rrsckeint täglich, mit Ausnahme der Sonn» WO Stiertagt. Viertel- sShrl. Beiugspreis »hne Bringerlohn und Beneügeldin5uldaund auswärts I Ulf 50 Psg.
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3.par$eiVincs*i"b«. Wochenberlage: „Illustrierte Zonntagzzeitung"
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Rotationsdruck u. Verlag der.ruldaer Ac- tieniruderei in $ul6a Sernfpre bet Rr. 9.
Fulda, Lttttwoch, den 25. Oktober itWa.
JV3 245.
32. Hatzcaanq.
Krstes Wtatt.
3ur Hcidisfteucrrcform.
Die Verhandlungen über die Reichssteuer- reform sind im Reichsschatzamte wieder im Gange. Ein ganzer Stab von einzelstaatlichen Finanzministern ist dabei beteiligt. Je weiter aber die Verhandlungen vorschreiten, desto mehr zeigt sich, daß die anfänglich in Aussicht gestellte .glatte Erledigung" der Vorschläge des Reichsichatzsekretärs nur ein — frommer Wunsch gewesen ist. Verschiedene seiner Pläne scheinen nicht unwesentliche Abänderungen erfahren zu haben. Zunächst die Reichserbschaftsst euer. Jetzt soll auch das auf erhöhte Einnahmen aus dem Tabak abzielende Sleuerprojekt eine Ergänzung in Form einer Wertsteuer für Tabakfabrikate erfahren haben. Rach alledem kann man auch heute noch nicht mit Sicherheit angeben, welche Vorschläge den Inhalt der neuen Steuerpläne bilden werden.
Die bisherige Stellungnahme der verschiedenen Parteien zur Frage der Reichssteuerreform beschränkt sich daher naturgemäß auf die generelle Seite der Angelegenheit. Auffallend ist, daß die konservative.Kreuzzeitung' sich gegen unsere ausführlichen Darlegungen (Nr. 236, 237 und 238 der ,Fuldaer Zeitung') wendet, die eine Freilassung der ärmern Volksklassen von weiteren Lasten forderten. Die ,Kreuzzeitung' machte uns sogar den Vorwurf, wir vermehrten durch Gegenüberstellungen, wie sie unter Aufsatz brachte, die „Mißstimmung im Lande," und forderte die verbündeten Regierungen auf, dem Zentrum gegenüber nicht hinter die von ihnen aufgestellten Richtlinien zurück- zuweichen.
Das konservative Blatt scheint also der Ansicht zu huldigen, man brauche der Wahrheit nicht die Ehre zu geben, wenn sie — unbequem ist. Aus Furcht vor einer Erhöhung der „Mißstimmung im Lande" hätten wir nach der .Kreuz-Zeitung' über die Mißstände in der Steuergesetzgebung — schweigen müssen. Läge nicht
Schlußfolgerung näher, die unleugbare Miß- m.niituna müsse veranlassen, die vorhandenen Mißstände zu beseitigen? Glaubt das konservative Organ, daß in der heutigen Zeit die breiten Volksmaffen so wenig unterrichtet seien, daß sie nicht recht gut wüßten, wie sehr unser Reichssteuersystem den kleinen Mann belastet und den Leistungsfähigen schont? Der Druck der indirekten Reichssteuern wird vom Volke sehr wohl empfunden, und es heißt, die Volksseele falsch beurteilen, wenn man an- nimmt, es würde ohne bedenkliche Erhöhung der „Mißstimmung" möglich fein, diese Last noch weiter zu vermehren.
Was die ,Kreu.;-Zeitimg' im einzelnen gegen unsere damaligen Ausführungen vorbringt, ist entweder gegenstandslos oder falsch. Das Blatt findet es unbegreiflich, daß es auch Leute mit 120000 Mark Einkommen geben soll, in deren Haushalt oder sonstigem Bedarf kein Schaumwein verbraucht wird. Die ,Kreuzztg.' muß sich schon mit dieser Tatsache abfinden, denn wir könnten ihr den Beweis erbringen, daß in Familien mit noch höherem Einkommen
seit 10 Jahren kein Geld, für Schaumwein au§- gegeben wurde. Auch die' Annahme des Ionier» vativen Blattes, daß in Familien mit 120 000 Mark Einkommen notwendig eine Ausgabe für „Seide" gemacht, also ein Elngangszoll für Seide getragen werde, ist hinfällig. Und warum soll die Seide absolut aus dem Auslande bezogen sein? Unbegründet ist auch die Bemängelung des von uns in den Etat der Arbeiterfamilie eingestellten Postens für Abgaben, welche der Branntweinverbrauch involviert. 35 Liter Branntwein entsprechen 14 Litern reinen Alkohols und für diese beträgt die Reichssteuer genau wie angegeben 11.20 Mark.
Wenn die,Kreuzztg.' uns den Vorwurf macht, „wir kennten die Pläne der Regierung nicht, aber wir mißbilligten sie," so ist das völlig haltlos. Wir haben bis jetzt durchaus keine Mißbilligung der noch unbekannten „Pläne der Regierung" ausgesprochen, sondern nur der Erwartung Ausdruck gegeben, daß die Regierung sich bei ihrer Vorlage von dem Grundsätze der Gerechtigkeit leiten lasten möge, denn justitia fundnmen- tnm regnorum! Wir werden es gern der,Kreuz- ztg.' überlassen, das Gegenteil zu verlangen. Das Zentrum wird an dem alten und bewährten Grundsätze festhalten, und daß es darin durchaus einig ist, geht schon daraus hervor, daß sich fast gleichzeitig in Nord und Süd gewichtige Zentrumsstimmen in diesem Sinne ausgesprochen haben. Wir erinnern nur an die Ausführungen des Abg. Müller-Fulda in Geisa des Abg. Dr. Spahn in Bonn und der Abgg. Speck und Dr. Pichl er in süddeutschen Volksversammlungen. Damit ist auch wohl die Insinuation der,Kreuzztg.' abgetan, das Zentrum werde mit Parteirücksichten seinen Standpunkt in der Reichssteuersrage unter dem Drucke der Regierung ändern.
Das Merkwürdigste in der Angelegenheit leisteten wohl die ,Berl. Polit. Nachr.', ein Organ, welches zuweilen als Sprachrohr des preußischen Finanzministeriums angesehen wird. Dieses Organ schrieb, das Zentrum sei schuld daran, daß eine Weinsteuer noch nicht im Reiche ein- gesührt sei. Die ,B. P. 91/ scheinen nicht zu wissen, daß im Jahre 1874 die Vertreter von zwei Bundesstaaten sich im Reichstage öffentlich gegen die betreffende Gesetzesvorlageaussprachen, und darauf hinwiesen, daß ihnen bei Errt ch - tung des Reiches eine gegenteilige Zustimmung erteilt worden sei. Gegen die Einführung der Schaumweinsteuer aber hat sich das Reichsschatzamt lange genug gewehrt. Sie wurde schließlich mit Hilfe des Zentrums durchgesetzt. Wenn die ,B. P. R.' aber die preußische Einkommen- und Vermögenssteuer heranzieht, um zu beweisen, daß die Leistungsfähigeren auch an den Reichslasten teilhaben, so ist dieser Versuch völlig mißlungen. Die?e Lasten haben mit den eigentlichen Reichslasten — für Heer, Marine und Kolonialpolitik — nichts oder nur sehr wenig zu tun. Diese Lasten werden in erster Linie von den breiten Volksschichten getragen. Das ist eine unbestrittene Tatsache, und auf diese Tatsache gründet sich das Verlangen des Zentrums nach „aus gleich en der Gerechtigkeit."
Deutsches Reich.
Berlin, den 24. Oktober 1905.
* Ein Besuch des Kaisers beim Papste sollte Blättermeldungen zutolge anläßlich einer neuen Jtalienreise des Kaisers bevorstehen. Wie der ,Post' versichert wird, ist an zuständiger Stelle über einen solchen Besuch bis jetzt nichts bekannt geworden.
V Nun fehlt der Letzte noch. Wenn es mit den Meldungen der Blätter über den Rücktritt der preußischen Minister so weiter gebt, so existiert in Bälde kein einziger preußischer Minister mehr. Einer neueren Blättermetdung zufolae soll auch Minister Budde an seinen Rücktritt denken. Es bleibt also nur noch, vom Ministerpräsidenten und vom Kriegsminister abgesehen, die ja mehr zum Reiche hin gravitieren, der Minister des Innern v. Bethmann- H o 11 w e g übrig, der erst vor einigen Monaten zum Minister ernannt worden ist. Es interessiert unsere Leser vielleicht, daß die Nachricht vom Rücktritte des Ministers v. Budde aus der »Prenzlauer Zeitung' stammt, deren Glaubwürdigkeit schon dadurch erhärtet ist, daß sie als Rach- folger des Ministers n. Budde den Generalmajor im Großen Generalstab Verdy du Verno is nennt, der gar nicht existiert. Wir genügen unterer Pflicht als zeitgenössische Chronisten, wenn wir binzusügen, daß die Nachricht vom Rücktritt des Finanzministers Freiherrn v. Rheinbaben, die wir von vornherein als unglaubwürdig bezeichnet haben, jetzt als völlig aus der Luit gegriffen bingestellt wird.
' Gouverneur von Puttkamer soll nach einer Korrespondenz vom Urlaub, den er int Herbst nimmt, nicht mehr auf seinen Ponen zurückkehren. Zu seinem Nachfolger soll Dr. Seitz ausersehen sein
§ In Sachen der Rcichsfinanzreform verlautet jetzt, daß auch eine Tabak-Fabrikat- steuer in Erwägung gezogen sei. Es toll sich dabei um eine Wertsteuer handeln. Der .Rational- liberalen Korrespondenz' zutolge soll in Bnndes- ralskreisen die Meinung her scheu, es werde gelingen, im Reichstage die erste Lesung der Vorlage betreffend die Reichssteuer-Reform noch vor Weihiiachten zu erledigen. Auch glaubt man an red sich in Bundesratskreisen, daß der Reichstag die erste Lesung de« Etats noch vor Weihnachten vornehmen werde und daß die ganze Etats-Beratung bereits in der zweiten Hälfte des Februar, spätestens Anfangs Alärz, beengt fein werde. Gleichzeitig sollten die Militär-Pension^- gesetze fertig gestellt sein. Diese Annahme zeugt von einem Optimismus, den außerhalb der „Bundesratskreise" niemand teilen w rd.
§ Eine nichtsnutzige Krunpfesweise übte das ,Berlmer Tageblatt' vieler Tage gegenüber dem Preußischen Landwirtschaftsminister von Pod- bielski und dem Kolonialdirektor Dr. Slübel. Es erhob die Anschuldigung, daß in den Büchern der Firma von Tivvelskjrch u. Cte., die bekanntlich vielfach die Lieferung für die Ausrüstung unserer Kolonialtruppen besorgt, sich zwei „mystenöfe" Konten befänden, nämlich ein Konto und ein Konto „SV, deren Inhaber der Ministdr von Podbielski und der Kolonialdirektor Dr. Stübei fein sollten. Die genannte Firma erklärt dazu, daß weder ihr ehemaliger Geschäflsmitinh-'ber, der jetzige Staatsminister von Podbielski jetzt noch für feine
Person an der Firma mitbeteiligt fei, noch habe jema's die Firma irgendwelche geschäftliche Beziehungen zum Kolonialdirektor Dr. St übel gehabt. Das /Berliner Tageblatt' gibt sich den Anschein, als glaube es selbst nicht an die von ihm die Welt gesetzte Anschuldigung. Der Blatt widerspricht sich aber, indem es die Erklärung der Firma von Tippelskirch u. Cie. als nicht ausreichend bezeichnet, da sie nicht mit Bestimmtheit versichere, daß Herr von Podb ielski auch nicht indirekt an den Geschäften Der Firma beteiligt fei. Die gesamte Presse verurteilt nachdrücklich das Vorgehen des .Berliner Tageblattes'.
/. Die Novelle zum Nnterftützungs-Wohn- fitzgesetzc, welche zurzeit dem Btindeoiai vorliegt, toll den .Berliner Politischen Nachrichten' zufolge unter anderen auch die weitere Herabsetzung des Lebensalters bringen, von welchem ab ein Unter» stützunas-Wyhnsitz erworben werden kann. Es entipricht das einem Wunsch, der HauptMlich aus landwirtschaftlichen Kreisen geäußert worden ist.
* Eilte für die Gewerbetreibenden wichtige Entscheidung des Finanzntinisters wird iin.,Reichsan,zeiger'pu liz'ert. Zur Beschleunigung der Entscheidung in Zolliarifiachen soll in Preußen vom 1. Januar l‘30(> ab versuchsweise eine f»genannte „fortlaufende" Beschwerde ringe» führt werden. Diele Beschwerde kommt in allen Fällen, in denen Die Unterinstanzen der Beschwerde nicht rechtgeben, zu Händen des Ministers. Die Beichwerde muß daher den Vermerk „io Häufend" enthalten oder in sonstiger Weise zum Ausdruck bringen, daß der Betchwerde'ührer eventuell die Eniicheidnng des Ministers verlangt Die Beschwerde ist bet dem Hauptzoll- oder Haupisteuer- amt eimineidjen, dessen Entscheidung ongejodjten wird oder zu dessen Bezirk die Amtsstelle gehört, gegen deren Entscheidung die Beschwerde erhoben wird.
** Die ersten weiblichen Handwerksgesellen hat Berlin am Mo.tag in zwei Damm erhalten. Die im Buchbindergewerbe vor der Handwerks- Hämmer ihre Prüfung abgelegt haben.
* Die grössten Handelsmächte der Erde. Eine statistische Arbeit bringt auf Grund Der neuesten Ermittelungen eine liebersicht über sämt- iche Staaten, deren Einfuhr oder Ai'^ nhr an Wert die Summe von 1 Milliarde Fr s (800 Millionen Mark) übersteigt. An Der Spitze steht in beiden Fällen Großbritannien mit einer Einfuhr von 138 4 Millionen und einer Ausfuhr von über 9 Milliarden. In der Lifte der Staaten mit größter Einfuhr steht an zweiter Stelle Deutschland mit rund h i2 Milliarden, die Riederlande (allerdings einschließlich des sehr bedeuienden Durchgangshandels) mit 43 < Milliarden, Frankreich mit 4' 2, Belgien mit 23 <, Oesterreich-Ungarn mit über l3,, Rußland mit über l1 ?, Britisch - Indien mit fast l12, China mit über 1‘., die Schweiz und Kanada mit fast 1' > Milliarden Franks. In Der Ausfuhr stehen nach Großbritannien zllnächst die Vereinigten Staaten mit über 7 # Milliarden, au dritter Stelle Deutsch- land mit über 6‘ * Milliarden. Weiterhin folgen Frankreich mit fast 4 Milliarden, die Niederlande funter dem gleichen Vorbehalt wie oben) mit über 4 MilliarDen, Rußland und Britisch- Indien mit etwa 2 I» Milliarden. Belgien und Oesterreich-Ungarn mit über 2 Milliarden, Italien und Der australische Staatenbund mit rund 1 Milliarden, Die argentinische Republik mit
<$> re Wosioko- Dame.
Roman von Ernst von Waldow.
(Nachdruck verboten.)
Ter Vater hatte nichts bemerkt und erwiderte gleichmütig auf die Bemerkung seiner Frau:
Wirklich ein netter junger Mann, ganz so wie ich mir die Kontoristen immer wünsche. Gebildet, bescheiden, fleißig und ein guter Kopf. Edi lobt ihn sehr und da hier noch der Fall dazu kommt, daß wir diesem Winterfelt gegenüber eine Dank- barkeitsschuld abzutragen haben, ist mir der Gedanke gekommen, ihm die Stelle — aber Guski, fletne Ungeschickte, wer gießt denn ein Glas so voll — sieh- du hast mir den Wein gar über die Hand geschüttet.
O Papa, verzeihe, stammelte das junge Mädchen, die Karaffe ist so schwer.
Herr Forstenberg fuhr erst fort, nachdem er sorgsam den roten Vöslauer von der Hand und der blutenweißen Hemdmanschette abgewischt und da Gustr die Blicke fest auf ihren Teller geheftet hielt konnte sie nicht bemerken, daß die Mutter sie forschend betrachtete.
Hm, also ich sprach davon, den jungen Winterfett als Leiter unserer Budapester Filiale dort zu belassen, wenn Edi zurückkommt, was ich je eher je lieber hätte. Tas ist ein Posten für einen älteren, erfahrenen Geschäftsmann, aber ich kann ihm den alten Rettenbach zur Seite lassen, dann wird os angehen und überhaupt, wir haben Gusti? we- g^i Verpflichtungen. Fühlt Winterfett der Stelle treffen^ gGochsen, nun, dann läßt sich Abhülfe
<fiPTW-r Forstenberg hatte noch lange so fortfpre- ohne daß eine der Frauen ihn unter- erhrpirfiio» Katharina, welche auf die plötzlich
ch n Longen Gustis einen langen Blick ge- •
worfen, faßte sich zuerst und erwiderte rn ihrem ruhigen Tone:
Das mache du ganz, wie du es für am besten hältst, lieber Freund, nur möchte ich dir anheim- geben, dir die Sache vorher noch recht reiflich zu überlegen, ehe du mit dem jungen Manne sprichst.
Gewiß werde ich das — es eilt ja nicht so — damit war die Sache abgetan.
Mutter und Tochter blieben allein.
Ich werde ein wenig zu Maud hinausgehen, meinte Gustr gepreßt. Dort konnte sie wenigstens schweigend ihren Gedanken nachhängen, denn jetzt mit der Mutter über Alltagsgeschichten zu plaudern, erschien ihr unerträglich.
Bleibe noch, Kind — hast du mir nichts zu sagen?
Was sollte ich wohl, stieß Gusti hervor und versuchte ein unbefangenes Gesicht zu machen.
Du warst sonst offener, aufrichtiger, Guski — ist deine Mutter nicht mehr deine beste Freundin?
O Mama 1
Das junge Mädchen verbarg erglühend ihr Gesicht an der Mutter Brust.
Frau Katharina ließ sie still gewähren, doch diese seltsame Frau, in deren Charakter sich so viele, onst streng getrennte Widersprüche vereinten, war derartigen Rührszenen stets abhold gewesen, so machte sie derselben auch jetzt ein schnelles Ende, indem sie mit ernster Freundlichkeit sagte:
Setze dich zu mir und laß uns vernünftig prechen.
Ich müßte eine weniger sorgsame Mutter sein, wenn mir nicht die Veränderung ausgefallen wäre, die sich in deinem Gefühlsleben vollzogen, seit du aus Triest zurückgekehrt bist.
Anfangs hielt ich es für eine leichte, mädchenhafte Schwärmerei, Denn ich vernahm, mit welchem Feuer du die Heldentat deines Retters priesest. Doch der Eindruck, den der junge Mann auf dein Herz gemacht, vertiefte sich, statt sich abzuschwächen. Dein Benehmen gestern —
Gusti erschrak — Mama, ich habe mich doch nicht verraten? fragte sie angstvoll. >
Nein Kind, ich hoffe, daß die anderen nichts bemerkt haben — mein Auge war verschärft durch die Mutterliebe —
Und er — Ullrich Winterfelt?
Er erschien mir sehr imbefangen.
Das ist ein bitteres Wort —
Mir wenigstens kommt der jnnae Mann zu ernst und vernünftig vor, um sich in Illusionen zu wiegen, oder um eine sogenannte unglückliche Liebe in feiner Brust groß zu ziehen.
Damit nimnist Du mir ja alle Hoffnung aus Gegenliebe.
Nicht doch; die Wirklichkeit ist nur sehr verschieden von Der Vorstellung, Die ein solcher Kindskopf wie Der Deine sich vom Leben macht. Die Männer vdn heute, fügte sie mit leisem Seufzer hinzu, find keine RomanhelDen, vielleicht gab es deren auch früher weniger, als wir uns einbilden. Daß du Dem jungen Winterfelt gefällst, unterliegt wohl kaum einem Zweifel — aber einem Men- fchen, dessen Vernunft normal organisiert ist, oe- fallen in dieser Welt viele gute und schöne Tinge, ohne daß er den Drang in sich verspürt, sie fein nennen zu wollen. Der jüngste Buchhalter von forstenberg u. Söhne kann sich nicht sofort ein- allen lassen, um Die Tochter seines Prinzipals zu werben unD wenn er sie immerhin aus dem Canal grande gezogen und sich dabei einen Schnupfen geholt hat.
Wie prosaisch das klingt, schmollte Gusti Sieh, Maina, wenn Ullrick auch nicht Den Mut hatte, ich um mich zu bewerben, so könnte ihn doch nichts abhalten, mich zu lieben.
Sicher nicht, Dazu ist er eben zu vernünftig.
Ich hasse Das Vernünfteln bei Gefühlssachen'! rief Gusti erregt.
Daran tust Du sehr Unrecht, Kind — das Gegenteil kann oft verhängnisvoll werden.
Frau Katharina blickte starr vor sich hin, es war, als weilten ihre Gedanken fernab vom Gegenstände der Unterhaltung, doch das junge Mädchen rief sie bald wieder in die Gegenwart zurück.
Sprich weiter, Mama — bitte, denn ich habe 1
das Vertrauen, daß Du mir zu meinem Glücke verhelfen wirst.
Vorläufig verstehst Du unter „Glück" eine Ehe mit Ullrich Winterfell — nicht so?
fsCht und immer I rief Gusti feurig.
Nun — wenn es Rosen sind, werden sie blühen, fegt ein italienisches Sprichwort. Ich kann aber nicht unterlassen. Dir mitzuteilen, daß Dein Vater und ich andere Pläne für Deine Zukunft hatten.
Edi sprach mir davon — Theobald Sanders, nicht wahr?
Ja, Theobald liebt Dich.
Ter Aermste, ich habe leider in den letzten Tagen unseres Aufenthaltes in Venedig bemerken müssen, daß dem so ist. Aber ich mag ihn nicht, Mama.
Würdest Du auch so gesprochen haben, wenn die Neigung für Ullrich Winterfell nicht Besitz von Deinem Herzen genommen hätte?
Wohl möglich, Theobald hat so wenig Bestechendes —
Ach Kind, in der Ehe ist es wahrlich kein Glück, wenn der Mann durch ein schönes Aeutzere und glänzende Eigenschaften eine Rolle in der Gesellschaft fptelt.
Das ist doch eine zu weitgehende Sorge — wir haben ja in unserer Familie ein glänzendes Beispiel für das Gegenteil. Ist Papa nicht noch jetzt ein schöner Mann, der in Der Gesellschaft geschätzt und geliebt ist und wie glücklich ist Eure Ebe, wie stolz muß es Dich gemacht haben, Mama, daß man Dir Den Galten beneidete. Mein Wunsch wäre es, daß alle sich sterblich in meinen Mann verliebten, mir würde das noch mehr schmeicheln, als machte man mir den Hof.
Du weißt wirklich nicht, wie töricht der Wunsch ift, den Tu da soeben geäußert, entgegnete Frau Forstenberg. Ihr Antlitz hatte sich dabei so verdüstert, sah so kiimmervoll aus, daß Gusti betroffen schwieg; sie mochte ahnen, daß auch manches dunkle Blatt in Der Ehegeschichle Der Mutter vorgekommen.