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woche«b-u°ge: „Illustrierte Sonntagszeitung" m°nakb-iiage: „Zuldaer Geschichtsbiatter".
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Fernsprecher Nr. 9.
JW 235.
Krstes Wl'crtt.
Geht Herr Möller?
Die Berliner politische Presse steht gegenwärtig völlig unter dem Eindruck der ausivär- llgen Meldungen über den Rücktritt des Handelsministers Möller, Eine wahre Flut von Vermutungen macht sich bemerkbar über die Frage, ob der Minister wirklich geht, warum er geht und wer der kommende Mann ist. L«< extrdmes se toachent! Während der .Berliner Lokal-Anzeiger' sich den Anschein gibt, als ob Herr Möller bereits das Abschiedsgesuch konvertiert habe und es nur noch nach der Post zu bringen habe, stellt das ,Berliner Tageblatt' sest, daß in wirklich unterrichteten Kreisen von einer bestimmten Tatsache noch nicht die Rede sein könne. Vorläufig handele es sich nur darum, daß gegen den Handelsminister mit Mitteln, die das Tageslicht scheuten, intriguiert werde. , Wenn er auch bisher noch keine Schritte getan hat, um die gegen ihn gerichteten Machenschaften zu durchkreuzen, so würde er zweifellos die Gelegenheit wahrnehmen und im Ministerrat sowohl, wie in einer Audienz beim König volle Klarheit zu schaffen versuchen. Erst dann könnte sich entscheiden, ob er bleibt oder geht. Vorläufig sind die Meldungen vom Rücktritt Möllers durchaus noch als tendenziöse Mache zu charakterisieren."
Rls eine solche tendenziöse Mache faßt die ,Bofsischr Zeitung' auch den vielbesprochenen Artikel bet Kölnischen Zeitung' auf; es werde in ihm Herrn Möller, wenn er sich noch nicht amtsmüde fühle, der wohlgemeinte Rat erteilt, es recht schnell zu werden, da er als unfreiwilliger Vater aller Hindernisse gelte. Aus welchen Kreifen die Jntriguen hervorgehen sollen, wird nicht aagedeutet; die .Vosstsche Zeitung' neigt aber der Auffassung zu, daß es nicht die in- buf$rüßttt seien. Sie wird zu ihr veranlaßt durch die Bemerkung der,Kölnischen Zeitung', daß von agrarischen Ministerftürzern nicht die Rede sein könne.
Heber diese Bemerkung wird von der ,Deut. Tagesztg.' dankend quittiert mit dem HinzusÜgen, daß fit die Darlegung des rheinischen Blattes nach dieser Richtung hin beseitigen könne. Aber im Herensatz zu der Vermutung einiger Blätter, der Nissiger Möll'rs werde aus den industriellen Kreisen gewählt werben, glaubt sie kaum, baß dazu ax xtaijtbexbet Stelle Geneigtheit bestehe.
Wie »eit die .Deutsche Tagesztg.' informiert ist und wie weit überhaupt jene Preßerörterungen eine fol-de Unterlage Ijaben, muß abgewartet werden. So viel kann aber schon heute gesagt werd««, daß, wenn Herr Möller geht, ihm sch»erlich viele Tränen nachgeweint werd-«. Daß die industriellen Kreise nicht um ihn trauern werden, ist selbstverständlich, nicht nur wegen der Hibernia.Angelegenheit und der Berg- arbeiterstreikfraHe, sondern aus der Enttäuschung ixewHi, welche ;eder Minister, der aus bestimmten beruflichen Kreisen genommen wird und auf den dab« diese Kreise hochgespannte Hoffnungen ietzen, ihnen bereiten muß. Aber auch bei den übrigen Parteien hat sich Minister Möller wäbrond der vier Jahre, die er auf dem Minister-
ArieWoll oko- Oarne.
Raman ds» Ern st von Waldow.
5] (Nachdruck verboten.)
Nachdem Ullrich Platz genommen, fuhr Rcine» mann fort: Sie sind zu spät gekommen. Herr Eduard hat schon gestern nach Triest abreisen müssen. —
Ich habe meine Reise genau wie stipuliert war, angetreten, warf Ullrich dazwischen, der sich von dem Verdachte reinigen wollte, etwas versäumt zu haben.
Wir machen Ihnen ja keine Vorwürfe, fuhr der erste Buchbalter gemessen fort, es sind Umstände eingetreten, die nicht in Berechnung gezogen werden konnten. Ein Fallisement in Triest reißt auch uns mit hinein, es heißt da schnell handeln, soll noch etwas gerettet werden.
Sie sind natürlich müde und angegriffen von der weiten Fahrt, trotz dessen muß ich Sie er- suchen, so bald als möglich nach Triest zu reisen, wo Herr Eduard Sie erwartet — hier seine Adresse.
Bei den letzten Worten schrieb er zivei Zeilen auf einen Briefbogen, der den Stempel der Firma trug und reichte denselben Ullrich, der sich beeilte, seinerseits die Versicherung zu geben, daß er morgen mit dem ersten Zuge nach Triest fahren werde.
Natürlich brauchen Sie Geld — hier haben Sie ein i conto von 100 Gulden — bitte um Em- pfangZbestätigung.
Reinemann erhob sich und wies seinen Platz an, den Ullrich auch sofort einnahm, um die gewünschte Quittung zu schreiben.
Stecken Sie Ihr Geld ein — hier, bitte nach- zuzählen.
Ullrich erhob sich und der andere sagte, gleichfalls stehen bleibend und mit der Hand auf ein Paket offene Briefe deutend:
seffel verbracht hat, keine große Sympathie erworben. Es war etwas Halbes an ihm, bas niemanb befriedigte. Vollends seine Haltung im Bergarbeiterstreik und bei der sich an sie knüpsen- den gesetzgeberischen Aktion hat Minister Möller die entschlossene Tatkraft vermissen lassen, die man in einem solchen politisch, sozialpolitisch und wirtschaftlich bedeutungsvollen Falle hätte erwarten müssen. Ob für den Fall eines Rücktritts sein Nachfi lger mit den auf die Kohlenfelder und die Hibernia bezüglichen Verhandlungen mehr Glück haben wird, 'erscheint noch sehr zweiselhaft, freilich mehr Geschick für solche Verhandlungen zu entwickeln als es beim Minister Möller der Fall war, dürfte für ihn gerade nicht besonders schwer sein.
Deutsches Reich.
Berlin, den 12. Oktober 1905.
** Die Verlobung des Prinzen Eitel Friedrich mit der Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg ist im ,Reichsanzeiger' publiziert worden. Die Publikation ist erfolgt „Auf allerhöchsten Befehl." Aus Anlaß der Verlobung gingen bei der Berliner Oldenburger Gesandt- schcfft zahlreiche Glückwünsche ein. Obwohl zweifellos bei den nächst beteiligten Kreisen der Termin für die Hochzeit noch nicht festgesetzt ist, sind Berliner Blätter schon gleich wieder mit Kombinationen über diesen Termin zur Hand; so will der .Berliner Lokalanzeiger' rotffen, daß die Vermählung nicht vor dem Frühjahr des nächsten Jahres stattfindet. Was man von diesen verfrühten Nachrichten zu halten hat, hat man bei Gelegenheit der Verlobung des Kronprinzen gesehen.
§ lieber den Fürsten Bülow sind die anti- a gr arischen Berliner Blätter sehr ungehalten. weil er auf das Telegramm des deutschen Städtetags bis setzt noch keine Antwort gesandt hat. In Fettdruck konstatiert das .Berliner Tageblatt' am Donnerstag abend, daß „bis heute mittag 1 Uhr noch immer keine Antwort" eingetroffen fei. In der ,Fr eien deutschen Presse' roirh der Vermutung Ausdruck gegeben, daß der Reichskanzler der unangenehmen Fleischfrage aus dem Wege gehe. Wir halten diese Vermutung nicht für stichhaltig. Denn es ist ganz klar, daß der Reichskanzler den deutschen Städteiag nicht ohne Antwort auf feine Anfrage lasten wird. Daß die Antwort des Reichskanzlers noch nicht eingetroffen ist, erklärt sich ungezwungen daraus, daß mit der nachgesuchten Audienz die in Frage stehende Angelegenheit selbst um keinen Schritt weiter gefördert würde. Aus diesem Gesichtspunkt wird eben bet Reichskanzler die Antwort an den Städtetag nicht als so eilig betrachtet haben. Wir stimmen her .Deutschen Tageszeitung' vollkommen darin bei, daß man eine sofortige telegraphische Antwort im Geschäftsleben und im bürgerlichen Leben nur bann erwarten kann, wenn die Entschließung dessen, an den man telegraphiert hat, sofort erfolgen kann.
* Neber den konfessionellen Frieden und das Vereinswesen hat der Hochw. Herr Bischof von Rott en bürg auf einer Firmungsreise in Biberach beherzigenswerte Worte gesprochen. Bischof Keppler führ'e nach dem ,Anz. v. Ober!.' u. a. aus: „Nirgends teilen sich
Ich würde mich Ihnen gern eine Stunde gewidmet haben, Herr Winterfclt, aber es ist mir just heute ganz unmöglich, die Arbeit drängt, dort liegt noch ein ganzer Berg zu expedieren.
Danke bestens, erwiderte Ullrich sich verneigend, ich will nicht länger stören, aber vielleicht hat der Herr Prinzipal noch Aufträge für mich, da ich morgen in aller Frühe abreife, so könnte ich ihm den Empfehlungsbrief doch heute selbst abgeben, es ist doch wohl nicht zu spät dazu.
Unter gewöhnlichen Umständen nicht, meinte der Buchhalter trocken, heute jedoch ist das unmöglich, Herr Forstenberg senior befindet sich auch nicht mehr hier, sondern in seiner Privatwohnung in der Praterstraße und hat gewünscht, von jeder Störung verschont zu bleiben, da er durch Privatinteressen in Anspruch genommen ist.
Das klang ziemlich ablehnend und sogar etwas geheimnisvoll. Ullrich, ein wenig verletzt, verneigte sich mehrmals und wollte eben das ungemütliche Zimmer verlassen, als Reinemann ihm ein Päckchen Papiere einhändigte, das er vorher in einen großen Umschlag gesteckt.
Bitte diese Brieftaschen und Rechnungsbelege Herrn Eduard Forstenberg zu übergeben — also morgen mit dem ersten Zuge, ich rechne darauf. — Leben Sie wohll
Dann ließ er sich wieder an dem Pult nieder und die Feder flog knisternd über das Papier, indessen Ullrich sich beeilte, dem „Zahlenmenschen", wie er ihn bei sich nannte, nicht länger lästig zu werden.
Langsam kehrte er in die Leopoldstodt zurück. In einer Beziehung war es ihm lieb, daß er schon morgen seine Reise sortsetzen konnte und daß auch das Ziel derselben ein anderes geworden, freute ihn. Schon lange hatte er Sehnsucht gehabt, das Meer zu sehen, dieser Wunsch sollte nun erfüllt werden.
Andererseits wurde die Aussicht immer geringer, etwas genaueres über den Mord in dem Liegnitzer Landhause zu erfahren und das Ereignis beschäftigte ihn so sehr, daß er seine Gedanken
32. JahcMNfl
Fulda, Freitag, den 13. Oktober 1905
suchen.
4.
Ullrich Winterfell ahnte nicht, daß er just an dem Forstenbergschen Hausportale Halt gemacht, um den Rückweg anzutreten. Die gastliche Pforte, welche sich so weit öffnete, um an großen Empfangsabenden ein gut Teil der Wiener Geld- ariskokratie aufzunehmen, blieb heute fest geschlos- sen und der würdevoll dreinschauende Portier hatte soeben zwei Besucherinnen den Bescheid gegeben: die Herrschaft empfange nicht, da ein Verwandter der Frau von Forstenberg gestorben sei.
Dagegen wurde eine junge, geschmackvoll gekleidete Person, der ein Diener mehrere Schachteln nachtrug, sogleich eingelassen und den Damen des Hauses gemeldet, die droben tm ersten Stockwerk in dem geräumigen Wohnzimmer beisammen fofjen.
grau Katharina Forstenberg hatte in ihrer Jugend im unbestrittenen Rufe einer Schönheit
nicht von dem düsteren Bilde loszureißen ver- mochte, das sich ihm in dem Gemache geboten, wo er einst mit dem Jugendfreunde fröhliche Spiele gespielt.
Und sein Stock — wie unangenehm, daß er ihn dort hatte liegen lassen! Um den peinlichen Vor- stellungen zu entaehen, schlenderte er die Theaterstrabe entlang und mühte sich, seine Aufmerksamkeit auf die eleganten Läden und Passanten zu richten, welche auf dem breiten Asphalt des Trottoirs hin und her wogten.
Am Karltbeater war das Gedränge so stark, daß er sich hüten mußte, nicht von den sich kreuzen- den Pferdebahnwagen, Mietskutschen und Privat- eguipagen niedergerissen zu werden. In der Praterstraße, so hatte der erste Buchhalter gesagt, wohnte ja auch Herr Forstenberg — hätte Reinemann ihm die Nummer genannt, würde er sich die Residenz des neuen Prinzipals mindestens von außen angesehen haben, vielleicht hätte er auch das Haus erfragen können, doch das hatte ja jedenfalls keine Eile, Ullrich fühlte sich ermüdet und abgespannt und beschloß, seinen Gasthof aufzu-
>ie Konfessionen so wie hier. Es kann aber keinen aufrichtigeren Freund des Friedens geben, als den Bischof, der wünscht, daß von den Katholiken nichts getan werde, was den Frieden stören, und nichts unterlaßen werde, was den Frieden fördern kann. Ader dieser Friede kann nicht erstrebt werden durch Pflichtverletzung, durch Ver- lassen der eigenen Grundlätze und Glaubenssätze. Mit dieser Indifferenz wäre nichts gewonnen, es wäre ein fauler Friede. Das Zusammenleben der Konfessionen soll nicht den Eifer ermüden, sondern die Kraft anspornen. Ein Streit ist nut dem religiösen Frieden vereinbar: ein ed ler Wettstreit, zu leben nach den christlichen Grundsätzen, und es ist nur der Wunsch des Bischofes, daß hierin der katholttche Teil die Oberhand gewinnen möge. Auch das Vereins- leben kann hier Großes leisten. Vereine, m unserer Zeit sind unentbehrlich in dem Kampfe gegen Unglaube, Alkohol, Unsittlichkeit und gegen die Hölle. Ohne Organisation aber kann man im Kamvfe nichts erreichen. Die Aufgaben der Vereine sind groß. Man muß hier immer arbeiten und neue Mittel ersinnen, diese Ausgaben zu lösen. Wie schwer die Zeit ist, wir werden nicht mutlos. Das Wort des seligen Wmdthorst: 200 Millionen Streiter und eine 2000jährige Geschichte lassen keine Furcht auffommen, hat seine volle Richtigkeit. Wir sind in der Tat zu alt, um uns zu fürchten. Wir fürchten nicht unsere Feinde, auch nicht jenen Bund, der fort und fort gegen uns arbeitet. Im Gegenteil, jbm müssen mir danken, daß wir eins geworden sind, und wenn jener Bund so fortmacht, so muffen auch noch dem lauesten Katholiken die Augen aufgeben. Wir gehen also voll Hoffnung der Zukunft entgegen und geben die Freude nicht auf. Die Freude wttd sonst immer spärlicher. Woher kommt das? Die vielen Feinde der Freude sind Ursache: 1 der Klassen l>oß. 2. die konfessipnelle Hetze, 3. die ewigen politischen Zänkereien, 4. der Unglaube, welcher jede Freude im Volke mordet. Dazu kommen 5. die Kunst und die schone Literatur, welche nicht mehr das Herz der Menschen erfreuen wollen; sie wenden sich dem Häßlichen zu und bringen uns keine Freude mehr. Schon Schiller, hat gesagt, die Kunst habe sich der Freude zu widmen und es sei ihr Berus, das Volk zu beglücken; sie habe aber ihren Beruf verfehlt, wenn sie in die derbe Wirklichkeit nochmals zurückstoße. Was Wunder, wenn der ganze Begriff der Freude verdorben ist! Viele denken sich unter Freude nur noch den Alkohol, die ttn- zucht, tierische Gemeinheit. Also ist es an der Zeit: Sorget für wahre Freude!
§ In der Angelegenheit des Schulgesetzes hatte ein rheinisches nationalliberales Blatt vor- geschlagen, den demnächst zu erwartenden Gesetzentwurf vor feiner Einbringung in den Landtag der öffentlichen Kritik zu unterbreiten. Die .Deutsche Tagesztg.' bemerkt dazu, lachtich und grundiätz- lich habe' sie gegen einen solchen Vorschlag nichts einzuwenden, sie befürchte nur, daß in diesem Falle die Erledigung einer Angelegenheit verzögert werden könnte, deren Be-chleunigung dringend geboten erfcheine. — Asch wir meinen, daß man eine Verzögerung der Lösung der Schulsrage, die sich nun schon gleich einer ©eeicblange durch so viele Jahre hinzieht, untre allen Umständen hintan halten sollte.
* Die katholische« MifsiouSvrrhandlmigcu haben bekanntttch am Montag an den Ra ifer
gestanden und war noch jetzt eine reiche Marrone, obwohl das vorzeitig ergraute Haar sie bedeutend älter erscheinen ließ, als sie in der Tat war. Groß und voll, aber regelmäßig gebaut, hatte ihre Erscheinung ettvas Imponierendes, das noch durch den stolzen Ausdruck der großen Augen und einen etwas strengen Zug um den feingeschnittenen Mund verstärkt wurde.
Der Mutter gegenüber, in einem Schaukel- stuhle, lehnte Auguste, die einzige Tochter des Hauses, bequem hingestreckt und spielte mit der silbernen Gürtelkette, an der allerlei Nippes befestigt waren.
Wenn Auguste auch nicht die regelmäßige, fast elastische Schönheit der Mritter geerbt, so war sie doch sehr hübsch, die Männer fanden sie „pikant", rühmten das südliche Feuer ihren Augen und fabelten ihre Gefallsucht. Bis jetzt hatte sich Auguste weder aus dem offenkundigen Lobe, noch aus dem verstohlenen Tadel etwas gemacht. Leichtherzig, lebenslustig und sehr verwöhnt, kannte sie kein anderes Streben, als das Dasein voll zu genießen und machte sich eben keinen Krimmer darüber, wenn andere habet zu Schaden kamen.
Weißt du, Mama, unterbrach sie jetzt eine längere Pause, daß ich Edi um seine Triester Reise beneide? Es ist doch furchtbar langweilig, hier die Trauernde zu spielen, sich in düsteres Schwarz zu hüllen und aller Lebensfreude zu entsagen — gib mir Leni mit und laß mich einen Abstecher nach Triest machen, die Seeluft wird mir gut tun, du weißt, ich bin gern dort und Mizi Sanders hat mich erst neulich eingeladen.
Schon gut, erwiderte gelassen die Matrone, ich habe auch nichts dagegen, daß du später die Reise machst, jetzt jedoch wäre es ganz unpassend, denn die Trauerzeit hat man daheim, in stiller Zurückgezogenheit zuzubringen.
Ei gewiß, wenn es sich um einen ernsten Trauersall in der Familie handelt —
Nun — fragte Frau Forstenberg scharf, hast du vergessen, daß mein Bruder — dein Oheim gestorben ist?
ein Ergebenheitstelegramm gesandt. Darauf ist nunmehr zu Händen des Propstes Kleinadam folgendes Antwvrttelegramm eingegangen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den treuen Gruß der Teilnehmer an der ersten allgemeinen katholischen Misfionsfeier huldvollst entgegenge- nommen und lassen allen Beteiligten vielmals danken."
% Die „Kompottschüssel" ist endlich zerschlagen Bekanntlich wurde vor kurzem gemeldet, der Kaiser habe in einer Unterredung mit dem Reichskanzler gesagt: „Die Kompottschüssel ist nun voll, für die Arbeiter ist nun genug geschehen." In den Blältern aller Parteien wurde diese Meldung viel besprochen, die Scharfmacher freuten sich, daß der Kaiser nunmehr auf ihre Seite getreten sei, während andere es entschieden bezweifelten, daß der Kaiser jene Worte oder ähnliche ausgesprochen habe. Merkwürdigerweise blieb das erwartete Dementi lange aus, worüber sich am meisten die Sozialdemokraten freuten, denen ein solches Kaiserwort Wasser auf die Mühle war. Nunmehr hat der Reichskanzler an die .Soziale Praxis' auf eine Anfrage folgende Antwort gegeben: „Ihre Anfrage wegen der Aeußeruna, die der Kaiser zu mir über die „Kompottschüssel" des Arbeiters gemacht haben soll, beantworte ich dahin, daß Se. N!a;estöt mir nichts etwas derartiges gesagt hat. Ich ermächtige Sie, hiervon öffentlich Gebrauch zu machen." Die Scharfmacher, welche noch immer gehofft hatten, daß der Kaiser eine derartige Aeußerung getan habe, werden ob dieses Dementis nicht wenig enttäuscht fein.
—* Zn der Wiedereinbringung des Börsen- gesetzes schreibt die ,Deutsche Tageszeitung', daß sie allen Grund h»be, anzunehmen, daß die von der .Köln. Volkszeitung' und von der .Schief. Volkszeitung' angeführten Gründe gegen eine sofortige Einbringung der Vorlage im Reichstage an den zuständigen Stellen als berechtigt anerkannt würden.
* Zu welchen Drohungen sich der Sozialdemokral Paul Pawlowitsch in der von Dr. Hrch. Braun und Frau Litt) Braun herausgegebenen Zeitschrift gegen die Arbeitgeber versteigt, mögen folgende Sätze beweisen:
„Aus eins möchte ich hier noch Hinweisen. Sollte die Aussperrung — was ich für völlig ausgeschlossen erachte - für die Unternehmer mit einem Sckreenersolg enden, so mögen die Herren nicht übermütig werd en. Sie tanzen auf einem Vulkan! Die Aussperrung wird nie einen nachhaltigen S eg für die Unternehmer bringen, weil die brutale Form dieses Kampfes Revanchegelüste bei den Arbeitern provozieren muß. Auch den Arbeitern ist der Wahr- heitrspruch bekannt: tnter arma silent leges! In der Elektrotechnik werden tausenderlei äuberft teure Maschinen und Werkzeuge von den Arbeitern bedient. Man hüie sich, durch brutale Machtanwendung den Rache- und Be r g ert u n gs» inst in k t zu wecken. Furchtbar könnte es stch rachen, was kurzsichtiges Herrentum mutwillig und protzig sündigt!"
Wir glauben und hoffen, daß die Arbeiter, auch wenn sie gegenwärtig im Kampf mit den Arbeitgebern liegen, viel zu vernünftig find, als sich durch solche Hetzereien zu für sie unseligem Tun aufwiegeln zu lassen. Sie haben felbft ollen Grund, gegen die Verdächtigung, als könnten sie aus „Rache- und Vergeltungsinstinkf „äußerst teure Maschinen und Werkzeuge" freventlich verderben oder zerstören, öffentlich und nachdrücklich Einspruch zu erheben.