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lvochmdeiiage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"

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Notationsdruck u. Verlag der KnIdaer Ac« ttendrnlterei in Mda. Fernsprecher Nr. 9.

M 234.

Fulda, Donnerstag, den 12. Oktober 1905.

32. Jahrgang.

Zweites Wtatt.

(:) Die wirtschaftliche Ausgabe der Hausfrau.

In den Schulen wird mehr und mehr der hauswirtschaftliche Unterricht für die Mädchen ge­pflegt. Eine sehr zeitgemäße Ausprägung des alten Satzes, daß die Schule für das Leben erziehen soll. Denn neuerdings wird alles Mög­liche getan, um in dem weiblichen Geschlechte schon von früh an die Achtung und Liebe zu der hauswirtschaftlichen Frauentätigkeit herab- zndrücken, womit natürlich auch die Befähi­gung zu dieser Arbeit zu sinken droht.

Auf dem „fortschrittlichen" Frauen-Kongreß, der kürzlich in Berlin stattgefunden hat (es war eigentlich schon ein wzialdemokrattscher!) wurden auch wieder im radikalen und grundstürzenden Sinne die sogenannten geschlechtlichen Probleme ero-fett und insbesondere der christlichen Ebe wieder der Krieg erklärt. Prof. Zimmer, der Organisator des Evangelischen Diakonie-Vereins, sagt im.Tag' der emanzipierten Weiblichkeit einige kräftige Wahrheiten. Er weist darauf hin, daß gerade unverheiratete Damen mit Vorliebe in der Oeffentlichkeit über solche Dinge sprechen, die man sonst mit Scheu und Scham behandelt, und vermutet hinter dieser Neigung unbefriedigte Sinnlichkeit. Er bemerkt ferner treffend, daß die schöne Parole: „Gleiche Sittlichkeit für beide Geschlechter!" allmählich so ausgebeutet werde, daß sie^auf gleicheSittenlosigkeit beider Ge- fchtechter binauslaufe. Nachdem Herr Zimmer oie Ehe als sittliche Einrichtung verteidigt hat, erörterter in interessanter Weise die wirtschaft- liche Seite dieser Frage.

In der Tat hat das, was wir als moderne „Frauenfrage" zusammmfaffen, seine Hauptwurzel in der Umgestaltung der Hauswirtschaft. Früber wurden im Hause selbst mit den vereinten Kräften der Familien-Mitg'ieder und des Gesindes eine Menge von Gegenständen angefertigt, die man jetzt fertig kauft, und eine Menge von Arbeit geleistet, die man jetzt vielfach außer den: Hause gegen Bezahlung leisten zu lasten pflegt. Indem die Produktion und die Arbeits» gelegenheü in der Hauswirtschaft zurückging, fan­den die herangewachsenen Töchter in der eigenen Familie nicht mehr die ausreichende Beschäftigung and zugleich wurde die Verwendung von Dienst­mädchen eingeschränkt. Daraus entsprang zuerst dir Bewegung für eine außerhäusliche Berufs­tätigkeit berunoerheirateten Frauenspersonen.

Unter dem Einfluß der sozialdemokratischen, ^ukm-kf.sstaatlichen Irrlehren geht man nun weiter und bezeichnet auch die Wirksamkeit der ldausirau und Mutter als nicht genügend und -efriedi-gend für die moderne Weiblichkeit. Pro- 'estor Zimmer fleht den Grundirrtum darin, daß inan die grau, welche von Beruf „nichts weiter" als Hau-ifrau und Mutter ist, nur als Verzehrerrn d>r vom Manne erarbeiteten Werte hinstellen und nur die außer häusliche Anverbs- »tbeit als Produktion, als wertschaffende iäiigfe t gelten lasten will. Demgegenüber ver- icht er den wahren und wichtigen Satz, daß w Frau, d-e als Leiterin der Familie tätig ist, ruch produktiv ist, und zwar in sehr segens­reicher Welte. Diese Elkenntnis kann nicht wett und tief genug eingeprägt werden.

Dre Hrouoko-Harne.

Roman Von E rn st von Waldow.

1 (Nachdruck verboten.)

Da war es Ullrich wieder, als stünde er am Nrade des Vaters, der Abendwind rauschte in den dürren Blättern des Totenkranzes und nahm die leise gemurmelten Worte des Sohnes auf seine Flügel: Gebetworte — den Schwur, nie mehr vom rechten Pfade abweichen zu wollen.

Tief aufatmend wendete sich Ullrich ab — wie hatte der Durst nach Geld, der fieberhafte Drang, sich Reichtum zu erwerben, ihn aufs neue blenden, irre leiten können?

Mit einer Geberde des Abscheues stieß er das ^^"tTausend-Markscheine fort und wendete sich zum Gehen, dabei fühlte er einen harten Gegen­stand unter der Sohle seines Stiefels, der sich förmlich dort eingebohrt zu haben schien. Er hob den Fug und loste einen kleinen, von Blut besu­delten Gegenstand ab; es war ein Medaillon, das Bild einer Frau, in Emaille-Mälerei, in an­tiker Fastung.

Ein reizendes Köpfchen, hoch frisiert, mit ge­pudertem Toupee, eine Rose im Haar, blickte ihm entgegen aus großen, traurigen Augen. Ullrich fühlte sich eigentümlich bewegt, noch nie hatte ein weibliches Wesen, weder lebend, noch im Bilde, einen so tiefen Eindruck auf sein Gemüt gemacht.

Nach der Frisur und dem steifen, rosa Mieder zu schließen, mußte es das Porträt einer längst Verstorbenen fein, vielleicht das der Mutter des gemordeten Greises. Der mochte eS bei anderen Kostbarkeiten in seinem Arnheim aufbewahrt haben und der Räuber hatte es achtlos zur Erde geworfen, als für ihn ganz wertloses Gut.

Ullrich kam das Verlangen, sich das Medaillon anzueignen, das war sicherlich kein Diebstahl, son- der» eher eine pietätvolle Handlung. Dem alten

WaS der Mann erwirbt, soll die Hausfrau in der vorteilhaftesten Weise verwalten und verwerten zum Wohle des Mannes und der Kinder, zur Erhaltung und Mehrung des Familiengutes. Wenn die Mutter gesunde und brave Kinder aufzieht, so ist schon das die schönste und nützlichste „Produftion", die sich denken läßt. Aber auch schon die zweckmäßige, sparsame Verwaltung des männlichen Erwerbs ist ein wesentlicher Bestandteil der „Produktion". Eine Frau, die als Buchhalterin oder Lager­verwalterin tätig ist, wird als Mitproduzemm nach allen modernen Begriffen betrachtet. Wenn sie dieselbe Tätigkeit im eigenen Hause, in der Ordnung und Verwaltung des vom Manne ge­speisten Familiengutes betreibt, so ist das ebenso lohnend und für jede gesunde Frauennatur ge­wiß noch mehr befriebigenb. Eine tüchtige Hausfrau ist nicht die lästige Verzehrerin, son­dern die hochverdienstliche Mehrerin des häus­lichen Vermögens.

Eine tüchtige Hausfrau! In dem Eigen­schaftsworte steckt wieder eine brennende Frage. Indem die Verhältnisse dazu drängen, daß der weibliche Nachwuchs zu einem selbständigen Be­ruf, einer Lohnarbeit erzogen werde, wird die haus wirtschaftliche Ausbildung der Dtädchen vielfach in den Hintergrund oder ganz bei Seite geschoben. Das „Bischen Kochen und Flickens denkt man, könnten sie wohl so neben­bei lernen, wenn sie es nicht zufällig der Mutter schon abgeguckt hätten. Das ist falsch. Die moderne Hausfrau, auch in kleinen Verhältnisse», muß mehr verstehen, als die Anfangsgründe der elementarsten häuslichen Arbeiten. Sie muß die gesamte Hauswirtschaft verstehen, nicht blos der erforderlichen Handgriffe mächtig sein, son­dern auch zu disponieren, zu rechnen, Geld und Vorräte sachkundig zu verwalten verstehen. Wenn die Frau solche Fähigkeiten für die häusliche Wirtschaft erworben hat, so wird sie auch im Geschäftsbetriebe ihrem Manne eine Helferin und Beraterin sein können. Namentlich für den gewerblichen Mittelstand ist eine Fra», die mit eiuzugreiten versteht und gegebenenfalls ihrem Manne Rechen- und Schreibarbeit abnimmt, von dem größten Segen. Für den landwirtschaft­lichen Mittelstand versteht es sich nach wie vor von selbst!

Daraus ergibt sich erstens: das der hauS- wirtschaftliche Vorunterricht in den Schulen sehr notwendig und bei praktischer Gestaltung sehr nützlich ist. Zweitens erhebt sich aber die Frage: Ist es genug mit dieser kleinen Vorbildung bis zum 14. Jahre? Brauchen wir. nicht ebensogut für das weibliche Geschlecht hauswirtschaftliche Fortbildungsschu- len, wie wir gewerbliche Fortbildungs,chulen für die Jünglinge haben? Und zwar Hauswirt- schaftllche Fortbildungsschulen mit einem wohl- lätigen Zwang für diejenigen Kreise, denen eS an Verständnis und gutem Willen fehlt?

ki. c. Erdbeben.

Bon G. v. Sandoz.

(Nachdruck nicht gestattet.)

In den letzten Tagen drang wieder einmal die Kunde aus Italien, daß ein mächtiges Erdbeben die südlichste Provinz, Kalabrien, schwer heimge­sucht habe. Wie viel Menschen zu beklagen fniü, ist noch nicht genau festgestellt, jedenfalls dürften es einige Tausende sein. Italien überhaupt und

Süditalien ganz besonders, sind von alten Zeiten her schon durch Erdbeben tief geschädigt worden. Einer von Prof. Mercalli veröffentlichten Arbeit entnehmen wir folgende Statistik: 1169 Erdbe­ben am Fuße des Aetna (1500 Opfer), 1456 im Neapolitanischen (3000), 1627 in Apulien (4000), 1638 in Kalabrien (9600), 1688 in Kampanien und der Basilikata (20 000), 1693 in Sizilien (66 000), 1703 in Mittelitalien (15 000), 1805 in Kampanien (6000), 1857 in der Basilikata (12 300) 1883 auf Ischia (2313). Eine der größten Kata- stropben war jedenfalls das Erdbeben von 1783, das 100 Sekunden anhielt und 119 Städte und Dörfer in Kalabrien samt 60 000 Menschen ver­tilgte. Bis Otranto, Palermo, den Liparischen und Aeolischen Inseln wurde das Dröhnen, Don­nern und Krachen vernommen. An zahllosen Stellen öffneten sich plötzlich Risse im Erdreich, die alles verschlangen, um sich sofort wieder zu schließen. Wochen darauf spien die flammenden Gräber ihre Opfer wieder aus. Seltsame, ja wunderbare Rettungen wurden damals berichtet: so wurde der Prior des Carmine-Klosters von Jerocarne, Pater Agazio, halb von dem klaffenden Schlunde verschlungen. Bis zu den Hüsten steckte er in der Klammer, die sich wieder geschlossen. Vergebens rief er um Hilfe — niemand traute sich heran, alles ist geflohen. Schließlich riß ein zweiter Erdstoß den Spalt wieder auf und Pater Agazio kam wieder frei.

Andere, mächtige Erdbeben ereigneten sich in den Jahren 17 und 526 am ganzen Mittelmeer und forderten je 120 000 Menschenleben; 1672 auf Jamaica (3000), 1724 in Peru (18 000), 1755 Lissabon (60 000), 1797 in Riobamba in Südamerika (40 000), 1868 wieder in Peru (70 000), 1891 in Japan (70 000). Welch enor­men Materialschaden diese großen Erdbeben an­zurichten vermögen, geht aus den eben genannten peruanischen und japanischen Beben hervor, dessen ersteres für 1200 Millionen Mark Schaden an- richtete, dessen letzteres 200 000 Gebäude in Trüm­mer legte.

Bei der Lektüre dieser statistischen Aufzählung wird man sich bald trösten, daß die Erdbeben mit ihren Schrecken verhältnismäßig selten sind. Lei­der ist dieser Trost nicht viel wert, denn die obigen Aufstellungen erwähnen nur die allergrößten Erderschütterungen, lassen die ungezählten mit­telmäßigen, die unter 1500 Menschenleben forder­ten, außer Rechnung und erwähnen gar nicht die­jenigen, die tagtäglich auf dem Erdenrund Vor­kommen.

Der Mensch hat sich, namentlich in Gegenden, wo Erdbeben selten und wenig stark auftreten, z. B. in Norddentschland, Rußland, dem mittleren Nordamerika usw. daran gewöhnt, den Boden, aussen er den Fnß fetzt, auf dem er sein HauS aufbaut, als etwas unerschütterliches zu betrach­ten. Der erdbebenkundige Gelehrte wird ihn aber an seine seismische, das heißt, Erdbeben anzeigen­de Apparate führen und ihm nachweisen, daß die Erdrinne, also der sogenannte „feste Boden" fast immer in mehr ober minder zitternder Bewegung ist, infolge der beinahe unaufhörlichen Erdbeben. In erdbebenreichen Ländern traut der Mensch dem „festen" Boden durchaus nicht so und richtet die Bauart klug danach ein. Aber selbst dort fällt der Mensch in seinen unausrottbaren Leichtsinn zurück und vergißt den Schrecken der Erdbeben und meint sogar, nach der letzten großen Er­schütterung werde man gewiß jahrelang ruhen. Und schon in der nächsten Nacht vielleicht knarren die Pfosten des Hauses und ehe die Bewohner sich retten können, stürzen die Wände zusammen und erschlagen sie ober begraben sie lebendig im Schutt.

Es soll ein grauenhaft unheimliches Gefühl fein, plötzlich den Boden unter sich wanken, die Balken und Manern um sich krachen zu hören und zu fühlen. Ein deutscher Kaufmann, der sich

Manne dort war es ein teueres Andenken ge­wesen und das kam jetzt, nach dessen Tode, in fremde Hände, vielleicht gar unter den Hammer des Ankttonators.

Da war es bei ihm besser aufgehoben und diente ihm zugleich als bleibende Erinnerung an dieses seltsame Erlebnis, das ihm später wie ein Traum erscheinen mußte.

Nachdem er mit Blitzesschnelle diese Er- Wägungen gemacht, zog er sein Tuch aus dec Brusttasche des Rockes, wickelte das Medaillon hinein und steckte es wieder in die Tasche. Dabei bemerkte er schauernd, daß seine hellen Hand- schuhe Blutflecken zeigten, und mit einem Male fiel ihm ein, daß seine Lage, wenn man ihn hier zufällig bei den Gemordeten fände, mindestens eine mißliche sein, daß ein Verdacht ihn treffen könne.

Bestenfalls würde er lange Verhöre zu bestehen haben, als Zeuge vernommen werden, und das mußte seine Reise verzögern, ihm allerlei Un­annehmlichkeiten bereiten.

Der gellende Pfiff einer Lokomotive ließ ihn auffahren, er hörte das Nollen eines Eisenbahn- zuges. Das war der Breslauer Schnellzug, der den nahen Eisenbahndamm passierte, um in den Bahnhof einzufahren, es war hohe Zeit, daß er diesen Ort des Grauens verließ, denn viele Lieg- nitzer und auch die Bewohner von Karthaus pfleg- ten diesen letzten Zug zu benutzen, bald konnte es auch hier lebendig und er von den Leuten gesehen werden. Mochten andere, gleich ihm, die traurige Entdeckung hier machen, die allergewöhnlichste Klugheit gebot ihm, sich zurückzuziehen und die Anzeige zu unterlassen, batte er doch seiner Men- schenpflicht vollständig Genüge geleistet.

Mit schnellem Entschlüsse griff Ullrich nach dem Leuchter, eilte zur Tür, die unverschlossen war, und betrat den Hausflur. Ein Blick auf die schwere, eichene Tür zeigte ihm, daß dieselbe van innen verschlossen und auch der Riegel h-rge- schoben war.

Der Räuber mußte demnach einen andern Weg zur Flucht eingeschlagen haben, wahrscheinlich durch die Hinterpforte, welche in den Hof führte. Doch nahm sich Ullrich nicht die Zeit, dies näher zu untersuchen, sondern schloß eilig auf, schob den Riegel zurück, löschte das Licht und sprang die steinernen Stufen hinab.

An die Gittertür gepreßt, blieb er hier einen Augenblick lauschend stehen, da er ferne Schritte zu vernehmen wähnte. In der Tat hatten zwei Männer, wahrscheinlich Landleute, welche den Weg nach dem nächsten Dorfe verfolgten, die Straße Passiert, sie sprachen jetzt zusammen, der Schall ihrer Stimmen verlor sich.

Ullrich schlüpfte hinaus und drückte die Tür leise ms Schloß, dann zwang er sich, im Schritte eines ruhigen Spaziergängers, durch die matt erleuchtete Straße von KarthauS zurückzugehen. Erst als er die Vorstadt hinter sich hatte, wo er nur einem Dienstmädchen und ein paar Lehr­lingen begegnet war — schritt er schneller aus und auf dem Laufstege angelangt, der über die Kahbach führte, streifte er seine Handschuhe ab. ballte sie zusammen und als er sich durch einen schnellen Umblick überzeugt, daß er allein sich auf der hölzernen Brücke befand, schleuderte er die Handschuhe hinab in den Fluß.

Aufatmend blieb er stehen und überlegte seine Lage. Er hatte hier in Liegnitz zu Nacht essen, bann ein paar Stunden schlafen wollen, um seine Fahrt nach Wien mit dem Berliner Schnellzuge, der gegen 4 Uhr morgens Liegnitz passiert, fort­zusetzen. Jetzt erschien ihm ein längeres Vcr- weilen an diesem Orte höchst peinvoll, cs drängte ihn mächtig fort. Vielleicht konnte man an der Wirtstafel, im Wartesaal deS Bahnhofsgebäudes von dem Morde sprechen, der in einer Mittelstadt wie Liegnitz doch sicher daS größte Aufsehen er­regen mußte und al$ sensationelles Ereignis schnelle Verbreitung fand.

Ein Wort — ein Farbenwechsel, konnte seine Mitwissenschaft deS schaurigen Geschehnisses ver­

lange Zeit in Peru aufgehalten hat, berichtet darüber: „Ich hatte die Peruaner meines kleinen Wohnortes stets mit der Miene größter Furcht von den Erdbeben sprechen hären und konnte nicht begreifen, wie der Ruf „trembla, trembla", d. h. die Erbe „bebt", so schrecklich wirken solle — ich hatte eben noch fein Erdbeben erlebt. Da, eines nachts! höre ich ein wildes Geschrei: „trembla, trembla!" Ich springe, aus dem Bett, um ins Freie zu stürzen. Da durchblitzt mich der Gedanke, daß ich mir doch vorgenommen, mich vom Schrecken der Mitbewohner meines Ortes nicht sinnlos ergreifen zu lassen. « Ich stehe still. Im nächsten Augenblick aber taumelte ich und die Decke über mir wogt knarrend auf und nieder. Da war cs mit meinem Mut zu Ende. Nun schreie ich selbst entsetzt „trembla, trembla" und springe zur Tür — sie ging nicht mehr auf, die Pfosten hatten sich gesenkt — nun zum Fenster und durch dieses auf die Straße und die Straße entlang ins Freie. Erst als ich dort viel Leute traf, nicht mehr angezogen als ich selbst, kam ich zur Besinnung. Nun kamen noch drei oder vier heftige Erdstöße, dann war es still. Trotz der kalten Nacht und der mangelhaften Bekleidung wagte sich niemand vor Tagesanbruch in die Stadt. Der Schaden war geringer als man er­warten konnte, ich habe aber nie wieder gespottet, wenn Peruaner nur mit größtem Schrecken von den Erdbeben sprachen."

Kehren wir nach Kalabrien zurück. Nach Lin­derung des größten Elendes wird es Aufgabe der Wissenschaft sein, festzustellen, welcher Art das dortige Erdbeben war. Man pflegt drei Gattungen zu unterscheiden: Einsturzbeben, vul­kanische und tektonische Beben. Bei den ersten nimmt man an, daß sie durch Einsturz unter­irdischer Hohlräume, wie man bas in kleinerem Maße bei verlassenen Bergwerken beobachten kann, hervorgerusen werden. Solche Erdbeben können natürlich nur von geringerem Umfang und minderer Kraft sein, auch können sie nur in Gegenden mit Salz-, Kalk-, Gips- oder äl/:lieben Formationen, die sich durch Wasser zu Höhlen auswaschen lassen, Vorkommen. Die zweite Gat­tung, die vulkanische, wird der Einwirkung vul­kanischer Tätigkeit zugewiesen. Diese Art Beben kann der getoattigen Kraft der Vulkane entspre­chend von größter Ausdehnung, wie furchtbarster Wirkung sein. Die eigentlichen Erdbeben sind aber die tektonischen, d. h. die durch Zusammen- schrumpfungen der Erdkruste entstehenden Be­wegungen und Senkungen der letzteren.

Zur kurzen Erklärung Miß hier voraus ge­schickt werden, daß nach der jetzt allgemein gütigen Kant-Laplaceschen Theorie die Erde sich als Gas­ball von dem Gasball der Sonne abgetrennt hat und in dem toeit mehr als eiskalten Welttaum von außen her. zu einer glühendflüssigen, dann später zu einer festen Masse erkaltet ist. Wie weit diese Erkaltung bis jetzt nach innen vorge­drungen ist, darüber bestehen Meinungsvcrschie- benheiten, die sich ans verschiedenartigen Rech- nungsergebnissen folgern. Ungefähr einig ist man sich aber, daß die jetzige feste, starre Schale des Erdäußern kaum mehr als 100-200 Kilometer stark ist, während der Erdhalbmesser ettoa 6400 Kilometer beträgt. Da nun ein heißer Körper einen größeren Raum einnimmt als derselbe, um einen Grad erkaltete Körper, muß das Erdinnere infolge seiner steten Erkaltung von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag kleiner an Gestalt werden und die harte Erdkruste auf diesen kleiner werbenden Körper stetig nachsinken, und teilweis sich in ein­ander schieben. Dieses Nachsinken gibt die Ur­sache zu den tektonischen Erdbeben, die wie früher- bemerft, sozusagen keinen Augenblick aufhören und nur in ihrer Stärke und Einzelbauer ganz verschieden sind. So werden Erdbeben bemerkt, die nut von feinsten Instrumenten registriert raten, ihn verdächtig machen. Vielleicht war er auch in der Vorstadt gesehen worden, auf dem Heimwege zum Friedhöfe — wer konnte das wis­sen, da gab es möglicherweise Anlaß zu Gerede.

Alles in allem genommen, war es am geraten­sten, Liegnitz so bald als möglich zu verlasseir, ehe seine Person erst hier bekannter wurde.

Um 9 Uhr ging ein sogenannter Bummelzug, der auf allen, auch den kleinsten Stationen, Halt machte, nach Breslau, den Zug wollte er benutzen.

Einmal in Breslau angelangt, hatte er Zeit, in irgend einem Restaurant sich durch Speise uitb Trank zu stärken, bann den Zentral-Bahnhof auf­zusuchen und dort, wo stets viel Gedränge und ein großer Zusammenstoß von Reisenden herrschte, so daß man auf ihn kaum achten würde, die Ab­fahrt des Schnellzuges abzuwarten.

Schon die Vorstellung, bald von Liegnitz fort­zukommen, erleichterte Ullrich, dem faktisch der Boden unter den Füßen brannte. Er verließ den Laufsteg und bog in die Straße ein, welche in direkter Linie zum Bahnhofsgebäude führte. Die­selbe war jetzt belebt, da die Reisenden, die eben mit dem Breslauer Zug gekommen, hier durch- passierten.

In schnellem Trabe kam ein zweisvänniger Mietswaaen daher, Ullrich, der eben erst in die Straße eingebogen war, hatte gerade noch Zeit, zur Seite zu springen und unter einem Gas- Kandelaber Posto zu fassen, sonst hätten die Pferde ihn niedergerissen. Er rief dem Kutscher ein Scheltwort zu, daS dieser mit einer Flut von Schimpfreden beantwortete.

Einige Passanten ergriffen für Ullrich Partei, ein junger Bursche fiel sogar dem Handpferd in die Zügel.

Da wurde daS Wagenfenster herabgelassen, ein weiblicher Kopf kam z"m Vorschein, durch eine aroße, dunkle Kapuze fast nonnenhaft verhüllt.

(Fortsetzung folgt.)