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Fulda, Samstag, den 4. November 1905.

Jahrgang.

M 253.

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Rotationsdruck u.

Verlag der 5«Idaer St»

Monakbruage: „8«ldaer GeschichirbMer". Zernfprecher Nr. 9.

Krstes Wl'crtt.

§ Die Zlottenvorlage und die Zinanz- lage des Reiches.

Während über die Zahl der Schiffe, welche sie angckündigte neue Flottenvorlage erfordern wird, noch Dunkel herrscht, hat man halbamtlich bereits eine Mitteilung darüber gemacht, tote aroß dieHauptklassen der neuen Schiffe, die Linienschiffe und die Panzerkreuzer gedacht sind, sowie darüber, daß ihre Armierung erheblich verstärkt werden soll. Diese härtere Armierung bildete eigentlich den Aus­gangspunkt für die geplante Erhöhung des De- ihlazements, da sie ohne die letztere nicht durch- führbar ist. Nach den offiziösen Erläuterungen, welche der Nachricht über die Erhöhung deS De- plazements und die Verstärkung der Armierung nachgeschickt worden sind, scheint übrigens die Marineverwaltung doch nicht ganz den Projekten in den ausländischen Marinen folgen zu wollen, die bei den Linienschiffen bis zu einem Deplaze- rcnt von 20 000 Tonnen gehen.

Aber auch bei dem beschränkten Matze, in wel­chem bei uns eine Erhöhung des Deplazements statthaben soll, wird einestarkeErhöhung der Kosten des Schiffsbaues die Folge sein. Die im Bau befindlichen deutschen Linienschiffe kosten je 24 280 000 dH., die Panzerkreuzer 19 170 000 =41. Man geht kaum fehl, wenn man .sie nach den neuen Plänen zu bauenden Linien­schiffe auf 32 Millionen Mark und die neuen Pan- jerkreuzer auf 24 Millionen Mark ansetzt. Sogar aus diesen Kostensteigerungen dürfte sich eine Mehrbelastung im Betrage von mindestens 30 Millionen Mark ergeben, wenn die Neubauten sich, wie der Staatssekretär des Reichsmarine­amts am 15. Februar d. I. in der Budgetkom­mission erklärte, im Rahmen des Flottenplanes von 1900 halten werden. Ob diese Erklärung heute noch gilt, erscheint nicht ganz sicher. Sie galt auch nur für die 1900 abgelehnten Aus- landkreuzern. Außer diesen sollen aber noch sieben Torpedobootsdivisionen angefordert werden. Nur das Eine steht fest, daß die Mehrbelastung des Marineetats recht erheblich sein wird. Tritt sie auch vielleicht im ersten Jahre nur mit einem oder anderthalb Dutzend Millionen in die Er­scheinung, so wird sie sich doch in den nächsten Jähren in einer Weise steigern, daß sie mit je 40 Millionen kaum zu hoch gegriffen sein wird.

Damit ist aber von vornherein die Tatsache gegeben, daß die Erträge der neuen Reichs­steuern, die durch die sogenannte Reichsfinanz­reform ins Leben gerufen werden sollen, zu einem sehr wesentlichen Teile von der M a r i n e in An­spruch werden genommen werden. 'Diese Tatsache kann nicht ohne Einfluß bleiben auf die Beur­teilung der Reichssteuern-Vorlage. Sie muß in erster Linie die Forderung verstärken, daß die neuen Steuern so gestaltet werden, daß sie keine stärkere Belastung der breiten Volksmasse bilden. Auch liegt in ihr zweifellos ein starker Antrieb für die Reichsregierung, den kürzlich von der ,,Deutschen Tageszeitung" nachdrücklich vertrete­nen Rat zu befolgen, einen der Verstän­digung mit der Mehrheit des Reichstages über die „Finanzreformvorlage" zu suchen, und eS nicht bis zu den äußersten Konsequenzen einer Divergenz der Anschauungen kommen zu lassen. Unseres Erachtens verlegt sich die Reichsregierung aber selbst diesen Verständigungsweg, wenn sie den Steuerplan immer weiter mit Projekten be­packt, die wenig Sympathie erwecken können. Das

gilt auch von der neuerdings aufgetauchten O u i t t u n g s st e u e r, die in erster Linie die mittleren Volksklassen treffen würde. Die Ouit- tungssteuer ist schon einmal im Reichstage durch­gefallen und das Zentrum speziell hat Stellung gegen sie genommen. Wir glauben nicht, daß sich an dieser Abneigung etwas geändert hat.

Die neuen Steuern und die geplante Ver­wendung derselben legt aber weiterhin den verbündeten Regierungen und der Mehrheit des Reichstags gebieterisch die Pflicht auf, auf alle Projekte zu verzichten, bezw. solchen ener- gischzu widersprechen, die mitver­mehrten Geldausgaben verknüpft sind und sich nicht als unbedingt begründet erweisen. Zu diesen Plänen rechnen wir auch die in Aussicht genommene Erweiterung des Ko- lonialamts, an der wir zudem neue und vermehrte Ausgaben für die Kolonien befürchten. Unsere Kolonialpolitik erfordert sowieso ein sol- ches Stück Geld, daß man wahrhaftig eher an eine Einschränkung als an eine Ausdehnung denken sollte. Wenn irgend ein Ruf gegenüber den neuen Steuerplänen berechtigt ist, so ist es der Ruf nach Sparsamkeit in allen Ressorts. Ohne diese Sparsamkeit wird es der Reichsregierung kaum gelingen, die Mehrheit des Reichstages für diese Steuerpläne zu ge- winnen.

Deutscher Reich.

Berlin, den 3. November 1905.

** Der Bundesrat hat in seiner Sitzung vom Donnerstag, wie wir nach dem .Reichsanzeiger' ergänzend mitteilen, sich auch mit einer Er­gänzung der Prüfungsvorschriften für Tierärzte und dem Entwurf eines Gesetzes über die Entlastung desReichs-Jnvaliden- Fonds beschäftigt. Die beiden Vorlagen wurden den zuständigen Ausschüffen überwiesen. Ferner wurde über eine Reihe von ReichstagS»Re­solution en aus der abgelaufenen Reichstags- Session Beschluß gefaßt. Welche Resolutionen das waren, wird nicht mitgeteilt. Hoffentlich er­folgt die Mitteilung über diese Beschlüffe an den Rerchstag jetzt früher, als es bisher der Fall gewesen ist.

* Der Reichstag wird, wie ein parlamen­tarischer Berichterstatter meldet, am 28. d. Mts. vom Kaiser persönlich mit einer Thronrede er­öffnet werden. Die Stärke der Parteien im Reichstage ist folgende: Konservative 51 Mit­glieder (Bestand am Schluß der Session 52), Freikonservative 21 (21), Deutsche Reformpartei, 7 (7), Wirtschaftliche Vereinigung 12 (12), Zen­trum 103 (101), Polen 15 (14), Nationalliberale 50 (49), Freisinnige Volkspartei 22 (21), Deutsche Volkspartei t> (6), Sozialdemokraten 78 (78), fraktionslos 18 (18).

* Die Nachricht betr. die Errichtung eines selbständigen Kolonialamts wird von der ,Deutscken Tagesztg/ dahin ergänzt, daß der Plan zur Zeit noch den Bundesrat beschäftigt; an der Zustimmung desselben werde aber nicht gezweifelt.

* Zu den ReichSfinanzresorm-Borlagen ge­hört nach der.Köln. Ztg/ auch eine Novelle zum Reichs-Stempelgesetze; eS wird aber nicht eine Erhöhung der Börsensteuer, sondern die Einführung einer Quittungs-Steuer vorge­schlagen. Im Jahre 1894 hat der Reichstag die QuittungS - Steuer bekanntlich abgelehnt, und eS ist sehr unwahrscheinlich, daß er'sie jetzt anneh­

men werde. Nach anderer Meldung wäre auch eine Eisenbahn-Fahrkarten - Steuer in Aussicht genommen. Für eine Reichseisenbahn. Steuer in dieser oder anderer Form sind im Reichstage allerdings Stimmen laut geworden (v. Kardo rff und andere). Ob sie eine Mehr­heit finden würde, mflffen wir dahingestellt sein lassen. Die Einzelstaaten werden sich jedenfalls sträuben.

Ueber die Todesfälle an wichtigen Krank­heiten bringt die ,Stat. Korr/ Angaben, die sich auf Preußen und das Jahr 19u4 beziehen. Insgesamt starben im Jahre 1904 in Preußen 702147 Personen, davon an wichtigen übertrag­baren Krankheiten zusammen 174 477 Personen, das ist 24,99%. Der Tuberkulose erlagen allein 69326 Personen, der Lungenentzündung 54815 Personen. In weitem Abstande folgen dann die Opfer von Diphtherie und Krupp (14162), an Keuchhusten (12 051), an Scharlach (10202) usw. An Pocken starben 17 Personen. Die meisten Opfer forderte die Tuberkulose im Re­gierungsbezirk Düsseldorf, nämlich 6028Per­sonen; auch die Todeszahl an Lungenentzündung ist mit 4722 Personen im Regierungsbezirk Düsseldorf die höchste. Unter Berücksichtigung der Beoölkerungsziffer steht aber hinsichtlich der Todesfälle an Tuberkulose der Regierungsbezirk Osnabrück mit 28,36 auf lOoOO Seelen an der Spitze. Die geringste Sterblichkeit an Tu­berkulose weist der Regierungsbezirk Marien- werder mit 12,35 auf 10000 Personen auf.

§ Die .Kreuzzeitung' und der Evattgelische Bund. Während die ^reuzzeitung' in auf­fallender Weise vor einigen Tagen den evange­lischen Bund gegenüber den Mahnungen des Kardinal-Erzbischofs Fischer in Schutz nahm, sieht sie sich heute veranlaßt, Front gegen den Bund zu machen. Im Anschluß an die Zurück­ziehung des ersten Berichts des Brandenburgi­schen Zweigvereins des Evangelischen Bundes an die Brandenburgische Provinzialsynode, der starke Angriffe gegen die ,Kreuzzeitung' enthielt, glaubt die ,Kreuzzeitung' feststellen zu müssen, daß daS Gebühren des Evangelischen Bundes den konfessionellen Frieden nur gefährden könne und fügt hinzu, daß der Evangelische Bund nicht nur allein den interkonfessionellen Frieden störe, sondern auch Zwietracht in die Reihen der Positiven hineintrage und die Evangelische Kirche nach links dränge und zwar nicht nur auf kirchlichem Gebiete, sondern auch auf politischem Gebiete. Dieses Zugeständnis der ,Kreuzzeitung' ist, wenn eS sich auch mit der Auffassung, die wir schon wiederholt dargelegt haben, deckt, immerhin von besonderem Jntereffe. Dasselbe gilt auch, wenn die ,Kreuzzeitung' in Uebereinstimmung mit unserer Auffaffung sich dahin äußert, daß der Evangelische Bund das offensichtliche Bemühen zeige, sich zu einer orga­nischen Einrichtung der Evangelischen Kirche zu machen. Daß der Evangelische Bund hierbei Erfolge hat, geht daraus hervor, daß bereits seine Berichte auf den Synoden als offizieller Be­standteil der Tagesordnung ak^ptiert worden sind.

** Eine Zigaretten-Papiersteuer wurde schon vor längerer Zeit als eine ber Steuern genannt, welche die Reichssinanzresorm-Vorlage bringen werde. Wie jetzt der /Berliner Lokal-Anzeiger' hört, ist taffächlich eine solche Steuer in ziemlich bedeutender Höhe ht der Vorlage vorgesehen.

.-. Eine die Sonntagsruhe im Barbicr- und Friseur-Gewerbe betreffende Verfügung hat die Regierung erlaffen. Da in diesem Jahre der 24. und der 31. Dezember auf einen Sonn­tag fallen, ist mit Rücksicht auf den jeweils nach­folgenden Feiertag bestimmt worden, daß in Orten, wo ein Bedürfnis dafür vorliegt, die Geschäfte bis abeuoS 6 Uhr offen sein dürfen. Bedingung ist, daß die Gehilfen und Lehrlinge, welche an diesen beiden Sonntagen oder an einem dieser Tage über 2 Uhr nachmittags hinaus beschäftigt werden, entweder an einem der beiden Weihnachtsfeiertage oder am Neujahrstage von aller Arbeit frei zu lasten sind.

* Der Ausschuß der Preußischen Apotheker­kammern wird am 20. d. Mts. zusammentreten. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Antrag auf Abänderung der Promotionsbedingungen und die Forderung des Reifezeugnisses eines Gym­nasiums, Realgymnasiums oder einer Oberreal« schule für den Eintritt in den Apothekerberuf. Auch soll die Konzestionierung des Lysol-Ver­kaufs zur Erörterung gelangen Diese letztere Frage bildet augenblicklich der Gegenstand von Erhebungen.

* Einen wesentlichen Erfolg der Sozialdemn- kratie haben die am Donnerstag in Schöne­berg bei Berlin abgehaltenen Stadtverordneten' Wahlen gezeitigt. Von 6 Ersatzwahlen sind näm­lich 4 zu Gunsten der Sozialdemokratie ausge­fallen. Dieses Resultat ist in der Hauptsache der schwachen Beteiligung der Wählerschaft zuzuschrei­ben, da der Sieg der Sozialdemokraten durchweg mit weniger als einem Vie« lei der Wahlberech­tigten erfolgt ist. Wie die,Germ.' mitteilt, haben sich die Kacholiken in Schöneberg an den Wahlen nicht beteiligt, da man es auf liberaler Seite nicht für notwendig hielt, sich mit dem zuständi­gen Zentrums - Teillomitee zwecks Unterstützung der bürgerlichen Kandidalen in Verbmdung zu setzen.

** Die ganze deutsche Post für Warmbad ist nach einer Meldung aus Windhuk den Hotten­totten in die Hände gefallen. Da die Aussichten, sie wieder zu erlangen, gering sind, darf sie als verloren gelten. Wahrscheinlich handelt es sich um die Postsendungen, welche in der Zeit vom 1.—29. September auf geliefert sind.

e. Berlin, 3. Nov. 1905. Der Kaiser hörte beute morgen im Schloß de» Vortrag des Chefs des Zivil- kabinettS, Wirklichen Geheimen Rats Dr. v. Lucanus. Später begab der Kaiser sich »ach Döderitz, um an der Hubertusjagd teilzunehmen. Der Kaiser wird am 18. d. M. in Kiel eintreffen und der an diesem Tage statt- stndenden Vereidigung der im Oktober eingestellten Re­kruten der sämtlichen Marineteile beiwohnen. Zu tun Jagdbesuchen des Kaisers in Oberschlesicn wird noch gemeldet, daß die Ankunst des Monarchen beim Für sie» v. Pleß auf den 26. b.3)L festgesetzt ist. Hieran schl . eßen sich weitere Jagdausflüge nach Slawentzitz u f. w., die jedoch nur von kurzer Dauer sein werden. — Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht die Ernennung deS De­kans und Pfarrers, Ehrendomherrn Franz Sck armer in Danzig zum Domherrn bei derKathedral.irchedes Bistums Kulm in Pelplm.—Das Staatsminlsterium hält am heutigen Samstag eine Sitzung a’>. Wahr­scheinlich wird der Termin der Einberufung deS Land­tags in derselben festgestcllt werden. Derationalztg.' wird jetzt ebenfalls bestätigt daß der 21. November für den Beginn der Landtagssessiou in Aussicht ge­nommen sei und sie fügt weiter hinzu, daß als erste Vorlage dem Abgeordnetenhause das Schitlunterhall ungsqesetz zu- gehen werde. — Zum Unterstaatssekretär im Handelsministerium ist, wie der Meichsanzeiger» mitteilt, der bisherige Direktor im Reichsamt des Innern Dr. Richter ernannt worden. Dr. Richter ist bekannt durch seine Tätigkeit auf de« letzten Weltausstellungen. — Zum Besuch deS Königs von Spanien

KieWokoko-Dame.

Roman von Ernst von Waldoto.

25] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt)

Den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt, schien Maud zu überlegen; sie hatte sich auf einem Sessel niedergelassen und suchte, nach ihrer Weise das Gehörte sich klar zu machen. Im Grunde ge­fiel ihr Ullrichs Stolz, denn ihr Vater hatte sie ge­lehrt, den Besitz irdischer Güter zu schätzen und Geld und Geldeswert nicht gering anzuschlagen.

Zum Speisen, meine Herrschaften, rief Herr Forstenberg gut gelaunt und fügte hinzu: Nun, was sagen Sie zu meinem Pfeifentische mit dem silbernen Rauch-Service? Prächtig, nicht wahr, itnb dabei praktisch.

Einzig in seiner Art, pflichtete Ullrich bei, der froh war, daß er nicht nach Einzelheiten befrag: wurde, denn Herr Forstenberg hatte sich schon wieder zurückgezogen, um feine Dame zu Tisch zu führen.

Wir sprechen noch über die Sache, sagte Maud ruhig, als sie an Winterfells Seite den Salon verließ, um den andern ins Speisezimmer zu folgen. ' ■ •

Einige Stunden früher hatte sie entschieden verweigert, an dem Nachtmahl teilzunehmen, zu welchem so viel langweilige, fremde Menschen ge­laden seien.

Als Frau Katharina, die ein äußerst ge» wrcichiger Landgerichtsrat zu Tische führte, ihre Nichte eintreten sah, gab es ihr wieder einen Stich ms Herz und nun flüsterte gar der alte Herr, Richtung ihrer Blicke folgend:

... Welch schönes Paar, der junge Mann hat ein 01 Aeußere, gute Familie — nicht so?

^utz gestehen,'Herr Rat, daß ich mich um d des Geschäfts, zumal den jungen

«"wachs betreffend, wenig kümmere. Wenn 's

sich um einen der älteren Beamten handelt, von denen mein Mann mir schon viel gesprochen, dann ist es ja etwas anderes. So weiß ich nur, daß der junge Mensch ein Norddeutscher und eine Waise ist; dies ist auch der Grund, warum Ferdi­nand ihn am heutigen Abend in unseren Kreis geführt.

So, so, mir ist er sympathisch. Damit ließ der Landgerichtsrat den Gesprächsgegenstand fallen und wendete sich schweigend seinem Teller zu, denn es toar eine seiner erprobten Lebens­regeln, tote er äußerte, daß man beim Fischessen nicht sprechen dürfe.

Frau Forstenberg behielt Ullrich und Maud gut im Auge, soweit sie das tun konnte, ohne auf­zufallen.

An die Eigenheit des jungen Mädchens ge­wöhnt, war sie erstaunt, daß Maud heute so unbe­fangen in ber Gesellschaft verkehrte, als sei sie täg- lich mit Fremden zu speisen gewöhnt. Ihr Nachbar zur Rechten, ein älterer und bielgereifter Mann, sprach mit ihr über England, das er bereist, denn er war Besitzer bedeutender Baumwollspinnereien, die er nach englischem Muster eingerichtet. Maud gab Auskünfte, ging in Einzelheiten ein, das Fa­milienleben in England betreffend, und Herr Hal- terüng, der von dem Nervenleiden der jungen Dame gehört, dachte bei sich, daß Maud Layard das vernünftigste junge Mädchen sei, welches ihm noch vorgekommen.

Ullrich wurde ganz entschieden von ihr ver­nachlässigt, was ihn nicht zu -kränken schien, denn wenn er aufblickte, um irgend eine gleichgiltige Be­merkung zu machen oder eine Frage zu beantwor­ten, dann lag ein so sonniger Glanz ht seinen blauen Augen, daß Katharina Forstenberg unwill­kürlich ihre Unruhe sich steigern fühlte.

Endlich war es ihr vergönnt, die Tafel aufzu­heben, und nun zerstreuten sich die Gäste, plan- dernd und scherzend, in den Nebenzimmern, um zuletzt dem Saal und der Weihnachtsbescheerung noch einen Besuch zu machen.

Maud hatte sich, ihrer Gewohnheit gemäß, still

zurückgezogen. Die Freunde des Hauses wußten ja, daß ein Nervenleiden ihren zarten Organismus bedrohte und das arme, junge Geschöpf nach strenger ärztlicher Vorschrift gleichsam in Unfrei­heit gehalten werden mußte, um eine Art von Pflanzendasein zu führen. Man hatte das lebhaft bedauert, aber sich schließlich daran gewöhnt. Die Erscheinung des jungen Mädchens in der geschmack­voll gewählten, aber gänzlich unmodernen Klei­dung mit wunderbarem, lang herabwallendem Blondhaar war anfänglich allen aufgefallen, dazu kam Mauds oft recht exzentrisches Wesen. Notge­drungen hatten dann die Forstenbergs Erklärun­gen geben müssen, auch war bekannt geworden, daß Professor Leidesdorff die Kranke behandle. Das erklärte eben alles.

Mit einem Händedruck waren die Liebenden von einander geschieden, kein Wort mehr war zwischen ihnen gewechselt worden.

Es Ivar spät, als die letzten Gäste sich ent­fernten, denn ein steifer Weihnachtspunsch hatte die älteren Herren im Rauchzimmer noch bei­sammen gehalten. Recht abgespannt suchte Frau Forstenberg ihr Lager auf, stets von der Unruhe gequält, am nächsten Tage irgend eine unliebsame Neuigkeit von Maud zu hören.

Die Weihnachtssonne strahlte doppelt hell und freundlich in Mauds blumengeschmücktes Wohn­zimmer, als Frau Katharina es betrat, um, wie gewöhnlich, ihrer Nichte den Morgengruß zu bringen. -

Das junge Mädchen saß an einem zierlichen Schreibtisch au§ Nosenholz und schrieb eifrig, doch nach der Eintretenden den Kopf wendend, nicktx sie ihr ftöhlich zu und sagte, den angefangenen Satz beendend:

Verzeihe, Herzensmama, gleich bin ich bei Dir, ich will nur diese zwei Worte hinzufügen, dann stand sie auf, wischte die Feder aus und sprach dabei, wie erklärend:

Ich schreibe nämlich an Ullrich Winterfell, mit dem ich mich gestern verlobt habe.

Km ersten Augenblick faß Frau Forstenberg

ganz starr da, endlich sand sie Worte und sagte, heiser vor Erregung: Das ist natürlich ein Scherz von Dir; aber Kind, wir schreiben ja nicht den ersten April, wo dergleichen erlaubt ist.

Ich verstehe Dich nicht, Maina.

Nun, vielleicht kennst Du den Brauch nicht, am ersten des April Freunden oder Angehörigen einen Bären aufzubinden, sie soztisagen in den April zu schicken — aber darauf kommt es hier nicht an, denn —

Ach so — unterbrach Mattd, jetzt habe ich be­griffen. Nun, um dergleichen handelt es sich nicht, es war mir Ernst mit diesem Ausspruch, ich meine auch, daß man mit solchen Dingen nicht scherzt.

Frau Katharina war blaß geworden, und ihre Finger zitterten, als sie mechanisch einige welke Blumenblätter von einer duftenden Hyazinthe ab- zupfte, dann erwiderte sie mit ironischem Lächeln:

Wenn eine Neuigkeit so seltsam und unglaub­haft klingt, wie diese, bann ist es wohl jedem ge­stattet, sie zu bezweifeln ober für einen Scherz zu halten.

Mauds stark ausgeprägte und ziemlich dunkle Brauen zogen sich unwillkürlich zusammen. Wit unhold klingen Deine Worte heute, ich hatte eine andere Wirkung erwartet.

Weil Du in der Welt Deiner Einbildung lebst, die mit der realen wenig gemein hat, Kind.

Willst Du damit gesagt haben, daß mein Er­wählter arm ist? Das ist eben ein Umstand, der mich hoch beglückt, denn so ist mir die Macht ge­geben, sein Leben durch die Güter zu schmücken, deren Besitz mir noch wenig Freude bereitete.

Ein kurzes Lachen ausstoßend, warf Katharina nicht ohne Geringschätzung hin: Das sind An- sichten, die einem Heiratsspekulanten es bedeutend erleichtern mußten, sein goldenes Ziel zu erreichen.

Einem Heiratsspekulanten? Du kannst doch nicht ernstlich glauben, daß Ullrich Winterfell zur Kategorie dieser verächtlichen Menschen gehört?

Liebe Maud, es wäre unklug und unnütz, jeder­zeit aussprechen zu wollen, was man von ben Leuten hält.