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Rotationedrnck u. Verlag der Znldaer Ae> ttendruckerei in Zulda. Fernsprecher Rr. 9.

82. Jahrgang.

Fulda, Montag, dm 1L September 1905.

J& 207

Krfies Matt

Vordamm a. Netze

Finowkanal ist von Oderber Hohensaathen verlegt worden.

isber gemel­deter Erkrankungen haben sich 3 nicht als Cholera herausgestellt. Die Gesamtzahl der Erkrankungen bezw. Todesfälle betrug bis jetzt 139 bezw. 46, Ein« neue Stromüberwachungsstelle ist errichtet worden in Vordamm a. Netze; die Ueberwachungsstelle am Finowkanal ist von Oderberg nach der Schleuse bei

• Die Missionen in Deutsch-Gsiaftita.

(Schluß.)

Wie sich aus der im ersten Artikel gegebenen

das französische Ultimatum angenommen hat und die französische Presse ruhiger geworden ist. Viel­leicht würde die französische Presse einen andern Ton angeschlagen haben, wenn sie gewußt hätte, was sich inzwischen in Fez zugetragen hat. Wie nämlich die ,Nationalztg/ berichtet, ist eS Graf Tat le nb ach gewesen, der den Sultan von Marokko veranlaßt hat, das französische Ultima­tum anzunehmen.

.'. Cholera. Der Morddeutschen Allgemeinen Zeitung' zufolge fand unter dem Vorsitze des Kultusministers, der zu dem Zweck seinen Er­holungsurlaub unterbrochen hat, am Freitag im Kultusministerium eine Sitzung statt, welche die Cholera und ihre Bekämpfung zum Gegen­stände hatte. Das Blatt schreibt: „Das Er­gebnis der Sitzung war, daß es sich bisher nur um vereinzelte Cholerafälle handele und von einer Epidemie nicht gesprochen werden könne. Immerhin müßten die in weitestem Umfange getroffenen und bisher vortrefflich bewährten Bekämpfungsmaßregeln mit größtem Nachdruck durchgeführt werden. Besonderen Wert wurde auch darauf gelegt, daß das Publikum selber sich mit dem Wesen und der Verhütung der Cholera vertraut mache, weil dadurch sowohl der Gefahr, wie auch der übertriebenen Furcht vor der Cholera am besten begegnet würde."

Vom 8. bis 9. September sind im preußische« Staate 19 Erkrankungen und 7 Todesfälle an Cholera neu gemeldet worden. Von den Erkran­kungen entfallen auf den Kreis Rastenburg 1, Marien­burg 1, Graudenz 5, Marienwerder 4, Stuhm 1, Rosenberg 1, Samter 1, Wirsitz 1, Filehne 2, Bronu berg-Land 1 und Gnesen 1. Von den bisbe

Ausland.

* Der französische Kriegsminister hat mit Bezug auf den Ausstand in Pont ä Mousson dem 20. Armeekorps in Nancy die Anordnung erteilt, den Offizieren und Soldaten einzuschärfen, daß sie in den Zwistigkeiten zwischen Arbeitern und Arbeitgebern Neutralität beobachten müßten, und daß sie weder durch ihr Vorgehen noch durch ihre Haltung den Anschein der Par­teilichkeit erwecken dürften. — Der Handels­minister Dubief hat das Gesuch der Post- und Telegraph en bedien stet en umErmächttgung zur Gründung einer Fachgenoffenschaft abge­wiesen, mit der Begründung, die republikanische Regierung könne nicht zugeben, daß Staatsan­gestellte das wirtschaftliche Lebe« bei Landes gefährdeten, indem sie ihre privaten Jntereffe« gegen die öffentlichen Interessen ins Feld führten. — Aus St. Etienne wird gemeldet, daß während der Manöver bei einer Reservistenkompagnie eine Meuterei der Soldaten ausbrach; diese brachten bei ihrem Hauptmann verschiedene Beschwerde vor, verließen das Regiment und zerstreuten sich unter Absinguna revolutionärer Lieder nach allm Richtungen. Offiziös wird diese Meldung als stark übertrieben bezeichnet. ES handele sich nut um ganz vereinzelte Fälle von Subordinatton. (?)

* Zur Lage in Rußland. Die russischen Bankiers haben eine Zirkularnote an die Regie­rung gerichtet, worin sie erklären, daß der

Stationen bei Bezirks Lindi gefährdet. Tat­sächlich sind ja auch die beiden Stationen Luka- ledl und Nyangao von den Aufständischen über- fallen worden, doch sind nach ben letzten Nach­richten alle Europäer bis auf eine Schwester, die vermißt wird, nach b$r Küste gerettet. Die beiden überfallenen Stationen liegen am Lukaledi-Fluffe, Nyangao etwa 80,, Lakuledi etwa 130 Kilometer westlich von Lindi, also von der Küste entfernt. Von Lukaledi bis zum Kowuma, dem Grenzfiuffe zwischen Deutsch-Ost- afrita und Portugtefisch-Ostafrrka, dürften es etwa 80 Kilometer fein. Da auch die noch weiter südlich gelegene anglikanische Misstons­station Maffassi einem Angriff ausgesetzt war, so geht daraus mit Gewißheit hervor, daß das ganze Gebiet zwischen dem Kustdji und dem Kowuma im Aufftande begriffen tft. Das läßt zum mindesten auch für die Stationen in dem westlich gelegenen Bezirk Srongea und in dem nördlich gelegenen Bezirk Jringa schlimme Be­fürchtungen austauchen, zumal bereits Nach­richten über Versuche der Eingeborenen vorliegen, oen Oberlauf des Kustdji zu überschreiten.

Auch die Lage der Stationen im Hinterlande ion Dar-es-Salaam ist keineswegs gefahr- os, da im Bezirk von Kilossa und Kisaki be» chits Karawanen von dm Eingeborenen bedroht ivorden find. Nach alledem ist das ganze Gebiet öer Benediktiner-Mission im Vikariate Süd- Sansibar durch den jetzigen Aufstand mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen.

Die Benediktiner haben neben der eigent­lich en Missionstätigkeit und dem Schul­unterricht auch der Heranziehung der Einge­borenen zur Arbeit große Aufmerksamkeit zewidmet. Handwerk, Ackerbau und Viehzucht vird in gleicher Weise von ihnen gepflegt. Wo Schwesterngründunam bestehen, wird auch große Sorgfalt auf die Krankenpflege verwandt. Im ganzen wurden von der Mission im Berichtsjahre 1903/04 53 Schulen (16 mehr «ls im Vorjahre) unterhalten, an welchen speziell auf dm Neben- ftationen) auch 43 eingeborene Lehrer tätig waren. Die Zahl der Schüler betrug 1903/04 1853 (mehr 939). Die Gesamtzahl der einge- oorenen Christen wurde auf 3039 angegeben.

Daß gerade die beiden Stationen Lukaledi und Nyangao von den Eingeborenen über« fallen worden sind, könnte auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Der Miffionsbericht für 1901/02 sagte noch, die ganze Gegend um Luka­ledi, einschließlich der Miffion Nyangao, sei dem Christentum nicht abgeneigt. Die Miffion Luka­ledi, die 1895 gegründet wurde, zählte sogar die meisten Christen (1903,04: 1216). Auch der Bericht für das Jahr 1902/03, in welchem der Bau einer Kirche in Lukaledi begonnen wurde, besagt, daß die Neaerbevölkerung der Mission zugeneigt sei und sich auch für den Unterricht empfänglich zeige. Aber gerade diese Fortschritte der Miffion in der Verbreitung des Chrfften-

tnms dürfte die Führer der heidnischen Bevölke­rung, die „Zauberer", aufgestachelt haben.

Außer dm genannten katholischen Missionen find in DeutschOstafrika noch die „Weißen Väter" tätig und zwar im Apostolischen Vikariat von Ungangembe in den Distrikten von Tabora und Usumbura, und im Apostolischen Vikariat Südaganza, das sich mit den beiden Distrikten Mwanga und Bukoba deckt. In dem erstgenannten Apostolischen Vikariat bestndm sich im Ganzen acht Misstonsstationen, im zweitgenannten sechs Hauptstationen. Die „Weißen Väter" sind dem­nach in der Hauptsache im äußersten Westen und Süd-Westen der Kolonie tätig. Sie sind nicht ausschließlich deutscher Nationalität, sondem zählen auch viele Ausländer, namentlich Fran­zosen, Belgier und Holländerzu ihren Angehörigen. Ihre Missionserfolge find namentlich unter den Uganda-Leuten bedeutend. Sie befassen sich auch mit gelehrten Arbeiten und habm namentlich für die geographische Wiffenschaft schon manches Wertvolle geleiftet. Hoffentlich bleibt dem kctth. Misfionswerk in Deutsch-Ostafrika größerer Schaden fern.

* Die Abberufung des Generals v. Trotha vom Oberkommando in Deutsch-Südwestasrika teht, wie der .Berliner Lokalanzeiger' erfährt, ür Mitte November bevor. Zu diesem Termin et das Eintreffen des Gouverneurs von Linde» quist in der Kolonie zu erwarten. Dem Blatte zufolge soll ein mit dem Range eines Brigade- kommandeurS ausgeftatteter Offizier, der dem Gouverneur untergeordnet wird, das Truppen­kommando in Südwestafrika erhalten. Die Ent­scheidung über diese Persönlichkeit fei zur Zeit noch nicht gefallen.

8 Der Ausfall der Reichstagsnachwahl in Thorn gibt verschiedenen Berliner Blättern An­laß zu der Behauptung, derselbe bedeute eine Wendung in der Haltung der deutschen Katho­liken in diesem Wahlkreise zu Gunsten der Ost» markmpolitik. Die /Kationaljeitung' be­zeichnet dm Ausfall der Wahl direkt als eine Lehre für das Zentrum; die .Germania' weist diese Behauptungen mit folgenden Aus­führungen zurück: „Dir.Nationalzettung' meint, der jetzt eingetretene Umschlag sei ein bedeutsames Zeichen der Zeit. Wir vermögm von einem solchen Umschlag herzlich wenig zu entdecken. Ja wenn der nationalliberale ober deutsche Kan­didat jetzt einen ansehnlichen Stimmenzuwachs aufzuweisen hätte! Aber was wollen 108 Stimmen bedeuten? Der Rückgang der Stimmen für Breyski erklärt sich in der Hauptsache wohl aus der Abwesenheit der Sachsengänger. Jeden­falls ist nicht von einem Maffenübergang der Wähler zu dem deutschen Kandidaten zu ent­decken. — „Wir wissen nicht, wie die deuffchen Katholiken des Wahlkreises gestimmt haben und welche Tätigkeit der Verein deutscher Kathottken bei den Wahlen entfaltet hat. Aber die auf den nationalliberalen Kandidaten entfallenen Stimmen scheinen uns ziemlich deutlich zu besagen, daß die deutschen Katholiken ihm keine nennenswerte Hilfe gebracht haben. Wenn sie für Herrn Breyski nicht stimmen mochten, so begreifen wir das durchaus. Auch wir weinen Herrn Breyski, der mit Kulerski und Korfanty die Hauptstütze des radikalen Flügels der polnischen Fraktion im Reichstag biib?te, keine Tränen nach."

§ In Sachen der Branntweinsteuer schreibt die ,Deutsche Tagesztg.': „Bei den Erörte­rungen über die Reichs-Finanzreform ist hier und da eineAenderung der Branntweinsteuer- Gesetzgebung angeregt worden, obwohl in dem letzten Gesetze bestimmt worden ist, daß die Brannt­weinsteuer bis zum Jahre 1912 in Kraft bleiben soll." Wie das Blatt erfährt, wird an dm maß­gebenden Stellen nicht daran gedacht, die Gesetz­gebung vorher zu ändern, insbesondere beabsich­tige man nicht, die Reichs-Finanzreform mit einer Abänderung der Branntweinsteuer-Gesetze zu be­lasten.

* Im preußischen Abgeordnetenhause sind zur Zett acht Mandate erledigt, von denen Graf Limburg-Stirum das seinige freiwillig nieder­legte. Gestorben sind nach Schluß der Session die Abgeordneten Geyr lZ.), Knie (Z.), Dr. Max Hirsch (Frs. Vp.), Kasch (k.), Dr. Martens («!.), Stützet (C.) und von Willisen (k.) Die Wieder­besetzung dieser acht erledigten Mandate durch Neuwahlen wird im Laufe des Herbstes erfolgen.

% Die Aussichten bezüglich der Marokko- Konferenz dürften gegenwärtig als günstig be» zeichnet werden, nachdem der Sultan von Marokko

Deutsches Reiche

Berlin, den 8. September 1905.

* Die Generalversammlung der Görres- aesellschaft wird, wie schon seit längerer Zeit be­kannt, vom 3. bis 5. Oktober in München stattfinden. Kürzlich ging ein Aufruf durch die Breffe, in welchem die in München wohnenden litglieber des Vorstandes zu der Versammlung einladen und der Hoffnung Ausdruck geben, daß dieselbe „sich zu einer bedeutsamen Manifestation des geistigen Lebens unter ben deutschen Katho­liken gestalten werde". Diese Hoffnung wird gestützt durch die Namen der zahlreichen Herren, welche dem Lokalkomitee angehörm. Soebm ist auch die Einladung an die Mitglieder der Ge­sellschaft versendet worden, welche das Pro­gramm der Versammlung enthält:

Dienstag, 3. Oktober, nachm. 8 Uhr: Vorstands- B,ung: abends 8 Uhr: Begrüßung. Mittwoch, 4. ktober, 9 Uhr: PontistkKmeffe in der Domkirch" z. XL L. Fr. ; 10 Uhr: Erste allgemeine Sitzung. Eröffnung. Bericht deS Generalsekretärs. Freie Diskussion über die Aufgaben der Görresgesellschaft und die Interessen der katholischen Gelehrtenwelt; nachmittags 3 Uhr: Sektionssitzungen. Donnerstag, 5. Oktober, 8 Uhr: Requiem für Joseph v. Görres in der St. Ludwigs-^ kirche; 9—11 Uhr: Sektionssitzungen; 11 >, Uhr: Zweite allgemeine Sitzung; 6 Uhr: Festmahl. Die sämtlichen Versammlungen finden im Hotel Bayerischer Hof, Promenadeplatz 19, statt. Um Auskünfte und wegen Wohnungen wolle man sich an Herder L Co., München, wenden. Anmeldungen neuer Mitglieder und Teil­nehmer können sowohl hier wie beim Generalsekretär Dr. H. Cardanns (Köln, Altenbergerstr. 9) erfolgen.

Wiffenschaft und Leben, schließt der oben er­wähnte Aufruf, dulden keinen Stillstand. Immer wieder erwächst daraus dem denkender Katholiken die Aufgabe, mit den neuen Forderungen der Zeit die ewig gütigen Sätze des Glaubens in Einklang zu bringen. Ideenaustausch unter Ge­sinnungsgenossen, persönliche Berührung zur Be­seitigung etwa bestehender Differenzen und Miß­verständnisse, erneute Begeisterung für die hoyen Ziele einer von gläubigem Geiste geleiteten wiffenfchaftlichen Tätigkeit, das ist es, was wir von der diesjährigen Generalversammlung der Görresgesellschaft hoffen.

Im Sollte MMimm.

Rach dem Amerikanischen der Mrs. May Agnes Fleming erzählt von Sina v. Berlepsch.

85] (Nachdruck verboten.)

„Verstellung", entschied Lilly, „möchte sich in- tereffant machen. Wäre ich Papa, da8 Spazieren- gchen hätte bald ein Ende."

Derlei Bemerkungen äußerte sie jedoch nur, wenn Iva nicht in der Nähe war, denn eigentlich hatte fie eine gewisse Scheu vor der majestätvollen mekuuholischen Gouvernante.

Ma hiett die Geschichte für drollig. Sie hatte Stia Heb, fand sie nur entsetzlich langweilig und eß sie nach den ersten paar Worten ziemlich alleiy.

Theodor, Guido und Hedwig scheuten sich vor her Schrerin, hatten sie aber gern und machten ihr keine Ungelegenheit.

Iva nahm teil an Freud und Leid der Familie, sobald aber ein Fremder gemeldet wurde, oder man Besuch erwartete, war Miß Randall unsichtbar. So geschah es, daß fie Tage lang nicht im Salon oder im Speisezimmer erschien und die beiden älteren Mädchen, die sich nicht gern von ihrer Schönheit in den Schatten gestelÜ sahen, waren darob nicht unaufrieben.

Iva hatte viele freie Zeit, und es fand sich bald anregende Beschäftigung.

Um Hedwig Freude zu machen, zeichnete sie das Kind, und es gelang so vollkommen, daß hie ganze Familie entzückt war über die Bleistift­skizze. Lilly und Ella wünschten gleichfalls ihr Konterfei zu besitzen, und Iva idealisierte die hübschen Gesichter unabsichtlich in solch anmutiger Weise, daß die Schwestern darauf bestanden, die Bttder müßten in Oel verewigt werden.

Iva willigte ein und täglich wurden Sitzungen anberaumt. Als die Porträte beenbet waren, blickte Alt und Jung mit nicht geringer Befriedigung

auf die ätherisch schönen Mädchenköpfe, die, aus prächtigen Rahmen niederlächelten.

Iva erbot sich, auch Herrn und Frau Leonard samt den jüngeren Kindern zu malen, ein Vor­schlag, der freudig angenommen wurde.

Hedwig brachte ihr Kätzchen und vermochte den Liebling, sich während der Sitzungen ruhig zu halten. Welch schmerzliche Erinnerungen an die sorgenlose Kinderzeit brachte das sanft schnurrende Tierchen in ihr hervor! War ihr's doch, als sähe sie Mieritz, und all die lieben Bilder von damals wurden in ihr lebendig. Das Häuschen mit den blinkenden Fenstern am Ufer, die gute Miß Je- rusha und Emmy Murray, deren Andenken stets beschwichtigend auf sie wirkte, wie Töne einer Aeolsharfe. Ob man sie wohl vermißte? ob fie ihr vergeben, oder sie verurteilt hatten?

„Vielleicht wenn ich tot bin," dachte sie mit der Einfalt ihrer früheren Kindergedanken, „wenn ich tot bin, werden sie mich wieder lieben."

Und fo vollendete Iva mit besonderem Inter­esse das Bild der kleinen Hedwig mit dem Kätz­chen, und ihr Herz wurde dabei weich und stille, und das Engelsköpfchen mit dem blonden Gelock und den lichten Seraphsaugen erhob sich wie ein wohltuend Gestirn vor ihrem Geiste und bannte ihrer Seele wilden, brennenden Schmerz.

An einem Feiertage, den ein Familienfest be­dingte, war Iva sich selbst überlassen. Sie saß am Fenster und entwarf Bilder der Erinnerung. Das erste war eine lange hagere Figur mit eckigen Knochen, dünnen, zusammengekniffenen Lippen und einem Haarknoten am Hinterhaupt«. Ihr zu Füßen faß, in tiefes Sinnen verloren, eine sehr verständig scheinende, würdevolle Katze. Wer hätte nicht auf Den ersten Blick Miß Jerusha und Mieritz erkannt?

„Liebe gute Tante Jerry!" flüfterte sie gerührt, al« fte die Züge der treuen Pflegemutter betrach­tete, „trauerst Du wohl über mein Verschwinden? denkst Du an Deine klein«, wilde Iva? e, daß Dir der liebe Gott tausendfach vergelte, was Du cm mir getan r

Das andere Bild, das ihr Stift hervorzauberte, schien das eines Engels. Eine offene Kinder­stirne, feine regelmäßige Züge, sanftlächelnde Lip­pen, um Wangen und Schulter wallendes Haar- geringel. . .

„Emmy, füße Emmy! tote retn und anmutig strahlt Dein Bild, tote ruhig und unberührt vom Hauch der Welt blickt Dein Auge! O wär' ich gletch Dir, Du mein guter Engel!"

Ein drittes Bild wollte sie entwerfen, sie zö­gerte, ehe sie begann, dann aber flog der Stift über das Papier.

Ein schönes Manneshaupt mtt intdhgenter Stirne, scharfgezeichneten Brauen, großen, ernsten Augen voll» Willensstärke und Entschlossenheit, so, Thilo Wildair, blickt Dein Antlitz der Zeichnerin entgegen. In den tiefen Augen liegt es wie ge­heimer Vorwurf, das ganze Gesicht scheint den Aus­druck tiefer Trauer zu tragen. War es nicht, als öffneten sich die Lippen und flüsterten: „Iva, was hast Du getan?"

„O Thilo, mein alles!" rief Iva, schleuderte Den Stift von sich und schluchzte laut. Lange, lange weint« sie, bis der Tränenquell in ihr versiegt schien und sie gefaßter niederblicken konnte auf die Züge des Gatten, dessen Dach sie entfloben.

Seltsam, weich' süßer Trost ihr aus den Bil- dern entsprang, die ihre Hand geschaffen. Nach des Tages Arbeit saß sie stundenlang und schaute die geliebten Züge an. „Hoffe, Iva!" schien Emmys süßes Gesichtchen zu sagen, „ehe der Morgen tagt, ist die Nacht am tiefften." , „ ,

Die Familie Leonard hatte die Erzieherm heb gewonnen und Iva fand sich leichter, als es an­fangs scheinen wollte, in ihr Los. Sre wurde ruhrg und verständig und unterschred sich durch keine Absonderlichkeiten mehr von den anderen. Was viel dazu beitrug, ihr diese Tage der Prü- fung erträglich zu machen, war ein Gemälde, das sie im geheimen für sich entwarf und an dem sie tu ihrer freien Zett mit Fieberhast arbeitete. Es war Hagar in der Wüste, ein seltsam wildes Bild.

Wer fie gesehen hätte in den stillen, geheim­

nisvollen Nachtwachen, über die Stafelei gebeugt, bas dunkle Haar gelöst und über das weiße Ge­wand wallend, das begeisterte Antlitz, daS er­glühende Auge, der hätte sie für den , Genius der Kunst halten mögen, der segnend die Erde be­sucht.

Zu welchem Zwecke sie das Bild schuf, war ihr selbst kaum klar, aber sie schuf es mit Liebe, und das tot ihr wohl.

Gegen Ende Februar stellte sich ein Schnee- sturm ein, wie man ihn lange nicht erlebt batte, und mehrere Herren und Damen, die sich zufällig bei der Familie zu Besuch befanden, sahen sich ge­zwungen, zu bleiben. Iva blieb stets Salon und Speisezimmer fern, wenn Fremde zugegen waren und ließ davon sich nicht abbringen.

Eines Abends, als es bereits zu dunkeln be- gann, der Tag aber noch tin Westen zitterte, schritt sie über den Korridor zur Bibliothek. Um dies« Stunde war das Gemach meist leer und sie fetzt« sich in eine tiefe Fensterbrüstung zog die Gar- dinen vor sich und begann im, letzten Tagesfchim- mer in W A. Randalls Gedichten zu lesen; el waren zarte Blüten einer träumerisch süßen, be­rauschend wehmütigen, seelenvollen Stimmung. Eigentümlich berührt, gefefsett, laS Iva, so langt ein Dämmern des Tages ihrem Auge günstig toftiL Endlich schloß sie das Buck und träumte über ihn, dessen Muse so liebliche, mächtige, bezaubernde An­klänge in ihrer Seele ivach rief. Der Dichter Wat ein Freund des Hauses, Ella sollte ihn ihr zeige«, fie wollte sich ein Bild feiner Erscheinung mach« können. . ,.

Welche Verdemütigungen waren für Iva bil vielen feindseligen und höhnischen Anspielungen auf Thilos Ehre, die sie m dem Buche laS. felbft wurde als Ehebrecherin gebranbmarft, toie'l ja natürlich war vom Urteil der Welt, er ab«, so hieß es, hätte sein junges Weib zu dem genmcht, was sie geworden. Seine Härte, fein Geiz, fehtl Lieblosigkeit hätte fie in den Abgrund gestürzt. Und wenn Thilo Achnliches Ittft mußte er tot nicht fluchen, als der Ursache solcher Schmähung