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«otationsbruck «. Verlag ber Zulbaer Ac- tienbniderei in Snlba. Sernfprecher Nr. 9.
M 212.
Fulda, Samstag, den 16. September 1905.
32. Jahrgang.
Zweites Mcrtt.
Wochen Rundschau.
(Nachdruck verboten.) Fulda, den 16. September 1905.
, Die vergangene Woche hat zwei bemerkenswerte Kaiserreden gebracht. In Homburg hat Kaiser Wilhelm erklärt, daß er es als Regent seine Hauptsorge sein lasse, seinem Lande den Frieden zu erhalten, in Koblenz hat er mit herrlichen Worten die Eintracht unter Katholiken und Protestanten gefeiert, die, vor allem in der Achtung der Persönlichkeit, der Würdigung derselben in jedem Menschen wurzelnd den gemeinsamen Ursprung der christlichen Religion in Gott nie vergesse, und diese Eintracht als Vorbedingung für die Erfüllung der großen Kulturaufgaben hingestellt, die das deutsche Volk in der Welt zu erfüllen habe. '—tefe Worte werden lebhaft nachklingen in den Herzen Aller, die das Wohl des ganzen Volkes über kleine und kleinliche Sonder- wünfche stellen.
Wre blind zuweilen Paieifanatismus die Menschen macht, ließ sich erst h diesen Tagen in den Versuchen der liberalen Prrsfe erkennen, den Ausfall der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Thorn-Kulm, wo der gemeinsame Kandidat der Natiomlliberalen und Konservativen, der nationalliberalr Bankdirektor Ortel den bisherigen Inhaber desMandats, den „radikalen" Polen Brejski, dessen Dahl bekanntlich vom Rerchstage für ungültig erklärt wurde, verdrängte, gegen das in diesem Wchlkreise numerisch ganz und gar nicht in Betracht kommende Zentrum auszubeuten. Noch mehr aber hat. es sich auf dem am letzten Sonntag in Stuttgart abgehaltenen „jungliberalen" Delegierte n t a g, einer nationalliberalen Veranstaltung gezeigt, auf dem — offensichtlich lediglich aus parteitaktifchen Rücksichten — die ödeste Kulturkämpferei betrieben wurde.
Aus unseren Kolonien liegen diesmal teils erfreuliche, teils unerfreuliche Meldungen vor. In Deutsch-Ostafrika hat sich der Luf- stand über den ganzen Süden der Kolonie ausgedehnt, auch nach dem Innern zu, da die goni im Szongea-Diftrikt sich den Aufständischen angeschlossen haben. Auch nach Norden hin hat sich der Aufstand ausgedehnt, da im südlichen Teil des Bezirks von Mynopara Unruhen ausgebrochen sind. Die letzten Meldungen berichten aber von einer Reihe von Niederlagen der Aufständischen, namentlich im Süden der Kolonie, sodaß die Hoffnung sich belebt, es werde gelingen, der Empörung Herr zu werden, ohne daß es eines langwierigen Feldzuges bedarf. In Deutsch-Südwestafrika haben die Operationen gegen die Hottentotten unter Hendrik Witboi begonnen. Die verschiedenen deutschen Kolonnen, welche die Hottentotten eingekreist hatten, sind jetzt im Vorrücken begriffen. Verschiedene Distrikte sind bereits vom Feinde gesäubert, der sich dem Anschein nach nirgends zu einem ernstlichen Widerstande gestellt, sondern , den deutschen Truppen überall ausge- wrchen ist. Freilich macht gerade das auch wieder den Erfolg der Aktion, die Vernichtung des Feindes oder seine Uebergabe, zweifelhaft.
Die Cholera bat im Laufe der Woche in Deutschland bedenkliche Fortschritte gemacht, doch sind vonseiten der Regierungsbehörden wie den lokalen Verwaltungen umfassende Maßnahmen getroffen worden, die ein Zurückdämmen der Seuche erhoffen lassen.
Anhaltende starke Erregung ruft die Fleischien e r u n g,hervor, die trotz der entgegenstehen- den Ergebnisse der Statistik von liberaler und so
zialdemokratischer Seite nach wie vor lediglich auf die sanitären Maßnahmen an den Grenzen zurückgeführt wird. Seitens des preußischen Landwirtschaftsministers sind erneute Erhebungen in der Angelegenheit angeordnet worden. Inzwischen ist die Agitation gegen Herrn von Podbielski stark gewachsen und liberalerseits rechnet man schon mit dem Sturz dieses Ministers, zumal man aus neuen Angriffen der „Köln. Ztg." gegen ihn auf ein Zerwürfnis zwifchen ihm und dem Reichskanzler schließen zu dürfen glaubt.
Die Krisis in Ungarn hat zur Demission des Kabinets Fejervary geführt, weil der Kaiser Franz Joseph seinen Plan betreffend Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Ungarn widerstrebte. Es sollen jetzt Unterhandlungen mit der koalierten Opposition eingeleitet werden.
Zwischen Schweden und Norwegen sind die für einige Tage unterbrochen gewesenen Verhandlungen über die Auflösung der Union wieder ausgenommen worden.
In I a p a n, speziell in der Hauptstadt Tokio, ist es wegen der Friedensbedingungen, die Rußland gewährt worden sind, zu sehr ernsten Ruhestörungen gekomrnen, bei welchen viele Menschen getötet wurden. Die japanische Marine hat einen schweren Verlust erlitten durch den Untergang des Panzerschiffes „Mikasa", bei welchem angeblich 600 Mann der Besatzung umgekommen sind. Das Schiff wurde durch einen Brand und eine daraus entstehende Explosion zerstört.
Das Bandenunwesen in Mazedonien nimmt in bedenklicher Weise zu, sodaß bereits die Befürchtung ernster Unruhen auf der Balkanhalbinsel besteht.
Im Kaukasus dauern die blutigen Zu- sanlmenstöße zwischen Armeniern und Tartaren fort. Es sollen dabei bereits mehrere tausend Menschen getötet worden sein. Auch in Finland scheint es wieder zu gähren. Es wird von der Strandung eines geheimnisvollen Dampfers an der dortigen Küste berichtet, der eine Menge Gewehre und Munition an Bord hatte.
Auch auf dem Balkan scheinen Unruhen bevorzustehen. Wenigstens nimmt das Bandeijun- wesen in Mazedonien wieder einen bedenklichen Umfang an, und aus verschiedenen Orten wird von Zusammenstößen zwischen Griechen und Türken und Griechen und Bulgaren berichtet.
Der Streitfall zwischen Marokko und Frankreich ruht vorläufig. Zwischen Frankreich und Deutschland werden die Verhandlungen wegen der Marokko-Konferenz neuerdings sehr eifrig geführt, sodaß man auf den baldigen Zu- samnientritt der Konferenz rechnet, der dann alle Beschwerden unterbreitet werden sollen.
Unpolitische Zeitlause.
® Berlin, 14. September 1905.
(Nachdruck verboten.)
Haben Sie AngstvorderCholera? Ich nicht, und meine Mitmenschen hier zu Lande zeigen auch die größte Gemütsruhe. Man spricht von den teueren Fleischpreisen und von den neuesten Wettrennen, aber nicht von der Seuche, die von der russischen Grenze heranzukriechen oder genauer gesagt heranzuschwimmen sucht. Das große Sterben iit Hamburg vom vorigen Jahrzehnt ist vergessen. Die Leute verlassen sich darauf, daß die Cholera eine Wasserkrankheit sei, die nur denen gefährlich werde, die verseuchtes Wasser trinken. Man verläßt sich darauf, daß „unsere" Wasserleitung viel besser ist, als die damalige Hamburger, die unfiltriertes Elbwasser in die Häuser trieb.
Allzuviel Angst ist ungesund; darum kann man sich freuen, wenn das Volk gegenüber der Krankheit Ruhe für die erste Bürgerpflicht hält. Aber sorgloser Leichtsinn ist doch nicht
gut. Bei dem lebhaften Verkehr kann uns plötzlich die Cholera in die nächste Nachbarschaft kom- men; damit wir dann nicht gleich den Kopf verlieren, ist es besser, sich rechtzeitig über die Sache klar zu werden.
Ueberdies müssen wir jede Seuche als Er- z i e h e r gelten lassen. Als Erzieher für die Behörden sowohl, wie für die Familien und jeden Einzelnen.
Zunächst mögen alle Stadtväter sich fragen, ob wirklich die örtliche Wasserleitung in tadellosem Zustande ist, auch hinter den Kulissen. Es ist ja noch gar nicht lange her, als peinliche Ge- richtsverhandlungen in diesem Punkte sehr schmutzige Dinge enthüllten. Im abgeschlossenen Brunnen (je tiefer, desto besser) sind die Krankheitskeime nicht zu Hause; aber wo das Wasser aus Flüssen geschöpft wird, sei es auch nur teilweise oder aushilfsweise, da ist die Gefahr viel größer. Da liegt das ganze Heil im Filter, und der ist nicht immer und überall bazillendicht. Deshalb sollte man diesen Anlaß benutzen, um dort, wo noch das Wasser für die Leitung aus dem nächsten Fluß oder Teich geschöpft wird, für die Herstellung von Tiefbrunnen oder den Anschluß an eine vor Verschmutzung sicherer Quelle zu agitieren.
Wo das Wasser nicht ganz koscher ist, muß die Selbsthilfe ein übriges tun. Sobald die Krankheit in die Nähe rückt, heißt die Parole „Abloch en!" Dann muß das rohe Wasser verpönt sein. Auch für das Abwaschen der Geschirre und sonstigen Eßgeräte. Das lautet umständlicher, als wie cs ist, denn in einem ordentlichen Haushalte wird das Abwaschen ja überhaupt mit heißem Wasier besorgt. Allerdings muß man bei einer Seuchengefahr auf die Reinigung der Trinkgefätze, namentlich in den Gastwirtschaften, besondere Sorgfalt verwenden. Als vor Jahren einmal der Typhus durch das Elbwasser nach Magdeburg verschleppt war, erkrankten mehrere Mitglieder eines trinkfesten Stammtisches, die „grundsätzlich" nur mit Bier oder Wein ihren großen Durst löschten. Es stellte sich heraus, daß die Leute vergiftet waren durch das Spülwaffer, in dem die Gastwirte ihre Gläser zu „reinigen" pflegten. Tie Feuchtigkeit, die in dem gespülten Glase hängen geblieben, hatte genügt, um lebensfähige Bazillen in den Magen zu befördern.
Aus dem Exempel sieht man nebenbei, daß es Aberglauben ist, den Alkohol für ein Schutzmittel gegen die Seuchen zu halten. Choleraschnäpse oder sonstige Choleratropfen und -Trünkchen nützen nur dem Verkäufer, nicht dem, der sie einnimmt. Wer seinen Magen so unter Alkohol halten will, daß die Bazillen darin ertrinken sollen, der wird sich selber mehr schaden, als den Bazillen. Das einzige Hilfs- und Heilmittel gegen verschluckte Bazillen ist ein g e.s u n d e r V e r d a u- ungsapparat. Darum soll man in bedenklichen Zeitkäufen noch mehr als sonst sich vor Verdauungsstörungen hüten, und das geschieht einfach durch eine vernünftige, regel in ä- tzige Lebensführung. Zur richtigen Zeit mit bekömmlichen Speisen den Hunger stillen, gut kauen, nicht zu viel schwerverdauliche oder scharfgewürzte Sachen herunterschlingen, nicht durch zu heiße Speisen oder durch zu kalte Getränke die innern Schleimhäute krank machen! Wer klug ist, der merkt sich das nicht bloß für Cholerazeiten, sondern für sein ganzes Leben. Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen und sollte also auch beim Essen und Trinken vernünftiger sein, als das liebe Vieh. Leider ist es manchmal umgekehrt; denn kein Tier überladet sich z. B. den Magen mit Gurkensalat, der in Scheidewasser — genannt Essig — schwimmt, und kein Tier stürzt in erhitztem Zustande ein eiskaltes Glas Bier in seine Kehle.
Auch die Reinlichkeit beim Essen und Trinken sollten wir in gesunden Zeitläufen ebenso gut pflegen, wie-in krankhaften Verhältnissen. Was
hilft die vorsichtige Sauberkeit in der Küche, wenn Mann und Kinder sich mit schmutzigen Händen an den Tisch setzen! Der Schmutz aus der Straße, aus der Werkstatt, aus den fremden Häusern und von den fremden Händen, die sie an ihren ungewaschenen Gliedmaßen hereinschleppen, kann leicht gefährliche Keime enthalten; sie geraten an die Eßgeräte und an die Speisen, sie finden ihren Weg in den Mund. Welch ein einfaches Mittel dagegen ist das Händewaschen vor der Mahlzeit! Das kann auch in der kleinsten, ärmsten Hütte geübt werden. Den Kindern sollte man von zarter Jugend an diese Vorbereitung auf die Mahlzeit beibringen. Und von den Erwachsenen sollte niemand sagen dürfen: Meine Hände sind ja gar nicht schmutzig geworden! Auch bei der feinsten Beschäftigung werden die Hände unsauber. Der dicke, offensichtliche Schmutz ist nicht immer der schlimmste. Wenn zum Beispiel ein Anstreicher seine Hände voll Oelflecken hat, oder ein Maurer voll Kalkspritzer, so ist das längst nicht so ekelhaft oder gefährlich, als wenn ein Schneider, der Maß nimmt, oder ein Lehrer, der sich mit seiner Kinderschar befaßt, oder ein höflicher Geschäftsmann, der eine ganze Portion fremde Hände gedrückt hat, ungewaschen sich an den Tisch setzen wollte. Deren Hände sehen vielleicht garnicht schmutzig aus und sind doch mit den bedenklichen Ablagerungen von anderen Körpern überzogen. — Die schlimmsten Schmutzrestr sind unter den Nägeln zu finden; darum sollst sich jeder das Herumstochern mit den Fingernägeln in der Nase und in den Zähnen abgewöhnen. — Den Gastwirten möchte ich nebenbei noch raten: Bietet euren Gästen Waschgelegenheit, möglichst mit Seife, das lohnt sich.
Wenn von Reinlichkeit in der Kleidung gesprochen wird, so denkt man zuerst an das waschbare Unterzeug. Aber leider wird das Oberzeug zu wenig beachtet. Namentlich wir Männer mit unseren Tuchkleidern bilden wandelnd-' Herde von Straßen-, Kneipen- und Bureauschmutz. Wer es nicht glaubt, braucht ja bloß auf seinen Rock und seine Hose zu klopfen, wenn gerade die Sonne ins Zimmer scheint. Das Ausklopfen und Bürsten der Männerkleider läßt oft zu wünschen übrig. Mein Ideal wäre, daß wir alle waschbare Ober- kleider trügen, ähnlich wie die Aerzte in den Krankenhäusern. — Mit Recht verbietet man uns auf den Fußboden zu spucken; da die Spucknäpfe selten und meist auch unbequem sind, so muß das Taschentuch um so mehr herhalten. Daraus folgt aber die Pflicht, das Taschentuch öfter zu wechseln. Es ist weder lieblich noch heilsam, wenn ein Tischoder Arbeitsnachbar mit einen: Taschentuch herumfuchtelt, dem man den reichlichen Vorrat von ganz oder halb eingetrocknetem Schmutz schon von weitem ansieht.
Für die Reinheit der Wohnung macht man in der Regel die Frau allein verantwortlich. Freilich, sie muß abstauben und fegen und scheuern nach Bedarf, doch nicht in unsinnigem Uebermaß, wie es manche vom Scheuer- teuselchen besessene Frauen tun, die ihr Haus zum Fegefeuer machen. Aber die Männer und die Kinder dürfen nicht die säubernde Arbeit der Frau mutwillig zu nichts machen, indem sie fortwährend den Straßenschmutz wieder in die Wohnung schleppen, weil sie die kleine Mühe des Füße- abputzens scheuen.
Und wenn nun trotz aller Diät und Reinlichkeit doch die Cholera oder sonst eine ansteckende Krankheit in der Familie ausbricht, was dann? Dann hat der Arzt das Wort und seinen Vorschriften leistet der vernünftige Mensch treulich Folge. Ich möchte nur besonders betonen, daß man sich nicht gegen die Ueberführung ins Krankenhaus sträuben soll. In meiner Jugendzeit gab es noch Leute genug, welche die Fahrt ins Krankenhaus wie einen Gang zum Schaffst oder den ersten Teil des Leichenbegäng-
Dem enlstmmt.
Nach den: Amerikanischen der Mrs. May Agnes Flennng erzählt von Lina v. Berlepsch.
llOs (Nachdruck verboten.)
. „Liebe Freunde und Gäste", ließ nun Wildairs wohltönende Stimme sich vernehmen, „zur Freude, Sie bei mir zu sehen, hat sich das Glück gesellt, meine geliebte Gemahlin ganz unerwartet zu empfangen. War etwas imstande, meines Herzens Wünsche im Uebermaß zu befriedigen, so ist es dieser Dame Gegenwart. Möge der glückliche Umstand, weit entfernt die Heiterkeit zu stören, beitragen zum glänzendsten Erfolge des Festes. Da Beispiele bekanntermaßen wirksamer sind, als Worte, mische ich mich unter die Tanzenden, und rufe, tote auf dem Felde der Politik: „Mir nach, Freunde, mir nach!"
Beifallsruf, Hvrrah und Händeklatschen folgte den Worten. Jeder Tänzer erfaßte die Hand s einer Dame, und wirbelnd wogte unter den berauschenden Klängen des Orchesters die heitere Menge durch die Säle.
Hatte noch etwas gefehlt, den Ball zu Außerordentlichem zu gestalten, so war es das Er- schemen der jungen Frau in ihrer königlichen Schönheit.
„Wie kommt's, Iva", fragte Thilo nach den eilten Stunden ihrer glücklichen Wiedervereinigung, „daß ich Dich so verändert finde, verändert zu Deinem Vorteil, idealisiert, wenn ich so sagen darf, als hättest Du die äußere Seelenhülle mit ihren unaussprechlichen Schlacken und Unebenheiten abgeworfen, um ganz strahlend klar, seraphisch zu erscheinen."
„Schmeichle nicht", erwiderte Iva lächelnd und ernst zugleich, „ich könnte Dir'« wohl sagen, fürchte aber. Du möchtest zürnen."
„Worüber? weil es etwas gab, das Dich zu dem machte, was ich wünschte, und wozu ich Dich nicht machen konnte? welches Elixir hast Du gefunden?"
„Ein Elixir von unschätzbarem Werte, und doch allen erreichbar, sie seien arm oder reich."
„Und ich suchte es vergebens; wie nennst Du es, Iva?"
„O, wenn Du wolltest, Thilo,, wenn Du nur wolltest!" rief sie mit stockendem Atem.
„Warum sollte ich nicht? nenne es, Iva."
„Das Elixir heißt „Glaube". Er blickte auf; sein Antlitz wurde ernst.
„Ich verstehe; bis jetzt war das Wort mir leerer Schall, und doch sah ich es in zwei Wesen verkörpert, in Deiner Freundin Emmy und —"
Er hielt inne; sein Antlitz verriet große Bewegung.
„In —" drängte Iva.
„In Rudolf. O Rudolf, mein einziger, teurer Bruder!"
Leidenschaftlich erregt durchschritt er den Raum.
„Hast Du ihn wiedergesehen, Thilo?"
„Ja!" entgegnete er dumpf.
„Wo ist er, Thilo? o sage mir, wo er ist."
„Im Himmel."
Sie sank auf ihren Stuhl zurück und verhüllte das Antlitz.
„Tot! tot!" schluchzte sie, „und ich war fern."
„Weine nicht um ihn", sprach Thilo und nahm liebevoll ihre Hände in die seinen, er starb den Tod des Gerechten. Möchte mein Ende dem feinigen gleichen!"
Iva aber weinte. Nicht ungestüm wild brachen die Tränen von den Wimpern, es waren Herzenstränen, die sie vergoß, Tränen des Dankes, des Flehens für den Toten.
„Selig, die im Hern sterben", flüsterte sie endlich, das feuchte Auge erhebend, „Gott gebe ihm die ewige Ruhe!"
„Er starb tote ein Heiliger", berichtete Thilo, „wie ein Kind im Mutterarm entfchlief er sanft, ein Lächeln auf den Lippen. Ihm war der Tod keine Pein."
„Warst Du zugegen, Thilo?"
„Ja, Gott sei Dank! Früher hatte ich mein Herz gegen ihn versteint, und wollte ihn nicht mehr kennen. Datz er Millionär geworden, hatte uns ihn entfremdet. Und doch, wenn ich ihm begegnete, Iva, und an ihm vorüberging, wie an einem Fremden, sehnte mein Herz sich nach ihm, dem einzigen Bruder, den ich dem Grabe zuwelken sah mit jedem Tage. Mein Stolz aber, dieser Fluch, der von jeher auf mir lastete, hielt mich ab, mich ihm zu nähern, ihm die Hand zu drücken, ihn Bruder zu nennen, wie ehedem. Die Nachricht seines nahen Endes erreichte mich. Nun hielt ich mich nicht länger. Ich eilte zu ihm, ich sah ihn wieder, verklärt unterm Morgenschimmer des ewigen Tages. Ich erflehte sein Verzeihen, seinen Segen, ach, Iva, mir war's, als müßt' ich seinen Segen empfangen, und sah ihn sterben. Nie, nie werde ich das Bild vergessen! O, Rudolf, Du heiterer, frohsinniger Gefährte meiner Jugend, liegst nun im engen Sarge tot und starr!"
Iva legte die Hand auf des Gatten Schulter.
„Weine nicht um den Staub", flüsterte sie leise, „das Ewige harrt des Wiederfindens. Und tote geht's Deiner Mutter?"
„Auch fte ist tot. O, Iva, wie weh hat sie Dir getan! Kannst Du ihr vergeben?"
-„So voll und frei, wie ich Vergebung hoffte. Sie ruhe in Frieden. Und Deine Kusine, Thilo?"
Unwillkürlich röteten sich Jva's Wangen trotz des leichten Lächelns, das über ihre Lippen glitt.
Mit einer gewissen Scheu blickte Thilo in ihr unbefangenes Auge.
„Dieser Name macht mich im Herzen sehr demütig, Iva. Sie ist wohl und verheiratet."
„An wen?"
Thilo lachte.
„Erinnerst Du Dich des jungen Löwen Lester? Er stotterte etwas."
„Gewiß; er war unter den Gästen von Richmond Hall. Den hat sie gewählt?"
„Ja, den hat sie gewählt, und ein schönes Leben bereitet sie ihm, wie Curtis behauptet."
„Wie seltsam sich die Dinge oft gestalten," rief Iva bewegt.
„Du kannst jedenfalls davon sagen, das Wie- derfinden Deines Bruders gehört unzweifelhaft in die Kategorie des Seltsamen. Doch Du fragst nicht nach den Freunden in Barnfield, hast Du sie vergessen? Sieh mich nur nicht so vorwurfsvoll an. Ich denke, das Klügste ist, Du gehst gleich selbst nach Barnfield, um nachzusehen."
„O, Thilo, wenn das möglich Ware! siebe Emmy! liebe, gute Tante Jerry!"
„Liebe, alte Mieritz!" fuhr Thtto fort.
„Und warum nicht? liebe, alte Mieritz!" lacht« Iva, „waren wir nicht stets die besten Freunde? Wie verlangt mich's, Alle wiederzusehenl Wann kannst Du mit mir hingehen, Thilo?"
„Nächste Woche, nicht früher. Dann wollen wir mit Randall eine Wallfahrt unternehmen nach Barnfield zum Häuschen am Ufer. Ich sag« Dir aber, vor Tante Jerry mußt Du einen Fußfall tun, sonst erlange ich weder Zutritt noch Vergebung."
Wie lange erschien Iva diese Woche?
Endlich war sie verstrichen und an einem wundervollen Tage traf sie in Barnfeld ein. Wit reizend es ihr erschien. Schöner als Florenz und Rom unter Italiens tiefblauem Himmel. Nicht! hatte sich verändert. Dort lag Richmond Hall, der Stolz des Städtchens, weiter drüben Emmy! trautes Heim, und unweit davon das alte Schulhaus, wo Iva ihre ftürmifche Kindheit und erst« Jugend verlebt.
(Fortsetzung folgt.)