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Ito Weiter: 3- Saum

32. Jahrgang

Fulda, Mittwoch, deu 11. Oktober 1905.

M 233.

Anzeigen: Vie ei» spaltig« Petitzeile oder deren Baum iS pfg. Betiamen die Petitzeile 25 Pfg.; bei Wieder­holungen wird entspr. Babatt gewShrt.

Botationrdruck u. Verlag der.«uldaer Ak­tiendruckerei in Sulba. Kernfprecher Br. 9.

monatsidiage: „Zul-aer SeschichtrblStter"

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Zweit s Matt.

Grganisation der taien im Dienste der christlichen Charitas

war das Thema, welches der Zentrumsabgeord- nete Professor Dr. Faßbender aufdemChari- tastaqe in Dortmund behandelt. Die Rede be­handelte folgende Leitsätze:

1. Gegenüber dem stetig wachsenden Einfluß der durch die Sozialdemokratie genährten Illusionen falicher Volksbeglückung, sowie unter Berücksichtigung der im Anschluß an die soziale Gesetzgebung ins Leben tretenden mannigfachen und ausgedehnten Wohlfabrtseinrichtungen einer­seits und der im Namen des Christentums so­wohl, wie auf dem Boden reiner Humanität von zahlreichen Körperschaften 'innere Mission der Protestanten, Heilsarmee, Gesellschaften für ethische Kultur re.) in organisierter Form freiwillig aeüb^-r Liebestätigkeit erscheint es dringend not« wcnu.g, baß die Katholiken in ihrem Eifer für Bekämpfung von Laster und Armut sich auch nicht mit Einzelarbeit, und wäre sie noch von so großer Begeisterung für Gottes Ehre und der Menschen Heil eingegeben, begnügen, sondern ebenfalls dasjenige natürliche Mittel im ausge­dehntesten Maße zur Anwendung bringen, wel­ches Vernunft und Erfahrung als am besten ge­eignet zur Steigerung des Erfolges jeglicher Tätigkeit bezeichnen: es ist eben die Form der in gemeinsamen, zweckmäßig geordneten Ver­anstaltungen durchgeführten Arbeit für die „Ge­ringsten". Dabei ist festzuhalten, daß selbstver­ständlich nicht allein das Beispiel der auf dem Boden einer anderen Lebensanschauung stehenden Volkskreise einen ausreichenden Grund für eine gesteigerte organisierte Tätigkeit der Katholiken abgeben soll, das ausschlaggebende Motiv darr nur die in wahrer Gottesliebe wurzelnde Nächstenliebe fein, w siche naturgemäß die organi­sierte Form um des größeren Arbeitserfolges willen wählen muß, wenn sie eine wahrhaft tat­kräftige Liebe sein will.

2. Neben den schon bestehenden und künftig noch ins Leben zu rufenden Einrichtungen der einzelnen Arten und Erscheinungsformen leib­licher und geistiger Not bedarf es einer allge­meinen Organisation für soziale Hy­giene und Krankenpflege, welche die Tätig­keit der geordneten Seelsorge und der speziellen Zwecken dienenden Charitasanstalten ergänzt und demnach folgende Aufgaben zu erfülle» hat:

a) Das Elend bei den der Kirche entfremdeten Volksmassen in seinen Schlupfwinkeln selbst aufmstöbern und durch persönlichen Besuch in den Behausungen eine persönliche Ein­wirkung von Mensch zu Menschen, von Herz zu Herzen zu versuchen.

b) Bei den religiös Verwahrlosten die Ver­bindung mit der geordneten Seelsorge wieder Hermstellen suchen und auf die mit sittlicher oder materieller Not Behafteten entweder unter Belassung in ihren Verhält­nissen sittlich erziehend und materiell unter­stützend nach den Grundsätzen: „Erziehung zur Selbsterziehung" und „Hilfe zur Selbst­hilfe" einzuwirken oder geeignete Fälle aus den gegebenen Verhältnissen herauszuheben und sie in eine Umgebung zu bringen, wo die nächste Gelegenheit zur Sünde ausge- fchloflen, oder sie auch der betreffenden körperlichen oder seelischen Not entsprechen­den Anstalten zu überweisen.

c) Die aus charitativen Anstalten gebessert Enttasfenen (Alkoholkranke, gefallene Mäd­chen re.), sowie entlassene Gefangene unter Obhut zu halten und vor Rückfällen zu bewahren.

3. Die Lösung dieser drei Aufgaben steht in engstem inneren Zusammenhänge und kann daher von derselben Organisation in die Hand genom- n en werden. Diese zu schaffen, bedarf es aber der umfassenden und begeisterten Beihilfe einer von wahrer, aufrichtiger und inniger Gottes- und Menschenliebe erfüllten Saienmuffe in katholischen Kreisen.

4. Die Organisation eines katholischen Laien­apostolates in zwei geionderten Abteilungen sür Männer und Frauen ist dringendstes Bedürfnis Der Gegenwart aus hauptsächlich vier Gründen:

a) Weil der Klerus, besonders in den großen und mittleren Städten, an Zahl zu gering und infolgedessen amtlich zu sehr überlastet ist, als daß er neben den durch die geist­liche Behörde berusswäßig vorgeichriebenen und aus dem Amte mti Notwendigkeit sich ergebenden Amtshandlungen die bezeichneten Tätigkeiten nebenbei besorgen könnte.

b) Weil die durch ungläubige Agitatoren in den Städten in großem Umfange verhetzten und fanatisierten Volksmassen dem Klerus und den Ordenspersonen ohne eine Ver­mittelungs-Instanz vielfach Mißtrauen ent- zegenbringen, indem man von diesen von vornherein nicht wohlwollende Hilfe erwar­tet, sondern aus Egoismus betriebene Prose- lntenmackerei wittert.

c) Weil eine religiös - sittliche Zusprache ans Laienmunde, bei der man das herzliche und innige Wohlwollen herausfühlen kann, unter Umständen oft viel wirksamer ist, als wenn dasselbe und mit nach größerer Innigkeit gesagt wird von einer Stelle, von der man es zu hören gewohnt ist und bei der man voraussetzt, daß berufsmäßig so gesprochen werden müsse.

d) Weil bei der Lösung der erwähnten drei Aufgaben auch vielfach praktische Fragen geschäftlicher Natur in Betracht kommen, die von den Leuten weltlicher Berufe eine fachkundigere Erledigung finden können, als von Geistlichen, denen diese Dinge bemfs- mäßig ferner liegen.

5. Soll die Tätigkeit einer solchen Organi­sation fruchtbringend gestaltet werden, so müssen ihre Mitglieder von dem Streben nach wahrer Selbstheiligung und Nächstenliebe gleichermaßen berücksichtigenden sittlichen Vervollkommnung be­seelt sein und aus dieser Grundlage sich von reiner Herzensgüte, aufrichtiger Teilnahme und feinem Taktgefühl bei ihrer Tätigkeit leiten lassen.

6. Die gute und reine Gesinnung ist aber allein nicht ausreichend. Es bedarf auch einer fachmäßigen Ausbildung auf dem Gesamtgebiet der charitativen Pflegetätigkeit für alle Mitglieder der Organisation, da einerseits ein Vorgehen nach einheitlichen Gesichtspunkten von größter Bedeutung, anderseits etwaige Fehlgriffe von un­absehbaren Folgen sein würden. Es ist indessen nicht erforderlich, daß für alle Mitglieder der Organisation diese Ausbildung die gleiche und in derselben Weise verwickelte ist.

7. Die Organisation muß neben einer für ganz Deutfchland bestimmten Zentralstellemiteinem berufsmäßig tätigen Vorstände und nebenamt­lich tätigen Aufsichtsrate Ortsgruppen in den einzelnen Städten besitzen und die sämtlichen Mit­glieder sind in berufsmäßige und neben­amtlich tätige Charitashelfer zu scheiden.

8. Als Ortsgruppen können die zeitgemäß ausgebaut en Mn cenzvereine, Mi! glieder des dritten Ordens und andere dem Streben nach christlicher Vollkommenheit gewidmete Körpkrschasten sich je nach den örtlichen Verhältnissen der in Rede stehenden Organisation anschließen.

9. Die berufsmäßigen Mitglieder sind nach entsprechender AusbiÜmng den Ortsgruppen zu­zuteilen und haben als solche einerseits die Schulung der nebenamtlich wirkenden Mitglieder auf charttativem Gebiete in Kursen vorzunehmen und durch ihr Beispiel diese amueifern, sowie anderseits diejenigen Charitasarbeiten der Orts­gruppen zu besorgen, die nebenamtlich sich nicht aussühren lassen.

10. Die berufsmäßigen Mitglieder finden ihre Ausbildung in einer eigenen Charitassmule, welche ihre juristische Grundlage in einer gemein­nützigen „Gesellschaft mit beschränkter Haftung" finden könnte und deren Bildungsprogramm folgende Gesichtspunkte enthalten müßte:

a) Die Vermittlung theoretischer Kenntnisse und praktischer Hebung auf charitalivem Gebiete, sowie religiöse Charakterbildung für die Mitglieder selbst, sind gleichmäßig zu berücksichtigen und lebensvolle Anleitung zu sittlicher Selbsterziehung und sozialem Wirken im Dienste der christlichen Gemein­schaft zu geben.

b) Der Unterricht hat sich zu erstrecken auf

I. Religionslehre mit Hebungen der Willensbildungin Selbstverleugnung und Selbstzucht;

II. Dolksp siege als Hebersicht über das ganze Gebiet der sozialen Frage der ge­samten sozialen Fürsorgetätigkeit und gegenseitigen Hilfeleistung in Stadt und Land, Wohltätigkeit und Wohlfahrts- ; pflege, der natückichen und religiösen Volkserziehung, der Pflege der Volks- gesundheit und des Gemütslebens im Volke.

c) Der Unterricht ist mit praktischenHebimgen hn Dienste der Charitas, mit Konversation und ausgedehntem Besuch von Wohliahrts- einrichtungen und Wohltätigkeitsanstalten zu verbinden.

d) Die Aufnahme erfolgt erst nach einem bei einer charitativenKörperschaft in praktischer Arbeit verbrachten Jahre.

11. Die Charitasschule bildet zugleich eine geeignete Vorbildungsanstalt für Sekretäre und berufsmäßige Hilfsarbeiter der verschiedensten Charitaskörperfchasten, die nicht in direktem Zu­sammenhänge mit der in Frage stehenden Laien- organisation stehen. Auch können an der Chari- tasfchule außer dem mindestens ein Jahr bniernben ordnungsmäßigen Lehrkursus für die berufsmäßigen Charitashelfer kürzere einige Wochen oder nur eine Woche oder auch nur einige Tage währende Charitaskurse für Studenten, Lehrer und Angehörige der ver­schiedensten Berufe, die sich auf dem Gebiete oer Charitas unterrichten wollen, abgehalten werden.

12. Die Charftasschule kann zugleich in den Dienst des Kampfes gegen schlechte Lektüre ge­stellt werden, - eine Aufgabe, welche mit den oben gekennzeichneten Zielen der Laienorgani­sation im engsten Zusammenhänge .steht — in-

dew sie mit einer Druckerei verbunden wird und in dieser Volksschriftenund eine das ganze Gebiet der Wohltätigkeit und Wohl­fahrtspflege umfassende, dem Geschmack des Volkes angepaßte und recht volkstümlich gehal­tene, illustrierte billige Wochenschrift heraus­gibt, welche nicht im Wege der gewöhnlichen Kolportage (durch Kolporteure) ober im Buch­handel, sondern in , den Ortsgruppen der ge­planten Laienorganisation durch deren Mit­glieder in den Wohnungen der arbeitenden Volksklassen vertrieben werden.

13. Durch solchen in den Häusern nach Art der schlechten Kolportage vorzunehmenden Vertrieb des gemeinnützigen Wochenblattes und guter Volksschriften erreichen die Charitashelfer vier Zwecke:

a) sie verdrängen schlechte Lektüre;

b) sie wirken sittlich veredelnd durch gute Schriften, also durch das gedruckte Wort in demselben Sinne, wie durch die persön­liche, mündliche Zusprache;

o) der Vertrieb der Drucksachen gibt die un­auffällige Veranlassung ab, daß die Cha­ritashelfer in alle Wohnungen gehen können, um das "Elend m Dachstuben und Kellerwohnungen aufzusuchen und die un­glücklichen in Fesseln des Lasters und der Armut geschlagenen Mitmenschen auf die Hilfe, die ihnen geboten werden kann, in liebevoller und freundlicher Unterhaltung hinzuweisen!

d) der Vertrieb der Drucksachen wirft Mittel für Charitaszwecke ab.

Zur Beratung der Leitsätze wurde eine Kom­mission gewählt, welche besteht aus: Stadt­pfarrer Baltels-Bieleseld, Prof. Dr. Faßbender, Landesrat Horon-Düsfeldorf, Pfarrer Dr.Moxen- Hannover, Reichsgraf Oppersdorfs-Obergwgau, Charitassekretär Dr. Paltzgeber-Berlin. Mögen die Arbeiten der Kommission von Erfolg be­gleitet fein!

kl c. Saalburg und Saalburgjunbe.

Beobachtungen einer Dame. Bon Jlse-DoreTanner.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Seit unser Kaiser zu wiederholten Malen sein reges Interesse für die Saalburg gezeigt hat, ist das alte Nämerkastell mehr denn je alljährlich das Ziel vieler Vergniigungsreisenden, oder Badegäste aus Homburg und den umliegenden Badeorten. Eine Unmenge Ansichtskarten werden da oben ver­schrieben, aber wirkliches Interesse und Verständ­nis fehlt sehr oft, und man begegnet meist einer er­staunlichen Unkenntnis darüber, was eigentlich die Saalburg ist. Die meisten stellen sich darunter eine große Burg nut festen Türmen und Zinnen vor, etwa wie die Wartburg oder das Heidelberger 2t' ß, und sind daher zuerst meist etwas ent- täns ■•(.

Offen gestanden ging es auch mir zuerst so, aber es dauerte nicht lange, dann stand ich ganz im Banne der großen Vergangenheit, und ließ eine eigenartige Umgebung auf mich wirken.

Zauberhaft erscheint es, daß die alten, längst verfallenen und versunkenen Mauern, die Zeugen römischer Herrschaft, römischen Lebens und Trei­bens mitten im alten Germanien gewesen, wieder genau so allferstanden sind, wie sie einst gewesen — ein Dornröschenschloß narb über lOOÖjähriaem Schlaf zu neuem Leben erwacht. Und doch ist das kein wirkliches Leben, tot und still liegen die mäch­tigen Mauern des alten Römerkastell?, öd sind die Gemächer und Höfe, verlassen steht der Ziehbrun- :cn, unb nur neugierige Alkgen moderner Men- chklr betrachten staunend die wiedererftandenen seucien einer längst versunkenen Kultur.

Die Römer errichteten das Saalblrrakastell, als ie von dem fruchtbaren Lahn- und Maingebiet llesitz ergriffen batten und es gegen die Einfälle wilder, beiLtetuftiger, germanischer Dälkerstämme schützen mußten, wenn sie sich Laikd und Bevölke- rung nutzbar machen wollten. Die sichere ktabres- zabl, wann das Kastell erbaut worden ist, steht nicht fest, doch muß es um ungefähr 100 Jahre n. CH. gewesen sein, denn von 138 sind bereits Anschriften auf der Saalburg gefunden worden. Richt weit von der Saalburg beginnt der Pfatl- zraben oder „Limes", ein Wall mit davorliegendem Graben, der das ganze Saalburgaebiet umzieht, sich vorn Niederrhein bis an die Donau erstreckt und in Verbindung mit Kastellen, und Warttür­men, die von den Römern beherrschten Gebiete ibfpcrren sollte. Außer der Saalburg sind noch die Taunus-Kastelle, Kappersburg und Zugmantel bekannt, doch scheint die Saalburg das wichtigste gewesen zu fein.

Heber der schönen porta decumana, durch die man das Saalburgkastell betritt, steht über dem Standbild des Kaisers Antonius pins in lateini­scher Sprache, Kaiser Wilhelms schöne Inschrift:

Wilhelm II. Friedrich“ II f sohn, des Grossen Wilhelms Enkel, Hess im fünfzehnten Jahre seiner Regierung zur ehrenvollen Erinnerung an seine Eltern das römische LimeskasteTI Saalburg wieder- hers* eilen.

Wahrlich, noch noch Jahrhunderten wird man rühmend des Wiedererbauers der Saalburg ge­denken, der sich selbst ehrte, indem er fremde Größe, fremde Art ehrte und kommenden Ge­schlechtern bewahrte, ehe die mächtige alles vernich­tende Hand dec Zeit auch die letzten Spuren römischer Kultur in Deutschland auslöschte.

Wir, die wir auf unsere heutige Kultur, unser Wissen so stolz sind, stehen bewundernd vor die­sem, fdbft den modernen Ansprüchen genügenden Bauwerke. Sind doch sogar unterirdische Heu­

anlagen den Römern jener fernen Epoche nicht fremd < 'wesen. Exerzierhalle, Montiernngskam- mer, Zeughaus, heizbare Bureaus, Offizierwoh­nungen, alles war vorhanden.

Besonders gut eingerichtet für nufere Begriffe war die allerdings jetzt noch nicht wieder aufge­baute Badeanstalt, die einen Ramn zum Aus- und Ankleiden, einen heizbaren Wasserbehälter mit einer Sitzbank, ein Kaltbad sowie ein Schwitzbad enthielt. Das Wasser konnte durch eine unter­irdische Heizanlage erwärmt werden. Rings um das Kastell sind noch viele zerfallene Bauwerke und Manern, an denen noch eifrig nach Funden ge- graben toirb, um dann auf den alten Fundamen­ten weiter zu bauen, und sie vor dem Verfall zu schützen. Das geschieht, indem man die oberen Schichten der Mauern ablegt, und daun wieder in Zement so aufmauert, daß auf der Maner eine flache, wasserdichte Mulde gebildet wird. Diese wird mit guter Erde gefüllt und mit Rasenstücken gedeckt. In der Mulde hält sich die Feuchtigkeit, und das Gras schlägt immer wieder neu aus, gibt den Mauern eine natürliche und malerische Decke und schützt sie gleichzeitig.

Uebrigens hat die Saalburg im Mittelalter den Bauern der Umgegend als Steinbruch gedient, sie bauten mit Vorliebe ihre Küchen und Backöfen aus den Steinen des Kastells, und als man 1721 die Stollen des Fahrbornbergwerks baute, und 1816 die Straße von Homburg nach Usingen, war es wieder die Saalburg, die die Steine dazu her- geben mußte, ebenso zum Bau des Homburger Schlosses. Ein Wunder, daß überhaupt noch so­viel übrig geblieben, und ein Zeichen für die Größe des Baues.

Bekanntlich sind sehr viele wertvolle Funde auf der Saalburg gemacht worden. Sie werden fetzt im Pretorium des Kastells, das auf Befehl Kaiser Wilhelms als Limesmuseum wiederhergestellt wurde, aufbewahrt. Es werden noch forkwährend Nachgrabungen angestellt, die manchmal tagelang ergebnislos sind, manchmal eine Menge wertvolle Funde zutage fördern. Wir sprachen einige alte Arbeiter an, die mit den Ausgrabungen beschäftigt waren, und fragten sie nach Möglichkeit über ihre intereijante Arbeit aus. Ein Herr meinte: „Hört mal, Leute, wenn Ihr nun jeder von den schönen Damen eine von den gefundenen Münzen zum Andenken an die Saalburg schenken würdet, wür­det Ihr nicht schlecht dabei fahren und niemand würde etwas merken."

„Nee, nee Herr", meinte der eine Alte, die Worte offenbar für ernst nehmend, kopfschüttelnd „davon Habben wer nichts. Da braucht nur so a Herre, so a Forscher, ober wie mer's nennt, zu kumme und die Münz' zu sehe, nachher fraget er Sie, woher Sie die habbe, nee, nee das tue mer nicht." Und keine Ueberredungskunst konnte ihn dazu bewegen, uns eine Münze auch nur in die Hand zu neben — der Staat kennt seine Leute.

Das Museum ist hochinteressant. Der weib­liche Teil der Besucher bewundert besonders die teilweise noch vorzüglich erhaltenen Gefäße. Schade nur, daß man sich nichts davon als Andenken mit« nehmen kann, sie würden einen schönen und eigen­artigen Schmuck unserer Wandbretter abgeben.

Am häufinsten wurde das eigentliche Kochge­schirr der Römer gefunden, oben breite, unten spitze Töpfe, und Schüsseln mit geradem Rande, Deckel und flache Teller, auch einhenklige und zweihenklige Krüge in ieder Größe. Wunderschön sind die sogenannten Sigillatagefäße mit dunkel­roter, spiegelnder Glasur, die nachzumachen unse­ren Töpfereien bis jetzt noch nicht gelungen ist.

Hübsche Ranken- und Figurenmuster sind auf den dunklere" Gesäßen angebracht, und einige zei­gen Trinksvrüche, wie z B. Da bihere — Gib zu Trinken. Eine große, flache, massive Schüssel mit breitem Rande scheint ein sehr gebräuchliches Haus­gerät, wie man meint, eine Reibeschale gewesen zu fein, sie ist besonders häufig gefunden worden. An vielen Getäßen ist der Name de? Töpfers an­gebracht. 325 verschiedene Fabrikanten sollen allein auf der Saalburg zu finden 'ein.

Die Gegenstände aus Bronze, Blei, sowie hie Münzen, die gesunden wurden, sind für den Laien weniger interessant, aber die zahlreichen Schmuck­sachen: Gewaudnadeln, Knöpfe, Beschläge, Ringe erregen allgemein das Interesse der Besucher, und die sehr hübschen Nachbildungen der Gewandna­deln, die man auf der Saalburg zu kaufen be­kommt, finden viel Anklang. Viele Schmucksachen sind mit Schmelz verschiedenfarbigen Steinen und Perlen eingelegt. Natürlich sind die Sachen jetzt grün oridiert, was die schöne Wirkung beeinträch­tigt, früher haben sie fedenfalls den charakteristi­schen, goldgelben Messingglanz gehabt.

Von den vielen anderen Funden, Gegenständen ans Holz und Leder, Münzen usw. interessiert noch besonders die Hälfte eines stark gestickten Leder­wamses. Ein Künstler und Spaßvogel hat die Wände des, vor dem eigentlichen Kastell gelegenen, früheren römischen Wirtshauses mit Bildern ge­schmückt, die die Geschichte dieses „verrissenen Ka- misols" darstellen sollen, nach dem Scheffelschen Gedicht „Am Grenzenwall."--

Noch viel des Interessanten und Schönen bietet die Saalbnrg jedem einigermaßen verständ­nisvollen Besucher, aber es würde hier zu weit führen, auf alles einzugehen. Es ist innig zu wünschen, daß auch die weiteren Ausgrabungen von Erfolg begleitet fein möchten, damit uns für spätere Zeiten ein recht vollkommenes Bild von der hohen Kultur des römischen Volkes erhalten werde. -