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Zuldaer

Wochenb-Uoge: „Illustrierte Sonntagszeitung"

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Rotationsdruck n. Verlag der skuldaer Nc- tlendruckerei in Saldo. Sernsprecher Rr. 9.

32. Jahrgang.

Fulda, Mittwoch, den 20. September 1905

M 215

Von V.

2] Der

Zwei verstoßene.

Rottret. Autorisierte Uebersetzung von I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.)

gesorgt. , , ,

§ Der .Berliner Lokalanzerg er( ormgt in seiner Abendausgabe vom Dienstag in auf­fallendem Sperrdruck folgende Nachricht: „In den Kreisen «der Industrie- und Bankwelt ist augenblicklich das Gerücht verbreitet, daß der preußische Handelsminister Möller demnächst zurücktreten und durch einen industriellen Parla­mentarier derselben politischen Richtung besetzt werden solle. In jenen Kreisen ist man davon überzeugt, daß, wie bei ihnen selbst, so auch bei der Regierung der Wunsch besteht, zwischen der Staatsverwaltung und den industriellen und kommerziellen Kreisen, deren Interessen bei der Hibcrnia-Affäre sowie beim westfälischen Berg- arbeiterstreik berührt waren, ungetrübte Bezieh­ungen zu schassen. Man glaubt dort, daß ein Wechsel in der Leitung des Handelsministeriums die Herstellung eines solchen Verhältnisses fördern werde. .

* Die Vermözensverwaltrmgsstelle pur Offiziere und Beamte hat durch Herrn Geheim­rat Hecht eine Prüfung ihrer letzten Bilanz auf- nehmen lassen, da nicht alles ganz stimmte. Ge­heimrat Hecht erstattet jetzt sein Gutachten und kommt zu einem Resultat, das die Siluaiion der Gesellschaft in einem noch weit ungünstigeren Lichte erscheinen läßt, als erwartet werden konnte. Während die Direktion der Vermögenfluer- waltungsstelle eine Bilanz ausgestellt hatte, die mit einem Ueberschuß von 178 000 Mark ab­schloß, der im wesentlichen zu Abschreibmigen und und Rückstellungen Verwendung finden sollte, kommt Geheimrat Heckt zu dem Remllat, daß Abschreibungen und Reservestellungen m Höhe von 2 Millionen Mark erforderlich seien, d. h., daß von dem Ak'ienkapital von 3 Mill. Mark zunächst 2 Mill. Mark als verloren, be­ziehungsweise gefährdet anzusehen sind. Die Vermögensverwaliungsstelle für Offiziere und Beamte ist, wie ihr Titel besagt, zu dem Zweck " ins Leben gerufen worden, die finanziellen In­teressen von Offizieren und Beamten zu fördern. Eine Zeit lang wurde auch an diesem Pro­gramm festgehallen. Seit dem Jahre 1901 ist aber in der Geschäftspraxis des Instituts eine tiefgehende und Verlust bringende Wandlung

eingetreten. Von diesem Augenblick an ließ sich die Bank in industrielle Engagements ein, und aus diesem resultieren in der Hauptsache die großen Verluste, die jetzt in ihrer ganzen Aus­dehnung an das Licht der Oeffentlichkeit gezogen werden. Dabei wird als der Hauptschuldige der rühere Direktor Scheide! anzusehen sein. Aber wch dem jetzigen Direktor Solmann werden charfe Vorwürfe nicht erspart bleiben können. Er ist im Jahre 1901 in die Vermögensver« waltungsstelle als persönlich haftender Gesell- chafter eingetreten. Und wenn auch die An- är e der Verquickung mit zweifelhaften Jndu- tr^^nternehmungen weiter zurückliegen, so hätte doch der jetzige Leiter Gelegenheit gehabt, früher die Brücken mit zweifelhaften Jndustrieunter- nehmungen abzubrechen, zum mindesten aber für eine sofortige Klarstellung der Verhältnisse zu argen. Statt dessen sind mehr als drei Jahre vergangen, ohne daß sich die Direktion zur Vor­nahme einigermaßen ausreichender Abschreibungen bequemt hätte. Im Gegenteil, sie hat Divi- denden verteilt! Gestern (Montag) fand die außerordentliche Generalversammlung statt, auf welcher es zu heftigen Debatten hierüber kam.

.-. Die Berkehrseinnahmen deutscher Eisen­bahnen für August 1905 betrugen für alle Bahnen im ganzen: aus dem Personenver­kehr 63999998 M. (gegen das Vorjahr mehr: 4045768 Mk.l; aus dem Güterverkehr 118775 676 M. (gegen das Vorjahr mehr: 7502 688 M.); auf 1 Kilometer berechnet, be­liefen sich die Einnahmen aus dem Personen­verkehr auf 1366 M., aus dem Güterverkehr auf 2480 Mark. Auf den Bahnen mit dem Rechnungsjahr April—März wurden in der Zeit vom 1. April 1905 bis Ende August 1905 ver­einnahmt aus dem Personenverkehr im ganzen: 258 990106 M. (gegen das Vorjahr mehr: 17 524006 M.), aus dem Güterverkehr gegen die gleiche Zeit im Vorjahr 492563169 Mark, (gegen das Vorjahr mehr 26184492 M.); auf 1 Kilometer berechnet, wurden in dem genannten Zeitraum vereinnahmt: aus dem Personen­verkehr 6358 M., aus dem Güterverkehr 11824 M. (gegen das Vorjahr mehr: 326 M. bezw. 434 M..!. Für die Bahnen mit dem Rechnungsjahr' Januar—Dezember beliefen sich die Einnahmen für die Zeit vom 1. Januar 1905 bis Ende August 1905 aus dem Per­sonen verkehr im ganzen auf 56 841 440 M. (gegen das Vorjahr mehr 1929 604 M.), am-, dem G üt er verkehr auf 96173891 M. (gegen das Vorjahr mehr 2 758056 M.). Auf 1 Kilo­meter berechnet, betrugen die Einnahmen für die angegebene Zeit aus dem Personenverkehr 9503 M, aus dem Güterverkehr 15709 M. (gegen das Vorjahr mehr 257 M. bezw. 352 Mark). Die Gesamtlänge der Bahnen beträgt 48 086,20 Kilometer, gegen das Vorjahr mehr 746,23 Kilometer.

* Der frühere Abgeordnete Korfanty hat es nun gründlich auf allen Seiten verdorben; in polnischen Blättern wird ihm vorgeworsen, daß er die früheren guten Beziehungen zum Zentrum vollkommen zerstört habe. Die sozialdemokratische ,Gazeta Robotnicza' erörtert in einem längeren Artikel ihre Stellungnahme gegenüber Korfanty, falls er in eine Stichwahl käme. In dem Artikel heißt es u. a.: „Die Sozialdemokraten fordern drei Sachen von dem Abgeordnelen: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit! Korfanty dagegen

fühlen, und das Dasein wird in dieser Weise fast zu einer unerträglichen Last."

„Erlauben Sie mir zu bemerken", sagte Mi­chael sanft, „daß Sie die Sacke übertreiben: man gewöhnt sich langsam daran, daß man so ist. rote man ist und richtet sich schließlich darnach ein."

„Ich sehe, daß Tu leicht zufrieden gestellt bist, und ich muß weiter gestehen, daß es mir seit meinem Hiersein ausgefallen ist. wenn ich Dich so frei und fröhlich lachen sah, wie ein Mensch der tote alle anderen ist. Bist Tu wirklich ebenso sehr zufrieden, als wenn die Natur Dir regel­mäßige Gesichtszüge, einen geraden, schlanken Kör­perbau verliehen hätte?"

„O nein", versetzte Michael seufzend, „gewiß nicht, im Gegenteil bin ich über meine Mißgestalt oft sehr trpurig und bekümmert gewesen, und mehr als einmal fühlte ich mich versucht, Gott der Härte und Ungerechtigkeit mir gegenüber zu zeihen. Schließlich habe ich eingesehen, daß das Klagen und Murren zu nichts hilft, obwohl ich im Grunde genommen wett mehr Ursache hätte, mich in Klagen zu ergehen, als Sie. Ich bin arm, zur Arbeit und Abhängigkeit verurteilt, während Sie Gold in Hülle und Fülle besitzen."

„Freilich, aber wozik' kann mir mein Reichtum dienen?" warf Herr Demerie lebhaft ein. „Hin­dert derselbe etwa andere Leute, mir ihre spötti­schen Blicke zuzuwerfen? Durchaus nicht! Im Gegenteil bildet gerade mein Reichtum für mich die Ursache neuen Kummers, weil mich derselbe stets daran erinnert, ein wie glückliches Dasein ich haben könnte, wenn ich an Körper weniger mißgestaltet wäre. Mein Gold verschafft tntr keine wahre Zufriedenheit. Ick lebe in voll­ständiger Einsamkeit, ich stehe völlig allem, und in dem Alter, in welchem ich mich befinde, Weitz ich noch nicht einmal, welches Gefühl es ist, wissen, daß ein anderes Herz mir entgegenschlagt das mir etwa treu ergeben wäre, sehe diel als das höchste Glück auf Erden an, aber es gibt fein einziges menschliches Wesen, das zu mir auch die geringste Zuneigung hegte."

Meiningen und des Erbgroßherzogs von Baden zu Generalobersten sind 2 Fälle em- getreten, welche in der preußischen Armee noch niemals vorgekommen fein dürften. Zunächst )er Fall, daß Vater und Sohn dieselbe hohe Charge eines Generalobersten bekleiden. Der Großherzog Friedrich von Baden ist seit dem 25. Juni 1888 Generaloberst. Was die Er­nennung des Erbprinzen von Sachsen-Meiningen zum Generalobersten betrifft, so haben wir hier )en ebenfalls so seltenen Fall, daß der Sohn )en Vater im Avancement überholt hat, )enn Herzog Georg von Sachsen-Meiningen ist seit dem 22. März 1868 General der Infanterie. Hoffentlich muß nun der alle Vater nicht den Abschied nehmen, weil er übersprungen ist.

* Eine Hofuniform sollen in Mecklen­burg-Schwerin auch die Gymnasialpro­fessoren erhalten. Es ist ein dunkelblauer Frack mit karmoisinroten Aermelaufscklägen; zu der Uniform gehört auch ein Stichdegen mit goldenem Griff. Die ,Fr. D. Pr/ bemerkt dazu: Kürzlich ist. das Gehalt der Gymnasialpiofefforen etwas ausgebessert worden. Es wird also gleich für nützliche Verwendung dieses Mehreintommeus

gute Dermont trug diese unangenehme Seite des Charakters feines Herrn in Geduld,

denn er sah, daß derselbe im Geheimen litt und sein Herz war von Mitleid gegen seinen trau­rigen Zustand erfüllt.

Herrn Demeric entging dies nicht, und da er sah. daß sein Diener stets gleich geduldig und gleich froher Laune war, fo schämte er sich seines mürrischen, launischen Wesens und behandelte ihn unt größerer Freundlichkeit.

Ebenso wenig blieb eS Demeric unbemerkt, daß Dermont trotz seines veränderten Auftretens ihm gegenüber dennoch nicht etwa ein unterwür­figes, kriechendes Wesen annahm, sondern viel­mehr jetzt tote auch früher eine sehr zurückhaltende, burdhauS angemessene Haltung ihm gegenüber be­obachtete. Dieser Umstand gefiel Demeric so sehr, daß er immer mehr zu seinen Gunsten einge­nommen tourde; bei seinen bisherigen Dienern hatte et stets nur eine niedrige Unterwürfigkeit, gepaart auf der anderen Seite mit ungemessener Anmaßung gefunden.

Luch fiel Herrn Demeric mehr als einmal die scharfe Auffassungsgabe, sowie das gesunde Urteil seines neuen Dieners auf. So schenkte er ihm denn bald fein volles Vertrauen, und Adrian batte in Michael, trotz der bescheidenen Stellung, welche er bei ihm bekleidete, einen Menschen ge­funden, vor welchem er frei und vertrauensvoll ansfprechen konnte, was ihn drückte.

Ihre gegenfeitige körperliche Mißgestalt mochte toofcl mit zu der bewußten oder unbewußten An­näherung Beitragen, welche sich zwischen Herr und Diener allmählich vollzogen hatte; genug, der Stotz des ersteren beugte sich vor dem dringenden

Deutsches Reich.

Berlin, den 19. September 1905.

* Der Kronprinz hatte als Besitzer des im Kreise Oels belegenen Kronlehens gegen die Ver­anlagung zur Kreis steuer in Höhe von 5000 Mark, die durch den Kreisausschuß des Kreises Oels erfolgt war, Einspruch erhoben und das Verwaltungsstreitverfahren anhängig gemacht. Der zweite Senat des Oberverwaltungsgerichts hat nun in seiner Sitzung am Dienstag den vom Kronprinzen eingelegten Einspruch gegen die Veranlagung zurückgewiesen.

Diese Angelegenheit beschäftigte die Verwaltungs- gerichte bereits in dritter Instanz, da nach der Ab­weisung, die der Freistellungs-Antrag des Kronprinzen von dieser Steuer beim Kreisausschuß erfahren, zunächst Berufung beim Bezirksausschuß in Breslau eingelegt wurde. In feiner ablehnenden Begründung führte da­mals der Bezirksausschuß zu Breslau aus, daß in der Kreisordnung eine Steuerfreiheit der Mitglieder des Königlichen Hauses nicht statuiert worden ist. Bei der Revision dieses Urteils, die beim Oberverwaltungs- aericht angebracht wurde, ließ der Kronprinz durch seinen juristischen Vertreter hauptsächlich auf die persönliche Stellung des Kronprinzen, und auf den be­sonderen Charakter des Grundbesitzes Hinweisen. Die 5kreissteuer bestehe aus Zuschlägen der Staatssteuer, und Personen, die solche nicht zahlen, seien auch nicht zu Kreissteuern heranzuziehen. Das Oberverwaltungs­gericht als höchste Instanz konnte sich aber dieser Auf­fassung nicht anschließen und verkündete nach zwei­stündiger Beratung das oben angegebene Urteil.

* Die neuen Generaloberste. Mit der Er­nennung des Erbprinzen von Sachsen- Bedürfnis, welches er empfand, feine Gedanken auszutauschen mit Jemanden, der ihn verstehen konnte und der ja sich bereits in ähnlicher Lage befunden hatte.

Er hatte jedenfalls gelächelt, wenn man ihm noch vor einigen Wochen die Möglichkeit ange­beutet hätte, daß zwischen ihm und seinem Diener eine solche Art von Vertraulichkeit sich entwickeln würde. Jedenfalls würde er gesagt haben, daß dies geradezu ein Ding der Unmöglichkeit sein würde: und doch offenbarte er ihm tatsächlich nach und nach, ohne es vielleicht sogar zu wollen, die Geheimnisse seines Herzens, ja seine ganze trau­rige, schmerz» und kummererfüllte Vergangenheit.

2. Kapitel.

Eine traurige Geschichte.

In seinen Unterhaltungen mit Michael hatte sich Demeric anfänglich auf allgemeine Redens- arten und Bemerkungen beschränkt, und bis da­hin niemals auch nur mit einer Silbe seiner körperlichen Mißgestalt und des Kummers, welche ihm dieselbe verursachte, erwähnt.

Eines Abends indeß, als ihn wiederum einmal eine heftige Anwandlung von Menschenhaß an sein Zimmer gebannt hielt, wandte er sich plötzlich zu Dermont, der damit beschäftigt war, einiges zu ordnen, und meinte:

„Die Natur hat Dich körperlich nicht besser behandelt, als mich, und sie hat uns beide nur sehr stiefmütterlich bedacht."

„Freilich, ick habe keine besondere Veranlas­sung, unserer Mutter Natur in dieser Hinsicht befonderen Dank zu wissen", antwortete Michael, „je nun, man muß mit feinem Schicksal zufrieden lein und sich in den Willen des Schöpfers ergeben; übrigens ändert man die Sache durch Klagen nicht."

„Dies ist leicht gesagt", versetzte Demeric et­was erregt; „lieber wäre es mir doch, wenn ich anders das Licht der Welt erblickt hätte. Man wird von jedermann verlacht und verspottet, man kann nur Bitterkeit und Groll in der Seele

nachher hat die deutsche Diplomatie, nachdem sie vergebens auf Eröffnungen von Paris oder London gewartet hatte, ihre Absicht kundgegeben, sie deutschen Interessen in Marokko aufrecht­zuerhalten. Bebel aber wirft die Chronologie und den Kausalzusammenhang auf den Rücken und erklärt pathettsch, die Reise des Kaisers nach Tanger und die Bülow'sche Marokkopolitik hätten das englisch-französische Bündnis h erb ei- geführt. ,

Sßenn Bebel der Führer einer wirklichen Arbeiterpartei wäre, so hätte er sich auch klar gemacht, daß die deutsche Politik nicht aus Eitelkeit oder hohlem Eigensinn für die Gleich­berechtigung Deutfchlands in Marokko eingetreten ist, sondern wegen der wirtschaftlichen Interessen, um die deutsche Industrie vor den Schäden zu bewahren, die ihr das sian- zöstsche Monopol bereiten würde. DaS deutsche Erwerbsleben in richtigem, gedeihlichem Gange zu halten, ist doch eine Ausgabe, die vom arbeitenden Volke verstanden und gewürdigt werden sollte.

Wir möchten ferner fragen, was es den Wählern Bebels und seinen Genossen nützen kann, wenn man mit breiter Schadenfreude die ,Zfolierthett" des Vaterlandes an die Wand malt. Wir sind nicht so isoliert, rote Bebel sich einbildet, aber wenn wir es wären, so hätte das ganze Volk die Last davon zu tragen.

Sehr bedenklich mutet es ferner an, wenn die Herren in Jena über eine Resolution ver­handeln, die unter den Blumen englisch-deutscher Freundfchaftserklärungen die Phrase enthielt: Die Sozialdemokratie werde einen Krieg verhindern. Das ist eine Ver­dächtigung der Friedensliebe der deutschen Regierung. _____

)::( Die Weltverbesserer in Jena.

Wenn die Sozialdemokratie das wäre, als was sie sich in gewissen Wahlkreisen behufs Stimmenfangs aufspielt — eine wirkliche Ar­beiterpartei —, dann würde für den Partei­tag das erste und letzte Thema lauten müssen: Was ist zu tun, um das Los der Arbeiter­schaft zu bessern? Aber weit gefehlt. Der Parteitag will den Arbeitern kein Brot besorgen, weder leibliches noch sittliches, sondern verbraucht feine Zeit und Geld für Organisations­künsteleien, die den „Führern" ihr Geschäft erleichtern sollen, für theoretische Haarspaltereien über die zukunftsstaatlichen Glaubenssätze, für Literatengezänk, für das Phantom des politischen Generalstreiks der bei seiner (glücklicherweise unwahrscheinlichen) Verwirklichung die Wohlsahrt von tausenden von Familien zu Ehren einiger großmannsüchtigen Worthelden zwecklos opfern würde. Nebenbei hat sich der Jenaer Parteitag in feiner Eröffnungssitzung auch mit der „hohen Politik" befaßt, mit Kannengießerei über die „Weltlage", von der kein Arbeitettopf gefüllt werden kann.

Die Berliner Genoffen wollten die Welt­lage zu Ehren bei internationalen Charakters der Sozialdemokratie förmlich und feierlich in die Tagesordnung eingereiht haben. Das paßte aber den vorsichtigeren Führern doch nicht ganz, und darum suchte man sie mit einer Abschlags­zahlung zu beruhigen. Genosse Bebel, der sich bekanntlich mit dem glücklichen Selbstbewußtsein der redegewandten Halbbildung für einen Meister auch in der Weltpolitik hält, unternahm in der Begrüßungsrede einen Ritt in das ufer» und wegelose Land der hohen Polittk. Nach unserer Ansicht haben die deutschen Arbeiter andere Sorgen, die ihnen näher am Herzen liegen, und sie könnten von ihren sog. Führern wohl prak­tischere Leistungen verlangen, als tendenziöse Redensarten über Rußland und über die angeb­lich isolierte Diplomatie Bülows. Doch wenn nun einmal auf einem Parteitag der „größten Partei Deutschlands" die auswärtige Politik behandelt werden follte, bann dürfte man doch wohl etwas mehr Sachkunde und Gründlichkeit erwarten, als wie ste Bebel sich leistete. Diese Plaudereien reichten ja nicht einmal zu einem Leitartikel für ein honnettes Provinzialblättchen aus.

Das alte Rußland betrachtet Bebel an der einen Stelle als abgetan, während er an der anderen Stelle zugesteht, daß nach dem Abschluß des ostastatischen Abenteuers „das russische Schwergewicht wieder nach dem Westen drängen wird". Der ruffisch-französische Zweibund soll nach Bebel in seiner Aktionsfähigkeit gebrochen sein; er braucht diese kühne Behauptung, um an ©teile dieses angeblich abgetanen ZweibundeS rinen neuen Zweibund aufmarschieren zu taffen, den englisch-französischen. Und dieser letztere soll ihm den erwünschten Beweis liefern für „das unglaubliche Ungeschick der deutschen Staatsmänner". Tatsächlich ist die Annäherung zwischen England und Frankreich schon im Früh­jahr 1904 wirksam in Erscheinung getreten, nämlich mit dem berühmten Abkommen über Aegypten und Marokko; erst geraume Zeit

„Haben Sie denn Ihre Mutter nicht gekannt?" fragte Dermont.

„Liebte denn die Deinige Tech?" erwiderte Demeric, ohne im übrigen auf die Frage Michaels zu antworten. _

„Ob sie mich liebte!" rief Michael aus. ,,^a, sie liebte mich", fuhr er begeistert fort, „und zwar aus vollem Herzen. Die arme Frau wurde früh Witwe und mußte sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit ernähren. Ick war ihr einziges Kind, und fo bildete ich ihre ganze Freude und all' ihren Trost. ...

„Als sie gewahrte, daß ich zwar großer, aber verwachsen wurde, zerschnitt ihr dies zwar das Herz; aber sie liebte mich infolgedessen um fo zärtlicher und inniger.

„Armer, kleiner Michael", sagte sie bisweilen mich umarmend, zu mir, „vielleicht werben fvater die Leute Dich verachten und spöttisch auf Dich herabsehen; und doch ist es nicht Deine Schuld, daß Du fo gestaltet bist." . .

„Es war, als ob Sie mich tm voraus auf bte Demütigungen hätte aufmerksam und mich für diefelben gleichsam hätte entschädigen wollen, da sie fo zu mir sprach, und fo dockte sie nur daran, mir kleine Freuden zu machen, wahrend ich meinerseits ihr meinen Dank durch williges Be­tragen und Fleiß abzustatten suchte. Als ich an- fing, die Schule zu besuchen, verfuchten auch meint Kameraden mich wegen meiner Mißgestalt zu ver­spotten; da ich ober ihre Witzeleien und Spötte­reien nicht achtete, so wurden sie derselben bald müde, ich spielte munter mit ihnen und war nicht weniger fröhlich als sie."

Die Worte Michaels schienen Herrn Demerrc sehr sonderbar zu dünken. . , , , „„

„Aber nach dem, was Du mir soeben sagtest , meinte er, „bist Du nicht immer so zufrieden, ruhig und frei von allem Kummer gewesen."

„Es ist wahr, auch ich habe kummervolle, trau­rige Stunden gehabt, auch ich habe Hoffnungen gehegt, die nicht in Erfüllung gegangen sind — nun, schließlich habe ich all' dies überwunden und