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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ar- tieudruckerei in ^ulda. Zernsprecher Rr. 9.

Fulda, Montag, den 2. Oktober 1905.

JW 225.

82. Jahrgang.

)( „wahlkapläne".

Der „Siegesjubel", den die Sozialdemokratie im ersten Augenblick über das Anwachsen der sozialdemokratrschen Stimmen zum besten gab, ist rasch einer nüchterneren Betrachtung der Dinge gewichen. Es macht sich mehr und mehr die Enttäuschung darüber bemerkbar, daß es nicht gelungen ist, den Wahlkreis dem Zentrum zu entreißen. Wenn irgendwo, so glaubten die „Genossen" gerade in Esten Aussicht zu haben, einmal infolge der dort vorhandenen sozialen Verhältnisse und weiterhin auf Grund der kon­fessionellen Verhetzung, die von feiten der Gegner des Zentrums betrieben wurde. Aber weder das Gerede von dem „Verrat des Zen- trums" bei der Berggesetznovelle, noch die Auf­bietung der konfessionellen Gegensätze hat aus­gereicht, das Zentrum zu schlagen.

Der »Vorwärts' unterzieht sich daher der Mühe, den „Genossen" die Gründe klar zu machen, wäche nach ihm den Mißerfolg der Sozialdemokratie verschuldet haben. Die unsinnige Behauptung, daß der Zuwachs, den die sozialdemokratischen Stimmen in der Stich­wahl erhalten haben, von „Proletariern" her­rühre, die dem Zentrum abwendig gemacht seien, wiederholt das sozialdemokratische Zentralorgan übrigens nicht. Es gibt vielmehr zu, daß der Zuwachs aus den Reihen der national­liberalen Wähler, namentlich von den zur nationalliberalen Partei zählenden Arbeitern und nein en Beamten stammt. Damit widerlegt der Vorwärts' zugleich die groteske Behauptung der .Nationalzeitung', die glauben machen möchte, die 6500 Stimmen, welche das Zentrum am 28. September im Vergleich zum 19. September mehr erhalten hat, rührten von den national- liberalen „Scharfmachern" her.

Was der .Vorwärts' zur Erklärung der Niederlage der „Genossen" anführt, bewegt sich vollständig in dem Kreise der Verleumdungen, mit welchen die sozialdemokratische Partei in Esten gearbeitet hat. Mgesehen von der allge­meinen Behauptung, das Zentrum habe in Esten ausschließlich die Mittel angewandt, die den Rrichsverband zur Bekänrpfung der Sozialdemo- kraüe so trefflich auszeichneten, weiß das sozial­demokratische Blatt im Grunde genommen nur ein Mittel anzuführen, durch das das Zentrum angeblich den Sieg erfochten hat: Die „Wahl- kapläne". „Haufenweise" seien dieselben „her- rnngelaufen"; sie seien von Haus zu Haus ge­gangen und hätten „unter Mißbrauch ihres geist- lichen Ansehens und ihrer noch immer großen Macht über die Genoffen, unter Mißbrauch der Religion die Wähler oder deren Frauen bearbeitet." ’Jhtr der „Terrorismus der Wahlkapläne", be­hauptete der .Vorwärts', habe dem Zentrum den Sieg errungen; es sei eine „künstliche Wahl- ache" auf Seilen des Zentrums gewesen, die bei öer „stockkatholischen, im Banne des Pfaffen- i um 5 liegenden Bevölkerung, die in dem Wahl- trnie noch sehr zahlreich sei" unsichtbar habe wirken mit,(en.

Gut gebrüllt, Löwe! - Jetzt sollen auf einmal -och sehr zahlreiche Wähler in Esten und Um­gegend „im Banne des Pfaffentums" hegen, md vor kurzem noch wurden die dortigen Wähler als „rührige und aufgeklärte Leute" ge­schildert, die „sich nicht ins Bockshorn jagen und nichts weiswachen ließen". Wer die Verhältnisse in jener Gegend kermt, wird ohne weiteres zu-

Zwei verstoßene.

Von Ä. Rotlret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

121 (Nachdruck verboten.)

„Als Madame Dercival im Begriffe stand, Dieppe zu verlassen, ließ sie Michael zu sich kom­me, i und dankte ihm für die liebevolle Hingebung, welche er ihren Kindern gegenüber an den Tag gelegt hatte. Sodann fügte sie hinzu, daß sie sich glücklich schätzen würde, ihm nützlich zu sein, und daß er, wenn er besten bedürfe, sich vertrauensvoll an sie wenden möge.

."Mnhael fant8 es niemals in den Sinn, von orefer Erlaubnis zu seinem persönlichen Vorteile Gebrauch zu machen; aber er nahm keinen An­stand, dies zu tun, um anderen dadurch helfen zu können.

„Zu seinen Bekannten zählt nämlich unter an­deren auch em gewisser Peter Lerville. Er hat ein kleines Geschäft, das er mit großer Umsicht und mit vielem Fleiße betreibt. Dasselbe ging denn auch bis dahin zu ferner Zufriedenheit; seit eini­ger Zeit jedoch verfolgte ihn das Unglück sozusagen auf Schritt und Tritt. Zwei seiner Kinder waren lange Zeit krank. Selbsttedend verschlang diese Krankheit vieles Geld, und er befand sich in der größten Not. Vor einigen Tagen war der Ver­fallstag für einige größere Rechnungen; er wußte nicht, woher er Geld nehmen sollte, um dieselben 3u bezahlen, und um alles in der Welt hätte er nicht seine Zahlungen einstellen wollen.

„Endlich kam er auf den Gedanken, seine Not Rcichael zu klagen, der, wie er erfahren hatte, schon manches Mal ihm in schwierigen Lagen mit seinem Rate beigestanden hatte.

"Zu seinem Unglücke konnte ihm Dermont nur Mli seinem Nate beispringen, aber Lerville brauchte Geld.

geben müssen, daß diese letztere Charakterisierung der Effener Wähler das Richtige getroffen hat, und die Sttchwahl hat gezeigt, daß die christlich gesinnten Wähler sich selbst von Bebel und der roten Rosa nicht ins Bockshorn jagen und auch nichts weismacyen lasten, daß anderseits aller­dings sehr zahlreiche „nationale" Wähler „im Banne der konfessionellen Hetze" liegen.

Was nun die weitere Behauptung des Vor­wärts' angeht, daß die „Wahlkapläne" haufen­weise herumgelaufen seien rc., so ist das, wie die ,Est. Volksztg.' ausdrücklich feststellt, eine dreiste Unwahrheit. Wenn übrigens der eine oder andere Geistliche sich in seiner Pfarrei an der Wahlagitation beteiligt hat, so hat er damit ein­fach ein Recht ausgeübt, das ihm ebenso gut zusteht wie jedem andern Staatsbürger. Jeden- falls hat er dazu noch mehr ein Recht als die Genossin Rosa Luxemburg, die doch selber kein Wahlrecht hat und auch dem Wahlkreise fremd ist. Das sozialdemokratische Zentralorgan verriet durch seine spaltenlangen Schimpfereien über die „Wahlkapläne" nur zu deutlich, wie groß sein Aerger über die Niederlage ist. Der katholische Klerus und die katholische Bevölkerung im Wahlkreise Essen werden die Zornesausbrüche des Vorwärts' gekästen hinnehmen. Sie bilden nur einen neuen Text zu einer alten bekannten Melodie. Wenn unseren Gegnern gar keine an­deren Gründe mehr zur Verfügung stehen, um eine Wahlniederlage zu bemänteln, so rüden sie mit den „Wahlkaplänen" heraus. Das Papier ist geduldig und die „Genossen" im Reiche sind so furchtbar — gutgläubig, daß die sozialdemo­kratische Presse bei diesem Manöver aus den eigenen Reihen niemals einen Widerspruch zu befürchten braucht. Und Widerlegungen von an­derer Seite schweigt man einfach tot. So wird es auch angesichts des Ausganges der Essener Wahl gemacht.

Für uns ist der Umstand, daß die Sozial­demokratie auch nicht einmal den Versuch unter­nimmt, die Absage, welche ihr am 19. und am 28. September die katholische Arbeiter­schaft des Wahlkreises Esten erteilt hat, ernst­licher zu würdigen, ein schlagender Beweis da­für, daß sie den fachlichen Argumenten, mit welchen das Zentrum diesen Wahlkampf geführt hat, nicht standzuhalten vermag.

Deutscher Keich.

Berlin, den 30. September 1905.

% Der Großadmiral der deutschen Flotte von Koester ist aus allerhöchstem Ver, trauen auf Lebenszeit ins Herrenhaus be­rufen.

§ Der antisemitische Abg. Bruhn ist von der Leitung der,Staatsbüroerzeitung' zurückgetreten. Er wird bereits am nächsten Mittwoch ein „ra­dikal-nationales Wochenblatt" unter dem Titel „Die Wahrheit" herausgeben. Die Leitung der ,Staatsbürgerzeitung' wird der Oberleutnant a. D. Hans Freytag übernehmen.

§ Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung' schreibt in ihren „Rückblicken" über den Ausfall der Reichstagsstichwahl in Esten u. a. folgendes: „Erfreulich bei den jüngsten Wahlen in Esten ist jedenfalls dies, daß die Spekulation der Sozial­demokratie auf Gewinnung eines Teiles des Zentrumsanhangs durch eine radikale Agitation gegen die Bergarbeiterschutznoveüe völlig geschei-

„Es wäre Lerville — wenigstens behauptete er dieses — geholfen gewesen, wenn er Zeit ge­wonnen hätte, und er hätte sich aus feiner Not befreien können, wenn ihm auf einige Monate zweitausend Francs zur Verfügung gestanden hätten; denn er konnte, da seine Kinder wieder gesund waren, mit ungeschwächtem Mut und voller Kraft sein Geschäft weiter betreiben. Vergebens hatte er sich bemüht, ein kleines Kapital zu leihen; er war an allen Türen abgewiesen worden, weil die kleinen Kapitalisten ihr Geld nicht auf's Spiel setzen und diejenigen, welche geschäftsmäßig Geld verleihen, es nur tun wollten, wenn er genügende Sicherheit leisten konnte, wozu er nicht imstande war. Die Not Lerville's war Michael zu Herzen gegangen, und fein Verlangen, demselben zu hel­fen, hatte ihn auf einen neuen Gedanken gebracht. Er erinnerte sich nämlich jetzt wieder des Aner­bietens, welches ihm Madame Dercival gemacht hatte, und er versprach dem Peter Lerville, zu ver­suchen, das nötige Geld von derselben zu leihen. Er rechnete kaum auf einen Erfolg seines Be­mühens ; im schlimmsten Falle konnte man ihn jedoch nur abweisen, und damit war Wetter nichts verloren.

„Zn diesem Zwecke bat er Sie um einen freien Tag; denn er wollte sogleich nach Neufchatel ab- reisen. Gegen Erwarten war das Ergebnis seines Besuches, dessen Einzelheiten er mir erzählt hat, günstig.

„Sogleich nach seiner Ankunft in Neufchatel ließ er sich die Wohnung des Bankiers Dercival zeigen, und durch das Gittertor derselben bemerkte er auch schon die Kinder, welche er so ost spazieren geführt hatte uird die nun in dem sandigen Hof­raume mit einander spielten. Sobald sie Michael erkannten, eilten sie, hocherfreut, ihn wieder zu sehen, ihm entgegen. Ihre Freude war noch grö­ßer, als er ihnen einige Spielsachen schenkte, welche er mitgebracht hatte. Dos ältere der Kinder lief zur Mutter, um sie von der Ankunft Michaels zu benachrichtigen, während die anderen ihn zum

tert ist und sich so die „Genosten" vorläufig mit der Zukunft trösten müssen, die einen Wandel in ihrem Sinne bringen soll."

Lieber rot als schwarz. Die Essener nationalliberale ,Rheiuisch-Westfälische Zeitung' gibt ohne weiteres zu, daß die Hälfte der na­tionalliberalen Stimmen für den Sozial­demokraten gestimmt hak. Sie schreibt:

Wie erklärt sich aber, daß 9000 Nationale und Liberale rote Stimmzettel abgegeten haben? Das ist die Frucht einer dreißigjährigen Verhetzung und Ver­leumdung, das Ergebnis einer zehnjährigen Herrschaft der Zerckrumspartei im Reiche. Nur zu viele gut deutschgesinnte Männer sagen sich heute, „das Zentrum ist dem Deutschen Reiche itnb seiner Entwickelung ge­fährlicher, als die Sozialdemokratie". Wenn sie gestern Gewehr wählten, so wollten sie sich damit nicht zum Kommunismus, zur Republik oder gar zur Revolution bekennen. Sie wollten nur der Entrüstung und dem Abscheu AusdrmL geben, der sich in ihnen in der langen Zeit der Zentrumsherrschast im Reiche ange­sammelt hatte.

Also aus bloßer Abneigung gegen das Zen­trum haben die Herren „rot" gestimmt. Etwas anders ausgedrückt heißt das: sie haben es getan aus Abneigung gegen die Katholiken. Lieber einen Sozialdemokraten, als einen „Ultramontanen"! Das ist ja schon längst die Parole gewisser k nfessioneller Hetzer. Sie können sich ihres Erfolges bei den National- liberalen in Essen rühmen. Die .Deutsche Tageszeitung' bemerkt zu dem Geständnis des Blattes der nalionalliberalen rheinisch-westsälischen Großindustriellen:

Hier wird also rundweg zugegeben, daß die Hälfte der nationalliberalen Wähler rote Stimmzettel ab­gegeben habe. Diese Tatsache bedeutet eineu geradezu beschämenden Mangel an politischer Ein­sicht und an nationalem Bewußtsein. Was die ,Reinisch-Westfülische Zeitung' zur ErKSrnng anführt, ist nur geeignet, dieses beschämende Gefühl zu ver­tiefen. Es ist doch geradezu unsinnig, wenn man angesichts des Jenaer Parteitages behaupten will, das Zentrum sei dem Deutschen Reiche gefährlicher, a!S die Sozialdemokratie Wenn derartige Anscharumgen wirklich in nationalen imb liberalen Kreisen noch herrschen, dann kann man sich nicht darüber wundern, daß die Sozialdemokratie ihren Weizen jetzt schon blüheir und reifen sieht. Ein Liberaler, der cs fertig bringt, aus Entrüstung über die angebliche Zerurmns- hcrrschaft einen sozialdemokratische» Stimmzettel ab­zugeben, handelt nicht wie ein seiner Verantwortung bewußter Mann, sondern w i e ein törichtes Kind.

* Die Meldung des Grafen Götzen von dem Abflauen des Aufstandes in Deutsche ftlffr ika war von verschiedenen Blättern so gedruckt worden, als laste sie darauf schließen, daß dieser bald das Schutzgebiet verlassen werde, um die Leitung des Kolonialamts zu übernehmen. Die ,Deuttche Tageszeitung' bemeift hierzu, daß in keiner Weise feststebe, wann Graf Götzen aus der Kolonie abreisen könne; ebensowenig stehe der Zeitpunkt test, an dem der Wechsel in der Leitung des Kolonialamts sich vollziehen werde, der allerdings zweifellos in den nächsten Monaten zu erwarten stehe.

/. Weitere Verluste in Südivestafrika. Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Retter Paul Uhlmann, geb. am 29. 3. 83 zu Chemnitz, früher im Eisenbahn-Regiment Nr. 2, am 26. September ds. Js. im Feldlazarett 12 Lüder itz- bucht an Herzschwäche nach Typhus gestorben. Reiter Wilhelm Möller, geb. am 7. 4 83 zu Lübtheen, früher im Grenadier-Regiment Nr. 89, am 21. September ds. Js. beim Ueberfall der Stalion Sjambockbeeg verwundet. Außerdem (verspätet gemeldet) Reiter Peter Nowak, geb.

Speisesaal geleiteten, in welchem sich Madame Dercival gerade befand. Sie einpfiug Michael nicht weniger herzlich als ihre Kinder. Sie drückte ihm gegenüber sogleich ihre Freude aus, ihn wie­derzusehen, und hieß ihn herzlich willkommen. Hierauf teilte er ihr sein Anliegen mit und fügte hinzu:

„Es ist vielleicht etwas unbescheiden, Sie mit einer solchen Bitte zu belästigen; ich habe mich hierzu nur deshalb entschlossen, weil es sich darum handelt, einen braven Familienvater aus seiner Not zu retten. Auch wünsche ich für diesen Mann kein Geschenk, »sondern nur ein Darlehen; denn Peter Lerville ist sehr fleißig und arbeitsam, und ich bin fest überzeugt, daß es ihm gelingen wird, die Summe bald zurückzuzahlen, deren er jetzt dringend bedarf. Er befände sich nicht in einer so mißlichen Sage, wenn er nicht in seiner Familie Unglücksfälle gehabt hätte, welche ihn nötigten, Ausgaben zu machen, die seine Kräfte überstiegen."

„Mein lieber Freund," antwortete hierauf Ma­dame Dercival freundlich, „ich verstehe mich nicht auf Bankgeschäfte, aber ich will Ihnen nicht die Bitte abschlagen, welche Sie an mich richten und welche Sie, wie es scheint, so dringend erfüllt zu sehen wünschen. Da Sie es versichern, so glaube ich gern, daß der Manu, zu desseu guusteu Sie mir Ihre Bitte vorlegen, ehrlich ist und die Sunime baldigst zurückzahlen wird."

„Sodann ließ sie Michael einige Erfrischungen reichen und begab sich zu ihrem Gatten, dem Ban^- Fier. Es kostete ihr keine große Mühe, denselben zu bewegen, ihrer Bitte zu willfahren. Hocherfreut vermrhm Michael es, als Madame Dercival wieder zu ihm herab kam.

„Schon wollte er sich wieder verablchreden, als das Töchterchen der Madame Dercival sich der kleinen Jenny erinnerte, welche es so ost in Dieppe gesehen hatte, und Michael bat, für seine Pflege­tochter eine ihrer Puppen mitzunehmen. — Mtt Tränen in den Augen erzählte er, mit welcher Freude Jennv die Vuvve in Empfang nahm: ein

am 13. 11. 82 zu Rosmontau, früher im In' fanierie-Regiment Nr. 38, am 28. April d. I. auf der Farm Voigtland infolge eigener Unvor­sichtigkeit von einem Kameraden erschoffen.

** Cholera. In Preußen sind vom 29. bis 30. September mittags eine (1) choleraverdächtrge Erkrankung bei einem 61 Jahre alten Arbeiter in Mocker bei Thorn neu gemeldet werden. Die Gesamtzahl der Cholerafälle beläuft sich bis jetzt in Preußen auf 256 Erkrankungen, von denen 87 mit dem Tode endeten.

* Auf dem Parteitage der badische» Zen­trumspartei in Offenburg teilte der Führer Dr. Wacker über die Aufstellung von Centrums­kandidaten folgendes mit: Das Zentrum hat im ganzen 68 Kandidaten aufgestellt. Davon sind Landwirte 9, Justizbeamte 9, Handwerker 8, Gemeinde-Verwaltungsbeamte 7, Lehrberuf 6, Anwälte 5, Arb ‘er 5, Eisenbahnbeamte 4, Geistliche 4, Kaujmcmnsstand 3, Fabrikanten 2, Gastwirte 2, Mittlere Beamte 3, Kirchlicher Be­amter 1. Diese Kandidaten zeigen das Bild einer Volkspartei, wie sie sein soll Sie zeigen zugleich aber auch das Bild einer Partei, die vorzüglich dabei befähigt ist, parla­mentarisch zu arbeiten.

Ausland.

* Das französische Ministerium hielt am Samstag unter dem Vorsitze des Präsidenten Loubet einen Ministerrat ab. Der Zusammen­tritt der Kammern wurde auf Montag, den 30. Oktober, festgesetzt. Ministerpräsident Rouvier gab eine Uebersicht über die Verhandlungen betreffs Marokko und über das deutsch-franzö­sische Abkommen. Weiler teilte er mit, daß die russische Negierung Frankreich zu einer neuen Konferenz im Haag cingelaben habe. Frankreich hat die Einladung angenommen. Der Minister des Innern, Etienne, machte Angaben über die Lage im Ausstandsgebiete von Lougwy. Die Arbeit ist teilweise in den Fabriken wieder auf« genommen worden, und es ist aller Grund zur Hoffnung aus eine baldige Wiederaufnahme in vollem Umfange vorhanden. Auf Vorschlag des Kriegsministers beschloß sodann der Ministerrat, die Kommandanten des 8., 15. und 20. Armee­korps in ihren Kommandos zu belassen.

* Ei» neuer Dreibund? Ein Dreibund zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland wird in einem Telegramm an- gekündigt, das, wie ,Dai!y Expreß' meldet, in Moskau von hoher Seite ans Petersburg ein­getroffen ist. In dem Telegramm wird bestimmt gesagt, der neue Dreibund habe den Gegenstand der Unterredungen Wittes mit dem Präsidenten Soubet und dem Ministerpräsidenten Rouvier, sowie mit Kaiser Wilhelm, dem Fürsten Bülow und dem Staatssekrelär Frhrn. von Richthofen gebildet.

* Der Kaiser von Rußland hat den Minister v. Witte in den Grasenstand erhoben. Diese Standeserhebung ist in Anerkennung der Verdienste des Ministers um das Zustande­kommen des Friedens erfolgt. Verschiedene seind- tiche Einflüsse machten sich am Zarenhofe geltend, um diese dem Minister Witte zrwedachte Aus­zeichnung zu verhindern. .Es wurde behauptet, daß der Friede schimpflich für Rußland fei und Witte die Hauptschuld an diesem Friedensschlüsse rreffe. Der Zar hat sich diese Auffassung nicht

solch' sckchnes Spielzeug hatte sie niemals in ihrem Besitze gehabt.

„Ich brauche nicht zu versichern, wie glücklich Michael war, der Familie Lerville von dem gün­stigen Erfolge seiner Beniühungen berichteil zu können, und ebensowenig, daß Lerville seinem Freunde den tiefsten Dank zollt. Deshalb ist auch Michael dieser Tage so fröhlichen und heiteren Sinnes gewesen; es war eine reine, echte Freude."

„Sonderbar," sagte Demeric ganz gedankenvoll vor sich hin, als die Frau geendet hatte, „Michael ist, ebenso wie ich, körperlich mißgestaltet, dazu noch arm und mutz durch Arbeit seinen körperli­chen Lebensunterhalt sich erwerben. Und doch ge­nießt er von vielen Seiten eine gewisse Hochach­tung, er kennt Genüsse, die mir unbefaniit sind, obwohl ich mit zeitlichen Glücksgütern gesegnet bin. Sollte nicht auch ich ein anderes Dasein fuhren können, als dasjenige, was ich bis jetzt ge­führt habe?"

Offenbar fühlte er in diesem Augenblicke in seinem Innern Saiten erzittern, welche bis jetzt starr und unbeweglich gewesen waren; sein Blick begann sich langsam zu dem Horizont hinzulenken, wo für ihn der Stern des Heiles und der Erlösung erglänzte.

9. Kapitel.

Als Herr Demeric für die Kinder seiner Schwe­ster eine Gouvernante auswählte, hatte er wenig Gewicht daraus gelegt, zu erfahren, wie die Person sei, und, zufrieden mit einigen leichthin gegebenen Empfehlungen, hatte er sich um den Charakter und dje Eigenschaften der Dame wenig gekümmert, der er die Sorge für seine Geschwisterkinder an« vertrauen wollte.

Fräulein Lapier — so hieß die Gouvernante — war etwa 30 Jahre alt. Sie war längere Zeit hindurch Lehrerin an einer Elementarschule gewe- sen und war es Wohl zufrieden, als sie bei Herrn Demeric eine leichtere und bester bezahlte Stelle fand. Sie war nicht ungebildet zu nennen, und ebenso wenig verdieitte sie loegen ihres Charakters