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Sotatiourdruck u. Verlag dtr Knldaer A» tiendrnckerei in Fulda. Zernsprecher Nr. 9.

ja 218.

Fulda, Samstag, den 23. September 1905.

Krstes Wtatt.

Die vertuschungskommisfion in Jena.

Die Sozialdemokratie ist, wie die Genossen behaupten, die Partei der absoluten Oeffentlichkeit; keine andere Partei kann es sich so wie die Sozialdemokratie erlauben, die Meinungsverschiedenheiten unter ihren Anhängern im dollste» Lichte der Oeffentlichkeit zur Ent» scheibnng zu bringen. Diese stehenden Phrasen der sozialdemokratischen Presse sind auch vor dem Parteitag in Jena auf sozialdemokratischer Seite wirklich zur Anwendung gelangt. Niemals aber sind sie auch so arg Lügen gestraft worden, alr gerade jetzt in Jena. Man geht keineswegs zu weit, wenn man den ganzen sozialdemokra­tischen Parteitag als eine große „Ver­tuschungskommission" bezeichnet.

Mit einer „S p e z i a l k o m m i s s i o n" für die Untersuchung des „Literaten- g e 8 ä n f 8", des Streites zwischen Mehring und dem „Vorwärts" fing der Humbug an. Schon vor der ersten Parteitagssitzung hatte sich ein hauptsächlich aus Berliner und Leipziger „Ge­nossen" zusammengesetzter „Wohlfahrtsausschuß" gebildet, der sich die Vermeidung einer Wieder­holung des Dresdener „Jungbrunnens" zur Auf­gabe stellte. Dieser Ausschuß brachte dann vor der Erörterung des „Parteiberichts" den Antrag ein, die Zeitungsstreitigkeiten auszuscheiden und einer besonderen Kommission zu überweisen. Die­ser Antrag fand einstinimige Annahme, und so haben Mehring und Eisner nur Gelegenheit, hinter geschlossenen Türen einander abzutun oder — sich zu vertragen. Das Letztere ist das Wahr­scheinliche, und die Kommission wird eine Kom­promißresolution Vorschlägen, die von den zur Abreise rüstenden Parteitags-Delegierten wohl ziemlich unbesehen gutgeheißen werden wird. Das nennt man dann Verhandlungen in „vollster Oeffentlichkeit I"

Nicht anders ist das Verfahren gegenüber der O r g a n i s a t i o n s f r a g e. Die Verband- lungen darüber, so uninteressant sie waren, ließen doch erkennen, daß auch hier starke Meinungsver­schiedenheiten obwalteten, in welchen Mißstim­mung gegen die sozialdemokratischen Parlamen- tarüe^Eifersucht zwischen verschiedenen Partei-

„ "l^fragen und andere edle Motive eine MokrW^^L Da man fürchten mutzte, datz diese Motive^vS^iner auSgiebigen Debatte allzu deut­lich eni Tageslicht treten würden, machte man nach einigen belanglosen Auseinandersetzungen Schluß und überwies die ganze Frage mit allem Drum und Dran von Anträgen und Resolutionen einer „Organisationskommission" mit dem Auf­trage, einen annehmbaren Entwurf zurecht zu schneiden. Wenn diese Kommission gesprochen Hat, wird schwerlich noch jemand wagen, die „Einigkeit" zu stören. Alle Meinungsverschieden­heiten sind dann beglichen, — natürlich im Lichte der „dollsten Oeffentlichkeit."

DaS geschickteste Vertuschungsmanöver aber hat Ulan in Jena in Sachen der Gewerkschaf­ten und ihrer Stellung zur politischen Sozial­demokratie ausgeführt. Die Frage des Ver­hältnisses der Gewerkschaften zur Partei ist ohne Zweifel die heikelste, welche augenblicklich für die Sozialdemokratie existiert. Sie ist zudem eine Frage, welche der Partei „an die Nieren geht", denn die Gewerkschaften ver­fügen nicht nur über 1*4 Million organisierter „Genossen", sondern auch über „höllisch viel Geld". Seitdem die Gewerkschaften groß geworden sind, regt sich bei ihnen aber auch das Bestreben, ein stärkeres Matz von Einfluß auf die Partei zu

sw« verpotzene.

Bon B» Nottret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

B1 (Nachdruck verboten.)

4. Kapitel.

DaS Gegenbild.

, Michael hatte alle feine Erlebnisie in einem wich' aufrichtigen Tone erzählt, daß an der Wahr- bett seiner Worte nicht zu zweifeln war, anderer- seits hatte Herr Demeric mit der größten Auf- rnerksamkett und unter dem größten Erstaunen Mgehört, denn was er da soeben vernommen, daS ivar für ihn etwas ganz neues und seltsames.

Demeric besaß von Hause aus einen ernsten, besonnenen Charakter: er war viel gereist, hatte viel beobachtet, und die Menschen waren ihm stets Möglichst ungünstigen Lichte erschienen.

S7,l»«e er geahnt, daß es noch solch' edle er sie Gesinnungen geben könne, wie

Mickae? Ä kennen lernen.

die er mit Mühe^^ wenigen Ersparnisse, Krau xu untornf;^ l oJ.ben'. verwendet, um eine hatte, ihrem Kinde verschmäht

seiner Arbeit xuont^ / das ganze Ertragnis fdncn nfloa für ihn kommen, und obendrein schien des alles für ihn etue Quelle großer Freude

Trotz der Enttäuschungen, welcbe er ersabren hatte er schließlich seine Seelen^he aesimden' er schien glücklich und zufrieden zu sein trotz seiner bescheidenen Stellung, und er, Demeric hatte ver- gebens em wenig Glück unter den verschiedenen Himmelsstrichen gesucht! Ueberall hatte er nur ^terkeit und Enttäuschungen gefunden; eiaent-

Sufriebeiifjeit hatte er auch nicht einen ein» ^"üenblick gekostet, und doch hatte er Gold feinen imvr sein, eigener freier Hrer und brauchte Ur ,;en vicht vor einem anderen zu beugen, horfunrln s bQä Haupt und saß in tiefe Gedanken Lösung bü' °k!enbar suchte er dieses Rätsels

gewinnen, namentlich in wirtschafttichen Fragen. Sie wollen nicht mehr bloß „Vorspann" sein, son- dern selbst die Zügel mit in die Hand nehmen.

Der Kampf zwischen den sozialdeinokratischen Gewerkschaften und der politischen Sozialdemo­kratie zieht sich nun schon etliche Jahre hin, und verschiedene Parteitage haben sich mit der Rege­lung des Verhältnisses dieser beiden Faktoren zu einander beschäftigt. So oft man auch verkündet hat, Sozialdemokratie und Gewerkschaften sind eins, — immer wieder tritt der Gegensatz zwischen den beiden in die Erscheinung. Dieser Gegensatz liegt eben im Wesen der beiden Faktoren begrün­det. Während die Gewerkschaften eine praktische Sozialpolittk treiben wollen zur tatsächlichen Auf- besserung der Lage der Arbeiter, legt die politische Partei das Schwergewicht in die „Proletarisie- rnng der Massen" und ihre Verwendung zu poli­tischen Zwecken. Praktiker und Theoretiker stehen sich gegenüber. Ist man auf Seiten der letzteren doch so weit gegangen, zu erklären, das Streben der Gelverkschaften nach Verbesserung der Lage der Arbeiter verlängere die Existenz des bürger­lichen Staates und sei unsozialistisch. Die poli­tische Sozialdemokratie hat denn auch die ver­schiedensten Versuche gemacht, die Gelverkschaften unter ihr Joch zu zwingen. Ihr Hauptmittel ist die Maifeier. Sie verlangt von den Gewerkschaf­ten nicht nur eine stärkere Beteiligung daran, sondern mutet auch den gewerkschaftlichen Kassen zu, die Kosten für die etwaigen Folgen der Mai­feier, für Streiks und Aussperrungen, zu tragen. Dazu ist bei den Gewerkschaften aber nur sehr wenig Neigung vorhanden.

In Jena lag nun ein Antrag von gewerk­schaftlicher Seite vor, den Gewerkschaften eine 51 r t Gleichberechtigung mit der Partei in wirtschaftlichen Fragen einzuräumen und zu dem Zwecke eine dauernde Verbindung zwischen Generalkommission und Parteivorstand zu schaffen. Dieser Antrag mußte die ganze Streitfrage aufrollen. Der oben erwähnte gewerk­schaftliche Antrag aber, der die ganze „Streit­frage" aufrollen mußte, wurde dem Parteivor- ftand überwiesen.

Auf diesem Wege ging man einer Entscheidung über den Kernpunkt des Streites zwischen Partei und Gewerkschaften aus dem Wege und man brachte es fertig, den Gewerkschaftsvertretern selbst ben Versuch einer Verteidigung gegen die auf die Gewerkschaften gerichteten .Angrick-^'S» Vorwurf zu machen. In dieser Sache zergre sich demnach daS Plenum des Parteitags als „Ver- tuschungskommission", natürlich im Lichte der Oeffentlichkeit".

Deutscher Reich.

Berlin, den 22. September 1905.

* Der neugebildetcn Regierung in Allen- stein sind, wie der,Staatsanzeiger^ heute abend amtlich mitteilt, nachstehende höhere Beamte der allgemeinen Staatsverwaltung zugeteilt worden: Regierungspräsident: Hegel, Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat. Oberregierungsräte: Jach­mann, Stellvertreter des Regierungspräsidenten in Fällen der Behinderung. Reubaur, Dirigent Finanzabteilung, du Vinage, Dirigent der Kirchen- und Schulabteilung. Verwaltungs­gerichtsdirektor: Dr. Jmmich. Regierungsräte: Dr. Seidel, von Queis, Friedrich, Forstreuter, Grünewald, Listemann, von Pirch, Dr. Rocholl, Dr. Bartels und Jlliger. Regierungsassessoren: Dr. Höhnen, Dr. Schmieder, Dr. Hasenclever, Hertz, Dr. Lehseldt und Quellmalz.

Plötzlich fuhr er aus seinem Brüten aus, als ob er nicht länger die Bitterkeit tragen könne, welche sein Herz erfüllte.

„Michael," sagte er dann, „Du hast mir Deine Lebensschicksale getreulich offenbart: nun, auch ich will vor Dir meine Vergangenheit ausbreiten, und Du wirst sehen, ob ich Veranlassung habe, düster und griesgrämig zu fein und über das Los zu klagen, das mir zugesallen ist.

„Wie ich Dir bereits gesagt habe, hat ein menschliches Wesen für mich niemals einen Blick oder ein Wort der Teilnahme gehabt. Meine Mut­ter haßte mich, und ich haßte sie. Es war nickst, wie die Deinige, eine Frau aus dem Volke, eine einfache, schlichte Arbeiterin: es war eine vor­nehme Dame, die beständig mit ihrer Toilette be­schäftigt war und nur in allen Salons zu glän­zen suchte.

„Als ich das Licht der Welt erblickte, besaß sie bereits ein kleines Töchterchen, das einige Jahre alt war; es hieß Regina, und auf seine anmutige Schönheit war meine Mutter nicht weng stolz. Dessen ungeachtet wurde meine Geburt mit Freu­den begrüßt, denn meine Eltern waren glücklich, jetzt einen Sohn, einen Erben ihres Namens zu besitzen.

„Mein Vater war einer der reichsten Ban- quiers von Orleans, und schon erblickte er in mir seinen Nachfolger.

„Anfangs war ich kräftig und stark wie die andern Kinder, aber meine Mutter, die nur auf ihr Vergnügen bedacht war, überließ mich der Sorge bezahlter Leute, die nicht immer aus mich die Aufmerksamkeit verwendeten, die sie hätten ver­wenden füllen. Ein Fall, welchen ich tat, als ich etwa vier Jahre alt sein mochte, machte mich zum elenden Krüppel und entschied über mein Schicksal.

„Als meine Mutter sah, daß ich zeitlebens ungestaltet bleiben würde, geriet sie in helle Ver­zweiflung, und mehr als einmal hörte ich sie ans- rufen: „Besser wäre er gestorben, als in dieser Weise mißgestaltet zu werden!"

„Das einzige Gefühl, was sie kannte, war nicht

* Zur Fürsorge-Erziehung macht der Mini­ster des Innern in einem Erlasse bekannt, er habe aus den Zahlen-Zusammenstellungen der Besserung- - Anstalten entnommen, daß die An­ordnungen im Abschnitte 2 Absatz 9 der zum Fürsorge - Erziehungs - Gesetze erlasienen Ausfüh- rungs - Bestimmungen vom Jahre 1900 noch nicht überall die Beachtung gefunden haben, die sie im allgemeinen staatlichm Interesse und im Interesse der betreffenben Jugendlichen erfordern. Es muß mit allen Mitteln danach gestrebt werden. Minderjährige der darin bezeich­neten Art vor weiterem Verderben zu schützen und möglichst noch zu brauchbaren Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. Sie muffen deshalb, wenn es irgendwie angeht, vor dem Makel bewahrt bleiben, der ihnen durch die Un­terbringung in einem Arbeitshause droht, und der für ihr späteres Leben in sozialer und wirt­schaftlicher Beziehung erhebliche Gefahren und Nachteile in sich birgt. Bei solchen Minderjäh­rigen soll daher zunächst versucht werden, sie in einer Erziehungs- und Besserungs - Anstalt oder in einem Asyl unterzubringen. Ist das nicht möglich, so sind die zuständigen Behörden aryu- weisen, Antrag auf Fürsorge-Erziehung zu stellen. Die Ober-Rechnungskammer hat beschlossen, die Uebernahme der Ko st en, welche durch die lieber» führung minderjähriger, zur Ueberweisung an die Landespolizei-Behörde verurteilter Personen unter 18 Jahren in eine Erziehungs- oder Besserungs- Anstalt oder in ein Asyl entstehen, bei sonst kosten­freier Unterbringung, auf die Staatskasse bis auf weiteres nicht zu beanstanden.

* Im Reichstagswahlkreise Essen haben die Polen beschlossen, in der Stichwahl gegen das Zentrum, also für den Sozialdemokraten zu stimmen. Die nationalliberale Presse fordert die Wähler Dr. Niemeyers auf, mmmehr für den bürgerlichen Kandidaten gegen den Sozialdemo­kraten zu stimmen.

* Der Parteitag der freisinnigen Bolks- partei ist heute in Wiesbaden zusammen­getreten. Seine Verhandlungen sollen bis Montag dauern. Abg. Eugen Richter kann dem Pariei- tage zum ersten Male nicht beiwohnen. Seit mehr als einem Menschenalter, seit er an die ■ ^Spitze der alten Fortschrittspanei nat, war Eugen Richter auf jedem allgemeinen Parteitage der Linksliberalen; niemals insbesondere fehlte er bisher auf einem Parteitage der Freisinnigen Volkspartei. Auch dem Wiesbadener Parteitage würde er, schreibt die ,Fr. D. Pr/, in keinem 1 Falle sernbleiden, wenn er nicht noch auf fein Augenleiden größte Rücksicht nehmen müßte, um im Winker wieder in den Parlamenten tätig sein zu können.

* Die gestrige Verhandlung im Handels­ministerium über die Beteiligung des Staates an den Kohlenfeldern der internationalen Bohrgesellschaft und die damit zusammen­hängenden Fragen trug den .Berliner Neuesten Nachrichtewzufolqereininfonriatori'chenCharakter. Wie das Matt erfährt, steht der Handelsminister auf dem Standpunkt, daß die vorliegenden vier Kernfragen nur int Zusammenhänge gelöst werden können: 1) Beteiligung des Fiskus an der Rheinisch - Westfälischen Bergwerksgeiellschast m. b. H., 2) vollständiae Verstaatlichung der „Hibernia", 3) Eintritt der fiskalischen Zeche „Gladbeck" in das Ko'ckeniyndikat und in enger Verbindung damit, 4) die Schaffung von Garan­

der Gedanke an mein Unglück, sondern vielmehr die Besorgnis, ihre Eigenliebe in Zukunft verletzt zu sehen.

„Weltlich gesinnte und vergnügnngs- und putz- süchtige Frauen bildeten die Umgebung meiner Mutter; sie sah voraus, daß ich in einem solchen Kreise der Gegenstand des Witzes und Spottes sein würde, und so sann sie nur darauf, wie sie mich niöglichst fern von sich halten könne. Auch wollte sie ihre Vergniignnaen und Zerstreuungen nicht entbehren, und das Erscheinen eines armen, unglücklichen und leidenden Kindes w>"rde ja in den eleganten, kostbar gefckmtückten Rämnen, in welchen fast unaufhörlich Feste und fröhliche Ge­sellschaften abwechselten, unangenehm beriihrt haben1 • ,

„Unter dem Dorgeben, daß meine Gesundheit der frischen, stärkenden Luft bedürfe, schickte sie mich auf ein Landhaus, das ihr gehörte und wel­ches bei dem Torfe Verfeuil, einige Meilen von Orleans entfernt, lag.

„Meine Eltern sah ich dort sehr selten, und ich ivar und blieb einer Dame Namens Hartfels an- vertraut, die ihrem Namen alle Ehre machte, denn sie war in der Tat trocken und hart.

„Mein Vater gehörte zu jener Klaffe von Leu­ten, die nur Vergnügen und Geschäfte kennen. Einerseits nahmen die letzteren, und zwar groß­artige Unternehmungen, ihn in Anfpprnch, an­dererseits benutzte er die ihm verbleibende freie Zeit meist zu seinem Vergnügen und kümmerte sich im übrigen um das, was in seiner Familie vor­ging, gar nicht. Jedenfalls war er, was mich an­betraf, mit meiner Mutter einer und derselben Ansicht. So lange ich gesund und kräftig gebaut Ivar, hatte er auf mich mit Freude gesehen, da er auf mich feine schönsten Hoffnungen gebaut hatte. Seitdem ich zpdoch mißgestaltet geworden war, be­rührte ihn mein Blick unangenehm, er kümmerte sich kaum mehr um mich und sah mich lieber nicht in seine Nähe kommen. So wurde mir denn seiner­seits in der Folge kaum je ein sanftes liebendes Wort zuteil.

32. Jahrgang

tien durch das Syndikat gegen eine Erschütte­rung seiner Grundlagen durch größere, künftig mögliche Entwicklung der Hüttenzechenfrage.

♦* Die überseeische Auswanderung aus dem deutschen Reiche überstieg im August d. I. die vorjährige Höhe nicht unwefenttich. Es wanderten über deutsche Häsen 2224 Deutsche aus gegen 1904 im Vorjahre, also jetzt 320 oder 17 v. H. mehr. Von ihnen gingen 1491 (1904 1234) über Bremen und 733 (670) über Hamburg. Ue&er fremde Häfen sind, soweit bisher ermittelt, 425 Deutsche ausgewandert gegen 424 im August 1904; doch wird sich bei enbgiltiger Feststellung bte biesjährige Zahl noch um 100 erhöhen, so daß bie gesamte Auswanderung aus Deutschlanb etwa 2760 Personen umfaßt haben wirb gegen 2328 im Vorjahre. Seit Beginn bes laufenden Jahres bis Enbe August sinb über beutsche Häfen 14796 Deutsche ausgewanbert gegen 15474 im gleichen Zeitraum bes Vorjahres; bavon gingen 10150 (1904 9864) über Bremen unb 4646 (5610) über Hamburg, lieber frembe Häsen sinb, foweit von Monat zu Monat ermittelt, 3141 Deutsche ausgewanbert gegen 3917 im Vorjahre. Bei enbgiltiger Feststellung wirb sich bie dies­jährige Zahl aber auf etwa 4250 erhöhen, so baß bie gesamte Answanberung ber ersten acht Monate bs. Js. runb 19050 Personen umfaßt haben wirb gegen 19391 im gleichen Zeitraum bes Vorjahres. Außerben deutschenAuswanberem sinb über beutsche Häfen im August b. I. noch 16877 (1904 >2711) Angehörige frember Staaten beförbert, barunter 9082 (8077) über Bremen unb 7795 (4634) über Hamburg. In ben ersten 8 Monaten ds. Js. sinb über beutsche Häfen 217990 frembe Auswanderer befördert gegen 139648 im Vorjahre, darunter 131669 (72658) über Bremen unb 86321 (66990) über Ham­burg. In ben nächsten Monaten wirb bie Be- sörberung frember Auswanberer über beutsche Häsen infolge ber Kontrollmaßregeln, betreffenb bie Cholera, vermutlich stark abnehmen. Immer­hin wirb bie biesjährige Answanberung über Bremen unb Hamburg wesentlich über ber vorjährigen,liegen, ba schon jetzt bieZiffer bes gesamten vorigen Jahres nahezu er­reicht ist.

* Neue Verluste i» Sttdwestafrika. Ein Telegramm ausWinbhuk meldet: Am 13. Sept. 1905 im Gefecht bei Nuhib, westlich Haruchas, verwundet: Reiter Waldemar Lietzau, gejoren am 22. Juli 1882 zu Lamenstein, früher im Pionier-Bataillon 9ir. 2, schwer; Reiter Albert Glänzel, geboren am 23. Februar 1883^u Dresden, früher im Inf an! er i e-Negim ent Nr. 92; leicht, Reiter Adam Guthier, geboren am 11. März 1882 zu Lampertheim, früher im Feldartillene- Regiment Nr. 51; leicht. —, Ein Telegramm aus Buea (K a m e r u n) meldet: Oberleutnant Martin Sandrock, geboren am 2. Januar 1870 zu Neumarkt, früher im Infanterie-Regi­ment Nr. 154, wurde am 21. August b. Js. in einem Gefecht fchwer verwunbet unb ist am 6. Sepwmber in Maffanga bcr Verwunbung erlegen. — Zahlmeister Beyer in berSchutz­truppe in Südwestafrika, ber an Lungenentzun- bung unb Gehirnerweichung erkrankt war, ist am 17. September in Schöneberg bei Berlin in ber Maison be Santo an Herzschwäche ge­storben. — Di e Gesamtverluste ber beutschen Truppen in Sübwestafrika

„Fräulein Hartfels vehandelte mich sehr streng, da sie mich stets als ein wildes, unbändiges Kind ansah, was ich allerdings damals zumteil wenig­stens war.

„Schon damals begriff ich, daß man mich viel­fach wenigstens ungerecht behandele, daß ich das Opfer einer schmählichen Ungerechtigkeit sei, und diese Ueberzeugung konnte in mir kaum anderes als eine bittere, rachsüchtige Stimmung erzeugen.

„Regina, meine Schwester, wuchs und blühte wie eine herrliche Blume heran; sie wurde ge­feiert, gelobt, und es regnete Schmeicheleien aller Art auf sie herab. Ich befand mich einsam unb verlassen, ihr allein wurden Liebenswürdigkeiten in Wort und Tat, in Hülle und Fülle zuteil.

„Ihr Anblick reichte infolgedessen hin, um in meiner Seele die Eifersucht und den Zorn bis zu hellen Flammen anzufachen. Sie war sich ihrer Ueberlegenheit über mich bewußt und verfehlte des­halb denn auch nicht, wenn sie einmal mit meinen Eltern nach Verfeuil kam, mich mit einer Gering­schätzung und Wegwerfung zu behandeln, die mich bitterböse machte. Ost wollte ich mich tätlich für diese Selbstüberhebung, mit welcher sie mir gegen­über auf trat, rächen; dann aber floh sie zu unserer Mutter, um sich bei ihr über mich zu beklagen. „Ja", pflegte die letztere dann zu sagen, „dieser böse Knabe wird mir niemals etwas anderes als Kummer und Verdruß machen." Bösel Freilich war ich es damals, denn in meinem Herzen war nur Bitterkeit und Groll; wäre meine Erziehung in anderer Weise geleitet worden, dann wäre es anders gewesen. Alsdann wäre auch ich, gleich anderen für die Annehmlichkeiten des Umganges mit Freunden, für edle, hochherzige Regungen zugänglich und empfänglich gewesen; jetzt aber, da ich von allen Seiten verachtet und verstoßen war, konnte ich als Grund und Zweck meines ganzen Tuns und Lassens kaum etwas anderes kennen, als mein eigenes Ich, als die Sucht nach Vergnügen, als die Furcht, und so ließ ich den Wallungen meines zornigen, ausbrausenden Eho- rakters freien Lauf. (F. f-)