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JV3 230.

Fulda, Samstag, den 7. Oktober 1905.

32. Jahrgang.

Zweites Matt.

Unpolitische ZeltlSuse.

@ Berlin, 5. Oktober 1905.

(Nachdruck verboten.)

Vorige Woche kam die Große Berliner Stra­ßenbahn-Gesellschaft mit einem verblüffenden Plane heraus: in zwei großen Straßenzügen von Berlin wollte sie einen Maulwurfsverkehr ein- richten, d. h. die elektrische Straßenbahn sollte in zwei Tunnels von mehreren Kilometer Länge lau­fen. „Unten durch!" batte vor Jahren der Kaiser einmal an den Rand geschrieben; damit aber meinte er nur einen unterirdischen Uebergang von der einen Seite der Straße zur anderen. Jetzt aber sollte es sich um einen Hohlweg in der Länge gan- zer Straßen handeln. Zwei Stockwerke für den Wagenverkehr: eine Straße im Erdgeschoß und eine parallele Straße im Kellergeschoß darunter.

Ein großartiger Man, der auf dem geduldigen Papier sich leicht in verführerischer Herrlichkeit entwerfen läßt. „Doch bart im Raume stoßen sich die Sachen", sagt Schiller. Im unterirdischen Raume stoßen sie sich besonders bart. Der neu­gierige Besucher, der auf den großstädtischen As­phaltstraßen bummelt, ahnt schwerlich, was da alles unter seinenFüßen liegt und kriecht. Röh- :en, die daS reine Wasser bringen, Kanäle oder Köhren, die daS Schmutzwasier abführen, Gas- leitunaen, Telegravbenkabel, Televhonkabel, Kabel für elektrischen Licht- und Kraftstrom, Robrvost- leitungen. Streckenweise sind unter den Straßen­bahnschienen noch .Hohlgänge eingebaut, in denen die Wagen mittels eines „Pfluge?" von einer unterirdischen Schien« den Betriebsstrom ab- nebmen. Der Gedanke, neben all diesem Zeug noch einen Tunnel für unterirdische Eisenbahnen eiruubaüen, ist keineswegs neu. Wie in London und Pari?, gibt es auch in Berlin schon eine Unter­grundbahn für den Schnellverkehr, zwischen Chcir- lottenburg und dem Potsdamer Platz, deren Ber- länaernng nack beiden Seiten hin bereits im Werk ist. Bei der riesigen Anschwellung des Verkehrs iit den Hauptstraßen der Großstädte ist tatsächlich mit einem Stockwerk nicht mehr ausznkommen. Ent­weder muß man über der alten Fahrbahn eine Treppe dotzer eine zloeite Fahrbahn bauen, oder man muß eine Treppe tiefer einen zweiten Weg nuten durch aulogen. Eine Hochbahn ist nur in M't breiten Straßen möglich, weil sonst den anlie- -enden Häusern sowie den gewöhnlichen Wagen und Fußgängern viel Licht, Luft und Rübe eiiiseten wird. All» „unten durch!" Das wird stOerlüb die ZukunftSvarole sein. Zurzeit sedoch bat die Sach« mehr al" einen Haken für die ge- mHbulsche. kaussawe Straßenbahn. Der Schnell­verkehr konn »mtz Nebenstraßen benutzen und bronM nur wenige Haltestellen; die Straßenbahn »der uenttert sich nur, wenn die Leute in den HonfftverkehrSstraßeir ein- und aussteigen können, und paar «m rocht vielen Stellen, damit sie nur noch eiuen kurze«, Fußweg nötig haben. Das wäre nu« «R sich nicht schlimm; doch in den wichtigsten Berk?k>rsader« darf man das Blut nicht lange stocken laste«. ES ist ganz undenkbar, daß dort der Damm ausgerissen daliegen ktznute. Der Tunnel muß also ohne Aufbruch der Decke f» »«Saehshlt und ausgebaut werden, tote m«n eine« Stollen im Bergwerk vortreibt, und zwar m Berlin nicht durch Felsen oder trockenen, steiniaen Brutto, sondern meist durch Moorboden »der Schwemmsand mit hohem Grundwasser. Für die eistige« Geitenschächte und die Babnhöfe miiß- tou viele «mltegonde Häuser zu Wucherpreisen er- staden werden. So etwa? kostet nicht ein Schock Millionen, wie die Prosektmacher sagen, sondern dnuderte von Millionen. Darum glaube ich, die

Zwei verstoßene.

Seit B. X» LU ft Autorisierte Uebersetzung vor I. Rüttgers.

171 (Nachdruck verboten.)

Dewerie teilte diesen Brief Marcel's Herrn Marville mft, welcher durch seine Gattin Kennt­nis von den Plänen Demeric'S erhalte» batte und mit denselben vollkommen einverstanden war. Er liebte seine Tochter zu innig, um nickt eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken an die glückliche Zukunft m empfinden, welche ihr setzt in Aus­sicht stand. Auf die dringenden Bitten Adrians bin willigte Marville schließlich sogar ein, ein Darlehen von ihm zu nehmen, für welches Adrian keine Zinsen forderte, und welches die so schwer geprüfte Familie in den Stand setzte, mit Zu­versicht befferen Tagen entgegenzuseben.

Demeric sah ein, daß es jetzt passender sein würde, nicht allzu häufig in dem Hause Mar- ville's zu verkehren, und er eittschloß sich also, toiek* nach Dieppe zurückznkehren, wo er den Rest der schönen Jahreszeit zubringen wollte. Außerdem vermißte er auch schmerzlich die Gegen­wart Michaels: er wollte ihn dauernd an sich knüpfen, nickt als Diener, sondern er wollte ihn zum Lerwalter seines Besitztums in Verfetril macken.

Dermont war nicht wenig überrascht, als er Demeric eines Tages wieder erscheinen sah.

„Tie Sache ist also nach Wunsch abgelaufen?" fragte er seinen Herrn alsbald.

Du wirst sehr überrascht sein — ich habe meinen ganzen Plan geändert; ich heirate nicht!"

„Wirklich?" Aber sehr sonderbar!"

„Aber ich babe mich hierzu ans freien Stücken entschlössen. Leonie ist mit schöner und liebens­würdiger erschienen denn je; aber ich habe be-

gewöhnliche Straßenbahn wird noch nicht sobald ins Kellergeschoß verlegt werden, wogegen recht bald die Schnellbahnen unter den Nebenstraßen der Großstädte sich ausbreiten dürften.

Auf jeden Fall führt die zweistöckige Verkehrs­entwicklung dazu, daß wir immer mehr Treppen steigen müssen. Welch' ein Unterschied zwischen meiner Jugendzeit und den jetzigen Zeitkäufen! Damals spielte sich fast alles zu ebener Erde ab, im gleichen Niveau, wie die Fachleute sagen, oder parterre, wie sich das Volk auf deutsch-französisch ausdrückt. In meinem elterlichen Hause gab es eine bescheidene Treppe, die ich abends herauf und Morgens herunterging, weil ich oben mein Schlaf­stübchen hatte; sonst spielle sich alles im Erdgeschoß ab. Als ich vor 34 Jahren nach Berlin kam, wählte ich mir eine Bude vier Treppen hoch. Ein Schick­salsgenosse setzte auf seine Visitenkarte: stuck, jur. 3E., Albrechtstraße 125, vorne links, 88 Stufen. In den Berliner Mietskasernen konnte man schon da­mals die Beinmuskeln tüchtig trainieren. Aber in jener Zeit lagen wenigstens die Läden noch zu ebener Erde, jetzt ist auch das anders geworden. In den großen Kaufgeschäften gebt es treppauf, treppab; der Stockwerke sind soviele, daß man überall die Nummer des Geschosses angeschlagen hat, damit die Leute sich klar bleiben, wo sie zwi­schen Himmel und Erde sich jeweilig befinden. Jetzt gibt es sogar Gastwirtschaften mit Vier- Treppen.

In unserer Dorfschule gab es gar feine Trep­pen, bis daß unser hypochondrischer Schulmeister durchsetzte, daß seine Dienstwohnung aus dein feuchten Erdgeschoß 17 Stufen hoch in den Giebel verlegt wurde; auf dem Gymnasium kam ich auch noch mit einer Treppe aus. Jetzt müssen aber schon die Abc-Schützen in der Großstadt eine Berg­tour über 2, 3 oder 4 Treppen machen, um in die Ouellgebiete der Weisheit zu gelangen. Und die alten Bahnhöfe — wie bequem waren sie itt der gleichmäßigen Lage von Straße, Schalter, Warte­saal und Gleis. Jetzt dagegen geht es herauf und herunter, manchmal mit Wiederholungen, bis mau von der Straße in den Zug gelangt oder umge- kehrt. Der Zugang und Abgang ist mühsamer ge- worden, und nun muß man gerade viel öfter die Eisenbahn benutzen. Ein Großstädter arbeitet wirklich viel mit den Beinen: erst die hohe Hcms- treppe herunter, dann die Bahntreppe hinauf, dann die Bahutreppe wieder herunter, dann die Hobe Werkstattreppe hinauf; beim Schluß der Arbeit dieselbe vertikale Zickzacklinie zurück; wer zum Mittag nach Haufe reisen kann, macht den Gebirgsweg viermal ab.

Ist das viele Treppensteigen gesund? Gesun­den Leuten schadet es nicht; aber für brust-, Herz­oder fußkronke Personen, für alte, schwächliche oder fettleibige Leute ist es freilich eine Last. Wer aus Beruf oder Neigung Stubenhocker ist, dem dient in der Regel der großstädtische Verkehr als aus­gleichendes Gesundheitsmtttel. Je größer die Ent­fernungen, desto mehr Anlaß zur Betvegung und zum Luftschöpsen. Je mehr Treppen zu steigen sind, desto kräftiger wird den stockenden Säften und den gepreßten Muskeln aufgeholfen. In die­sem Sinne ist es für manche „seßhafte" Leute sogar ein Unglück, daß es in den Städten so billige Fahrgelegenheit gibt; es wäre ihnen besser, toemt sie eine halbe Stunde zu Fuß gingen, statt den Omnibus oder die Elektrische zu benutzen. Wem« nun einmal die Straßenbahn in die Unterwell verlegt wird, so bekommen wenigstens deren Stammgäste noch eine verstärkte Muskelübung, denn dann muß bei jedem Ein- und Aussteigen eine Stockwerkhöhe überwunden werden; dort, wo sich zwei unterirdische Bahnen kreuzen, sogar zwei Stockwerk!,öhen.

Bei dieser Kletteraussicht tvird schon mancher nach dem Fahrstuhl rufen. In der Tat bildet sich beretts jetzt der Fahrstuhl als Gegengift gegen das moderne Trcppengift au?. In den Warenhäusern kann man schon scheu, daß die Leute in den schwe-

griffen, daß sie mir ihre Hand nur mit Wider­streben und durck Not gezwungen geben werde. Ich will also nickt ihre mißliche Lage benutzen, um sie gleicksam zu einer Ehe zu zwingen, welcke mit den Wünscken ihres Herzens durckaus in Widerspruch steht. Da es nur des Geldes be­durfte, um sie wieder ihrem Bräutigam zuzu­führen, so habe ich mich bereit erklärt, die Hinder­nisse wegzuräumen, welche sie von einander trennen."

Dem wackern Dermont kamen die Tränen in die Augen, als er diese Worte vernahm.

„Ach, Herr, das ist edel, das ist herrlich, was Sie da getan haben", rief er aus. „Ich be­wundere Ihre Handlungsweise, die mich tief er­greift."

„Michael", hob Demeric wieder ernst an, „ich hätte einige Monate früher vielleicht nicht fo ge­handelt; aber Tein Tun und Lassen. Deine Reden haben in mir eine» wahre» Wetteifer, neue Ge­fühle- und Regungeii erweckt, nachdem bereits manche Veranlasinng dazu beigetragen hat, meine Ansichten im Vergleiche zu früher erheblich zu ändern."

Niemals batte sich Dermont glücklicher gefühlt als jetzt, wo er aus dem Munde Temeric's eine solche ilngeahnte Svrache hörte. Er hatte nicht den mindesten Grund, an der Wahrheit seiner Worte zu zweifeln, nnb so freute es ihn um fo mehr, daß er das Werkzeug gewesen war, durch welches sein Herr zu einer bester» Erkenntnis gelangt war. Seine Freude wurde indeß ein wenig durch, den Vorschlag getrübt, welchen Deme­ric ihm machte, nämlich als VeNvaltcr seines Gutes in Verfeuil sich niederzulasten. Er hegte wirklich zu seinem Herrn eine große Zuneigung, und es kostete ihm viele Uebertoindung, sein An­erbieten zuriickzuweison, und dennoch konnte er sich nicht entschließen, seine Geburtsstadt zu vcr-

benden Käsig kriechen, wenn sie auch nur eine be­queme Treppe zu überwinden hätten. Ich liebe die Fahrstühle nicht, denn es hausen darin die Erinne­rungen an viele schwere Unfälle, und trotz aller technischen Fortschritte haben die Dinger noch et­was Unsolides an sich. Wer noch rüstig ist, der sollte lieber die Treppe unter die Füße nehmen.

Wer die Unzahl der neuzeitlichen Treppen eigenfüßig bewältigt, der spart sich eine Gebirgs­reise. Warum in die Alpen schweifen? Sieh' dos Gute liegt fo nah'. In der Großstadt kann man auch eine Art Bergfex werden, wenn man sich eine hohe Wohnung mietet, fleißig die Eisenbahnhöfe erklettert und in den Mußestunden noch gelegent­lich im sechsten Stock sich photographieren läßt oder Fremde auf die Aussichtstürme führt.

In meiner Jugend pflegte ich die Treppeic im Galopp zu nehmen; es waren sa nicht viel Stu­fen, und es kam selten vor. Als später die zahl­reichen Stufen häufig zu nehmen waren, habe ich gelernt, daß langsam Striaen auch zum Ziel führt. In unferm Treppeii-Zeitalter müssen wir die rich- ttge Methode des Auf- und Absteigcus uns ange­wöhnen. Wer's eilig hat, der renne lieber in der Ebene. Das Hasten auf der Treppe, das lieber- springen von Stufen ist nicht nur gefährlich, son­dern auch übermäßig anstrengend. Da rasen die Leute z. B. die Bahnhofstreppe hinauf, stürzen mit blinder Hast in den Zug, setzen sich keuckeud und schwitzend an das offene Fenster. Das sieht nickst schön oit? und bekommt auch auf die Dauer nickst gut. Stufe für Stufe, dann famt man eS lange ausbalteu.

Uebrigens hat das Treppensteigen auch feilte Poesie. Die Jakobsleiter war auch eine Trenne. Wenn man die Stufen hnmunielst, fo liegt der Ge­danke nahe, daß der Menfch berufe» ist, zum Him­mel empor zu ft eigen. Und wenn man ttopvab steigt, fo erinnert man sich leicht daran, daß jeder Tag eine abwärts führende Stufe im irdischen Da­sein ist. Einmal kommt der Tag, wo wir nickst mehr mit eigenen Füßen die Treppen herunter gehen können, sondern im Sarge hinaboetragc» werden. Wer einmal gesehen hat, wie mit argen Schwierigkeiten und Gefahre» eine Leiche über die engen und hohen Trovpen einer Pkretsk-iserne her­unter geschafft wurde, der vergißt dieses dunkle Bild nicht fo leicht. In der qegenhKirtigc» Zeit der fallende» Blätter darf man wirklich wohl mal an die Vergänglichkeit denken. In der mannig­faltige» Gestaltung des irdische» Verkehrswesens soll der Christ nie verctesten. doü der Verkehr zwi­schen Erde und Himmel die Hrntlstsotie ist. ES ist besser, die steile Himmelsleiter Sprosse für Sprosse emporzuklimme», als mit der bequemen Untergrundbahn ius Verderben jit fahren.

Kl. c. Modetocheit.

Don «. «Bitte.

(Nachdruck verhole«.)

Die Kleidung. welche in der Jetztzeit eine f» ungeheuere Rolle in dem Leben des weiblich»» Ge­schlechtes spielt, galt im Altertum als ziemlich un­tergeordneter Faktor. War sie doch lediglich dem Bedürfnis entsprungen, sich vor den Einwirkung^ der Atmosphäre zu schützen,'deshalb war in jene» Tagen „Sitz" und „Schnitt" den Menschen ganz gleickgültig. Tie zur Kleidung verwendbaren Stoffe lieferten die wilde» Tiere, flröter die Rin­der und Schafe, und endlich wurden sie auch dem Pflanzenreich entnommen.

der Vorzeit, wo sich das Lebe» des WoibeS meistens auf das Hau? beschränkte, war die Klei­dung bequem, leicht und häuslich. Tie salten- reicho» Gewänder der Griechinnen und Römerin- ne» waren die ungezwungenste, und von künst­lerischer Einfachheit geadelte Tracht. Eine eigent­liche Mode kannte feite Zeitveriode noch nickst. Erst nach dem Sinken der römischen Weltherrschaft trat eine Art Abwechselung in der Kleidung ein, da

lassen und sich von dem Kinde, das er so liebgc- wonnen hatte, zu trennen.

Demeric hoffe alsbald errate», au? ivelckem Grunde fein Diener so ungern auf seinen vor­teilhafte» Antrag eingehe» wollte.

„Lieber Freund", sagte er also zu ihm, „glau­ben Sie ,nckt, daß ick Sie von Jennv trennen will; ick habe nickt einmal daran gedacht, da ich ja sehr wohl wußte, > daß Sie dazu sich niemals verstehen würden. Ich beabficktiae, Jeuny's Groß­mutter die Stelle als Schliesteriu in meinem Hause anzubietett; sie wird alsdann ein sichere? Auskommen haben. Jennv kamt hei ihr wohne» bleibe» mag und dann mit Lttise und Blanko sowohl an dem Unterrichte als an den Spiele» teilnehmen."

Diese Worte ließen natürlich auch die letzte» Bedenken des »nufer» Michael sckwinden, und länger konnte er nun dein Wunsche des Herrn Demeric nicht mehr widerstehen. Jeanue würde, so dachte er bei sich, gewiß keinen Einspruch er­heben. So Ivar es auch in der Tat: Jeuny's Großmutter hatte in Tievpe zu viel böte Tage gesehen, um nicht vollständig damit einverstaitden zu sein, eine andere glücklichere Lebenslveise be­ginnen zu können.

Wenn auch für Adrian die nette Stellung, welche er von jetzt ab bekleiden sollte, gewiß nut eine angenehme sein mußte, so konnte er sich doch einer schmerzlichen Empfindung nickt erwehren, daß er diese Oertlichkeiten und Roumltchkctten verlassen mußte, an welcke sich für ihn so viele teure Erinnerungen knüpften, und man immer tat ihm die Trennung von dem Hotelbesitzer tret), welcher ihm stets großes Wohlwollen und Zu- neigung bewiesen hatte. Am Vorabende des - Tages, auf welchen die Abreife sestgefetzt war, nahm Michael Jenny bei der Hand und führte

Italien nicht mir die Gebräuche, sondern auch die Tracht besiegter Völker nachahmte.

Längere Zeit blieb Venedig Hauptfitz der so­genannten Mode. Dann flatterte diese über die rauhen Gebirge, welche die lombardische Ebene von Frankreich trennt, begegnete ähnlichen Wan­derern, welche die Grenzscheide der Pyrenäen über­stiegen hatten und die spanische Steifheit nach Paris trugen; jenem regsamen, erfindungsreichen Paris, das lange Zeit Gesetzgeberin der Mode blieb: vor allem für die Deutschen, die vor ande­ren Nationen das Eine voraus haben, ganz be­sonders die Nachahmung fremder Formen zu lie­ben. Kündet doch fchon ein altes Epigramm:

Erst toemt sie zu Paris s. l'Allemand sich tragen, Wird man in Deutschland auch sich deutsch zu kleiden wage».

Jedenfalls gab es für die höheren Stäube Deutfchlaitds niemals eine deutsche Tracht, eine Nationaltracht, tote sie in Rußland, Ungar», Polen usw. sich noch heute findet. Nur das Volk, das int Laufe der Zeit mehr.und mehr vom öffent­lichen Lebe» zurück gedrängt wurde, befaß in ge­wissem Sinne eine bestimmte Tracht, welche aller­dings in den verschiedene» Provinze» verschieden blieb und leider setzt bereits auch fremden Ein­flüssen zu »leicheu beginnt.

Die Mode ist zu einer Tyrannin geworden, bereit Herrschaft sich allmählick feder beugen lernte. Fast wurde e? moralischer Zwang, franlo? ttacfiw- ahnten, was sie bietet. Ihre wildesten AusaeOurten fanden Anklang/ fanden Freunde., Die Menschheit trug alles, selbst wenn sie sich dadurch, zur Kari­katur sfcmvelte; nicht, weil es für schön, sondern weil es für modern galt.

Jede Zeit hat, genau genommen, ihr gutes und , ihr schlechtes; ihren festen Bestand an Zuckst und Ehre; ihre edlen wie ihre unedlen Charaktere, mag auch der Maßstab für das sittlich Erlaubte in der einen Zeitperiode ein niederer fein als in der andere». Eigenartiger Weise hat aber jede Zeitveriode dieselbe Klage über den „neumodischen KleiberlurnZ" geführt, der »ns noch heute entgegen tönt. Schon in vergangenen Tagen liebte es die Welt, die Gegeiüvart zu tadeln und die Vergangenheit zu lobe». Wie bald hatte sich eine getadelte Gegenwart zur gelobten Vergan­genheit gewandelt.

Aber »>enn wir im großen und ganzen auch die Vergangenheit loben, „die gute, alte Zeit"; fo pflogen wir doch etwas spöttisch die künstlichen Difssrinttäten ihrer Trachten zu bolä-sioln, die Puffen und Wülste, die Schollen- und Gitina bet- schicko, welche die Mode jener Tage erfunden. Selbst die ernste, schlichte Tracht, die in der Mitte do? 17. Jahrhundert?, in den trübe» Kriegszeiten, hauptsächlich getragen wurde, tote? eine Karikatur auf. Sie kannte die Pluderhosen. Unseren her- nüuftiqseiuwollondou Ansichten rnißfcM der har- likiuoriiqe Anstrich, den bei* buntscheckige, in's Unendliche gebende Gewand jener entflohenen Tage den Menschen verlieh, e? erscheint itt der Rückerinnerung nicht nur unkleidsam, sondern direkt lächerlich. Wir glauben einen Karneval vor imS zn scheu mit den unglaublichsten Masken und Narrentrachten, denken wir an eine Volksver­sammlung jener Tage; und doch erhielten diese Torheiten der Mode sich durch Jahmehnt d die Mousckhoit von damals ließ ihren Körver zu einer lächerlichen Karikatur der natürlichen Menschenge­stalt umwandeln!

Es ist ein eigentümliches Zeichen do? Ge­schmack?, daß beide Geschleckter so häufig einen größeren oder kleineren Raum eimttnelim.cn suchen, al? ihnen die Natur anwioS. Dio stoife HalSbmde dos Herrn, die Schnürbrnst der Damen engte die Forme» ein, während andererseits Plu­derhose, Reifrock, Sckuabolsckuho usw. den Schein der Erweiternnq wecken soltte. Allein mochte die Unnatur noch dieser oder jener Seite hin au?« arten, die Menschen waren zu ieber Zeit bereit, diese Torheiten uachmahmen. Unter .Heinrich TI. ii ' J .LIA!________

sie zum Kirchhofe, »ne er auch früher. bereits häufig getan. Beide knieten vor einem einfachen Kreme nieder, auf welchem der Name Dina's zu lofen Ivar.

„Mein Kind", tagte Dermont zu dem kleine» Mädchen, „Du wirst nicht mehr hierhin kommen, um am Grabe Deiner Mutter zu beten, bleibe stets aut und rechffckaffen, bann wird f>ie Mutter mit Freude auf Dich von oben tierabfdwuen."

Jenny voraoß zwar einige Tränen bei dem Gedanke» a» die bevorstehende Abrstso und die Trennung von dein (iehoctoonnenett Orte: aber sie trockneten bald, wie ia in diesem Alter der Rotz dos Neuen leicht und rasch unangenehme Ein­drücke verwischt.

Sie gewohnte sich bald an die nette Wohnung in Verfeuil. Mit dem grönton Vergnüaen er­füllte he es, wenn fi<- in bett weitläufigen Garten- und Parkanlo-icn sich herunrfuminebt und mit Sitife und Blanko am Svielett sich ergötzen konnte. Luise und Blanko waren ebenfalls nicht wenig erfreut, eine nette Gespielin zu bekommen, und hatten ste m't her größte» Freuitdlichkoit und Liebenswürdigkeit aufoenommen.

Wie wir bereit? vernmnmen haben, hotte Herr Demeric cingefehen, daß Fräulein Lavier nicht die für feine Gefckwisterkinder paffende Person sei, und hatte infolge dessen eine andere Dame gewonnen, tnolcke mit einem tückstiaen Wisten eine edle Charakterbildung und nickt minder eine große Gewandtheit und Geschicklichkeit int Unter- richten und in der Behandlung von Kindern be­saß. Luise und Blanko war diese Voränderung durckaus nicht unerwünscht, und ihr Glück stieg aus's höchste, als sie die Gewißheit erlangt.hotten, daß ihr Onkel in Zukunft für immer bei ihne- bleiben wolle.

(Fortsetzung folgt.)