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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Ar« ttrudruckerei in 8«ld» Zernsprecher Nr. 9.

JV3 224.

Fulda, Samstag, den 30. September 1905.

32. Jahrgang,

Grstes Wtait.

,* 3ur Stichwahl in Ehen.

Bei der Stichwahl zum Reichstage im Reichs» stagswahlkreise Esten hat, wie schon gestern mit­geteilt, das Zentrum, das im ersten Wahlgange 35500 Stimmen erzielte, in der Stichwahl 42047 Stimmen erhalten, was einen Zuwachs von 6547 Stimmen bedeutet. Der Zentrums­kandidat ist seinem sozialdemokratischen Gegner gegenüber, der im ersten Wahlgange 28726 Stimmen zählte und in der Stichwahl es auf 38058 Stimmen brachte, mit r ind 4OOO Stimmen im Vorsprung geblieben. Eine genaue Berechnung darüber, von welchen Parteien die 6547 Stimmen stammen, welche das Zentrum in der Stichwahl mehr erlangt hat, ist natürlich nicht aufzustellen. Wir greifen aber gewiß hoch genug, wenn wir von den Stimmen der Christlich-Sozialen und der „Nationalen", soweit es sich dabei um Kon­servative bezw. Reichsparteiler handelt, rund 3000—3500 für das Zentrum rechnen. Die übrigen 3000 Stimmen, um welche die Zentrums- ziffer in der Stichwahl gestiegen ist, rühren ganz zweifellos von Reserven des Zentrums selbst her, fc daß wir mit Fug und Recht sagen können, oaß die Zentrumspartei in Essen aus eigener Kraft den Sieg über die Sozialdemo­kratie errungen hat. Es ist das eine bleibende Ehre für die Parteifreunde in Essen und vor allem für die rührige und umsichtige Leitung des Zentrums im Essener Wahlkreise.

Die Sozialdemokratie hat in der Stich- "wahl im Vergleich zu dem Ergebnis des ersten Wahlganges am 19. September einen Zuwachs von 9333 Stimmen erfahren. Woher dieser Zuwachs (wenigstens in der Hauptsache) stammt, lregt auf der Hand. Von der Sozialdemo­kratie ganz ^ewiß nicht. Das gibt selbst der ,Vorwätts" indirekt zu, indem er die lächer- likbe Behauptung aufstellt, der Zuwachs rühre daher, „daß es der Sozialdemokratie möglich ge­worden sei, noch Proletarier zu gewinnen, die in der Hanptwahl für das Zentrum gewählt hätten." Diese Behauptung steht auf der gleichen Höhe mit der wetteren des sozialdemokratischen Zentral - Organs, wonach die „Nationalen" sich entweder der Stimme enthalten oder aber für daS Zentrum eingetreten sein sollen. Mit diesem Unfinn hat der.Vorwärts" wahrhaftig den „Befähigungs-Nachweis" für die Verdummungs- Aufgabe erbracht, die er nach Mehung sich ge­stellt hat.

Da ist ja die Mational-Zeiiung" ehr­licher als das sozialdemokratische Zeniralorgc n. Das nationalliberale Blatt wirft die Frage auf; Wo sind die 21000 Stimmen geblieben, die am 19. September neben dem Zentrum von bürger­lichen Parteien abgegeben worden sind? Es be­antwortet diese Frage dahin: „Der Sozrattemo- kratie sind 10000 davon zugewachfen, 5000 Wähler sind zu Hause geblieben, und nuc 6500 haben sich entschließen können, den Zentrums- kandidateu als das kleinere liebel zu nehmen und zu wählen. Trotz Jena, trotz der rr nsten Mahnung, die von den maßgebenden Organen der bürgerlichen Preste an di« natio- nalgesinnte« Wähler des Kreises Esten ergangen war, und trotz der unzweideutigen Parole, die

von der nationalen Vereinigung in Esten ausgc« geben worden war, auf keinen Fall der Sozialdemokratie Vorspann zu leisten.^ Die Rechnung der,National-Zeitung" stimmt ja nicht ganz, namentlich nicht hinsichtlich des Ursprunges des Zuwachses für das Zentrum, und was die ernste Mahnung" und die „unzweideutige Parole" der nationalen Vereinigung in Essen anlangt, so „korrigiert" das nationalliberale Blatt die Tatsachen ziemlich stark, aber mit der Annahme, daß der der Sozialdemokratie gewordene Zuwachs von fast 10 000 Stimmen von den „Nationalen" herrühren, kommt es der Wahrheit recht nahe.

Die Nationalliberalen in Essen, denn diese kommen dabei nur ernstlich in betracht, haben der Sozialdemokratie mindestens 6 bis 7000 Stimmen zugeführt. Das ist die Tatsache, die der Kehrseite der Medaille das Gepräge gibt. Die ,Kreuzzeitung" hat vollständig Recht, wenn sie zu den Wahlziffern schreibt:, „Vom Standpunkte der nationalen Parteien ist das ein sehr beschämendes Resultat, denn es zeigt deutlich, daß eine nicht geringe Anzahl nationaüiberaler Wähler für den sozialdemo­kratischen Kandidaten gestimmt hat. Das ist also die Partei, die sich als Mittel­punkt für das konzentrierte Vorgehen gegen die Sozialdemokratie an­bietet !

Die ,Nat.-Ztg." hätte unseres Erachtens alle Ursache, dieses Thema zu bearbeiten, statt das Zentrum zur „Einkehr bei sich selbst" anzuhalten und allerlei Mahnungen an dasselbe zu richten wegen seines künfttgen Verhaltens den anderen bürgerlichen Parteien gegenüber. Es ist doch ein starkes Stück, daß das nationalliberale Blatt auch jetzt noch, angesichts des Ueberganges von TÄusenden nationalliberaler Wähler in das Lager der Sozialdemokratie, es wagt, dem Zentrum das „bayerische Wahlkartell" vorzuhalten! Mit ihrem Verhalten in Esten haben sich die Na­tionalliberalen auch um den letzten Rest des Kredits gebracht, den man ihrer Gegner­schaft gegenüber der „Umsturzpartei" etwa noch zubilligen konnte. Um so sicherer haben sie das fertig gebracht, als der Vorgang vom 28. Sept. 1905 nur eine Wiederholung,^eine genaue Wiederholung des 'Vorganges bei der Stichwahl vom Jahre 1903 war.

Wie die Sozialdemokratie sich über den Miß­erfolg des 28. Sept, zu trösten sucht, haben wir schon oben an der Hand der Auslastungen des .Vorwärts" gezeigt. Derselbe behandelte das Stichwahlresultat als „ein glänzendes Er­gebnis", das „den Triumph der Haupt­macht noch überbietet." Fast möchte man sagen: Es muß auch „solche Käuze" in der Politik geben! Aber lasten wir der Sozialdemo­kratie ihren „Triumph"! Die Lehren der Essener Wahl sind ernst genug, um die Lächerlichkeiten des ,Vorwärts" bei Seite zu stellen. Wir hegen die Erwartung, daß die „nationalen" Par­teien baldigst darangehen werden, diese Lehren zu nützen.

Für das Zentrum aber wird der Ausgang der Essener Wahl ein neuer Ansporn sein, die Organisation der Partei noch energischer wie bisher auszubauen. Aehnlich wie in Esten liegen die Verhältnisse in manchen anderen Wahl­kreisen, und was in Esten durch eine nmster- giltige Organisation und der unermüdlichen.

opferwilligen Parteileitung möglich war, ist auch an anderen Punkten zu erreichen.

Deutscher Reich.

Berlin, den 29. September 1905.

* „Die Zentrmnspreffe und das nationale öffentliche Leben"" — unter dieser Firma kol­portiert die Preffe des „Evangelischen Bundes" einige Aeußerungen des Grafen Hoensbroech, mit denen er das Septemberheft seiner .Deutschland" ziert. In bekannter Großartigkeit hebt der Graf an: „Eine der unerfreulichsten Erscheinungen des öffentlichen Lebens ist die stetig ivachsende Dreistigkeit und Großmäuligkeit der ultramontanen Preste." Dabei finde diese böse Presse auch noch Unterstützung und Rückhalt in „nationalen Preffe- kreisen" und Beachtung selbst bei der Regierung. Das sei, meint der Herr Graf, ein Zeichen des „Verfalls der öffentlichen Meinung". Je mehr es bei der Regierung und „gewissen Politikern" Mode geworden sei, das Zentrum als gesund­heitsbringenden Faktor in unserer inneren Ent­wicklung anzusehen, umsomehr müsse betont wer­den, daß die Zentrumspolitik durch und durch ungesund sei. Selbst das, was an sich daran gut sei, bedeute nur eine Stärkung „römisch­ultramontaner Macht" und sei deshalb nicht gut. Den Ultramontanismus dürfe man in nichts zu Einfluß gelangen lassen. „Das dreiste Sich- Vordräugen der ultramontanen öffentlichen Mei­nung in Gestalt von Artikeln der Zentrumspreffe muß teils mit gebührender Verachtung (!) be­straft, teils energisch zurückgewiesen werden." So Graf Hoensbroech! Es muß' wirklich arg sein, wenn sogar Graf Paul sich über Dreistig­keit und Großmäuligkeit eines andern beklagen muß; denn davon versteht er etwas. Aber wir wissen nicht, warum die Zentrums- preffe gegen einen solchen Vorwurf des Grafen Hoensbroech sich verteidigen soll. Er hat ja nur der Bedeutung der Zentrumspreste das beste Zeugnis ausgestellt: Balaam kam zu fluchen und mußte segnen. Das Wort Hoensbroechs ist die beste Abonnementseinladung für He katholische Presse, die „ebenso dreist wie fromm" — ein alter Kölner Spruch die „ultramontane" Meinung in die Oeffentlichkeit vordrängt

* Kaiser Wilhelm und Witte. Minister Witte teilte einem Berti et er der .National- ,Zeitung" mit, der deutsche Kaiser habe ihm bei der Begrüßung wörtlich gesagt: „Ich erweise Ihnen dieselben Ehren wie einem gefrönten Haupte. Sie haben Außerordentliches geleistet und ich gratuliere Rußland zu dem Besitz eines solchen Mannes. Wenn die Monarchen viele solcher treuen Diener hätten, dann würde man besser von der Monarchie denken." Wie die ,Post" berichtet, wird über den Empfang Herrn v. Wittes beim Kaiser und die Besprechungen mit dem Fürsten Bülow an maß­gebender Stelle erklärt, daß die daran geknüpften Kombinationen den Tatsachen weit vorauseilen. Es sei naheliegend, daß daran gedacht werde, die Beziehungen beider Staaten durch em festes Vertragsverhältnis enger anemanderzu- schließen, und sich erb ch wurde die er Gedanke schon anläßlich der Bsgegnung des kmsers Wil­helm mit dem Zaren bei Bjorkö in Anregung gebracht, doch könne Witte rn seiner gegenwärtigen

Stellung nicht dazu berufen sein, derartige $er" Handlungen zu führen oder gar abzuschließtt Durch den Abschluß des neuen englisch-japanische" Vertrages werde jedenfalls die Idee eines engeren Anschlusses zwischen Deutschland ui d Rußland wesentlich gefördert werden, aber von einem bereits erfolgten Vertragsabschlüsse könne vorläufig keine Rede sein, y

* Der neue Gouverneur von Südwestasrika, v. Lindequist, hat nach dem ,Berl. Lokal-Anz." seine Abreise nach Südwestafrika auf den 15. Oktober verschoben.

§ Die Mitteilung eines Berliner Blattes, daß der Reichshaushattsetat für 1906 trotz der zu erwartenden Mehreinnahmen aus der Branntwein-, Zucker- und Stempel­steuer mit einer starken Vermehrung der unge­deckten Matrikularbeiträge abschließen werde, be­zeichnet die ,Deutsche Tageszeitung" als leere Vermutung, da doch niemand wiffen könne, wie der Etat im Bundesrat sich gestalten werde. Fest stehe jedoch, daß bei der Aufstellung des Reichsetats für 1906 die wahrscheinlichen Ergeb- niste der Reichsfinanzresorm weder berücksichtigt sind noch werden sollen. Es sei kaum anders zu erwarten, als daß die Reichsfinanzreform frühestens den Etat des Jahres 1907 beeinflussen werde.

* Der Verein für Sozialpolitik hat am Mittwoch auf seiner Hauptversammlung in Mann­heim die Kartellfrage erörtert. Professor Schmoller hielt ein auf der Höhe stehendes wissenschaftliches Referat. Ihm antwortete einer der Gewaltmenschen der rheinisch - westfälischen Industrie, der General-Direktor der Gelsenkirchener Bergwerks - Aktiengesellschaft, zugleich Oberleiter des Kohlensyndikates und des Stahlwerk - Ver­bandes, also der beiden größten Kartelle Deutsch­lands. Die Verhandlungen im Einzelnen werden Gegenstand eingehender Erörterung sein müssen. Aus den Ausführungen Kirdorfs, der von vornherein erklärte, er werde bei den Mitgliedern des Vereins kein Verständnis finden, sei hier vorläufig nur hervorgehoben die Aeußerung: „So­weit die Gewerkschaften unter sozialdemokratischer Leitung stehen, ist ihr Ziel in politischer Richtung bekannt. Der christlich-soziale Teil der Arbeiter- beipegung erscheint weniger gefährlich. Ich bin nicht dieser Meinung. Ich halte die christ­lichen Gewerkschaften für gefährlicher als die sozialdemokratischen. Mir ist die sozialdemokratische Richtung doch lieber; sie sagt doch offen, wohin sie steuert. Die andere Rich­tung steuert unter dem Mäntelchen des Christen­tums. Sie weiß, daß die sozialdemokratische Herr­schaft, wenn das Endziel erreicht sein wird, nicht von langer Dauer sein wird. Dann hofft sie, daß ihr die Herrschaft zufällt, und dann hofft sie, unfer Wirtschaftsleben zu beherrschen und das Geistesleben zu fesseln." — Die Berichte verzeich­nen bei diesem Referate mehrfach Heiterkeit. Uns scheint, daß diese Erklänrng doch sehr ernstek Charakters ist.

* Um den Geschäftsbetrieb bei den Regienmgen nach der finanziellen und wirtschaftlichen Seite zweckmäßig zu gestalten, wurden bekanntlich vor einiger Zeit in Arnsberg, Breslau und Kassel Kaffeninspektionen eingerichtet, welche auch den kleineren Stellen bei ihrer Kaffenverwaltung zur Seite stehen. Diese Einrichtung hat sich so gut bewährt, daß, wie die ,P o st" erfährt, zur Zeit in Erwägung gezogen wird, ob nicht die gleiche

Zwei verstoßene.

Gon B. 3t • ttret. Autorisierte Uebersctzung von I. Rüttgers.

12] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung au- dem zweiten Blatt.)

EL war zu der Zeitz wo der Krieg in Algier aufs heftigste entbrannt war. Mit Erfolg kämpfte die französische Armee gegen die noch nicht unter- roewenm Stämme, welchen der Fanatismus und die Liebe zur Unabhängigkeit eine ungewöhnliche Widerstandskraft verlieh.

Jeden Tag verfolgte Demerir mit dem größten Jutereffe den Bericht über die Kämpfe und Schlach­ten, welche auf dem afrikanischen Boden stattfan- E freilich leitete ihn hierbei auch nnwillkür- Uch der Gedanke an Marcel Valory, und sehr oft srug er sich, ob er nicht eben hier seinen Tod ge« funoen habe. Trotz aller seiner Bemühungen konnte nw jenes unangenehmen, drückenden Ge- welches das Bewußtsein einer schuldbaren Handlung nach sich zieht, und das einen jeien bejd^e«^ be|]en Herz noch nicht gänzlich verhärtet rst. Seine Stimmung war so unbe- hag rch wie möglich-, unzufrieden war er mit sich fclbft, gctiQucn mit ben onbern, unb fo tonnte fast nicht fehlen, daß in düstern, trüben Stunden bisweilen das Bild Marcel's drohend sich vor fei­nem Geiste aufrichtete....

I» einer solchen Stimmung hatte er denn auch Michael aufgesucht, gewiffermaßen als Vertrauten, «nd ihm die einzelnen Ereigniffe seines Lebens! allerdings nicht ganz vollständig und wahrheits- getreu, erzähll.

^.Dlehr als einmal tat es Demeric leid, daß er a'ctajnel gegenüber in so offener Weise seine inner- geoffenbart hatte, und er be­fürchtete, Michael möchte sich infolgedessen ihm wen - zer unterwürfig zeigen. Er sah bald, daß seine Be­fürchtung grundlos gewesen war; Dermont war

und blieb immer derselbe treue, ehrerbietige Die­ner, der er auch früher gewesen war.

Wenn Demeric still und in sich gekehrt daher­ging, so hütete sich Michael wohl, das Stillschwei­gen durch vorlaute Bemerkungen zu stören: wenn er sich dagegen mitteilsamer zeigte, bot er alles auf um ihn zu rmterhalten, ohne jemals allzu vertraut oder neugierig zu erscheinen.

Demeric entging dies nicht, und so hatte sich Michael allmählich, ohne es zu wollen, vollständig sein Vertrauen erworben.

Eine weitere Folge dieses neuen Verhältnisses aber war, daß der Gedankengang und die ganze Geistesrichtung Demeric's unter dem stillwirken­den Einfluß Michael's eine ganz andere, weniger düstere und verbitterte Richtung annahm. Das Beispiel, welches Michael ihm gab, übte auf ihn unmerklich einen Einfluß aus, den er sich kaum zu erklären wußte, der aber unzweifelhaft bei ihm in mancherlei Hinsicht eine fast vollständige wohl­tätige Umänderung bewirkte.

8. Kapitel.

Da Demeric den Stift mit Geschick zu handha­ben verstand, so entstand in ihm der Wunsch, in sein Album Skizzen von einigen der hervor­ragendsten Punkte der Umgebung Dieppe's, welche ihm besonders gefielen, aufzunehmen.

Eines Tages ging er in dieser Absicht hinaus, tvährend Michael, der die nötigen Gerätschaften trug, ihn begleitete.

Als sie auf dem Rückwege von diesem Ausfluge durch eine der Vorstädte der Stadt gingen, sahen sie, wie ein hübsches, kleines Mädchen auf sie zu­gelaufen kam. Seine Kleidung war sehr einfach und bescheiden, aber sein Gesichtchen war so frisch und lieblich, daß das Auge unwillkürlich mit Wohl­gefallen auf ihm ruhte.

Das Kind eilte auf Michael zu, welcher es in seine Arme nahm und es zärtlich liebkoste.

„Das ist meine kleine Jenny", sagte er zu Herrn Demeric; „sie hat uns wohl von ferne be­merkt und ist unS entgegengelaufen.'

Fröhlich klatschte das Kind in feine Händchen und schien über die Liebkosungen, mit welchen Michael es überhäufte, froh entzückt.

Was formte ihm an der Häßlichkeit und Miß­gestalt seines Oheims gelegen sein, der doch seine Stütze und fein Schutz war?

Er"war es, der ihm Kleider und Spielzeug gab; er war es, der es feden abend auf seinen Schoß nahm und sich dann an seinem kindlichen Geplauder ergötzte und seine tausend kleinen An­liegen geduldig anhörte.

Da das Kind sich sonst beständig mit seiner Großnrutter allein befand, die wegen ihres Alters und aus mancherlei anderen Gründen oft mürrisch und übelgelaunt war, so war es ihm doppelt will­kommen, wenn es Michael sah, den es seinen Freund nannte. Mit jenem natürlichen Herzens- instinktz der selten irre gebt, fühlte das Kind übri­gens auch, wie febr es Michael lieb und teuer sei. Michael liebte das Kind auch in der Tat so, als wenn es sein eigen Fleisch und Blut gewesen wäre — war es doch auch das lebendige Abbild seiner teuren Dina, die er noch immer nicht vergessen hatte.

Demeric hatte mit einem gewissen Staunen zu­gesehen, wie zärllich Michael und das Kind mit­einander taten.

„Hier wohnt also Deine Pflegetochter?" frug er Michael, der sich bei dieser Frage erinnerte, wie fein Herr vorhin über große Müdigkeit ge­klagt hatte.

„Ja, hier wohnt sie,"' antwortete er, indem er auf ein kleines, weißes Haus deutete, das zwar sehr einfach war, aber dennoch einen gefälligen, angenehmen Eindruck machte. „Wenn Sie viel­leicht hier einige Augenblicke ausruhen wollten, würde sich meine Tochter sehr freuen."

Zu anderen Zeiten hätte Demeric ohne Zweifel ein solches Anerbieten unwillig zurückgewiesen unb es trotz seiner Müdigkeit unter seiner Würde ge­halten, ein solches Haus zu betreten; infolge des Einflusses aber, welchen Michael auf ihn gewon­nen hatte, war sein früherer Swlz und seine

Selbstüberhebung etwas gebrochen worden, und da er zudem Michael durch eine Ablehnung nicht verletzen wollte, nahm er sein Anerbieten so­gleich an.

Michael geleitete ihn in ein niedriges, einfach möbliertes Zimmer, das jedoch keine Spur von Armut und Not verriet.

Eine alte Frau laß am Fenster und war eifrig - mit einer Näharbeit beschäftigt. Einigermaßen er- stamft erhob sie sich, als sie die beiden Besucher eintreten sah.

„Ich bringe hier Herrn Demeric, liebe Tante, von welchem ich Dir so oft gesprochen habe," hob Michael an. „Wir kommen beide von einem ziem­lich wetten Spaziergange zurück, der uns ziemlich müde gemacht hat, und Herr Demeric möchte hier gern einige Augenblicke ausruhen."'

„Seien Sie mir willkommen," erwiderte die Großmutter Jenny's, indem sie Adrian einen Stuhl hinschob; „es freut mich sehr, daß Sie mein Gast sein wollen. Peter Lerville," fuhr sie dann fort, sich zu Michael wendend, „hat mehrere Male nach Dir gefragt; er muß wohl etwas dringendes haben."

„Wenn Sie einen Augenblick hier auf mich warten wollten", wandte sich Michael an seinen Herrn, „so möchte ich schnell sehen, was er will.' er wohnt ganz in der Nähe."

Demeric war gerne damit einverstanden, unb Michael entfernte sich eiligst.

„Ihr Neffe ist ein ausgezeichneter Mensch," sagte Adrian zu der Fran, als er mit ihr und ihre, Enkelin allein war."

O ja. Sie haben gewiß recht," erwiderte d« Frau, „er ist mir ein lieber Sohn. Ich habe zivei leidliche Söhne, aber sie sind verheiratet, haben Familie und denken nicht mehr an ihre Mutter. Ohne Michael wüßte ich nicht, was aus uns ge­worben wäre, das heißt aus meiner Enkelin und mir. Jenny ist Waise, ihr Vater hat sie verlassen, und chre Mutter, welche meine Tochter war, ist nicht mehr unter de» Lebenden."