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3. parzeller in jiulda. wochenbeNage: „Illustrierte Zonntagrzeitung"
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Ratattans-rnS n. Verlag der «nidaer Ae> tiendruckerei in «iulOa.
Zernspreher Nr.». ,
M 242.
Fulda, Samstag, den 21. Oktober itfOo.
32. Iadcaanfi.
Zweites Wl'att.
* Abg. Keichsgerichtsrat Spahn bat auf dem Kölner Parteitage über die Geschichte, die Bedeutung und die Betätigung der Zentrumspartei eine Rede gehalten, die an allen Orten die größte Beachtung finden wird. Die ,Köln. Ztg/ charakterisiert sie bereits als „eine Fundgrube und auch ein kurzes Handbuch für die Poliliker aller Parteien". An der Hand eines ausführlichen Berichtes der ,Köln. Volksztg/ sei hier der wesentliche Inhalt der Rede wiedergegeben:
Das Jahr 1871 hat uns deutschen Katholiken mit der Errichtung des neuen Reiches das Zentrum gebracht, das einen festeren Verband der katholischen Abgeordneten darstellte. Redner erörterte in kurzen Zügen die Geschichte der Gründung und knüpfte an das erste, zu Soest aufgestellte Partei-Programm an, um aus der damaligen politischen Lage die Rotwendigkeit des Zentrums zu erörtern. Die beiden herrschenden Parteien, Sie Liberalen und die Konservativen, waren ausgesprochene Einzel-Interessenvertretungen. Dazu orängte die Sozialdemokratie als bewußte Klasfen- partei vor. Da war dringend notwendig, daß eine Vertretung geschaffen wurde, welche die Interessen des ganzen Volkes zu verfechten hatte, besonders die religiösen; letzteres angesichts des Strebms der Liberalen, Reich und Katholizismus zu trennen. Wir bedurften ferner einer Partei, welche die Selbständigkeit der Einzelstaaten beschützte. Unter diesen Gesichtspunkten traten 67 Abgeordnete zurZentrums- Fraktion zusammen. Ihre Gründung füllte sozial, wirtschaftlich und religiös die Lücken aus, welche die anderen Parteien gelassen hatten. Absolut falsch ist es, wenn jemand sagt, die Fraktion könne jemals antinational sein; das widerspricht ihrer Statur, die ihr bei ihrer Gründung gegeben wurde. Das Prinzip: Justitia regnorum fun- d am en tum hat sie allerdings in Gegensatz zu ge- wissen Bestrebungen, die fich im Reichstage gel- isr/ machten, gebracht.
Näher auf die Bezeichnung ..ultramontan"
>enb, nannte der Redner diese einen Ehren- ritel, insofern damit zum Ausdruck komme, daß die Grundsätze der katholischen Kirche auch die des Zentrums seien. Keine Kirche sei in solchem Maße Volkskirche wie die katholische, keine Partei in diesem Sinne so sehr Volkspartei wie das Zentrum. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Vorwurf, das Zentrum sei eine konfessionelle Partei; dieser läßt sich weder aus dem Programm noch aus der Geschichte der Partei beweisen. Windlhorst war immer bestrebt, dafür zu sorgen, daß unsere Auffassung nicht in Wider- Ipruch zur Auffassung gläubiger Protestanten geriere.
Allerdings hat die Bismarcksche Politik das Zentrum bald in eine Stellung gedrängt, die den Anschein des konfessionellen Charakters erwecken konnte, aber auch nur den Anschein. Das Zentrum beantragte bei der Beratung der Reichs- versassung die Festlegung der Freiheit der Religionsgemeinschaften.
Das veranlaßte Bismarck zu seinem Vorgehen gegen das Zentrum und führte zum Kulturkämpfe. Dessen einzelne Stadien legte Redner nun kurz dar. Der Kampf ließ sich mit
staatlichen Mitteln aber nicht durchführen. Während seines Verlaufes hatte Bismarck die wirtschaftliche Entwickelung übersehen. Er beschri mit Hilfe des Zentrums den Weg der Zoll» Politik. Die Bedeutung desselben zeigt der Redner an der Art der Reichseinnahmen. Damit war das Thema der vom Zentrum verfolgten Finanzpolitik gegeben, die au eine weise Sparsamkeit, vor allem auf Deckunc der laufenden Ausgaben durch feste Einnahmen und auf Einleitung einer Tilgung der für einmalige Ausgaben gemachten Schulden hinzielt. Die Reichsfinanzen sollen gegenwärtig bekanntlich gebelfert werden durch eine neue Biersteuer, eine neue Tabaksteuer, durch eine erweiterte Stempelsteuer, sowie eine Reichserbschaftssteuer. An Biersteuer ist bisher 1 Mar: für ein gewisses Quantum Malz erhoben worden. Da man nach dem Stande der Technik nun heute aus diesem Malzquantum so viel mehr Bier zu brauen versteht, daß die Steuer auf 80 Pfennig herabgesunken ist, soll der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden. Ein Te von den Mehreinnahmen, die dadurch erziel werden, wird allerdings durch die Staffelung der Steuer verloren gehen, durch die den kleinen Brauereien der Kampf gegen die großen erleichtert werden soll.
Besondere Bedenken seien auch gegen die beabsichtigte stärkere Besteuerung der besseren Tobaksorten nicht vorhanden. Ziemlich unbedeutend seien die geplanten Stempelabgaben. Heber die Reichserbschaftssteuer lasse sich noch nichts bestimmtes sagen; aber eine direkt ablehnende Haltung sollte seines Ermessens der Reichstag nicht einnehmen. Wenn offiziös erklärt werde, die Regierung werde aus ihrem Steuerbuket sich nicht die eine oder andere Steuer herausnehmen lassen, so sei das belanglos, denn jedes Projekt werde eingehend geprüft werden.
Weiter wandte sich Redner gegen die Vorwürfe, da« Zentrum sei zu sparsam in seinen Bewilligungen für das Heer. Der Verteidigung des Landes sei nichts von Belang versagt worden. Tie Flottenpolitik in den Kreis der Betrachtungen ziehend, begründete Abg. Spahn die Nolwendig- keit einer Flotte int Interesse des Handels. Aber diesen Interessen der Weltpolitik stehen mit 6/» Mehrheit die der Heimatpolitik, die des Schutzes der heimischen Fluren gegenüber. Dieser Gedanke lasse das Zentrum seine Erwägungen in der Flottenfrage eingehend anstellen, die ihm zu Unrecht als Scheinmanöver für die Wähler vorgeworfen würden.
Endlich legte der Redner noch bar, daß das Zentrum in seiner Politik auf ein Einvernehmen mit der Rechten ober der Linken angewiesen sei, also auf eine Kompromißpolitik, die es nicht in die Sage setze, alle seine Wünsche durchzubringen. Darum sei es auch ganz falsch, das Zentrum für die Reichspolitik verantwortlich zu machen. Mit einem warmen Appell zum Festhalten an dem vom Zentrum Erreichten schloß der Redner.
Unpolitische Zettlaufe.
® Berlin, 19. Oktober 1905.
(Nachdruck verboten.)
x/ec Mensch ist ein Affe. Nicht der Abstam- mung nach, wie Häckel meint, sondern in der un-
betnünftigen Nachahmungssucht. Darum sprechen wir auch von Nachäfferei, womit wir uns selbst berspotten. Denn auch du, schöne Leserin, und du, selbstbewußter Leser und ich erst recht — wir alle haben ein kleineres oder größeres Stück dieser Affenhaut an unS.
Die Nachäfferei ist spaßig, wenn sie sich auf harmlose Dinge erstreckt, wie Hutfedern, Bügelfalten, unbequeme Möbel und sezessionistische Tapeten. Sie wird ernst, wenn der eine die Torheiten und leichtsinnigen Streiche des anderen nachmacht. Und sie wird zum jammervollen Verhängnis, wenn sogar die-Verbrechen ansteckend wirken. "Letzteres ist leider sehr häufig der Fall. Wie oft hat sich nicht gezeigt, daß jemand durch die Gerichtsverhandlungen angeleitet worden ist, dieselbe Misse- tat zu wiederholen. Und nicht bloß die tatsächlichen Vorbilder wirken verführerisch, sondern auch die erdichteten, die nur auf dem bedruckten Papier stehen. Die Romanhelden finden ihre Affen, die in grause Wirklichkeit übersehen, was der Dichter sich hinter dem warmen Ofen für so und so viele Pfennige die Zeile zusammenphantasiert hat.
Da hat dieser Tage ein grüner Junge zwei Mädchen erschossen, die aus sogenanntem Liebeskummer ihrem Dasein ein Ende machen wollten, aber nicht den Mut hatten, sich eigenhändig htnzu- richten. Den Burschen ging der Liebeshandel gar nichts an; er übernahm das Henkeramt nur aus Artigkeit, weil die verdrehten Weiber ihn so schön darum gebeten hatten. Diese Grünlinge beiderlei Geschlechts haben so viel gehört und gelesen von dem „tragischen Abschluß der Liebesdramen" und von der milder bestraften „Tötung auf ernstliches Verlangen", daß sie diese interessanten Experimente auch mal versuchen müssen.
Eine Berliner Frau, die von dem nicht mehr ungewöhnlichen Mißgeschick einer unglücklichen Ehe heimgesucht iuar, hat dieser Tage ihr kleines Kind und sich selbst mit Lysol vergiftet. Lvsol ist zurzeit Modegift für Selbstmörderinnen. Man sollte einmal eine Statistik aufnehmen über den zunehmenden Lysolgenuß. Ich glaube, das Lysol verdrängt nicht bloß die anderen, älteren Tötungsmittel, sondern vermehrt überhaupt die Zahl der Selbstmorde. Der Nachahmungstrieb zeigt sich da in seiner ganzen höllischen Unvernunft. Der Tod durch Lysol ist mit fürchterlichen Qualen verbunden, da dieser Desinfektionsstoff eine Verbrennung des Rachens, des Schlundes und des Magens herbeiführt, die noch schmerzhafter sein muß, als eine äußere Verbrennung. Das kann den angehenden Selbstmördern nicht unbekannt sein; aber so und so viele haben es trotzdem ihnen vorgemacht, also machen sie es auch. Ein Menschenfreund hat schon vorgeschlagen, die Regierung solle den Verkauf von Lysol in den Drogueuhandlungen verbieten und nur den Apotheken gegen ärztlichen Giftschein gestatten, um so die Seuche der Lysolvergiftungen einzuschränken. Gut, man kann das ja versuchen; aber viel Heil verspreche ich mir nicht davon. Gegen die Mode hilft keine Polizei, und das Lysol ist nun mal Mode geworden.
Die Leute, die sich selbst morden, gehören nicht zu dem heldenhaften, sondern zu dem schwächlichen Teil des Menschengeschlecksts; also muß bei ihrer Armut an selbständiger Denk- und Willenskraft ter Nachahmungstrieb besonders stark sich ent- alten. Wenn wir auf das einzig zuverlässige Mit- :el gegen die Selbstmordseuche Hinweisen, sö werden die „Aufgeklärten" sagen, das sei eine stehende Redensart der rückständigen Ultramontanen; aber wahr ist es doch, daß die Religion den besten Halt gibt geaen die Verzweiflung im Kampfe ums Da- eht. Will man durchaus mit Gesetz und Polizei etwas machen, so würde ich zur Erwägung geben, ob mau nicht denjenigen bestrafen sollte, der durch chuldbares Verhalten einen Mitmenschen zum Selbstmorde veranlaßt hat. Ein Mann z. B., der
l seine Frau solange quält, bis sie aus Verzweiflung t Hand an fich und sogar an ihre Kinder legt, ist , doch viel strafwürdiger, als der dumme Junge, der : zwei Mädchen aus Gefälligkeit totschietzt.
: Ansteckende Krankheiten gibt es nicht bloß für
den Leib, sondern auch für die Seele. Mit Recht f spricht man von geistigen Seuchen. Dahin gehört = nicht bloß die Selbstmord-Seuche, die den trauri- , gen Abschluß bildet, sondern auch die grundlegen- t den Seuchen der Genußsucht, des Leichtsinns, die
Abwendung von Glauben und Gottesfurcht, der t leidenschaftlichen Unrast, der Blasiertheit — sitt- ! lieben Nervenschwäche. Die Gelehrten machen eis» I rigst Jagd auf Bazillen, welche die körperlichen . Seuchen verursachen; es wird ihnen schwer, die . kleinen Dinge zu fassen, und noch viel schwerer, - sie zu vernichten. Die geistig-sittlichen Krankheits- . keime, welche die Welt in Massen durchfliegen, kann ■ man erst recht nicht in Reinkultur unter das Mi» . kroskop und die Pinzette bringen, geschweige denn mit äußeren Mitteln vernichten. Es bleibt nichts . anders übrig, als daß jeder sich selbst und die ©einigen vor seelischer Ansteckung nach Kräften schützt und in verdächtigen Fällen sofort die sittlichen Heilmittel antoenbet. Halte dein Haus rein von sittlichen Bazillen; hinaus mit den schlechten Büchern und Zeitungen, hinaus mit dem verdächtigen Umgang, fort mit den frivolen Gesprächen, mit den weichlichen Sitten, dem empfindsamen Getue, der „aufgeklärten" Eitelkeit, auch mit dec frömmelnden Kopfhängerei. Frisch und fleißig, derb und büftig, gottesfürchtig und tatkräftig soll die ganze Lebensführung sein; dann finden die modernen Seelenbazillen keinen Nährboden.
Der Mensch hat nun mal Asfenschwächen. Die Eltern und Erzieher dürfen den Nachahmungstrieb nicht unterschätzen. Sie sollen ihn vielmehr nach dem Grundsätze der Homöopathie verwerten. Das schlechte Beispiel muß durch das gute Beispiel ausgestochen werden. Ach, Ivenn doch bei der Erziehung Worte gespart und durch vorbildliche Taten ersetzt würden! Vorsagen tnts nicht allein; vormachen ist die Hauptsache. Das alte lateinische Sprichwort sagt: Verba movent, exempla trah'int; aus deutsch: Worte blasen, Beispiele ziehen. Mit Gebläse bringt man den Erziehungswagen nicht vorwärts; das gute Beispiel muß als Vorspann angelegt werden.
Leider haben schlechte Beispiele noch mehr Zugkraft als die guten. Nun, dann muß man eben von den guten Pferdchen so viele vorlegen, als man nur austreiben Fann. Du, mütterliche Leserin, bist gewiß eine tüchtige und brave Hausfrau, aber einige Schwächen laufen dir doch wohl mitunter. Willst du deine Töchter richtig erziehen, so fange bei dir selber an, drücke deine Fehler möglichst herunter, und gib ihnen aus allen deinen Kräften das beste Beispiel einer sittsamen, ordnungsliebenden, sauberen, stets freundlichen und gemütlichen Haus- und Lebensführung. Und du, biederer Vater, zählst dich gewiß mit Recht zu den soliden Burgern, deiren man „eigentlich" nichts schlimmes nachsagen kann. Aber bei der Gewissenserforschung, wenn sie gründlich ist, kommt doch immer noch manches zutage, was nicht gerade schön ist: so kleine Unregelmäßigkeiten, Launen, Hesttgkeit, Eigensinn, Prahlerei, Verdrossenheit ec. Verbrechen sind das an sich nicht; aber für die .Kinder und das junge Gesinde können diese Bazillen menschlicher Schwäche verhängnisvoll werden. Darum nimm dich etwas zusammen; versage dir solche „Freiheiten", wenn du dadurch ein schlechtes Beispiel geben kannst. Wie du räusperst und wie du spuckst, das wird dir abgeguckt. Auch in den äußerlichen Kleinigkeiten dürfen sich die Eltern nicht leichtsinnig gehen lassen; die Kinder lernen keine guten Manieren, wenn im Elternhause schlechte Manieren zuhause sind. Es ist nicht alles eine Kleinigkeit, was winzig aussieht; schon mancher ist
Kie Wostoko-Darne.
Roman von Ernst von Waldow.
13J (Nachdruck verboten.)
_ $erä«tStntereffe hatte er nicht dabei, in ©ufftS oberJKtjis Gesellschaft zu reisen, und da er tri L°JGn Ausfluges aus seinen Ersparnissen bestritt, wollte er auch völlig frei und unbeschränkt bte neuen Eindrücke auf sich wirken lassen.
Mizi Sanders war glücklich, ihren Edi einmal so recht ungestört für sich zu haben, ihm stunden- lang rn das hübsche Gesicht blicken und seine etwas burfchlkosen Entfalle belachen zu können. Papa ®Qi.nmrS rauchte eine Virginia nach der andern uud Mama, die einen bequemen Eckplatz mit ihrer stattlichen Figur ansfullte, schlummerte von Zeit zu Zeit ein, schnarchte ein wenig, um schließlich bei ben Neckereien der „ichlimmen Kinder" steif und fest zu behaupten, daß sie nur die Augen für ein pE Momente geschlossen hätte, aber ganz und gar Nicht geschlafen habe.
Nur Gusti war verstimwr, gab einsilbige Ant- svorten, klagte über Kopfschmerzen und sagte bei fid): Tas hat er nur getan, um sich interessant zu machen.
„ Erst am nächsten Morgen gewann sie ihre gewöhnliche muntere Laune wieder, da sie neben Mizi am Fenster des Hotels stand und auf das bunte Menschentreiben zu ihren Füßen blickte. Die breite, herrliche Straße am Molo entlang, Riva beglt Schiavoni genannt, bot auch heute ein gar farbenprächtiges und stets wechselnbes Bilb.
Viele Bewohner Venedigs hatten die warmen Sonnenstrahlen hinausgelockt aus den hohen, steinernen Häusern und engen Straßen, sie wollten den Auferstebungsmorgen in Gottes freier Natur feiern, am Straube des Wogeiiben Meeres ober imier den uralten Bäumen der giardini puplici. e>o strömte eine geputzte Menge, fröhlich dahin trippelnde, lachende Kinder, fcanbleute, Bewohner
ber neuen Inseln, unter ben Fenstern des Hotel Daniels vorbei, und die Frauengestalten aus dem nahen Burano, die Fischer- und Schifferfraiten mit ihren bunten Kopftüchern, die sie so graziös zu tragen verstehen, die kleinen Spitzenklöpplerinnen, Griechen im National-Kostiim, bärenbeißig drein- schauende Slaven mit aufgedrehtem Schnurrbart und gestricktem Lederwams mischten sich malerisch unter die Damenwelt, welche die neuesten Pariser Modetorheiten an sich zur Schau trug und wunder wie schön darin auszuschauen vermeinte
Komm wir treten auf ben Balkon hinaus, bat Mizi, wir können bort besser sehen unb atmen bie köstliche Seeluft. Wenn Papa die britte Zigarre geraucht haben wirb und Mamas Toilette beendet ist, fahren wir nach dem Lido.
Gewiß, ich freue mich darauf — wo sind Edi unb Theobald?
.Sie wollten ihren „Schwarzen" im Caf6 orientale nehmen, bas ist dicht neben unjerm Hotel.
Sehr galant, uns allein zu lassen.
Hm — es wird sie eben unterhalten, den Festtrubel ans der Nähe zu beobachten.
In diesem Augenblick rief eine sonore Stimme die Herrn Sanders angehörte: Mizi — Fräulein Gusti — wo stecken denn die jungen Damen? Unser Ausreißer will denselben einen Ostergruß bringen.
Gusti zuckte leicht zusammen, bann wendete sie nachlässig den Kopf, während die lebhafte Mizi vom Balkon schon in das Zimmer geschlüpft war, und eben aus Ullrich Winterfells Händen ein Veilchensträußchen in Empfang nahm. Fräulein Forstenberg begnügte sich damit, die Glastüre des Balkons ein wenig zu öffnen und den Gruß des jungen Mannes ziemlich kühl zu erwidern. Er ließ sich durch diesen etwas ungnädigen Empfang jedoch nicht abschrecken und trat zu ihr heraus, um ihr lächelnd ben Frühlingsgruß zu bieten. In Wirklichkeit Ivar Ullrich heute in viel zu gehobener Stimmung, um bie kleinen Launen der Tochter seines Prinzipals zu beachten. 1
Sehen Sie dort die Mohren in ihren malerischen Trachten! rief Mizi, ihren Veilchenstrauß am Busen befestigend.
Es ist ein großes Schiff von Alexandrien gekommen, im Giudeka-Kanal liegt es verankert, erklärte Ullrich.
Mich zieht bie schöne Fernsicht mehr an, warf Gusti hin, fich über das Geländer ueiaend. Wie der Wasserfpiegel ber Lagune glitzert im Sonnenschein, links können Sie bie hohen Baumwipfel ber Giar- bini bemerken unb das ferne Gelände bort, int goldenen Dunst verschwimmend, ist der Lido, drüben San Georggio Macstore, wie heiter und far- benprächttg, nicht wahr? Kein Wunder, daß die ,enetianischen Meister auf ihrer Palette so buut- "chimmernbe Fcttben gemischt haben, bereu leuch- tenbe Kraft durch Jahrhunderte sich erhalten hat, wie Sie auf Tiziano's, Tintoretto's Gemälden finiten werden.
Mag sein, erwiderte Ullrich sinnend, ich gestehe gern zu, daß ich von Malerei wenig verstehe und nie im Farbenrausch geschwelgt habe, hoffe aber sogleich, mich in Ihren Augen, Fräulein Forstenberg, zu rechtfertigen, denn Ihr vorwurfsvoller Blick wollte doch sagen: wie kann man so nüchtern unb prosaisch sein!
Sie lächelte anmutig: Erraten!
Da taten Sie mir doch Unrecht, denn gerade meinem Gefühl entspricht es mehr, Venezia, die entthronte Königin der Adria, in düstere Nebel- chlcier gehüllt, von milleiblosen Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.
Danke bestens, Herr Winterfelt, rief Mizi ba- zwischen. Ihr unchristlicher Wunsch wirb hoffeist- i ch nicht in Erfüllung gehen, beim ber Himmel ’t so blau wie mein neues Kaschmirkleib unb verstricht es auch zu bleiben — waschecht — auf Wort, würde Edi sagen.
Nun, meinte Gusti, da läßt sich leicht ein Mittel finden, um beiden Parteien gerecht zu werden. Du Mizi, betrachtest dir Venedig im Sonnenlicht, den Markusplatz vom Caf6 Quadri aus bei den Klän-
! gen eines Walzers von Strauß — unb Herr Winterfell läßt sich bei Mondschein in ber gondola bruna auf dem Canal grande spazieren fahren, und während fein Barcarol Dantesche Verse in Rossinischer Betonung singt — bie schwermütige Weise ans dem Qihelo — träumt er von ber einstigen Macht und Größe ber Königin der Adria.
Ullrich weigerte sich. Ganz wohl, so soll es heute abend geschehen, wenn ich am Palazzo Manin vor- beifahre, wo der letzte Doge Venedigs, der dicke Conti Manin mit der steifen Allongeperrücke fein rühmloses Dasein beschloß unb jetzt bie Santa Nationale ihr Heim hat. Die goldene Herzenskrone fiel ins Wasser, unb bie Bankozetiel tauchten aus aus den Fluten der Lagune. Das ist das Ende der Romantik und die Blütezeit für Handel unb Wandel. Darob sollte ich, der Kaufmann, mich freuen und doch wirb es mir schwer, und als heute im Morgengrauen unser Dampfer int Bazino von San Marco Anker warf und ich aus Nebelschleiern die edelschöiien Linien des Palazzo Ducale hervor- treten sah, da kamen mir unwillkürlich die Verse des Grafen Schack auf bie Lippen, wenn er Venezia schildert mit wenig Worten:
Wohl kamst ich sie, die blitzend von Juwelet In Prachtgewanden ich auf manchem Bilde Gesehen in des Dogenschlosses Sälen.
Ein matter Schimmer spielte um das bleiche Gesicht der Toten, ihr zu Füßen lagen Die Banner drei besiegter KönigrcW'.
Und da behauptet man, daß die Norddeutschen nüchterne, poesielose Menschen sind, sagte Mizi, mit welchem Pathos hat Herr Winterfelt uns die Verse deklamiert, wie ein Hofburgschauspieler. Wenn ich Sie recht daraus anschane, entdecke ich plötzlich einen Zug in Ihrem, von des Gedankens Blässe angekränkelten Antlitz, etwas Hamletisches — ober sollten es die Folgen ber burdjträumten Nacht auf dem Verdeck des Dampfers fein, ein kleiner Anflug von Seekrankheit?
(Fortsetzung folgt.)