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Fernsprecher Nr. 9.
M 222.
Fulda, Donnerstag, den 28. September 1905.
32. Jahrgang.
§ Zur Mschnotfrage.
Der „Reichs- und Staatsanz." bringt einen - neuen Beitrag zur „Fleischnotfrage", der den Ruf nach Oeffnung der Grenzen und die Behauptung, die gegenwärtigen Beschränkungen an den Grenzen hinderten die Dieheinfuhr, in einem eigentümlichen Lichte erscheinen läßt. Nach den Aufstellungen des Statistischen Amts weist nämlich die Vleheinfuhrim Monat August dieses Jahres im Vergleich zu dem gleichen Monat des Vorjahres eine wesentliche Steigerung auf. Dieselbe erstreckt sich auf alle Tiergattungen mit Ausnahme der Ochsen, die mit 977 Stück hinter der Zahl des Vorjahres zurückbleiben. An Rindvieh insgesamt wurden 5471 Stück mehr einge- führt als im August 1904, an Schweinen 1021 Stück mehr.
Die große Ruferin im Streite, die „Freie Deutsche Presse" läßt sich aber auch von solchen Zahlen nicht imponieren. Sie weiß die Statistik eben zu „handhaben". „Die Fleischnot in Deutschland kommt auch darin zur Geltung, Laß trotz der großen Beschränkungen, die der Einfuhr von lebendem Vieh und Fleisch nach Deutschland entgegenstehen, diese Einfuhr doch im Monat August d. I. tat Vergleich zu demselben Monat des Vorjahres stark z u genommen hat." So muß man's machen!
Dabei muß das freisinnige Organ der offiziellen Statistik noch zugeben, daß die Steigerung der Einfuhr erfolgt ist, obgleich die Einfuhr von Lebendvieh aus Oesterreich sehr abgenommen hat, „weil dort das Vieh knapp und teurer ist als früher." Wie außerordentlich stark der Rückgang der österreichisch-ungarischen Vieh- cmfuhr ist, ergibt sich aus den im „Reichs- und Staatsanz." wiedergegebenen Zahlen der offiziellen Zahlen der österreichischen Statistik für die erfte Hälfte dieses Jahres. Darnach sind in diesem Zeitraum im Vergleich zu dem gleichen Zeitraum im Vorjahre aus Österreich weniger ausgeführt worden 9209 Ochsen, 6240 Kühe, 239 Stiere, 2481 Stück Jungvieh und 1310 Kälber. Es ist das eine Abnahme um 19 479 Stück, die fast ausschließlich auf Deutschland entfällt. Der durchschnittliche Stückpreis des zur Ausfuhr aus Oesterreich-Ungarn gelangten Viehes toeift im Vergleich zum Vorjahr eine wesentliche Erhöhung auf, und zwar bei Ochsen um rund 24 Kronen, bei Stieren um 19 Kronen. Das beweist doch, daß in Oesterreich das Vieh in diesem Jahre nicht nur viel knapper, sondern auch erheblich teuerer als im Vorjahre ist. Eine Erleichterung der Vieheinfuhr aus Oester- reich-Ungarn würde demnach auf die Fleischteue- rung bei uns nach keiner Richtung hin Einfluß ausüben können.
Auch die Einfuhr von F l e i s ch- n n d W u r st- w a r e n weist im Monat August ebenfalls eine Steigerung sowohl gegen den Juli d. I. (6227 Dz. Fleisch, 24 269 Dz. Schmalz), als auch gegen den August des Vorjahres auf. Die Zunahme ist bei allen Fleifchforten eingetreten, ganz besonders groß ist sie aber bei der Einfuhr von mnerikani- schein Schweinespeck und Schweineschmalz, ein Beweis dafür, daß die Einfuhr desselben unter den geltenden Bestimmungen durchaus nicht so erschwert ist, wie die liberale Presie es darzustellen pflegt. Auch die Einfuhr frischen Schweinefleisches, besonders aus den Niederlanden, hat stark ^genommen. Im Vergleich zum August des Vorjahres betrug die Mehreinfichr von Fleisch 16 463 Dz., die Mehreinfuhr von Schweineschmalz 37 597 Dz.
W ie wenig Verlaß übrigens auf die Darstellung der liberalen Presse in Betreff der für die Vieh- und Fleischeinfuhr nach Deutschland gel- teitden Bestimmungen ist, zeigen die Richtigstellungen, die der „Reichs- und Staatsanz." einer Zusammenstellung dieser Bestimmungen in der „Fr. Deutschen Presse" widmete. Das Blatt hatte be-
Zwei verstoßene.
Von V. Nottret. Autorisierte Uebersetznng von I. Rüttgers.
9] (Nachdruck verboten.)
Wir haben gesehen, wie trotz der Vorsicht des Herrn Marville Demeric mit tiefer Bitterkeit erfüllt wurde, als er vernahm, welche Aufnahme sein Antrag gefunden. Sein erster Gedanke war gewesen, zu erfahren, wer derjenige Mann fei, welcher der Gatte Leoniens werdet: sollte und also für ihn und sein Glück das größte Hindern:? bildete. Mit leichter Mühe gelang es ihm; fein Nebenbuhler war ein Beamter, der als Komnns in Diensten eines getoiffen Jndrsstriellen Glanttny stand.
,.^?r^an wohnte damals gerade in Orleans und zufällig stand er gerade zu jener Zeit in Ver- bmdnng mit dem Chef Marcel's.
Seitdem er diese Einzelheiten wußte, verfel)lte Herr Demertc ferne Gelegenheit, die sich ihm darbot, um mit der Familie Glantiny's in nähere Verbindung zu treten. Er wußte selbst nicht recht, weshalb; aber unbestimmt schwebte ihm der Entschluß vor, sich an dem glücklichen Bräutigam Leoniens zu rächen.
Adrian war mehreremale mtt ihm zusamuten- getroffen; daß er ein nicht unangenehmes Aeutzere und ein sehr einnehmendes Wesen besaß, war ein Umstand, der die EHerfucht, welche ihn ohnehin schon verzehrte, noch erhöhte, und in feiner Seele die schwärzesten Pläne wach rief.
Herr Glanttny hatte einen einzigen Sohn namens Ednmnd, der einen großen Hang zu Zerstreuungen und Vergnügungen hatte und dadurch fernem Vater vielen Kummer verursachte. Es konnte Adrian nicht schwer werden, ihn durch ernrge kleine Gefälligkeiten an sich zu locken, und ' 1° enttvrckelte sich denn bald ein enges Frennd-
hauptet, außer Oesterreich-Ungarn, Dänemark, den Niederlanden und Schweden dürfe kein Land der Welt frischesRindfleisch nach Dentsch- lattd einfiihren. In Wirklichkeit ist aber auch die Einfuhr von frischem Rindfleisch auch aus der Schweiz, aus Frankreich, Italien, Norwegen und Großbritannien erlaubt und findet auch statt.
Weiter hatte das freisinnige Organ behauptet, daß die Einfuhr frischen Schweinefleisches nur aus den Niederlanden, sonst aus keinem anderen Lande, das für die Einfuhr in Betracht kommen könnte, gestattet sei. Tatsächlich ist die Einfuhr frischen Schweinefleisches auch aus Rußland, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien und Amerika erlaubt und findet aus diesen Ländern in erheblichem Umfange statt. Bezüglich der erlaubten Einfuhr gesalzenen Schweinefleisches aus den Vereinigten Staaten von Amerika hatte die „Fr. D. Pr." ausgeführt, daß diese durch die angeblich unnötige Forderung amerikanischer Atteste außerordentlich l>eschrä::kt werde. Deutfch- land fordert aber bei der Einfuhr amerikanischen Schweinefleisches nur eine amtliche Bescheinigung, daß „das Fleisch im Ursprungslande nach Maßgabe der daselbst geltenden Vorschriften mtfer- sucht und frei von gesundheitsschädlichen Eigenschaften befunden worden ist." Schließlich bemerkt der „Reichs- und Staatsanz." noch, daß in der Auszahlung derjenigen Staaten, die lebendes Rindvieh nach Deutschland einführen dürfen, voi: der „Fr. D. Pr." die Schweiz nicht mitcr- wähnt worden fei.
Daß die liberale Presse sich durch solche An- Mrben und Zahlen vo:r der Haltlosigkeit ihrer Behauptung, die Fleflchteuerung in: Jnlande fei durch die Viehzölle und die Schutzmaßregeln zu gunften der einheimischen Viehzucht veranlaßt, überzeugen läßt, wagen wir :ncht zu hoffen. Sie will nicht überzeugt werde::.
Deutscher Reich.
Berlin, den 27. September 1905.
* Der Kaiser war auf seinen Pürschfahrten im Romintener Forstrevier auch werter vom Glück sehr begünstigt; er erlegte roieberum drei starke Hirsche und zwar einen kapitalen Zwan- zigender, einen Sechzehnender und einen Zwölfender. Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise pflegen den Kaiter stets im Automobil bis an das Pärschrevier zu begleiten.
* Der Kronprinz, der bekanntlich Haup:- mann im 1. Garde-Regiment zu Fuß ist, ist unter Enthebung von der Stellung als Kompaniechef bis aus weiteres zur Dienstlerstung beim Regiment der Gardedukorps kommandiert worden. Es war gemeldet worden, daß der Kronprinz bei dieser Gelegenheit gleichzeitig zum Major befördert werden würde. Diese Beförderung aber ist vorläufig au-geblieben. An Stelle des Kronprinzen ist Gras zu Eulenburg zum Kompaniechef im 1. Garde-Regiment ernannt.
* Der Präsident des Oberlandeskulturgerichts, Wirflicher Geheimer Obere regieruugsrat mit dem Range her Räte 1. Klaff- Herr Friedrich Rintelen zu Charlvttenburg begeht am Freitag (29. Sept.) lein üOjähriges Dienstjubiläum. Präsident Rintelen, der eben fein 69. Lebensjahr vollendet hat, :rat schon im jugendlichen Alter von 19 Jahren in den preußischen Justizdienst. Später ging ei zur landwirtschaftlichen Verwaltung über Von: 1. Januar 1886 bis 1. Mai 1896 war er als Reichsgerichtsrat Mitglied des höchsten deutihen Gerichtshofes, von wo er dann als Präsident
schaftsbünbnis zwischen beiden. Zu gleicher Zeit wußte sich Demerie auch das Vertrauen des Vaters Edmunds zu erwerben, indem er stets mit ihm ernsthafte Gespräche führte und namentlich ge= fliffentlich all' die guten Lehren und Ratschläge hervorhob, die er seinem Sohne gebe.
Eines Tages traf Demeric den Sohn Herrn Glantiny's in bitterer, erregter Stimmung an. Er erriet sogleich, daß dem jungen Manne erwas schr Unangenehmes widerfahren sein mußte.
„Was ist Ihnen?" frag er dann.
„Ach, Sie sehen, daß ich tief bekümmert bin. Ich habe foeben mit meinem Vater einen sehr stürmischen Austritt gehabt. Ich weiß redjt wohl, daß er durchaus das Recht und die Vernunft auf seiner Sette hat; aber er gebt in seiner Strenge nach meinem Dafürhalten etwas weit und v<c- gißt insbesondere, daß ich mich nicht mehr in dem Aster befinde, wo man mich wie ein Kind behandeln kann."
„Aber was ist denn geschehen? Sprechen Sie sich deutlicher aus; vielleicht kann ich Ihnen einen niitzstchen Rat geben.
„Nun wobl, ich will Ihnen alles erzählen, und Sie werden dann selbst urteilen können, ob ich Veranlassung habe, böse zu sein. Mein Vater will durchaus nichts davon wissen, daß ich nttch den: Spiele hingebe; nun habe ich in einer Privatgesellschaft gespielt und bei dieser Gelegenlett einige Hundert Franks verloren. Es wäre für jeden anderen eine Bagatelle gewesen; für mich aber war es eine bedeutende Summe, da ich sie nicht besaß und von meinem Vater noch viel toent- ger erbitten durste. Ich kam schließlich ans den Gedanken, sie bei einem Geschäftsmann zu entleihen; ich weiß nicht, auf welche Weise mein Vater es erfahren hat, genug, er wußte es und toar selbstredend höchlichst darüber aufgebracht. Er behauptet nunmehr, daß ich auch andere Schulden hinter seinem Rücken gemacht habe. Heute ließ er nttch zu sich rufen und überhäufte mich mtt Vorwürfen. Ich habe einen dummen Streich be=
an die Spitze des preußischen Oberlandeskultnr- gerichts berufen wurde. Herr Rintelen ist außerdem Mitglied der Prüfungskommission für höhere Berwaltungsbeamte und Mitglied des Landes- Oekonomiekollegiums. An hohen Auszeichnungen besitzt er u. a. den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub und das fürstlich-waldecksche Berdienstkrenz 1. Klaffe. Präsident Rintelen ist auch vielfach auf juristischem und staatswissenschaftlichem Gebiete literarisch tätig gewesen. Sein Urteil wird von feinen Fachgenosien stets gern gehört und hoch eingeschätzt. In seiner Bescheidenheit hat der verdiente und überall beliebte Jubilar alle ihm zugedachten Ehrenbezeugungen abgelehnt; er wird den Tag in aller Stille im Kreffe seiner Familie in Neumünster verleben.
)( Seit einiger Zeit ging immer wieder die Nachricht durch die Presse, daß die Stellung des Landwirtschastsministers v. Podbielski erschüttert und fein baldiger Rücktritt wahrscheinlich sei. Die ,Deutsche Tageszeitung' bezeichnet diese Meldung als „jetzt ebenso unbegründet und ebenso falsch, wie sie vor Wochen war". Es sei in den letzten Tagen nickst das Mindeste geschehen, was den Landwirtschaftsminister veranlassen könne, die Möglichkeit eines baldigen Rücktritts auch mir zu erwägen.
\ lieber beit Besuch des japanischen Gesandten beim Reichskanzler Fürsten Bülow in Baden-Baden ' sind in der Presse mehrfach unrichtige Vermutungen laut geworden. Verschiedenen Blättern zufolge hatte der Gesandte dielen Besuch lediglich zu dem Zwecke gemacht, dem Reichskanzler ein Exemplar des englisch-japani- fchen Vertrags zu übergeben.
* Die Reichssinaitzreformvorluge des Reichsschatzamtes soll den: Bundesrat :n kürzester Frist zugehen. Im Grunde genommen versteht sich das von selbst. Deim wenn die Vorlage dem Reichstage gleich nach der Eröffnung zugehen soll, wird es hohe Zett, daß der Bundesrat sich mit ihr beschäftigte. Die ,Deutsche Tageszeitung" wirst die Frage auf, „ob es überhaupt noch zweckmäßig sei, den Versuch zu machen, die Reichsfinanzreform so zu erledigen, daß der nächste Reichsetat schon unter ihrem Einflüsse steht." — Die Beialungen der Finanzreform würden mit den Etatsberatungen kollidieren; und beide bis zum 1. April abzn- schließen, würde selbst bei dem besten Willen saft unm öglich sein. Außerdem feien die Entscheidungen über die einze'nen Punkte der Finanz- resorm so ung«l)euer wuchtig, daß die Ve: Handlungen im Plenum ziemlich langwierig werben dürften, trotz der $orcrrbeiten der Kommission. Wir unserseits sind mm vornherein überzeugt, daß die Erledigung der Finanz: eformvor läge bis zum 1. April gän zlich ausgeschlossen ist. Wir bezmeiseln sogar, ob die Verabschiedung tu der tommenden Wiittersestion überhaupt möglich fern rotrb.
* Um den Bortercitirrmschienst für die mittleren Stellen im Justizfach in größere lieber- einfimuinuig mit dem Vorbetettunasdienst ttir die mittleren Stellen ntt Finanzfach zu bringen, sind vom Iuftizmmisteruim neuerdings nie Bestim- nuingen über .den Vorbereitungsdienst und die Prü'uvg der Genchisschre der und Genchtsvoll- zwherm vetfchtedenen Puntten abgeänbert worden. Wer Gerichtsschreiber bei einem Amtsgericht ober Hilfsgericktlsichreiber bei einem Gericht oder Gehilfe der Staatsanwaltsck oft werden will, muß gangen — ich gestehe es unumwunden ein; aber mein Vater, so glaube ich, übertreibt die ganze Geschichte."
„Allerdings eure sehr unangenehme Sache. Sie hätten besser daran getan, wenn Sie sogletch sich an Ihren Vater um Geld gewandt hätten, anstatt sich der Vermittlung eines Wucherers zu bedienen."
„Auch ich sehe das setzt klar ein, aber ich habe eben zu hastig gehandelt. Marcel Dalory hat mir dazu geraten — offenbar durchaus ohne alle böse Absicht. Ich hatte ihm mitgeteilt, daß ich das Geld beim Spiele verloren habe. „Edmund", sagte er darauf zu mir, „Ihr Vater würde Ihnen sicherlich sehr'böse fein, toent: er vernähme, daß sie seinen: Willen zuwider gehandelt haben. Sie würden gut tun, die Summe, deren Sie bedüffen, zt: entleihen, und dieselbe alsdann durch fleine Ersparnisse znrückzuzahlen, die Sie an Ihrem Taschengelde und auf andere Weise machen würben. Der Plan gefiel mir recht wohl, und ich ging also daraus ein, ohne zu bedenken, welch' unangenehme Folgen derselbe für mich haben sollte."
Als Edmund diese Mitteilungen gemacht batte, zitterte Adrian vor Freude; sein Racheplan stand fest.
Was Edn:und gesagt hatte, entsprach vollständig der Wahrheit, und insbesondere hatte Marcel Valery, der Bräutigam Leonie::?, Edmund das erwähnte A::skunftSnttttel in der besten Absiäst geraten. Er wußte nämlich recht wobl, toeldtcn Kummer Herr Glantiny empfinden würde, falls er vdrnähme, daß sein Sobn trotz seines ausdrücklichen Verbotes dem Spiel sich hingegeben habe. Inden: er diesen veranlaßte, feinen Verlust zu verschwe:gen, wollte er Herrn Glantiny den Kum- mer ersparen und glaubte andererseits, Edmund würde dadurch, daß er sich genötigt sähe, einige Ersparnisse zu machen, vielleicht auf einen besseren und für ihn heilsameren Weg geraten.
Offenbar hatte sthn also auch nicht die geringste
wenigstens drei Jahre mit Erfolg im Vorbereitungsdienst beschäftigt gewesen sein und hiernach eine Prüfung bestanden haben. Zum Vorbereitungsdienst darf nur zugelassen werden, wer das Abgangszeugnis einer Realschule mit siebenjährigem Kurs besitzt oder den Nachweis der Reise für die Unterprima eines Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Oberrealschule erbringt, gute Sittenzeugnisse besitzt, das 18. Lebensjahr vollendet hat und die Neichsanqehöriqheit nachweist.
§ In Preußen steht eine Erweiterung der Gewerbennssicht bevor. Am 1. Oktober ds. Js. werde:: nämlich die Stelle eines Regierungs- und Gewerberates in Gumbinnen und eine neue Gewerbeinspektion in Tilsit errichtet werden.
* Die Meldung, daß ein Sozialdemokrat in den sächsischen Landtag einziehen werde, wird nunmehr bestritten. Von konservativer Seite wird behauptet, daß im 37. ländlichen Wcchl- kreis die Konservativen über 51 und die Sozialdemokraten über 50 Wahlmämwr verfügen. Wie eigenartig die Verhältnisse in diesen: Wahlkreise liegen, ergibt sich aus nachstehenden Mitteilungen eines Leipziger Mitarbeiters der ,Voff. Ztg.":
Die BevAkernnq ist so arm, daß ost schon Wähler mit 800 Mk. Ja reseinkormueu ' in die zweite Wätsser- abteilung gehören. Ueberhanpt besteht, wie bie ,Chem- nitzer Volksstimme' berichtet, die zweite Wreilung zu rund 50 t>. H. aus Bergarbeitern und Fabrikarbeitern. Wähler mit 1000 bis 1200 Mk. Jahreseinkommen gehörten sogar in mehrere:: Wahlbezirken der ersten Abteilung an, so daß es kein Wunder ist. daß die So ziak- demökratie sogar in der ersten Wahlerklssse drei Wahlmänner durchbrachte, in der zweiten aber sogar 14.
** In Preußen sind vom 26. bis 27. September mittags 5 cholcraverdächtigc Erkrankungen und 2 choleraverdächtige Todesfälle neu gemeldet worden. Die Erkrankungen betreffen die Kveise Stu hm 1, Tborn 1, Obe'barnim 1, Krossen 1 und Brom berg 1. Von den früher gemeldeten Erkrankungen haben sich 3 nicht als Cholera herausgestellt. Die Gesamtzahl der Ckolerafälle beträgt bis jetzt 248 Erkrankungen und 87 Todesfälle.
Ausland.
* Reform des holländischen Wahlrechts. Der Präsident des niederländischen Mtnifterrats de Meester erklärte in der Dienstagssitzung der Zweiter: Kammer in bestimmter Weise, daß die Regierung im Laufe der vierjährigen Leglsliturperiode einen Gesetzentwurf betreffend eine Revision der Verfassung und zwar in Bezug auf eine Reform des Wahlrechts vorlegen werde. Die Sozialisten zogen hierauf einen in dieser Hinsicht von ihnen gestellten dringenden Antrag zurück. Ohne Zweifel bösst das „parteilose" Ministerium durch die Verheißung einer Wahlreform seine nichts weniger als angenehme Po- fitton zu verbessern, eine Spekulation, die, wie das Verhalten der Sozialdemokraten zeigt, nicht ungeschickt ist.
* Tas österreichische Abgeordnetenhaus setzte gestern die Debatte über die Programmrede des Ministerpräsidenten fort. Abg. Graf Steru- der g.griff heftig die Sozialdemokraten an, deren Benehmen in: Hause sie nicht als Gesetzgeber geeignet erscheinen lasse, und fragte daraus den Mim- sterprösidenten, warum er nicht gleich die Gerüchte betreffs seines Eingreifens in die Wahlrechtsfrage dementiert habe; er rühmte ferner das Verhalten des Barons Fejervary und sprach die Veflirchttmg
böse Absicht geleitet, als er so bandelte; Adrian sah dies zwar sehr wobl ein, aber die Stimme der Leidensclmst überwog alle anderen Bedenken, und sein Rachedurst war so glühend, daß er um fernen Preis sich diese Gelegenheit entgehen lassen wallte, wenigstens zu versuchen, seinen verhaßten Nebenbuhler zu verderben, der ihm im Wege stand.
Noch am nämlichen Tage, an welchen: er die vertraulichen Mitteilungen Edmunds empfangen hatte, machte Adrian Herrn Glantiny einen Besuch und fand bald einen Anlaß, das Gespräch auf feinen Sohn zu lenken.
Herr Glantiny machte keinen Hehl aus dem Kummer, welche:: ihn: die Richtung seines Sohnes verursachte, und Demeric stellte sich, als ob er die größte Teilnahme an diesem unangenehmen Verhältnisse hege.
„Ich bedauere es recht sehr", meinte er heuchlerisch; „Edmund ist ein wenig leichtsinmg und flüchtig, aber im klebrigen hat er ein gutes Herz und ist auch nicht ohne gute Eigenschaften, und bin ich sogar überzeugt, daß er eines Tages auf bessern Wegen wandeln und Ihnen vielleicht noch viele Freude bereiten wird."
„Sie glauben also", versetzte Glantiny, zu Demeric gewendet, „daß er zwar etwas leichtsinnig ist, daß man aber nicht gerade alle Hoffnung aufzugeben braucht?"
„Durchaus nicht", versetzte Demeric, „ich bin sogar überzeugt, daß der junge Mann ganz anders handeln würde, wenn nicht andere Einflüsse sich auf ihn geltend machten."
„Auch ich habe Liefe:: Gedanken oft gehabt, aber denselben immer wieder zuriickgewiesen, da -ich wirklich nicht wußte, welchen Einflüsterungen er Gehör schenken sollte. Vielleicht wissen 'S« etwas näheres?"
„Allerdings, nur weiß ich nicht recht, ob ich davon reden darf. . . Nun, es wird vielleicht dem jungen Mann zum Guten und zur heflsamen Warnung dienen. Ich kann Ihnen einige nähere Aufklärungen geben, weil Edmund mich ganz in