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Zuldaer
wochendeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung"
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Rotationrdruck u. Verlag der jrnldaer Ac» ttendrnckerei in Mlda. Zernsprecher Nr. 9.
JW 230.
Dvittes WLatt.
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
Fulda, den 7. Oktober 1905.
Nach langen Mühen ist endlich im Laufe der vergangenen Woche — am 28. September — das Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über das der Marokkokonferenz vorzulegende Programm zustande gebracht worden. Man hat auf beiden Seiten nachgegeben, und das Abkommen ist ein Zeugnis für die friedliche Gesinnung, die sowohl in Deutschland wie in Frankreich den Wunsch zeitigte, diese heikle Angelegenheit, welche eine zeitlang einen recht bedrohlichen Charakter angenommen hatte, auf dem Wege der diplomatischen Verständigung aus dem Wege zu räumen. Freilich bleibt der Konferenz noch immer ein schweres Stück Arbeit übrig, aber die Uebereinstimmung Deutschlands und Frankreichs dürfte ihr einen glücklichen Verlauf sichern.
Ein Besuch des italienischen Ministers des Aeußern T i t t 0 n i beim deutschen Reichskanzler in Baden-Baden gab der Fortdauer der guten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien und in Verbindung mit früheren Besuchen Tittonis beim österreichischen Minister des Auswärtigen auch dem Fortbestände des Dreibundes Ausdruck.
In der inneren Politik nimmt der Wahlsieg des Zentrums in Essen die erste Stelle ein. Derselbe wurde errungen, obgleich die „nationalen" Parteien dem sozialdemokratischen Kandidaten mindestens 8000 Stimmen zuführten. Die „nationalen" Parteien, d. h. hier die Nationalliberalen, haben sich damit felbft gerichtet.
Die Lage in den im Aufruhr begriffenen deutschen Kolonien ist ziemlich unverändert geblieben. In Deutsch-Ostafrika hat der Aufstand auch den Bezirk von Dar-es-Salam ergriffen, wo die Eingeborenen verschiedene Dörfer in Brand gesteckt haben. An mehreren Punkten sind die Aufständischen geschlagen worden, doch ift ein Ende des Aufruhrs noch nicht abznsehen. Tas gleiche gilt für Deutsch-Slldwestafrika, wo die Ausständigen zwar erhebliche Verluste er- leiden, aber bisher noch nicht die geringste Neigung zeigen, den Kleinkrieg gegen die deutsche Schutztruppe aufzugeben. Bedauerliche Nach- richten find in den letzten Tagen aus Windhuk gekommen, wo angeblich ein förmliches, von angesiedelten Buren angezetteltes Komplot entdeckt worden ist, daS den Zweck hatte, mit Hilfe der Eingeborenen den Deutschen so viel Pferde und Vieh, Waffen und Munition zu nehmen, als mög- lich, und über die englische Grenze zu schaffen, von der aus dann weitere Operationen gegen unser Schutzgebiet eingeleitet werden sollten. Man wird indessen gut tun, zunächst weitere Nachrichten über die Angelegenheit abzuwarten.
Die Erörterungen über die F l e i s ch t e u e - r u n g nehmen ihren Fortgang. Von einer „Oeff- nung der Grenzen" dürfte die Regierung aber weiter entfernt sein, als je, nachdem sich die Stimmen gemehrt haben — sogar aus dem nationalliberalen Lager —, welche dafür zeugen, das; von einer Fleisch not keine Rede sein kann und die Teuerung in der Hauptsache auf das Verhalten der Händler und Schlächter zurückzuführen ist.
Die Cholera ist allmählich im Erlöschen begriffen. In der vergangenen Woche gab es schon ein paar Tage, an welchen Neuerkrankungeu nicht mehr gemeldet wurden.
Am Freitag ist der bayerische Landtag eröffnet worden. Die Thronrede behandelte hauptsächlich finanzielle und wirtschaftliche Fragen, während sie die Angelegenheit eines neuen Wahlgesetzes unberührt lieh. Diese Angelegen- . heit ist nunmehr auf dem Wege der Jnitiativ- L_ -anträge in Fluh gebracht worden.
Im österreichischen Abgeordnete n h a u s e ist es in den letzten Tagen wiederholt zu argen Lärmszenen gekommen, die durch die Diskussion der Wahlrechtssrage, welche sich an die Erklärungen des Ministerpräsidenten von Gautsch bei Eröffnung des Reichsrats knüpfte, veranlaßt wurde. Zu erregten Auseinandersetzungen gaben auch die Vorgänge Stoff, die sich bei dem in Brünn abgehaltenen „deutschen Volkstage" abspielten, wo Tschechen und Slovenen die Deutschen tatsächlich angriffen und es schließlich zu Zusammenstöhen mit der bewaffneten Macht kam.
Die Krisis in Ungarn ist auch in der verflossenen Woche ihrer Lösung nicht näher geruckt trotz wiederholter Konferenzen des Grafen Czaky und des Barons Fejervary mit dem Kaiser. Neuerlich heißt es sogar, Baron Fejervary solle wieder offiziell mit der Regierung betraut wer- den. Ob mit oder ohne volle Billigung seines Programms, darüber ist man noch im Unklaren. Dabei rückt der 10. Oktober, der Termin des Wiederzusammentritts des ungarischen Reichstages bedenklich näher.
Ter Präsident des russischen Ministerkomitees, Herr von Witte, ist in Rußland zwar nicht mit großen, Pomp, aber doch sehr ehrenvoll nach seiner Rückkehr von den Friedensunterhandlungen in Portsmouth ausgenommen worden. Tas Volk bat ihn in seiner Eigenschaft als Friedensbringer herzlich gefeiert; der Zar hat ihn in den Grafenstand erhoben.
Nach Beendigung der Verhandlungen in Karlstad über die Auflösung der Union zwischen «chweden und Norwegen lag die Weiterführung der Aktion wieder in den Händen der Parlamente der beiden Länder. Die schwedische
Fulda, Samstag, den 7. Oktober 1905.
Regierung hat beim Reichstag bereits einen An- trag auf Anerkennung der in Karlstad getroffenen Vereinbarung eingebracht. In Norwegen setzt jetzt eine republikanische Agitation schärfer ein, doch legt man ihr keine große Bedeutung bei.
Zwischen Rumänien und Griechen- l a n d ist es zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen gekommen, der von Griechenland aus- gegangen ist. Die griechische Regierung hatte eine Reihe von Beschwerden über Belästigungen und Mißhandlungen griechischer Untertanen und über eine Beleidigung der griechischen Flagge in Rumänien an die rumänische Regierung gerichtet, die von dieser unbeachtet gelassen wurden. Darauf hat die griechische Regierung ihren Vertreter in Bukarest veranlaßt, seine Pässe zu fordern. Die Angelegenheit hat nur Interesse als Schnp- tom für die zunehmende Gährung auf der Balkan- Halbinsel.
Der Streit zwischen Frankreich und Venezuela ist vorläufig vertagt worden. Frankreich hat eine genauere Untersuchung der Sachlage angeordnet und soll beabsichtigen, eventuell gemeinsam mit den Vereinigten Staaten vorzugehen.
Kl. c. Ms dem Lande.
Humoristische Skizze von August Gotthard.
(Nachdruck nicht gestattet.)
Ein noch jugendlicher, rasch berühmt gewordener Komponist verbrachte einst die Sommerzeit in einem reizenden, tief in dem Gebirge gelegenen, noch in der Einfachheit der Sitten befindlichen, weldfremden Dorfe. Eine Zeitung kam z. B. nur alle acht Tage in diesen Ort, und der einzige, der sich abonnierte, war der Lehrer, welcher dann abends in der sonst so stillen Wirtschaft des Dorfes den an diesem so wichtigen Tage regelmäßig versammelten, älteren Dorfbewohnern daraus das Interessanteste vorlas. — Der Wirt, welcher nach der Dorfsitte einfach mit feinem Vornamen Eduard gerufen wurde, warf wohl ab und zu sehr kuriose Fragen, die neuen Nachrichten betreffend, dazwischen, und so entspannen sich an solchen Abenden politische Debatten und Kannegießereien von größter Wichtigkeit, an denen die Humoristen unserer Witzblätter unendliche Freude gehabt haben würden. —
Der berühmte, im Dorfe natürlich unbekannte Komponist wohnte bei diesem Eduard, der sich wunderte, daß der fremde Herr niemals Briefe bekam. Doch dieser hatte, um seine. Nerven gesunden zu lassen, überhaupt auf jede Korrespondenz oder Zusendung von Zeitungen, Musikalien und so weiter verzichtet. — Die ersten acht Tage seines dolce far niente verbrachte er beständig draußen auf den Wiesen, im Walde und auf den Bergen, oder er raftetete an den Ufern der Gebirgsbäche und lauschte dem Rauschen und Plätschern der Wasserfälle. — Das bleiche Aussehen des Sommergastes wich alsbald einer rötlich, "fonngebräunten, gesunden Färbung, die Augen blickten wieder in jugendlichem Feuer, und schließlich wurde es dem jungen Musiker zu einsam in der Natur. Er sehnte sich nach Menschen. Seine Nerven hatten die alte Spannkraft wieder gewonnen, und er wünschte nun Veränderung. Er fragte den Wirt Eduard nach den Honoratioren. Der Wirt sagte ihm, daß heute, da Sonnabend, der Lehrer die Zeitung erhalten und abends vorlesen würde, wozu alle besseren Dorfbewohner im Wirtszimmer sich zu versamnieln pflegten.--Die Zeitung! Dem
Komponist fiel plötzlich ein, daß er ja gar nicht einmal wisse, was alles in der Zwischenzeit draußen passiert sei, und er beschloß, den Leseabend über im Gastzimmer zu bleiben.--
Es wurde Abend. Nach und nach stellten sich die Bauern mit Holzpantoffeln und langen Pfeifen versehen, gestrickte Mützen tragend, in der Wirtschaft ein. Sie nahmen an einem der runden, großen Tische Platz. — Die Szene beleuchtete eine Petroleumlampe, die von der Decke herab ihr gel? des Licht spendete.--Der Lehrer kam. Man be
gann Bier oder Landwein, der von den alpigen Gehängen der Gegend stammte, zu trinken und dabei zu raudicn. — Dann wurde die Zeitung bor- gelefen. — Der Komponist saß zuerst an einem kleinen Tisch abseits, doch lud man ihn freundlich ein, sich mit an den runden Tisch zu setzen. — Ta man nicht wußte, wer er war, so ging dies ohne alle Förmlichkeiten vor sich, und der Musiker wunderte sich im stillen, daß es Leute gäbe, welche den ganzen Abend auch nicht ein einziges Mal von Musik oder etwas ähnlichem sprachen. Es wurde ibm schließlich bei den ibn erst ergötzenden, nachher aber albern erscheinenden Geschwätzen unendlich langweilig zu Mute und er verabschiedete sich, um sich zu Bett zu begeben. Auch die Bauern und der Lehrer gingen bald darnach still, wie sie gekommen waren, den Kopf voll von den aus der Zeitung gehörten Neuigkeiten, die unseren Komponisten wenig interessiert hatten, weil sie unerheblich waren. Nun lag das Dorf in tiefer, nächtlicher Stille.
Am nächsten Morgen erwachte der junge Melodienerfinder schon früh, da ein Hahn, mit permanentem Kikerikioesckrei direkt unter seinem Fenster auf einer Leiter stehend, ihn wohl oder übel dazu nötigte: Der junge Mann erhob sich, öffnete das Fenster und blickte hinaus in die liebliche Morgenlandschaft. Da zogen mit einem Male herrliche Melodien von Glück und Frieden des Landlebens durch feine Seele, und er ergriff Papier und Bleistift. So entstand eine seiner lieblichen Klavierpieeen, die das Entzücken des modernen Publikums bilden. Nun kleidete sich der geniale Komvonist an und ging hinunter. Im Tanzsaal
Wirtshauses stand ein altes, staubbedecktes Tafelklavier, auf welchem man an Sonn- und Feiertagen der Jugend des Dorfes znm Tanze aufspielte. — Jetzt griffen geübtere Finger in
die Tasten! Der Komponist spielte mit Begeisterung die soeben oben im Zimmer geschriebenen Noten ab, dann einige Stücke aus Weber's „Freischütz" und aus Mozart's „Zauberflöte" — Da hatte sich die Türe leise geöffnet und die beiden Söhne des Wirtes im Alter von' achtzehn und zwanzig Jahren, standen lauschend im Türrahmen. — Der Musiker wendete sich freundlich um: „Kennt ihr das nicht? Das ist von Mozart, vom großen Mozart!" — Die Gefragten machten einfältige Gesichter, und der älteste sprach langsam in fragendem Ton: „Mozart? ?" —
„Ich weiß nicht, wer Mozart ist!" — Tre Komponist war geradezu erschrocken! „Wißt ihr etwas von Beethoven, Haydn und Gluck?" — Keine Antwort — „Na, da hört aber doch alles auf!" — — Der Musiker fand es entsetzlich, daß es jemand geben könne, der das nicht wisse. — Des Mittags beim Essen fragte er wiederum die am Tische sitzenden Hausbewohner danach. Niemand kannte auch nur die Namen. Er geriet darüber in das größte Erstaunen, ging in das Dorf und fragte die ihm begegnenden Leute. Keiner von den Bauern hatte jemals etwas von diesen großen Geistern gehört, die dem Komponisten alles waren, die feinem Leben erst Glanz und Gehalt verliehen hatten. — Schließlich verbreitete sich im Dorfe das Gerücht, daß es bei dem fremden Herrn wohl nicht ganz recht im Kopfe wäre, er mache häufig so sinnlose Fragen, ob man Männer, namens Mozart, Gluck und so weiter kenne. Was müßten das für Leute sein, nach denen der Narr sich immer erkundige? — Im Dorfe hätten sie niemals gewohnt, so viel sei sicher. —
Der Komponist trank täglich des Morgens ein Glas frische Kuhmilch, und er ging in der letzten Zeit regelmäßig selbst vor den Stall und machte es sich dort auf einem Stuhl bequem, um die Milch frisch in Empfang zii nehmen. — Eines Tages jedoch mußte die Magd früh auf die Gönfe-Weide, und Joseph, der älteste Sohn des Wirtes kam, um zu melken. Der Komponist ging zum Zeitvertreib mit in den Kuhstall. Da wurde Joseph von seiner Mutter gerufen. Im Fortgehen bat er treuherzig den Sommergast, doch in der Zwischenzeit weiter zu melken. Lächelnd ging der berühmte Mann an die Arbeit, da er sich das Melken als sehr leicht vorstellte. Vergebens aber mühte er sich ab, auch nicht ein Tropfen Milch entfiel dem noch reichlich gefüllten Euter.--Joseph kam zurück.
Als er den fremden Herrn nun beim Melken so in Nöten sah, rief er bertounbcrt in feinem heimischen Dialekte aus:
„Wenn wir auch Mozart nicht kennen, so verstehen wir doch mehr wie Sie, denn Sie können ja nicht einmal melken, und das kann jede Kuhmagd!" --Verblüfft gab es der Komponist zu,
trank die Kuhmilch und ging nachdenklich in den Garten.--
Seit dieser Zeit wunderte er sich nickt mehr über die Ausfälle der Kritik gegen ihn und über die Mannigfaltigkeit der Ansichten der Menschen!
* Lin heimßekehtter.
Italienische Blatter erzählen die romantische Geschichte eines Kaufmanns namens Bandini, der, nach dreißigjähriger Abwesenheit imb nachdem er längst für tot erklärt worden mar, vor einigen Tagen zu seiner Familie in San Casci- ano bei Florenz zurückkehrte. Enrico Bandini, der aus sehr angesehenem und wohlhabendem Hause stammt, war im April 1877 mit dem Bildhauer Bagnolefi und der Frau eines russischen Generals, die ans' Gesundheitsrücksichten längere Zeit in Italien gelebt hatte, nach Petersburg gereift, wo er zuerst mit florentinischen Strohhüten und später n it Statuetten und anderen Kunstgeoenständen einen einträglichen Handel trieb. In den ersten Jahren schrieb er recht oft an seine Mutter und Geschwister, dann — es mochten feit seiner Ab-eite ungefähr vier Jahre verflossen sein — hörten die Nachrichten plötzlich aus. Bandini schien ,purlos vom Erdboden verschwunden zu fein; die Familie erkundigte sich nach ihm direkt und indirekt bei allen möglichen Konsuln, Ministerien und Behörden, und ließ ihn schließlich für tot und verschollen erklären. Bemerkenswert war, daß sein plötzliches Verstummen zeitlich mit der Ermordung Alexander 'II. zufammenfiel. Vor einigen Tagen nun erschien in einem Kaffeehause in San Casciano ein etwas derangiert aussehender Mann von etwa 55 Jahren und knüpfte in mangelhaftem Italienisch mit dem Witte eine Unterhaltung an. Er schien den Ott von früher her aut zu kennen, denn er fragte nach dem und jenem im Städtchen und zuletzt auch nach der Familie Bandini. Als ihm der Wirt erzählte, daß Enrico Bandini in Rußland verschollen fei, sagte der Fremde einfach und ruhig: „Der verschollene Enrico bin ich!" Man kann sich das Staunen der Kaffeehausgesellichast vor- stellen. Von seinen Geschwistern wurde Enrico nicht erkannt; er wußte jedoch über die intimsten Familienverhältnisse und über jeden Winkel im elterlichen Haufe so genaue Angaben zu machen, daß man allen feinen Mitteilungen Glauben schenken mußte. Den interessantesten Teil biefer Mitteilungen bildeten die Schilderungen seiner Erlebnisse in Rußland. Bandini ist einen Tag nach der Ermordung Alexanders II. mit fünf anderen Italienern als „dringend verdächtig" verhaftet worden. Als „dringend verdächtig" galten den russischen Behörden damals fast 3000 Ausländer, die ohne weiteres eingespertt wurden.
32. Jahcqanst.
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fo daß in den Gefängnissen kaum noch ein Platz frei war. Bandini und feine Freunde saßen in einer schlecht behüteten Polizeiwache, von wo sie zur Nachtzeit entflohen. Sie schlugen sich nach Polen durch, wo sie bei dem inzwischen verstorbenen italienischen Sprachlehrer Valdebiadene ein Unterkommen fanden. Von Polen gelangten sie nach Oesterreich; hier trennte sich Bandini von seinen Genossen und ging über Berlin und Hamburg nach Amerika. Vier Jahre lang lebte er in New-Jork, wo er mit Wein und Oel handelte und viel Geld verdiente. Er war dann kühn genug, unter dem angenommenen Namen Giovanni Rizzi nach Rußland zurückzukehren; als der Bau der transsibirischen Bahn begann, sand er sogar eine „halbamtliche" Anstellung als „Arbeiterlieferant". 1809 kehrte er nach Amerika zurück, wo er bis jetzt geblieben ist. Interessant sind Bandinis Andeutungen über die Beteiligung von Italienern an dem Bombenattentat auf Alexander II. Aus die Frage eines Journalisten, wie es kam, daß damals so viele Italiener verhaftet wurden, antwortete der Heim- gekehrte : „Wir Italiener, die wir in Petersburg lebten, waren alle von Freiheits - Ideen erfüllt. Jeden Tag erzählte man von neuen Opfern der despotischen Regierung, von unerhörtem Martern, grausamen Deportationen, unmotivierten Hinrichtungen. Es war eine wahre Schreckensherrschaft. Wir bildeten einen Verein von 15u Italienern zum Zwecke der — na. Sie verstehen mich schon. Wir alle wurden wenige Stunden nach der Ermordung des Kaisers verhaftet. Einige wurden hingerichlet; andere nach Sibirien geschickt; unter den letzteren befand sich ein Ingenieur Conci, dem man versprochen hatte, daß er am Leben bleiben solle, wenn er „das Geheimnis" verraten würde Er ließ sich übertölpeln und sprach; dafür wurde er bann in Ketten nach Sibirien geschickt. — „Ja, hatte denn die italienische Geheimgesell- schaft mit den Mördern des Zaren etwas zu tun?" fragte de- Journalist. — „Ich selbst bin unschuldig verhaftet worden," erwiderte Bandini ausweichend; „ich kann auch nicht sagen, ob der Verein irgendwie beteiligt war. . . Wenn ich ja sage, würde ich vielleicht r ;en; sage ich aber nein . . . tu>z, ich weiß nichts und will nichts wissen! . . ." Bandini hat ein Vermögen von fast 100,000 Lire aus Amerika mitgebracht.
vermischtes.
* Wie die Frage, so die Antwort. Eine Dame von Bildung und Vermögen bewohnte während des Sommers ein Landgut, auf dem sie oft Personen vom Stande: Gelehrte, Künstler und der- gleichen zu Gaste litb, weil sie im Umgänge mit gebildeten und talentbollen Leuten eine ihrem Geiste angemessene Unterhaltung fand. Trotzdem gehörte sie nickt zur Zahl jener Damen, die so verbildet sind, daß sie alles anekelt, was zu den Geschäften einer guten Hausfrau gehört. Sie kümmerte sich selbst eifrig nm ihr Hauswesen und um die Bewirtschaftung des Landgutes. Sie war deshalb auch stets früh morgens auf und hielt das Gesinde zur Arbeit an. Eines Morgens rief sie einer Magd aus dem Fenster zu: „Vergiß nicht, nach den Schweinen zu sehen und die Ferkel zu versorgen." Unfern ihrem Zimmer wohnte ein Kavalier, der durch diese Worte aus dem Morgenschlafe gestört worden war. Als sich die Gäste am Mittag im Speisesaal versammelt hatten und die Frau vom Hause erschien, fragte eben dieser Kavalier, in der Meinung, etwas Witziges zu sagen: „Gnädige Frau, sind die Ferkel versorgt?" — „Sie werden es wohl am besten wissen", versetzte die Tarne, „ob Sie Ihr Frühstück erhalten haben." — Das reichte. Der Vorlaute stellte weiteres Fragen betroffen ein.
* Eine neue Riefcnbrückc. Die große Brücke über den Zambesistrom in unmittelbarer Nähe der Viktoriafälle ist vorige Woche eröffnet worden. Die Größe des Werkes läßt fick erkennen durch einen Vergleich mit der Brücke über den Niagarafall. Die letztere ist eine halbe (engt) Meile lang und befindet sich 50 Meter über dem Wasserspiegel. Die Zambesibrücke ist eine Meile lang und 130 Meter über dem Fluß. Die Wassermasse, die über die Felsenwände hinabfällt, ist so schwer, daß sie in der Tiefe nebelförmige Massen bildet, die sich hunderte von Metern in die Lust erheben, als ein ständiger Brunnen, der meilenweit, je nach dem Stande der Lust, das Land mit Feuchtigkeit versieht. Dort ist das Wachsen von Holz besonders ergiebig.
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