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erscheint titgttch, nilt Ausnahme 5er Sonn« und Heiertage. viertel- jährl. Bezugspreis ahne BringerlolfH und ve«e>geli>i»5»ldannd auswärts l fflt. 50 pfg.

Verantwortlicher Schriftleiter: Z. Bannt für die Anzeigen Z. Parzeller in Hulda.

Zuldaer

wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagszertung"

Zeitung

monatsbtifcge: „Zuldaer GeschichtsbMer".

Anzeigen: Die et» fpaltige Petitzeile oder deren Raum 15 pfg. Reklamen die Petitzeile 25 Pfg.: bei wieder« Holungen wird entfpr. Rabatt gewährt.

Rotationsdruck n. Verlag der Snlbaer Ae» tienbruderet in SuM Semfpre her Nr. 9.

JVS *236,

Fuloa, Samstag, den 14. Oktober muä

32. Iaürgana

Zweites Wt'att

|id)

Bei dem Eintri^e

und sprach mit kühler Höflichkeit:

Entwickelung der Singe für naheliegend. Noch ist die Angelegenheit nicht definitiv entschieden, und man sieht, daß in diese „kleine Brotfrage" allerlei Dinge hineinspielen, die im Leben des Volkes nicht ganz gleichgiltig sind.

Kennermiene prüfte sie die Anzüge und Hüte, um dann in einer Weise, die keinen Widerspruch duldete, ,hre Anordnungen zu treffen. Alles ganz schlicht und emfach — schwarze Wolle, schwarzer Krepp — kein Luxus, keine kokette Trauer, son­dern schlicht, tief.

s flüsterte Fräulein Pepi, in-

dessen Gusti ärgerlich den Mund verzog und der Zuavcnzacke mit den Jais-Perlen einen lebten bewundernden Blick zuwarf.

. Nachdem die Abgesandte vom Salon Harder ihre Notationen gemacht und zugunsten ihrer seinen Bättisttücher mit Trauerrand gesprochen, | packte sie die „koketten" Trauersachen wieder in die großen Kartons und versprach gewissenhafte und schnelle Erledigung der erhaltenen Aufträge. ~ Gusti zog sich schmollend zurück, während Frau rzorstenberg, nachdem sie vor dem Ankleidespiegel ihren Anzug geordnet und das Haar sorglich auf­gesteckt hatte, sich in den Oberstock in das soge­nannte Arbeitszimmer ihres Gatten begab.

Wenn wir das Wort „sogenannt" einschoben, so geschah dies, weil der luxuriös eingerichtete Raum alles andere eher zu sein schien, als ein Gemach, der Gedankeiiarbeit gewidmet.

Weiche Teppiche dämpften den Tritt, Otto­mane und Ruhcsessel mit olivengrünem Plüsch bezogen, ludeti zuni Ruhen uitd Träumen ein. Staffeleien mit schönen üppigen Frauenbildern, Statuetten und ailserlesene alte Waffen, ließen den Schluß zu, daß der Besitzer ein Kunstkenner, mindesteirs ein Kunstfreund sei. Auch eine kleine Büchersammlung war in einem mit Perlmutter ausgelegten Eckschrank vorhanden, und war fast nur die neue und neueste französische Littcratur dort vertreten.

Dor einem zierlichen Schreibtische, der mit so btelctlet Gerät überladen ivar, daß es toeit eher Besitzer habe nicht die Absicht gehabt , seiner Bestimmung gemäß zu benutzen, saß Ferdinand Forsteuberg und blätterte in einem Palet zusammengehefteter Schriftstücke. I

neu Jahre gestorben. Maud hat keine näheren Verwandten als uns und wenn sie nicht in ein Kloster geht, wozu sie viel Neigung hatte, muß sie ihre Heimat in unserm Hause finden.

Forsteuberg blickte seine Gattin mit großen, erstaunten Augen au, dann rief er: Um alles in der Welt, woher weißt du denn diese wichtigen Neuigkeiten?

Sie zuckte zusammen und fliegende Röte, einer Flamme gleich, färbte ihre Wangen, doch gleich darauf sprach sie gefaßt: Erzählte ich dir denn nicht, daß ich im Hochsommer des vorigen Jahres, bei Gelegenheit meines Ausfluges in die ■ Grafschaft, in Glatz den — den Wilhelm Moor­land getroffen habe, unseren alten Diener, der daun zu George ins Haus gekommen; er berich­tete mir über die wichtigsten Familienereignisse, wußte er doch, daß mich das sehr interessierte und daß George mir so selten schrieb.

Hm — es kann sein, daß du mir das erzählt hast, ich erinnere mich wirklich nicht, war auch im Herbst sehr in Anspruch genommen durch das Geschäft mit den Austro-Ottomanen. —

Und durch das Gastspiel der Mailänder Pri­madonna! fiel die Frau bitter ein.

Kunstbegeistert l meinte Forsteuberg achsel­zuckend, wir sind zu alt, Schatz, um uns mit Eifer­süchteleien zu quälen; wenn man erwachsene Kinder hat, hört das auf!

Jö, es sollte aufhören! gab Katharina tief« aufatmend zurück. Der Gatte spielte lächelnd mit seinem Eheringe, den er am Ringfinger der weißen wohlgepflegten Hand hin und her schob; sie sah es und erhob sich rasch, um zweinial hastig durch das Gemach zu schreiten, dann trat sie wieder an den Schreibtisch, und während sie sich auf die geschnitzte Lehne des Sessels stützte, in welchem sie vorher geruht, sagte sie mit gänzlich veränder­ter Stimme, in kurzem, geschäftsmäßigem Tone:

Und du glaubst, daß es uns gelingen toirb, ben wahren Sachverhalt vorläufig vor Edi und Gustr zu verschweigen?

Unpolitische Zettlause.

($) Berlin, 12. Oktober 1905.

(Nachdruck verboten ).

Heute möchte ich einen offenen Brief schreiben, und zwar

An Herrn Pfarrer von derHeydtaus Berlin, zurzeit Hamburg,

abzugeben bei der Generalversammlung des Evan­gelischen Bundes.

Sehr geehrter Herr Prediger!

Sie haben vorgestern eine Rede gehalten über „Die ultramontane Propaganda in und um Ber­lin." Das Thema interessiert den ergebenst Unter­zeichneten sehr, obschon es nicht neu ist. lieber- Haupt gilt ja auf den Versammlungen Ihres Evangelischen Bundes gar sehr das Wort: repe- litio est mater studiorum, was sich in der kräftigen Ausdrucksweise Ihres Kollegen Meyer (Zwickau) etwa so verdeutschen ließe: Wiederkäuen hilft schön über den Futtermangel hinweg. Ja, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht, so haben Sie ! selbst, geehrter Herr Prediger, schon früher ein­mal über die sog. Propaganda in Berlin gespro­chen, und zwar in noch schrofferer Weise, als jetzt. Trotzdem muß ich Ihnen auch heute noch erklären, daß Sie die Katholiken von Berlin und Umgebung mit ungerechtem Spott kränken, wenn Sie den kenntnislosen Hamburgern erzählen, die Katho­liken bauten in Groß-Berlin zu viel Kirchen und zu viel Krankenhäuser, über ihren Bedarf hinaus. Ach, Herr Prediger, es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man mit knurren^-" "n—b»n Vorwurf der Schlemmerei hören n.

„ Ich lade Sie freunMidhi't ein, an einem der nächsten Sonntage, wenn tetc von dem Hamburger Schlachtfest heimgekehrt sind, einen Abstecher nach Zehlendorf an der Wannscebahn ru machen und dort eine hinter dem Gasthof „zur Sonne" liegende Scheune aufznsncheii. Am besten um 11’4 Uhr vormittags. Besagte Scheune werden Sie gefügt finden mit Leuten aller Klaffen und aller Alters- stufen in bunter Mischung; sie halten dort ihren sonntäglichen Gottesdienst ab, der auch Ihnen mehr katakomben- als katdedralmäßig Vorkommen wi-rd. Vielleicht drängt sich Ihnen dann die Frage auf: Wenn in Groß-Berlin ein Ueberfluß an katholischen Kirchen herrscht, warum drücken sich j dann die Leute in dieser Scheune herum?

Wenn Sie die Güte hoben wollen, die ver­sammelten „Ultramontanen" etwas genauer zu mustern, so fällt es Ihnen vielleicht auf, daß ge­rade die jugendlichen Arbeiter lehr stark vertreten sind. Ich glaube nickt, daß Sie in ganz Berlin eine protestantische Kirche aufweisen können, wo sich zum regelmäßigen Sonntagsgottesdienst so viel junge Männer in den Sturm- und Trang- jahren zusammenfinden. Da Sie christlicher Vre- diaer sind, werden sie sich darüber freuen müssen, daß der Unglaube, die Weltlust und die So-ial- deniokratie noch nicht vermocht haben, diese Ar­beiter der Religion zu entfremden. Sie werden aber auch zugestehen müssen, daß man den Arbei- fern, den Dienstboten, den Kindern, den sorgen­vollen Müttern usw. nicht zumuten darf, eine kost- spielige und zeitraubende Bahnfahrt oder stunden­lange Märsche zum Besuche des Gottesdienstes zu unternehmen. Sie, müssen eine Kirche im Dorfe haben, wenn sie, nicht an Religion und Sittlich­keit Schaden leiden sollen. Darum betteln wir

landauf, landab um das nötige Geld zum nötigen Kirchenbau, und rnzwischen behelfen wir uns in einer Scheune. Das nennt man dann auf Ihrer Seite „ultramontane Propaganda in und um Berlin!"

Sie sagten in Hamburg, die Katholiken ar­beiteten hier mit einem so großen Aufwand von Mitteln, wie nirgendwo anders. O, wenn Sie uns notleidenden Katholiken oder unferm Bettel- jUMU’r Deitmer in Steglitz doch verraten wollten, wo mcse üppige Quelle der großen Mittel zu fassen ist. Die Berliner würden gern den drückenden Vettelsack abwerfen und ans dem Vollen schöpfen- aber »vir haben bisher die Goldgnelle nicht finden können, auf die Sie anspielen. Nach unserer Er­fahrung bleibt uns nichts anderes übrig, als im­mer von neuem die Mildtätigkeit unserer Glau­bensgenossen in ganz Deutschland anzusprechen. Sre können es dem „unvolitischen Onkel,, glauben, daß diese Art von „ultramontaner Propaganda in und um Berlin" nicht übermäßig angenehm ist. Ter Herr Pfarrer hat den ergreifendsten Hilferuf weithin erschallen lassen, ich habe einen Vettel- artikel über den anderen geschrieben und sogar ein Buch fabriziert und als Köder ausgeworfen und wenn auch das Gabenbächlein zeitweilig recht munter floß, so haben wir doch noch nicht einmal das erste Viertel der Baukosten zusammen­kratzen können. Der Wettbewerb ist zu groß, der Gebeeifer, stumpft sich allmählich ab, die geplante Postanweisung füllt sich nicht mehr von selbst aus, aufgeschoben ist aufgehoben. Ich würde Ihnen sehr dankbar fein, Herr Prediger, wenn durch Ihre Rede über die ultramontane Propaganda in und um Berlin die deutschen Katholiken und insbesondere die lieben unpolitischen Leser wieder einen kräftigen Rippenstoß erhielten, der sie zum nächsten Postamt in Trab brächte.

„Großer Aufwand von Mitteln?" Freilich, auf Ihrer Seite, Herr Prediger, sind riesige Mit­tel aufgewendet worden. Freiherr v. Mirbach bot mit Scheffeln geschöpft, und aus keiner Katbo- likenversamnilung hat man den schlechten Ge- schinack geh bt, deswegen über „protestantische Propaganda" zu schelten. Wir versuchen nun unsererseits auch mit kleinen Löffeln das Not­dürftige zu schöpfen. Warum soll denn nun der arme Lazarus gescholten werden, wenn er ein paar Brosamen ergattert?

An einer Stelle Ihrer Rede findet sich ein Lichtblick der Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie erkennen an: „So weit nun die ultramontane Propaganda ihre Glieder im katholischen Glauben bewahren will, ist sie nicht zu tadeln." Na also! Damit reißen Sie selbst Ihrem Schreckgespenst das Laken wieder ab. Tatsächlich dient ja alles, was wir haben und erstreben, nur dem Zweck, die hiesigen Katholiken in rhrem Glauben zu be­wahren. Sie reden zwar hinterher gleich wieder von „intolerantem Bekehrungsfanatisnms", aber dafür haben Sie feine Beweise; denn einige Ab- sätze weiter,gestehen Sie ein: „Während der leb­ten Jahre ist man in der persönlichen Provaganda vorsichtiger geworden, auch in den Mischehen." Also Sie haben Beweise einer wirklichen Prova­ganda, einer Proselytenjägerei, nicht finden kön­nen. Dieses Urteil ist sehr wertvoll; beim als hervorragendes Mitglied des Evangelischen Bun­des, der die protestantische Propaganda in Oesterreich systematisch int großen Stile betreibt, müssen Sie in dem Punkte sehr sachverständig sein. Sie werden ja auch wissen, daß am 9. Ok­tober die Gesellschaft zux Ausbreitung des Evan­geliums unter den Katholiken in Gütersloh ihre Hauptversammlung gehalten und sich u. a. ge­rühmt bat, zahlreiche Traktate unter die Katho­liken verteilt zu haben und zwei abgefallene katho­lische Kleriker zu Pionieren der Evangelisattons- arbeit, d. h. des Seelenfangs unter den Katho-

Du kommst mir zuvor, Kathi, ich wollte eben himtnterkoimuen, um. dir und Gusti Lebewohl zu sagen.

Ich hatte meine Gründe, allein mit dir zu sprechen, das Mädchen schnappt hier und da ein Wort auf und plaudert es in seiner leichtfertigen Manier weiter. Daraus entstehen dann unlieb- ftune Klatschereien. Fast fürchte ich, daß wir Gusti zu viel Freiheit gelassen haben, sie ist wirk­lich ein recht verzqgenes Ding.

Ach, was das wieder für Lieden sind! Moderne Kinder, die wollen eben anders behandelt sein. Da könnte ich über Edi noch andere Klagen fuhren, aber zu was würden sie nützen? Alles will selb­ständig fein, echt amerikanisch, da müssen wir Alten uns fügen.

Dabei blickte er auf und beschaute sich lächelnd in dem gegenüberhängenden venetianischen Spie­gel, der ihm das Bild eines auffallend schönen und noch sehr wohlkonfervierten Mannes zurückwarf.

Ich füge mich nicht, erwiderte Katharine voll Härte, an die letzten Worte ihres Mannes an- knüpfend.

Wirst es lernen — aber lassen wir das heute, daß es noch Wichtigeres zu besprechen gibt. Vor allem möchte ich wissen, ob es wirklich dein Wunsch ist, Maud Layard mit hierher zu bringen?

Eine seltsame Frage, wenn es dir nicht gelingt, das Vertrauen deiner Nichte zu erringen, Ferdi, und ferner zu deren Vormund ernannt zu werden, dann hätten wir von dem Sterbefall so gut wie keinen Vorteil, denn das Legat dürfte nicht groß fein, welches George mir in seinem Testamente bestimmt hat.

Slber Maud wird zu ihren mütterlichen Ver­wandten nach England gehen?

Nein, das wird nicht geschehen, erwiderte Ka­tharina sehr entschieden. Mit Wilson hat Geor­ges sich vollständig überworfen, das war ja der Grund, daß er nach dem Kontinent zurückkehrte, und die beiden Bruder Tvnell sind im vergange-

Line „Vrotsrage".

Neben der Frage, wie der Fleischteuerung zu begegnen sei, hat die Reichshauplstadt noch ihre besondere, gleichfalls auf dem Gebiete der Volks­ernährung liegende „Frage", eine „Brotfrage". Freilich keine „Brotfrage" großen Stiles, wie die der Getreidezölle oder des Ernteausfalles, fonbtrn nur eine „kleine Brotfrage". Die Be­zeichnung kleine ist in diesem Falle um so mehr angebracht, als es sich tatsächlich um das Brot in feinen kleinsten Formen, um die „Brötchen" hanaelt.

Die Berliner Restaurateure sind es leid ge- rooroen, ihren Gästen wie bisher zu den Mahl­zeiten die Brötchen als Zugabe ohne Berechnung zu liefern. Bis jetzt stand in jedem Berliner Restaurant, von den Budike nkellern angefangen bi? zu Hiller und Dressel, auf jedem Tische ein w°hr oder weniger „einladend" aussehender Brotkorb, in welchem die „Knüppelchen" oder die , ' sibrötchen", häufig auch noch „Käsestangen"

i Salzstangen" in friedlichem Verein der Vier­er harrten. An solchen Verbrauchern fehlte es lieget auch nicht. Sie klassifizierten sich nach ben fe ohnheiten.diesiemit brachten. Einaufmerksamer Beobachter mit gutem Blick für die Eigenarten seiner Mitmenschen konnte aus der Behandlung bezw. der Inanspruchnahme des Gratis-Brotkorbes ganz bestimmte Schlüsse ziehen auf die psychologische Verfassung der Gäste des Restaurants. Wohl- erzogene, bescheidene Gäste beanspruchten in der Regel nur ein Brötchen zu der Mahlzeit, ihre Antipoden brauchten um so mehr. Nicht selten konnte man sogar Heißhungerige beobachten, die schon vor der eigentlichen Atzung ben Brotkorb ganz ober zum größten Teile leerten. Daß der­artige Gäste dem Wirte nicht die angenehmsten sind, liegt auf der Hand. Für die Mitgäste sind sie aber noch lange nicht die unangenehmsten. Gibt es doch Leute, die es fertig bringen, im Restaurant ein Dutzend Brötchen für feinfühligere Menschen dadurch ungenießbar zu machen, daß sie eins nach dem andern in die Hand nehmen und durch einen kräftigen Druck auf seine Frische prüfen. In verschiedenen Berliner Restaurants sind die Gäste sogar schon daran gewöhnt, des mittags und des abends zur bestimmten Minute I frische, noch warme Brötchen zu erhalten, und wenn diese Minute gekommen ist, wirb sich nie­mand mehr finden, der ein „altes" Brötchen an­nimmt.

Daß unter diesen Umständen für manchen Berliner Restaurateur die „Brötchenfrage" eine finanziell und ästhetisch nicht nnwich. tige Frage ist, Dürfte jedermann einleuchten. Wurde doch in einer Versammlung der Berliner I Gastwirte ganz glaubhaft ausgeführt, daß der „Gratis-Brotkorb" für viele deiselben eine Auf­lage von täglich 20, 30 und mehr Mark bildet. Mit verschwindenden Ausnahmen haben die Re­staurateure der Reichshauptstadt denn auch be­schlossen, wenigstens prinzipiell ihren Gästen den „Brotkorb höher zu hängen". Sie wollen von einem noch näher zu bestimmenden Zeitpunkte ab nur noch zu jeder Mahlzeit ein Brötchen oder eine Schnitte Brot gratis liefern; jedes weitere Brötchen und jede weitere Brotschnitte soll vom

ci?ie oti oMo=^>ame.

Roman von Ernst von Waldow.

(Nachdruck verboten.)

Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Lein, rief Gusti, lebhaft aufspringend. Zünden Sie die Wandleuchter im Ankleidezimmer an, damit wir anprobieren können. Kommst du mit, Mama?

Ich folge dir bald, mein Kind.

Gusti eilte davon und bald hatte sie über den Hüten, Mantissen und Trauerkostümen Onkel George und dessen Beziehungen zu ihren Eltern vergessen.

Als das junge Mädchen das Gemach verlassen, ging eine merkwürdige Veränderung in den b<?r' Thre Lippen murmel- ten leise Worte und unbeweglich starrte sie auf die drabesfen be>> persischen Teppichs zu ihren Füßen & £ plötzlich die Hand fest auf

das hochklopfende Herz und flüsterte- Welche Qual - dort, dort sitzt der Tod-'L pochl lau und immer lauter an — ich neune es einen orga­nischen Herzfehler, andere nennen es Gewissen — . Zehn Minuten darnach hat Frau Katharina mit der gewohnten ruhigen Würde in das ge- räumige Ankleidezimmer, wo auf Sesseln und Divans die verschiedenartigsten Toilettegegen- stände ausgebreitet lagen.

, Fräulein Pepi begrüßte die Dame vom Hofe respektvoll, sie gestattete sich nicht, eine Kondo- Jatton auszusprechen, doch deutete ihr ernstes, ge­haltenes Wesen an, daß sie an dem Trauerfall j teiliiehme, welche die reiche Kundschaft des Har- derschen Modebazars betroffen. Selbst ihre stimme- war eigentümlich dumpf und verschleiert, dw Reize eines mit Jais gestickten Zuaven- ^ackchen pries, das Gusti eben anprobierle.

Auch Frau Forstenberg schien der Toiletten­frage große Aufmerksamkeit zu widmen. Mit 1

I Gaste bezahlt werben. Diesem Beschlusie haben sich freilich zwei Klassen Berliner Gastwirte nicht angeschloffen, welche gewiffermaßen bte Ausläufer biefe# Erwerbszweige- nach oben unb nach unten barstellen, bie hoch feinen Restaurants unb bie Inhaber bet „Öubifen". Die Ersteren haben es nicht nötig, bet „Brötchenfrage" besonberes Gewicht

I beizulegen, bie Letzteren muffen sich bavor hüten, sie aufzunehmen, benn sie würben riskieren, mit bem Gratis-Brotkorbe ihre sämtlichen Gäste zu verlieren. Aber ber Mittelstanb« ber Berliner Restaurateure ist sich barüber einig, baß es be­züglich ber Brötchen „so nicht weiter gehen kann", b. h. baß bie Berliner bie Brötchen so nicht weiter umsonst effen sollen. Die Gastwirte bt* grünben bies im allgemeinen mit ber seit Jahren langsam aber stetig gestiegenen Teuerung ihrer „Materialien", wobei ihnen bie gegenwärtige Fleischteuerung noch einen besonderen Rückhalt bietet. Sie berufen sich weiterhin darauf, daß in anderen Großstädten, so in München, das Brot vom Gaste besonders bezahlt wird.

Zweifellos liegt in dem Verlangen nach einer Verallgemeinerung dieser Sitte und speziell nach ihrer Einbürgerung in Berkin ein berechtigter Kem, zumal, wenn eine Bezahlung des Brotes nur dann verlangt wird, falls der Begehr dar­nach über das eine Gratis-Brötchen hinausaeht. Mit der Berufung auf andere Großstädte dürsten die Berliner Gastwirte allerdings wenig Eindruck machen.. Abgesehen davon, daß in manchen Großstädten, die noch höhere Lebensmittelpreise aufweisen, als Berlin, z. B. Paris, den Gratis- Brotkorb kennen, ist auch der Hinweis auf Süd- deutschland nicht ganz stichhaltig; denn man darf nicht übersehen, daß dort auch in München im allgemeinen die Restauranlpreise weit niedriger sind, als in der Reichshauptstadt. Weittrhm ist auch die Schwierigkeit der Bezahlung der Bröt­chen nicht außer Acht zu lassen. Im Berliner Verkehr wird heute, von ben Warenhäusern ab­gesehen, kaum noch mit Kupsergelb gerechnet. Ein Brötchen kostet aber nur 3 Pfennige. Wie will man eine solche Pfennigreckmung einbürgern ? Würbe ber Restaurateur ber Berliner Gepflogen­heit folgend den Preis nach eben zu auf 5 Pfennige abrunden, so würde er unfehlbar ob dieses „Brotwuchers« einer starke» Opposition begegnen.

Auch die Kehrseite der Medaille, die Wir­kung der geplanten Maßreael auf die Gäste, oder vielmehr auf den Geldbeutel der Gäste, enthält Momente, welche nicht außer acht ge- I laffen werden können. Wir wollen gar nicht einmal für die idyllischen Zustände plädieren, die ehemals in den „Akademischen Bierhallen" m der Nähe der Univerfsiät existierten, wo so mancher Studiosus einen Teller Suppe bezahle und sich an ben langen Broten, welche bieTische „zierten , gratis satt aß, ober bie Durchführung ber Maßnahme bes „Brotkorb-Höherhängens" würbe boch den Geldbeutel gar manchen Fa- I milienvaters, der sich mit seinen Sprößlinqen uno seiner „besseren Hälfte" den Bench eines Restaurants leistet, nicht unwesenttich belasten. Richt mit Unrecht hat man gesagt, die „Leid­tragenden" bei einer solchen Maßnahme würden schließlich die — Kellner sein, benn bie Stei­gerung ber Rechnung durch Zahlung der Biöt- chen würde sich am ehesten in einer Verkürzung des Trinkgeldes äußern. Auch wir hatten diese