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Rotationsdruck u. Verlag der Huldaer Ac- tiendruckerei inHulda.

Zernsprecher Nr. 9.

M 233.

Fulda, Mittwoch, den 11. Oktober 1905.

32. Jahrgang.

Krstes ^3ratt.

(*) Der Streif in Öen Berliner Elektrizitätswerken.

Kaum jemals zuvor hat sich die Kampf» Methode der Sozialdemokratie in einem so grellen Lichte gezeigt, wie gegenwärtig bei dem Streike in der Berliner Elektrizitäts-Industrie. Der Sozialdemokratie diente dieser Streik wie jedes andere Zerwürfnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitern nur als Gelegenheit, ihren Einfluß als Partei zu vergrößern. Darum bemüht sie sich auf der einen Seite, die Arbeiter möglichst zu verhetzen und zu Schritten zu verleiten, die sie bei ruhiger Ueberlegung wohl unterlassen hätten, und auf der anderen Seite sucht sie das „Unternehmertum" mit allen möglichen Mitteln zu diskreditieren. Zu diesen Mitteln zählt in erster Linie eine ungenierte Entstellung der Talsachen.

Gerade dieses Mittel wendete der ^Vorwärts' bei dem Kampfe der Berliner Elektrizitäts-In­dustrie in einer Weise an, die selbst die sozial­demokratischen Arbeiter stutzig machen sollte. Er stellt« die Dinge gerade auf den Kopf. Nach ihm |tno <6 nickt die Arbeiter, die den Kampf begannen und ihn durch ihr Verhalten zu einer „KrafWcobe" gestaltet haben, sondern diese „Kraftprobe" war von vornherein von den Arbeitgebern beabsichtigt und zu dem Zwecke eingeleitet, die „unbequeme Organisation der Arbeiter zu vernichten, deren Selbstbewußt­sein zu zerstören. Die aufgeworfene Lohnfrage habe den „Elekrromagnaten" nur zum Vorwand ged ent, um Tausende und Abertausende von Ar­beitern auf die Straße zu setzen. Auf Grund dieser Darstellung ruft das sozialdemokratische Zentralorgan die ..Gesamtarbeiterschaft Deutsch­lands" zu tatkräftigem Eingreifen auf und nimmt eine Pose an, als wolle es demnächst zu einer Probe auf den in Jena zu Gnaden angenom­menen Generalstreik auffordern.

Verlogener kann eine Darstellung von Vor­gängen, die sich vor aller Augen abgespielt haben, kaum sein, als die hier vom,Vorwätts' gebotene. Zur rechten Zeit haben jetzt die drei in Betracht kommenden Elektrizitäts-Firmen eine akten- mäßige Schilderung des Verlaufes des Streiks von fernem Ursprünge bis zum heutigen Tage veröffentlicht, deren tat'ächliche Feststellun­gen auch der /Vorwärts anerkennen muß. Diese Fenstellungen widerlegen auf das klarste die Behcwpumg, daß die Arbeitgeber die Lohnfrage zum Vorwand berrutzt hätten, um eine „Kraft­probe" ins Werk zu setzen. Es ist nämlich nicht nur eine Tatsache, daß die Arbeitgeber in der Leheyragr wesentliche Zugeständnisse ge­macht haben, sondern es ist auch festgestellt, daß die Verirrter der beteiligten Arbeiter-Organisatio­nen den Arbeitem zur Annahme dieser Zu­geständnisse geraten haben. Hier trat nemnach auf Gelten der Gewerkschaftsführer in »wettern Gegensatz zu dem Gebühren der politi- ichen Partei da« Bestreben zutage, den gebotenen Ausgleich mit seinen Vorteilen in Kraft treten zu lasten.

Die Verhetzung der Arbeiter hinderte dieses Bestreben. Die Arbeiter, einige Hundert

der Zahl, traten in den Streik. Ihre ,

gxofcoti0=jpame.

Roman von Ernst von Waldow.

(Nachdruck verboten.)

Fröstelnd erhob sich Ullrich und wendete sich Mm Gehen, dann hielt er noch einmal den Schritt an, streckte den rechten Arm aus, die Hand wie zum Schwur in die Höhe reckend und murmelte: Nie wieder, Vater — ich schwöre es — nie will ich schwach werden!

Langsam kehrte Ullrich zur Stadt zurück. Es blieben ih,n ja noch viele Stunden, die er im War- tcsaal der Bahnhofs-Restauration zubringen mußte, wenn er der inneren Stadt nicht einen Be- such abstatten wollte, wozu er vorläufig keine Lust bertvurte.

Es war nämlich durchaus keine erfreuliche Ver­anlagung welche den jungen Mann in seine Surückführte. Vom Vater einst für die milimrische Laufbahn erzogen, hatte der Knabe einen Entschiedenen Widerwillen gegen den „Ga- malchendienst befunbet. Er wollte Kaufmann werden, weite Reisen machen, fremde Länder sehen, bEnn er besaß den Ehrgeiz, reich zu werden, viel Geld, viel Macht zu besitzen.

Seufzend hatte Hauptmann Winterfell seinen Lieblingsplan scheitern sehen, aber er liebte den Sohn zu innig, um das Opfer seiner Neigungen i.on ihm zu verlangen. Im Gegenteil, er tat alles, um Ullrich die erwähnte Laufbahn zu erleichtern'

In Frankfurt an der Oder lebte ein entfernter Verwandter des Hauptmanns, der ein grobes Bankgeschäft besaß.

Ebner & Streit war eine Firma, die einen guten Klang in der Kaufmannschaft hatte. Dort trat Ullrich mit 17 Jahren, nachdem er die Han­delsschule besucht und sich tüchtige Kenntnisse er­worben, als Praktikant ein.

Hauptmann von Winterfest erlebte noch die Freude, vom Chef der Firma Ebner & Streit

Stellung im Gesamtbetriebe mußte, wie in der Auslastung der Arbeitgeber überzeugend dar­getan wird, notwendigerweise eine Störung des Betriebes und in kurzer Zeit die völlige Lahmlegung desselben nach sich ziehen. In dieser Voraussicht kündigten die Arbeitgeber die Stillegung zweier großen Kabelwerke an, falls nicht bis zu einem bestimmten Termin die Arbeit wieder ausgenommen würde. Diese von den Arbeitern selbst heraufbeschworene Maß­nahme wurde vom ,Vorwärts' als „Brutalität" bezeichnet. Mit welchem Rechte, geht aus den obigen Darlegungen hervor. Die eingeleiteten Emigungsversuche scheiterten, obwohl sich die Arbeitgeber bereit erklärten, die früher gemachten Zusagen aufrecht zu erhalten. Die Aussperrung von 20000 Arbeitern wurde zur Tatsache. Die Arbeiter antworreten mit „Sym­pathie-Streiks" und infolgedessen feiern heute an 35 000 Arbeiter in Berlin und Umgebung.

Wie wenig es den beteiligten Unternehmern darum zu tun war, die Organisation der Arbeiter zu zerstören, lehrt schon der Umstand, daß sie sich bereitwillig dazu verstanden, dem Wunsche der Arbeiter gemäß außer den Vertretern der Arbeiter der einzelnen Werke auch Vertreter der in Bestacht kommenden Arbeiterorgani­sationen zu den Verhandlungen hinzuzuziehen. Mit Recht weisen die beteiligten Firmen daher auch die Behauptung zurück, pe beabsichtigten, den Arbeitern ihre Rechte zu verkümmern oder einzuschränken.

Bekanntlich haben sich die Berliner Metall- Industriellen mit den Elektrizitäts-Firmen solidarisch erklärt. Für die nächsten Tage droht damit die Aussperrung von weiteren 20 000 Arbeitern. Wird es dazu kommen? Wenn die Arbeiter ihrer eigenen Einsicht ohne Behinderung folgen könnten, würde zweifellos, das ist die herrschende Ansicht in Bürger-wie Aroeiterkreisen der Reichshauptstadt, eine Einigung leicht sein. Aber die Sozialdemokratie betreibt die Hetzarbeit weiter. Ob sich die Arbeiter im Reiche vom .Vorwärts' blenden lasten werden? Wenn sie die Dinge unbefangen prüfen, müffen sie das Verfahren der Sozialdemokratie als frivol bezeichnen. Zu dieser Frivolität paßt auch Der von der sozialdemokratischen Fraktion der Berliner Stadtverordnetenversammlung vor­bereitete Antrag, der Magistrat solle aus städtischen Mitteln 500 OÖO Mark für die ausgesperrten Elektrizitäts-Arbeiter auswerfen und den beteiligten Arbeiterorganisationen zur Verfügung stellen. Die ,Fr. D. Pr.' hat Recht, wenn sie diese Karrikierung des sozialpolitischen Vorgehens des Oberbürgermeisters von Effenals „das Höchste an Unverfrorenheit" bezeichnet, was man der bürgerlichen Gesellschaft zu bieten wage.

Deutsches Reich.

Berlin, den 10. Oktober 1905.

—* Zu der Vermählung des Herzogs Karl Eduard von Sachsen-Koburg und Gotha mit der Prinzessin Victoria Adelheid zuSchles- wig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, welche am Mittwoch in Glücksburg stattfinden wird, schreibt die /Norddeutsche Allgern. Zeitung': „Durch dieses festliche Ereignis, das sich in An­wesenheit des deutschen Kaiserpaares und zahl- reicker Fürstlickkeiten vollziehen wird, knüpft sich

das Lob des Sohnes zu vernehmen, in der ihm be­kannten kurzen und trockenen Weife des Vetters, dann erkrankte er an einem typhösen Fieber, dem er erlag.

Für Ullrich begann eine trübe Zeit. Wenn er dem Vater auch fern gewesen, so hatte doch das un­sichtbare Band der Liebe ihn eng mit ihm ver­bunden. Jetzt fühlte er sich plötzlich losgelöst von allen Familienbanden, einsam in der Welt stehend, und auf sich selbst angewiesen, denn der Prinzipal, ein alter Hagestolz, kümmerte sich um seine Schrei­ber und Buchhalter nur im Bureaudienst.

Die geringe Hinterlassenschaft des Vaters war im Bankhaus Ebner & Streit deponiert worden und Ullrich gehörte mit 19 Jahren zu den Ange­stellten des Hauses.

Jetzt erweiterte sich der Kreis seiner Bekannt­schaften. Als Offizierskind war er in der Gesell­schaft junger Lebemänner, flotter Fähnriche und junger Leutnants gern ausgenommen worden und verstand sich auch recht bald beliebt zu machen.

Leider huldigte man in diesen Kreisen dem Spielteufel und Ullrich machte die befremdliche Er­fahrung, daß er ein leidenschaftlicher Spieler sei. Wenn er am Spieltisch saß, dann verwandelte sich fein ganzes Wesen, die blauen Augen erschienen dunkler, die gewöhnlich bleichen Wangen röteten sich, fieberhafte Spannung prägte sich in allen Zügen aus.

Der junge Mann spielte mit wechselndem Glück, doch geriet er nach Jahr und Tag in Schulden, und der Prinzipal, dem manches über die Lebens­weise seines Buchhalters zu Ohren gekommen war, machte ihm ernste Vorstellungen.

Eine kleine Weile schienen die Ermahnungen auf guten Boden gefallen, denn Ullrich ward nicht mehr in dem Hinterzimmer des Roten Löwen ge­sehen, wo die jungen Herrchen in aller Heimlich­keit dem ;,@ott Pharao" opferten. Und dann hatte eine zufällige Begegnung, einige spottende Bemer­kungen über den Musterknaben Ullrich Winter- fclt — dem der gestrenge Chef verboten habe, nach der Polizeistuirde außer Hause zu sein — den

von neuem ein Band der Verwandtschaft auch zwischen dem Hohenzollernhause und dem jungen Ernestinischen Fürsten. Ueberall in deutschen Landen bringt man dem Herzensbunde des er­lauchten Paares freudige Glückwünsche entgegen. Möchte auf dieser Ehe reicher Segen ruhen, möchte von ihr zum Heile der beiden sächsischen Herzogtümer eine neue Linie des alten deutschen Fürstenhauses ausgehen und durch viele Ge­schlechter blühen."

Gegen den Minister Möller hatte die .Deutsche Tageszeitung' am Montag einen An­griff gerichtet, der speziell das Verhalten des Ministers in der „verfahrenen Hiberniaangelegen- heit" kritisierte. Die Angriffe des agrarischen Organs werden in der Berliner Presse lebhaft besprochen. Das /Berliner Tageblatt' bemerkt zu der Schlußfolgerung der .Deutschen Tages­zeitung', daß es einem anderen Minister hoffent­lich gelingen werde, die Angelegenheit zu regeln: „Wie wir hören, sind inzwischen noch von keinem der Beteiligten Instruktionen ergangen zur Weiterführung der Verhandlungen, so daß die Angelegenheit in eine neue Phase bisher nicht getreten ist. Wann dies der Fall fein wird, ist bei der außerordentlichen Wichtigkeit, welche die der Erledigung harrenden Fragen für weite Kreise haben, und bei den vielen bei der Prüfung der bisherigen Vorschläge in betracht kommenden Stellen noch nicht abzusehen."

(*) Die von verschiedenen Blättern kürzlich gebrachte Mitteilung, daß die Stellung des Oberpräsidenten Grafen von Zedlitz infolge der Verkäufe schlesischer Güter an Polen erschüttert, sei, wird der.Freien deutschen Presse' von „kundiger Seite" als vollkommen unrichtig bezeichnet. Die Stellung des Oberpräsidenten sei in keiner Weise erschüttert.

** Der Vertreter des bayerischen Wahlkreises Donauwörth seit 1898, der Zentrumsab­geordnete Geist!. Rat Dr. Weißcnhagen ist gestorben. Derselbe war am 20. Mai 1849 in Erzhausen im Eichsfeld geboren, absolvierte das Gymnasium in Heiligenstadt, studierte von 1869 bis 1875 an der gregorianiichen Universität in Rom und wirkte von 1875 an in der Seelsorge in der Diözese Eichstätt, zuletzt als Stadtpfarrer und Dekan in Monheim (Schwaben).

§ Die fünf großen Festversammlungen, welche am Montag abend aus Anlaß der Ersten all­gemeine» katholischen Missionsfeicr in Berlin abgehalten wurden, waren sehr stark besucht. 9ßie wir bereits gestern erwähnten, gehörte auch der apostolische Protonotar Graf Vay vonVaya zu den Rednern. Er sprach über die Bedeutung der Miffkonen sowohl für die heidnische Bevölke­rung als auch für die bereits christliche Be­wohner. Redner betonte, wie wichtig es fei, daß die eingewanderte christlichen Bevölkerung durchdrungen sei von der großen Aufgabe, die sie in kultureller und religiöser Beziehung gegen­über den Eingeborenen habe, und daß sie ins­besondere durch ihr eigenes sittliches Verhalten die Arbetten der Miffionare zu unterstützen be­rufen fei. Die Europäer müßten vor allem durch ihr eigenes Beispiel den Eingeborenen den deutlichen Beweis von der Erhabenheit der christlichen Kulttrr vor Augen führen. Der hochw. Herr schilderte sodann zunächst die sozialen und kommerziellen Verhältnisse verschiedener Kolonien und die praklische Arbeit der Missionare für das allgemeine Wohl in wirtschaft!'cher Be­

ziehung und erörterte dann die moralische Be­deutung der Missionen unter Hinweis auf die herrlichen Erfolge, ivelche die katholische Kirche feit Jahrhunderten in den fremden Weltteilen gehabt hat. Am Schluffe seiner Rede wies er auf den übernatürlichen Wert der christlichen Miffionsarbeit hin und spendete den deutschen Katholiken hohes Lob für ihre so oft bewiesene tatkräftige Begeisterung, mit der sie so Großes geleistet haben für die Kultur ihres Vaterlandes, und spricht die Hoffnung aus, daß sie mit gleicher Tatkraft das wunderbare Wirken der Miffionare in den fremden Weltteilen, das so­wohl für Kirche als auch Vaterland hochbedeut­sam fei, unterstützen werden.

* Usber den künftigen Kolonialdirektor bringt die .Freie deutsche Presse' am Dienstag abermals eine Nachricht. Das Blatt schreibt, es sei ihm mitgeteilt, daß zum Direktor des Kolonial­amts der Abg. Dr. Paasche ausersehen sei. Das freisinnige Organ ziveiselt jedoch an der Richtigkeit dieser Mitteilung, da Dr. Paasche denn doch nicht das Zeug habe zu einem Ko­lonialdirektor in der jetzigen ungemein schweren Zeit. Die .Freie deutsche Presse' meint, daß, wenn dennoch Dr. Paasche auf diesen Posten be­rufen würde, eine zweite, aber „nicht verbefferte" Auflage der „Aera Buchka" erleben werde.

** In Preußen sind vom 9. dis 10 Oktober mittags 2 choleraverdächtige Erkrankungen und 8 Bazillenträger neu gemeldet worden. Die beiden Erkrankungen betreffen die Kreise Marienburg und Westpriegnitz. Die 8 Bazillenträger sind unter den Feldarbeitern des Rittergutes Stolpe im Kreiie Niederbarnim sestgestellt. Alle 8 befanden sich bereits in Beobachtung. Auf dem 9iittergute Stolpe werden zwei Baracken aufgeschlagen zur Ausnahme der cholerakrankeu Personen und der Bazillen­träger. Von den bisher gemeldeten Erkrankungen haben sieh 2 in Marienburg und 1 in Oranien­burg nicht als Cholera herauSgeftetit. Die Ge­samtzahl der Cholerafälle beträgt bis jetzt 272 Erkrankungen und 90 Todesfälle.

* Für die Landtagswahlen in Baden haben die vereinigten Liberalen und Demokraten nach der ,Franks. Ztg.' in 72 von 73 Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt. Davon entfallen 50 auf die Nationalliberalen (Zahl der Mandate im vorigen Landtag: 25), 12 auf die Deutsche Volks­partei (letzte Mandatziffer: 6), Freisinnige 3 (zu­letzt 2) und Nationalsoziale 1 (0). Das Zen­trum (zuletzt 23 Mandate) hat in 67, die Sozial­demokratie (zuletzt 6 Mandate« in allen 73 Wahlkreisen Kandidaten ausgestellt. Tie Konser­vativen, im Verein mit dem Bund der Land­wirte und teilweise den Antisemiten, haben in 13 Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt. Außer­dem sind vier diverse Kandidaturen zu erwähnen.

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Ausland.

* V. allgemeiner österreichischer Katholiken­tag. Die Teilnahme am Katholikentag nurd nach den bisherigen Anmeldungen sehr stark werden. Alle Stände und Berufsvereine weiden vertreten sein. Erfreulich ist die große Anzahl von An­meldungen ans Laienkreisen. Aber auch der Klerus zeigt das größte Interesse. So sind dem vorbe­reitenden Komitee unter anderem auch Zuschriften von einer ganzen Anzahl Bischöse aus Ungarn, Bayern, Preußen, Württemberg, Luxemburg und Italien zugegangen. Der östeireichische Episkopat

jungen Mann wieder in den Strudel zurückge­zogen. Er hatte auf's neue gespielt und, nachdem er alles verloren, Geschästsgelder angegriffen.

Es war ein schreckliches Erwachen aus dem Rausche einer Leidenschaft, die sein ganzes Sein, Gewissen, Ehre übertäubt. Wie ein Gerichteter wankte Ullrich im Morgengrauen in seine Woh­nung, leichenfahl im Gesicht, mit dunkel umränder­ten, eingesunkenen Augen.

Angekleidet warf er sich auf das Lager, von Frost geschüttelt. Sollte er ein Ende machen? Tort über dem Bette hingen die Pistolen — ein Erbteil des Vaters — nein, die Waffe sollte nicht dadurch entehrt werden, daß sie einem so jämmerlich ver- pfufchten Dasein ein Ziel setzte.

Noch gab cs einen dornigeren, aber wichtigeren Weg, fein Verschulden gut zu machen: er war ja jung und konnte sühnen, was er verbrochen. Ein offenes, reuiges Geständnis und die Erklärung, den Schaden, soweit dies jetzt in feiner Macht stand, zu ersetzen — das war das einzig rechte.

Ullrich hatte den Mut, seinem Prinzipal ein Geständnis seines Vergehens zu machen. Die tiefe Zerknirschung, die, wie es schien, aufrichtige Reue besänftigten einigermaßen den strengen Mann, der den Leichtsinn des Jünglings sonst vielleicht nnnachsichtlich verdammt hätte.

Es gab keine sogenannte Rührszene — denn dergleichen liebte Herr Ebner nicht. Die Sache wurde einfach „arrangiert", das heißt, die fehlen­den 2000 <* wurden Ullrich Winterfest zur Last geschrieben, und da fein kleines Vermögen wenig mehr als 4000 ausmachte, blieb ihm wahrlich nicht viel übrig. Aber das bekümmerte Ullrich am wenigsten, hatte er sich doch ein Vergehen zu schul­den kommen lassen, das ihm selbst ganz unent­schuldbar erschien, nachdem er letzt seine Sage nüch­ternen Auges übersah.

Er hatte die Hand an unrechtes Gut gelegt und Herr Ebner wäre in seinem Rechte gewesen, wenn er den ungetreuen Buchhalter in Anklage­zustand versetzt oder mindestens seine Schande der Welt preisgegeben haben würde.

Ullrich ertrug es demnach als eine ganz gerechte -Strafe, daß sein Prinzipal ihm erklärte: er möchte aus dem Geschäft scheiden. Es war ja großmütig genug gehandelt, daß Herr Ebner über das Vor­gefallene Schweigen bewahrte und sich in den näch­sten vier Wochen eifrig bemühte, dem reuigen jun­gen Mann eine andere, für ihn geeignete Stellung zu verschaffen. Bei seinen Verbindungen war ihm dies ein Leichtes, und bald konnte er Ullrich eine in jeder Beziehung annehmbare Offerte vorlegen.

Das Bankhaus Forstenberg & Söhne in Wien suchte eine geeignete Persönlichkeit zur Gründung eines Jilialgeschäftes in Budapest, "der genauer genommen, für den Sohn des Prinzipals, welcher mit nach Ungarns Hauptstadt übersiedelte, einen tüchtigen Mithelfer und angenehmen Reisebe­gleiter.

Diesen Anforderungen fühlte sich Ullrich ge­wachsen, und da auch fein Prinzipal die gewünschte Bürgschaft für ihn leistete, der junge Mann zudem ein Verwandter des Herrn Ebner war — wurde das Geschäft abgeschlossen und Ullrich ging nach Wien. Auf dem Wege dahin hatte er Halt an dem Grabe seines Vaters gemacht.

2.

Langsam schritt Ullrich auf dem Wege, den er gekommen, der Vorstadt Karthaus zu. Seine Au­gen hatten sich ■ bereits an die hereingebrochene Dunkelheit gewöhnt, sodaß er die Umrisse der Wil- rowskischen Villa, die er gerade vor sich hatte, ge­nauer unterscheiden konnte. Unwillkürlich irrten seine Blicke die Fensterreihe entlang, cs war doch merkwürdig, daß alles fo still und dunkel in dem Hause blieb, daß es fast aussah, als wäre es un­bewohnt. Ullrich war jetzt an der Landstraße ange­langt und befand sich dem Landhaufe gegenüber, in dem er so manche frohe Stunde ziigebracht. Da blitzte ein Heller Schein auf hinter einem der Fenster des Erdgeschosses.

Aufmerksam verfolgte der junge Mann mit den Blicken die Helle, welche sich mehr und mehr ver­stärkte. Seltsam — das sah fast so aus, als flamme da drinnen ein Feuer auf; durch die Spalten der