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«2. Jahrgang.

den 22. September 1905

Fulda

JA 217.

Swjeijen: vtt ef» fpaltigr prtttzeile »da der« Kaum IS Pf-. Htflamen die pelitzrU« 25 Ptg.; bei wirder- holungen wird tntfpr. Ha bart gewährt.

Deutsches Reich.

Berlin, den 21. September 1905.

** Der .Berliner Lokalanzeiger' ver­öffentlicht den Inhalt einer Unterredung, die einer seiner Mitarbeiter mit dem Handelsminister Möller gehabt hat. Hiernach äußerte sich der Minister, daß bezüglich eines eventuellen Beitritts des preußischen Fiskus zum Kohlensyndikat zur Zeit die ersten Besprechungen stattfinden und könne selbstverständlich von der Erzielung eines Ergebnisses überhaupt noch nicht die Rede sein. Dasselbe gelte von der Frage, ob und inwieweit sich der Fiskus am Felderbesitz der internationalen Bohrgesellschaft beteiligen solle. Bekanntlich sei dem Fiskus eine Beteiligung von 10 v. H. an­geboten und die Einräumung einer höheren Quote scheine nicht ausgeschlossen zu sein. Der Minister als solcher habe sich mit dieser Frage überhaupt noch nicht besaßt, sondern es fänden zur Zeit unverbindliche Besprechungen von Räten des Handelsministeriums mit einem Vertreter der internationalen Bohrgesellschaft statt, die erst eine Klärung der Sachlage schaffen und die grund­legenden Fragen erörtern sollten. Von der Fest­setzung einer Beteiligungsziffer des Staats könne also auch hier noch keine Rede sein. In der Hibernia-Angelegenheit sei ein neues Stadium nicht eingetreten, doch sei ein FriedenSbedürsnis unbestreitbar. Bei allen diesen Fragen gebe es Leute an der Börse, die Gerüchte gewerbsmäßig verbreiteten, um sie später als Tatsachen zu ver­werten, gleichviel ob sie begründet seien oder nicht. Im Verlauf der Unterredung bezeichnete der Minister das Gerücht von seinem Rücktritt als müßiges Geschwätz. Von einer Amtsmüdig­keit seinerseits sei absolut nicht die Rede; erhübe natürlich keine Lust, sich im Dienst zu verschleißen; doch das könne er wohl sagen, daß es wohl niemals eine Zeit gegeben habe, in der es ihm fern ge­legen habe, vom Amt zuröckzutreten, als es die jetzige sei. — Auch die ,Vossische Zeitung' bringt ähnliche Auslassungen, j>on denen sie sagt, daß

das der Kandidat der „nationalen" Parteien über die Sozialdemokratie, diesen „gemeinsamen Feind" gefällt hat, und an das n a ch der Verkün­digung des Wahlergebnisses von ihm abgelegte Gelöbnis, weiter zu arbeiten „in der Pflege vaterländischer Gesinnung". Die Probe auf dieses Versprechen muß der Stichwahl­tag bringen.

Wir wüßten nicht, welche Gründ« die „nationalen" Parteien anführen könnten, um ein Beiseitestehen am Stichwahltage oder gar ein Eintreten für die Sozialdemokra­ten zu rechtfertigen. Mag der verflossene Wahlkampf auch mit Schärfe geführt worden sein, die Gegensätze müßen verschwinden gegenüber der Aufgabe, zu verhindern, daß die Sozi- aldemokratie in Esten das Mandat erringt. Was von „gehässiger Kampfweise" des Zentrums geredet wird, ist Fabel. Gerade das Zentrum ist bemüht gewesen, den Kampf mit den Gegnern in würdiger Weise zu führen. An diesen Nagel könnten die „nationalen" Wähler eine etwaige Weigerung, in der Stichwahl für daS Zentrum einzutreten, unter keinen Umständen aufhängen. Vorläufig wird man auch wohl die Hoffnung hegen können, daß die bürgerlichen Par­teien geschlossen das Zentrum am Stichwahltage unterstützen. Geschieht das nicht, so sprechen diese bürgerlichen Parteien sich selbst das Urteil.

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sie „an erster Stelle" geschöpft seien, die also auch wohl direkt auf den Handelsminister zurück­zuführen find.

* Die englische Unglücksmeldung aus Deutsch-Südwestafrika, nach welcher die Witboi im Rücken der deutschen Truppen ein« ge- waltige Wagenburg erbeutet und die Bedeckung niedergemetzelt hätten, scheint sich erfreulicher Weise nicht bestätigen zu sollen. Auch heute ist bei den amtlichen S ellen keinerlei Nachricht über einen solchen Vorgang eingetroffen, und man schenkt dem englischem Telegramm in politischen und militärischen Kreisen nicht den geringsten Glauben. Man vermutet, daß die Depesche eine aufgebauschte Wiedergabe der Nachricht von einem Uebersall auf einen Pferdeposten in der Nähe der Karrasberge ist. Dieser Vorgang fand am 15. d. M. statt. Deutscherseits fiel dabei ein Mann, und einer wurde verwundet. Die Kap- städter Meldung kann schon chrem Inhalt nach unmöglich zutreffen. Rechnen wir jeden der an- geblich von den Hottentotten erbeuteten 122 Wagen mit (mindestens) 20 Zugochsen bespannt, so kommen allein 2440 Zugtiere in Frage, die an den dortigen spärlichen Wafferstellen zu tränken absolut ausgeschloffen ist. Zudem würie die Länge eines solchen, sich langsam fortbe- wegenden Riesentransportes sich über eine ganz kolossale Wegstrecke «zirka 6000 Meter) hin aus­dehnen, die aber noch durch die niehr oder weniger großen Zwffchenräume zwischen den einzelnen Fahrzeugen erheblich verlängert würde.

Die Einnahmen der Preußisch- Hessischen Eisenbahngemeinschast belaufen sich für den Monat August: aus dem Personen, und Gepäckvertehr auf 48224 000 Mark (gegen das Vorjahr mehr 31910 '0 M.); aus dem Güterverkehr: 94532000 M. (gegen das Vorjahr mehr 6559000 M.); Emnahmm aus sonsugen Quellen betragen 8 588O0OM.; die Gesamteinnahme während des Monats August be- trägt demnach 151344000 M. (gegen das Vorjahr mehr 10177000 M.). In der Zeit vom 1. April bis Ende August 1905 betrugen die Ein­nahmen aus dem Personen- und Gepäck­verkehr: 230152 000 M. (gegen das Vorjahr mehr 15817 000 M.), aus dem Güterverkehr 438388000 M. (gegen das Vorjahr mehr 22 980000 M.s, aus sonstigen Quellen 39 489 000 Mark (gegen das Vorjahr mehr 1 835 000 M.); die Gefamteinnahme für die angegebene Zeit heträgt somit 708029000 M. (gegen das Vor­jahr mehr 40 632 000 M.). Die Einnahmen der Reichseisenbahn in Elsaß-Loth» ringen betragen für August aus dem Per- fonen» und Gepäckverkedr 2886000 M. (gegen das Vorjahr mehr 213000 M.), aus dem Güterverkehr 6278000 M. (gegen das Vorjahr mehr 403000 M), aus sonstigen Quellen 543 000 M. Gesamte nnahme: 9 687 000 Mark (gegen das Vorjahr mehr 659000 MO. Für die Zeit vom 1. April bis Ende August 1905 betrugen die Einnahmen: aus dem Per­sonenverkehr 11357 000 M. (gegen das Vorjahr mehr 738 000 3)1.), aus dem Güterverkehr 31 023 000 M. (gegen das Vorjahr mehr 1395000 M.), aus sonstigen Quellen 2619000 Mark (gegen das Vorjahr mehr 150 000 Mark). Gesamteinnahme 44 999 000 M. (gegen das Vor­jahr mehr 2283000 Markt.

* Denaturierung der Futtergerste. Am 1. März nächsten Jahres treten die neuen Han-

Sojialöemofrattfd)t und „nationale" Stimmen zur Essener Reichstagrwahl.

Daß die sozialdemokratische Presse angesichts des Ergebnisses des ersten Wahlganges in Essen -en Mund sehr voll nehmen würde, konnte man von vornherein als sicher voraussetzen. Auf sozial- demokratischer Seite wir- dann auch dreses Resul- tat nach dem Vorgänge Singer's auf dem Partei­tage in Jena förmlich als ein „Sieg" gefeiert. Ein wenig wirkt dabei zweifellos das Bestreben mitz durch eine möglichst glänzende Darstellung de- erzielten Erfolges vergessen zu machen, daß die Sozialdemokratie gehofft hat, nicht nur da- Zentrum auszustechen, sondern schon im ersten Wahlgange den Sieg an sich reißen zu können. Ter „Vorwärts" befindet sich augenscheinlich unter dem Druck der Enttäuschung, wenn er noch heute phantasiert, die Sozialdemokratie habe in Esten den Beweis geliefert, daß ihr kein politischer Gegner, auch das Zentrum nicht, gewachsen sei. Den Vorsprung von rund 7000 Stimmen, die der Zentrumskandidat vor dem Kandidaten der Sozialdemokratie hat, existiert für den „Vor­wärts" nicht. Dieser Vorsprung würde noch größer gewesen sein, wenn nicht ein Teil der Land­wirte sich der Wahl enthüllen hätte.

Flunkerte der „Vorwärts" so schon bei der Betrachtung des ziffernmäßigen Ergebnisses des Wahlganges vom 19. September, so tut er eS erst recht bei der Beurteilung der Gründe die­ses Ergebnisses. Er stellte die Dinge dabei ge­radezu auf den Kopf. Er behauptete, das An­wachsen des ZentruinS sei lediglich die Folge des Zuzuges von katholischen Arbeitern auS den „zu­rückgebliebensten" Gege: den, während die Sozial- demokratie ihren Aufschwung der „Aufklärungs­arbeit" verdanke, die sie unter den Arbeitern aus- geübt habe. Dem gegenüber ist zunächst bervoc- zuheben, daß nach den Feststellungen der „Essener Volkszeitung" im Wahlkreise Essen seit 1903 eine starke Verschiebung nach der kon­fessionellen Seite zu Ungunsten des katholischen Volksteiles einge- trcten ist. Wie es aber um die „Aufklärungs­arbeit" der Sozialdemokratie bestellt ist, hat der zu Ende gehende Wahlkampf zur Genüge gezeigt. Dir „Aufllärung"bestanü in der wüstesten Hetze ger^n das Zentrum, die mit den Mitteln der Ver- dnhung und Verleumdung geführt wurde. Diese -Hetze klingt sogar in den fetzigen Ausführungen des „Vorwärts" nach, in denen das alte Lied von „Verrat des Zentrum- an den Bergarbeitern" gesungen wird.

Ein Gutes muß der „Triumphgesang" der Sozialdemokratie über das Ergebnis des 19. Sep­tember unseres Erachtens mit sich bringen: er e-rnnert die bürgerlichen Parteien in kräftigster Weise an die P f l i ch t, die sie am Stichwahltage 5 erfüllen haben. Wir haben schon hervorge­ben, daß die leitenden Berliner Blätter der m Betracht kommenden Parteien, die „Kreuzztg.", die „Post" und die „Nationalztg." die Auffor- d e r u n g an die Wähler Dr. Niemeyers gerichtet haben, in der Sttchwahl fürdenZentrums- kandidaten einzutreten. Dieser Aufforde­rung haben sich andere Blätter der drei Parteien, u. a. auch die „Köln. Zeitung" angeschlossen. Um so mehr muß es auffallen, daß die „Rhein.-Wesft. Zeitung", das Essener nationalliberale Blatt,- noch keine klare Stellung zu dieser Angelegenheit ge­nommen hat. Das Blatt tritt zwar der Ansicht bei, daß die „nationalen" Parteien bei der Stich­wahl den Ausschlag geben, aber es sagt kein Wort darüber, nach welch er Richtung hin diese ausschlaggebende Stellung verwertet werden soll. Dieser zweifelhaften Haltung gegen- über ist es angezeigt, an das Urteil zu erinnern.

delsverträge in Kraft; dieselben bedingen eine un terschiütüche Zollbehandlung von Malzgerste und anderer Gerste. Dem Vernehmen der.Köln. VolkHtg.' nach sind bis heute endgütige Beschlüffe über die Art der Denaturierung von Futtergerste noch nicht gefaßt. Wahrscheinlich findet eine Maschine Verwendung, welche jedes Korn quer einschneidet. Die Steuerbehörde will solche Ma­schinen, deren jede etwa täglich 150 Tonnen leistet, an den Grenzorten aufstellen, dagegen die Aufstellung derselben an Binnenplätzen, die im Jntereffe des Handels notwendig ist, den Ge­meinden oder privaten Lagerhäusern fibeiloffen.

? Statistisches Warenverzeichnis. Das In­krafttreten des neuen Zolltarifs am 1. März 1906 macht die Aufstellung eines neuen Statistischen Warenverzeichniffes zu diesem Termine notwendig. Wie bekannt, ist der Entwurf hierzu nach An» hörung der Sachverständigen für die Wert­ermittelung schon sett Monaten im Kaiserlichen Statistischen Amte fertiggestellt. Durch die an­fangs Juli d. Js. erfolgte Veröffentlichung ist den beteiligten Kreisen Gelegenheit gegeben worden, ihre Wünsche zu äußern. Nachdem solche in großer Zahl eingegangen waren, hat im Laufe der letzten Woche, wie halbamtlich mitgeteilt wird, eine eingehende Beratung im Reichsamte des Innern stattgefunden. An der Hand des Ergebniffes dieser Beratung wird der Entwurf einer Umarbeitung im Kaiserlichen Statistischen Amte unterzogen werden; es ift zu hoffen, daß er noch vor Weihnachten dem Bun» desrate zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Wie bereits gemeldet, schließt sich der Entwurf der Nummernfolge des Zolltarifs an. Während das bisherige Warenverzeichnis etwa 1200 Nummer» unffaßte, muß das neue nicht unerheblich mehr, möglicherweise annähernd 2000 Nummern enthalten. Zur richtigen Anwendung des Statistischen Warenverzeichniffes wird ein alphabetisches Verzeichnis dienen, welches die einzelnen Waren nach ihren im Handel üblichen Bezeichnungen aufführt.

** Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' bezeichnet eine Mitteilung der,Tägl- Rundschau', die Staats­regierung plane, zum Zwecke der Beseitigung des Lehrermangels abgekürzte Seminar - Kurse zur Ausbildung von Lehrern einzurichten, die vor­nehmlich zur Besetzung von Stellen auf dem Lande bestimmt fein sollen, und eigene Seminare zu gründen, in denen nur Landlehrer ausgebildet würden, als „in allen ihren Teilen erfunden".

* Die Erhöhung der Brausteuer, die neben der Tabaksteuerei Höhung den Hauptpunkt im Finanzprogra» m des Frhrn. v. Stengel bildet, soll, wenn die,Köln. Volksztg.' recht unterrichtet ist, noch viel beträchtlicher fein, als man bisher schon angenommen hatte. Zurzeit beträgt int Gebiete der Brausteuergemeinschaft der Steuersatz 4 Mk. für den Doppelzentner Malz; in Zukunft soll aber der niedrigste Satz 7 Mk. ausmachen. Dieser soll von Betrieben erhoben werden, welche nicht mehr als 250 Doppelzentner Malz im Jahre verbrauchen; er steigt dann in drei Stufen bis auf 10 Mk., wenn im Jahre mehr als 250 Doppelzentner, aber nicht mehr als 1000 Doppel­zentner Malz verarbeitet werden; Brauereien, welche über 1000 3000 Doppelzentner Malz verbrauchen, sollen 11 Mk., solche von über 3000 - 5000 Doppelzentner 12 Mk., und bei mehr als 5000 Doppelzentner Malzverbrauch im Jahr 12,50 Mk. für den Doppelzentner ent«

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Verlag der zvldaer 2k»

WätsJdiase: „zuldaer SeschichkbM«". ÄT

Zwei verstoßene.

«£• Nottret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.)

Dermont fuhr in seiner Erzählung also fort: „Sre stattete uns einen Besuch ab, um sich ®u verabschieden; daß diefer Abfchied auf beiden ©eiten ein sehr trauriger war, brauche td) wum zu erwähnen. Mein Herz preßte sich krampfhaft zusammen, und auch Dina hatte of- flnbar eine Art von Ahnung, daß ihr noch böfe Tage bevorstehen würden, denn sie zerfloß in Tranen und konnte kaum ein Wort hervorbringen. .. »^-Niige Wochen später traf mich ein großes Unglück: der Tod raffte meine Mutter nach einer Krankheit von nur einigen Tagen, die anfangs ganz ohne Bedeutung zu fein schien, später aber keine Hoffnung auf Genesung mehr übrig ließ, hinweg.

„Wenige Augenblicke vor dem Hinscheiden sah sie ein, daß es mit ihr zu Ende gehe, und indem sie ihren bereits ersterbenden Blick zu mir wandte, sagte sie zu mir: „„Michael, Du bist mir immer ein guter Sohn gewesen; es schmerzt mich um so mehr, daß ich Dich allein auf der Welt zurück- lafien muß. Sei stets rechtschaffen und arbeitsam und erinnere Dich stets an die Hoffnung, daß wir uns eines Tages wieder sehen werden.—

„Tieß waren die letzten Worte, welche ich von ihren Lippen kommen hörte; noch oft erinnerte ich mich derselben, wenn ich mich allein in meinem Zimmer befand und die Stelle sah, wo meine Mutter aus dem Leben geschieden war, und die jetzt leer war.

„Ihre letzten Worte trugen viel dazu bei, meine Bekümmernis etwas zu mildern; ich bedurfte in meiner Lage gewiß des Trostes, denn die Tren­nung von meiner Mutter war für mich so fchmerz- lich tote ^möglich gewesen, und ich stand ja jetzt ganz verlassen und Einsam auf der Welt da.

„Die beiden Brüder Dina's waren inzwischen

als Seeleute in Dienst getreten und hatten sich dann in einem weit entlegenen, fremden Lande niedergelassen. Dina's Mutter lebte für sich allein und nährte sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit. Ich ging sie oft besuchen, bei welcher Gelegenheit wir dann natürlich oft von ihrer armen Tochter sprachen, deren Fernsein sie stets beweinte, und von welcher sie nur hier und da spärliche Nachrichten erhielt.

„Jedesmal, wenn Dina schrieb, sprach sie zwar sehr wenig von ihrer eigenen Person; aber aus allem war leicht zu schließen, daß sie sich durchaus nicht glücklich fühlte.

„Nahezu fünf Jahre waren seit jener Zett verflossen, als ich eines Abends ihre Mutter ganz in Tränen gebadet fand.

„Was gibt's", frag ich bestürzt.

„Nimm' und lies", sagte sie, „lies dies hier, und Tu wirst alles wissen."

„Es war ein herzzerreißender Brief Dina's, in welchem sie mitteilte, daß ihr Gatte sie ver­lassen hatte, und daß er seit einigen Tagen gar nicht mehr nach Hause zuriickgekehrt war. Ueb- rigens hatte sie von seiner Seite, wie sie hinzu­fügte, feit einiger Zeit eine sehr schlechte Behand­lung erfahren müssen und war überdies krank und befand sich mit ihren Kindern in der größten Not.

„Der Elende!" sagte die arme Mutter weh­klagend. „Wer sollte Solches vermutet haben? Er machte einen fo guten Eindruck, als er hierhin kam und um die Hand Tina s anhielt! Aber was ist nun zu tun, um Dina aus ihrer schrecklichen Sage zu befreien? Soll sie, von allem entblößt, ganz zu Grunde gehen? „Nein," rief ich aus, »gewiß nicht, wir müssen sie aufsuchen und dürfen nicht zögern."

„Dies ist leicht gesagt," erwiderte sie, aber wo- her Geld nehmen? Wir bedürfen desselben schon um eine solche große Reise zu machen, und ich, die ich kaum verdiene, um mein tägliches Brot zu gewinnen, besitze gar keine Mittel."

»Ich habe Geld," antwortete ich, „und ich will

Ihnen die Summe beschaffen, um nach Paris zu reisen und Tina mit ihren Kindern wieder hier­hin zu bringen."

„Solltest Du dies tun wollen?" antwortete sie, „das Geld würde für Dich auf immer verloren fein, denn wir würden kaum imstande fein, es Dir jemals zurnckzugeben."

„Das tut nichts zur Sache," versetzte ich, „denn die Hauptsache ist zunächst, Ihr Kind zu retten.“

„Die traurige Lage Dina's tat mir in der Seele weh, und auf der anderen Seite freute es mich unendlich, ihr beispringen zu können.

„Ich eilte alsbald zu meiner Wohnung, nahm eine kleine Börse, welche meine Ersparnisse ent­hielt und brachte sie meiner Tante. Unter Tränen nahm sie es an. „Armer Michael!" sagte sie, „so also rächst Du Dich!" Und doch konntest Du Dich mit Recht über meine Tochter beklagen, denn ich weiß sehr wohl, daß sie Dich früher einmal abgewiesen hat. Ohne Zweifel wäre sie mit Dir glücklicher gewesen, als mit diesem elenden Müßig- ganger.w

„Sprechen wir nicht hierüber", versetzte ich lebhaft, „Tina erwartet sehnsuchtsvoll Ihr Ein­treffen, wir müssen also vor der Hand nur an Ihre Reife denken, und Sie müffen dieselbe mög­lichst bald antreten."

„Es war dies für die arme Frau gerade feine Kleinigkeit, denn sie war über das Weichbild der Stadt Dieppe nie hinausgekommen; aber schließ­lich gab sie meinem Drängen nach und entschloß sich, am folgenden Morgen aufzubrechen. Einige Tage darauf kehrte sie mit Dina und deren kleinen Kindern "irück.

„Als hörte, daß sie wieder angelangt war, eilte ich sogleich zu ihr; Dina aber fand ich so verändert, daß ich sie kaum wieder erkennen konnte. Ihre frühere Frische und Anmut war gänzlich verschwunden, und auf ihren bleichen und abge­magerten Gesichtszügen konnte man sofort daS ganze Elend, unter welchem sie litt, lesen. Als sie meiner ansichtig wurde, lächelte sie und reichte 1 mir ihre fleischlose Hand.

„Michael", sagte sie bann, „ich habe gewiß allen Anlaß, Dir dankbar zu fein, meine Mutter hat mir alles mitgeteilt; ich habe es Dir zu ver­danken, daß ich wieder in meine Heimat zurück­kehren konnte."

„Ihr Atem war schwach und sie konnte nur mit Mühe reden, so daß es mich wirklich schmerzte, sie in einem solchen Zustande zu sehen und ich unwillkürlich gegen den Mann ergrimmte, welcher in dieser Weise ihre Jugend und Schönheit zer­stört hatte. Ich versuchte, vor ihr meine Gefühle zu verbergen und antwortete ihr nur, daß ich ihr mit Freuden behilflich gewesen sei. Hierauf brachte sie ihre beiden kleinen Töchter herbei; Jenny, die ältere, mochte etwa vier Jahre alt fein, während Anna, die jüngere, beinahe ihr zweites Lebensjahr vollendet hatte. Beide Kinder hatten den fünften Blick und die anmutigen Ge- fichtszüge der Mutter geerbt; aber sie waren so abgemagert und armselig, daß es ein Jammer zu sehen war. Beide schienen außerordentlich schüchtern und furchtsam zu fein, uub erst toieber- holteLiebkosungen vermochten sie ein wenig zu- traulicher zu machen. Die kleine Jenny konnte ich bald auf meinen Schoß nehmen, und so knüpfte ich denn bald ein Gespräch mit Tina an. Nur flüchtig berührte die arme Fran die Tage deS Leibs, welche sie gesehen; sie erzählte mir, wie erfreut sie gewesen, als sie ihre Mutter habe kom­men sehen, und sagte, baß sie nicksts sehnlicher wünsche, als ihre Gefunbheit wieder zu erlangen, um alsdann für ihre Kinder arbeiten zu können. Ich tröftete und ermutigte sie, so gut als ich konnte, und versprach ihr, sie bisweilen einmal besuchen zu kommen.

„Jetzt, da sie sich wieder in ihrer Heimat be­fand, bei ihrer Mutter und vor den brutalen Miß­handlungen gesichert, welche sie vordem zu er­dulden gehabt hatte, schien wieder neues Leben in ihr zu erwachen, und ihr Gesundheitszustand schien sich wieder ein wenig zu bessern. Jeden Tag beinahe besuchte ich sie, und wir plauderten dann gemütlich aufammen. Von der Vergangen-