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Zuldaer

Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

W

Zeitung

Monakbeiiage: „Fuldaer Geschichtrblätter".

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Rotationsdruck n Verlag der Fuldaer A« tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Dttttwoch, den 4. Oktober 1905.

Jahrgang.

M 227.

Zweites WLatt.

I ........... —

.!: Verschmelzung der verficherungr- gesetzgebung.

In der augenblicklich soviel erörterten Frage der Vereinheitlichung der deutschen Arbeiter­oersicherung ist der „Zentraloerband der Orts­krankenkassen" an die Reichsregierung mit einer Reihe von „Vorschlägen herangetreten, von denen die wichtigsten mitgeteilt seien.

Was zunächst Zweck und Umsang der Ver- stcherung anbelangt, so sollen gegen die durch Krank­heit, Unfall, Invalidität und Alter entstehenden Schädigungen versichert sein alle gegen Entgelt be­schäftigte Personen, deren Jahresarbeitsverdienst 3000 Mark nicht übersteigt, mit Ausnahme der Staats- und Kommunal-Angestellten, denen eine gleichwertige Für­sorge durch den Arbeitgeber garantiert ist. Der Ver­sicherungspflicht sollen auch die selbständigen Gewerbe­treibenden und Landwirte unterliegen, wenn ihr zur Staatssteuer eingeschätztes Jahreseinkommen 8000 Mk. nicht übersteigt.

Aus dem Abschnitt Leistungen ist besonders hervorzuheben Absatz 3: Im Falle der nicht durch Un­fall hervorgernfenen Invalidität soll der Versicherte eine Invalidenrente erhalten in Höhe von 50 Prozent des Jahresarbeitsverdienstes, mindestens aber jährlich 200 Mk.; bei völliger Hilflosigkeit soll eine Erhöhung der Rente bis zum vollen Arbeitsverdienste stattsinden. Der Versicherte wird dann als invalide anerkannt, wenn er nicht mehr imstande ist, durch angemessene Lohnarbeit die Hälfte (bisher /») des Durchschnitts- lohnes gleichartiger gesunder Personen zu erzielen.

Die.Organisation denkt sich der Zentralver­band folgendermaßen aufgebaut: Zur Durchführung der gesamten Versicherung sollen unter Aufhebung der jetzt bestehenden Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Jnvaliden-Verstcherungsanstalten und besonderen Kassen- einrichtungeu allgemeine Versicherungsanstalten für räumlich abgegrenzte Bezirke mit nicht unter 100 000 Einwohnern errichtet werden. Diese Versicherungs­anstalten sollen für die Versicherung sämtlicher in ihrem Bezirke beschäftigten Personen zuständig sein. Zur Er­leichterung des Verkehrs mit den Arbeitgebern und (Versicherten sollen dieselben gehalten sein, m ihrem Be­zirke nach Bedarf örtliche Verwaltungsstellen einzurichten. Die Versicherungsanstalten sollen als Organe für die künftige Witwen- und Waisenfürsorge und für die künftige Arbeitslosenversicherung vorgesehen werden.

Die Leitung und Verwaltung der Versiche­rungsanstalt soll dem Vorstände und der Generalver- samnilung zustehen, welche beide zu einem Drittel aus Vertretern der Arbeitgeber, und zu Pvei Dritteln aus Vertretern der Versicherten zu bestehen haben. Der Vorstand soll von der Generalversammlung gewählt werden. Die Generalversammlung soll von den Ver­tretern gebildet werden, die von den Arbeitgebern und Versicherten je aus ihrer Mitte zu erwählen' sind Zur Festsetzung von Unfall- und Invalidenrenten sollen Kommissionen von Sachverständigen gebildet werden.

Die zur Durchführung der Versicherung erforder­lichen Mittel sollen vom Reich, sowie von Versicherten und Arbeitgebern aufgebracht werden und zwar in der Weise, daß das Reich zu jeder Invaliden- und Alters­rente einen Zuschuß von 100 Mk. pro Jahr leistet (bis­her 50 Mk.) und die Arbeitgeber, sowie die Versicherten durch gleich hohe wöchentliche Beiträge, die nach dem Einkommen abgestuft werden, die Bedürfnisse int übrigen decken. Die. Beiträge sollen für die drei Abteilungen: Krankheits-, Unfall- und Invaliditäts-Versorgung ge­trennt verrechnet und verwertet werden und für jede Abteilung sind besondere Reserve- und D-ckungsfonds anzusammeln. Eine Erhöhung der Leistungen soll von den einzelnen Versicherungsanstalten beschlossen und der Mehrbedarf durch Erhebung von Zuschlägen gedeckt werden können.

So wünschenswert eine Reform unser Arlnr- teroersicherung ist, namentlich auch im Hinblick auf eine Erweiterung der Krankheits- und Un­falluni erstützung. so muß doch zugegeben werden, daß bei einer Reihe von „Vorschlägen" weder nach der praktischen Durchführbarkeit noch nach der Rotwendigkeil gefragt morden ist. Zunächst sollen alle Arbeiter und Angestellte mst einem Arbeitsverdienst bis 3000 Mk. sowie weiterhin alle Gewerbetreibenden und Landwirte mit einem versteuerten Jahres­einkommen bis 3000 Mk. gleichmäßig der Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung unterstellt werden. Ist nun aber für Leute, welche so gut wie gar keinen Berufsgefahren ausgesetzt find, wie Buchhalter, Kaufleute zc, ein Bedürfnis zur Sicherstellung gegen Betriebsunfall durch Einbeziehung in die staatliche Unsallvei- sicherung vorhanden? Diese Frage muß rund­weg verneint werden. Und dann die Aus­dehnung der Invalidenversicherung aus Gewerbe­treibende und selbständige Landwirte mit einem Einkommen bis zu 3000 Mart.! Diese Bevölke­rungskreise, welche sehr häufig über ein gewisses Vermögen verfügen, werden vielfach gar nicht darnach streben, durch die Invaliden- oder Alters- rente vom Staat ein Geschenk von jährlich 100 ÄH ar k zu bekommen. In diesen Kreisen wird ja selbst von der ihnen zustehenden freiwilligen Versicherung ein nur geringer Gebrauch gemacht' Dann wird der Invalidenversicherung' in den „Vorschlägen" eine Aufaabe zugewiesen, deren Lösung einfach unmöglich ist. Die In­validität soll schon anerkannt werden beim Ver­luste der halben Arbeitsfähigkeit und die Ein­buße an Erwerbsfähigkeit den Anspruch auf Auszahlung einer Rente in Höhe des halben Jahresverdienstes rechtfertigen. Ob der „Zen­tralverband der Ortskrankenkassen sich auch klar geworden ist, welche Mittel hierzu erforderlich wären? Im laufenden Jahre gab es rund 750 000 Empfänger von Invaliden- und Kranken­renten, also Personen, welche ein Drittel des Lohnes nicht mehr verdienen können und die Rentenaufwendunaen dafür betragen rund 100

Millionen Mark. Würde die Invalidität schon beim Verluste der halben Arbeitsfähigkeit aner­kannt und der Versichertenkreis in geplanter Weise ausgedehnt, so würde man wohl immer­hin mit der doppelten Zahl Rentenempfänger rechnen müssen; l12 Millionen Menschen er­hielten also Invalidenrente in Höhe von min­destens der Hälfte des Jahresarbeitsverdienstes, sodaß also die Invalidenversicherung allein viel größere Aufwendungen erforderte, wie heute die ganze Arbeiterversicherung. Woher soll aber das Geld kommen, nachdem auch Mehrleistungen für Kranken- und Unfallversicherung erforderlich werden und die geplante Hinterbliebenen-Für- sorge die Beitragskraft der Beteiligten erheblich in Anspruch nehmen wird?

Was zuletzt noch die Aufbringung der Mittel anbelangt, so erscheint es uns mit der West­deutschen Arbeiter-Zeitung', deren Kritik wir uns angeschlossen haben, durch nichts gerecht­fertigt, den Arbeitern die halben Lasten der Unfallversicherung aufzu­bürden, nachdem eine zwanzigjährige Praxis diese Unkosten als feststehende Betriebslasten ein­gebürgert hat. Und mit Recht stellt doch insbe­sondere die Unfallversicherung auch für den Unter­nehmer eine Zwangshaftpflichtversicherung dar, die ihn vor einer persönlichen Regreßpflicht gegenüber seinen Arbeitern schützt. Die „Vor­schläge" wollen also unverlangt den 'Arbeitern eine ganz gewaltige Last anhängen.

Daß für die verlangte Verwaltungsorgani­sation bei den gesetzgebenden Körperschaften ins­besondere beim Bundesrat eine Mehrheit zu haben sein wird, werden die Vorschlagenden wohl selbst nicht glauben. Der Staat darf nach den „Vor­schlägen" jährlich etwa 150 Millionen Mk. her­geben, zu sagen hat er aber nichts; den Arbeit­gebern geht es ähnlich: Dieselben haben die Hälfte der Lasten zu tragen, bekommen aber in der Ver­waltung nur ein Drittel des Stimmrechts, sind also faktisch nur mit beratender Stimme zuzu­lassen. Mit solchen praktisch undurchführ­baren „Vorschlägen" wird der Zemralver- band der Ortskrankenkassen die Reform der Ar­beiterversicherung kaum fördern.

kl c. wieder daheim!

Betrachtungen nach der Sommerfrische von Franz W i ch m a nn.

(Nachdruck nicht gestattet.)

„Still auf gerettetem Boot" wie Schillers Greis kehre ich jedesnial nach den Sommerfreu­den an den häuslichen Herd zurück. — „Eigent­lich ist's doch nirgends schöner als daheim" — wie oft ist mir das van sehnsuchterfüllten Leidens- geführten gegen den Schluß der Ferien versichert worden. Sonderbar, daß man sich das nie vor­her lagt 1 Aber der Mensch bleibt ein Kind, so lange er lebt" die Phantasie ist mächtiger bei ihm als alle Wirklichkeit. Mit tausend Masten schifft er immer wieder in's Meer der Hoffnungen hinaus, einen neuen Hafen zu suchen, der ihm die Ruhe und Erholung des eigenen doch nicht bieten kann.

Ein ganz anderer Mensch will man gewöhnlich da draußen werden, den alten Adam und alles, was an die Stadt erinnert, mit ihm ausziehen. Aber was sind Pläne, was sind Entwürfe! Wir bleiben stets die gleichen Bilder, wenn wir auch in verändertem Nahmen stecken. Das großartige Programm zunr neuen Leben nutzt uns auch nichts. Meistens wird ja solche Rechnung ohne den Wirt, das heißt, ohne das Wetter gemacht, den tyrannisch­launischen Beherrscher feder Sommerfrische. Re­gentage am Lande, das ist eine Stufe der Hölle, die der große Dante in der seinen vergessen hat. Regnet's in der Stadt, so regnet's auf dem Lande noch mehr. Das ist die abscheuliche Wahrheit, die wir da jedesnial mit ohnmächtigem Grimm wieder konstatieren müssen.

An solchen Tagen ,nrisi"rauer Verzweiflung stellt man oft genug die r riscke Frage an sich selbst:. Warum bin,ich nur r. .tgegangen? Daheim hätte ich ja die Ferien viel angenehmer verbringen können. Nicht etwa als Stubenhocker, Gott be­wahre! Alle schönen Tage hätte ich zu Ausflügen benutzt, über die schlechten aber mich in gemütlicher Häuslichkeit hinweggetröstet, statt draußen in Ldors in dumpfer, niederer Stube verzweifelt den Barometer anzustarren und dieses Vergnügen noch teuer zu bezahlen.

Doch der Mensch ist und bleibt ein Götzendiener der Mode. Sie hat das sommerliche Zigeunertum nun einmal zum Gesetz gemacht und dagegen gibt es feine Auflehnung. Nur die vernünftige Ueher- legung empört sich bisweilen gegen ihren harten" Zwang. Auch jetzt höre ich, wie sie mir schaden­froh zuflüstert: „Kanu man daheim seine Frei­heit nicht gerade so gut genießen, wie auswärts?"

Ja wirklich, wie schön man sich mit etwas Geld und freier Zeit auch in der Stadt den Sommer ge­stalten kann, das wissen wir gar nicht mehr. Lau­fen wir doch alle schon am ersten Feiertage davon, als wäre uns die Pest auf den Fersen. Die Luft, die schreckliche Stadtluft! wirft man im Brustton der Ueberzeugung ein. Aber ist sie, in der wir doch inindestens zehn Monate des Jahres atmen und leben, denn wirklich so schlimm? In den krampf­haft abgeschlossenen Bauernhäusern herrscht ja eine Viel schlechtere Lust, die Misthaufen auf den Dorf­gassen duften auch nicht wie die Rosen von Schiras, und die in enge Täler eingebetteten Bergnester entbehren nur oft jenes frischen, freien Luftzuges, der die auf weiten Ebenen gelegenen Hauptstädte ventiliert. Uebcrdies verbreiten in trockener Zeit die ausgedörrten Landstraßen meistens einen viel

lästigeren Staub, als die täglich mehrmals be­sprengten Verkehrswege unserer Städte. Und erst das Ungeziefer, die Mücken, Schnacken, Bremsen, und Wespen, die uns da draußen plagen! In der Stadt würde man darüber aus der Haut fahren, auf dem Lande muß unsere Haut sie wie so vieles andere als notwendiges Uebel ertragen. Wüßte man sich das Leben in der Stadt während der Ferien nur vernünftig einzurichten, so könnte man dort geradezu ideal leben. Wem der regelmäßige Haushalt zur Last ist, wird in den städtischen Re­staurants immer noch besser und billiger daran sein, als in den Gasthäusern der überfüllten Som­merfrischen. Hier muß man mit dem zufrieden fein, was kommt, dort kann man wählen, was man mag. Und sehr viele, die eigene Küche führen, verlegen ja nur ihren Haushalt mit aller Mühe und Plage aufs Land. Das Verlangen nach Ab­wechslung ist wohl die geheimste Triebfeder des Zuges rrach dtzm Lande. Aber daheim, wenn mau nur fein Leben anders regelt, kann man sie sich eben so gut verschaffen. Der langschläfrige Städter steht nur einmal früh auf. Auch die Großstadt ist schön am Morgen. Wenn der junge Tag auffteigt über dem weiten Häusermeer, das unerschöpflich bunte Leben in ihm erwacht, wenn die ersten Son­nenstrahlen die Türme und Kuppeln ehrwürdiger Gotteshäuser vergolden, die Bäume der Anlagen mit ihrem frischen Laube in die reine, nachtkühle Luft tauchen, geht einem auch hier das Herz auf. Doch von solchen ästhetischen Genüssen wollen wir gar nicht reden. Sehen wir nur auf das Praktische. Badegelegenheit, wie sie unsere großen Städte bie­ten, findet man, von der See abgesehen, auf dem Lande, und zumal im Gebirge, nur selten. Wo es überhaupt Wasser gibt, ist es bald zu kalt, bald zu warm oder zu schmutzig. Und selbst gegen die lästige Sommerglut kann man sich in den Stadt­häusern mit ihren Vorhängen und Jalousien meist besser schützen als in den freistehenden, primitiven Bauernhäusern.

Fast in allen größeren Städten stehen uns heut­zutage herrliche Anlagen zur Verfügnng. Aber wie selten kommt man bei der Qual und Hast des Bc- rnsslebens dazu, ihre fühlen Schatten zu genießen. Sie nütze der Daheimbleibende aus! Mit dem nötigen Proviant versehen, kann mau sich's den ganzen Tag in ihnen wohl fein lassen. Und wem das zu bescheiden dünkt, der kann täglich mit den guten Bahn- und Schiffsverbindungen größere Ausflüge unternehmen und doch abends wieder da­heim in feinem gewohnten, guten Bette schlafen. 'Die Mehrkosten solcher Vergnügen bringen die Regentage, an denen man zu Hause bleibt, reichlich wieder ein.

Aber die Nerven will man am Lande stärken. Ja, wenn man immer dort leben könnte! In ein paar? Wochen vollziehen sich solche Wunderkuren nicht. ES gibt Landfanatiker genug, die da drau­ßen nur noch nervöser werden und mit verdorbe­nem Magen hetmfehren, sich erst in der Stadt wie­der von ihrem ©ommeraufcnthalt erholen. Tie Ruh und das Alleinsein an den beliebten Er­holungsstätten ist gewöhnlich auch nur Chimäre. Gerade dort begegnet man nur zu oft den lieben Nächsten, denen man aus dem Wege gehen wollte. Viel leichter und unbemerkter als in dem engen klatscherfüllten Bereiche einer Sommerfrische kann man sich in der Großstadt auf eine Weile zurück­ziehen.

Wer sich das alles ruhig überlegt, dein wird unsere moderne Stadtflucht oft geradezu komisch erscheinen. Früher, als es in den Städten viel schlechter bestellt lvar, als man, hinter dumpfen Festungsmanern eingeengt, von mißduftigen Grä­ben umschlossen, in sommerlicher Sonnenglut ver- schinachtete, als Parke und Anlagen nicht vorhan­den oder dem Publikum nicht zugänglich waren, die Wälder ohne die jetzigen Verkehrsmittel uner­reichbar weit lagen, die Straßen schmutzig, das Trinkwasser höchst fragwürdig, für Badegelegen­heit nur mangelhaft gesorgt war, kurz und gut, alle die großartigen hygienischen Verbesserungen der Neuzeit fehlten, da fiel es feinem Menschen ein, aufs Land hinauszugehen, wo er sich 'doch wahrlich hätte erholen können. Und Heute, wo die Städte durchwegs ein gesünderer Aufenthalt ge­worden sind als das Land, ergreift man mit Freu­den die Gelegenheit, sie zu meiden, ihre großen, flohen und fühlen Wohnräume mit niederen, schlecht ventilierten Bauernstuben zu vertauschen und alle Unbequemlichkeiten eines ungewohnten Lebens auf sich zu nehmen.

Doch wir wollen nicht mit einer Philippika schließen. Chacun ä. son goüt bleibt immer der beste Grundsatz. Sehe jeder, wie er's treibe! Wir sind alle arme, schwache Menschen, und über den guten Willen kommen wir nicht hinaus. Mag der heimgekehrte Philosoph auch brummen und schim­pfen, das weiß man schon: nächstes Jahr geht er ia doch wieder in die Sommerfrische.

vermischtes.

* Aus Napoleons Jugendzeit. Das große In­teresse, das die Engländer neuerdings an Napoleon nehmen, und das durch das Buch Lord Roseberys „The Last Phase" einen neuen Anstoß erhalten hatte, zeitigt immer wieder neue biographische Ver­öffentlichungen von englifchen Verfassern über den ersten Kaiser der Franzosen. So stellt jetzt Oskar Browning dem genannten Buche des liberalen Staatsmannes unter dem Titel „Napoleon: The First Phase", ein interessantes Seitenstück gegen­über. Der hervorstechendste Zug in dieser einge­henden Schilderung von Napoleons Jugendzeit ist die immer wieder hervortretende Tatsache, daß schon der Knabe und der Jüngling auf feine Um­gebung einen fo starken Eindruck machte, daß bei vielen ein Vorgefühl der kommenden Größe er­weckt wurde. So werden eine Reihe von Prophe- zeihungen über das künftige Schicksal dieses kleinen

Menschen berichtet, die sich später so merkwürdig erfüllen sollten. Einmal hatte der Gutsverwalter der Familie zwei feurige Pferde gebracht; fosort bestieg Napoleon das eine und galoppierte zu all­gemeinem Entsetzen nach einem Gute in der Nähe. Dort besichtigte er die Mühle, fragte, wieviel sie in der Stunde mahlen könne und berechnete bann, wieviel sie an einem Tage und einer Woche leisten würb" Der ^auvivttl oruajte ihn seiner Mutter . zurück, aber das Auftreten des Knaben hatte einen solchen Eindruck auf den Mann gemacht, daß er prophezeite, er würde der erste Mann der Welt werden, wenn er am Leben bliebe.... „Wo ist Napoleon?" fragte Carlo Bonaparte am 24. Fe­bruar 1785, als er auf dem Sterbebette tag. „Wo ist mein Sohn Napoleon, vor dessen Schwerte die Könige zittern werden, der das Angesicht der Erde ändern wird? Er wird mich vor meinen Feinden schützen, er wird mein Leben retten!" Auch Paoli, der Generalkapitän von Korsika, hatte ein Vor­gefühl von Napoleons Größe. „Napoleon," sagte er einmal zu ihm, „Du hast nichts Modernes an Dir, Tu gehörst nicht in diese Zeit, Du hast Ge- fühle wie ein Held Plutarch. Nur Mut, Du wirst Deinen Weg in die Höhe machen!" Anders dachte freilich Bauer, der Napoleon an der Militärfchnle in Paris Deutsch lehrte. Eines Tages im Herbst des Jahres 1785 bemerkte Bauer, daß Napoleon beim Unterricht fehlte, und auf feine Frage wurde ihm gesagt, daß er der Artillerieprüfung beiwohne. „Versteht er etwas davon?" fragte Bauer. „Er ist einer der besten Mathematiker der Schule," lautete die Antwort, worauf Bauer erstaunt meinte: „Ich habe immer geglaubt, daß nur Idio­ten Mathematik studieren könnten." Bei den an­deren, die Napoleons Genie ahnten, steigerte sich dieses Gefühl bisweilen fo weit, daß er ihnen ge­radezu unheimlich wurde und sie sich von ihm be­droht glaubten. So erzählte Saliceti, der spater unter Murat in Neapel Polizeiminister wurde, ihn habe die Gewißheit des Kommenden so stark erfüllt, daß er Napoleon einst, als er mit ihm auf einem schmalen Pfade am Ufer Genuas spazieren ging, ins Meer werfen wollte. „Wir waren allein", sagte er, „und wohl zehnmal kam mir der Gedanke, ich sollte ihn ins Meer stürzen, — ein Stoß, und die Welt wäre anders gewesen." Als Napoleon Kaiser wurde, nahm er zwar die Dienste Salieetis in Anspruch, da er feine Tüchtigkeit hochschätzte, aber er ließ ibn nie feiner Person nahe kommen. Auch die Kaltblütigk it, die Napoleon später so oft bcloieS, hatte er schon in seiner Jugendzeit oft genug zu beweisen Gelegenheit. Im Jahre 1793 mußte er in Korsika, da er von den Aufständischen als Abtrünniger geächtet war, in das Haus seines Vetters Jean Jerome Levie flüchten. Als er ge­rade nach der Küste fliehen wollte, kam ein Gen- darinbrigadier und sagte: „Ich suche 'Napoleon Bonaparte und soll Ihr Haus durchsuchen." Levie beteuerte feine Unschuld und wurde den Brigadier mit Hilfe eines Glases Wein los. Als er fort war, kam Napoleon aus feinem Zimmer und verab­schiedete sich vollkommen ruhig von Madame Levie. Dann entkam er nach Bastia, wo er nur mit großen Schwierigkeiten ein elendes Haus mieten konnte, in dem er sich verbarg. In seinem Testamente ver­machte der Kaiser Levie und seiner Familie 100 000 Fr. Ein andermal erregten die Federn auf dem Hut seiner Schwester Marianna die Wut des Pö­bels in Marseille. Er umzingelte das Haus und ließ den alten Ruf hören: „Tod den Aristokraten!" Napoleon nahm den Hut feiner Schwester, warf ihn der Menge herab und rief: „Nicht mehr Aristo­kraten als ihr!" Sofort verwandelten sich die Drohrilfe in Hochrufe.

* Eingebildeter Trost. Pferdehändler (ärgerlich): „So em Lump von einem Käufer! Für 200 Taler hat er's Pferd ausgehandelt — und keinen Pfennig werden wir von dem Hallunken kriegen!" — Sohn: „Sei nur gut, Vater! Wenn wir auch nichts kriegen, so haben wir's ihm doch recht teuer aufgehängt!"

Reklamen- und Anzeigenteil.

Ein Pfund Quaker Oats kostet ’S nur ungefähr ein Drittel des­sen, was für die gleiche Quan­tität guten Fleisches bezahlt werden muss.

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Es sind das Thatsachen, denen Jede Hausfrau in diesen Tagen der Fleisch­not Rechnung trägt, denn der Verbrauch von Quaker Oats nimmt mit jedem Tage zu. Man nehme jedoch nur QuakerOats, die nicht anders als in geschlossenen, mit der Quaker Schutzmarke versehe­nen Packeten verkauf* werden, Lose ausgewogene Waare ist immer Nachahm­ung und weise man darum zurück.