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Rotationrdruck u. Verlag der zuldaer Ac- tiendruckerei in Mda. Zernsprecher Rr. 9.

Fulda, Donnerstag, den 21. September 1905.

JV3 216.

32. Jahrgang.

3]

I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.)

* Zur Essener Reichrtagsersatzwahl.

Die Reichstagsersatzwahl für den verstorbenen "Lentrumsabgeordneten Stötzel im Wahlkreise Essen hat, wie schon mitgeteilt, zum vorläufigen Ergebnis eine Stichwahl zwischen dem Zent- rumskandidaten Giesberts und dem sozialdemo­kratischen Kandidaten Gewehr gehabt. Nach den bisherigen vorliegenden Ziffern hat der erstere 85 500 Stimmen, der letztere 28 726 Stimmen er­halten. Der Kompromißkandidat der National­liberalen und Konservativen Dr. Niemeyer hat es auf 17 866 Stimmen gebracht, während die Christlich-Sozialen 2496 Stimmen auf ihren Kan­didaten Behrens bereinigten und eine polnische Zählkandidatur 1722 Stimmen ergab.

Das Zentrum kann mit diesem Ausgange zufrieden fein. Es hat nicht nur die Spitze aller in dem Wahlkreise vertretenen Parteien ge­halten, sondern auch einen Stimmenzuwachs von 400 Stimmen zu verzeichnen und damit seine bisherige höchste Wahlzisfer in dem Kreise über­troffen. Und das gegenüber einer maßlosen Agitation der Gegner, die namentlich auf ^riten der Sozialdemokratie mit den denkbar .stellen Mitteln geführt wurde. Die ganzen Wer. .tniffe in dem Wahlkreise waren ja dazu angetan, dem Zentrum den Erfolg zu erschweren. Wie die Sozialdemokratie den großen Berg- arbeiterstreik im Parteiinteresse ausgenützt Hat, ist bekannt. Aber auch verschiedene andere soziale Kämpfe, Ausstände und Aussperrungen haben dazu beigetragen, den Wahlkreis zu einem günstigen Boden für die Sozialdemokratie zu ge­stalten. Schließlich mußte auch noch die F le i sch­ien e r u n g herhalten, um die Wähler zu Gun­sten der Sozialdemokratie zu stimmen. Dem „Verrat des Zentrums an den Bergarbeitern" gesellte die Sozialdemokratie das Geschrei über den „Fleischwucher" der vom Zentrum unterstütz- ten „Junker" hinzu.

Unter diesen Umständen ist der Zuwachs, den die Sozialdemokratie im Vergleich zu 1903 er­halten hat, und der rund 6000 Stimmen beträgt, unschwer zu erklären, wenn er auch als ein be- bäuerliches Zeichen der Urteilslosigkeit der Arbeitermassen anzusehen ist. Dieser „Erfolg" der Sozialdemokratie ist nicht zu bestreiten; er verliert aber viel an seinem Glanze, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Sozialdemokratie sich mit der Hoffnung trug, das Zentrum wenig­stens nach der Stimmenzahl auszustechen oder gar den Wahlkreis im ersten Wahl­gange zu erobern. Immerhin ist der Zu­wachs um 6000 Stimmen ein recht deutlicher Mahnruf für die bürgerlichen Parteien außer­halb des Zentrums, denn er stellt die Folgen der Zechenbesitzer-Politik beim Bergarbeiterstreik dar. Dieser Mahnruf wird verstärkt und vertieft durch die Tatsache, daß die „nationalen" Kompromiß- j Parteien im Vergleich zur Wahl von 1903 einen Rückgang zu verzeichnen haben.

Zentrum und Sozialdemokratie werden am 28. September bei der Stichwahl um daS Mandat ringen. Die Entscheidung hängt von den „nationalen" Wählern Dr. Niemeyers ab. Da- rüber kann man sich keiner Täuschung hingeben. Im Jahre 1903 hat das Zentrum in der Stich­wahl mit 39 016 Stimmen gesiegt, indem es einen Zuwachs um rund 4000 Stimmen zu den Stim­men des ersten Wahlganges erhielt. Der sozial­demokratische Gegner erhielt damals in der Stich­wahl ober einen Zuwachs um rund 10000 Stimmen und brachte es auf 32 632 Stimmen. Der .Zuwachs des Zentrums ist damals zweifel- los in der Hauptsache von den Polen und Christlich-Sozialen gekommen. Tau» I sende von sogenannten „nationalen" Wählern iber haben 1903 in der Stichwahl für den So­

zialdemokraten gestimmt oder sind zu Hause geblieben.

Wenn die gleiche Stimmenverteilung wie da­mals bei der jetzigen Stichwahl Platz greift, er­scheint der Sieg des Sozialdemokraten nicht unmöglich. Das wirb auch von den Blättern jener Partei anerkannt, welche die Kan­didatur Niemeyer unterstützt haben. Es ist in­dessen zu hoffen, daß dieser Erkenntnis sofort die in „nationalem" Sinne einzig mögliche Ent­schließung folgt, in der Stichwahl für den Zent­rumskandidaten einzutreten. Wir stellen dann auch mit Genugtuung fest, daß die konservative „Kreuzzeitung", die freikonservative „Post", die nationalliberale „Nationalzeitung" schon heute abend einmütig sind in der Forderung, die für Dr. Niemeyer abgegebenen Stimmen in der bevorstehenden Stichwahl dem Zentrums­abgeordneten Giesberts zuzuwenden. Die „Na­tionalzeitung" macht zwar eine sauere Miene dabei, aber sie tritt doch entschieden für diese Forderung ein. Als selbstverständ- lich wird dieselbe von den beiden anderen ge­nannten Blättern erachtet.

Wir hoffen, daß man in den Parteikreisen in Essen der gleichen Auffassung huldigt. Frei­lich, die schönsten „Direktiven" nützen nichts, wenn sie nicht befolgt werden. Die Zahlen des 28. September werden Aufschluß darüber geben, was von der „nationalen" Gesinnung der Wähler Dr. Niemeyers in Wirklichkeit zu halten ist. Das Zentrum wird in jedem Falle seine Schuldigkeit tun, um den Essener Wahlkreis vor einer sozial­demokratischen Vertretung zu bewahren.

Zwei verstoßene.

Von V. Rotlret. Auwrisierte Uebersetzung von

I gens ist sie kein Mädchen wie ihresgleichen, die gerade auf die Körpergestalt das Hauptgewicht legen und ihre Augen sehen nicht so sehr auf die Schale, als vielmehr auf den Kern. Schon sah ich mich im Geiste in meiner zukünftigen Häuslich­keit, schon glaubte ich dort Dina, umringt von munteren, fröhlich spielenden Kindern, schalten und walten zu sehen .... Mein Herz schwamm in Wonne bei diesen Gedanken, und ich tat den ganzen Tag nicht anderes, als im Geiste wenigstens mein zukünftiges Heim so schön und behaglich als rnög- [ lich einzurichten. Ich glaubte, Dina muffe in mei­nen Blicken lesen, wie sehr ich sie liebte; aber ich war noch zu schüchtern, um ihr die Zuneigung zu offenbaren, welche ich zu ihr fühlte. Ich teilte meiner Mutter meine verborgenen Wünsche mit; es war, als ob sie diese vertrauliche Mitteilung mit Trauer erfüllte. Sie sah eben klarer, als ich, und begriff besser die Hindernisse, welche dem von mir so heiß ersehnten Glücke im Wege standen. Indes zeigte sie sich gleich bereit, meinem Wunsche zu willfahren und mit Dina zu sprechen.

„Es war mir, als ob die Antwort meiner Cousine für mich gewiffermaßen einem entscheiden­den Urteil gleichbedeutend sei; ich erwartete die­selbe geteilt zwischen der größten Hoffnung und der größten Angst. Ich bat meine Mutter, an dem Tage, an welchem sie den für mich wichtigen Schritt tun sollte, mir nichts zu sagen, wofern Dina etwa meine Bitte ablehnend bescheiden sollte, weil mir alsdann ihr Schweigen genug sagen würde.

„Niemals war ich so bewegten Herzens als an jenem Abende, als ich nach Hause kam. Meine Mutter war eben damit beschäftigt, das Feuer -u schüren; sie wandte sich nicht einmal um, als td» eintrat; dies war für mich deutlich genug, ohne ein Wort zu sagen, und wie niedergeschmettert sank ich auf einen Stuhl, gedankenlos in die Flam- men des Herdes starrend.

„Wer wie ich schon die süßesten Hoffnungen gehegt und dann mit einem Male alles wie ein elendes Kartenhaus zusammenstürzen sah, der

„Mein Verhältnis zu Dina war inzwischen das nämliche geblieben, wie es damals war, als wir noch Kinder waren: noch immer schien sie mir sehr zugetan zu fein und gern mit mir zu ver­kehren.

„Nachdem das arme Kind seinen Vater ver­loren hatte, waren ihr noch zwei Brüder geblieben, bie älter als sie waren. Beide waren sehr eigen­tümliche Menschen, und so wandte sie sich, wenn sie e,ner kleinen Dienstleistung bedurfte, lieber an irnaj als Qn sie, und jedes Mal, wenn ich zu ihr

■/ Jle mir lächelnd entgegen und nahm Seit auf. bCr liebenswürdigsten Weise von der

„Dies ihr ganzes Gebahreu ertnerfte in mir trügerische Hoffnungen und süße Träume- zwar sagte ich mir daß ich gewiß nicht gu? Schönheit und Gestalt Anspruch machen dürfe aber immer, g toar ich ebenso wohl wie jeder andere fähig zu suhlen und zu lieben, mit einem Worte, ick bildete mir em, daß Dina wohl meine Frau werden konnte. iveiuen

. "Mein Herz zitterte bei dem Gedanken, mir eine Familie gründen, und die liebenswürdige Dina als meine Lebensgefährtin erhallen zu kön- lvar nicht allein ihr anmutiges, hübsches GeNcht was mich zu ihr hinzog, sondern ich wußte mm). Daß sie meiner Mutter eine wahre Tochter {ein toerbe, benn sie besaß in der Tat einen fünften

Ö S-lUn9Sboffcn Charakter.

.verursachte mir die Erinnerung an !r unh »Ä1 und Mißgestalt oft tiefen Kum-

' bieferhnrVcItcn fürchtete ich, sie möchte mich CtX fS ubweisen. Dann aber dachte ich Men sie hat' fi*IdUa feit meiner Kindheit ge-

' , cf) also daran gewöhnt, und übri-

Deutscher Reich.

Berlin, den 20. September 1905.’

* Die Finanzpolitik des Zentrums. „An dem Grundsätze werden wir festhalten, daß eine Ausgabe« Erhöhung nicht eintreten kann, bevor über die Deckungsmittel Einverständnis besteht!" So geben übereinstimmend dierheinischen Zentrums­blätter eine Bemerkung wieder, die Herr Abg. D r. Spahn in seine jüngste Bonner Rede ein­geflochten hat. Nationalliberale Blätter finden hierin ein Ultimatum des Zentrums und meinen, es läge eine Wendung in der Zentrums-Politik vor; wohl habe dieses schon bisher nach diesen Grundsätzen gehandelt, aber diese Taktik nie zu­gegeben. Die liberale Presse irrt; hinter diesem Satze des Abg. Dr. Spahn steht die gesamte Zentrums-Fraktion, wie sie es bei der Be­ratung der Militärpensions-Gesetze offen hat aus­sprechen lassen. Die Abgeordneten Speck und Erzberger haben im Plenum und in der Kom­mission wiederholt betont, daß angesichts der schlechten Finanzlage es ausgeschlossen sei, daß noch irgend eine größere Ausgabe bewilligt werde, ehe die Deckungsmittel hierzu vorhanden sind. Das ist auch die einzig richtige und konsequente Politik; sie setzt namentlich den Ansprüchen der Weltmachts-Politik einen heilsam wirkenden Riegel in den Weg und zwingt das Reich, nach seinen Verhältnissen zu leben und nicht über diese.

Gegenüber der gestern von uns gebrachten Nachricht des Berliner,Lokalanzeigers" schreibt die .Nationalzeitung' unter dem Titel „Machi- nation": Handelsminister Möller kehrt heute abend vom Urlaub zurück. Ein Berliner Blatt hat sich bemüßigt gesehen, der Krone die Entlassung des Ministers nahezulegen, als ob dies gewissermaßen die Bedin gung wäre, von der die Wiederherstellung „ungetrübter" Be­

ziehungen der von der Hibernia-Affäre und dem Bergarbeiterstreik berührten kommerziellen und industriellen Kreise abhängig erscheine. Aus welcher Quelle das Blatt seine Informationen geschöpft hat, mag dahingestellt sein. Wir möchten nur die „kommerziellen und industriellen Kreise", deren Wünschen das Blatt Ausdruck gegeben haben will, dagegen verwahren, daß sie einer solchen Denkweise überhaupt fähig wären, wie sie ihnen das Blatt unter­stellt. Uebrigens sind die Beziehungen dieser Kreise zur Staatsverwaltung nichts weniger als getrübt. Das trifft nur bei den Informations­quellen des gedachten Lokalblattes zu.

* Gouverneur v. Lindequist beabsichtigt, wie die,Tägliche Rundschau' vernimmt, mit dem am 30. September abgehenden Dampfer der Ostafrika-Linie „Admiral" von Hamburg nach Deuts ch-Südwestasr ik a abzureifen. Der Dampfer soll planmäßig am 22. Oktober in Swakopmund eintreffen, v. Lindequist roiL jedoch zunächst noch nach Kapstadt Weiter­reisen, um dort verschiedene Geschäfte abzuwickeln. Am 5. November wird er dann mit dem Dampfer „Eduard Bohlen" der Woermann-Linie von Kapstadt nach Swakopmund zurückkehren, woselbst die Ankunft am 12. November erfolgen dürfte. Von Swakopmund begibt sich v. Linde­quist mit der Eisenbahn nach Windhuk, um sein Amt als Gouverneur anzutreten. — Die ,Fr. Deutsche Pr/ bemerkt dazu, General­leutnant v. Trotha habe also noch hinläng- lich Zeit zu Kriegsoperationen gegen die Hotten­totten. Zum mindesten würde er noch den längst versprochenen großen Schlag gegen Hendrik Witboi führen können, falls es" ihm überhaupt gelingt, die Streitkräfte der Hotten­totten einigermaßen zu umüngeln. Das letztere dürfte schwerlich der Fall sein, vielmehr scheint die Einkreisung der Hottentotten abermals miß­lungen zu sein. Die .Kreuzzeitung" zieht aus dem Verlauf der letzten Operationen den Schluß, daß es zu einer völligen Einkreisung der Witbois nicht gekommen, sondern die Bewegung einen ähnlichen Verlauf wie an den Waterbergen und den Karasbergen genommen hat. Der Kreis habe ja im Westen von vornherein nicht geschlossen werden können, da es wegen Wasser­mangels sicher unmöglich war, hierher von An­fang an Abteilungen hineinzuschieben, aber selbst, wenn dies geschehen märe, würde es bei den weiten Manchen des Netzes den Hottenlotten- banben immer möglich gewesen sein, hier oder dort durchzwchlüpfen. Das Ergebnis, daß sie an verschiedenen Stellen geschlagen, zersprengt und auf der Flucht sind, werde auch jetzt, wie früher bei den Hereros, zu ihrer allmählichen Auflösung führen.

* Zur bevorstehenden Reichstagsersatzwahl im Wahlkreis Eisenach-Dermbach- Kaltennordheim für den verstorbenen natio- nalliberalen Abgeordneten Fries schreibt die .Germania":

„Die Nation al liberalen können keineswegs verlangen oder erwarten, daß die Zenlrumspartei il,nen im Wahlkreise Eisenach-Dermbach zum Siege verheilen werde. W'r sind gewiß ebenso weit entfernt davon, den Sieg der Sozialdemokratie zu wünschen oder irgend eine Haltung derZcntrumspartei zu empfehlen, welche den Sieg erleichtern könnte. Bei dieser Lage der Dinge kann es für die Zenlrumspartei nur darauf ankommen, von vornherein eine solche Stellung einzunehmen, daß weder der kuliurkämpferische Natio­nalliberalismus, noch die Sozialdemokratie den Wahl- kann begreifen, was ich litt. Es war mir, als ob ich auf der Welt nichts mehr zu tun hätte, und wäre meine Mutter nicht gewesen: wer weiß, wozu ich in meinem damaligen aufgeregten Zustande fähig gewesen wärel

„Die arme Frau wollte an jenem Abende mehrere Male ein Gespräch über gleichgültige Dinge mit mir anknupfen, aber ich antwortete ihr kaum. Auch sie schien ebenso betrübt zu sein wie ich; sie blickte mich nur von Zeit zu Zeit teilnahms- voll an, was mich mehr tröstete, als ein ganzer Schwall von Worten, die sie etwa an mich gerichtet hätte.

„Mein Entschluß stand fest: schon lange hatte ich es bei mir .selbst ausgemacht, nie zu heiraten, wofern Dina meinen Antrag zurückweisen sollte. Es war mir eben, als ob keine zweite Frau sie mir ersetzen könne. Uebrigens sagte ich mir, daß etwaige weitere Versuche jedenfalls ebenso erfolg­los bleiben würden, und abermals einer demüti­genden Ablehnung mich aussetzen, wollte ich be­greiflicherweise nicht.

„Mein Herz war also voll Trauer und Kum­mer, nur mit der größten Anstrengung gelang es mir, wieder ein wenig Ruhe und Fassung zu gewinnen. Der Gedanke an meine Mutter trug nicht wenig hierzu bei, und die Religion balf mir ebenso sehr, meinen Schmerz langsam zu über­winden. Ich sagte mir, daß ich, wenn ich auf alle Freuden, die ich hinieden erhoffte, Verzicht leisten müßte, nichts desto weniger meine Pflicht treu erfüllen müsse, und daß auch der Allmächtige hier­für ohne Zweifel mich irgendwie entschädigen werde.

„Zwei Tage lang irrte ich umher wie jemand, der seiner nicht mehr mächtig ist, nur mechanisch die Aufträge ausführend, die mir gegeben wurden, und ohne die Kraft zu finden, mit meiner Mutter mich in ein Gespräch über den Punkt einzulassen, der mir soviel Herzeleid verursachte.

„Endlich gewann ich den Mut, meine Mutter zu fragen und sagte zu ihr:

sieg davonträgt, und das kann nur durch eine richtig« Stichwahlpolitik geschehen. Es ist von vornherein ausgeschlossen, daß ein Zentrumskandidat in die Stich­wahl kommt, und selbst, wenn es wider. Erwarten ein­treffen sollte, so würden die Nationalliberalen gewiß in der Stichwahl für den Sozialdemokraten und gegen den Zentrumskandidaten stimmen. Die Ausfiellung einer Zentrumssonderkandidatur würde aber, wie bei den Hauptwahlen von 1903 voraussichtlich zu einer Stichwahl zwischen Sozialdemokratie und National­liberalismus führen, während die Freisinnig« Volkspartei, die den Wahlkreis Eisenach früher be­hauptet hat, von der Stichwahl avsgeschaltet werde» würde. Wenn aber die Zentrumspartei auf die Auf­stellung einer Sonderkandidatur verzichtet und den freisinnigen Kandidaten, falls dieser aus­reichende Garantien gibt, von vornherein unterstützt, dann ist sichere Aussicht vorhanden, daß dieser mit dem sozialdemokratischen Kandidaten in die Stichwahl kommt, und da den Nationalliberalen nun einmal an­geblich so sehr viel daran gelegen ist, daß der Wahl­kreis Eisenach nicht in sozialdemokratischen Besitz über­geht, so werden auch sie in der Stichwahl gewiß dem freisinnigen Kandidaten zu Hilfe kommen. Damit wird im Effekt genau dasselbe erreicht werden, was auch die Nauonalliberalen angeblich wollen: Zusammen­schluß der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemo­kratie. Dce Aussichten für einen solchen Zusammen­schluß sind aber nach Lage der Dinge offenbar gün­stiger, wenn von vornherein mit der unvermeidlichen Stichwahl gerechnet und statt des nationalliberalen Kandidaten der Kandidat der freisinnigen Volkspartei in die Stichwahl kommt."

Die freisinnige Vvlkspartei hat als Kandidaten den Chefredakteur der .Eisenacher Tagespoftt Herrn Philipp Kühner in Eise­nach aufgestellt, der im allgemeinen den Katho­liken gegenüber stets eine wohlwollende Stellung eingenommen hat und wohl auf die Unterstützung des Zentrums rechnen darf. Die National- liberalen haben als Kandidaten Gymnasial- Professor Flex in Eisenach und die Anti­semiten einen Herrn Wilh. Schack, Mit­glied der Hamburger Bürgerschaft und Sekretär des Deutsch-nationalen Handlungsgehilfenoer- bandes aufgestellt.

* lieber den Dreibund wird der,Köln. Volks- jtg.' aus London geschrieben: „Man erzählt sich hier seit einigen Tagen in sonst gut infor­mierten Kreisen, daß der König von Italien bereits in den ersten Monaten des kommenden Jahres dem König von England einen weiteren Besuch abstatten wird. Weiter wird behauptet, daß die Königin von Italien ihre» Gemahl wieder begleiten wird und daß der Be­such sich über volle zwei Wochen ausdehnen soll. Natürlich wird demselben schon jetzt eine große politische Bedeutung beigemessen, ja man geht sogar soweit, zu sagen, daß sowohl der König als auch die italienische Regierung eifrig bestrebt seien, ein engeres Freundschasts - Bündnis mit England zustande zu bringen, um gewissermaßen bei dem Uebereintommen zwischen Frankreich und England der Tritte im Bunde zu fein. In Ita­lien, so führt man aus, habe man den alten Drei­bund herzlich satt und wisse auch ganz genau, daß er doch nicht erneuert werde, da ja Oester­reich-Ungarn infolge seiner inneren Schwierigkeiten kein Interesse mehr an dem Bündnisse habe. Darum suche Italien, wenn irgend mäglich, An­schluß an Großbritannien zu gewinnen.

* Eine neue Verlustliste aus Südwestafrika, bringt folgendes Telegramm aus Windhuk: Am 5. September ds. Js. auf Patrouille bei Osom- bo-Orntjindo gefallen: Unteroffizier Johann Bree, geboren 2. 12. 81 zu Kaldau, früher im Kürassier-Regm ent Nr. 5, Kopfschuß. — Am 12. September d. I. aus Patrouille bei HaruchaS

„Tina hat meinen Antrag zurückgewiesen; war sie ob desselben beleidigt?"

„Beleidigt I Armes Kind, Deine Zuneigung ist ja für niemanden eine Schande. Sie hat nur ein­fach gesagt: „Ich weiß, daß Michael ein ehren- werter Mensch ist, der viele schätzenswerte Eigen- chaften besitzt; aber zu meinem Gatten kann ich ihn nicht nehmen. Sagen Sie ihm, daß ich ihn stets wie einen Bruder lieben werde."

»Diese Versicherung ihrer brüderlichen Zunei- gung und Siebe war nicht geeignet, mich zu trä­ten. Wenn sie, so sagte ich mir, einmal einen Gatten und Kinder haben wird, so wird sie den armen Michael keines Blickes mehr würdigen: dieser Gedanke zerschnitt mir das Herz.

„Als ich zum ersten Male Dina wiedersah, chien sie mir etwas verlegen zu sein. Selbstredend konnte von einem näheren Verhältnis zwischen uns beiden nicht mehr die Rede sein; ich vermied es, ihre Verwandten zu besuchen, und ging ihr selbst absichtlich so viel als möglich aus dem Wege.

„Als ich einige Monate später an ihrem Hause vorbeikam, sah ich sie auf der Türschwelle; ihr ge­genüber stand ein junger Mann, den ich nicht kannte.

„Er trug Arbeiterkleidung, und war im übrigen, wie ich gleich wahrnahm, wirklich ein hübscher junger Mensch. Er besaß regelmäßige Gesichts- züge, seine Gestalt war schlank, und sein Körper­bau verriet große Körperkraft. Es war dies offen- bar ein Bekannter Dina's, der jedenfalls auch, wie ich mir unwillkürlich sagte, bei ihr Erfolg haben mußte; ich fühlte, wie bei diesem Gedanken die Eifersucht in hellen Flammen in meinem Her­zen ausloderte.

„Ich erfuhr denn auch bald, daß ich mich in meiner Annahme nicht geirrt hatte. Der fraglich« Arbeiter war in der Tat der Bräuttgam Dina's, und es sollte demnächst die Trauung stattfinden. Er hieß, wie ich in Erfahrung brachte, Julian Rivert; er war nicht aus Frankreich gebürtig unt befand sich erst seit kurzer Zeit in Dieppe, wo er bei einem Tapezierer in Arbeit stand.