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Huldaer W Zeitung
wochenbeilage: „Illustrierte Tonntagszeitung" Monatrbeilage: „Fuldaer Geschichtsblätter".
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Ratationrdruck u. Verlag der jiuldaer Sc» tiendruckerei m Hulda. 8«rnfprrcher Nr. 9.
Fulda, Dienstag, den 10. Oktober 1905.
32. Jahrgang.
30 232.
§ Vie große liberale Partei.
Die Auseinandersetzung, welche augenblich in der Freisinnigen Vereinigung im Gange ist, beleuchtet wieder einmal mit willkommener Scharfe die Zerrissenheit, die im Lager deS deutschen Liberalismus herrscht. Vor kurzem erst ertönte — nach altem Muster — der Ruf nach einer „großen liberalen Partei" durch die deutschen Gaue, einer Partei, die aus dem linken Flügel der Nationalliberalen, den beiden freisinnigen Parteien und den Demokraten gebildet «erden sollte, und die als vornehmste Aufgabe natürlich den Wider st and gegen den Einfluß des Zentrums in der Politik übernehmen sollte. Bei Gelegenheit der bayerischen Landtagswahlen wurde dieser Gedanke besonders gehätschelt und gepflegt, bei der Essener Reichstagsersatzwahl spielte er seine Rolle, und in Baden möchte man demnächst eine neue Probe auf die Güte der Idee machen.
In diese „Jllusionspolitik" hat schon der Wiesbadener Parteitag der freisinnigen Volkspartei einen argen Mißklang gebracht, als er eine Resolution annahm, die zwar einem Zusammengehen der genannten Partei mit der freisinnigen Vereinigung und der süddeutschen Volkspartei das Wort redete, aber die Rational-Sozialen von dem Freundschaftsbündnisse ausdrücklich ausnahm. Dadurch, daß der Führer der freisinnigen Vereinigung mit einem Tchreibebrrefe für die Rational-Sozialen und speziell für den Pastor a. D. Naumann eintrat, wurde offenbar, daß innerhalb der freisinnigen Vereinigung selbst ein scharfer Gegensatz besteht zwischen einer Anzahl alter Mitglieder derselben und den National-Sozialen und ihren Freunden. Die Abgg. Broemel und Dr. P ach nicke traten mit einer Protestkundgebung gegen Schrader auf und bekannten offen, daß dieser Gegensatz bestehe; er beruhe auf taktischen und sachlichen Meinungsverschiedenheiten.
Gleichzeitig wurde bekannt, daß die beiden genannten Abgeordneten aus dem Vorstande der freisinnigen Vereinigung ausgeschieden sind, und daß der Abg. Ernst, sowie andere Abgeordnete den Eintritt in den Vorstand adgelehnt haben. Ein Vertuschungsmanöver der „Lib. Korr.", des Parteiorgans, diente nur dazu, die Angelegenheit noch bedeutsamer erscheinen zu lassen. Einem Versuche Naumanns, den obenerwähnten Beschluß des Wiesbadener Parteitag- als „nicht ernst gemeint" hinzustellen, ist die „Freie Deutsche Presse", das Organ der Volkspartei, mit schneidender Schärfe entgegengetreten.
DaS ist in kurzen Zügen der Entwicklungsgang dieser neuesten Phase der „großen liberalen Partei". Die Presse der freisinnigen Vereinigung gibt sich schon gar keine Mühe mehr, den Zwiespalt in den Reihen dieser Partei zu vertuschen. Das „Berl. Tagebl." hat denjenigen Mitgliedern, die mit Naumann und Dr. Barthel eine Anlehnung der freisinnigen Vereinigung an die Sozialdemokratie anstrebten, schon de» Laufpaß gegeben. Herr Naumann aber glaubt in der freisinnigen Vereinigung noch Einfluß genug zu besitzen, um den Kampf gegen die andere Richtung aufnehmen zu können. Er hält sogar nach wie vor an dem Gedanken einer Einigung des „entschiedenen Liberalismus" fest und meint, diese Einigung werde schließlich durch die „Not der Zeit" erzwungen werden.
Wenn man in die Vergangenheit zurückblickt, so wird man darüber belehrt, daß der Gedanke der „großen liberalen Partei" im Laufe der Zeit mehr und mehr nach links gerückt worden ist. Früher trug sich der N a t i o n a l l i bemalt s m u s mit der Hoffnung, den Sammelpunkt für alle „Liberalen" im Lande abgeben zu
£>te Aoüotto-Dcrrne.
Roman von Ernst von Waldow.
(Nachdruck verboten.)
1. Buch.
1.
Heda, Schaffner! Warum hält denn der Zug hier auf offenem Felde?
Weil wir Mangel an Kohlen haben. Der Lokomotivführer ist mit der Maschine nach Sorau hineingefahren, um sich mit Wasser und Kohlen zu versehen und sobald dies geschehen, wird er uns holen.
So — also kein Unglück. —
Behüte Gott!
Wie weit sind wir von der Station Sorau ent- ,wrnt?
Etwa eine Viertelmeile — gut gemessen.
Da werden wir Verspätung haben?
Das wohl, 20 bis 25 Minuten
Ein mißbilligendes Gemurmel ließ sich im Innern des Wagens 3. Klasse vernehmen, zu dessen Fenster der junge Mann, welcher das eben berichtete Gespräch mit dem Schaffner geführt, seinen Kopf hinausgestreckt hatte.
Der durch andere neugierige oder ängstliche Fragen in Anspruch genommene Beamte eilte weiter an der Wagenreihe entlang, während der vorerwähnte junge Mann gelassen seinen Eckplatz wieder einnahm.
Es befanden sich nur wenige Personen in dem geräumigen Kupee. Eine ältliche dicke Frau, in Decken und Tücher gewickelt, ihr zur Seite die halberwachsene Tochter und neben wie zwischen beiden eine Menge aufgetürmten Handgepäcks.
In der anderen Abteilung eine Familie, aus drei Personen bestehend, und ferner zwei alte" Männer, die aus kurzen Pfeifen ziemlich übelduftenden Tabak dampften und von der guten
können. Später betonte die freisinnige Volkspartei diesen Gedanken, und heute sind diejenigen Mitglieder der freisinnigen Vereinigung seine Träger, die eine nahe Verwandtschaft mit der Sozialdemokratie ausweisen und nicht übe! Lust haben, einen Teil der letzteren in die „große liberale Partei" aufzunehmen. Diese Wandlun- gen beweisen schon zur Genüge die Unfruchtbarkeit des Gedankens. Nachdem jahrzehnte lange Bemühungen, die trennenden Gräben zwischen den verschiedenen Gruppen des Liberalismus zuzuschütten, auch nicht den mindesten Ersolg «tfzuweisen hatten, darf man über eine erneute Aufnahme der Einigungsfrage Wohl zur Tagesordnung übergehen. Zwischen den verschiedenen Gruppen bestehen derartige Differenzen, daß jeder Augenblick neue Sezessionen herbeiführen kann. Unter diesen Umständen glauben wir den Gedanken der „großen liberalen Partei" getrost aus der politischen Rechnung der Zukunft ausscheiden zu können.
_ Deutsches Reich.
Berlin, den 9. Oftober 1905.
(*) Der „Reichsverband gegen die Sozialdemokratie," gegründet am 9. Mai 1904 in Berlin, schickt durch ganz Deutschland Zirkulare, in welchen er zum Beitritt und Geldspenden auffordert. Auch in katholischen Gegenden werden diese Zirkulare massenhaft verbreitet. Gegen die Tendenz des Verbandes soll gar nichts gesagt sein, aber dieKatholiten werden demselben schwerlich zahlreich beitreten; längst ehe der „Reichsverband zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie" sich aufgerafft hat, war der „katholische Volks verein" auf dem Plane. Möge darum der „Reichsverband" recht segensreich wirken und die protestantische Bevölkerung sammeln, wie der „katholische Volksverein" die Katholiken schon gesammelt hat und noch beständig an der Arbeit ist, um so getrennt zu marschieren und wenn es dann gilt, vereint zu schlagen. Jedenfalls wäre es von uns Katholiken verkehrt, jetzt den „Volksverein" zu verlaffen, um dem neuen Verein beizutreten, der noch erst zeigen soll, was er zu leisten vermag.
** Der Zeitpunkt, wann der Kolonialdirektor Dr. Stübel aus dem Amte scheiden werde, ist, wie die ,D. Tgsztg.' meint, jetzt unsicherer als je zuvor. Dem Blatte zufolge bezweifelt man auch, „ob Gras Götzen, besten hervorragende Tüchtigkeit in seinem bisherigen Amt unbestritten ist, der rechte Mann sein werde, um in den bevorstehenden überaus schweren Zeiten das Kolonialamt zu leiten und im Reichstage zuverlrtten."
§ Eine Betrachtung über die kommende ReichstagSseffio» leitet die ,Kreuzz e ituug' mit folgenden Sätzen ein: „Ein süddeutsches Blatt hat in diesen Tagen mit großer Bestimmtheit zu melden gewußt, daß die Einberufung des Reichstags auf Dienstag, den 14. November, festgesetzt worden sei. Diese Meldung beruht lediglich auf Kombinationen und Spekulation. Kann auch mit einiger Sicherheit angenommen werden, die neue Reichstagssestion werde Mitte nächsten Monats ihren Anfang nehmen, so hat doch ein bestimmter Termin nicht bezeichnet werden können." Das Blatt wendet sich dann gegen den von dem nationalliberalen Wochenblatt .Deutsche Stimmen' zur Schau getragenen Pessimismus hinpchtlich der kommenden Reichstagstagung, namentlich gegen die Befürchtung,
alten Zeit sprachen, wo noch keine Eisenbahn cxi- stiert und der Verkehr durch Post-, Spazier- und Frachtwagen bewerkstelligt worden wäre.
Doch war es die dicke Frau, welche sich am meisten über die Verspätung ereiferte, sie meinte, halb zu ihrer Tochter und halb zu dem jungen Reisenden gewendet: daß solche Geschichten gar nicht Vorkommen dürften und die Eisenbahnverwaltung viel strenger gegen ihr Personal sein müßte.
Aber, so schloß sie, den Herren liegt nur daran, Geld einzunehmen, wie die Passagiere dabei fahren, das ist ihnen einerlei.
Der junge Mann begnügte sich damit, durch ein Achselzucken auf diese Bemerkung zu antworten und wandte sich dem Fenster wieder zu, als wolle er es vermeiden, ins Gespräch gezogen zu werden.
Man konnte nach dem ersten Blick feine aristokratische Erscheinung erkennen, daß er wenig zu seiner Umgebung passe. Die noch schmächtige, aber Wohl proportionierte Gestalt war in einen dunklen Kragenmantel, eine Art Havelock, gehüllt, während auf dem blonden, lockigen Haar ein kleiner, brauner Filzhut saß. Die fein behandschuhte Rechte hielt wie spielend einen eleganten Spazierstock, dessen Griff ein Hufeisen aus oxydiertem Silber bildete.
Da der Reisende mit einem ttäumerischen Ausdruck den Blick seiner großen, blauen Augen über die kahle Landschaft schweifen ließ, konnte er nicht wohl bemerken, daß sein abwesendes Benehmen bei der dicken Frau mit der Menge Handgepäck eine garstige Bitterkeit erzeugt hatte.
Mit geringschätzendem Lächeln wendete sie sich zu ihrer Tochter und flüsterte:
Wenn man auch mit der dritten Klasse fahren muß, da sollte man halt nicht so stolz sein! Uebri- gens glaube ich das junge Herrchen zu kennen, wenigstens müßte ich mich sehr irren, wenn das nicht der Sohn des Hauptmanns Winterselt wäre. Na, sein Vater war höflicher, wenn er sein Viertel Varinas bei uns kaufte, als wir noch das Ge-
daß die Sozialdemokratie durch Obstruktion em gedeihliches Arbeiten unmöglich machen werde, falls der Gesetzentwurf betr. die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine ausbleibe. Bei der letzten großen Obstruktionskampagne habe sich die Sozialdemokratie denn doch zu sehr die Finger verbrannt. „Sollte aber," so schließt das Blatt seine Ausführungen, „die pessimistische Voraussage des nationalliberalen Blattes wirklich eintreffen, so wird doch wohl nicht zu bezweifeln fein, daß die verbündeten Regierungen auf eine solche Boykotterklärung des Reichstags mit dessen sofortiger Auflösung antworten würden. Wir haben die feste Ueberzeuaung, daß aus 9leu» wählen mit der Parole gegen die Sozialrevolutionäre und ihre Helfershelfer ein Reichstag hervorgehen würde, der „nicht derselbe, wie er im Sommer 1903 gewählt worden", sondern ein besserer, leistungsfähigerer wäre, der den nationalen Aufgaben des Reiches ein besseres Verständnis entgegenbrächte als derjenige, der sich so verhielte, wie die .Deutschen Stimmen' dies an die Wand malen."
/. Bon einer Reichstagsauflösung sprechen wieder manche Blätter; sie rechnen zwar müder Annahme der Reichsfinanzreform, obwohl wir uns gar nicht denken können, wo eine Mehrheit für diese zu erhalten ist. Das Zen- Mim steht hier vor einer ungemein schwierigen Aufgabe. Aber diese Blätter rechnen doch damit, daß alles zu einem guten Ende kommt. Etwas anders liege die Sache bei der Flo tten- verstärkung. Sollte hier der Reichstag mäßigen und begründeten Forderungen widersprechen, so würde die Regierung, falls ihr Prestige nicht gefährdet werden soll, zur Auflösung schreiten müssen. Die Flottenfrage, die Forderung einer mäßigen Verstärkung der Flotte sei neuerdings in weiteren Kreisen viel volkstümlicher geworden. Das könne ernstlich nicht geleugnet werden. Sonach wäre die Flottenverstärkung eine an sich nicht „üble Wahlparole", vorausgesetzt, daß die Forderungen nicht ins Uferlose gehen und daß man bei der Begründung nicht die Fehler miederbole, bie man früher gemacht hat, insbesondere den, die Notwendigkeit der Flottenverstmkung mit den Rücksichten auf die Welthandelspolitik zu begründen. Aber gerade, weil das der Fall fei, zweifele man ernst daran, daß die Flottenfordeluug zu einer Reichstagsauflösung führen werde. Einerseits werde sich die Regierung eine gewisse Beschränkung auferlegen, andererseits werde das Zentrum, auf das es schließlich an= komme, seinen Widerstand kaum so weit treiben, daß die Auflösung notwendig werde. Jetzt stehe ja die Zentrumspreffe im allgemeinen noch auf einem ablehnenden Standpunkte, soweit sie überhaupt sich zur Frage geäußert habe. Diese Kom- bination erscheint uns sehr müßig zu fein! Ob eine FlottenVermehrung eine gute Wahlparole abgibt, darüber kann man streiten; jedenfalls hätte das Zentrum biete nicht zu fürchten. Wenn man nun sagt, daß die neue Vorlage bescheidener fei mit Rücksicht auf das Zentrum, io ist dieses für uns sehr schmeichelhaft. Das Zentrum vertritt hier lediglich die Interessen des Volkes; also nicht auf das Zentrum braucht man Rücksicht zu nehmen, sondern auf die Leiftungs- fähigkeit des Volkes. Total falsch aber ist es, daß die Zentrumspreffe sich gegen die Flotten«
schäft in der Lanzen-Gafse hatten. Du lieber Herrgott, so ein pensionierter Hauptmann hat nicht viel übrig, da ist Schmalhans Küchenmeister, mehr noch als bei unfereinem. Möchte wissen, warum „der" gar so groß tut, wenn man schon aus einer Stadt ist, sollte man sich eher freuen, unterwegs Landsleute zu treffen und gut zusammenhalten.
„Er kann ja nicht wissen, daß wir auch Lieg- niher sind," erwiderte das Töchterchen ebenfalls im Flüstertöne und warf dabei einen teilnehmenden Blick auf das bleiche, edelgeschnittene Profil des jungen Reisegefährten.
„Da hast du wieder Recht, Mädchen, und jetzt sieh zu, daß du ein bi fiel schlafen kannst. Mach dich warm — so, nimtn den roten Shawl um den Hals. Ach, ich bin müde!"
Gähnend schloß si? die Augen, und bald verkündete ein leichtes Schnarchen, daß sie fest entschlummert sei.
Schon war mehr als eine halbe Stunde verflossen, seit der Zug gehalten, und noch war nichts von der abgedampften Lokomotive zu sehen.
Jetzt schien auch der Besitzer des Eckvlatzes die Geduld zu verlieren. Er öffnete die Fenster, blickte hinaus, die Strecke entlang und zog die Uhr, um diese gleich darauf mit einem tiefen Seufzer wieder einzustecken; dabei dachte er:
Es ist unnütz, daß ich mich über die Verspätung alteriere, ich versäume ja nichts. Mich erwartet niemand in ber Vaterstadt, und den Besuch auf dem Friedhof kann ich auch am Spätabend machen. Besser sogar, wenn mich von den gleichgültigen Bekannten erst niemand sieht. Das gäbe Fragen und Klatschereien. Die Leute sind so begierig, die Erlebnisse und das Unglück ihrer Nebenmeuschen zu erfahren, ohne doch warme Teilnahme für diese zu empfinden.
Endlich war ein greller Pfiff vernehmbar, das Zugpersonal geriet in Bewegung, die erwartete Lokomotive kam langsam auf der Strecke daher.
Die dicke Frau hatte dieses ersehnte Ereignis verschlafen; sonderbar aber blieb es, daß der Zug noch nicht zur Fahrt bereit gemacht ward.
Vorlage ausgesprochen hat; die Zentrumspreffe kennt den Inhalt derselben gar nicht und deshalb hat sie sich auch nicht gegen ihn ausgesprochen. Im Zentrum handelt niemand nach dem Satze: „Ich kenne die Vorlage nicht, aber ich verwerfe sie!" Das Zentrum prüft erst alle Gesetzesentwürfe und wenn es findet, daß diese dem wahren Volkswohl schaden, nur dann lehnt es sie ab.
* Eine hübsche Szene spielte sich, wie nachträglich berichtet wird, am Donnerstag auf dem Kolonialkongresse in Berlin ab. Katholische und protestantische Missionare hatten über die Erziehung der Eingeborenen zur Arbeit gesprochen; der letzte Redner war der Kapuzinerpater Eustachius aus Königshofen (Straßburg), ein« prächtige Erscheinung. Mit weltmännischer Gewandtheit betrat er die Rednertribüne, machte ein feines Kompliment vor dem Präsidium (kein Gardeleutnant hätte es feiner machen können) und sprach dann über die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens der beiden Konfessionen! Unter ungemein lebhaftem Beifall rief er in den Reichstagssaal die Worte hinein: „Schauen wir uns nicht mir freundlich an, sondern drücken wir uns herzhaft die Hände!" Als der Pater die Tribüne verließ, wurde ihm von fast allen Seiten die Hand geschüttelt; Offiziere und Pastoren beeilten sich, dem Redner ihr Einverständnis auszudrücken. Der Pater war von da ab der Siebung des Kongresses. Zu einer ebenso hochbedeutsamen Kundgebung für den katholischen Klerus kam es am Nachmittage in einer Sektionssitzung, wo der Steyler Miffionar Bodenes über die Tätigkeit der katholischen Geistlichen unter den deutschen Kolonisten in Argentinien berichtete. Echte frühere Korpsburschen mit ganz zerhauenem Gesicht erhoben sich nacheinander und konnten nicht genug Lob den Geistlichen ob ihrer Wirksamkeit daselbst spenden. Die gesamte Huldigung war so spontan und so ergreifend, wie wir es nie gesehen haben; es dürste kaum eine zweite Versammlung geben, in welcher so viel rühmenswertes von unserem Klerus berichtet wird wie auf dem Kolonialkongreß; deshalb hat diese Veranstaltung eine Bedeutung, die weit über die Kolonien hinausreicht.
.'. Die erste allgemeine katholische Misfions- feier in Berlin nahm bisher einen glänzenden Verlauf. Die Mijsionspredigten, die am Sonntag in fast sämtlichen katholffcheu Kirchen Groß- Berlins, sowie in Potsdam und Köpenick statt- fanden, waren äußerst stark besucht. Am Montag abend fanden an fünf Stellen Festverfamm« langen statt, zu denen der Andrang ebenfalls sehr stark war. Außer zahlreichen Miffionaren aus allen deutschen Kolonien werden Abg. Kommerzienrat Cahensly und der vom Charitas- kongreß in Dortmund bekannte Graf Vaya de Bay fprechen.
.'. Die .Deutsche Tageszeitung" weist mit allem Nachdruck auf die Notwendigkeit von Uebergangsbestimmungen für dieGetreide- einfuhr vor dem Inkrafttreten der neuen Handelsverträge hm, damit der unnützen spekulativen Einfuhr gewehrt und der Staat nicht um die höheren Zollbeträge geprellt werde. Das Blatt richtet an die „verantwortlichen Stellen" die Aufforderung, diese Angelegenheit nach Möglichkeit zu beschleunigen, da die Be-
Jn einiger Entfernung standen einige Männer — Beamte und Reisende — heftig gestikulierend beisammen, und diese Gruppe vergrößerte sich mehr und mehr.
Schnell entschlossen öffnete der junge Mann im Havelock die Wagentür, schwang sich geschickt hinaus und gesellte sich der vorerwähnten Gruppe zu, indem er den ihm Zunächststehenden fragte:
Es scheint also doch ein Unglück geschehen zu sein?
Leider ja. Als der Lokomotivführer in Sorau einfuhr, brachte er die Maschine nicht zur rechten Zeit zum Stehen und fuhr den Prellstein um, welcher sich am Ende des Geleises befindet. Die Maschine stürzte in den Graben. Der Lokomotivführer sowie der Heizer sind tot. Man hat in der allgemeinen Bestürzung, welche in der Station Sorau dieses großen Unglückes wegen herrscht nicht so schnell eine andere Lokomotive bereit machen können, um unsere»-Zug zu heben, aber jetzi werden wir wohl bald weiter kommen.
In der Tat forderten die Schaffner zum Emsteigen auf, was unfern jungen Freund einer Antwort überhob. Er wendete sich zum Gehen und erst als er wieder in einem Wagen dritter Klaffe einen Fensterplatz eingenommen, ließ ihn ein Blick auf die Reisegesellschaft erkennen, daß er sein Coupe ber*'-' t habe, ein Umstand, der ihn wenig berührte, i t er hatte gar kein Handgepäck im Wagen uno ’.r das Spazierstöckchen, welches er in Händen h.elt.
Sein Gepäck war nach Wien aufgegeben, wohin seine Reise ging. In Liegnitz, seiner Vaterstadt, wollte der junge Mann nur eben, wie man zu sagen pflegt, einen Zug überschlagen, um die Gräber der geliebten Eltern zu besuchen und dann am nächsten Morgen um 5 Uhr die Reise über Breslau nach Wien mit dem Berliner Schnellzuge fortsetzen.
Ohne weiteren Unfall laugte der Zug — allerdings mit großer Verspätung — in Liegnitz an.
Auf dem Bahnsteige herrschte ungewöhnliches Gedränge, denn mit steigernder Unaeduld wäre»