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Kotati ons -ruck e. Verlag ber uldaer 3c tienbrnderei in Selbe. Zernsprecher Nr. 9.

M 257.

Fulda, Donnerstag, den 9. November 1905.

32. Jabcaana-

Krstes Wtatt.

§ 5um vollsschulgeseh.

Noch immer nicht hat der „Reichs- und Staats- an - iger" die Allerhöchste Kabinetsordre veröffent­licht, durch welche die Einberufung des Landtags verfügt wird. Man beginnt bereits wieder daran zu zweifeln, daß der Landtag noch in dem laufen­den Monat an die seiner harrenden Aufgaben wird Herangehen können. Das hindert aber nicht, daß in der Presse die Erörterungen über eine der Hauptaufgaben, nämlich das Volksschulgesetz, eifrig fortgesetzt werden. Einen nach verschiedenen Richtungen hin interessanten Beitrag zu dieser Frage bringt die „Nationalzeitung". AuS dem­selben leuchtet einerseits die Befürchtung deutlich hervor, die Dinge könnten schließlich doch einen Verlauf nehmen, der die Konservativen auf eine andere als die nationelliberale Unterstützung beim Zustandebringen eines Schulunterhaltungsgesetzes Hinweisen würde, und anderseits das Bestreben, dem „Schulkompromiß" eine Deutung zu geben, die wenigstens Halbwegs den Ansprüchen des Jungliberalismus entgegenkäme.

Im Sinne jener Befürchtung sind gewisse Mahnungen des nationalliberalen Blattes an die Konservativen gehalten, ihre Zusage, zur Regelung ber Schulunterhaltungspflicht auf ein allge­meines Schulgesetz zu verzichten, nunmehr auch einzulösen und keine Forderungen zu erheben, die über den Rahmen des Schulkompro­misses hinausgingen. Das Bestreben, dieses Kom­promiß ein wenig in nationalliberalem Sinne zu „drehen", tritt schon deutlicher zu Tage. Die „Nat.- Ztg." weist darauf hin, daß die Vertagung des Ge­setzes einem von den beiden konservativen Parteien und den Nationalliberalen an die Regierung ge­stellten Verlangen entspreche. Diese drei Parteien hätten demnach Ursache, sich eines parlamen­tarischen Erfolges zu erfreuen. Und sie wur­den es als ihre gemeinsame Pflicht erachten, untersichundmitderRegierung auch die Erledigung des Entwurfes zu vereinbaren. „Selbstverständlich", heißt es weiter, daß dies nicht anders geschehen kann, als in der Richtung, die — nicht so sehr vom Buchstaben des genannten An­trags, als vielmehr von der Tatsache des Zu- sammengehensdieserdreiParteten allgemein gekennzeichnet erschien.

Die Konservativen haben sich damit von der Gemeinschaft mit dem Zentrum, die seit dem Zedlitzschen Entwurf unlöslich geworden zu sein schien, losgesagt und hiermit ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gegeben, dem traditionellen Standpunkt der Freikonservativen und Nationalliberalen im wesentlichen sich anzu­schließen. Insoweit der Entwurf über das Materielle der Leistungen für die Volksschule hinansgreift, indem er, was hierbei unerläßlich ist, auch die Zusammensetzung des Schulvorstandes, die Ansprüche der konfessionellen Minderheiten usw. regelt, also das Gebiet der allgemeinen Schul­gesetzgebung berührt, insoweit wird der Zusam­menhalt der Antragsparteien davon bedingt fein, daß die Streitfragen von 1891-92 nicht im Gerste der damaligen konservativ-klerikalen Mehr­heit beantwortet werden sollen. Vom Entwurf selbst nehmen wir nicht an, daß er derartige Vor­schläge bringt; es wäre dies das Gegenteil der Erfüllung des Wunsches der neuen, konservativ- nationalliberalen Mehrheit."

Das ist ein L i ebeswerben um die konservative Gunst und gleichzeitig eine ver st eckte Drohung gegen die Unterrichts- Verwaltung. Die „Nat.-Ztg." möchte augenschein- lich mit dem „Buchstaben" des Kompromisses auch

den klaren und deutlichen Sinn desselben bei Seite schaffen, ein Bestreben, das schon auf dem vorigjährigen nationalliberalen Parteitage einge­leitet wurde. Zu diesem Zwecke sind die an die Konservativen gerichteten Schmeicheleien einge­streut, zu diesem Zwecke wird auch das Verlangen erhoben, die „Ansprüche der konfessionellen Min­derheiten" usw. ja nicht im Sinne der früheren konservativ-klerikalen Mehrheit zu re­geln.

Wir wissen nicht, welche Stellung die Konser­vativen zu dieser „Deutelung" des Kompromisses einnehmen werden. Die „Kreuzzeitung" erwider e auf die Auslassungen der „Nat.-Ztg." mit einer weitgehenden Zurückhaltung. Die Mahnung, nicht über die Richtlinie des Kompro- miffes nach rechts hiuauszugehen, gibt das konser- vative Organ mit der Bemerkung zurück, viel eher bedürfe es der „entsprechenden Mahnung" an ge­wisse nationalliberale Kreise. Alles das sind nur Plänkeleien. Wenn es an der Zeit ist, wird sich schon im Landtage Gelegenheit finden, den Wort­laut und den Sinn des Kompromißantrages Hackenberg festzustellen, und dann muß sich zeigen, auf welcher Seite die Absicht vorliegt, über die Richtlinie hinauszugehen oder diese Richtlinie — zurückzustecken.

Deutsches Reich.

Berlin, den 8. November 1905.

* Dem König Alfons von Spanien hat der Kaiser die Kette zum Schwarzen Adlerorden verliehen. Der König stattete am Mittwoch vor­mittag dem Fürsten von Hohenzollern, dem Prinzen Albrecht, Regenten von Braun­schweig, dem Prinzen Joachim Albrecht, ferner dem Reichskanzler, den er am Dienstac nachmittag in längerer Audienz empfangen hatte, und sämtlichen Botschaftern Besuche ab. Der Kaiser verlieh dem spanischen Botschafter am Berliner Hofe, Don Ruatay Sichar, die Kgl. Krone zum Großkreuz des Roten Adler- otbene, dem spanischen Minister des Aeußeren Gullon und dem spanischen Oberhofmarschal das Großkreuz des Roten Adlerordens und dem spanischen Grafen von San Roman den Kgl. Kronenorden erster Klasse. Der König von Spanien hat den Staatsministmr von Tirpitz, Frhr. v. Richt Hofen, und von Bethmann-Hollweg das Großkreuz des Ordens Karls III. und dem Kriegsminister von Einem das Großkreuz des Militärverdienstor­dens verliehen. Der spanische Minister des Auswärtigen Gullon, mit dem Gesandten Piuay Willet, Senator Gullon, dem Bot­schaftssekretär de Ojedo und dem spanischen Bot­schafter Ruatay Sichar speisten am Mittwoch abend beim Staatssekretär Frhr.v. Richthofen.

* Die Herzogin Marie Antoinette von Mecklenburg-Schwerin ist zum Besuch derKron- prinzeffin in Potsdam eingetroffen. Diese An­kunft gerade zur Zeit der Anwesenheit des König Alfons kann, wie die,Nationalzeitung^ mit nicht mißzuverstehender Andeutung bemerkt, nicht unbeachtet bleiben. Die Herzogin, geboren am 28. Mai 1884, ist katholisch. Bei der Hoffestlichkeit am Montag war die Herzogin nicht anwesend, dagegen dürfte sie Gelegenheit haben, am Mittwoch bei dem Fest in der Jaspis- Galerie in Potsdam und bei einem Frühstück beim kronprinzlichenPaar den König Alfons kennen zu lernen.

* lieber den Gouverneur von Samoa, Dr. Solf war verschiedentlich in den Blättern ge- meldet worden, daß er von seinem Urlaub, den er anzutreten gedachte, nicht mehr auf seinen Poften zurückkehren werde. Nach jetzt ans Apia vorliegenden Meldungen erscheint die Nachricht jedoch unbegründet. Auf Ansprachen, die anläß­lich der Abschiedsfeier des Gouverneurs an den­selben gerichtet wurden, erwiderte Dr. Solf mit einer längeren Rede, worin er u. a. seine Rückkehr nach Samoa in sichere Aussicht stellte.

* Der angebliche Nachfolger des Justiz­ministers. Die Zahl der Männer, die als Nach- folger des demnächst aus dem Amte scheidenden Justizministers Dr. Schönstedt genannt, wird immer größer. Zu den früher genannten angeb- lichen Nachfolgern wurde gestern der Oberlandes­gerichtspräsident Beseler in Breslau neu ge­nannt und trat die Nachricht mit aller Bestimmt­heit auf, daß die Ernennung bereits erfolgt sei. Der Deutschen Tageszeitung' wird mitgeteilt, daß auch diese Nennung, wie alle früheren, nur auf Vermutungen beruht; die Ernennung des Nachfolgers Dr. Schön ft edt's sei bis jetzt tatsächlich noch nicht erfolgt.

* Postverbinduugen nach Rußland. Die Briefbesörderung nach Kurland, Livland und Esthland erfolgt jetzt wieder auf dem Eisenbahn-, wege über Eidtkuhnen. Die Briessendungen nach Finnland werden dagegen noch bis auf weiteres über Stockholm oder Lübeck geleitet. Auch die Briefbeförderung nach Warschau erfolgt noch immer auf dem Landwege oxer mit Flußdampsern, da sämtliche Eisenbahn-Verbindungen nach Warschau noch gestört sind. Wegen Wieüereinrichtung des Paket- und Wertverkehrs schweben zurzeit noch Erhebungen; dieser bleibt vorläufig also noch ge­sperrt.

* Die Zentralstelle der preußischen Land­wirtschafts - Kammern teilt mit, daß ihre Vor­schläge zur Verbilligung des Fleisches, die sie 430 Schlachtgemeiw en gemacht habe, von einem Teile der Preffe falsch verstanden worden seien. Von einer Ausschaltung des Schlachtergewerbes beziehentlich des Mittelstandes könne ganz und gar keine Rede sein. Durch die von ihr ange­regten Maßnahmen könne wohl der Zwischen­handel ausgeschaltet werden, nicht aber das Schlachtergewerbe.

* Zur „Fleischnot" hat jetzt das Aeltefien- kollegium der Berliner Kaufmannschaft an den Reichskanzler eine Eingabe gerichtet. Die Ein­gabe befürwortet u. a. zur Beseitigung der „Fleischnot" neben der Oeffnung der Grenzen auch den Bezug von ausländischem Dauerfleisch und Speck wieder zu ermöglichen bezw. zu er­leichtern.

* Die Berliner städtische Konferenz zur Beratung von Maßnahmen gegen die Fleischteuerung, deren bevorstehenden Zusammen­tritt wir bereits ankündigten, hat am Mittwoch unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kirsch­ners stattgefunden. Es wurde beschlossen, eine Denkschrift an das preußische Staatsministerium zu richten und sie in Abschrift zugleich dem Reichskanzler sowie allen Mitgliedern des Bundes­rats zugehen zu lassen. In der Denkschrift wird auf die schädlichen Folgen hingewiefen, die für )ie Volksernährung aus der Teuerung eines so wichtigen Nahrungsmittels, wie des Fleisches er­wachsen müffen. Es wird in der Denkschrift ge­

fordert, die Einfuhrverbote für gesundes Fleisch aufzuheben, die Viehzölle zu ermäßigen, die Grenzen zu öffnen, die Tarife für Futterfracht zu verbilligen und dergleichen bekannte Vorschläge mehr, von denen man eine Verbilligung des Fleisches erwarten zu dürfen glauot.

* Die jüngsten Ergebnisse der Jnvaliden- und Unfallverfichernng werden von der ,Nordd. Allgem. Ztg' sehr günstig beurteilt. Hinsichtlich der Invalidenversicherung bemerkt das offiziöse Blatt, die Besorgnisse wegen der Notwendigkeit einer Erhöhung des Beitrags erschienen als be­seitigt, zumal unter der Wirkung der neuerdings sehr verschärften Kontrolle erhebliche Mehrein­nahmen sich ergeben hätten.

* Zum Kampfe innerhalb der Sozialdemo­kratie liegt in der neuesten Wummer des /Vor­wärts' ein langer Aufsatz des Abgeordneten Ledebour über die „Literatenrevolte" vor. Aus Eigenem liefert die „Streikbrecher-Redaktion", wie die neuen Leiter des .Vorwärts' in einem Teil der sozialdemokratischen Preffe genannt i werden, einen kleinen Beitrag über den „Hexen- sabbath" mit der Ankündigung, es werde vielleicht an anderer Stelle gründliche Abrechnung erfolgen. Auf die von uns bereits mitgeteilte Epistel der Abgeordneten Bebel gegen den „geflogenen" Redakteur Eisner, behält sich dieser vor,zurück- zukommen, sobald die am 3. 9fooeniber an die Redaktion des /Vorwärts" abgesandte Recht- sertigungsschrift der 6 gemaßregelten Redakteure im /Vorwärts' erschienen sei. Die Auseinander- ( setzungen im .Vorwärts' werden allmählich recht langweilig.

* Zur Lage der Privatbeamten liegen gegenwärtig wieder eini e Kundgebungen vor, die die Lage dieser Beoölkerungstlasse in denk­bar schlechtestem Licht erscheinen lassen. Die eine ist ein Zahlenmaterial aus dem ,Reichs- arbeitsblatt', das Auskunft gibt über die unge­heuerliche Stellenlosigkeit, die jetzt trotz der so sehr guten Zeit noch immer unter den Hand­lungsgehilfen herrscht. Während im dritten Vierteljahr 1904 bei den vier in Frage kom­menden Verbänden 432 Stellenlose für 9076 Tage 13172.00 Mk. erhielten, zahlten dieselben Verbände im dritten Vierteljahr 1905 an - 702 Stellenlose für 13071 Tage 16332.54 Mark. Dabei ist in diesen Verbänden nur ein Teil der Handlungsgehilfen organisiert. Der größte Teil ist keiner Organisation angeschlossen oder er be­gnügt sich mit der Vertretung seiner Interessen in kleinen Vereinchen lokaler Natur, die in ihrer Bedeutung nicht wesentlich über die Tanz­kränzchen hinausgehen. Wenn in der heutigen guten Zeit schon so sehr viele junge Leute keine Stelle haben, wie mag es denn erst aussehen, wenn die schlechte Zeit wieder hereinbricht? Diese Zahlen bedeuten eine bittere War­nung an alle Eltern, ihre Kinder nicht dem Kaufmannsstande zuzuführen, wenn sie nicht reichliche Mittel haben, sie später selbständig zu machen.—Ein zweites ist eine Veröffentlichung der »Sozialen Praxis'. Darin werden die Zustände bei den Privatbeamten Thüringens behandelt. Dort sollen danach Bureaus, in denen auf einen Angestellten weniger als 20 Kubikmeter Luft­raum entfallen, während Hygieniker das Doppelte für notwendig erklären, nicht selten sein; in zehn Bureaus kommt auf einen Angestellten sogar nur ein Raum von 9 bis 11 Kubikmeter. Die Ge­hälter sind, wie allgemein bekannt »ft, vielfach

Die Wokoko-Pcrme.

Roman von Ernst von Walbow.

30] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)

Eduard hörte diese Vorwürfe, die sich oft wiederholten, achselzuckend an, ohne sich erst in eine Widerlegung derselben einzulaffen; er war überhaupt verändert, mißlaunig und in gedrückter Stimmung, ein Umstand, der Herrn Forstenberg auf den Gedanken brachte, daß Edi selbst feine übereilte Verlobung mit Mizi Sanders bereue, bas aber nicht eingestehen wollte.

Es war aber nur die Besorgnis um Gusti nÄ ul ^/milche Gefühl, den Eltern die Wahr- L," ^ehlen zu müffen, das Edi bedrückte. Der r. m gegenüber hatte er einen schweren Stand ,eme verlegenen Antworten auf ihre beforgten prägen nach Augustens Befinden gaben rhr viel zu denken. Da sie indessen keine Ahnung von dem lliigllicksfall haben konnte, deutete sie alles in ihrem Sinne und kam -m dem <$Ar„n, daß auch Edi von Gustis unglückliche? Neigung für SBinterfelt wistz Er hatte ihr unter LÄ gesagt: Dringe mcht darauf, daß Gustt Zurück- kommt, sondern lasse sie so lange es ihr irgend gefällt im Sandersschen Hause. Dies wäre die einzige Möglichkeit, daß unser aller Wunsch erfüllt werde, denn Theobald heiratet Gusti trotz alledem dessen bin ich sicher, er hat mir das offen gesagt'

So schien es auch Katharine als das Beste, wenn Gusti dem Vaterhause noch fernblieb, wo feder Blick, jedes Wort ihre Herzenswunde wieder aufreißen mußte. Blühte doch Maud gleich einer Blume im Sonnenstrahle des Glücks, man hätte ste kaum wieder erkannt, so verändert, verschönert "or ste durch die bräutliche Seligkeit.

Mit der vollen Glut ihrer leidenschaftlichen kcatiir gab sie sich diesen neuen, süßen Regungen

hin, verging doch kein Tag, der ihr nicht ein Liebes­zeichen des Erkorenen brachte, denn wenn Ullrich von der Erlaubnis, das Forstenbergsche Haus zu besuchen, auch nur sparsam Gebrauch machte und die Liebenden sich demnach selten sahen, sandte er immer Briefe, Musikalien, Blumen. Und wie schnell verging jetzt die Zeit! Die Noten wurden etnstudtert, die Briefe mußten beantwortet werden, dann hatte Maud noch Toilettensorgen, denn es machte ihr Freude, Ullrich, der sie gern schön ge­schmückt sah, durch einen neuen geschmackvollen An­zug zu überraschen. Blieb ihr noch eine freie Stunde, dann füllte sie dieselbe durch eine feine Nadelarbeit aus, die natürlich für ihn be- stimmt war.

Ein Liebespaar, das minder genügsam ge­liefert wäre, hätte es schmerzlich empfunden, daß dies bräutliche Verhältnis von Seite der Ver­wandten nur ein geduldetes war. In der Tat varen Frau Forstenberg Winterfelts Besuche in fohem Grade lästig und ihrem Gatten nicht min­ier, aus mehr als einem Grunde.

Ullrich mit feinem feinen Taktgefühl merkte >as bald und legte sich deshalb lieber den Zwang auf, Maud seltener zu sehen, als daß er sich den ' Sortourf zuzog, die erhaltene Erlaubnis zu miß­brauchen. Es war sehr peinlich gewesen, als gleich nach dem Weihnachtsfeste der Prinzipal ihn in ein Kabinett beschieden, um mit ihm Rücksprache zu nehmen, betreffend den Wunsch von Miß Maud Layard, wie er spöttisch meinte. Dann hatte er üngugefügt: Also meine Nichte will Sie heiraten e hat keinen üblen Geschmack; sind Sie einber- tanden, lieber Winterfell?

Die erste Regung Ullrichs war die des Zornes fewesen, denn Ton und Worte Forstenbergs ver­letzten ihn tief, deshalb sagte er auch kurz und stolz:

In dieser Form nicht, Herr Forstenberg. Ich £ugne es nicht, daß ich eine tiefe Neigung für Miß aJeaub hege, vom ersten Sehen schon, wo ihr Lieb- -eiS mein Herz gefangen nahm. Trotz beffen würde ich erst um sie geworben haben, wenn ich mit

meiner Hand auch eine Stellung in der Gesellschaft zu bieten hätte, denn mich von einer Frau, weil dieselbe reich ist, wählen, heiraten zu lassen, fände ich unter meiner Manneswürde. Wir sind jung, wir können und werden warten, als schlichter Buch­halter heirate ich nicht, am wenigsten eine Erbin.

Und dabei blieb es, obwohl später auch Maud versuchte, die Zukunft ihres Geliebten zu beein­flussen. Forstenberg hatte eingelenkt, denn ganz vollte er es mit dem künftigen Gatten feiner reichen Nichte nicht verderben. Im übrigen hielt er die zur Schau getragene Uneigennützigkeit des ungen Mannes für eitel Komödie, und als Ullrich päter als Gast im Familienzimmer anwesend war, zog Forstenberg ihn in eine Ecke unter dem Vor- wände, bon Geschäften mit ihm zu sprechen. Eigent- ich machte er ihm, durch die Blume gesprochen, oen Vorschlag, sich am Börsenspiel beteiligen zu wollen, anfangs — in der Sieb — (auf Kredit kaufen) mit kleinen Einsätzen; feine Differenzen zu zahlen, würde Maud ans ihren Mitteln gewiß mit Vergnügen tun, fei dies doch der fchnellste Weg, zum Ziele zu gelangen — reich zu werden.

So lockend dieser Vorschlag auch fein mochte, ' Ulrich wies ihn dennoch zurück. Wenn er selbst die Mittel zum Spekulieren gehabt, dann hätte er sich vielleicht von der Aussicht blenden lassen, Maud chnell zu erringen. Aber von dem Gelde der (Se­ichten nehmen, dasselbe möglicherweise verspielen — nein und tausendmal nein, das war gegen fein Gefühl, gegen feine Ehre, und er sagte das gerade heraus .

Forstenberg nannte Ullrich im ersten Aerger bei ich einen Narren und unpraktischen Träumer. Als ihm aber der junge Mann die eigenen Pläne entwickelte, war er ganz zufrieden — das war jedenfalls vorläufig das beste.

Ullrich hatte nämlich die Absicht, zum Sommer ans dem Geschäft zu scheiden und Wien zu ber- lassen. Mit feinem kleinen Kapital wollte er vor­erst nach England gehen, vielleicht auch nach der neuen Welt. Jedenfalls gelang es ihm dort leichter.

sich unabhängig zu machen, zumal er der englischen Sprache vollkommen mächtig war.

Nun, das war in Forstenbergs Augen ein so törichtes Vorhaben, daß ihm Ullrich noch närrischer erschien als die Brant. Die paffen zu einander, als wenn die Tauben sie ausgelesen, hatte er zu Katharina gesagt, laß sie nur, die werden noch viele dumme Streiche nmdjen. Nun, uns kann es recht sein, jedenfalls zieht sich die Geschichte in die Länge »nd es ging schon mancher übers Meer, der nicht toieberfam.

5.

Gusti hatte in ihren Gedanken zum mindesten mit den Freuden dieser Welt abgeschloffen für immer. Doch als man ihr endlich den Willen tun und den oft und dringend begehrten Spiegel rei­chen mußte — da stieß sie einen Schreckensschret aus und der zierliche Handspiegel entglitt ihren zitternden Fingern und fiel klirrend zu Boden.

Wie traurig verändert war die schöne, frisch blühende, lachende Gustt, mit den voll Lebenslust und Mutwillen blitzenden Augen, dem krausen Lockenköpschen?!

Das Spiegelglas hatte ihr ein abgezehrtes, gelbbleiches Antlitz gezeigt mit großen, tief einge­sunkenen Augen, einer roten Narbe über der Stirn und einer noch breiteren auf der linken Wange. Die Lockenfülle, welche mindestens die entstellende Narbe auf der Stirn verdeckt haben würde, war geschwunden, denn man hatte das versengte Haar, damit es nicht ganz ausfiele, kurz verschnitten.

Ohne auf die Trostworte der Mama Sanders, auf Mizis zärtliche Beteuerungen zu hören, sank Gustt in die Polster zurück, in die sie ihr entstellte- Gesicht drückte und begann bitterlich zu weinen. ■ Ratlos standen die Frauen; man rief später i)en Hausarzt, der schüttelte den Kopf, denn die, Patientin fieberte wieder. Der alte Herr wurde böse, er tröstete nicht, sondern er zeterte über die weibliche Eitelkeit, der die doch so vergänglich« Schönheit deS Leibes höher gelte als die Ge­sundheit. (Forts, folgt) ,