Huldaer W
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3. pirjener8KSL. wochenbellage: „Zllllstrkrle Sonntagrzeitung"
Zeitung
Moiiatrbeilage: „$UlbOtr Geschichtsblätter".
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Sernfpre Jjer Br. 9.
§ Vie Beendigung des Lippeschen Thronstrettcs.
Nachdem daS Schiedsgericht des Reichsgerichts für die Ordnung der Thronfolge und Regentschaft in Lippe-Detmold sein Urteil zugunster der Brester- felder Linie abgegeben hat, ist der (Streit um den Thron von Lippe endgiltig erledigt. Die Entscheidung des Schiedsgetickts enthält durch die Feststellung des Erbfolgerechtes der Agnaten der Biesterfelder Linie darüber hinaus noch die Ge- währ, daß nach menschlichem Ermessen dieser Streit auch in Zukunft nicht wieder aufleben wird. Der Lippesche Thron streit kann demnach als der Geschichte angehörend betrachtet werden..
Es wäre ein müßiges und herzlich wenig angebrachtes Unterfangen, jetzt noch einmal die Frage aufzuwerfen, wer die Schuld b a r a n getragen hat, daß die Angelegenheit den uner- guicklichen Charakter angenommen hat, den sie eine Zeitlang trug. Zweifellos sind manche Fehler in dieser Sache gemacht worden, aber der schlimmste Fehler lag doch auf Seiten derer, welche den dynastischen Streit gegen die Monarchie tm allgemeinen auszubeuten suchten und darum mit den Mitteln der Verhetzung arbeiteten/ Heber manche Irrtümer, sowohl auf Seiten der Beteiligten wie auf Seiten ihrer berufenen und unberufenen Sachwalter, wird man gern den Schleier der Vergessenheit decken, da diese Irrtümer dem guten Glauben an das Recht der einen oder der anderen Linie entsprangen, aber den bewußten Schädigern des monarchischen Prinzips wird man ihr Treiben nicht verzeihen.
Die Entscheidung des Reichsgerichts ist zugunsten der Linie ausgefallen, der — das kann Wohl nicht bestritten werden — dieSympatie- e n deSdeutschenVolkeS zumeist zugewandt waren. Daß und warum dies der Fall war, kann allerdings das Thema zu lehrreichen Betrachtungen an verschiedenen Stellen abgeben. Dem Volksempfinden wird mit der Kunde, daß sowohl der Kaiser wie der Für st von Schaumburg zu den ersten gehörten, welche in Glückwunschtele- grammen an den Fürsten Leopold die staatsrechtlichen Folgen des Schiedsspruchs anerkannten, eine nicht zu unterschätzende Genugtuung geboten, die ohne Zweifel dazu beitragen wird, gewisse Verstimmungen rascher aus dem Wege zu räumen. Im Lippeschen Lande selbst wird sich der Wunsch, den der Fürst in einem Manifest geäußert hat, nämlich daß Frieden und Eintracht in der Bevölkerung Platzgreifen möchten, gewiß rasch erfüllen.
Wenn eine nachträgliche Betrachtung aus Anlaß des jetzt gefällten Schiedsspruchs erlaubt ist, so kann sich diese nur auf dieForin beziehen, die man für die Erlediauna des Streites gewählt hat. Die Ueberei”*' *mung, welche sich in der öffentlichen Meinung hinsichtlich der Anerkennung des Schiedsipruches zeigt, beweist, wie schwer die A u- t o r i t ä t der Stelle dabei in's Gewicht fällte der schließlich die Entscheidung übertragen wurde. Ob diese Uebereinftimmnng so völlig mißklanglos fein würde, wenn man einen anderen Weg eingeschlagen hätte? Eine Zeitlang neigte man bekanntlich dahin, dem Bundesrat die Entscheidung über den Thronstreit zu überlasten. Wir haben damals Bedenken dagegen geäußert, daß man in einer Frage de? Rechts ein Stimmenverhält- n i i im Bundesrat in Geltung treten lassen wollte, welches wohl für wirtschaftliche, finanzielle und ähnliche Fragen Berechtigung hat, aber nimmermehr für Rechtsfragen, in welchem der größte Bundesstaat mit dem kleinsten nur die gleichen Ansprüche und die gleiche Autorität haben kann und darf.
Man hat dann auch von der Einschlagung dieses Weges A b st a n d genommen. Es liegt nabe, die Frage zu erörtern, wie in Zukunft grundsätzlich solchen dynastischen Streitigkeiten vorgebeugt werden kann, bezw. wie solche Streitigkeiten erledigt werden können, ohne daß sie einen Umfang und Charakter annehmen, wie der jetzt erledigte lippesche Thronstreit. Die „Nat.-Ztg." empfiehlt die Schaffung eines besonderen Gerichtshofes zu diesem Zwecke. Der Plan ist schon früher erörtert worden, hat aber gewichtige Bedenken gegen sich, deren Ausführung über den Nahinen dieser Bemerkungen hinausgehen würde.
Vorerst darf man sich mit der Tatsache begnügen,daß der Schiedsspruch des Reichsgerichts einen Streit beendet hat, der allzulange schon und allzuheftig weite Kreise in Deutschland in Erregung gehalten hat.
Deutscher Reich.
Berlin, den 26 Oktober 1905.
** Der neuernannte Fürsterzbischof von Olmütz wird der ,®eunanta' zufolge in den nächsten Tagen vom Kaiser in Berlin empfangen werden. Der Fürsterzbischof folgt dabei nur einem allen Brauch, wenn er sich nach seinem Amtsantritt dem Kaiser vorstellt, da die Erzdiözese Olmütz nach Preußen überreicht Der Fürsterzbischof wird auch dem Kardinal Fürstbischof Kopp in Breslau einen Besuch abftaiten.
* Der Reichskanzler Fürst Bülow ist am Mittwoch abend von Baden - Baden wieder in Berlin eingetroffen. Da die Fürstin Bülow sich von Baden-Baden nach Italien begeben hat, hält die ,Postt es nicht für ausgeschlossen, daß der Reichskanzler feine Gemahlin im nächsten Monat von dort abholt, wobei Gelegenheit gegeben wäre, dem italienischen Minister des Aeußern, Tit- t oni, einen Gegenbesuch abzustatten. Wir wollen bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß von anderer Seite in der Presse bereits eine Zusammenkunft zwischen den beiden Staatsmännern für den kommenden Monat angesagt war. Vielleicht führt sich hierauf die Notiz in der ,Postt zurück.
* Die Nachricht von einem Wechsel in der Besetzung des Kameruner Gouverneur-Postens wird jetzt von verschiedenen Seiten überhaupt als unrichtig hingestelll. Die ,Nationalzeitung" sowie die ,Deutfche Tageszeitung' erklären, daß von einem Rücktritt des Gouverneurs v. Putt- kamer an unterrichteter Stelle nichts bekannt ist.
* Zur Neichsfinanzrcsorm. Das Ergebnis der Beratungen der Ministerversammlung ist zwar nicht veröffentlicht worden, jedoch weiß die ,Koln. Ztg/ zu melden, daß in den Beschlüssen im allgemeinen die Vorschläge des Reichsschatzamtes angenommen wurden. In die Vorlage hat Aufnahme gefunden eine Reichserbschafts- fieuer und eine Erweiterung der Tabak- und Brausteuer und der Reichsstempelabgaben.
Bei der Reichserbschaftssteuer ist auf eine möglichste Schonung der bisherigen Einnahmequellen der Einzelstaaten, die bisher sämtlich außer Waldeck eine Erbschaftssteuer hatten, besonders in der lieber- gangszeit, Rücksicht genommen. Die Descendenten und Ehegatten sind von der Sieuer ausgenommen. Da die Erbschaftssteuer bisher in den Einzelstaaten meist nur mangelhaft ausgebildet war, konnte man bei aller Schonung der Emzelstaaten und Nichtberücksichtigung der Descendenten und Ehegatten für das Reich eine beträchtliche Einnahme aus der Reichserbschaftssteuer
JVä 247.
Fulda, Freitag, den 27. Oktober lUüö.
32. Jahrgang. >
in Ansatz bringen. Eine Ueberftimmunq Preußens in der Erbschaftssteuer hat nicht stattgefunden.
Für die Erweiterung der Tabaksteuer hat man weder das Monopol noch die Form der Fabrikationssteuer gewählt, sondern in möglichster Anlehnung an die jetzige Form der Tabaksteuer die besseren Tabake und Zigaretten stärker herangezogen.
Die Brausteuer erfährt eine erhebliche Erhöhung aber unter Schonung der als Nahrung der ärmeren Volksschichten anzusehenden Biere.
Die Erhöhung des Ertrages der Reichsstempelabgaben soll durch eine Novelle zum Reichsstempelgesetz erreicht werden.
Der Artikel fährt fort: „Durch die Vorlage soll auch eine regelmäßige Tilgung der Reichsschulden ermöglicht, sowie auch eine Regelung der finanziellen Beziehungen zwilchen dem Reiche und den Einzelstaaten in der Richtung herbeigeführt werden, daß die Einzelstaaten einer unerträglichen und unbegrenzten Inanspruchnahme mit Mat ri- fularbeiträgen nicht mehr ausgesetzt sind. Auch soll eine weitere Entlastung des Invalid en fand s von den Ausgaben beabsichtigt sein, die über dessen eigentlichen Slistungszweck hinaus durch spätere Gesetze ihm auf erlegt worden sind. Wenn die Reichs-Wehrsteuer nicht mit in die Vorlage aufgennmmen rourba, so kann man wohl die Erklärung hierfür darin finden, daß die eifrigsten Verfechter ihr Ertrag- nis von vornherein für Sonderzwecke festgelegt haben wollen. Zur Sanierung der Reichsfinanzen schien sie daher nicht geeignet und paßt daher nicht in den Rahmen der Reichsfinanzreform. Man wird die an sich aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit genügend gerechtfertigte Reichswehrsteuer daher als Zwecksteuer einer sväteren besonderen Vorlage überlassen können. Der Umfang der Vorlage erklärt sich dadurch, daß nach Lage der Verhältnisse, wenn man die vorgezeichneten Ziele erreichen will, zur Zeit mit einem Deckungsbedarf von 150 bis 200 Millionen zu rechnen ist und daß dieser Bedarf weiter steigende Tendenz hat.
* In Sachen des Konto „P.“ und hebt das ,Ber iner Tageblatt' hervor, daß Herr von Podbielski einen Strafantrag noch nicht gestellt habe, und wiederholt, daß von dessen Seite eine Erklärung unbedingt erfolgen müsse. Vielleicht hängt die bisherige Unterlassung der Stellung eines Strafantrags seitens des Ministers mit feiner Abwesenheit von Berlin zusammen. Die »Freie Deutsche Presse' hat sich, da die Erklärung der Firma von Tippelskirch u. Cie. ihr einen Zweifel hinsichtlich des Verhältnisses des Landwirtschaftsministers zu der Firma offen z« kaffen schien, direkt an die Firma um Aufklärung gewandt und von dieser die direkte Erklärung erhalten, daß weder ein Konto „P." noch „St." existiert.
... Eine Verfügung de3 Ministers der öffentlichen Arbeiten bringt den Behörden einen früheren Erlaß in Erinnerung, wonach bei Vergebung von Lieferungen für fiskalische Bauten im Interesse der Entwickelung des nationalen Wohlstandes den einheimischen Erzeugnissen unter sonst gleichen Voraussetzungen stets der Vorzug vor ausländischen gegeben werden soll. Anlaß zu dem neuen Runderiaß bot die Klage, daß bei Staatsbauten inländische Schiefergruben durch Bezug von ausländischem Schiefer benachteiligt worden sind, obwohl sie den Schiefer in
gleicher Güt« und zu gleichen Preisen liefern konnten.
§ Eine öffentliche Rüge verdient das Vorgehen gewisser Instanzen in der Reichsregierung bezüglich der Mitteilung von Vorgängen in den Reichs-Ressorts an die Presse. Es hat sich in letzter Zeit in geradezu überraschender Weise die Geflogenheit herausgebildet, daß die Berliner Presse ihre Kenntnis von politischen Ereignissen innerhalb der Ministerien auf dem Umwege übet die ,Kötnische Zeitung^ erfahren muß. Wir meinen, daß die Regierung, wenn sie die Oeffenk» lichkeit über wichtige Vorgänge unterrichten will, sie sich nicht an ein einzelnes Parteiblatt wenden solle, sondern sich dazu ihres anerkannt offiziösen Blattes, der,Nordd. Allg. Ztg/ bedienen sollte. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß der Hinweis auf dieses Unwesen endlich einmal eine Aeuderung herbeiführt. Die gesamte übrige Presse hat ein Interesse daran.
** Der Hexensabbats) in der Redaktion des .Vorwärts' nimmt seinen Fortgang. Die sechs ausscheidenden Redakteure nehmen in einer langen Erklärung im .Vorwärts' das Wort, aus welcher interessante Details, namentlich über die Ma hi« Nationen des Parteivorstandes, in die Oeffent- kichkeit bringen. Zunächst muß feftgefteflt werden, daß der Parteivorstand sich einer Terrorisierung jener Herren dadurch schuldig gemacht hat, daß er jene Herren weder zu feinen Sitzungen noch zu denen der Preßkommissionen, in denen über ihr Schicksal entschieden wurde, im Gegensätze zu der bisherigen Gepflogenheit, hinzugezogen hat. Den Mitgliedern der Sitzungen wurde strenges Stillschweigen auferlegt. In diesen Geheim- sitzunaen machte der Parteivorstand zunächst den Vorschlag, zwei Redakteure des ,Vorwärts' sofort, einen dritten bei Gelegenheit zu kündigen. Als Ersatz wurde u. a. der „Genosse" Stadthagen für die Bearbeitung der kommunalen u f. w. Angelegenheiten in Aussicht genommen. Ferner sollte die „Genossin" Rosa Luxem berg mit dem Recht einer gewissen Zwangsaufnahme ihrer Artikel und einem Privileg hinsichtlich der redaktionellen Kontrolle als ständige Mitarbeiterin eingestellt werden. Außerdem wurde in der ersten Sitzung des Parteivorstandes und Preßkommission der jetzige Korrektor des ,Vorwärts^ Fülle für einen Redaktionsposten ausersehen, der seit Jahren hinter dem Rücken der Redaktion Korrespondent der Leipziger Volkszeitung' ist. Die Redakteure legten hiergegen Protest ein. Vor allem erklärten sie es für unwürdig, daß — was bisher unerhört gewesen wäre — ohne jede Hinzuziehung der Redakteure über Redaktionsangelegenheiten beraten würde. Auf diesen Protest erklärte „Genosse Psannkuch" im Namen des Parteivorstandes mit dürren Worten, es sei tatsächlich die Auffassung des Vorstandes, daß bei solchen Entscheidungen die Redaktion nicht einmal gehort zu werden brauche. Alle diese Pläne wurden geschmiedet, ohne daß die breite Parteiöffentlichkeit überhaupt eine Ahnung hatte. Nicht einmal die Kreiskörperschaften, denen sonst jede geringfügigste Gehaltsaufbesserung unterbreitet wirb, waren ins Vertrauen gezogen worden. Unter diesen Ausnahme- Umständen empfanden es bie Redakteure als ihre Pflicht der Partei gegenüber, die Massen der Genossen zu unterrichten und ihre Kündigung ein
I)ie Wosioko-Dcrnre.
Roman von Ernst von Wakdow.
19] (Nachdruck verboten.)
Mochte Maud noch so reich fein — der Mann, welcher sie freit, ist stets ihr Sklave — das sagte sich der junge Forstenberg und kam schließlich zu dem Schluffe: Mizi Sanders würde eine weit bessere Partie sein, weniger reich — möglich — aber lustig, brav im Haushalte, zärtlich und dankbar dem Erwählten ihres Herzens, der die Güte hätte, sie zum Altar zu führen.
Wenn die beiden jungen Leute ihre Ansichten und Zukunftspläne austaufchten, dann klopfte Ullrichs Herz oft zum Zerspringen, und einmal war er sogar im Begriff, dem Freunde Mitteilung zu machen von seiner Begenung mit Maud Layard.
Doch es lag etwas Scheues, Zurückhaltendes in seiner Natur, und dann erschien es ihm wie eine Entweihung dieser poetischen Schwärmerei, wenn er auch nur den Namen der liebreizenden Jungfrau einem dritten gegenüber nennen sollte. Dafür suchte er im eigenen Interesse Eduard das Bild der fröhlichen Mizi Sanders recht oft vor Augen gu fuhren, indem er von dem Triester Leben und den genußreichen Stunden sprach, die beide im Sandersschen Hause verbracht hatten.
Der Trauer wegen hatte Frau Katharina gewünscht, daß sowohl Gusti als auch Edi den geräuschvollen Festlichkeiten des Wiener Faschings fern bleiben möchten. Eduard zumal hatte ein großes Opfer damit gebracht, daß er der Mutter Wunsch erfüllte, denn er war sonst eine stehende Figur auf den Elitebällen.
Bei größeren geselligen Vereinigungen im gast- lichen Forstenbergschen Hause war Ullrich Winter- stlt fast regelmäßig geladen worden. Tie Wiener ^uft schlug ihm gut an — wie der Prinzipal einst kachelnd bemerkte — Ullrich hatte sich in der Tat Irfr *u stinem Vorteil verändert. Seine über- m;tanke Gestalt hatte eine angenehme Fülle bekommen, er sah ernster, männlicher ans, und ob
wohl er ein fleißiger und gewissenhafter Burean- arbeiter geblieben, benutzte er doch seine Freistunden redlich, um sein Wissen zu mehren, den geistigen Horizont zu erweitern. Wien, so reich an Kunstgenüssen, bot ihm ja Gelegenheit genug, in edler Weise die Mußestunden auszufüllen.
Ullrichs Verhältnis zu Auguste Forstenberg hatte sich nicht wesentlich anders gestaltet. Von seiner Seite geschah nichts, um es zu einem innigen zu machen, und das junge Mädchen hielt sich treulich an das der Mutter gegebene Versprechen.
So verkehrten die beiden scheinbar ganz unbefangen mit einander und Auguste würde doch endlich daran gezweifelt haben, daß Ullrich eine ttefe Liebe zu ihr im Herzen trage, wenn nicht des Bruders Berichte über den jungen Mann ihre Zuversicht neu belebt hätten. Ede bespöttelte nämlich oft, wenn auch in harmloser Weise, des Freundes tugendliche Strenge, die ihm selbst verbot, ein ganz unschuldiges Wohlgefallen an einem hübschen Mädchengesicht zu empfinden. Er nannte das „norddeutsche Art", „kühl bis an's Herz hinein" und erzählte von Ullrichs Studium, seinen Vergnügungen, die sich zunächst auf den Besuch des Burg- theaters oder Opernhauses beschränkten.
Gusti, die als modern erzogenes Mädchen recht wohl wußte, daß kein junger Mann ihrer Bekanntschaft ein derartig eingezogenes Leben führe, sagte sich zum Tröste: Ullrich mutz ein geliebtes Bild im Herzen tragen, das ihn feit gegen alle Versuchungen. — Darin nun hatte sie ja recht, nur irrte sie in der Annahme, daß sie es sei, die im Schrein seines Herzens als Götterbild throne!
Die Saison ging zu Ende, und der Jahrestag von George Layards Tode war gekommen. Maud hatte mit der früheren Halsstarrigkeit begehrt, daß man sie nach Liegnitz reifen lasse, damit sie des Vaters Grab bekränzen und an demselben beten könne. Doch dem milden Zuspruch Frau Katharinens gelang es, sie anderen Sinnes zu machen. Ter Tag verslotz ruhiger, als Margarete Moorland und Katharina zu hoffen gewagt hatten. Beide litten schwer, das waren Erinnerungen, die sich nicht verscheuchen Hetzen und mit qiial- volle^Deuttichkett auf sie eindrangen.
Die Waise hatte eine Auswahl der schönsten Kränze nach Liegnitz gesendet und schmückte nun selbst des Vaters Bild mit einem Kranze aus Märzveilchen und Schneeglöckchen, dann begehrte sie allein zu sein.
Man ließ sie gewähren. Katharina war froh, daß es ihr gegönnt war, die brennende Stirn in der frischen Luft zu kühlen und für kurze Zeit nicht in das Antlitz des bleichen Mädchens blicken zu müssen, die großen, traurigen Augen nicht zu sehen, aus denen ein Vorwurf, eine schwere Anklage zu sprechen schien.
Auch Margarete wollte des Hingeschiedenen Gatten in frommem Gebete gedenken — er hatte seine Schuld gebüßt und sie hoffte, daß Gott der Allgütige ihm vergeben habe. Als sie aus der Kirche heim kam und leise in Mauds Wohitt zimmer trat, fand sie diese nicht, wie sie erwartet, vor dem Bilde des Vaters, sondern vor einer kunstvoll geschnitzten, geöffneten Truhe stehen, die ihre liebsten Besitztümer barg und die schon aus England mit herüber gebracht worden war, ein altes Erbstück von Urvaterzeit her, denn Layards Mutter war eine Deutsche gewesen.
Maud hielt einen Gegenstand in der Hand, über den sie sich beugte, es war der am Tatorte gefundene Stock, ihre Tränen fielen auf das Hufeisen von oxidiertem Silber, als sollten diese heißen Tropfen die häßlichen Blutflecke tilgen.
Mit fünfter Gewalt zog Margarete das junge Mädchen von der Truhe fort.
Kommen Sie, mein Liebling, das ist kein Anblick für Sie!
Maud öffnet weit ihre fchonen Augen, an deren Wimpern noch Tränentropfen glänzten.
Kein Anblick für mich, meines Vaters Blut, das zum Himmel schreit?! Du vergissest, Margarete, daß ich die Mission habe, den Tod zu rächen an seinem Mörder, nicht zu ruhen, bis ich ihn entdeckt, ihn ohne Erbarmen dem Richter zu überliefern, und glaube mir, eine untrügliche Ahnung sagt mir, daß ich das heilige Rächeramt erfüllen werde.
Margarete Moorland schauerte fröstelnd zu- jammen und atmete erst erleichtert auf, als Maud
fortfuhr: Den Stock dort, welchen wir beide nie im Hause gesehen und der auch nicht neu gekauft fein konnte an jenem Unglückstage, da er Spuren der Benutzung und ein Monogramm trägt, hat der Mörder zurückgelassen, nachdem er ihm als Waffe gedient, den ahnungslosen Greis zu töten. Die Herren vom Gericht, so sagt Onkel Forsten- berg, haben zwar behauptet, daß die tätliche Wunde an meines armen Vaters Haupte nicht mit diesem Stocke beigebracht worden wäre — aber ich bezweifle das.
Der Elende floh, ehe er feinen Raub in Sicherheit zu bringen vermochte, er stahl das Medaillon mit dem Bilde meiner teuren Mutter, weil die kostbare Fassung feine Habgier gereizt und lieft in der Hast seinen Stock zurück. Und weißt Du, Margarete, warum ich so dringend darauf bestand, daß der Stock mir übergeben wurde?
Es wäre besser gewesen, man hätte diesen Wunsch unerfüllt gelassen, meinte die Frau mit einem Seufzer.
Höre mich an an, fuhr Maud mit geheimnisvoller Miene fort, wenn ich meine Hand an den Stock lege und, ganz erfüllt von meiner Mission, mir den Augenblick ausmale, wo es mir gelungen ist, den Mörder zu entdecken, dann zuckt meine Hand, es ist als ginge von jenem Gegenstände des Schreckens ein Zauber aus, ein magnetisches Fluidum, das sich mir mitteilt und ein unsichtbares Band webt zwischen jenem Elenden und mit.
Das sind Phantasiegespinste, teure Maud — Nein — nein, die innere Stimme ist untrüglich, ihr folge ich.
Frau Moorland schüttelte den Kops und war schon in Sorge, daß durch die große Aufregung das Gesamtbefinden Mauds sich verschlimmern werde. Dies war jedoch glücklicherweise nicht der Fall, im Gegenteil, das junge Mädcken wurde ruhiger und nahm größeren Antell an ihrer Umgebung, äußerte auch öfter den Wunsch, eine Ausfahrt in den Prater zu macken. Co beschloß man denn mit der Zustimmung des Professors Leides» dors, noch einen Schritt weiter zu gehen und Maud unter Menschen, die ihr bisher noch fremd geblieben, zu bringen.