Fulda, Dienstag, den 3. Oktober 1905
Jahrgang.
13,
t Nachdruck verboten.)
Anzeigen: Die ein« spaltig« petitzeile oder deren Raum IS pfg. Reklamen die Pelitzeile 25 Pfg.; bei Wiederholungen wird entspr. Rabatt gewShrt.
zu Untätigkeit verurteilt sah, Not und Mangel sehr fühlbar. Frau Marville und ihre älteste Tochter bewiesen in dieser ihrer traurigen Lage großen Mut. Zwar fanden sie Arbeit für ein Geschäft in Orleans. Aber was hatte der schwache Verdienst, welchen sie durch diese Arbeit gewannen, bei all' ihren vielfachen Bedürfnissen zu bedeuten, die um so größer waren, als der Gesundheitszustand des Herrn Marville außergewöhnliche Ausgaben erheischte? Die beiden dehnten ost ihre Arbeitsstunden bis in die Nacht aus; da aber insbesondere Leonie nicht an eine solche übermäßige Anstrengung gewohnt war, so machten sich bald bei ihr die Folgen derselben geltend, und sichtlich änderte sich ihr Aussehen nicht in erfreulicher Weise — abermals ein neuer Gegenstand tiefster Bekümmernis für ihre Angehörigen.
Herr und Madame Delbourg hätten mit leichter Mühe die unglückliche Familie ihrer Not entreißen können; aber sie dachten nicht im Entferntesten daran, ein Opfer zu bringen, das für sie nicht schwer gewesen wäre, sondern sie begnügten sich damit, derselben int allgemeinen ihre Teilnahme auszudrücken. Herr Delbourg meinte, daß eS schon seitterseits etwas Großes getoefen sei, einen provisorischen Kassierer angenommen und Herrn Marville die Stelle osten gehalten zu haben, bis er wieder gänzlich hergestellt sei. Als Leonie sich eines Tages zu Herrn Delbourg begeben hatte, um demselben eine Mitteilung ihres Vaters zu überbringen, fand sie diesen nicht vor, sondern traf nur seine Gattin an, welche sie bat, sich einige Augenblicke zu setzen; dann erkundigte sie sich nach dem Befinden des Herrn Marville. Traurig antwortete das junge Mädchen, daß sich noch nicht die gewünschte Besserung zeigen wolle. Dladame Delbourg erinnerte sich in diesem Augenblicke der letzten Unterredung, welche sie mit Adrian gehabt hatte, und der Augenblick schien ihr günstig zu fein, um für seine Sache einzutreten. Sie sagte also zu dem jungen Mädchen:
, „Die traurige Lage, in welcher sich Ihre Fa- milie augenblicklich befindet, tut mir herzlich leid.
aber ich meine, daß Sie an derselben ein wenig selbst die Schuld tragen und wenigstens die Sache selbst ändern könnten."
„Wieso?" fragte Leonie ganz erstaunt.
„Sie erinnern sich ohne Zweifel des Antrages, welchen Herr Demeric Ihnen früher einmal gemacht bat? Meines Dafürhaltens wäre es noch immer Zeit, denselben anzunehmen, und eine Verbindung mit Herrn Demeric würde tote mit einem Schlage die ganze Lage Ihrer Familie ändern."
„Ah", sagte Leonie mit zitternder Stimme, „es ist schon Monate her, daß Herr Demeric diesen Wunsch geäußert hat. Ich muß annehmen, daß er nrich jetzt gänzlich vergessen hat."
„Sie sind im Irrtum, liebes Kind, er denkt fortwährend au Sie. Ich bin gewiß, daß er bereit sein würde, feine Werbung zu wiederholen, wofern er Aussicht auf Erfolg hätte. Ueberlegen Sie sich also alles, was ich Ihnen sage. Herr Demeric ist finanziell, wie Sie gewiß wissen, sehr günstig gestellt — wenn Sie seine Gattin werden wollten, so würde er jedenfalls sich Ihrer Familie mit voller Hingebung atutrfjmen. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, daß ich ledig- lich in Ihrem Interesse die ganze Angelegenheit heute zur Sprache bringe; ich möchte Sie veranlassen, sich eines andern zu besinnen."
Errötend ließ' Leonie ihr Haupt sinken und dankte Madame Delbourg in einigen Worten für ihre Aufmerksamkeit, worauf sie sich rasch verabschiedete; denn sie wollte um jeden Preis allein sein. Die Worte, welche sie soeben vernommen, hatten sie in große Verwirrung und Erregung versetzt, und dies um so mehr, als alles das so plötzlich mtd unvermutet gekommen war.
Mit jedem Tage ging es mit ihrem Vater sichtlich schlechter, und die Sorge um seine Angehörigen, die jetzt noch auf ihm ruhte, konnte seinem Gesundheitszustände gewiß nicht förderlich sein. Vielleicht, so dachte Leonie, würde es noch eine Möglichkeit der Genesung für ihren Vater geben, wofern er der Sorge für die Existenz seiner Angehörigen entledigt wäre, während diese große
Deutsches Reich.
Berlin, den 2. Oktober 1905.
** Der .Reichs- und Staatsanzeiger' veröffentlicht die Genehmigung des Abschiedsgesuches des bisherigen Oberstallmeisters des Kaisers und Königs Graf von Wedel und seine Ersetzung durch den Hofmarschall der verstorbenen Kaiserin Friedrich Frhr. v. Ruschach. Graf von Wedel ist zum Obertrugseß ernannt worden.
.. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' gibt den Gedankengang der Ausführungen wieder, mit welchen die ,Deutsche Arbeitgeber-Zeitung' kürzlich einer Anerkennung der Arbeiterorganisationen durch die Arbeitgeber das Wort geredet hat, und in welchen in konsequenter Fortführung dieses Standpunktes für gewisse Fälle auch eine Verhandlung mit den Leitern der Ar- beiterkoalttionen eurpfohlen war. Das offiziöse Blatt bemerkt dazu: „Alles in allem betrachtet, berühren die Ausführungen der .Arbeitgeber- Zeitung' nicht unsympathisch, da sie eine Basis zu bieten scheinen, auf der die Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einer mit dem bestehenden Rechtszustaud und dem sozialen Empfinden unserer Zeit in Einklang stehenden Weise unter Wahrung der berechtigten Interessen zum Ausdruck gebracht werden können". Die ,Nordd. Allg. Ztg.' weist dann aber weiter darauf hin, daß die Vorschläge der Mrbeitgeber- Zeitung' in den Kreisen der Arbeitgeber nicht ohne Widerspruch geblieben seien und meint: „Man wird daher immerhin abwarten wüsten, inwieweit sich die Argumente der ,Arveitgeber- Zeitung' auf die verschiedenen Organrsationen der Arbeitgeber als eindrucksvoll erweisen." — Muß man in diesen Auslastungen eine Ankündigung der Zurückstellung des längst zu- gesagten Gesetzes über die Anerkennung der Berufsvereinigungen der Arbeiter er» blicken? Wir würden das auf das tiefste bedauern. Wenn die Regierung warten will, bis sich alle „Organisationen der Arbeitgeber", ins-
Ausland.
* Die beiden französischen Bischöfe Le Nor- dez von Dijon und Geay von Laval halten sich gegenwärtig, selbstverständlich außerhalb ihrer ehemaligen Diözesen, in Frankreich auf. Ersterer wohnt in der Umgebung von Marseille. Beide haben bekanntlich auf ihre Diözesen verzichtet, und der apostolische Stuhl hat diesen Verzicht angenommen. Die französische Regierung betrachtet die beiden Prälaten inbeffen noch immer als Bischöfe ihrer Diözesen, woraus die merkwürdigsten Situationen entstehen. So war es beispielsweise nötig, für die Diözese Dijon einen neuen faktischen Stellvertreter für den Bischof zu ernennen. Für den apostolischen Stuhl mußte dies, in Ermangelung des Bischofs, ein Kapitelsvikar fein; für die französische Regierung dagegen, welche den Bischof noch immer anerkennt, nur ein Generalvikar. Letzterer korint? aber nur vom Bischöfe ernannt werden. Da nun der Bifchof Le Nordez bereits feinen Verzicht in die Hände des heiligen Vaters gelegt hatte und also nicht mehr Bischof feiner Diözese war, wurden Verhandlungen eingeleitet, deren Ergebnis darin bestand, daß dem Bischof von der römischen Kurie gestattet wurde, auch noch nach seinem Verzicht einen oberhirtlichen Akt vorzunehmen und den betreffenden Generalvikar zu ernennen, welcher alsdann von Rom die nötigen außerordentlichen Vollmachten zur Verwaltung der bischofslosen Diözese Dijon erhielt.
* Die französischen Minister reden gern und viel. Der Ackerbau-Minister Ruan hielt am Sonntag in Nancy bei der Einweihung
Nicht fetten geschieht eS, daß Leiden und Wider- tvärtigfeiten den Menschen in eine harte, unversöhnliche Stimmung versetzen. Bei Leonie war das nicht der Fall; sie schien gerade zum Wohltun und zum Mitleid um so mehr geneigt zu fein, je härter die Wucht des Leidens sie drückte. Sie hatte dein Willen ihres Vaters gemäß mit ihrem Verlobten keine weitere briefliche Verbindung mehr anzuknüpfen gesucht; doch war sie ihm deshalb nicht weniger treu geblieben. Es war feine jener flüchtigen Verbindungen, welche ebenso rasch vergehen, als sie entstehen; sondern die Liebe war eben auf den vortrefflichen Eigenschasten Marcels und der innigen Ergebenheit begründet, welche er ceonte gegenüber stets bezeugt hatte. Leonie tonnte nicht vergessen, wie ihre schönen Hoff- -itngen vernichtet seien, und obwohl sie annehmen mßte, daß rhre Geschicke und diejenigen ihres '^erlabten hrenieden auf ewig getrennt seien, so ijitterte sie doch bei dem Gedanken an die Ge- * Ören, welche Marcel Valroy im fremden Lande , im blutige» KriegSgetümmel und all' seinen Mühseligkeiten zu erdulden hatte.
Doch sollte auch für sie das Maß des Unglücks noch nicht voll sein. Ihr Vater hatte sich seit langer Zeit nicht mehr ganz wohl gefühlt, und fein Zustand verschlimmerte sich mit einemmale so sehr, daß er sich außer Stande sah, feine ganze Zeit auf dem Bureau zuzubringen. Er mußte schließlich feine Stelle auf einige Zeit aufgeben und einem andern Kassierer übertragen, dem er zugleich auch den größten Teil seines Gehaltes überlassen mußte. Dies war ein harter Schlag für Herrn Marville; beim bald machte sich in taner Familie, deren Haupt in dieser Weise sich
Sorge nur seinen Zustand verschlimmern müsse. Nun aber würde das erstere dann eintreffen, wenn sie die Werbung des Herrn Demeric nicht zurück- weisen würde. Die Stimme der kindlichen Hingebung und Liebe erhob sich in ihrem Herzen und redete laut und vernehmlich zu ihr, und um jeden Preis hätte sie gewiß ihrem Vater die teure Gesundheit erlaufen wollen; wenn sie aber wieder an das Aeußere Demeric's dachte, so bäuchte ihr eine Verbindung mit ihm ein Opfer, das ihre Kräfte übersteigen würde. Uebrigens wurde sie bei diesem Gedanken sich auch so recht der Macht der Bande bewußt, welche sie an Marcel Valory fesselten. Und endlich konnte ihr auch jene Seelenfolter nicht erspart bleiben, welche den Menschen aufs heftigste martert, sobald in seinem Innern sich der Kampf entspinnt zwischen zwei Regungen, welche ihm gleich lieb und teuer, aber einander völlig entgegengesetzt sind.
Am folgenben Tage gewahrte Leonie, wie ihre Mutter noch trauriger war als sonst, unb wie sie so neben einander bei ihrer Arbeit saßen, sah sie, wie bisweilen sich eine verstohlene Träne über ihhre Wange schlich.
„Was ist Dir, Mutter?" fragte sie. „Findest Du vielleicht, daß der Zustand meines Vaters größern Anlaß zur Besorgnis bietet?"
„Nein, mein Kind, der Arzt versichert mir im Gegenteil, daß seine Krankheit bis jetzt keinen Grund zu Befürchtungen gibt — aber wer weiß, ob der Arzt uns die volle Wahrheit sagt und uns nur nicht allzu sehr erschrecken will?"
„Freilich wäre dies nicht unmöglich", antwortete Leonie seufzend.
„Unsere Sage ist schon traurig genug", fuhr die Mutter fort, „aber sie wäre nicht so sorgenvoll, wenn ich dem Vater die Verlegenheit verbergen 'önnte, in welche wir allmählich hinein geraten ind. Ab er dies ist mir nicht länger möglich — ich sehe mich genötigt, ihm alles zu offenbaren, Ich habe gewiß nur ungern und gezwungen Schulden machen müssen; Du kannst denken, daß es mir um so schmerzlicher sein mußte, als wir bis-
VschWtWfq. mH W L
Aurmchme der §onn- ■ Jwk
ttid Zttettage. viertel- --W BS B
jistrl. Bezugs preis Wfi || || MM B £ jP B ohne Bringerlohn unb , HB H H M M ■
Bestellgeld in Hulda und WWW W W
UuSGHrts I Ml. 50 Pfg.
verantwortlicher W
SchrMleiter: 3. Baum
wochenbeiiage: „Illustrierte Ssnntagszeitung
I besondere der von der,Rordd. Allg. Ztg.' besonders angezogene „Zentralverband deutscher Industrieller" unter Führung des Herrn Suec: auf den Standpunkt der,Arbeitgeber-Zeitung' stellen, so wird das angekündigte Gesetz woh an St. Nirnrnerleins-Tag publiziert werden.
§ Die Einigungsversuche im Lohnkampf der Berliner Elektrizitätsindustrie sind ergebnislos geblieben. Die Zahl der Ausgesperrten und Stteikenden beträgt bis jetzt rund 50000. Da der Verband der Berliner Metallindustriellen gleichfalls jetzt die angedrohte Aussperrung eintreten lassen will, so dürften noch weitere 65 000 Arbeiter arbeitslos werden. Damit hätten wir den größten Lohnkampf, den Berlin bis jetzt erlebt hat. Die Große Berliner Straßenbahn hat sich infolge des Streiks, bezw. der Aussperrung genötigt gesehen, den Betrieb der Straßenbahn auf verschiedenen Strecken einzuschränken. Ein kurz nach Ausbruch des Streiks im Lagerraum des Kutelwerkes Oberspree ausgekommener Brand wird behördlicherseits auf Brandstiftung zurückgeführt.
* Der sozialdemokratische Parteivorstand richtet an die Genossen einen Aufruf, worin er sie auffordert, das in Jena Beschlossene in die Tat umzusetzen, insbesondere sich den neuen Bestimmungen gemäß zu organisieren und den Gewerkschaften beizutreten. Der Aufruf beginnt sehr schon; „Der Parteitag von Jena ist vorüber! Verdutzt und enttäuscht stehen unsere Feinde gegenüber jenen glorreichen Verhandlungen und wissen vor Zorn und Verlegenheit nicht, was sie zu dem Ausgange derselben sagen sollen. Ihre Urteile bewegen sich in schroffen Widersprüchen, verbrämt mit Lächerlichen Drohungen." — Andere Leute denken anders über den Verlauf und die Folgen der . glorreichen" Verhandlungen in Jena.
* Rach einer heute publizierten König!. Verordnung vom 28. September bildet vom 1. Oktober d. I. ab das rechte Ufer der Ruhr die Grenze zwischen den Bezirken der Rheinschiffahrts-Gerichte in Duisburg und in Duisburg- Ruhrort mit der Maßgabe, daß Veränderungen dieses Ufers die Veränderung der bezeichneten Grenze von selbst nach sich ziehen.
* Der allgemeine hessische Katholikentag findet am Sonntag den 22. Oktober, nachmittags 2lla Uhr, in dem Riesensaale der Mainzer Stadthalle statt. Als Redner werden auftreten: Reichstags- und Landtags-Abgeordneter Domdekan i$r. Schadler - Bamberg, Reichstags-Abgeordneter Arbeiter-Sekretär Giesberts-M.-Gladbach und Landtags - Abgeordneter Justizrat Dr. Schmitt-Mainz. Ein Lokal-Komitee hat sich gebildet, dem Vertreter aller Stände angehören und welchem die Aufgabe zufällt, die Tagung der hessischen Katholiken in würdiger Weise vorzubereiten. Der Besuch der Versammlung wird zweifellos wieder recht bedeutend werden; die Frequenzziffer der früheren Katholikentage schwankte zwischen 7000 und 10,000 Teilnehmern. Zur Erleichterung des Besuches aus den verschiedenen Landesleilen sind Exlrazüge vorgesehen.
* Die hessische Steuerreform ist gescheitert. Der Finanzausschuß der Ersten Kammer hat beschlossen, die Gesetzesvorlage über die Kommunal- Stenerreform abzulehnen und an die Regierung zurückzuverweisen.
* Die Wahlen zur Zweiten Kammer des sächsischen Landtages haben gestern (Montag)
Zwei Yerftotzene.
Pw« W. R»irret. Autonsierte Uebersetzung Vvu I. RüttgerS.
stattgefunden. An Stelle der ausgeschiedenen 30 Abgeordneten wurden gewählt: 19 Konservative, 8 Nationalliberale, 1 Resormpartei, 1 Freisinniger und 1 Sozialdemokrat. Die Zweite Kammer setzt sich demnach aus 53 Konservativen, 24 Nationalliberalen, 2 Mitgliedern der Resormpartei, 2 Freisinnigen und 1 Sozialdemokraten zusammen. Zum ersten Male zieht damit ein Sozialdemokrat in den sächsischen Landtag ein. Im 37. ländlichen Wahlkreis wurde der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Goldstein mit 52 gegen den konservativen Mühlenbesitzer Modes, der 44 Stimmen erhielt, gewählt. Goldstein wird trotz dem Dreiklaffenwahlrecht nicht der einzige Sozialdemokrat in der Kammer bleiben.
** Ueber den Stand der Cholera schreibt der Reichs- und Staatsanzeiger': Vorn 30. Sept, bis 1. Okt. sind im preußischen Staate vier Cholerabazillenträger ohne Krankheitserscheinungen amtlich gemeldet worden, davon 1 in Steinfurth, Kreis Oberbarnim, und 3 in Adolfdorf, Kreis Wirsch. Alle 4 waren bereits in Beobachtung. Von den früher gemeldeten Erkrankungen hat sich eine in Bromberg nicht als Cholera herausgestellt. — Vom 1. bis 2. Okt. sind kein« choleraverdächtigen Erkrankungen und Todesfälle gemeldet worden. Die Gesamtzahl der Cholerafalle beträgt bis jetzt 259, von denen 87 tödlich verliefen.
* Koblenz, 2. Okt. 1905. Bei der heutigen Landtagsersatzwahl im Wahlkreise Koblenz wurde Justizrat Müller, Rechtsanwalt in Koblenz (Zentrum), mit allen 416 Stimmen, die abgegeben worden sind, gewählt.
handwerkerfreundlichen Parteien heraufbeschwören, deren bewährten Politik man mit der Gründung einer eigenen politischen Jntereffenpartei eine Absage erteilen würde. Mit der Gründung einer Jntereffenpartei beschreitet man den gefährlichen Weg einfettiger Interessenvertretung. Beispiele, wie die Sozialdemokratie und der Bund der Landwirte, sollten unseren Kaufleuten und Handwerkern aber zur Lehre dienen. Wollen die Kaufleute und Handwerker sich mehr am sozial- wlitischen Leben beteiligen, — und das wäre ehr zu wünschen — so werden sie dies am ruchtbringendsten innerhalb der bestehenden Par- eien vermögen.
Namentlich würde man eine regere Beteiligung der Angehörigen des Mtttelstandes an der sozialpolitischen Arbeit im Zentrum begrüßen. Legt es doch gerade Wert darauf, daß alle Stände in den leitenden Komitees vertreten sind, an der Erörterung der sozialen Tagesfragen teilnehmen, Wünschen und Forderungen Äusdruck geben und besonders den Parlamentariern aufklärendes Material zur Vertretung der Wünsche des Mittelstandes zur Verfügung stellen. Dem Flugblatt des Volksvereins: „Zentrum und gewerblicher Mittelstand' wäre weiteste Verbreitung zu wünschen.
M 226.
Zentrum und gewerblicher Mittelstand ist das neueste Sozialpolittsche Flugblatt (Nr. 32) des Volksvereins für das katholische Deutschland betitelt. Es ist gegen die Vorwürfe gerichtet, die in neuerer IZeit aus Handwerker- und kaufmännischen Kreisen gegen die Mittelstandspolitik des Zentrums laut werden. Man sagt, das Zentrum habe nicht mit gleichem Eifer, wie bei der Sorge für die Arbeiter und Landwirte, um die Interessen des gewerblichen Mittelstandes sich gekümmert. Dieser Vorwurf wird von Leuten erhöhen, die die Arbeit des Zentrums nicht kennen, oder von politischen Gegnern, die aus parteipolitischen Rücksichten seine Verdienste verkleinern wollen.
Tatsächlich ist das Zentrum in der staatlichen Fürsorge für das Handwerk wie für den kaufmännischen Mittelstand von anfang an bahnbrechend und führend gewesen. Alle Maßnahmen, die auf gesetzgeberischem Gebiete zum Schutze des gewerblichen Mittelstandes bisher getroffen wurden, sind entweder dem selbständigen Borgehen des Zentrums oder doch der tätigen Mitwirkung desselben zu verdanken. Wenn manche Wünsche, die man an das Zentrum stellte, bisher unerfüllt geblieben sind, so ist das nicht seine Schuld; das Zentrum beklagt es, daß Forderungen, die es seit Jahren erhob, nicht zur Durchführung gelangt find.
An dem gehörigen Nachdruck in Vertretung seiner Forderungen hat es das Zentrum niemals fehlen taffen. Was aber bei der Beutteilung der bisherigen Erfolge in der Mittelstandspolitik naswrttlich übersehen wird, sind die starken Wi verstände, die sich aus den Anschauungen maßgebender Kreise der Regierung wie anderer Parteien über die beste Form der Gewerbever- faffung ergeben. Der Antrag Galen (1877), der nicht nur gesetzliche Schutzmaßnahmen für den Arbeiterstand, sondern auch einen Gesetzentwurf betteffend den Schutz und die Hebung des Hand- rverks verlangte, wollte den ersten Schritt zur Ab kehr von den Grundsätzen schrankenloser Gewerbefreiheit, die feit Ende der > er Jahre in Deutschland allgemein in Gel- Ä>ng war. Damit war der Widerstand aller u-a^gerufen, die in der schrankenlosen Ge« werdefreiheit noch den Ausdruck höchster wirt- schastSpolitischer Weisheit und in einer wenn auch noch so maßvollen Einschränkung derselben ein Unglück für unser Vaterland erblickten. Sind diese Widerstände heute nicht mehr so überaus scharf, so find sie doch noch keineswegs überwunden. Aber alles, was bisher auf staatlichem Gebicke $ur Förderung des gewerblichen Mittelstandes geschehen ist, hat nur schrittweise und nach langer, unermüdlich« Arbeit erreicht werden können.
8« ist darum keineswegs gerechtfettigt, dem Zentrum Mangel an Eifer und Nachdruck in Veriretung der Interessen des j Mittelstandes zum Vorwurfe zu machen. Ebensowenig kann man das Zentrum dafür ver- zuiwottlich machen, wenn bisher mcht mehr erreicht werden konnte. Ein sehr verhängnisvoller Weg ab« wäre beschritten mit der Gründung einer eigene« politischen Interessenvertretung. Dieie wäre nicht nur wegen der geringen Zahl ihrer Abgeordneten von vornherein zur politischen EinfUchlofigkmt verutteilt, sie würde notwendiger- we le auch einen Konflikt mit den bestehenden
Rotationsdruck u.
Verlag der Hulda« Rc»
monawiagt: „Sulöaet EeschichtrbMer". Fernsprecher Nr. 9.