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Zuldaer

Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

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Sotationrbruck n. Verlag ber Zuibaer Ac- tienbntderei hi Zulba. Zernfprecher Nr. 9.

J\ß 203.

Fulda, Mittwoch, den 6. September 1905.

32. Jahrgangs

Zweites W^crtt.

(*) „Des Knaben Wunderhorn."

gutn Gedächtnis seines Erscheinens vor 100 Jahren.

(Nachdruck verboten.)

Im nächsten Jahre vollendet sich das erste Jahr­hundert seit dem Erscheinen eines Buches, daS seiner Zeit als ein „literarisches Ereignis" ersten Ranges gefeiert wurde, und das in der Folgezeit wie kaum ein anderes befruchtend auf die deutsche Poesie eingewirkt hat. Im Jahre 1806 gaben Achim von Arnim und Clemens Brentano den ersten Band von „DeS Knaben Wunder­horn" heraus, dem in den nächsten zwei Jahren zwei weitere Bände folgten. Lange Jahre hatten die beiden Herausgeber an dem Material gesam­melt, das sie im ersten Bande ihres unvergletch- lichen Werkes dem deutschen Volke boten. Was sie aus dem Munde des Volkes hörten, was sie aus vergilbten „fliegenden Blättern" schöpften, trugen sie getreulich zusammen zu einem Schatze bleiben­den, unzerstörbaren Wertes. Sie vervollständigten ihn durch Aufnahme von Liedern, die nicht, wie das echte Volkslied, „namenlos" fortlebten durch Generationen und Generationen, sondern von be­kannten Dichtern herrührten, aber — das war das Ausschlaggebende — den Ton des Volksliedes trafen. Sie wollten, wie sie selbst sagten, „allen alles wiedergeben, was in vieljährigem Fortrollen feine Diamanthastigkeit bewährt, nicht abge­stumpft, nur farbenspielend geglättet, alle Fugen und Ausschnitte hat zu dem allgemeinen Denkmale des größten neueren Volkes, der Deutschen: das Grabmal der Vergangenheit, daS frohe Mahl der Gegenwart, der Zukunst ein Merkmal in der Rennbahn des Lebens."

Hatten die beiden Dichter-Freunde schon bei dem ersten Bande manchen fteudigen Mitarbeiter gefunden, so löste daS Erscheinen des „Wunder­horns" eine solche Hochwelle praktischer Begeiste­rung aus, daß ihnen für die Fortsetzung des Wer­kes allüberall in deutschen Landen die regste An­teilnahme entgegengebracht wurde. Richt wenig freilich trug dazu auch die hohe Wertschätzung bei, welche der Altmeister deutscher Poesie, Goethe, „Des Knaben Wunderhorn" entgegenbrachte. Seine Besprechung des Buches in der Jenaischen Literaturzeitung vom Jahre 1806 läßt uns noch heute das Entzücken nachfühlen, das Goethe bei der Kenntnisnahme vom Inhalt der ihm mit einer eigenartigen „Zueignung" gewidmeten Samm­lung empfunden haben muß. Wünschte er doch, -aß „das Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel. . tzu finden" sein möchte, „um aufgeschlagen zu wer­den in jedem Augenblick der Stimmung oder Un­stimmung, wo man dann immer etwas Gleich- tönendeS oder Anregendes fände, wenn man , auch das Blatt ein paarmal umschlagen möchte." „Des Knaben Wunderhorn" zeigte dem deutschen Volke erst, welchen Schatz es in seinen Liedern hatte, die, von den meisten unbeachtet, auch wohl ver­achtet, einen unversiegbaren Born echter Poesie enthielten.

Die Erinnerung an den begeisterten Widerhall, den „Des Knaben Wunderhorn" vor hundert Jahren fand, legte die Frage nahe, wie eS beute um unser deutsches Volkslied steht. Gewiß, in weiten Kreisen des deutschen Volkes werden heute noch die alten Texte und Weisen gesungen, welche unsere Voreltern schon liebten; in Nord und Süd, in Ost und West leben noch viele von den uralten Melodien, die schon vor Jahrhunderten erklangen. Aber wie vieles von dem alten Schatze ist unserm Volke auch schon verloren gegangen! Und wie steht es mit dem Zuwachs? Von manchen Seiten wird überhaupt geleugnet, daß heute noch „Volks­lieder" int eigentlichen Sinne des Wortes ent­stehen. Man behauptete, die Poesie, das poettsche Empfinden komme unserem Volke mehr und mehr abhanden, das zeige sich auch beim Nachlassen des Gesanges von Volksliedern. Es mag etwas Wahres daran sein. Der nüchterne, lediglich auf das Er­werben gerichtete Sinn ist auch beim deutschen Volke stärker geworden, als der Poesie, der Volks­poesie gut tut. Formalität und Gedankenlosigkeit tun das Uebrige. So mancher „Gassenhauer" — Gassenhauer, nicht in der früheren, ehrenden, son­dern in der heutigen, schlimmen Bedeutung dieses Wortes — findet heute seinen Weg in die deutschen Gaue, ja in daS Ausland, daS der deutschen Poesie nicht zum Ruhme gereicht; echte deutsche Volks­lieder neueren Datums aber gibt es wohl nur wenige ttotz aller Sammlungen von „Liedern int Volkston". Und doch würde man fehl gehen, wenn man die „unpoetische Stimmung" der Gegenwart dafür verantwortlich machen wollte. Das Volks­lied hat sich in Deutschland in Zeiten gehalten, die noch weit weniger „poetisch" waren, als die jetzigen. Es hat die wilden Kriege früherer Jahr- bunderte und die schlimmste geistige und wirt­schaftliche Veränderung Deutschlands überdauert, es hat die Unnatur des „Meistersingers" wie den Einfluß fremdländischen Wesens in der Dichtkunst überwunden. Es lebt auch heute noch! Man muß nur zum Volke gehen, um neben so manchen schlechten „modernen" auch die alten, echten Lieder und Melodien zu finden. Manches mag Nichtkennern neu und „gemacht" erscheinen, in Wirklichkeit aber zeigt es den alten Goldkern in unverwüstlichem Glanze.

Aber Zeit ist es, daß mau sich wieder etwas wehr um die Volkspoesie, um das Volkslied küm- mert. Wäre nicht die Jahrhundert-Feier, die im nächsten Jahre „Des Knaben Wunderhorn" be- gehen kann, eine passende Gelegenheit und ein itarfer Antrieb zu dem Versuche, wieder ein­mal eine Sammlung deutscher Volks- lieber zusammenzustellen? Würdiger ließe sich

das Andenken an diese „echt deutsche Tat", die sich im „Wunderhorn" darstellt, und ihre Vollbringer schwerlich begehen. Zeitgenössische Berichte mel- den, welcher Sammeleifer sich in deutschen Landen nach dem Erscheinen des ersten Bandes von „Des Knaben Wunderhorn" entwickette. Alles suchte, forschte, sammelte. Mündliche Ueberlieferungen wurden festgehalteu, alte Briefe und Drucke durch- stöbert, und in kurzer Frist hatten von Arnim und Brentano das Material für zwei wettere Bande des „Wunderhorns" beisammen. Sollte etwas ähnliches heute nicht mehr möglich sein? Herder hat behauptet, die Kulturhöhe eines Volkes könne man am besten nach den Volksliedern beurteilen. Etwas Wahres ist an diesem Ausspruch. Es wäre eine ungemein interessante Aufgabe, den Entwickelungsgang unseres Volksliedes in den letzten hundert Jahren zu verfolgen, festzustellen, was an dem Alten sich erhalten hat, und was etwa Neues hinzugekommen ist. Vielleicht würde man mehr des letzteren finden, als man ahnt. Unter vielem Minderwertigen wird man zweifel­los auch manche Perle entdecken. Auch „Des Knaben Wunderhorn" ist ja keineswegs in allen feinen Teilen gleichwertig. Die späteren Forschun- gen und Sammlungen von Hoffmann von Fallers­leben und Soltan, von Erk, Birlinger und Cres- celius haben manches richtig gestellt, manche ältere Quelle aufgedeckt, Verstümmelungen und Ent­stellungen nachgewiesen, aber diese kritische Arbeit könnte cura posterior sein. Vor allem würde es gelten, einmal den Schatz von Volks­poesie festzustellen, über den unsere Generation noch verfügt. ,r

Allzuschwer würde die Arbeit nicht sern. Zahl- reiche Freunde des Volksliedes haben gewiß be- reits vorgearbeitet. Es geht das aus manchen Publikationen hervor, die in den letzten Jahren er- fchienen sind. Die Verbreitung der Tagespreise, eine unvergleichlich größere als vor hundert Jah­ren, könnte dem Sammelwerk die besten Dienste leisten. Für die praktische Ausführung des Ge­dankens würden aber in ganz hervorragender Weise die Volksschullehrer in Betracht pommen, die sich zweifellos gern mit der Liedersammlung beschäftigen würden. Schließlich würde wohl je­der, bei dem das poetische Empfinden nicht ganz erloschen ist, seine Erinnerungen und seine Be­ziehungen in den Dienst der Sache stellen. Unseres Erachtens würde nichts mehr dazu beitragen können, den S i n n für die Schönheiten des deut­schen Volksliedes und dieses selbst wieder zu bele­ben, als eine solche Sammlung. Man rühmt dem „Wunderhorn" mit Recht nach, daß es in schwerer Zeit, als das Joch des Eroberers auf Deutsch­land lastete, außerordentlich dazu beigetragen habe, das Gefühl für deutsches Wesen im Volke zu fiär? len, daß es allen Schichten der Bevölkerung ein frischer Quell geworden fei, aus dem man Trost und Mut schöpfte, und daß es in seinem Teile mit­gewirkt habe an der Wiedergeburt unseres Volkes. Ein neuer Hinweis auf diesen Schatz, wie er durch die Veranstaltung einer Volkslieder-Sammlung gegeben würde, könnte vielleicht auch der Gegen­wart frommen. Darum: an's Werk ihr Freunde deutscher Volkspoesie! Das Jahr 1906 muß an das Jahr 1806 anknüpfen!

kl c. vergitz nicht.

Von Römer.

(Nachdruck verboten.)

„Vergiß nicht," sagte der Vater, „vergiß nicht, daß Du Schularbeiten hast! Ich werde kontrollieren, wenn ich heimkomme."

Der Vater, ein einfacher Arbeitsmann, darbte sich es am Munde ab, seinen begabten Sohn etwas lernen zu lassen. Heute aber mußte er zu einer Versammlung gehen, und da kam es auf ein oder zwei Glas Bier schließlich nicht an.

Karl, der Sohn, hatte etwas ärgerlich dem Vater nachgesehen. „Mußte er mich auch erinnern, nicht zu vergefsen! Zu dumm!" Er kalkulierte hin und her, wie er es doch machen könnte, um um die Schularbeit herumzukommen. Morgen in der Frühstückspause war doch wahr­lich Zeit genug, sie hinzuschlottern. „Vergiß nicht!" Zu fatal. Er wollte sich gerade in fein Schicksal ergeben, da kamen etliche Kame­raden. Er wollte nicht mit. Dann aber fpotteten sie: „Du bist der Tüchtigste in der Klaffe, wenn Du auch nicht der erste bist und willst hier arbeiten wie ein Dummkopf?!"

Das wirtte. Karl ging mit und —vergaß den Vater und die Arbeit.

Er hatte Glück. Weder frug der Vater noch der Lehrer nach den Aufgaben.

Fünfzehn Jahre war er all geworden. Mit dem Studieren war es nichts. Was der Vater ttotz größtem Darben beiseite gelegt hatte, reichte nicht aus, gehötte in erster Linie schließlich der Mutter für's Leben und zum Notpfennig. Karl hatte wegen seiner Befähigung eine Lehrstelle, fern von der Heimat, erhallen.

„Vergiß nicht!" sagte der Pfarrer zu ihm, „daß die Welt, so groß sie scheinen mag, klein ist gegen Gott. Einst hat einer aus dem Volke Israel geschworen: Jerusalem, Jerusalem, ehe ich deiner vergeffe, wollte ich eher meiner rechten Hand vergessen! Gott ist unfaßbar größer, als alle Jerusalemspracht der Welt. Vergiß nicht! Vergiß Gott nicht!"

Und er vergaß. Im Handumdrehen hatte er vergeffen, das Großstadtleben erinnerte gar nicht an Gott. Und so vergaß er bei ange« strengter Arbeit und auswachendem Wellsinn. Manchmal dachte er noch an das „Vergiß nicht"

des Pfarrers, aber er lächelte. Er hatte ja Glück über Glück, ttotz des Vergeffens. Bei dem alten Chef stand er sehr schnell gut, bei dem jungen dann ausgezeichnet. Ein schnelles Avancement blieb nicht aus. Er vergaß noch mehr.

Eins war bei allem Wohlergehen höchst un­angenehm: daß das flotte Leben nach sttammer Arbeit vielmehr kostete, als das Gehalt erlauben wollte. Ein gewisser Mißmut breitete sich über das junge Talent.

„Zum Kuckuck, sie müssen einen längeren Urlaub nehmen," lachte eines Tages der junge Chef. Gehen Sie aufs Landl Sie sind über­müdet."

Karl tat es, und besuchte dabei seine Mutter. Bester aber wurde seine Laune nicht. Ob die Mutter sich aus seinen ärgerlich hingeworfenen Sicherungen einen Reim zu machen verstand? Zum Abschied sagte sie scheinbar nebenbei:

„Vergiß nicht! Stach der Gottesfurcht ist die Ehre das höchste."

Karl lachte hinterher spöttisch über diese ab­getragene Weisheit. Das war doch ganz selbst­verständlich — wenigstens das zweite: daß die Ehre das höchste sei.

Das Gehalt wurde größer, der Weltsinn noch mehr. Eines Tages waren sogenannte „Ehrenschulden" da. Wie retten? Der Chef war verreist, Karl hatte einen Verlrauensschlüsfel. Er schloß auf: Es war, als knirschte der Schlüssel die Worte der Mutter: „Vergiß nicht daß .... die Ehre das höchste ist." Er lachte ärgerlich, vergaß, und griff hinein. Wieder halte er Glück. Durch eine gewagte, aber geglückte Privatspekulation war er nach wenigen Tagen in der Lage, das entnommene Geld zu ersetzen. Als er den Schlüssel wieder nmorehte, kam es ihm vor, als hätte er doch ein eigenartiges Glück.

„Vergiß nicht", sagte sie ihm leis vom Bahn­steig in den Eisenbahnwagen hinein. Er schien nicht recht gehört zu haben, und so flüsterte sie halb verschämt, halb lustig, ihm zu: „Vergiß nicht! Vergiß unsere Liebe nicht!"

Er lachte: „Nie und nimmer!" Dann ging es weit in die Welt hinaus.

Er war stolz, den verantwortungsvollen Posten jenseits der weiten See von seinem Haus erhallen zu haben. Leis dachte er noch an feine Liebe, dann kam wieder der Traum von seiner Würde.

Drei Jahre, bann kehrte er heim, um Teil­haber zu werden. An seinem Arm hing ein fchönes, glutäugiges, reiches und gutes Weib. Stur einmal sah er flüchtig die bescheidenen, klugen Augen, die zu fprechen schienen: „Auch mich hast Du vergessen." Er kümmerte sich nicht weiter darum. Weshalb auch? Er hatte ja immer Glück mit seinem Vergessen gehabt. Glück macht stolz, das traf auch bei dem klugen, tatkräftigen Teil­haber der großen-berühmten Firma ein. Beiden Leuten verlor er freilich durch sein hochmütiges, schroffes Wesen, aber niemand wagte das zu jagen.

Eines Tages ließ sich ein Fremder melden.

„Wie heißt er?" Der Diener übergab eine bescheidene Karte. „Name unbekannt." Er hatte ihn längst vergessen. „Wie sieht er aus?" — „Anständig, aber nicht reich, scheint krank zu fein," rapportierte der Diener.

„Nicht zu sprechen!"

Der Diener ging und kam wieder mit dem Bescheid, der Fremde lasse sich nicht abweisen, er berufe sich darauf, daß er ein Schulkamerad des Herrn sei.

„Ach ja! Jetzt erinnere ich mich! Lassen Sie ihn eintreten!" So sagte der „Herr" gleichgültig; im Innern grollte er zornig: „Solches Bettel- gefinbel blamiert einen vor der Dienerschaft; er- fahren, daß ich mit armen Kerls ^in die Schule gegangen bin. Je schneller ich die Sache erledige, um jo schneller wird sie vergessen." Er zuckte flüchtig zusammen; er haßte seit einiger Zeit das Wort „vergessen".

„Also Luis Meier? Wozu kann ich Ihnen dienen?" »

„Du hast mich vergessen, Karl? Deinen treuesten Kameraden?! Doch ich will kurz fein: Ich bin krank, kann nur wenig arbeiten, kannst Du mir einen kleinen Posten in Deinem großen Geschäfte geben, damit ich nicht der Armenkasfe zur Last falle ober betteln muß?"

Höflich war bie Antwort, aber eisigkalt in Form unb Ton; der Hochmut klang deutlich heraus:

„Bedauere außerordentlich, nicht dienen zu können. Doch Sie sollen den Weg nicht ganz umsonst getan haben. Bitte.

„Danke, Karl," sagte der plötzlich blaß und bann wieder glührot Gewordene und legte den 100-Markschein auf den Tisch zurück. „Karl, das hatte ich nicht verdient, schon deshalb nicht, weil ich Dich nie vergessen, mit Freude und kame­radschaftlichen Stolz Dein glänzendes Emporsteigen verfolgt habe. Du bist ein „großer Mann" ge-. worden, aber Dein Heiz ist klein geblieben. Er­innerst Du Dich noch an die Schulzeit? Da wurde uns einmal von einem großen Erzbischof erzählt, der hatte den Wahlspruch: „Willigis, nie vergiß, was Du gewesen bist." Er war Wagnergeselle gewesen und Erzbischof geworden, aber feiner Abkunft hat er sich nicht geschämt. Vergiß nicht!"

Still war er gegangen. Nach drei Tagen legte sich das schöne Weib totkrank zu Bett, und im kleinen Bettchen daneben lag ebenso totkrank das engelschöne Töchterchen. Nach einer Woche trug man sie hinaus, kalt, tot.

Das Begräbnis war vorüber. Halb ohnmäch­tig hatte sich der geschlagene Mann auf die Stein­umrandung eines prunkvollen Grabes gesetzt und starrte wie gebannt auf einen Grabstein gegen­über. Da war eingemeißelt: „Vergiß nicht, daß Du Staub bist lyib sterben mußt."

Man brachte ihn nach Haufe, einen gebrochenen Mann, der vergessen wollte und nicht mehr ver­geffen konnte.' Er zog sich vom Geschäfte, von )er Welt, von allem zurück. Dann war er ver- jchwunden. Man wußte es nicht, aber raunte es sich zu, er sei in einen strengen Büßerorden eingetreten, um nicht zu vergessen, daß er Staub sei.

vermischtes.

(*) Kleine Nachrichten. St. Johann a. Saar. Hier wurde die Leiche des seit, zwei Tagen ver­mißten Saarfährmanns Schütz aus der Saar gezogen. Da Uhr und Geld fehlen, mutmaßt man einen Raub­mord. — In Tiryns, der allen mykenischen Herr- scherburg, ist von den deutschen Archäologen Dr. L. Curtius und Heyding ein neuer Königspalasl aufgefunden worden. Portal, Ummauerung und innere Einrichtung ließen sich noch gut verfolgen. Als der Palast zerstört war, baute man noch in homerischer Zeit einen neuen an seine Stelle, dessen gewaltige An­lage schon seit langem durch Schliemanns Aus­grabungen festgestellt ist. — Kreuznach. Im nahen Obernheim brach Großfeuer aus, das 3 Wohn­häuser, 3 Scheunen und einige Nebenbauten ein- äscherte. — Cambrid ge «Massachusetts). Nach einem Konzert im Germanischen Museum der Harvard- Universität sandte der Brooklyner Gesangverein „Anon' folgendes Telegramm an den Deutschen Kaiser: Zu Ehren des Deutschen Kaisers, des Protektors und Stifters des Germanischen Museums, sang heute der „Arion" in diesen Räumen das erste deutsche Lied. — Straßburg. Die ersten ausführlichen, wahrheitsgetreuen Berichte über die Belagerung und den Fall von Port Arthur wird ein demnächst erscheinendes Taaebuch bringen. O. v. Baumgarten, eine Krankenschivester des russischen Roten, Kreuzes, hat die ganze Belagerung auf dem Schiffshospttal „Mongolin" als Pflegerin mitgemacht und schildert ihre Erlebnisse in einem demnächst im Verlage von Joseph Singer in Straßburg i.E. erscheinenden Buche. „Wie Port Arthur fiel". — Bielefeld. Vor etwa 15 Jahren verschwand in dem benachbarten Schildesche der Kolonsohn Gottfried Voß. Damals wurde ein Mord vermutet, da der Verschwundene mit feinem Vater und seinem gerade beim Militär dienenden Bruder in bitterster Feindschaft gelebt hatte. Mehrfache Untersuchungen förderten nichts zutage. Vor einigen Tagen hat nunmehr der Vater, von Ge- wiffensbiffen getrieben, einem Nachbar erzählt, der Soldat habe eines Nachts, von Urlaub könnend, den Bruder in seinem Bette mit dem Seitengewehr er- schlagen und ihm dies noch in derselben Nacht erzählt. Der zweite Sohn ist bald nach seiner Entlassung vom Militär gestorben.

* Auch ein Manöverbefehl. Anläßlich der Ma­növer bei Münstermaifeld »Rheinprovinz) bekam em Offizier von einem alten Frauchen eine Antwort, die großen Spaß machte. Auf feinen Erkundigungs­gängen nach den feindlichen Truppen kam er auch zu besagter Frau, die auf dem Felde beschäftigt ivar und fragte sie, ob sie nichts vom Femde ge- jehen habe. „Verttagt Euch mit de Leiten, da habt Ihr fei Feind," replizierte das Mütterchen und ar­beitete ruhig weiter.

* Lokalbericht aus einem Badeorte. Gestern konn­ten mir hier zu unserer großen Freude den tausendsten Somm wfrischler verzeichnen . . . leider wurde er uns kurze Zeit nach seiner Ankunft durch ein daher­sausendes Automobil wieder entrtffen.

« Am Meer. Leutnant: „Famoser Zustand hier, am 9Jleer; jeden Tag mehrere Male Flut und bann ein paar Stunden Ebbe. Bei uns schauderös Em Tag im Monat Flut und dreißig Tage Ebbe!

* Ans der Sommerfrische. Der kleme Willy schreibt: „Lieder Papa! Hier gibt es viele Schweme, Mama und wir denken ost an dich.

Marktberichte.

:em

* Frankfurt, 4. Sept. 1905. Am heutigen Wochen­markt war das Angebot in Landweizen normal: bei guter guter Kauflust behaupteten sich die vorwöchenti lichen Preise. Landroggen im Angebot schwächer um» Preise höher bei lebhaftem Geschäft. Ausländische Brotfrüchte fest gehalten bei normalem Umsatz. Gerste noch ruhig. Preise nominell. Hafer infolge mangelhafte Qualitäten läßt ausländischer Ware den Vorzug. Mals im Preis unverändert. — Es notieren je "ach Qual tcU. Weizen, hiesiger und Wetterauer 17-20—17.35 Marti kurbesstscker 1720—17.35 Mark, norddeutscher 00.00 bis 00.00 Mark, russischer 18-25~J.9;^ J?™1' Jcb.5 winter 00.00- 00.00 M - Kansas 00.00—00.00 Martz Sa Vlata 18 00—19.00 M., Donauwerzen 00.00—00.00 Mark Roggen, hiesiger. 14.75-15.10 Mk. bayerischer MM-0000M, russischer 00.00-00.00Mark. Gerste, Se 1675-17.00 Mk„ Pfälzer 00.00-00.00 Mark, Riedgerste 00.00.—00.00 M. Hafer, hiesiger, 00.00 bis 00.00 M-, do. neuer 13.75—14.50 M., bayerischer00.00 mz 00.00 M., russischer 14.00—15.50 M., rumänischer 00.00-00.00 Mk. Mais (Mixed) 13.25-13.60 Martz Donaumais 00.00—00.00 M, La Plata 13.00-13.25 Mark, russischer 00.00—00.00 M. Alles per 100 Kilo netto effektiv loco hier. — Mehl knapp und höher. Es notiert je nach Qual.: Weizenmehl,hiesiges, Nr. 027.00 bis 28.00 M., feinere Marken 29.25-29.50 M„ Nr. 1 25.00—26.50 M., feinere Marken 26.00—26.50 Mark, Nr. 2 24.00—24.50 M., feinere Marken 25.00—25.60 Mark, Nr 3 22.75—23.00 Mk., feinere Marken 23.25 bis 23.50 M., Nr. 4 19.25-19.75 M., feinere Marken 20.25—20.75 M. Roggenmehl, hiesiges, Nr. 0 23.00 bis 23.50 M., Nr. 1 20.50—21.00 M„ Nr. 2 17.00 ins 17.50 M. Alles per 100 Kilo inktz Sack. — Futter- artikel etwas ruhiger. Weizenschalen.4.60—5.00Maru Weizenkleie 4.90—5.20 M., Roggenkleie 5.75-6.00 M, Futtermehl 6.50-7.50 M., Biertreber, ßetro&ieti 6.öu bis 7.00 M- je nach Qualität. Alle- per 50 Kilo nett» effektiv loeo hier.