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Rotattonsbrud tt verleg der SrJbctr Ae» tiendrnNerei in Sutoe .Sernipr« her Nr. 9.
Fulda, Freitag, den 10. November louö.
JadcsitMsi.
M 258.
Deutscher Reich.
Berlin, den 9. November 1905.
* Der BundeSrat hat, wie die ,B. P. N." hervorheben, für längere Zeit Arbeit rnHülle und Fülle. Die nächsten Wochen wird er sich damit beichästiqen, den bedeutendsten Teil des Pensums vorzubereiten, daS dem Reichstag in der nächsten Tagung vorgelegt werden soll. Bisher sind davon enbgiltig nur erst der Entwurf über den Versicherungsvertrag und die Maß- und Ge- wichtsordnung erledigt. Alle übrigen Ent- würfe unterliegen entweder der Beratung oder werden gar erst noch erwartet. Es ist anzunehmen, daß die Arbeit aus legislatorischem Gebiete sich in der zweiten Hälfte des Novembers außerordentlich häufen wird. Man hat deshalb schon die Möglichkeit der Anberaumung von mehreren Vollsitzungen in einer Woche ins Auge gefaßt. Wie der .Berliner Lokalanzeiger" mitteilt, hat der Bundesrat in seiner Sitzung am Donnerstag beschlossen, die Militär-PensionS-Gesetzen», würfe sofort wieder im Reichstag einzubringen.
* Der Einführung einer Reichs-Erbschaftssteuer wird seilens eines Teiles der Einzelstaaten, wie aus Bundesrats-Kreisen verlautet, noch starke Abneigung entgegengesetzt. In mehreren Bundesstaaten herrscht die Ansicht vor, das Reich werde den Einzelstaaten eine der besten Quellen verstopfen, an denen sic für die Ausgestaltung ihres Landesfinanzwesens schöpfen. Man wird abwarten müssen, wie die Motive der Vorlage diesen Bedenken begegnen und was der Reichs-Schatz- sekreiär tagen wird, um seinen Vorschlag überzeugung-kräftig zu begründen.
* Auf unseren deutschen Offiziersersatz sind die russischen Wirren nicht ohne Einfluß geblieben. In den Listen der Kadettenanstalten und sonstigen Militärbildunasinsittuten sind gegenwärtig viele ‘itamen allem jfener Familien aus den Ostleevrovinzen, Finnland und Polen verzeichnet, deren Söhne in ruhigen Zeitläufen zur russischen Armee übergetreten wären. Wie verlautet, sollen auch bereits zahlreiche Anträge auf Naturalisierung oder auf Anerkennung der an russischen Schulen erworbenen Zeugnisse den zuständigen Zivil- und Militärbehörden vorliegen. Die meisten Bewerberstellen, die deutsch- spachenden Gruppen des Ostens weniger, dagegen diejenigen jungen Leute, die im sonstigen Auslande ihre Vorbildung genossen und nun in Deutschland ihre Fähnrichsprüfungen vor der Militärprüfungskommission abzulegen gedenken.
.-. Der Wechsel in der Leitung des Kolonialamts soll NUN doch, wie die .Deutsche Tageszeitung" behauptet, viel rascher eintreten, als man vermutet bat. Der Kolonialdirektor Dr. St übel gedenke den Kolonialetat vor dem Reichstage nicht mehr zu vertreten. Man nehme an, daß ein Rat der Kolonialabteilung die Vertretung des Direktors erhalten und daß die übrigen Räte ihre Ressorts ;m Reichstage vertreten würden. Wir bezw..,eln die Richtigkeit dieser Meldung, da ein Grund für einen so raschen Wechsel im Kolonialamt nicht vorliegt und andeiseits Dr. <51übel nach mehr als einer Ricdtung hm wohl den Wunsch hegen könnte, seine Amtsführung vor dem Reichstage zu rechtfertigen.
* Die Wiedereinbringuna der Flottenvor- Joge gleich zu Beginn der Reichstags-Session war von einigen Seilen bezweifelt worden. Wie die
,Deutsche Tagesztg." mitteilt, mit Unrecht; in maßgebenden Kreisen halte man nach wie vor an der Absicht fest, die Flottenvorlage dem Reichstage gleich nach seinem Wiederzusammentritte zugehen zu lassen.
.'. Aus Anlaß der größeren Eisenbahnunfalle im Laufe der «letzten Zeit hak der Ver- kehrsminister den Eisenbahndirektionen die pünktliche Durchführung der Züge erneut zur Pflicht gemacht und dabei früher ergangene Erlasse zur genauesten Beachtung in Erinnerung gebracht. Es fei mit allen Mitteln auf eine planmäßige Beförderung der Züge hinzuwirken. Wo regelmäßige Verspätungen beobachtet würden, sei ihren Ursachen gründlich nachzugehen. Ergibt sich hierbei, daß die Verspätungen auf lässige Handhabung des Stations- oder Fahrdienstes zurückzuführen sind, so sei hiergegen mit Nachdruck einzuschreiten. Ergeben ober die Untersuchungen, daß unzulängliche Fahr- ober Aufenthaltszeiten die Ursache regelmäßig oder doch häufiger wiederkehrender Zugverspätungen sind, so sei alsbald eine Aenderung des Fahrplanes ins Auge zu fassen.
§ Die Erhöhung des russischen Schweinekontingents vor dem 1. März scheint nun doch beschlossene Sache zu sein. Wie die .Deutsche Tageszeitung' mit Bestimmtheit erfahren haben will, beabsichtigt die preußische Regierung auf die Forderung einzugehen und von Ende des laufenden Monats ab allmählig eine Erhöhung des Schweinekontingents eintreten zu lasten. Es sollen zunächst 300 Schweine wöchentlich mehr eingeführt werden dürfen und die Erhöhung soll bann nach unb nach bis zum 1. März durchgesührt werden. Man begründet diese Maßregel damit, daß es zweckmäßig sei, jetzt schon mit der allmähligen Erhöhung zu beginnen, weil so die Kontrolle leichter ausgeübt werden könne, während eS weit schwieriger sein würde, sie gründlich unb sorgfältig auszuführen, wenn am 1. März auf einmal das Kontingent weit über 1000 Schweine erhöht werden sollte. Die ,Deutsche Tageszeitung" bezeichnet diese Maßnahme als einen Fehlgriff. Auf jeden Fall müsse man den Nachweis erwarten, daß die Seuchengefahr an ber russischen Grenze nicht mehr so bedrohlich sei wie bisher. Andernfalls würde der Entschluß der Regierung dem Lande als ein Zurückweichen vor dem „unseligen Fleischnotrummel" aufgefaßt weiden und dann besteht die Befürchtung, daß die Regierung immer weiter von ihrem bisherigen wohlerwogenen unb wokfl- begrünbetem S andpunkte zurückgedrängt werde. Die Folge davon werbe das Schwinden des Vertrauens der landwirtschaftlichen Bevölkerung in die Regierung fein.
* Pakete jeder Art und Wertbriefe nach Rußland mit Ausnahme des Generalgouvernements Warschau unb mit Ausnahme von Finn- lanb (über Rußland' werden, laut Bekanntmachung im .Reichs- und Staatsanzeiger", wieder von den Postanstalten zur Beförderung angenommen. Alle Paket- und Wertsendungen werden über Eidtkuhnen - Kibarty geleitet, Post- frachtstücke jedoch nur insoweit, als der Absender nicht die Leitung über Oesterreich (Pobwolocysky) vorgeschrieben. Die Paketsendungen nach Finnland werden nach wie vor über Lübeck oder über Schweden geleitet. Dagegen ist die Güterbeförderung im Eisenbahnverkehr nach Oesterreich laut Bekanntmachung der Eisen-
A>re ^totiofto-^ame.
Roman von Ernst von Waldow.
31] (Nachdruck verboten.)
Die Strafpredigt wirkte mehr als die zärtlichsten Beschwörungen, Gusti schämte sich, zudem sie sich ja sagen mußte, daß ihre Schönheit ihr bisher das Glück nicht gebracht habe. Hatte nicht Ullrich sie verschmäht, war er nicht achtlos an der prangenden Rose, mit der andere sie verglichen — vorbei gegangen, um die unscheinbare Maud, die Weiße Anemone, zu erwählen? — Und dennoch war der Verlust der Schönheit ihr unendlich schwer zu tragen. Der alte Doktor konnte gut reden, es kümmerte sich schwerlich jemand darum, ob er eine ©labe hatte oder einen Kranz von Locken, ob eine ycarbe die runzelvolle Stirn noch mehr verunzierte, — wenn man erst so alt ist, dann ist alles gleich, ob schon, ob häßlich. Sie, Gusti, aber war ja noch jung, durfte noch Anspruch an das Leben machen, wenn auch der erste Liebestraum ihr grausam zerstört worden war. Und da ertappte sie selbst sich auf hoffnungsreicheren Vorstellungen, auf einer langsam keimenden Daseinsfreudigkeit, wo anfangs nur finstere Verzweiflung geherrscht.
Und von Tag zu Tag nahm dieses Interesse an dem ihr nun geschenkten Leben zu, freilich hatten auch die lieben Menschen ihr Teil daran, die sie aufopferungsvoll pflegten und ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen. Die Sehnsucht nach den Eltern, zumal nach der Mutter, blieb Wohl rege, aber der Aufenthalt im Vaterhause war Gusii arg verleidet, hier fühlte sie sich in sicherem Schutze und vor jeder Gemütsbewegung und peinlichen Begegnung behütet. Mizi pflegte und liebte fie, wie nur eine Schwester es zu tun vermochte, Frau Sanders bezeigte ihr mütterliche Sorge, und Theobald war ihr ein lieber Freund geworden.
Seine schlichte, sinnige Denkweise, die sie als
„veraltet" belächelt, hatte sie jetzt in ihrer Leidenszeit unendlich sympathisch berührt. Wie wohltuend War es, zu denken, daß es noch Menschen gäbe, die von dem schönen Schein sich nicht blenden ließen, sondern dem Wesen der Dinge nachforschten. Ja, Theobald hatte recht, das Herz, die Seele galten ihm mehr, als die glänzende äußere Hülle, und wie traurig Wäre es für sie selbst gewesen. Wenn er anders gedacht, anders gefühlt hätte.
Die Genesung schritt langsam vor, die Wangen Waren noch bleich, doch die Stirnlöckchen krausten sich Wieder über der Stirn und verdeckten den roten Streifen einigermaßen. Nur die entstellende Narbe auf der linken Wange wollte nicht weichen, ob auch Mizi jeden Morgen aufs heiligste beteuerte, daß die Narbe schon viel blässer geworden und kaum mehr erkennbar Wäre.
Sobald Gusti die Feder hatte führen können, hatte sie der Mutter geschrieben. Der Brief war kurz und enthielt die Ditte, sie ruhig in ihrem jetzigen Asyl bei den Freunden lassen zu wollen, Wo sie von dem schweren Leid, das sie getroffen, zu genesen hoffe. — Die letzten Worte hatten einen Doppelsinn, den Frau Katharina allerdings nicht im entferntesten ahnte.
Die Osterglocken läuteten das Auferstehungsfest ein. Am Fenster ihres nach dem kleinen Haus- gärtchen gelegenen Wohnzimmerchens saß Gusti und blickte jetzt über das Gebetbuch, in Welchem sie gelesen, hinweg auf die blühenden Tulpen und Krokos herab, Womit die sauber gehaltenen Beete geziert Waren. Ja, es Wollte Frühling Werden in der Natur, würde auch das Menschenherz aus dem starren Winterschlafe erwachen?
Gusti hatte sich heute nicht am Kirchgänge beteiligen Wollen, sie scheute noch davor zurück, sich vor so vielen Menschen zu zeigen und hatte im stillen Kämmerlein ihre Andacht gehalten und den Welterlöser gebeten, ihr Demut und Ergebung ins Herz zu pflanzen, dann würde sie ihr Schicksal ertragen können.
Da Wurde leise die Türe geöffnet und Theo«
bahndirektion Berlin erheblich eingeschränkt werben. Es handel sich hauptsächlich um Bahnstrecken ht Böhm en, auf die sich die Beschränkung erstreckt; die Ursache ist die Reber« füflung der Prager- und Pilsener Bahnhöfe. Außer lebenden Vieh, Lebensrnitteln unb Eilgütern werden Sendungen nicht angenommen. Auf bereits übernommene Güter findet diese Maßnahme keine Anwendung.
* Weitere Verluste in Teutschsüdweftafrika. Ein Telegramm aus Wind Huk meldet: Am 29. Oktober im Patrouillengefecht am Chamsavib- Revier verwundet: Leutnant Georg v. Reese, geboren zu Hamburg, früher Kgl. Sachs. Karabinier-Regiment, leicht, Streifschuß an der rechten Hand, unb Sergeant Alois Buchal, geb. zu Friedenwalde, früher Felbartillerie - Regiment Nr. 21, schwer, Fleischschuß im rechten Oberschenkel. Am 2. November im Gefecht bei Korns gefallen: Unteroffizier Josef Kiapecki, geboren zu Glatz, früher Füsilier-Regiment Nr. 39. Verwundet : Sanitäts-Sergeant Friedrich Oberhoffer, geb. zu Lebach, früher Feldartillerie-Regiment Nr. 8, leicht, Splitter in ber rechten Hand. Am 28. Oktober auf Patrouille bei Awadoab verwundet : Gefreiter Gustav Grundmann, geb. zu Straßfuri, früher Feldartillerie-Regiment Nr. 4, leicht, Schuß in den linken Oberschenkel. — Seit dem 3. Oktober auf Patrouille bei Persip vermißt: Unteroffizier Fritz Gärtner, geb. zu Hannover, früher Bezirkskommanbo Hannov-r und Reiter Paul Franzke, geb. zu Rawitsch, früher Husaren-Regiment Nr. 6.
s** Berlin, 9. Nov. 1905. Der Kaiser hörte heute vormittag die Vorträge des Kriegsmtnisters und des Chefs des Militärkabinets. —Kaiser Wilbelms Geschenke an den König Eduard von England, der heute seinen 64. Geburtstag feiert, sind, wie das Bureau Lassan meldet, gestern abend in 4 großen Kisten dort eingetroffen. — Der König von Spanien begab sieb heute nachmittag von Magdeburg mit dem Kaiser nach Hannover, wo um 6 Uhr Tafel beim Königs-Ulanenregiment stattfindet. — Das preußische Staatsministerium trat unter dem Vorsitz des Fürsten Bülow am Donnerstag zu einer Sitzung zusammen. Die Bekannt- ?abe der Einberufungsordre des preußischen Landtags ehlt aber noch immer im ,Reicks- und Staatsanzeiger". — Der norwegische Geschäftsträger Kapitän Lie ist in Berlin eingetroffen und hat am Donnerstag dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Freiherrn v. Richthofen sein Beglaubigungsschreiben überreicht. — Der Legationssekretär in Stuttgart von Bene ckendorff und von Hindenburg ist an Stelle des Legationssekretärs in Stockholm v Teichmann und Bogischen, der zur Vertretung des beurlaubten Gesandten in Luxemburg nach dortselbst versetzt ist, nach Stockholm versetzt worden. Nach Stuttgart ist der Botschaftssekretär in Washington Dr. v. Verdy du Vernois versetzt worden. - Beim Reichskanzler Fürsten Bülow fand am Donnerstag abend zu Ehren des spanischen Ministers des Aeußern Pio Gullon ein Diner statt. — Der neue Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika von L indequist, der sich bekanntlich auf dem Dampfer „Prinzregent" eingeschifft hat, soll in Lüderitzbucht die Gouvernementsaeschäste vom General v. Trotha übernehmen General v. Trotha wird auf dem „Prinzregenten" die Heimreise antreten.
* Eisenach, 9. Nov. 1905. Das Endresultat ber Reichstagserfatzwahl im Wahlkreise Eisenach-Dermbach würbe heute nachmittag zusammengestellt: Es würben abgegeben für Leber (Soz.) 6886, für Schack (Antis.) 4045, für Flex (natlib.) 2780, für Kühner ifr. Bpt.) 2698, für Müller-Fulba 1014 Stimmen. Es findet Stichwahl zwischen Leber unb Schack statt.
Ausland.
* Der bescheidene Loubet. Mehrere Mi!- glieber ber radikalen sozialistischen Partei in Frankreich beabsichtigten, bem Präsidenten Sou bet anläßlich feines Scheibens aus bem 2lmte ein Rielenbankett zu geben, an welchem alle republikanischen Bürgermeister von ganz Frankreich teilnehmen sollten. Der Präsident des Pariser Gemeinderates, Brvnsse, suchte zu diesem Zwecke eine Audienz bei bem Präsidenten Loudet nach, doch ließ ihm dieser mitteilen, daß et jede Ehrenbezeugung, die einen persönlichen Charakter trage, ablehnen müsse. Infolgedessen ist von ber Veranstaltung des Banketts Abstand genommen worben.
* Die Bewegung unter bett österreichischen Eisenbahnern hat werter um sich gegriffen. Ain Mittwoch haben in Wien bie Bebieitsteten aller bort einmünbenben Linien ber Slaatsbahnen in einer am Donnerstag abenb abgehaltenen Versammlung eine Resolution beschlossen, in ber eine Erhöhung ber Gehälter unb Löhne für alle Beamten um 20 Prozent unb bas allgemeine, gleiche unb birefte Wahlrecht geforbert unb für Donnerstag früh 7 Uhr ber Beginn bes „instruktionsgemäßen Arbeitens" auf allen Bahnhöfen oer Staatsbaknen in Wien unb Umgebung angetünbigt wirb. Die Bahn- bebtenftelen haben nun tatsächlich am Donnerstag früh mit bem ..instruktionsgemäßen Arbeiten" begonnen. Das ist fo gut wie Arbeitseinstellung. Die Eisenbahner ertebigen ihre Obliegenheiten mit umstänblichster unb peinlichster Befolgung aller Paragraphen solcher Dienstvorschriften, mit benen es in anberen Zeiten nicht so genau genommen würbe. Daburch entstehen Störungen unb Stockungen, bie sich naturgemäß sehr schnell vergrößern unb schließlich ben völligen Stillstand des Verkehrs herbeiführen könnten. Die Siaals» bahnverwaltung ist an der Arbeit, neue Vorschriften zu erlassen, bie auch bei strengster ‘‘■Befolgung eine schnellere Abwickelung bes Dienstes ermöglichen sollen, so baß ben Angestellten nur bann bie Wahl zwischen Gehorsam, ober birekler Arbeitsnieberlegung bliebe.
* Die Lage in Rußland. Der Entlassung beS Großfürsten Wlabimir aus seinen bebeu- tungsvollen militärischen Aemtern ist eine anbere Maßnahme von größerer Tragweite gefolgt. Der Zar hat dem Generalgouverneur und zeitigen
teeneral Trepon»
balds hohe Gestalt erschien in ihrem Rahmen. Der Teppich dämpfte seinen Schritt, er näherte sich langiam. der Träumerin und ließ einen duftenden Veilchenstrauß in ihren Schoß gleiten.
Erschreckt fuhr Gusti zusammen, dann blickte sie lächelnd auf den Frühlingsgruß unb reichte Theobald die Hand.
Ich danke Ihnen, daß Sie der Einsamen gedachten!
Er zog einen Sessel dicht zu ihrem Lehnstuhl und die schmale, etwas abgemagerte Hand, die sie ihm gereicht, festhaltend, erinnerte er in innigem Ton:
Sie wissen ja, meine liebe Freundin, daß meine Gedanken stets bei Ihnen Weilen, könnte ich nur auch mit dem Dichter sagen: Dich fesselt mein Ge- dankenbannl'
Bin ich nicht hier gefesselt? fragte Gusti mit trübem Lächeln.
Ja — doch in anderem Sinne, als ich es meine.
Gulli, wehren Sie mir nicht, mich einmal frei darüber auszusprechen, was so lange in mir geruht, Was mein Glück, Was mein Leid gewesen. Lassen Sie es mich Ihnen zum mindesten sagen, daß Sie Liebe gesunden. Wahre, echte Mannesliebe, wenn es auch nicht die War, nach Welcher es Sie Verlangte.
Sie sind zartfühlend und nachsichtig, flüsterte Gusti, andernfalls würden Sie gesagt haben: daß ich nicht die Gegenliebe sand, nach welcher mein törichtes Herz, mein romantischer Sinn Verlangen tragen.
Wie könnte ich Ihnen einen Vorwurf machen, meine teuere Gusti, taten Sie doch gleich mir, Sie liebten das Schöne, das wirklich Liebenswerte. Sie blickten nach der Sonne — ich stand im Schatten, deshalb bemerkten Sie mich nicht einmal und meine bescheidene Zuneigung blieb unerwidert.
Nach dem Schiffbruch Ihres Glückes wollen Sie sich von ber Welt zurückziehen und in selbstgewählter Einsamkeit über ein verfehltes Leben trauern. Wäre es da nicht bester, edler gedacht.
das Dasein eines andern, ebenso einsamen Menschen zu verschönen, ihm zu helfen, gewisse Enttäuschungen zu ertragen unb sich mit der Freund- schäft zu begnügen, wo Liebe ihm versagt blieb?
Ich habe Sie seit langem mit Stolz unb Freud« Freund genannt, lieber Theobald, wenn es nur das ist, um was Sie bitten, So ist Ihr Wunsch schon gewährt.
Aber ich will mehr, Gusti! Hier meine Hand, ich will Sie durchs Leben fuhren und die spitzen Sterne, die Dornen aus Ihrem Wege räumen, ich will es versuchen, Ihre Herzenswunde zu heilen. Ihnen Vergessenheit zu geben.
Das junge Mädchen schüttelte das Haupt.
Er hatte sie verstanden, aber die Abweisung entmutigte ihn nicht, er ergriff ihre Hand und fuhr eindringlich fort: Hären Sie mich ruhig an, liebe Gusti. Ihre Neigung zu Ullrich Winterfell, das können Sie mir glauben, gehört nicht in die Kategorie der Leidenschaften, die jene sterben lassen, die lieben. Sie können noch genesen, aber nicht hinter düstern Mauern, indem Sie Ihren Gram nähren und großziehen, sondern im trauten Familienkreise, in der Erfüllung neuer Pflichten, am Herzen eines Gatten, der Sie schützt und liebt und den Sie beglücken, wenn Sie ihm nur ein wenig guten Willen entgegenbringen. Die Gegenwart ist eine mächtige Göttin, sagt der Dichter, vor ihr werden die Schatten der Vergangenheit weichen und Sie, liebste Gusti, will's Gott, von nun ab nur im Lichte Wandeln.
Gesenkten Hauptes hatte sie gelauscht, jetzt trat eine Pause ein, als er zu reden aufgehört. Er Wagte nicht, dies Schweigen zu unterbrechen, obwohl er mit banger Sehnsucht ihrer Entscheidung entgegensah. Endlich wendete fie sich zu ihm:
Ich danke Ihnen nicht, daß Sie mir diesen Vorschlag machten, denn ich weiß, daß es nicht Großmut allem ist, die Sie dazu bewog, sondern die echte Liebe, die so reich ist, daß ihr das Geben ein Bedürfnis ist und sie sich nie erschöpft. Wenn