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Zuldaer M Zeitung

wochinbellage: „Illustrierte §onntagszeitung" Momkd-Nage: „Zuidaer GeschichtsblStter".

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Botattousörud u. Verlag der Zuldaer Ar» tiendruckerei ix Hulda. Zernfprecher Nr. 9.

Fulda, Samstag, den 9. September 1905.

JW 206.

32. Jahrgang.

Wochen-Nundschau.

(Nachdruck verboten.) Fulda, den 9. September 1905.

Die Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Rußland und Japan ist daspolrtt- sche Ereignis der vergangenen Woche. Diese Unter­zeichnung hat noch eine geraume Zert auf ftch warten lassen. Am 29. August wurde die Welt mst der Nachricht überrascht, daß die Verständigung zwischen den Delegierten der beiden kriegführenden Machte in Portsmouth erfolgt sei, und erst am 5 September — nach amtlicher Feststellung um 3 Uhr 47 Mm. nachmittags — ist der Friedensvertrag unterzeichnet worden. Die Zwischenzeit wurde m Anspruch ge­nommen von der Ausfertigung des Vertrages, bezw. der Feststellung des Wortlautes seiner einzelnen Be­stimmungen, deren Inhalt im großen und ganzen den Mitteilungen entspricht, die nach dem Zustande­kommen der Verständigung darüber gemacht wurden. Die Unterzeichnung des Friedensvertrages ist m Portsmouth mit Artilleriesalven, Glockengeläuts und Flaggenhiffung usw. gefeiert worden. Die dadurch zum Ausdruck gebrachte Genugtuung über die Wie­derherstellung des Friedens wird von der gesamten zivilisierten Welt geteilt — mit Ausnahme Ruß­lands und Japans. Gewiß heißen auch hier wei^ Kreise den Frieden willkommen, .aber es laßt sich doch nicht leugnen, daß die Unzufriedenheit vorerst noch überwiegt. -In Rußland glaubt man, die Un­terhändler hätten zu viel zugestanden, in Japan be- hanplet man, es sei zu wenig erreicht worden. Be­zeichnend ist, daß der Zar es für nötig befunden hat, seinem Heere gegenüber den Friedensschluß ge- ivisiermaßen zu verteidigen. Die Hauptsache ist, daß der Friede jetzt perfekt ist, daß das Blutver­gießen in Ostasien, das nicht einmal in der Zeit zwischen dem 29. August und dem 5. September ganz eingestellt war, ein Ende hat, und daß die Be- drohung des Weltfriedens, welche sich aus dem Kriege zwischen Rußland und Japan ergab, ge­wichen ist.

Leider läßt sich ein Frieden für die in Afrika engagierten deutschen Waffen noch nicht melden. Der Aufstand der Eingeborenen in Deutsch- Ostafrika hat sich noch weiter ausgedehnt und neue Opfer gefordert. Allerdings sind die ein­zelnen Detachements, die vor unserer Schutztruppe bezw. von den anwesenden deutschen Kriegsschiffen gegen die Aufständischen ausgesandt worden sind, bisher überall siegreich gewesen, doch läßt sich noch keineswegs absehen, welche Entwickelung die Dinge nehmen werden. In Deutsch-Südwestafrika hat es an kleineren Zusammenstößen mit den auf- standiicben Einaeborenen nicht gefehlt, doch ist der „große Schlags der gegen die Hottentotten im süd­lichen Teile des Schutzgebietes geführt werden soll, bis setzt noch nicht gefallen. Inzwischen haben in der deutschen Presse Erörterungen über einen Wechsel in der Leitung unserer kolonialen Angelegenheiten eingesetzt, und im Anschluß daran Erörterungen über eine Umgestaltung unserer obersten kolonialen Behörde. Der derzeitige Kolonialdirektor Dr.Stübel soll durch den Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Grafen Götzen, ersetzt werden und der letztere als Unterstaatssekretär an die Spitze eines „Kolonial­amts" treten, das allerdings wie bisher mit dem auswärtigen Amte verbunden bleiben soll.

Der Besuch der englischen Flotte in der Ostsee hat in der vergangenen Woche seinen programmmäßigen Verlauf genommen. Die Haltung

Dem Me entstammt.

Nach dem Amerikanischen der Airs. Atay Agnes Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.

24] (Nachdruck verboten.)

„Glauben Sie, daß es Ihnen hier überhaupt gefallen wird? es ist schrecklich einsam, eine Vier­telstunde schier von jedem Haus entfernt. Lilly und ich möchten den Winter über gern nach New- Uork, Pava will aber nichts davon wissen. Die Papas haben immer ihre eigenen Ansichten und geben nie nach.

„Hm",fuhr sie seufzend fort, „'s wäre wirklich zum Sterben langweilig, wenn Papa nicht häufig aus der Stadt zu uns käme. Der Musiklehrer Signor Rudelli erscheint ebenfalls zweimal in der Woche. Er ist ein politischer Flüchtling mit Lockenhaaren gleich Apollo und einem Schnurr­bart spitz und steif wie eine Spicknadel. Lilly fragt nicht viel darnach, weil sie glaubt, Herrn Randall erobert zu haben. Unsinn I er ist der gefeiertste Dichter der Gegenwart und alle Welt huldigt ihm. Er hat die Erde umreist und er­zählt zum Entzücken. Dor einigen Wochen erst kam er von England und Sie sollten sehen, wie die ®einten ihn vorziehen. Lilly lernte ihn auf einem Balle kennen und gestern besuchte er uns und brachte ihr reizende Rosen. Nun glaubte sie, er sei geangelt, ich aber weiß es besser. Es kom­men noch andere Herren, Leo Turner, Rudolf Braun, Richard Curtis, der ist aber jetzt bei einem Freunde auf dem Lande. Aber Miß Randall, wie bleich Sie sind, haben Sie öfter Schwindel?"

„Nein", sagte Miß Randall, — doch ja, manchmal; heute bin ich sehr müde und möchte gerne zur Ruhe gehen."

„Freilich, das hält ich mir denken können, und hab' Sie nun gequält mit meinem Geplauder. Gute Nacht, Miß Randall, und gute Ruhe bis morgen. Suscmna soll Ihnen Tee und Abend- brot bringen."

Und mit einem freundlichen Gruß zog Ella die Türe hinter sich zu.

des „offiziellen Deutschland" hat sich damit im Rahmen der notwendigen Höflichreitsformen gehalten. Wenn die englische Presse sich trotzdem über die privaten Kundgebungen, deren Gegenstand die eng­lische Flotte in den von ihr berührten deutschen Seestädten gewesen ist, sehr erfreut ist, so erscheint uns das immerhin als ein günstiges Symptom für das Nachlafien der zwischen Deutschland und Eng­land bestehenden Spannung.

An die Tore Deutschlands hat jetzt aber ein anderer Gast geklopft, der so unwillkommen als möglich ist: Die Cholera. Aus ein vaar ver­einzelten Fällen im Weichselgebiet sind nn Laufe der Woche mit schreckenerregender Schnelligkeit einige Dutzend geworden, die sich — das ist das Bedenklichste an der Sache — über Gebiete verteilen, welche schon weit in's Innere des Landes übergreifen. An der Einschleppung der Seuche aus Rußland kann kein Zweifel mehr obwalten. Allem Anschein nach hat man in Rußland über all' den Schwierigkeiten im Innern wie nach dem Aeußern die internationale Anzeigepflicht bei Cholerafällen ver­nachlässigt. Hoffentlich gelingt es den von den deutschen Behörden unverzüglich getroffenen Maß­nahmen, der Ausbreitung der schrecklichen Seuche Einhalt zu tun.

Heber die Entschließungen der ungarischen Regierung gegenüber der fortdauemden parla­mentarischen Krisis verlautet noch nichts näheres. Das Exekutivkomitee der koalierten Opposition hat in den letzten Tagen unter dem Vorsitz Kossuth's be­schlossen, den Kampf fortzusetzen und bei der Er­öffnung des Reichstags einen Anklageantrag gegen die Regierung einzubringen. Man darf sich dem­nach für den 15. September und die folgenden Tage auf scharfe parlamentarische Auseinander­setzungen in Budapest gefaßt machen, wenn Baron Fejervary es nicht vorzieht, den Reichstag sofort wieder zu vertagen und die Agitation für das all­gemeine Wahlrecht und Neuwahlen fortzusetzen.

Zwischen Schweden und Norwegen sind jetzt in Karlstad die Unterhandlungen über die Be­dingungen, unter welchen sich die Auflösung der Union der beiden Staaten vollziehen soll, im Gange. Die Verhandlungen werden geheim geführt, und aus den spärlichen Meldungen, die aus Karlstad vorliegen, geht nur hervor, daß die beiden Dele­gationen formell sehr freundschaftlich mit einander verkehren. Ueber den sachlichen Inhalt der Ver­handlungen verlautet nichts.

Der Konflikt zwischen Frankreich und Marokko ist noch nicht beigelegt, obwohl die eigentliche Veranlassung zu demselben, die Fest- fetztmg des Algeriers Btt Mzian ourch die marok­kanischen Behörden, infolge Freilassung des Ver­hafteten beseitigt ist. Die Notwendigkeit energischer Reformen in Marokko ist neuerdings durch den Ausbruch von Unnchen unter den Eingeborenen in Tanger dargetan worden, sodaß man es nur freudig begrüßen kann, daß Deutschland Schritte bei Frank­reich getan hat, um das Zusammentreten der ge­planten Konferenz zu beschleunigen.

Die inneren Wirren in Rußland nehmen kein Ende. In Baku ist es am Samstag und an den folgenden Tagen zu blutigen Ruhestörungen ge­kommen, bei welchem auf Seiten des Zivils sowohl wie des Militärs zahlreiche Tote und Verwundete gezählt wurden. Auch im Kaukasus dauern die Feindseligkeiten zwischen Armeniern und Tataren fort.

In Spanien rühren sich wieder die Anar­chisten. In Barzelona wurde eine Bombe zur Emission gebracht, durch welche über 60 Personen, die meisten darunter schwer, verletzt wurden. Mehrere Personen wurden getötet. Die Nach­forschungen nach den Tätern sind bisher ohne Er­folg geblieben, doch ist man überzeugt, es mit einem anarchistischen Attentat zu tun zu haben.

Der Morgen kam, Iva fühlte sich besser und erschien beim Frühstück. Nach demselben übte Lilly auf dem großen Flügel, der den Salon schmückte. Elle geleitete die Erzieherin und ihre Zöglinge nach dem Schulzimmer.

Eine gewaltige, schwarze Tafel und verschie­dene Landkarten nahmen die Wände ein. In jeder Ecke stand ein feierlich aussehendes Pult, in der Mitte ein solches für den Lehrer. Bücher, Tintenfässer, Schreibtafeln lagen in malerischer Unordnung umher.

Mrs. Leonard erschien, legte den Kindern die Pflicht ans Herz, fleißig und aufmerksam zu sein, Miß Randall zu folgen und verließ dann, Ella mit sich ziehend, das Gemach.

Endlos schien dieser Tag für Iva, die cm schrankenlose Freiheit gewöhnt, für nichts weniger geschaffen war, als für eine Lehrerin. Liebe zu Kindern hatte sie nicht und so wurde ihr die Auf­gabe des Unterrichts unerträglich peinvoll. Um vier Uhr war die Tagesarbeit zu Ende. Froh der Erlösung trippelten die Kinder davon und Iva ließ das schmerzende Haupt auf's Pult sinken, um zu ruhen.

Me Türe öffnete sich und Ella's klare Stimme wurde hörbar.

„Nun, Miß Randall, wie ist's gegangen? Mama wollte nicht, daß ich zugegen bliebe, und ich wünschte es doch sehr. Aber, was fehlt Ihnen schon wieder? Sie sehen totenbleich aus."

„Ich habe Kopfweh", sprach Iva und drückte die Hände gegen die tobenden Schläfen.

„Kein Wunder in der Atmosphäre! Ich will Ihnen Hut und Mantel holen und dann gehen wir zusammen ins Freie. Der Abend ist wun­dervoll, nur etwas kalt, aber das tut gut."

Sie hüpfte fort und kehrte bald wieder, das hübsche Gesichtchen unter einer dunkelen Kaputze halb versteckt. Ehe sich's Iva versah, stand auch sie wohlverhüllt zum Spaziergang bereit.

„Nun kommen Sie!" rief Ma und schlang den Arm um Iva, „wollen sehen, ob der Wind keine Rosen auf diese bleichen Wangen zaubert."

Der Tag war kalt und klar. Die Sonne senkte sich gen Westen und goß rötliche Glut über

Unpolitische Zettlaufe.

(g) Berlin, 7. September 1905.

(Nachdruck verboten.)

Ein Zwiegespräch im Eisenbahn-Abteil.

„Also der Friedensvertrag ist am Dienstag nachmittag zu Portsmouth unterzeichnet. Gleich in vier Exemplaren. Kanonenschüsse, Glockenge­läute, Flaggenhiffung — alles zu Ehren der welt­geschichtlichen Namenschreiberei."

„Reden Sie nicht von Unterschreiben, das macht mir Kopfweh." ,

„Wieso? Haben Sie mal ein Haar tn der Tinte gefunden?"

„Zwei sogar. Das erstemal als junger Mensch, wie ich, frei nach Schillers „Bürgschaft" meinen Namen quer schrieb aus Liebe zu einem hoff­nungsvollen Freund. Ich mußte bezahlen, was ich nickt schuldig war. Das zweitemal war ich schon etwas größer und mußte abermals blechen für meinen Namenszug, obschon er garnicht von mir war."

„Eine Fälschung? Da hätten Sie ja Ihre Unterschrift nicht anzuerkennen brauchen?"

„Freilich hätte ich den Fälscher an die heilige Justiz ausliefern körnten. Aber damit hätte ich einen Mord begangen. Das Loch in meiner Börse war das kleinere Uebel. Aber ich hasse seitdem das Unterschreiben. Es werden in der Welt viel zu viel Unterschriften geleistet. Die Welt ist in das papierne Zeitalter getreten, die Menschheit ist in die Tinte gekommen."

„Nun, die wichtigsten Staatsurkunden hat man schon im grauen Altertum schriftlich fixiert. Zuttächst sogar auf dem allerdauerhaftesten Pa­pier, nämlich auf Stein. Daher können wir ja heutzutage noch gelehrte Bücher über die viel- tausendjährigen Keilschriften vom Lande Meso­potamien schreiben."

„Na ja, das ist die rechte Wissenschaft, die dem Menschen alte Steine statt neuem Brot gibt."

„Und die dauerhaften Pergamente ans der späteren Zeit . ."

„Die mögen ja viel Interessantes haben, aber mit der Namensunterschrift, von der wir sprechen, war es bei den Mächtigen der damaligen Welt schlecht bestellt. Die Schön- und Schnellschreib­unterrichtsinstitute hatten sie nicht besucht. Wenn sie ihr vorgemaltes Namenszeichen noch mit einem täppischen Strich voll machten, so war diese „Voll­ziehung" schon ein Stück Arbeit für sie. Sonst nahmen sie feine Feder in die Hand. O, die Klugen und Glücklichen! Ihre Nachfolger waren Jugend oft bewundert habe; sie konnten wohl schreiben, aber sie taten es grundsätzlich nicht, die alten vorsichtigen Bauern, die ich in meiner Alles andere war von ihnen zu haben, nur keine Unterschrift. Wenn sie mit Tinte ihren werten Namen schreiben sollten, so kam ihnen das vor, als ob der böse Feind eine Blutunterschrift ver­lange. Und bei dieser mißtrauischen Schreibfaul­heit standen sie sich besser, wie manche ihrer schrift- gelehrten Nachfolger, die durch die Tinte in die Tinte geraten. Es wird heutzutage viel zu viel unterschrieben."

„Sagen wir: zu unvorsichtig unterschrieben!"

„Das ist's ja eben: die moderne Tintenklererei bringt es mit sich, daß man von morgens bis abends spät seinen Namen in einemfort unter- hauen muß. Jeder Quark fordert feine Be­scheinigung. Nicht blos über Geldempfang, son­dern auch über kleine Warenlieferungen muß förmlich quittiert werden. Was früher mit einem Kreidestrich an der Nechentür oder mit einem Schnitt in's Kerbholz abgemacht wurde, erfordert

die Schneeflächen. Golden glitzerte sie aus den hohen Fenstern des Hauses.

Etwas vom alten, wilden Wesen, das nur der Tod in ihr zu ersticken vermochte, lebte in Iva auf, als die scharfe Winterluft ihre heiße Stirne fächelte. Das matte Auge begann zu strahlen, raschen Schrittes eilte sie dahin, so daß Ella, die, lachend und laufend, mit ihr Schrift zu halten versuchte, weder zu Wort noch zu Atem kam.

„Mein Gott!" stöhnte sie endlich, gegen, eine Hecke gelehnt, „Sie haben wahrhaftig die Sieben- meilenstiefel angetan. Ich kann nicht mehr."

„Wie unbedacht ich bin!" fchalt sich Iva, deren ertenter Gang hinter den erregten Gedanken zu­rück blieb, „wollen wir etwas rasten?"

„Gerne", nickte Ella und setzte sich auf den Balken, der die Hecke an einer Seite abschloß, „erber wer kommt da?" —

Ein Schlitten kam rasch die Straße entlang. Der Herr, der mit fester Hand die Zügel lenkte, blickte gleichgiltig auf die Gestalten am Wege. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

„Welch' intereffantes Gesicht!" äußerte Ella, „und wie sicher er das Pferd lenkt! Ich wollte, ich säße bei ihm im Schlitten."

Lachend wandte sie sich zu ihrer Begleiterin, die bleich und starr dem rasch entschwindenden Gefährte nachblickte.

„Was ist's Fräulein; kennen Sie den Frem­den?"

„Lassen Sie uns nun heimkehren, Fräulein Ella", bat Iva und fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte sie eine Vision verscheuchen.

Ob sie den Fremden kannte? Gewiß, als wäre sie gestern erst von ihm geschieden. Konnte sie Rudolf Wildair je vergessen?

Neunzehntes Kapitel.

Ohne T r 0 st.

Iva hatte Rudolf Wildair, den Freund ihrer Kindheit wieder gesehen. Alf ihre Gedanken wandten sich ihm zu. Das Geheimms, das ihn umgab, machte ihr Interesse nur um so reger und wie damals, als sie zuerst darum erfahren, fragte sie sich, was er begangen, um solche Be- Handlung zu verdienen?

jetzt jedesmal eine Urkunde mit eigenhändiger Namensunterfchrift. Das fließt nur fo aus dem modernen Handgelenk. So unterschreiben sogar die Dienstmädchen halsbrecherische Lieferungsver­träge. Man unterschreibt Aktenstücke, die man nicht gelesen, geschweige denn verstanden oder gar beschlafen hat."

„Da haben Sie recht; man sollte immer wie­der den Leuten predigen: Unterschreibt nicht so leichtsinnig, was man euch mit schönen Redens­arten unter die Hand schiebt. Unterschreibt nicht nach dem Gehör, nach der Vorlesung, sondern leset mit eigenen Augen bedächtig durch, was chr unter­zeichnen sollt. Wenn euch nicht alles sonnenklar und zweifelsohne ist, dann nehmt euch Zeit zum näheren Prüfen, Ueberlegen und Ratholen bei kundigen Personen."

„Das ist noch viel zu milde. Sagen Sie nur: Lest es zweimal, überlegt es dreimal und dann un­terzeichnet noch nicht, wenn nicht maßgebende Ver­trauensmänner euch beweisen, daß es sein muß. Wer fein Halstuch anlegen will, kann sich vielleicht erkälten; ober man kann ihm doch nicht mit der Krawatte die Gurgel zudrehen."

„Ich würde in einer solchen Predigt auch noch besonders betonen, man solle sich nicht auf die mündlichen Kommentare verlassen. All' die Ver- sicheruiigen, es werde ja nicht so genau genommen, der und jener Fall würde gar nicht eintreten, man könne ja Vertrauen haben zu der bewährten Ku­lanz des Gläubigers oder Vermieters 2c., sind für die Katze. Was geschrieben ist, das gilt, und nichts anderes. Die Person, auf welche man Ver­trauen setzt, ist vergänglich und kann durch einen Anderen ersetzt werden, z. B. durch den Testa­mentsvollstrecker, den Konkursverwalter, den Käu­fer des Hauses. Wer unterschrieben hat, kann sich nicht aus Gnade, sondern nur auf das Recht ver­lassen. Darum muß er zusehen, ob ihm sein Recht auch ioirklich gesichert ist."

„Schön. Und dann setzen Sie noch hinzu: Je- der solle sich genau aufzeichnen, was und wann er unterzeichnet hat. Verbindlichkeiten von irgend welcher Bedeutung solle er nicht eingehen, ohne sich eine Abschrift zu besorgen. Bei Vertragsschlüssen muß er darauf achten, daß auch er ein regelrecht vollzogenes und vorschriftsmäßig gestempeltes Exemplar in feinen Besitz bekommt. Das Auf- zeichnen aller unterschriebenen Aktenstücke ist not­wendig, weil man sonst auf das bloße unsichere Gedächtnis angewiesen ist, wenn mal Fälschungen Vorkommen. Und gefälscht wird ja nur zu oft; hier der Inhalt eines Aktenstückes und dort die Unterschrift selbst. In unserem Tintenzeitalter herrscht ja die Einbildung, daß der Namenszug eine zuverlässige Beurkundung, ein untrügliches Kennzeichen sei. Und doch muß ein Schurke schon sehr tölpelhaft fein, Ivenn er nicht mit einiger Hebung eine täuschende Nachahmung zu Stande bringt. Die sogenannten Schreibfachverständigen werden freilich behaupten, daß sie die gekünstelten Schriftzüge von den natürlichen sicher zu unter- scheiden wüßten; aber ich pfeife auf die ganze Graphologie, die ja in dem Detmolder Kracht- prozeß sich nochmals blamieren wird, wenn es zur Wiederaufnahme des Verfahrens kommt. Da ich auch mal für eine Fälschung meiner Unter- fdjrift habe bluten müssen, so bin ich in meinen Mußestunden auf den Gedanken gekommen, ob nicht zur Verhütung von Fälschungeir die Photo­graphie zu Hilfe genommen werden könnte. Ich meine nicht die vergrößernde Photographie der Unferfchrift. sondern eine niedliche Abbildung, der unterzeichnenden Person. Wenn ein wichtiges Aktenstück vollzogen werden soll, so bringt man einen kleinen Apparat mit. in den das Papier hineingeschoben wird. Dort wird das Papier an

I I ..........

Allabendlich ging sie hinaus nach der Straße, hoffend, ihn wieder zu sehen. Aber vergebens waren ihre Schritte, er kam nicht wieder und niemand kannte ihn. Allmählich schien's, als wäre die Erscheinung des Langvermißten nur ein Spiel ihrer Phantasie gewesen und sie legte die Hoffnung, ihn wieder zu finden, zu den vielen gebrochenen Hoffnungen ihres Lebens.

Wochen vergingen.

O der traurigen, endlosen, einförmigen Wochen! der mühsamen, unerquicklichen Arbeit des Unterrichts! Ost war's Iva, als müßte sie irrsinnig werden, und Abend für Abend, wenn der Ruhe Stunde schlug, eilte sie hinaus in die Winternacht und schritt meilenweit hinein in das einsame Schneegefilde. Das fieberhafte Glänzen der Augen verriet das verzehrende Feuer im Innern und mit Gewalt nur unterdrückte sie den lauten, den mächtigen Schrei, der aus ihrer Seele bringen wollte, den Sckirei nach dem Verlorenen. Es war ihr, als müßte sie fliehen, ihn suchen, der ihr Alles gewesen hinieden. Ach, tote toevtm die Kämpfe schwer, die sie kämpfte, das Schicksal hart, dem sie verfallen. Die düstere Wolke, die ihre Kindheit bedroht, hatte endlich stch medergesenkt auf ihr Leben. Tatsächlich eine Witwe, lebte sie freudlos und freundlos, und so mußte sie sterben. Arme Iva! was Wunder, wenn sie tn der Bttter- leit ihres Herzens rief: „Meine Strafe ist zu schwer, als daß ich sie ertrage!"

Die Familie, in der sie Aufnahme gefunden, wußte nicht, was aus Iva zu machen. Mr. Leo­nard blickte teilnehmend auf das bleiche Gesicht und meinte, Miß Randall hätte mehr erlebt, als man sich träumen ließe. Seine Frau hörte von den einsamen Spaziergängen der Erzieherin, lauschte den erregten Schritten, die nächtlicher Weste das Zimmer durchmaßen, sah das wilde Leuchten der dunklen Augen und dachte, das arme Ding wäre nicht richttg im Kopfe. Wenn aber Reaktion eintrat und sie den matten Gang, die bleichen Wangen, die erloschenen Blicke beobachtete, schüttelte sie ratlos das Haupt und gab ihre An- sicht auf.

(Fortsetzung folgt.;