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Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Se» tiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Montag, den 25. September 1905.

M 219.

32. Jahrgang.

):( Zur bevorstehenden Reichstagr- Lilatzwahl

im Wahlkreise Sisenach-Nemdach-KaUennor-hem

schreibt man uns aus dem Geisaer Wahlbezirk:

Im allgemeinen schildert der von Ihnen ab­gedruckte Artikel der ,Germanich die diesmalige Wahlsituation im Eisenacher Wahlkreis sehr treffend. Einen Zentrumskandidaten in die Stichwahl zu bringen, ist zur Zeit völlig aussichtslos, da die Zentrumspartei bei den seitherigen Reichstagswahlen durchschnittlich über 1500 Stimmen verfügte, während für die in Frage kommenden Parteien des Freisinns und der Nationalliberalen nicht unter 2000 Stimmen abgegeben wurden, die Sozialdemokraten aber gleich im ersten Wahlgange über 6OOO Stimmen verfügten. Freilich dürfte auch einmal der Zeit­punkt kommen, wo eine Zentrumskandidatur int hiesigen Wahlkreise begründete Aussicht hat, in die Stichwahl zu kommen. Dieser Fall wird eintreten, sobald die im hiesigen Wahlkreis sich mächtig entwickelnde Kaliindusäie einen größeren Zuzug katholischer Arbeiter bewirkt haben wird. Im Augenblick kann aber nicht die Rede davon sein. Gleichwohl bleibt auch so die Zentrums­partei die ausschlaggebende Parstet im hiesigen Wahlkampfe, da sie in letzter Linie die Entscheidung in der Hand hat, ob der Kandidat des Freisinns oder der Nationalliberalen oder auch der Sozialdemokrat den Sieg davon­tragen soll.

Den Sieg würde der Sozialdemokrat wahrscheinlich schon im ersten Wahlgange davon­tragen, sobald die Zentrumspartei im hiesigen Wahlbezirk Wahlenthaltung übte. Den Sozialdemokraten auf diese Weise indirekt zu unterstützen, darf aber unter keinen Umständen geschehen, so daß Wahlenthaltung wohl als ausgeschlossen gelten kann. Es bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder eine eigene Zen- lrumskandidatur aufzustellen oder den Kandidaten v einer anderen Partei zu unterstützen. Wird eine Zentrumskandidatur aufgestellt, so ist, wie schon oben ausgeführt, es bestimmt ausgeschlossen, daß derselbe in dis Stichwahl kommt. Der fast sicher vorauszusehende Effekt würde aber sein, daß der lkandidat der Nationalliberalen in die Stichwahl käme. Wer aber die Kulturkampfs- aelüste dieser Verbündeten des Evangelischen Zundes kennt, kann unter keinen Umständen eine üche Lage herbeisehnen, und das umsoweniger, -enn man weiß, daß speziell der jetzt kandi- S'.errnde nationalliberale Gymnasialprofeffor Fle.x aus Eisenach ein Kulturkämpfer ist, wie er tm Buche steht. Es wäre also nun zu untersuchen, ob sich unter den beiden anderen Kandidaten einer fände, der als das kleinere liebel" anznsehen wäre und welchen man dann gleich im ersten Wahlgange .mchloffen von feiten der Zentrumspartei unter- stützte Als Kandidaten verbleiben noch derjenige oer Antisemiten und endlich der Kandidat der rersinnigen Volkspartei, Buchdruckereibesitzer und Chefredakteur Philipp Kühner aus Eisenach.

en Kandidaten der Antisemiten zu unterstützen, ann um w weniger einpfohlen werden, als die- ieiben m Punkt Kulturkampf den Nationalliberalen nicht viel nachgeben dürften, abgesehen von vielen anderen Punkten ihres Programms. Es bleibt omit noch der Kandidat der freisinnigen Volks-

Swei verstoßene.

VN B. Norrret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.)

„Man hatte mich gelehrt, einige Hebungen . er Frömmigkeit zu erfüllen, was ich denn auch iöglichst nachlässig tat; hierin bestand der ganze digiöfe Unterricht, welcher mir zuteil wurde. Niemand sprach zu mir von Gott, den man andere nnder meines Alters lieben und verehren lehrt, v-ch war garnicht darauf bedacht, gut zu erscheilten oder irgend etwas Nützliches zu erlernen; ich E, der Meinung, daß, wenn ich mir in dieser "chtung Mühe gegeben hätte, mich dies meinen »gehörigen nicht mehr lieb und teuer gemacht ,Le suvor, und daß sie alsdann trotzdem ■imiunn m?oIIen6e' wenigstens gleichgiltige Ge­hen 5fl^enüber nicht geändert haben wür- nüt-'en es mir, so dachte ich, überhaupt

Menscken n^.-s Beste und Gelehrteste der qestÄt deshalb n-eine körperliche Miß.

me n Anblick d^m^ auffällig sein? Würde m „S L weniger abstoßend sein?

.md wohl.

s,, "AH "erneinte mir all' diese Fragen, welche ück Eurl'ch aufdrangten und bemühte rCnx®kefC[)Ot!fe? ich war, dieselbe Verachtung angedeihen zu lasten, wie sie mir -tu- teil wurde. Das Vergnügen meiner Eltern mußte mich den übrigen Dorfkindern gegenüber höher netten; ich behandelte sie mit Verachtung und -Uimaßung, wenn ich mit ihnen in Berührung n^*P - dafür aber sandten sie mir, sobald ich mich hnft« <»rcm Bereiche befand, eine Menge bos-

Bemerkungen nach, die mich tödlich verletz­lich daß ich ihre Gesellschaft schließ-

einsam "ued und den ganzen Tag über

laaen »nL. fr itt den Garten- und Parkan-

Von dem fr^hauses umherirrte.

" m Lehrer des Dorfes hatte ich einige

partei übrig. Derselbe muß nach Lage der Dinge tatsächlich als das kleinere Nebel angesehen werden, zumal Herr Kühner den Katholiken gegenüber stets eine wohlwollende Stellung eingenommen hat. Dies hat derselbe besonders während seiner sechsjährigen Zugehörigkeit zum weimarischen Landtag wiederholt durch die Tat dokumen­tiert, indem er Anträge, die speziell im Interesse der Katholiken des Landes gestellt waren, tat­kräftig unterstützt hat. Wenn nun dieser Kandidat Philipp Kühner auch jetzt wieder die bindende Erklärung abgtbt, daß er auch bei Ausübung seines Reichstags-Mandates im gegebenen Falle für die Unabhängigkeit und Freiheit der Kirche eintrete, alle Ausnahme-Ge­setze verwerfe und somit auch für vollständige Abschaffung des ganzen Jesuften-Gesetzes rc. ein­stehe, so dürste die Kandidatur des Freisinns als das kleinere Hebel angesehen werden. Wie wir aus bester Quelle wissen, liegt nun eine ähnliche Erklärung von feiten des freisinnigen Kandidaten vor. Unter Würdigung der ob­waltenden Verhältnissen kann somit den Zen­trumswählern des Eisenacher Wahlkreises nur dringend anempfohlen werden, gleich im ersten Wahlgange geschlossen für die Kandidatur des freisinnigen Kandi­daten Philipp Kühner einzutreten.

Der Schluß des sozialdemokratischen Parteitags.

Der sozialdemokratische Parteitag in Jena hat so geendet, wie wir es vorausgesagt hatten, als eine „Vertuschungs-Komödie". Um die „Genossen", nicht ganz um das Ver­gnügen zu bringen, sich an revolutionären Phra­sen zu erwärmen, zündete Bebel noch in letzter Stunde ein Feuerchen an, an dem er die ganze „bürgerliche Gesellschaft" zu rösten ge­dachte. Bebel gilt in der Sozialdemokratie als „F e u e r k o p f", und in der Tat geht sein lebhaftes Temperament häufig genug mit ihm durch. Was er aber in Jena geleistet hat, war ein „taktisches Meisterstück", das Bebel bei un- beeinflußten Leuten in den Ruf eines „Diplo- ntaten" bringen dürste. Er hat eine Rede über den Massenstreik gehalten, die voll der blutigsten Redensarten unb der wildesten Drohungen ge- geit die bestehende staatliche Ordnung war, und nachdem er damit das Signal für eine Diskussion gegeben hatte, welche an Blutrünstigkeit schwer­lich übertroffen werden kaitn, spielte er den Er­staunten und meinte, so wie diesmal habe man noch auf feinem sozialdemokratischen Parteitag „im Blute gebadet", und er (Bebel) habe doch nicht den geringsten Anlaß dazu ge­geben. Es verschlug Bebel auch wenig, daß ihm verschiedene Redner — mit Recht — den Vor­wurf machten, er habe seine Anschauungen über den Massenstreik vollständig gewechselt. Er hatte seine Absicht erreicht, unb diese Absicht ging zu­nächst dahin, dem bis dahin ungeheuer lang­weiligen Parteitag noch rasch den revolutionären Stempel aufzudrücken, ohne den ein sozialdemo­kratischer Parteitag nun einmal in den Augen der „Genossen" keine volle Geltung hat. Dieser Stempel ist mit solcher Deutlichkeit jetzt gegeben, daß die nackte Resolution, mit welcher die De­batte endigte, daran nichts ändert. Die Ab­sicht Bebels war damit aber nicht e r-

Unterrichtsstunden erhalten, in welchen ich sehr wenig gelernt hatte. Meine Eltern schämten sich der Unwissenheit, in welcher ich heranwuchs; als ich 12 Jahre alt geworben war, gaben sie mir einen Hauslehrer. Es war ein energischer Mairn, deut sie vorher meinen böser: Charakter geschildert hatten. Schon gleich in den ersten Tagen wollte er mir zeigen, daß er mich bändigen könne; er begegnete mir also mit der äußersten Strenge; ich sah in ihm nur meinen Feind, und bald stan- den wir beständig mit einander auf Kriegsfuß. Natürlich mußte ich den Kürzeren ziehen; je hart­näckiger und widerspenstiger ich mich zeigte, desto schärfere Maßregeln wurden mir gegenüber an­gewandt, die mich indes keineswegs befierten. Nur gezwungen lag ich meinen Studien ob, wes­halb meine Fortschritte kaum anders als höchst dürftig sein mußten; mir freilich lag hieran sehr wenig, da ich nur darauf bedacht war, jedermann Verdruß und Kummer zu bereiten.

„Es konnte nicht ausbleiben, daß mein Lehrer bald seines Amtes überdrüssig wurde; ein anderer trat an seine Stelle, der ebenso wenig Veran­lassung hatte, mit mir besonders zufrieden zu sein. Alles dies mußte meine Eltern in der ungünstigen Meinung bestärken, welche sie von mir hatten, und so betam ich von ihnen denn auch nur strenge und harte Worte zu hören.

„Das unausgesetzte Schaffen und Arbeiten meines Vaters hatte seine Kräfte vorzeitig unter­graben, und so raffte ihn dem: eine heftige Krank­heit in wenigen Tagen weg, zu einer Zeit, wo er mit Grund glauben konnte, noch viele Lebens- jahre vor sich zu haben. Meine Lage änderte sich hierdurch nicht im geringsten, und ich blieb vor wie nach auf dem Lande unter der Leitung und Oberaufsicht meines Hauslehrers. Die Trauer­zeit brachten meine Mutter und meine Schwester ebenfalls auf dem Lande zu; anstatt aber, daß ihre Anivesenheit mir zur Freude gereicht hätte, war mir dieselbe sehr unangenehm. Wenn ich zur Negine, meiner Schwester, auch nicht gerade mehr wie in den Tagen meiner Kindheit, in offenem,

schöpft. Er wollte mit seinen Redensarten und seiner Resolution augenscheinlich allen Zer- würf nissen in Bezug auf die Taktik der Partei die Spitze abbrechen, und dadurch, daß er dem Anarcho-SozialismrB das Wasser abgrub, die „Parlamentarier" und die „Revolutionäre" wieder auf einer mittleren Linie z u- s a in m e n f ü h r e n. Auch das ist ihm gelun­gen, indenr er den Maffenstteik als eines der Mittel der sozialdemokratischen Taktik offiziell anerkannte, die Propaganda dafür aber in den Hintergrund drängte, inben: er mit dem Massen­streik nur „im geeigneten Momente" und „ge­gebenenfalls" vorgehen will. Damit mußten sich schließlich auch die „Parlamentarier" in der Par­tei zufrieden geben. In der Debatte ssießen allerdings die Köpfe noch stark zusammen und einige besonnenere Elemente warnten dringend vor einem Zusammenstoß mit den „Bajonetten", aber bei der Abssimmnng wurde die Resolution Bebel mit erdrückender Mehrheit (gegen ein Dlchend Stimmen) angenom­men.

Wenn wir Bebel recht verstehen, so lag es schließlich auch in seiner Absicht, der „bürger­lichen Gesellschaft" einen Vorwurf zuteil werden zu lassen. Wir sind zwar der Heber­zeugung, daß keine maßgebende Stelle im Reiche e r n st l i ch daran denkt, das allgemeine Wahl­recht anzutasten, aber die dahinzielenden Gelüste sind hie und da in privaten Kreisen in letzt er Zeit in einer Weise zum Ausdruck gelangt, daß der Sozialdemokratie damit ein bequemer Agi­tationsstoff geboten wurde. Wir nehmen mm jede Drohung, die in Jena ausgestoßei: würbe, keineswegsernst, aber wir gehören auch nicht zu denen, welche die M ö g l i ch k e i i inne­rer Wirren für den Fall leugnen, daß ba§ Reichstagswahlrecht beseitigt würde. So wenig auf die Phrasen zwischen fozialdemokratischei: Führern zu geben ist, so darf mau doch nicht vergessen, daß man es am letzten Ende mitb e- tcr ten und verhetzten Massen zu tun hat. Diejenigen, die leichthin von der Ab­schaffung des allgemeinen Wahlrechts reden, soll­ten au§ den Debatten in Jena wenigstens die Lehre ziehen, daß sie mit ihrem Verfahren nur der Sozialdemokratie nützen.

Nachdem Bebel es fertig gebracht hatte, die „Genossen" in Jena in dem Gedanken an eine veritable Revolution zu einen, war es eigentlich ein Kinderspiel, die Vertuschungs-Komö­die hinsichtlich der noch ausstehenden Entschei­dungen zuEnde zu führen. Die Arbeit der „O r- g a n i s a t i o n s - Kommission" wurde nach kurzer Debatte angenommen, unb das Ergeb­nis der „Spezial-Kommission" für den Streit zwischen Dl e h r i n g und dem „V o r w ä r t s" erhielt fast unbesehen die Sanktion des Partei­tags. Die Kommission hat natürlich beiden Seiten teils Recht, teils Unrecht gegeben, Recht in der Sache, soweit es sich um das Streben handelte, prinzipielle Fragen zu diskutieren, Un­recht in der Form der geführten Polemik. Damit war alles begraben, was die „feindlichen Brü­der" in wochenlanger Fehde gesündigt.

Die „Genossen" werden sich dieses „Erfol­ges" freuen. Sie haben auch allen Grund dazu, denn auf diese Weise ist es gelungen, die Risse in der sozialdemokratischen Partei zu verdecken. Wenigstens vorläufig. Nur soll die Sozialdemo-

feinbfeligen: Verhältnisse stand, so waren doch unsere gegenfehigen Beziehungen zu einander sehr kalt und fremd. Daß meine Mutter mir sehr gleichgiltig war, läßt sich leicht begreifen.

„Als ich zum Jüngling berangewachfen war, fühlte ich noch mehr, wie grausam nach meiner Ansicht das Schicksal mit mir gewesen war. Ich besaß eine lebhafte, glühende Phantasie; ich irrte beständig in einer Welt von Träumen, unerfütt- barer Hoffnungen und Wünsche umher. Mein einsames, eintöniges _2ebcn wurde mir zur Last; ich machte oft weite Spaziergänge und Ausflüge, indem ich in den körperlichen Strapazen ein Heil­mittel gegen, die unruhige Tätigkeit meines Gei­stes zu finden hoffte.

„Meine Mutter führte Regina in aller Form in die Gesellschaft ein; ich wußte, daß sie glänzen­der Erfolge gewiß sein konnte; mich einzuladen, sie zu begleite^ kam niemanden in den Sinn. Welche Figur wurde ich auch in einem glänzenden Salon dargestellt haben? Der Stolz meiner Mut­ter hinderte sie, einen Sohn dort einzuführen, der von der Natur so mißgestaltet geschaffen war.

„Bald sah sich Regina von einer Schar von Anbetern umschwärmt, — ihre Wahl fiel auf einen Advokaten von hervorragender Begabung.

„Man ließ durchblicken, daß meine Gegenwart bei der Hochzeit meiner Schwester der letzteren und meiner Mutter nicht sehr angenehm fein würde. Hebrigens trug ich auch fein besonderes Verlangen darnach, hierbei gegenwärtig zu fein, denn die Eifersucht, welche Regina in mir schon erweckt hatte, als ich noch ein Kind war, war nur gewachsen, und der Anblick ihres großen Glückes hätte mich aufs tödlichste verletzt.

„Inzwischen mußten meine sogenannten Stu­dien einmal ihr Ende haben. Niemand dachte daran, mir vorzuschlagen, irgend welche bestimmte Karriere einzuschlagen, und ich selbst kam um so weniger auf diesen Gedanken, als mein Vermögen mich hierzu durchaus nicht nötigte und mir er­laubte, ohne besondere Beschäftigung zu leben. Uebrigens fürchtete ich auch, mitten m jene lot-

fratie in. Zukunft nie mehr das Wort hören lassen, daß sie ihre Angelegenheiten im Lichte der Öffentlichkeit verhandele.

Deutsches Leich.

Berlin, den 24. September 1905.

* Die Beförderung des Kronprinzeu zum Majo r wird, wie man nach der „Nationalztg." in militärischen Kreisen anmmmt, noch in diesem Monat, und zwar zum Schluffe des Manövers des Gardekorps, zugleich mit dein großen Avan­cement stattfinden, das stets zu diesem Zeitpimkt zu geschehen Pflegt. Der Kroirprinz wird, so nimmt man an, dann vom 1. Garde-Regiment zu Fuß in das Regiment der G ard edu- ko r p s versetzt werden, um wahrscheinlich später als Konunandeur an dessen Spitze zu treten.

% Die ,Norddeutsche Allgemeine Zeitung^ bespricht in ihren „Rückblicken" auch das Ergebnis der Reichsersatzwahl in Essen. Das offiziöse Blatt bemerkt am Schluffe seiner Ausführungen, es sei „ein einfaches Gebot der Selbsterhastung für die bürgert Parteien, ein» mutig für den Zentr ums fand idaten einzutreten eingedenk der provozierenden An­griffe, die auch auf dem diesjährigen sozialdemo- kratischen Parteitage der sozialdemokratische Führer Bebel gegen das gesamte Bürgertum als die eine reaktionäre Masse geschleudert hat." Die ,Nordd. Allg. Ztg/ schließt ihre Aussührungen mit fol­genden Worten: „Nicht blos darum handelt es sich, der Sozialdemokratie überhaupt den von ihr erhofften Sieg zu entreißen, sondern auch darum, die Scharte vom 19, Sept, nach Möglichkeit wieder auszuwetzen und den Stichwahllag zu einer imposanten Demonstration des geeinten Bürgertums gegenüber der immer übermütiger sich ausspielenden Sozialdemokratie zu gestalten."

** Dem »Reichs- und Staatsanz/ zu­folge hat der Justizminister durch eine Verfügung vom 17. d. M. betr. die Auslieferung aus den Philippinen bekannt gegeben, daß die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika die von ihr in den Jahren 1852, 1853 und 1857 mit Preußen unb anderen deutschen Staaten ab­geschlossenen Verträge für die Philippinen für anwendbar erachtet. Auf Grund des Ausliefe- rungs,-Vertrages zwischen Preußen und anderen Staaten des deutschen Bundes einerseits unb den Vereinigten Staaten anbererseits vom 16. Juni 1852 nebst Abbitional-Arttkel vom 16. November 1852 wird sonach die Festnahme und Ausliefe­rung von Personen, die nach diesem Vertrage aus den Vereinigten Staaten auszuliesern sind, auch auf den Philippinen herbeigesührt werden können.

/ Die ,Vossische Zeitung' läßt sich aus Effen melden: „Die internationale Bohrgesell­schaft hat wiederum mehrere Grubenfelder ver- kauft, und zwar für 100 Millionen Mark. Von den Feldern liegen 12 im westfälischen und 2 in: Wurmrevier. Unter den Grubenfeldern be­finden sich auch einige, in denen Kali gefunden wirb, unb zwar in den Bezirken Hannover und Halle. Im Norden unb Osten des Ruhrreviers ist die Gesellschaft dieser Tage neuerdings auf Kohlen gestoßen.

ca. „Ein rebellischer Bischof." Unter dieser Spitzmarke berichteten kirchenfeindliche Blätter,

mende, geräuschvolle Gesellschaft von Studenten zu kommen, die mich jedenfalls zur Zielscheibe ihres Witzes und Spottes bald würden ausersehen haben. Um also der mich verzehrenden Lange­weile einigermaßen zu entrinnen, verfiel ich auf den Ausweg, eilte weite Reise zu unternehmen. Meine MMter war mit diesem meinem Plane vollständig einverstanden; daß unser Abschied von einander sehr kalt uni) frostig war, brauche ich nicht erst zu versichern.

„Großbritannien war das Land, welches ich zunächst keimen zu lernen sehnlichst wünschte. Vorerst ging ich nach London, woselbst ich mich mehrere Monate lang aufhielt und alle Merk­würdigkeiten und Sehenswürdigkeiten der gro­ßen Stadt in Augenschein nahm. Sodann lenkte ich meine Schritte nach Schottland, welches ich nach allen Richtungen durchstreifte. Diese länd­lichen, wilden Gegenden übten auf mich einen größeren Reiz aus als die herrlichste, reizendste Landschaft. Ich lebte einige Zeit unter diesen einfachen Bergbewohnern mit ihren patriarcha­lischen Sitten und Gebräuchen unb ihrem eigen­artigen, malerischen Kostüm. Ich befand ein be­sonderes Vergnügen daran, ihre düstern Legenden zu sammeln, welche sich hier vom Vater auf den Sohn forterben. Die mannigfaltigen Landschaf­ten, das Neue und Ungewohnte bot meinem Geiste zwar eine gewisse Zerstreuung; aber im Grunde genommen, war und blieb ich dennoch in meinem Herzen düster und traurig gestimmt. Schließlich wurde ich des Uncherfchweisens müde und nach einjähriger Abwesenheit kehrte ich wieder nach Orleans zurück, blieb dort mehrere Monate unb reifte alsdann nach Deutschland, dessen haupt­sächlichste Sehenswürdigkeiten ich gleichfalls in Augenschein nahm.

„Bei meiner Rückkehr nach Frankreich fand ich meine Mutter schwer erkrankt vor. Ein Uebel verzehrte sie, dessen Herannahen sie seit langer Zeit gespürt hatte, dessen Symptome indeß an­fänglich wenig beunruhigend erschienen waren. Da sie ihr größtes Vergnügen in den rauschenden