie wollte fich seiner Einsicht fügen — nur sehen mußte sie ihn zuweilen unb sprechen, bannt ihr Leben nicht aufs neue ver­dunkele.

In Gegenwart der Tante war es Maud nie gelungen, recht offen und überzeugt mit Ullrich zu reden. Frau Forstenbergs Miene hatte sie ein- geschüchtert, deren spöttisches Lächeln sie peinlich berühtt, es wollte ihr scheinen, als glaube Frau Katharina nicht an die Wahrhaftigkeit von Ull­richs Plänen und Entfchlüffen und halte den Ein­fall, nach Amerika zu gehen, für ein geschicktes Manöver, um Uneigennützigkeit zu heucheln. Nun sollte Tante Julie bei Ullrichs Besuchen gegenwärtig sein und da Julie, zumal in Lttbessacheu, die Dis­kretion in Person war, ließe sich schon ein offenes Wort mit den Verlobten reden.