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Fulda, Dienstag, dm 12. September 1905.
M 208.
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(Nachdruck verboten.)
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Nach dem Amerikanischen der Mrs. May Agnes Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.
Deutsches Reich.
Berlin, den 11. September 1905.
Alsdann setzte sie sich an den Flügel und sang „Casla Diva“ mit einem Schmelz der Stimme, der ihr, wie sie meinte, Mr. Wildairs Herz erobern mutzte.
„Er ist gewitz nicht verheiratet," entschied sie und sprang mit einem letzten dröhnenden Akkorde vom Klavier auf, „das wäre dann ein Fang, und wie würde Lilly sich ärgern!"
Fräulein Randall, deren Wesen der Familie Leonard jederzeit ein Rätsel gewesen, wurde in den kommenden Tagen zur unauflöslichen Sphinx.
„Sie ist hysterisch," behauptete Mrs. Leonard, Fräulein Lilly stimmte für Exzentrizität und Herr Leonard, der in ihr das Genie entdeckt, fand bei dtinern solchen jedwede Absonderlichkeit verzeihlich.
Glücklicherweise nahm das bevorstehende Fest und dessen Vorbereitungen die Aufmerksamkeit aller in Anspruch, Gärtner, Tapezierer, Putzarbeiterinnen und Modehändler drängten Fräulein Randall in den Hintergrund.
Endlich erschien der bestimmte Tag. Alle Einladungen waren angenommen. Mr. Wildair, Mr. Curtis, Mr. Randall sollten kommen.
32. Jahrgangs
der Rudolf von frittier, und sie hatte aufgehört, die kleine Iva zu sein. Wäre es ihm erwünscht, die Bekanntschaft zu erneuern? oder hatte auch er sie erkannt und wollte ihr fremd bleiben? Nach einem Moment des Zauderns trat sie den Heimweg an.
Alts den hohen Fenstern gltoll ein Ltchtmeer ryr entgegen. Viele Schatten zeichneten sich ab gegen die Gardinen des Speisesaales. Welcher war der seine? Mochte er ahnen, wie nahe er seinem Bruder, wie nahe er seinem Weibe war? Sie fühlte sich nicht imstande, das Haus zu betreten, die Luft ihres Zimmers hätte sie erstickt. Matt und halb- verwirrt suchte sie eilt von rankenden Zweigen halb verstecktes Gartenhäuschen auf, warf sich auf das niedere Ruhebänkchen und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie lange war sie so gesessen, allein mit ihren Gedanken, so nahe bei ihm und doch so unendlich fern?
Das Knirschen des Kieses unter Männertritten schreckte sie empor, der Duft einer Zigarre drang zu ihr und Richard Curti's Stimme sprach lachend:
„Ob Fräulein Lockenkopf wohl das schmelzende Solo beendet hat, das sie vor unserem Entrinnen begonnen? Ein Glück, datz wir entwischten, mich hätte es rein umgebracht."
„Du bist zu streng im Urteil, Curtis," antwortete Randall, „es ist einmal Sitte, datz die Töchter des Hauses mit musikalischen Leckerbissen aufwarten, der Lockenkopf tut nur seine Pflicht."
„Und das nennt man Salonstücke l Wo ist die Zeit, wo die Mädchen sangen: „Freut Euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!" Komm, setzen wir uns hier auf die Bank. Ich bin froh, daß wir entkommen sind, Wildair mag sich martern lassen." . o.„ . ,
„Das hat man davon, wenn man der Lowe deS Tages ist," meinte Randall, „Fräulein Ella sucht ihn zu ködern, hast Du's bemerkt?"
„Bislang scheint sie wenig Erfolg zu haben, übrigens ist sie nicht die einzige, die sich um ihn bemüht."
jKtt. das ist nur verlorene Mübe." sprach
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z. parzeller in Zulda.
Heber die gestrige Audienz des Reichskanzlers beim Kaiser "meldet der .Reichs- und Staatsanzeiger' nur, daß „Se. Majestät gestern nachmittag "im Schlosse zu Koblenz den Vortrag des Reichskanzlers Fürsten von Bülow entgegen«
Welches Feuer brannte in Jvas Augen, wie glühte fieberhaft ihr Angesicht! Der Schulordnung genügte sie, wie's eben ging, und als der Abend Ruhe brachte, litt sie es nicht länger im Hause. Sie konnte nicht weilen, um die Gäste zu sehen, seine Stimme zu hören. Sie bangte vor der eigenen Schwäche. Würde sie ihrer selbst mächtig bleiben in seiner Nähe? war nicht eher zu vermuten, daß ihres Wesens Erregtheit sie ar Handlung triebe, die sie später bereute r Strömungen ihrer leidenschaftlichen Gefühle preis- gegeben, mutzte sie ihn meiden.
Curtis, „Du hörtest doch auch von der traurigen Geschichte?"
„Weiß nichts davon, so viel ich mich erinnere," äußerte Randall im Tone großen Interesses, „er- zähl mir's doch! Jst's wahr, datz er verheiratet sein soll?"
„Freilich ist's wahr, war ich doch selbst bei der Hochzeit. Und die Braut war schön, wie die Vision eines Opiumrauchers."
„Kann mir denken, daß Wildair in seiner Wahl nicht unbedacht gewesen sein wird," rief Randall, „warum aber die Trennung? liebte er seine Frau nicht?"
„Er liebte sie über alles ulld sie vergötterte ihn. Aber sie war arm und stolz wie Luzifer. Nun scheint es, datz Wildair's Mutter mit der Ehe ihres Sohnes nicht einverstanden war und so demütigte sie die junge Frau in jeder Weise.
„Gestattete Wildair solches Gebühren?
„Eigentlich wußte er's nicht, oder man tauschte ihn vielmehr. Die Kränkungen erfolgten meist tn seiner Abwesenheit. Da war auch eine Kusine, di« ihn zu allem Ueberflutz noch eifersüchtig machte, und Du weißt, Randall, ein eifersüchtiger Mann kennt sich häufig nicht mehr."
„Arme Frau!"
„Wir verlebten Weihnachten auf Richmond Hall, und die arme junge Frau wurde ihres LebenS nicht froh bei den verletzenden Sticheleien ihrer Schwiegermutter und dem boshaften Hohn der Kusine. Es kam zu heftigen Szenen, bei welchen die weiften der Gesellschaft sich indifferent benahmen, oder gar Partei nahmen gegen die gequälte Frau, weil sie dem Volke entstammte und büßen sollte, daß sie in höhere Kreise sich gefeilt. Bei ihrem Temperament litt sie furchtbar und ihr Aussehen veränderte sich im Laufe einer Woche derart, daß sie nicht mehr zu kennen war."
Iva war nicht im Stande, dem Gespräche der beiden Männer weiter zu lauschen; eine g» waltige Angst befiel sie und sie fühlte sich einer Obnnuzcht nahe. Rasch begab sie sich ins Haus,
ne Reihe von linksliberalen Blättern bringt die Audienz, welche der Reichskanzler Fürst von Bülow gestern nachmittag in Koblenz berm Kaifer hatte, in direkte Verbindung mit der Fleischnotfrage. Bekanntlich ist in dieser Angelegenheit von liberaler Seite längst ein Gegen- satz zwischen dem Reichskanzler als preußischen Ministerpräsidenten und dem Landwirtschafts- minister v. Podbielski konfttuiert worden, obwohl bisher Tatsachen, die dazu Anlaß geben könnten, nicht Vorlagen. Fürst von Bülow hat es vermieden, irgendwie Stellung zur „Fleischnot"-Frage "zu nehmen und ist einer Unterhaltung mit Interessenten in dieser Frage sogar etwas geflissentlich aus dem Wege gegangen. Er hat sich darauf berufen, daß die Angelegenheit „ressortmäßig" den Land Wirtschaftsminister angehe.
Der Umstand, daß der .Reichs- und Staatsanzeiger' in letzter Zeit fortgesetzt Material veröffentlichte, welches die Auffassung des Landwirsschaftsministers in der Angelegenheit stützte, ließ gleichfalls nicht den Gedanken aufkommen, daß im Staatsministerium in der Sache Differenzen beständen. Andernfalls hätte man auch sicher bei der jüngsten Anwesenheit des Ministerpräsidenten in Berlin von einem Ministerrat gehört. Von einem solchen ist aber keine Rede gewesen. Die Annahme, Fürst von Bülow habe in Koblenz dem Monarchen fachliche Meinungsverschiedenheiten innerhalb der preußischen Regierung hinsichtlich der sogenannten Fleischnotfrage zur Entscheidung vorgelegt, steht demnach auf sehr schwachen Füßen.
Wir glauben nicht an solche sachliche Differenzen. Eine Fleisch teuer un g ist ja nicht zu leugnen, aber diese Teuerung ist wenigstens zum allergrößten Teile von Umständen herbeigeführt worden, die außerhalb des Bereiches von Maßnahmen liegen, welche von der Regierung ausgehen können. In überzeugender Weise hat der ,Reichs- und Staatsanz.' dargetan, daß mit Ausnahme der Schweine die Vieheinsuhr auch in den allerletzten Monaten größer gewesen ist, als in den gleichen Monaten des Vorjahres, daß also weder Zoll noch sanitäre Maßnahmen an den Grenzen als Ussachen für die Fleischteuerung gelten können. Auch die weitere Behauptung des .Reichs- und Staatsakt;.', daß die gesetzlich zulässige Höchstzahl der zur Einfuhr nach Oberschlesien zugelassenen russischen Schweine im Juli nicht voll ausgenutzt worden sei, ist bisher nicht widerlegt worden. Der Magistrat von Königshütte will allerdings „durch eine Umfrage" festgestellt haben, daß das Kontingent in dem gedachten Monate voll zur Einführung gelangt fei; wer das offizielle Organ der Regierung weist yeute an der Hand der Zahlen nach, daß das nicht der Fall gewesen ist. Unter diesen Umstanden mutet der Ruf nach Oeffnung der Gren- .en und der Erhöhung des russischen Schweine- Kontingentes doch eigentümlich an.
Wenn gleichwohl der preußische Landwirt- chaftsminister in den letzten Tagen erklärt hat, -n neue Erwägungen über Mittel und Wege der Fleischteuerung zu "steuern, eintreten zu wollen, so darf man darin den Beweis erblicken, daß man auf Seiten der Regierung der Angelegenheit keineswegs gleichgiltig gegenübersteht. Wenn aber der Minister die Erhöhung des rttsfi-
als ein starkes Stück bezeichnet werden, roetm man demselben die Annahme eines von einer anderen Nation wegen eines Konstruktionsfehlers verworfenen Bootes zumutet."
* Eisenbahn-Unfälle. Im Monate Juli d. Js. sind auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich der bayerischen und der Bahnen mit weniger als 50 Kilometer Betriebslänge — 20 Entgleisungen auf freier Bahn (davon 10 bei Personenzügen), 21 Entgleisungen in Stationen (davon 7 bei Personenzügen), 2 Zu- s ammenstö ß e auf freier Bahn (zwischen Güterund Rangiei^ügen), 8 Zusammenstöße in Stationen (davon 2 bei Personenzügen) vorgekommen. Dabei wurden 5 Bahnbedienstete getötet, 14 Reisende und 18 Bahnbedienstete verletzt.
* Eine große Verschlimmerung der Lage in Deutsch-Ostafrika erblickt die ,Rhein.-Westf. Ztg.' mit Recht in der von uns schon mitgeteilten Meldung, daß auch der Wangoni-Stamm aufständisch ist. Das Bezirksamt Langenburg, von dem Graf Götzen diese Nachricht erhalten hat, liegt am Nordende des Njassasees und ist durch die bekannten Rhodessche» Heberlandtelegraphen mit Kapstadt verbunden. Die Wangoni bewohnen die fruchtbare Landschaft Ungori, tn der die Station Songea liegt, an der Karawanenstraße, die von Wiedhafen am Njassasee nach Kilwa führt. Songea liegt etwa 100 Kilometer . östlich von Wiedhafen. Es ist besetzt mit der 8. Kompagnie der Schutztruppe unter einem Oberleutnant. Im ganzen leben 19 Europäer in dem Bezirk. Von Kilwa an der Küste ist es in 24 Tagen zu erreichen. Die nächste Unterstützung kann ihm vom Njassasee gebracht werden. Du Wangoni sind sehr zahlreich und berüchtigt, Räuber. Nach dem letzten Jahresbericht werden sie auf 36000 Mann geschätzt, während der ganze Bezirk Songea wenigstens 75000 Einwohner hat. Zur Verhinderung ihrer Raubzüge wurde 1897 die Station gegründet. Seitdem verhielten sie sich ruhig. Wenn sie sich jetzt erhoben haben, so bedeutet dies eine große Ver- schlimrnerung der Lage. Der ganze Süden des Schutzgebietes vom indischen Ozean bis an den Njassasee befindet sich jetzt in Ausruhr.
% Die ,Nat. Ztg.' tritt in einer anscheinend offiziösen Notiz nachdrücklich den Gerüchten von dem bevorstehenden Rücktritte des Gouverneurs von Snmoa, Dr. Solf, entgegen. Die Abreise Dr. Solfs von Apia sei allerdings auf dm 17. September festgesetzt, aber der Gouverneur trete lediglich einen seit fast Jahresfrist fälligen regelmäßigen Urlaub an. Er werde voraussichtlich auch im Reichstage auftreten und sich bei Gelegenheit der Beratung des Etats für Samoa gegen die seit Jahren wider ihn betriebene systematische Hetze verteidigen.
* Heber die weitere Verbreitung der Cholera berichtet der,Reichs- und Staatsanzeiger': „Vom 9. bis zum 10. September sind im preußischen Staate 16 choleraverdächtige Erkrankungen und 6 Todesfälle, vom 10. bis 11. Sept, mittags weitere 15 choleraverdächtige Erkrankungen und 6 Todesfälle an Cholera amtlich gemeldet worden. Von den früher gemeldeten choleraverdächtigen Erkrankungen sind 9 durch die bakteriologische Hntessuchuug nicht als Cholera festgestellt. Die Gesamtzahl der Cholerasälle betrug daher bis jetzt 161 Erkrankungen, von denen 58 tötlich
diese erhebliche Ausstellungen machm, so ist es wohl möglich, daß er noch nicht so bald dem Landtage zur Beschlußfassung unterbreitet werden kann. Aus diesem Grunde ist es mehr als zweifelhaft, ob die anfänglich in Aussicht ge» stellte Herbsttagung des Landtags überhaupt stattfindet. Daß der Entwurf des Schulunter« Haltungsgesetzes demnächst werde veröffentlicht werden, wie der ,Reichsbote' behauptet hatte, kommt der ,Kreuzzeitung' sehr unwahrscheinlich vor.
* Zur Tabaksteuervorlage, die einen Teil der „Reichsfinanzreform" bilden soll, weiß die süddeutsche Tabakszeitung' zu berichten, es sei eine Erhöhung des Zigarettenzolles auf das Vierfache des bestehenden Satzes von 270 Mark für den Doppelzentner, entsprechend dem Wunsche der heimischen Zigarettenfabrikanten beabsichtigt. Außerdem soll eine Banderolsteuer teils nach russischem, teils amerikanischem System auf deutsche und ausländische Zigaretten gelegt werden. Man schlägt 21/. Mark für das Tausend vor. Da die Raucher der Zigarette in Deutschland sich ihre Zigaretten oft selbst Herstellen, wird eine Zigarettenpapier-Stempelsteuer nach griechischem und früheren rumänischem System geplant. Im Reichsschatzamte werden die Erträge dieser „Zigaretten-Luxussteoer" mit ungefähr 18 Mill. Mk. bewertet, somit also der fünfte Teil dessen angesehen, was an neuen Stenern für die große Reichsfinanzreform notwendig ist.
.-. Die sozialdemokratische Kieler .Schleswig- Holsteinische Volkszeitung' hatte die Behauptung aufgestellt, die Reichsregierung habe sich einer „neuen Verletzung des Budgetrechts des Reichstages" schuldig gemacht, weil das Reichsrnarine- amt der Germaniawerft für die von ihr vor 2 Jahren angeblich auf eigene Kosten in der Eckern- sörder Bucht vorgenommenen Unterseeboot« versuche Gelder bezahlt habe, die für erst im Jahre 1905 vorzunehmende Versuche vom Reichstage bewilligt wären. Angekündigte neue Versuche würden gleichfalls aus Mitteln bestritten, die noch nicht bewilligt wären. Weiter hatte das sozialdemokratische Blatt behauptet, die Marineperwaftung habe der Eermaniawerst ein von der russischen Regierung wegen eines Konstruktionsfehlers abgelehntes Hnterseebot abgenommen, das bann von offiziöser Seite als erstes deutsches Unterseeboot bezeichnet worden sei. Demgegenüber schreibt die ,9lorbb. Allgem. Zeitung': „Das Neichsmarinearnt hat niemals der Germaniaiverft für die früher von ihr vorgenommenen eigenen Versuche auch nur einen Pfennig bezahlt. Die für das Jahr 1905 vorn Reichstag für Hnterseebootversuche bewilligte Summe "von IV2 Millionen Mark wird für Versuche mit einem bet der Germaniawerft im Auftrage des Reichsrnarineamts im Bau befindlichen Unterseeboot, das zurzeit noch nicht einmal vom Stapel gelaufen ist, verwendet werden. Der Beginn der Versuche wird sich wegen der im Interesse der Sicherheit der zukünftigen Besatzungen verlangten sehr eingehenden Vorversuche und Erprobungen aller einzubauenden Apparate und Materialien noch voraussichtlich längere Zeit hinziehen und schwerlich vor dem Spätherbst beginnen können. Angesichts der ganz besonderen Gründlichkeit und Vorsicht, welche das Reichsmarineamt beim Bau seines ersten Unterseebootes beobachten läßt, muß es
nahmen".
* Der Schulunterhaltungs-Gesetzentwurf ist im Hnterrichtsministerium, nach der ,Kreuzztg.', fertig gestellt worden. Er ist aber zunächst den Provinzialbehörden zur Aeußerung vorgelegt worden, und da es nicht ausgeschlossen ist, daß
Sie warf den Mantel um, drückte den Hut tief in die Stirne und suchte, wie gewöhnlich, durch einen langen Spaziergang Gleichmut zu gewinnen.
Der Maitag war herrlich gewesen. Noch strömten Wälder und Felder den warmen Hauch des sonnigen Tages aus. Einsam zitterte ein Stern am bleichen Horizont. Er brachte Iva jene Nächte zurück, in denen sie so gerne von ihrem Stübchen aus. die Gestirne betrachtet, ihrem sanften Ein- fluß sich hingegeben, ihren Glanz getrunken, ihre Sprache erforscht hatte. Wie still und friedsam schien alles um sie her. In ihr nur tobte die Flut, sie nur mied der Seraph des Friedens.
Weiter und weiter führte sie der rasche Schritt. Nach und nach wurde es stiller in ihr. Stern um Stern brach aus der matten Bläue und längst war des Tages letzter Schimmer erstorben, ehe Iva daran dachte, nach Hanse zu gehen.
Endlich wandte sie sich heimwärts. Es war ein einsamer Weg, den sie wählte, nicht der gewöhnliche Pfad nach der nächsten Stadl. Seltsam mußte es ihr daher erscheinen, als ein Mann sich ihr hastig näherte. Es war eine elegante Erscheinung, das matte Sternenlicht ließ die Züge nicht erkennen.
„Können Sie mir sagen, wo die Wttwe O'Nell wohnt?" fragte der Fremde.
Diese Stimme! Jva's Herz zog sich zusammen, als sie in's Antlitz des Herrn spähte.
„Sie sind auf dem Wege zu ihrer Behausung, mein Herr," entgegnete sie, „noch einige Schritte und Sie gelangen zum Zaun, der ihre Hütte umgibt."
„Danke sehr."
Der Fremde lüftete mit leichter Verbeugung den Hut und Iva erkannte Rudolf Wildair.
Die Ueberraschung raubte ihr den Atem, un- willkürlich wandte sie sich nach ihm um. Sollte sie ihm nacheilen? mit ihm sprechen?
Im ersten Moment schien sie ernstlich dazu entschlossen, ein zweiter Gedanke hielt sie zurück. Was mußte er von ihr denken, wenn sie ihm zu dieser Tagesstunde folgte ? GS war ja nicht mehr
schm Schweinekontingents und die Erleichterung der Vieheinfuhr über die holländische Grenze als eventuell zulässige Maßnahmen fteistellte, so dürste er dabei die Ueberzeugung gehegt haben, daß auf diesem Wege am ehesten die Unzulänglichkeit der bisherigen liberalen Erklärungen für die Fleischnot bargetan werben könnte. Von biesem Gesichtspunkte aus verstehen wir bie scharfen Angriffe der agrarischen ,Deusschen Tageszeitung' auf bie Regierung anläßlich der Ankündigung „erneuter Erwägungen" nicht, Angriffe, welche mit der Androhung des Verlustes des eben erst wieder erstarkten Vertrauens der Landwirte zur Regierung durchgesetzt sind. Die beiden, event. vom Landwirtschaftsminister in Aussicht genommenen Maßnahmen verletzen die sanitären Vorsichtsmaßregeln, die für die Vieheinfuhr an den Grenzen getroffen sind, am wenigsten. Ihre Erfolglosigkeit hinsichtlich der Verminderung der Fleischnot, bezw. der Fleischteuerung würde ein schärferes Argument für die Richtigkeit der Auffassung der Regierung abgeben, als es alle bisherigen statistischen Nachweise liefern konnten.
Trotz alledem dürften diejenigen, welche von einem Gegensatz zwischen dem Fürsten von Bülow und Herrn von Podbielski in der Fleisch« notfrage reden, nicht ganz unrecht haben. Es handelt sich dabei aber nur um die formelle Behandlung der Angelegenheit durch den preußischen Landwirtschaftsminister. Auch wir haben f. Z. die „Tischrede" des Herrn von Podbielski über die Fleischnot getadelt. Der Minister hat seither einige weitere Auslassimgen über die Angelegenheit, die für weite Volkskreise doch einen recht ernsten Charakter trägt, vom Stapel gelassen, die nicht gerade glücklich zu nennen waren, namentlich im Hinblick auf bie steigende Erregung, die in der Presse und in Versammlungen zu Tage tritt. Die gegen Herrn von Podbielski gerichteten Angriffe der ,Köln. Ztg.' dürfen als Ausdruck des Unmuts betrachtet werden, der an leitender Stelle über diese Behandlung der ganzen Angelegenheit vorherrschte. Diese Angriffe als Einleitung zur „Absägung" des Herrn von Podbielski anzusehen, geht unseres Erachtens aber zu weit. Vielleicht ist gestern in Koblenz die „Formftage" besprochen worden, aber wohl kaum in dem Sinne zum Austrag gebracht worden, wie es den Wünschen des Liberalismus entspräche. Der preußische Landwirtschaftsminister mag in her Form hier und da „gesündigt" haben, aber seine Entgleisungen sind längst wett, gemacht durch die wahrhaft hahnebüchene Art, wie ihm die, jüngste Fleischerversammlung in Berlin mitgespielt hat.
MaerW Zeitung
Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagrzeitung" " Wonatsbtitag«: „Mdaer Seschichtsblätttt".