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220.

Fulda, Dienstag, den 26. September 1905.

(§) Vie deutsche Uolomalpolittk.

Wir wissen uns frei von jeder Voreingenom­menheit gegenüber unserer Kolonialpolitik im all­gemeinen wie gegenüber der gegenwärtigen Bet­tung derselben int besonderen. Das Zentrum hat die Kolonialpolitik des Reiches aus k u l- turellen,wirtschaftlichen und r e l i g i* ö f e n Gesichtspunkten unterstützt, und sich in dieser Unterstützung weder durch zeitweise Miß­erfolge des Reiches auf kolonialem Gebiete, noch durch die Notwendigkeit, zur Sicherung späterer Vorteile der Gegenwart Opfer aufzuerlegen, be­irren lassen. Die Voraussetzung für diese Stellungnahme bildete aber natürlich eine Gewähr dafür, daß unsere Kolonialpolitik sich fern hielt von abenteuerlichen Plänen und die Grenzen be­obachtete, welche die Rücksichten auf die politische und wirtschaftliche Lage des Mutterlandes für sie zogen, sowie das ernste Bestreben, den obener­wähnten Gesichtspunkten nach jeder Richtung hin Rechnung zu tragen.

Nachgerade aber scheint unsere Kolonialpolitik auf dem Punkte angelangt zu sein, wo eine s e h r eingehende und gewissenhafte Prü­fung der Frage vonnöten ist, ob in kolonialen Dingen bei uns diese Rücksichten und Gesichts­punkte noch einen maßgebenden Einfluß ausübeu. Wir haben dabei keine untergeordneten Dinge im Auge, die vielleicht mehr auf Mißverständnisse als auf bösen Willen zurückzuführen sind, sondern sind der Ansicht, daß die Grundlagen unserer Kolonialpolitik einer Art Revision bedürfen. Für un§ ist es keineswegs ein Zufall, daß es fast gleich­zeitig in den drei bedeutendsten deutschen Schutz­gebieten in Afrika zu mehr oder weniger um­fassenden Unruhen unter den Eingeborenen ge­kommen ist, welche die ganze Zukunft dieser Kolo­nien in Frage stellen.

In Deutsch-Ostafrika, wie in Deutsch-Südwest­afrika und in Kamerun sind ganz augenscheinlich seitens der Verwaltung Fehler begangen wor­den, teils in positiver Richtung, teils in negativem Sinne durch Unterlassungen, welche sich jetzt rä­chen. Wtr halten es für unbedingt geboten, daß der Reichstag genaue Untersuchungen darüber an­stellt, ob die L a n d p o l i t i k und die S t e u e t- Politik, die in unsere» afrikanischen Schutzge­bieten eingeführt ist, den dortigen Verhältnissen so weit angepaßt ist, daß sie eine richtige Entwicklung zulassen. Daß in Deutsch-Südwestafrika speziell die Landfrage, in Deutsch-Ostafrika die Steuer­frage bei den Aufständen der Eingeborenen von wesentlichem Einflüsse gewesen sind, wird nicht nur von allen Kennern der Verhältnisse betont, sondern auch von allen Kennern der Verhälnisse zugegeben. Ebenso kann heute kein Zweifel mehr darüber ob­walten, daß die Gährung in Kamerun in gewissem Sinne auf das Verhalten der Verwaltung zuriick- zufübren ist. Das Reich und die Regierung haben sich allzusehr des Einflusses auf die großen koloni­alen Gesellfchasten begeben, und infolgedessen sind die kulturellen, die wirklich kulturellen Zwecke unserer Kolonialpolitik mehr und mehr in den Hintergrund getreten.

Zu diesen wirklich kulturellen Zwecken rechnen w i r in ganz hervorragendem Maße auch die Aus- breitung des Christentums unter den Ein­geborenen. Schon die Andeutungen, welche der Gouverneur Gras Götzen über den Einfluß der „Zauberer" auf die Eingeborenen und ihre Rolle bei dem jetzigen Aufstand in Deutsch-Ostafrika ge­macht hat, sollten manche wieder daran erinnern, daß eine Unterstützung der Missionen in unseren Kolonien eine mächtige Förderung nicht der Kultur allein, sondern auch des Friedens in unseren Kolonien bedeutet.

Die Aufwendungen, welche nach dieser Richtung hin aus allgemeinen Mitteln, zumeist

7]

(Nachdruck verboten.)

dwei verfloßene.

Von V. Nottret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

„Bei der Teilung der Nachlassenschaft fiel mir das Landhaus zu, auf welchem ich meine Kind­heitsjahre zugebracht hatte. Ich entschloß mich, den Sommer hier, den Winter in Orleans zuzu- bringen. Den Sommer hindurch, also nach dem Tode meiner Mutter, lebte ich in Verfenil. Ob­wohl ich hier eine Reihe von Jahren zugebracht hatte, welche sonst für jeden anderen Menschen die glücklichsten des Lebens sind, so erweckten in mir diese Oertlichkeiten doch nur unangenehme und düstere Erinnerungen. Nachdem ich jetzt Herr und Meister des ganzen Hauses geworden war, wollte ich mich für den Zwang und die De- mutigung entschädigen, welche ich früher hatte u « ,ni*J!en' und da mir andere Genüsse verschlossen bitten, so fand ich eine gewisse Ge­nugtuung 'n dem Gedanken an meine Ueber- legenheit, welche mir mein Vermögen nach mei­nem Dafürhalten über die armen Dorfbewohner in meiner Umgebung verlieh.

»Leider ahnte ich nicht im Entferntesten daß auch hier meiner eine neue Enttäuschung wartete die meine düstere Menschenscheu noch vergrößern' und in meinem Herzen abermals bitteren, schmerz­lichen Kummer erwecken mußte.

5. Kapitel.

„Meiner Wohnung gegenüber, an der anderen «eite der Straße, lag ein Haus von bescheidenem Aenßern, das rings von einem kleinen Garten umgeben war, wie ich von meinem Fenster aus totenjomite.

„-"Ach hatte bis dahin dieses Haus nur von citie?cj-aIten Junggesellen bewohnt geglaubt; erwähnte»^ aber, als ich zufällig zu dem vorhin harten hinüberblickte, gewahrte ich die ei nteh« Mädchen, welches Blumen pflückte, awoann zu einem Strauß zusammenband.

aus dem sogenannten „Afrikafonds" gemacht wer­den, sind aber geradezu geringfügig und haben mit den sonstigen Aufwendungen für die Kolonien im Laufe der Jahre auch nicht im entferntesten Schritt gehalten. Wenn trotzdem das Missionswe- sen in unseren Kolonien, namentlich in Deutsch- Ostafrika gute Fortschritte gemacht hat, so ist das lediglich privatem Opfermut zu danken gewesen. Es ist an der Zeit, daß diese Seite unserer Kolonialpolitik gegenüber der kauf­männischen wieder etwas stärker betont wird.

Als einen schwerwiegenden Fehler der deut­schen Kolonialpolitik müssen wir auch den Mangel an richtig ausgewähltem Personalin der Ver­waltung der Kolonien ansehen. Diese Angelegen­heit ist im Reichstage in der letzten Session von dem Abg. R o e r e n zur Sprache gebracht worden. Die Kolonialverwaltung hat sich mit ihren „besten Absichten" verteidigt, aber sie hat nicht bestreiten können, daß Mißgriffe in Personenfragen unter­laufen sind. Diese „Personenfrage" dürste in man­chen Fällen, wo es sich um Unruhen unter den Ein­geborenen handelt, einen sehr wesentlichen Ein­fluß ausgeübt haben. Will man kulturelle Fort­schritte in den Kolonien zeitigen, so muß man in erster Linie dafür Sorge tragen, daß die „Träger der Kultur" einwandfrei sind.

Es ist nicht zu leugnen, daß unsere Kolonial­politik eine Entwicklung gewonnen hat, die bei manchem Freunde dieser Politik Bedenken betreffs einer weiteren Unterstützung derselben erregen müssen. Fehler in den wirtschaftlichen Fragen wie in den Personenfragen bergen hinsichtlich der Kolonien die Gefahr in sich, nicht nur finanzielle Kalamitäten herbeizuführen, sondern auch Verhält­nisse zu schaffen, die das Blut des Mutterlandes heischen. Solche Verhältnisse liegen jetzt mehrere bor. Sie lassen die dringende Frage er­heben, wie ihrer Wiederkehr vorzubeugen ist.

Deutscher Reich.

Berlin, den 25. September 1905.

§ Der Reichskanzler Fürst Bülow hat heute vormittag den Besuch des Präsidenten des russi­schen Ministerkomitees Herrn v. Witte emp­fangen. Derselbe war gestern abend von Paris hier eingetroffen und stattete noch im Laufe des Abends dem Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Richthofen einen einstündigen Besuch ab. Frhr. v. Richthosen gab heute vormittag zu Ehren des Herrn v. Witte ein Frühstück, dem auch der Reichskanzler beiwohnte.

.. Zur Reichsfinanzreform. Die augen­blickliche Anwesenheit des Fürsten Bülow in Berlin dürste, wie verschiedene Blätter heroor- heben, die Entscheidung in verschiedenen wich­tigen politischen Fragen bringen, namentlich auch in der Reichsfinanzreform und in kolo­nialen Angelegenheiten.

* Gegen die katholische» Studentenkorporatio- neu hat, wie nachträglich bekannt wird, auch der Prof. Dr. Krüger von der Universität M ü n- fte r mobil gemacht. Er erließ gelegentlich des 15-jährigen Stiftungsfestes der Turnerschaft Teu­tonia, das Ende Juli in Miinster gefeiert toitrbe, nach dem Bericht der akademischen Turn-Ztg. einen „lebhaften Aufruf zum Kampfe gegen die katholischen Studentenverbindungen". Er wies mit eindringlichen Worten auf die schwere Gefahr hin, die unserem nationalen Leben vonseiten der ultramontanen Gefahr droht. Allerdings dürste man nicht gegen die katholischen Studentenverbin­dungen im Namen der akademischen Freiheit käm­pfen, denn das sei ein Widerspruch. Aber es müsse die Aufgabe jedes national gesinnten Studenten

„Lange blieb ich stehen und blickte nach ihr hinüber, so sehr hatte mich ihr Anblick eingenom­men. Sie war wirklich ein lebendiges Bild der Jugend in ihrer herrlichsten Blüte und in ihrem vollsten Glanze.

Herrliches, bramies Haupthaar in langen Locken rollte um ihr Haupt; so weit die Entfer­nung mir zu fehen erlaubte, schien sie mir zarte, regelmäßige Gesichtszüge zu besitzen; was ihr jedoch einen besonderen Reiz verlieh, Ivar ihre anmutige Frische,ihr fröhliches, munteres Gesicht­chen, das vor Munterkeit gleichsam glänzte. Ihre Bewegungen waren leicht und anmutig; fröhlich hüpfte sie von einer Blume zur andern.

„Das war ein herrliches, anmutiges Bild, und so stellte ich mich am folgenden Morgen abermals an mein Fenster in der Hoffnung, die liebliche Erscheinung wieder zu sehen. In der Tat befand sich das junge Mädchen auch im Garten, war jedoch diesmal nicht mit Blumenpflücken beschäf­tigt, sondern saß in einer Geisblattlaube, in der Hand eine Arbeit haltend.

„Lachende Träume schienen ihre Phantasie zu beschäftigen, lvährend sie da saß und arbeitete; denn über ihr ganzes Gesichtchen war eine Heiter­keit und Fröhlichkeit ausgegossen, die sie noch weit reizender machte.

„Es schien mir, als ob in diesem Augenblicke eine bis dahin Verborgene, zarte Regung in mir erwacht sei, und als ob die gan< Welt für mich nicht mehr dagewesen sei-. Meine Gedanken weil­ten unwillkürlich bei diesem hübschen Kinde, das da in einiger Entfernung vor mir faß. Gar zu gern hätte ich gewußt, wer sie fei, und welcher Familie sie angehörte; aber ich mochte mich auch dieserhalb nicht an jemand ans meiner Um­gebung-wenden. Jndeß erhielt ich dennoch sehr bald die von mir so sehnlichst gewünschte Auskunft.

„Unter den Familien des Dorfes befand sich eine, mit welcher ich ziemlich enge befreundet war; cs war Herr Delbourg, welcher in Verfenil eine ziemlich große Fabrik errichtet hatte. Ohne Zwei­

fein, im Interesse unserer nationalen Einheit den Kampf mit Ausdauer und Kraft fortzuführen. Denn die Tendenz des Zentrums und aller ihm anhängsnden Kreise gehe offen dahin, das deutsche Volk in zwei Hälften zu spalten und diese Spal­tung auch nach den Berufen durchzuführen. Da­her die Gründung von katholischen Lehrer- und Lehrerinnen-, Juristen-, Kaufmanns-, Gesellen- und Lehrlingsvereinen usw. Daher endlich vor allem die Gründung und Förderung der katholi­schen Studentenvereine. Eine solche vorsätzliche Trennung des deutschen Volkes in allen seinen Schichten müsse früher oder später zum erbitterten Kampf der beiden Heerlager führen, und darum fei es mit Freuden zu begrüßen, daß die deutschgesinnten Studenten namentlich jetzt, wo die anderen Kreise noch unfähig sind, entschlossen den Kampf gegen die ultramonta­uen Studentenkorporationen auf­nahmen. Herr Professor Dr. Krüger ist, nach dem „Wests. Merkur", nicht der einzige Professor an der Universität Münster, der gegen „Ultra- montanismus" und Zentrum losgeht. Hoffentlich ist es aber mit seinen Kenntnissen um die Wissen­schaft nicht so schlecht bestellt, wie mit seinen Kennt­nissen von dem Zentrum und dessen Politik.

§ Der Parteitag der freisinnigen Volks- Partei in Wiesbaden hat eine Resolution zur Schulfrage angenommen, worin er sich gegen das Schulkompromiß und gegen die Konfessions­schule und für die Simultanschule, sowie für die allgemeine Volksschule aussprach. Die Stellung­nahme zu gunsten der Simultanschule war vorauszusehen. Eine weitere Resolution beschäf­tigt sich mit der Fleischnot und verlangt Oeff- nung der Grenzen, Ermäßigung der Viehzölle usw. Andere sprechen sich gegen das bisherige System der Kolonialpolitik und gegen Bier- und Tabaksteuer aus. An Eugen Richter wurde ein Glückwunschtelegramm ge­sandt.

* Verluste in Südwestafrika. Aus Wind­huk wird gemeldet: Gefreiter Waldemar H ö p f- ner, geboren am 8. 10. 80 zu Thomascheiken, früher im 2. Garde-Dragoner-Regiment, am 21. September 1905 im Lazarett Windhuk an Typhus gestorben.

§ Die 12. Genrralvcrsaminlung der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst findet am Diens­tag, den 3. Oktober 1905 in München statt. Der Vorstand erläßt folgende Einladung. Auf der vor­jährigen elften Generalversammlung in Trier wurde als Ort der Generalversammlung des Jah­res 1905 Breslau in Aussicht genommen. Die Vorstandschaft tat dementsprechend die nötigen ^Schritte, sah sich jedoch zu dem Entschlüsse veran­laßt, für dieses Jahr von Breslau abzusehen und eine andere Stadt ins Auge zu fassen. Als fest­stand, daß die Generalversammlung der Görres- Gefellschaft Heuer in München tagen werde, fetzte sich' die Vorstandschaft mit den, vorbereitenden Komitee für die Generalversammlung der Görres» Gesellschast in Verbindung, und das Resultat der Besprechungen war der Beschluß des Vorstandes, die diesjährige Generalversammlung gleichfalls in München abzuhalten, und zwar am Dienstag, den 3. Oktober 1905, vormittags 9 Uhr im Hotel Baye­rischer Hof (Promenadeplatz 19). Dieser Beschluß dürfte jenen Mitgliedern, welche auch der auf den 4. und 5. Oktober anberaumten Generalversamm­lung der Görres-Gesellschaft anzuwohnen geden­ken, nicht unwillkommen sein. Die Aneinander­reihung der Versammlungen dieser beiden Gc'sell- sthaften, welche sich der Förderung von Wissenschaft und Kunst widmen und innerlich durch dieselben Ideale verbunden sind, wenn sie auch getrennt,

fei wegen meiner Stellung und meines Ver­mögens Ivar ich in dieser Familie und bei allen Gliedern derselben stets ein gern gesehener Gast. Eines Tages, als ich wiederum zu ihnen ein- geladen war, lenkte ich das Gespräch auf den Gegenstand, der für mich fo großes Interesse hatte. So gleichgiltig, als ich es vermochte, frug ich die Dame vom Haufe, ob sie etwas näheres darüber wisse, von wem das meiner Wohnung gegenüber liegende Haus bewohnt sei.

„„Ich kann Ihnen hierüber vollständige Aus­kunft geben"", antwortete sie mir auf meine Frage, „„beim der neue Mieter dieses Hauses ist niemand anders, als unser Kassierer, Herr Mar- ville. Seit langer Zeit hatte er bei einem Fab­rikanten in 'Orleans in Diensten gestanden; wegen seines Gesundheitszustandes wünschte er indeß, wenn möglich eine Stelle auf dem Lande zu bekommen. Er gab meinem Gatten diesen Wunsch zu erkennen, und Herr Delbourg konnte seinem Wunsche um so mehr willfahren, als er die besten Empfehlungen aiiszuweisen hatte. Es ist ein sehr ehrenwerter Mann und Vater einer ziemlich zahlreichen Familie.""

„Ich habe neulich im Garten ein junges Mäd­chen bemerkt, welches mir ziemlich hübsch zu sein schien", warf ich nachlässig hin. „Es Wird wohl Fräulein Marville gewesen sein."

' „„Es ist Leonie, die älteste von den Kindern"", antwortete Madame Delbourg. „„In der Tat ist es ein reizendes Kind. Ich habe sie mehrfach gesehen und nach ihrer Ausdrucksweise und ihrem ganzen Benehmen darf ich schließen, daß sie eine sehr sorgfältige Erziehung genossen hat.""

„Entzückt hörte ich Madame Delbourg zu, während sie sprach, und schon glaubte ich eine neue, herrliche Zukunft vor mir zu sehen. Dieses liebenswürdige junge Mädchen besaß ja also auch nicht bloß ein hübsches Gesicht, sondern dazu die Vorzüge einer ausgewählten Erziehung, die einer Dame gerade fo wohl anstehen. Da sie sich weiter in einer sehr bescheidenen Stellung befand, fo

32. Jahrgang.

jede auf ihrem Gebiete, arbeiten, dürfte nicht olme geistigen Gewinn bleiben, da sie die gegenseitige persönliche Berührung und den Gedankenaustausch zwischen den Männern der Wissenschaft und der Kunst erleichtern. München biete Heuer außerge­wöhnlich bedeutsame Kunstausstellungen. Die weiten Hallen des Glaspalastes bergen die elfte Internationale Ausstellung und sind mit auser­wählten Werken aller Kulturländer angefüllt. Ferner ist das Lebenswerk Franz v. Lenbachs zu einer eigenen umfassenden Ausstellung im Königs. Kunstausstellungsgebäude am Königsplatz in sol­cher Vollständigkeit bereinigt, wie es kaum jemals mehr der Fall sein dürfte. Man ist deshalb in der Lage, diesen Meister so gründlich kennen zu ler­nen wie nie wieder. Die übrigen Anregungen, welche München dem Künstler und Kunstfreund bietet, bedürfen keiner besonderen Erwähnung. Wenn also die Teilnehmer der Generalversamm­lung Heuer nicht jene festlichen Stunden erwarten dürfen, welche sie im vorigen Jahre in Trier ge- »offen, fo werden sie dennoch nicht unbefriedigt von München scheiden, da ihrer auf der Versamm­lung wichtige Beratungen und Entscheidungen harren und es in den Mußestunden an Kunstge­nüssen nicht fehlen wird. Die Vorstandschaft er­wartet denn auch zuversichtlich, recht viele Mitglie­der aus allen Gauen Deutschlands auf der Gene­ralversammlung begrüßen zu können. Die Arbei­ten der Generalversammlung werden nicht ver­fehlen, die Mitglieder noch enger aneinander zu schließen, ihre begeisterte und opferwillige Hingabe an die christliche Kunst zu steigern und für die Festigung und Ausgestaltung der Deutschen Ge­sellschaft für christliche Kunst neue Bürgschaften zu schaffen. Anträge wollen bis zum 19. Septem­ber an die Vorstandschaft (München, Karlstraße 6) eingefeiibet werden. — Für die Generalversamm­lung ist folgendes Programm festgestellt worden: Montag, den 2. Oktober, 5 Uhr abends Vorstands­sitzung im Bureau der Gesellschaft, Karlstraße 6; Dienstag, den 3. Oktober, 9 Uhr vormittags Be­ginn der Generalversammlung im Spiegelsaal des Hotels Bayerischer Hof, Proruenadenplatz 19. Nach der Begrüßung erfolgt 1. Berichterstattung über Geschäftsführung, Kassabericht, Bericht der Re­visoren; 2. Wahl zum Vorstande und Wahl der Revisoren für 1906 ; 3. Beratung über Zeit und Ort der nächsten Generalversammlung; 4. Bericht­erstattung und Beschlußfassung über die vom Vor­stände vorberatenen Anträge; 5. Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft für christliche Kunst, G. m. b. H.

* lieber den Stand der Cholera berichtet der,Reichs- und Staatsanzeiger" heute folgendes: „Vom 24. bis 25. September mittags pnd im preußischen Staate 2 choleraverdächtige Er­krankungen und zwei Todesfälle an Cholera neu­angemeldet worden. Tie Erkrankungen betreffen die Kreise Dirschau und Wirsitz. Von den ftüher gemeldeten choleraverdächtiaen Erkrankungen bat sich 1 nicht als Cholera heransgestellt D e Ge­samtzahl der Cholerafälle beträgt daher bis jetzt 246 Erkrankungen, von denen 85 tötlich ver­liefen." — Die Gefahr einer Weiterverbreilung der Cholera in Berlin erscheint erheblich herab- gemindert, nachdem festgestellt ist, daß die Familie des an der Cholera verstorbenen Schiffers Lehmann sowie fei e Begleiter auf dem unter Kontrolle gestellten Kahne auch heute am vierten Tage ihrer Beobachtung keinerlei ©puren ver­dächtiger Krankheitserscheinungen zeigen. Weitere Erkrankungen an Cholera sind in Berlin Über­haupt nicht vorgekommen.

konnte sie, wie ich glaubte, bei der Wahl ihres zukünftigen Gatten eben nicht sehr wählerisch fein.

„Schon träumte ich, ihr meine Hand ohne weiteres aNbieten zu können; ich hätte es nicht gewagt, um ein Mädchen zu werben, das etwa au Vermögen mir gleich stand, und ich glaubte fest, daß die Aussicht auf Reichtum und Ver­gnügen sie ganz sicher veranlassen würde, meine Werbung nicht zurückzuweisen. Freilich verhehlte ich mir keineswegs, daß mein Aeußeres nicht ge­eignet war, große Hoffnungen zu erwecken; dann aber dachte ich wiederum, daß meine Stellung und mein Vermögen, sowie die Aussicht auf ein bequemes, behagliches Leben bei ihr alle andern Bedenken überwiegen werde.

„All' diese Gedanken und Träumereien be­wirkten in mir eine vollständige Aenderung; ich war nicht mehr derselbe wie sonst. Eine etivas mildere, sozusagen versöhnlichere und wohlwollen­dere Stimmung griff bei mir Platz, und die Bitterkeit und die Traurigkeit,, welche mich sonst verzehrte, schien etwas zu schwinden.

„Inzwischen sah ich in den darauf folgenden Tagen Leonie Marville mehr als einmal wieder, das eine oder anderemal in Begleitung zweier kleiner Mädchen, die ich für ihre Schwestern hielt, und deren Spiel sie, wie mit däuchte, mit sicht­lichem Wohlgefallen zu folgen schien.

„Ich hatte bald Mittel und Wege gefunden, mit Herrn Marville näher bekannt zu werden. Es war ein sehr gutmütiger, freundlicher Man» von freiem und offenem Wesen. Während feiner Musestunden beschäftigte er sich viel mit Garten­bau; oft kam er zu mir, und zusammen durch­streiften wir dann die Garten- und Parkanlagen, welche bei meinem Hause lagen.

„Herr Marville verfehlte nicht, auch seiner­seits mich in fein Haus einzuladen. Daß ich mich nicht zweimal bitten ließ, brauche ich kaum hervorzuheben. Es war eine einfache, bescheidene, aber geschmackvoll eingerichtete Wohnung. Bei meinem ersten Besuche war Leonie zufällig nicht anwesend. Später traf ich sie jedoch verschiedene