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Deraiitwortiid?«

SchristIeiter:Z. Baum;

frfditfnt t»glich, mit rlurnabmt 6er Sone- un6 Feiertage. Viertel- jähtt. Bezuarpreir »hue Bringerlohn «n6 Befiel! ge!6 in Sal6a«nb auswärt» 1 SN 50 pfg.

J. Parzeker in Sulba. wschenbeiiage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

Zeitung

Monatrbeilage: „Fuldaer Geschichtsblätter".

Lnzetgen: Vie ein foaltige Petitzeile ober deren Raum >5 pfg. Reklamen die petitzeil« 25 Pfg.; bei wieder Holungen wird entfpr.

Rabatt gewährt.

Ratattonrdrn« u. Verlag der.Sulbaer Ae- tienbrukterei in finlba. zernspreher Hr. 9.

M 257.

Fulda, Donnerstag, den 9. November 1905.

32. Iavcganq.

Zweites Mt'crtt

VerhLÜniffen hervorgegangen; er verdankt seine Würde nur seinen h«vorragenden geistigen und geistlichen Eigenschaften. Das Denkmal, welches letzthin enthüllt wurde, ist vom Bildhauer Professor Guido Giusti zu Venedig geschaffen. Der Papst gewährte dem Künstler mehrere Sitzungen, wes­

vie probe aufs Lxempel.

Wie cs dereinst im sozialdemokratischen Zu­kunftsstaat hergehen wird, wenn einmal die so­zialdemokratischen Machthaber ihre Thronseffel in demselben eingenommen haben werden, dafür lie­fert das Verhalten des sozialdemokratischen Par­teivorstandes gegenüber weiland sechs Vorwärts­redakteuren einen deutlichen Vorgeschmack.

Recht treffend, unbarmherzig dem Parteivor­stand ob seiner skritpellosen Prinzipienverletzung den Spiegel vorhaltend, schildert die skandalösen Vorgänge der letzten Woche die „Neue Gesellschaft" des Sozialistenpaares Heinrich und Lily Braun.

Was ist geschehen, fragt sie entrüstet und ant­wortet dann: „Kaum war der Parteitag vorüber, kaum schienen die Differenzen beigelegt und die redaktionellen Verhältniffe unseres Zentralorgons konsolidiert, als der Parteivorstand mit der Ber­liner Preßkommission in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der Mitarbeiterschaft fein sollte. In der Art mittel­alterlicher Fehmgerichte ging das alles vor fich — hinter sorgfältig verschlossenen Türen mit streng­stem Schweigegebot für die Teilnehmer, und unter Ausschluß der Redaktion. Als deren Mehrheit, die trotz aller Geheimniskrämerei von den Vorgängen nicht ununterrichtet blieb, jenen Vorgängen, die den Grundforderungen aller ehrlichen Demokratie Hohn sprechen — wo bleibt hier Gleichheit, wo Brüderlichkeit?! von der Freiheit ganz zu schwei­gen! — und gegen ihren Ausschluß protestierte, wies der Parteivorstand ihren Protest in schroffster Form zurück, erklärte ihre Voraussetzungen für irrig und sich selbst für berechtigt, auch weiterhin unter Ausschluß der „Angeklagten" über Schuldig oder Nichtschuldig zu entscheiden. Darauf handelte die Mehrheit der Redaktion, wie jeder organisierte Arbeiter handelt, wenn der Unternehmer seine Ge­nossen mit Aussperrung bedroht: sie erklärte sich solidarisch und reichte ihre Entlassung ein. Hätte sie, was ihr gutes Recht gewesen wäre, gewerk­schaftliche Grundsätze in vollem Umfange zur Gel­tung gebracht, so hätte sie, airgesichts der Vorgänge, die einem Stumm Ehre gemacht haben wurden, ohne Einhaltung der Kündigungsfrist ihre Tätig­keit einstellen können."

Damit noch nicht genug, berlmigte der Partei­vorstand noch vom „Vorwärts", daß er keinerlei Preßäußerungen über die Angelegenheit, sei es von woher immer, veröffentlichen solle, wozu die „Neue Gesellschaft" bemerkt: „Ein kapitalistischer Unternehmerstandptrnkt, wie er sich krasser nicht denken läßt: Aussperrung ohne Verhandlung mit den Angestellten, Schweigegebot, Zensur! Keilt Wunder, daß das niederträchtigste Organ der Kapitalistenpresse, die „Post", dem Parteivorstand uneingeschränktes Lob erteilt."

Worin liegt nun die prinzipielle Bedeutung dieser Vorgänge innerhalb der deutschen Sozial­demokratie? — Man hat einfach Maßnahmen, die man, von bürgerlichen Arbeitgebern verübt, nickt schroff genug verurteilen kann als spezifische Aus­wüchse der „verrotteten" bürgerlichen GesÄlschast, in der ungeniertesten Weise als ganz selbstver­ständlich gegen die eigenen Genossen vollzogen; dec Parteivorstand bat in der gröblichsten Weise den sozialdemokratischen Grundsätzen der Demokratie, Freiheit und Brüderlichkeit klatschende Schläge ins Gesicht versetzt.

1. Obwohl sich das Recht ausgebildet hatte, daß die Vorwärtsredaktion bei allen Beratrmgen der Parteiinstanzen in Betreff Vorwärtsangelegen­heiten vertreten war, hat man hinter deren Rucken,

„in der Art mittelalterlicher Fehmgerichte" über die Umgestaltung der Vorwärtsleitung beraten, wie ein brutaler Vertreter des industrielleit Herrentums verfährt, für den Institute wie Arbei­terausschüsse Lust sind, und der in aller Selbstherr­lichkeit über das Wohl und Wehe „seiner" Arbeiter verfügt. Das alles aus Gründen reinster Demo- kratie! Und der Umstand, daß der Parteivorstand, statt die an der ungenügenden Leitung des „Vor­wärts" vermeintlich schuldigen politischen Redak- teure zu packen, zwei „neutralen" Redakteuren kündigt, kann nicht anders aufgefaßt werden als eine „Maßregelung", bestimmt dazu, die verblei- benden, nicht genügend radikalen Redakteure kirre zu machen. Auch dieses Vorgehen wieder „unter Ausschluß der Redaktion"!

2. Was war angesichts dessen selbstverständ­licher, als daß sich gegenüber dieser „Aussperrung" die übrigen vier Redakteure, die nicht sofort mit- gehangen werden sollten, aber nicht weniger schuldig waren, mit den zwei „ausgesperrten" Re­dakteuren solidarisch erklärten und kündigten: genau entsprechend den gewerkschaftlichen Tra­ditionen, die tagtäglich die fozialdemokratische Presse den Arbeitern predigt. Und was wäre ferner selbstverständlicher gewesen, daß sich auch der verbleibende Rest der Redaktton mit diesen soli­darisch erklärt hätte? Er blieb aber! Er, vier weitere Genossen und die rote Rosa Luxemburg alias Rosalie Lübeck, denen, wenn es gegen bürger­liche Arbeitgeber gebt, das Wort „Streikbrecher" den Ausdruck höchsten Schimpfes und Abscheues bedeutet, sie nahmen das Odium dieses sonst aus der Tiefe des Herzens verabscheuten „Streif- brechertumS" auf sich, u. a. der speziell im Ruhr­gebiet wohl bekannte Herr W. Düwell, der schon früher seine große Prinzipienf-stigkeit dadurch be­kundete, daß er mit einem anderen Journalisten eine Zeitungskorrespoudenz betrieb, die „bürger­liche und arbeiterfeindliche Blätter mit Jnfor- matioiien über die Arbeiterbewegung versorgte." Sie fielen den eigenen Genoffen als „Streik­brecher" in den Rücken.

3. „Preßfreiheit" ist ein schönes Wort, im Munde des sozialdemokratischen Parteivorstandes ist es nunmehr jedoch zur Farce geworden, indem er dem Vorwärts vermittelst des Schweiggebots: „Preßstimmen über den Konflikt, gleichgültig ob von Freund oder Feind, aus Partei- ober gegne­rischen Zeitungen wiederzugeben," bett Maulkorb aufsetzte. Entrüstet ruft dazu das sozialdemo­kratische „Offenbacher Abendblatt": So fassen wir die Preßfreiheit nicht auf, und wenn das Zentral­organ so bevormundet wird, so widersprechen wir......

Die Konsequenzen, die sich notioenbigertocife aus dem brutalen Gewalfftreich bes sozialdemo­kratischen Berliner Parteivorstandes ergeben, müssen namentlich für die in der Agitation tätigen und ehrlich denkenden Genossen äußerst unange­nehm sein. Am deutlichsten gibt Wohl diesem uttbe- kläglichen Gefühl die oben erwähnte „Neue Gesell­schaft Ausdruck, indem sie schreibt:

„Wie können wir noch mit freier Stirn vor ber Oeffentliclikeit die Ideale der Demokratie ge­genüber der Willkürherrschaft des monarchischen Absolutismus verteidigen, . . . wie können wir die Selbstherrlichkeit des Unternehmertums, seinen rücksichtslosen Herrenstandpunkt gegenüber dem Arbeiter augreifen, wenn ber Gegner uns mit den eigenen Waffen zu schlagen vermag? Wie können wir vor allem an einen Fortschritt, an den end­lichen Sieg unserer Sache glauben und uns unter­fangen, andere davon überzeugen zu wollen, wenn die Ansichten einzelner zum Kredo erhoben werden und jeder Andersgläubige der Ketzerei beschuldigt wird —. ungehört, wie bet den Hexenprozeffen? Haben wir darum ber bürgerlichen Gesellschaft den Krieg erklärt— die Partei als ganzes, jedes ein­

zelne ihrer Glieder für sich — darum die Brücken hinter uns abgebrochen und die mühselige, opfer- volle Pilgerfahrt in das gelobte Land angetreten, um für die alten nur neue Fesseln einzutauschen?"

Dieses Unbehagen kommt auch, zumteil in recht deutlicher Weise in einigen Provinzblättern, die gegen die Berliner Parteigewaltigen aufzumucken wagen, zum Vorschein. „Geradezu unerhört", „jeder Beschreibung spottend", „absolutes Regitne", „schwerer Verstoß gegen die sozialdemokratischen Grundsätze", „Entwürdigung der Partei", „Unan­ständigkeit" — so läßt sich die „Münchener Post" zu dem einzig dasteheltden Vorgehen des Partei- Vorstandes vernehmen.

Die sozialdemokratische Partei hat sich mit der Maßregelung der Vorwärtsredaktion eine böse Suppe eingebrockt. Sie hat gezeigt, wie in ihr das rücksichtslose Bureaukraten- und Autokratentum herrscht, bas selbst vor dem Bruch mit geheiligten Parteiprinzipieu nicht mehr zurückschreckt, wenn et nur ber Aufrechterhaltung des absolutistischen Herrentums dient. Zustände, die schon überrussisch sind! Wie sagte doch in ber Wahlversammlung des Teltow-Beeskower Wahlkreises ber Radikalsten einer, „Genosse" Zubeil: „Dieser Skandal ist der größte Schmutz, mit dem wir uns bisher be­sudelten".

vermischtes.

* Das erste Denkmal vo» Papst Pius X. Papst Pius X. stammt aus dem kleinen Dorfe Riese in der Provinz Vicenza. Vor der Papstwahl war der Ort absolut unbekannt; er erhielt erst Bedeutung, als das jetzige Oberhaupt der katholischen Kirche zur Wahl gelangte. Papst Pius ist aus den kleinsten

wegen die Büste auch von ausgezeichneter Porträt Ähnlichkeit ist. Aus der Vorderseite des Sockels ist das Wappen des Papstes angebracht: Der Löwe von San Marco, Stern und Anker. Die rechte Seite zeigt in italienischer Sprache solgende Inschrift: „Dieses Bild des zum Ruhme ber Papstwürbe aufgestiegenen Sohnes bes Volkes wurde zu seinen Lebzeiten von Bürgern aller Nationen am 22. Oktober 1905 errichtet." Auf ber linken Seite liest man: „Giuseppe Sarto, geb. zu Riese am 2. Juni 1835, zum römischen Papst ertoätilt am 4 August 1903, nannte sich P'us X." Die Denkmalsenthüllung erfolgte unter großen kirchlichen Feierlichkeiten im Beisein des Patriarchen von Venedig und vieler anderer Kirchenfürsten.

* Eine ganz natürliche Folgerung. Arzt: „Bitte, Madam, strecken Sie die Zunge ein wenig weitet heraus." — Dame «beleidigt): „Mein Herr! Glau- ben Sie denn, die Zunge einer Frau habe kein Ende?" — Arzt: „Madame, ich lebe bereits 17 Jahre mit meiner Frau und habe das Ende ihrer Zunge noch nicht gesehen."

* Der boshafte Freund. „Gestern war ich bei Geheimrats eingeladen Feine Leute, sag' ich Dir! In den Salons derselben wurden Persönlichkeiten empfangen, die entweder sehr viel Geld oder viel Geist höben." „Und Du wurdest eingeladen?" „Wie ich Dir sagte." „Na, da freut es mich daß Du plötzlich so reich geworden bist."

* Ein kalter Wasserstrahl. Freier: „Sie durch­schauen doch gewiß den Grund meiner östern Besuche in Ihrem Hause, wertester Herr?" — Hausherr: „Ich vermute wenigstens. Sie ivünschcn meine Tochter glücklich zu machen, Ist das Ihre ehrliche, ernste Absicht?" — Freier: „Ja, von ganzem Her­zen !" — Hausherr: „Nun, bann, bitte machen Sie Ihr gefälligst keinen Heiratsantrag!"

Literarisches.

Südafrikanische Minenwerte 1905J06 von Hugo Lustig. Minenverlag G. m. b. H„ Berlin V., Kurfürsten­straße 123. In Leinwand geb. 15 Mark.

Dos bekannte Lustig'iche Nachschlagswerk ift soeben in neuer, verbesserter Auflage erschienen. Schon äußer­lich ist erkennbar, daß der Umfang des in dem Werke verarbeiteten Matettals bettächrlich angewachsen ist, denn der stattliche Band umfaßt 8(>2 Seiten, auf welchen ca. 900 verschiedene südafrikanische Minen-, Finanz-, Land- und Explorationsgesellschasten einer eingehenden Behandlung unterzogen werden. Bei den einzelnen Gesellschaften sind alle erhältlichen Angaben Über Aufsichtsrat, Geschichte, Besitz, Aktienkapital, Obligationen, Uianeen beim Handel, Zulassung an den verschiedenen Börsen, Kurse, Geschäftsjahr und General- vettammlung, Stand der Arbeiten, Dividenden, Aus- beutestottstiken, die letzten Geschäftsberichte, Bilanzen ustv. in knapper, aber alles für den Interessenten Wissenswerte enthaltenden Form in allgemein verständ­licher Fassung verarbeitet, so daß sich jedermann rasch ein zuverlässiges Urteil über den gegenwärtigen Stand jedes Unternehmens bilden kann. Da, wie der Ver­fasser hervorhebt, alle Angaben von den Direktoren oder Sekretären der Gesellschaften nachgeprüft sind, darf das Werk aus absolute Zuverlässigkeit Anspruch erheben. iMät besonderer Sorgfalt und Ausfübrlichkeit sind diejenigen Gesellschaften bearbeitet worden, an welchen vorzugsweise deutsches Kapital beteiligt ist. Als interessant und nützlich für den Interessenten dürste sich die Zusammenstellung der einzelnen Minen- gntppen erweisen. Eine wertvolle Neuerung bilden ferner fünf vorzügliche Spezialkarten, nämlich der Transvaal-Kolonie mit den verschiedenen Bergbau­distrikten, Karte» der drei Sektionen des Witwaters- rand-Goldfeldes, Westrand, Zentralrand und Ostrand und eine Karte ber Golddiurikte Rhodesiens. Ferner enthält das Werk im Text zahlreiche Situationspläne größeren Maßstabes. Das minen- und börsentechnische Wörterbuch ist ebenfalls neu bearbeitet und erweitert worden.

Kie Moüoko-Vcune.

Roman von Ernst von W a l d o w.

29] (Nachdruck verboten.)

Halt ein! rief Theobald, nahe zu Edi hin- tretend, ber eben seinen Mantel übergeworfen hatte und ber Türe zueilen wollte — höre mich noch einen Augenblick an. Ob Gusti ihre Schönheit wiedererlangt, ober nicht, in meinem Gefühle für sie ändert das nichts. Was frage ich nach ihrem glatten Gesicht, nicht dieses ist's, was mir an ihr gefiel. Ich liebte sie und liebe sie jetzt noch tausend­mal inniger, zärtlicher, gerade weil sie hüffsbedürs- ttger ist und der sorgenden Liebe bedarf. In dieser Stunde schon erkläre ich Dir, daß nichts mich von Gustit trennen soll als nur ihr Gebot, ich betrachte ste als meine Verlobte, und wenn es je einem treuen und festen Willen gelungen ist, sich Gegen­liebe zu erwerben, bann will ich in Demut ermat­ten, ob Gusti eines Tages die Tiefe meiner Liebe erkennt und mit Gegenliebe lohnt

Du bist em guter Junge! sagte Edi gerührt, und wer weiß, bas Unglück, welches meine Schwe- ster betroffen, könnte auch für sie noch zum Glück werden, wenn es sie Deinen Wert erkennen läßt

Theobald seufzte. Wenn nur ihr Leben erst ans aller Gefahr wäre, sie fiebert und die Schmer­zen greifen ihre Nerven furchtbar an.

Gehen wir zu ihr — ich bin bereit.

So leichtherzig Edi auch war, stets geneigt, alles im besten Lichte zu sehen, so wurde er doch von Schmerz überwältigt, als er mm an Guskis Lager stand.

Die Vergänglichkeit alles Schönen, die Nichtig- kett jener Güter, auf die die Menschen so stolz sind, bas stand in ben entstellten Zügen dieses zuckenden Mädchenantlitzes geschrieben, das vor wenigen flüchtigen Stunden noch einer blühenden Stofe geglichen. Träne auf Träne rollte aus seinen Äugen und unfähig, ben furchtbaren Eindruck

noch länger zu ertragen, eilte er zu Mizi, um mit der Trostlosen zu weinen.---

Das waren bittere Tage, die nun folgten, die ersten des neuen Jahres. In qualvoller Länge schlichen sie alle dahin, bis doch endlich, nach säst einer Woche, der Hausarzt erklärte: Die Heilung mache regelmäßige Fortschritte, man müsse Ge­duld haben, aber die Gefahr fei vorüber.

Gusti hatte es stillschweigend gelitten, daß Theobald stundenlang an ihrem Krankenbette ge­sessen und den leisesten Wunsch ihr von den Augen abgelesen. Sanfter und geduldiger konnte auch die beste Pflegerin nicht mit ihrem Patienten umgehen, als der sonst so ungelenke Theobald.

Seine gesunde Röte, über welche Gusti früher gespottet, hatte der Aermste so ziemlich verloren. Auch sein Gesicht war schmäler, blässer geworden, und der Mick der treuherzigen Augen war seelen­voller.

Mit gutem Verständnis und klangvoller Stimme las er der Kranken seine Lieblingspoesien — Lenau sche Gedichte — vor, und das war ihr ein Trost gewesen in ihrer jetzigen Stimmung. Als die Körperschmerzen ein wenig nachgelassen, lieganu für Gusti die Seelenmarter allerdings von neuem, wenn sie an das junge Glück des bräutlichen Paares daheim dachte; aber es war nicht die wilde Verzweiflung mehr, die anfangs ihr ganzes Wesen ergriffen, als ihr die verhäng­nisvolle Kunde geworden.

Sie sagte es sich, daß nur diese allein das Unglück verschuldet und daß der unselige Bries und das Gebot der Mutter, ihn zu verbrennen, der Anlaß gewesen zu dem Feuer. Glücklicher­weise ahnten die anderen nichts davon, das Ge­heimnis sollte mit ihr begraben werden, und kam ie mit dem Leben davon, bann wollte sie es nur bei der Mutter künden. Es war ihr als habe sich mne weite, nie zu überbrückende Kluft zwischen vem gestern und beute aufgetan — das Unglück hatte sie gereift und es ihr möglich gemacht, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Am Neujahrstaae. der für das Sanderssche

Haus und die Geschwffter Forstenberg ein so aus­nahmsweise trauriger gewesen, war die Frage in ernstliche Ueberlegung gezogen worden: wie man sich Gustis Eltern gegenüber verhalten solle. Wie damals in Venedig, stimmten die Frauen dafür, das Unglück vorläufig noch zu verschweigen. Herr Sanders wollte anfangs nichts davon wissen, er hatte sogar in der Nacht schon telegraphieren wollen, doch der Wille des Kranken war o us­chlaggebend gewesen, als man sie in einem chmerzsreien Augenblick um ihre Meinung be­tagt. Gusti war entschieden dagegen, daß den Eltern Mitteilung gemacht werde von dem sie betroffenen Unglücksfalle, und damit die Mutter ich nicht ängstigte, weil sie ihren Brief nicht be- antluortet, diktierte sie Theodor die folgende De- oefche, die, wie sie wußte, von der Mutter in anderem Sinne würde ausgelegt werden: „Brief verspätet erhallen — leichtes Unwohlsein durch Erkältung — schreibe nächstens. Gusti."

Fran Forstenberg, obwohl sehr beunruhigt durch dieses Telegramm, hatte doch noch Schlimme­res befürchtet und schrieb nun an Edi einen kur­zen Brief, der die Mitteilung enthiell, daß Maud Layard, einer ihrer exzentrischen Launen nach­gebend, beschlossen habe, ein Ehebündnis mit dem jungen Winterfell einzugehen. Dieser habe üb­rigens noch keine offizielle Verlobung gewagt, obgleich er das Zugeständnis gemacht, daß er die junge Dame liebe.

Das Schreiben Katharinas schloß mit der Bitte, ihr bald Nachricht zu geben über Gustis Befinden und ob der Erköttu ngszustand gehoben sei.

Edi, dem es nie in den Sinn gekommen war, daß seine schöne, vielumworbene Schwester sich in den Buchhalter verliebt haben könne, verkündete i)ie „große Neuigkeit", wie er die Nachricht nannte, auch in Gustis Krankenzimmer.

Mizi und Theobald waren zugegen, des Ver­wunderns war kein Ende und die lebhafte Mizi rief einmal über das andere:

Wie mich das freut! Ullrich Winterfell ift so brav und fo lieb, er verdient ein solches Glück.

Uebrigens hat Gusti schon, als ich in Wien war, eine Bemerkung fallen lassen, daß Maud sich für Ullrich interessiere, ich erinnere mich genau.

Ganz recht, fiel Gusti mit erzwungener Ruhe ein; es war übrigens kein Kunststück, dies Her­zensgeheimnis meiner Base zu erraten, sie gab sich geringe Mühe, es zu verschleiern und bewarb ich in ziemlich ausfallender Weise um Winter- sells Gunst.

Einer reichen Erbin ist ein solches Entgegen­kommen gestattet, uni einem zaghaften Freier Mut zu machen.

Nun, da wäre Winterfell wirklich ein Esel, bemerkte Edi lachend, wenn er die Million, welche ihm so auf dem Präsentierteller entgegengebracht wird, ablehnen wollte. Ich hätte freilich dafür gedankt — aber die Sache liegt erstens anders und dann war mein Herz nicht mehr frei — gelt, Mizi?

Ein zärtlicher Blick, ein inniger Händedruck ägten Edi, daß er verstanden worden sei.

Theobald hatte an dem Gespräche fich nur wenig beteiligt, doch wenn er sich unbeachtet glaubte, ruhten feine Blicke forschend auf Gustis Antlitz.

Am Abend des Tages, wo der bchandelnde Arzt Gustis Zustand für ganz ungefährlich er­klärte, reiste Edi nach Wien, wo er bereits mit Ungeduld erwartet wurde. Papa Forstenberg agte mit bittersüßer Miene: Es ist Zeit, daß Tu einen eigenen Hausstand gründest, denn für einen Geschäftsmann ist das Hangen und Bangen >er Bräutigamszeit ein wirklicher Ruin. Das ehe ich auch bei Winterfell bestätigt, der anfängt recht nachlässig zu werden. Wenn Du Vernunft angenommen, wäre es Dir ein leichtes gewesen, >en Goldfisch zu fangen. Wir hätten dann zu- antmen an der Börse ein solides Spiel gemacht, )as hiesige Geschäft vergrößert und die Filialen vielleicht ganz aufgelassen. Wie die Sachen jetzt iegen, wirst Du mehr oder weniger von Deinem Schwiegervater abhängen; den Herrn zu spielen, )aran denke nicht, dafür kenne ich den alten San­ders ru aut. uS. f.)