32. Jahrgang.
Fulda, Samstag, den 2. September 1905
JW 200.
Erstes Wfatt.
Im Kolke Mstoml
wenn eS diesen nun durch den Rechnungsabschluß recht klar zum Bewußtsein kommt, wohin die heutige Politik führt, haben wir keine Ursache zur Betrübnis. Hoffentlich wirkt dieser Abschluß erzieherisch und mahnt zur Sparsamkeit. Er wird den Bundesstaaten auch nahelegen, auf eine gute Reichsfinanzreform hinzuarbeiten, gut, aber nicht im Sinne von starken Steuern, also der Quantität nach, sondern „gut" der Qualität nach, sodaß die Vorlage jeder Prüfung Stand hält; die Bundesstaaten haben das größte Interesse, daß die neuen Steuergesetze zustande kommen, weil sonst sie als die verfassungsmäßigen Bürgen des Reiches alles bezahlen müssen in der Form höherer Matrikular beiträge."
Katholikenversammlungen so viele Anträge ohne Diskussion (tatsächlich findet eine Diskussion in den Ausschüssen statt) erledigt werden. Will man uns etwa glauben machen, die '120 An» träge könnten in Jena ernsthaft beraten werden? Man wird auch dort, wie an allen Parteitagen das Gros der Anträge im Bausch und Bogen abtun, schon weil zu einer ernsthaften Beratung die Zeit gar nicht ausreicht.
§ Die „Nationalzeitung" bestätigt eine Mit- teilung der „Kölnischen Volkszeitung", wonach der Direktor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, Tr. Stübcl für einen demnächst frei werdenden Gesandtschastsposten und als sein Nachfolger der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Graf v. Goetzen in Aussicht genommen sein soll. Das genannte Blatt schreibt dazu: „Der Wechsel in der Leitung der Kolonialabteilung wird, wenn irgend die Verhältnisse in Ostafrika es gestatten, noch so rechtzeitig vor dem Zusammentritt des Reichstags erfolgen, daß Graf Goetzen Gelegen- heit hat, mit den leitenden S.ellen diejenigen Neuerungen im System der Kolonialverwaltung zu vereinbaren, die dem Reichstag gegenüber vertreten werden sollen. Die Umgestaltung der Kolonialabteilung selbst steht an Bedeutung hinter diesen Fragen des Verwaltungssystems zurück; sie wird deshalb im Etat für 1906 noch nicht vorgeschlagen werden. Um so größeren Einfluß dürften die Reformpläne des neuen Kolomal- direktors auf den Reichshaushalt üben."
michl o, unter einem Dache leben zu müssen mit dieser — Kreatur I"
Tiefes Schweigen folgte. Es machte auf Iva mehr Eindruck, als irgend welche Worte. Thilo stand vor ihr, den ernsten, dunklen Blick voll Leid, Ueberraschung und Unwillen.
„Mein Gott, Thilo!" rief sie furchtbar erregt, „ich fürchte, ich verliere den Verstand! Um Dir zu gefallen, wollte ich alles so gut machen, aber sie--jede böse Regung meines Wesens erwacht,
wenn sie mir naht. Sei nicht böse, Thilo, ich kann's nicht ertragen. O, sag' mir, was soll ich tun?"
„Nun, das ist sehr einfach, Du mußt Frieda abbitten."
„W—was?" stammelte sie, ihrer selbst kaum mächtig, mit weißen Lippen und glühenden Augen.
„Errege'Dich nicht so, Iva. Natürlich mußt Du abbitten, dem Unrecht ist auf keine andere Weise abzuhelfen."
„Nie."
„Verstehe ich recht? Du willst nicht abbitten?"
„Nie; ihr nie."
„Du wirst es tun, Iva."
„Ich werde es nicht tun."
Aufs Neue tiefes Schweigen. Hoch aufgerichtet, Trotz und Leidenschaft im bleichen Antlitz, stand fie ihm gegenüber.
„Iva", begann er kalt, und seine Worte fielen wie Eis auf die Glut ihres stürmischen Herzens, „einst rühmtest Du Dich, nie eine Lüge gesagt zu haben, aber Du hast eine Lüge geschworen. Du legtest am Altäre den Eid ab, mir zu gehorchen und widersetzest Dich meinem ersten Befehl. Ich bin kein Tyrann und werde Dich nicht zwingen, aber vergessen werde ich's nie."
Er wandte sich zum Gehen.
„Geh' nicht im Zorn von mir, Thilo," rief fie flehend, „o, mir ist, als bräche das Herz!"
„Willst Du morgen zu Frieda gehen und abbitten?"
Sie zitterte wie vom Fieber geschüttelt.
„Ja," klang es hohl von den weißen Lippen.
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/ fpaitige petttzeile oder deren San« 15 pfg. Setlame» die petttzeile 25 Pfg.; bei wieder, holunge» wird titifpr. Lotati»«»druck «.
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Verlag der Zuldaer Le» ttendruckerei iw Md» Zernfprecher Nr. 9.
~ Deutsches Reich.
Berlin, den 1. September 1905.
* In einem Artikel zum Straßburger Katholikentag hebt die Freuzzettung' vor allem die nationale Bedeutung der Tagung hervor. Sie nennt den Katholikentag eine „gewaltige deutschpatriotische Kundgebung trotz allem, was in demokratischen, liberalen usw. Zeitungen auch Gegenteiliges geschrieben wird". Das konservative Organ sagt u. a.: „So oft, so kräftig und so begeistert ist unseres Wissens im Reichslande seit 1870 überhaupt noch nicht vor solcher Zuhörerschaft das Deutschtum betont worden. Vom Begrüßungsabend bis zur letzten Versammlung war eines der Hauptmotive der Reden das: „Wer treu zu seiner Kirche hält, der wird auch treu zu seinem Kaiser halten", und der stürmische Beifall, der solchen Aussprüchen jedesmal folgte, bewies deutlich, daß die Zuhörer sie durchaus ernst nahmen und mit ihnen übereinstimmten.".....Es hieße na
türlich die Wirkungen dieses Katholikentages überschätzen, wenn man nun eine plötzliche Umwandlung der Gesinnung der reichsländischen Kongreßteilnehmer, soweit sie nicht schon auf gut deutschem Boden standen, erwarten wollte. Aber wirkungslos werden diese Tage in nationalem Sinne ganz gewiß nicht bleiben." — Die .Frankfurter Zeitung' hat nachträglich entdeckt, daß auf dem Straßburger Katholikentage ein auf Antrag des Komitees von dem Reichspostamt in Berlin hergestellter Stempel verwendet wurde, der den Aufdruck trug: Straßburg, Elsaß, (52. Katholikentag). Das Blatt macht zu dieser Entdeckung einige „geistreiche" Glossen. Nur schade, daß es mit der Entdeckung selbst nicht weit her ist. Schon auf früheren Katholikenversammlungen sind Poststempel mit dem Aufdruck „Katholikentag" verwendet worden. Wegen der starken Arbeit, die der Post aus der Katholikenversammlung erwächst, und zur Bequemlichkeit der Berichterstatter wird für die Tage der Versammlung in einem Nebenraume des Versammlungslokals ein eigenes Po stund Telegraphenamt eingerichtet. Da ist das doch eigentlich ganz selbstverständlich, daß dies provisorische Postamt den Stempel „Katholikentag" führt. Daß der Straßburger Stempel vom Reichspostamt in Berlin angefertigt worden sei, bezweifeln wir übrigens. Jedenfalls soll man sich nicht lächerlich machen mit dem Geschrei über ein „neues Zugeständnis an den Ultramon- tanismus".
* Der Zentrumspresse wird von der .Täglichen Rundschau', dem Organ des Evangelischen Bundes, vorgeworfen, daß sie zwar, wie andere
Nach dem Amerikanischen der Mrs. May AgneS Fleming erzähll von Lina v. Berlepsch.
183 (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung auS dem zweiten Blatt.)
Iva erinnerte sich an Thilo's Blick, und nun, da ihr übler Genius gewichen, versuchte fie liebenswürdig zu sein gegen die Gäste, aber noch hatte sie nicht gelernt, zu heucheln, und das bleiche Antlitz, die fieberhaft leuchtenden Augen gaben genugsam Zeugnis von dem Sturme im Innern. Allen war es eine Erleichterung, als die Stunde schlug, die gestattete, sich zur Ruhe zurückzuziehen.
Als Iva allein war mit dem Gatten, wagte fie nrcht, den Blick zu ihm aufzuschlagen, bang bewegt sank sie auf 8 Sofa und barg das Antlitz in den Händen.
bin heiterer Anfang." begann er kalt, -wmßt Du auch, daß Du Dich und mich lächerlich gemacht?"
„Ich konnte nichts dafür, Thilo, wir war's, als käme ich von Sinnen."
„Es brauchte nicht viel, trat unsere Gäste zu Lberzeugen, daß Du es bereits warst. Vermochte jetwa Frieda's unschuldiges Ersuchen, zu spielen, ober ihre gutmütige Abbitte Dich zur Tollheit zu bringen? Du schütteltest ihre Hand ab, als ob Du Ansteckung fürchtetest."
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„Die fürcht ich auch; ich fürchte fie," rief Iva außer sich.
„DaS geht doch zu weit!" bemerkte Thilo mit unverhohlenem Mißfallen, „Dein Unsinn über- schreittt alle Grenzen. Nimm Dich in acht, damtt man Dich schließlich nicht wirklich für verrückt halten muß. Weißt Du, daß Du Frieda heute abend angesichts unserer Gäste beschimpftest?"
„Die falsche, gleißnerische Schlange beschimpfte
§ Zur Finanzlage des Reiches.
Die Freunde der „großen Reichsfinanzreform" bemühen sich, auch den soeben veröffentlichten Rechnungsabschluß für 1904 in ihrem Sinne zu ver- werten.' Ganz allgemein wird von dieser Seite gepredigt, der erwähnte Rechnungsabschluß zeige wieder mtt „wünschenswerter Deuttichkeit", wie notwendig eine „durchgreifende" Reform der Reichsfinanzen sei. Unter dieser durchgreifenden Reform versteht man dort aber bekanntlich lediglich eine starke Vermehrung der Einnahmen des Reiches, und nur nebenher, als Mittel zum Zweck, wird die Sicherstellung der Finanzen der Einzelstaaten ins Feld geführt.
Dabei läßt sich der Finalabschluß für 1904 für den Beweis einer im allgemeinen schlechten Finanzlage des Reiches so gut wie gar nicht verwerten. Wenn Bayern nicht den Fehler begangen hätte, die durch das Gesetz vom 31. Mai 1901 entstandenen Ausgaben für die Pensionen der Kriegsinvaliden auf den allgemeinen Pen- sionsfondS des bayerischen Militäretats zu übernehmen, statt fie aus dem Reichsinvalidenfonds zu decken, so würde das Defizit von 8y2 Millionen Mark nahezu vollständig vermieden worden sein. Nähere Ausschlüsse über diesen Fehler wird man ja bei der Bewertung des Etats für 1906 nicht erhalten, bei dem, wie es in der offiziellen Darstellung heißt, „die nachttägliche etatsmäßige Bereitstellung der Mittel zur Deckung der Ueberschrei- tung aus dem Reichsinvalidenfonds zur Erwägung komme» mutz." Aber auch abgesehen davon darf man nicht vergessen, datz schon im Etatsjahr 1904 die Finanzlage stark beeinflußt wurde durch die Ausgaben bezw. die Kredite, welche der Aufstand in Südwestafrika notwendig machte. Die „Fr. D. Pr." weist darauf hin, indem sie ausführt: „Man mutz sich gegenwärtig halten, daß die Uebersicht des „Reichsanz." über den Anleihebedarf des Reiches und die Deckung desselben nichts enthält. Der Etat für 1904 hatte an Einnahmen und Anleihen nicht weniger als 152 Millionen Mark vorgesehen, darunter 128 Millionen Mark zu einmaligen Ausgaben für Rechnung der Gesamtheit aller Bundesstaaten, also hauptsächlich für Zwecke der Militär- und Marineverwaltung. Dieser Anleihebedarf hat sich für 1904 noch gesteigert durch die Nachtragsetats für Südwestaftika aus Anlaß des dortigen Aufstandes." Die Mehrausgabe für die Verzinsung der Reichsschuld in Höhe von 7,3 R" onen Mark hängt zweifellos mit diesen Ver^..,r- nissen zusammen, die man nicht gut als normale bezeichnen kann.
Irgend welche Rückschlüsse auf die weitere Gestaltung der Reichsfinanzen lassen sich aus dem Rechnungsabschluß für 1904 nicht ziehen. Eine Gegenüberstellung der einzelnen Zahlen dieses Abschlusses mit den entsprechenden des laufenden Etatsjahres lehrt nur, daß verschiedene Einnahmeposten stark schwanken und daß wir uns zur Zett noch in einem Uebergangsstadium befinden.
Zugegeben muß werden, daß die Einzelstaaten bei dem Finanzabschluß für 1904 schlechter gefahren sind, als man erwartet hatte, wenn sie auch auS der lex Stengel einen Vorteil geschöpft haben. Diese ungünstige Wendung für die Einzelstaaten zugunsten einer „Reform" im Sinne der Aufbringung erheblicher neuer Steuern zu verwerten, geht aber nicht an. Die „Germania" bemerkt mit Recht: „Wir haben uns nie einer Täuschung hingegeben, daß es so kommen werde, und es kommt just im richtigen Augenblicke. Bei den Einzelstaaten ruht zur Zett die neue Steuervorlage;
2Iuslarx
* Mit der Einigkeit der ungarischen Koalition, die nicht unähnlich jener der Mächte ist, tvelche die Erbschaft des „kranken Mannes" antreten wollen, wird es umso eher zu Ende gehen, je mehr sich auch in der Unabhängigkeitspartei, die ja von der Allianz am meisten Gewinn hatte, Stimmer geltend machen, welche die derzeitige Situation als unhaltbar bezeichnen. Die Angst um die Popularität ist jetzt allgemein geworden, da das neue Wahlrecht droht. Wenn die Unab- hängigkeitspartei wirklich, wie es eines ihrer führenden Organe fordert, die Koalition sprengt dann wäre eine neue Situation gegeben, von welcher man allerdings nicht weiß, ob sie b e s s e r sei' würde, als die jetzige. — Ende September, kur. nach Eröffnung des ungarischen Reichstages, sol. auch der österreichische Reichsrat zusammentrete'. zu einer nur zweiwöchigen Demonstrationssession, in welcher zur Krise in Ungarn Stellung zu nehmen fein wird. Dann sollen die Landtage ihre Ge- fchätte erledigen, um schließlich der Wintersession des Reichsrates Platz zu machen. — Die Regierum will dem altersschwachen Abgeordnetenhaus nicht den Gnadenstoß geben; sie erlärt, an eine Auf lösung nicht zu denen. Ob sich dieser Entschluß aufrecht erhalten lassen wird, dürfte immerhin noch fraglich sein.
* Im französischen Kongogebiet hat der „Tropenkoller" auch wahre Orgien gefeiert. Der Kolonialminister Elemente! erhielt am Donnerstag ein Telegramm aus Brazzavillo mit der Meldung, daß die wegen an Eingeborenen begangenen Grausamkeiten angeklagten Kolonialbeamten Gand unk Toque zuje5JahrenKerker verurteilt worden sind.
* Wieviel kostet den Russen der Kr»cg? Nach den in ökußland bestehenden „Regeln" wurden dir durch den Krieg mit Japan hervorgerufenen Ausgaben nicht in das allgemeine Budget mit eilige- schlossen, sondern sie wurden auf Grund der allerhöchst bestätigten Verfügung durch einen besonderen Beschluß der höchsten Mitglieder des Reichsrats und der entsprechenden Minister bewilligt. Tie Gesamtsumme solcher im Jahre 1904 bewillig-
Alle schienen auf Richmond Hall sich zu Vergnügen, alle bis auf die Herrin. Es gab Spazierfahrten, Reitpartien, Schlittschuhlaufen und Eis- sckMeßen, Tanz, Musik, alle erdenklichen Spiele für den Abend; die jungen Leute gaben sich von ganzem Herzen dem Vergnügen hin, alle — nur nicht Iva. —
So wenig die Tage waren, die seit jenem ersten Abend verstrichen, sie hatten genügt, eine merkliche Veränderung zu bedingen.
Die Blüte der Gesundheit, des Glückes war verblichen, in dunklem Rot flammte zuweilen die blasse Flamme auf. Das Auge hatte das Feuer, der Schritt die lebhafte Anmut verloren, die Stirne war gedankenvoll düster. Iva führte ein Folterleben, und nur ein Geist, zart, empfindsam und stolz wie ihrer, hätte vermocht, die Qual zu ermessen, die sie litt. ,
Geringschätzende, höhnische Blicke und Worte, zweideutige Worte, verletzende, boshafte Winke, waren von der Schwiegermutter und Frieda täglich zu ertragen. Angesichts aller Gäste war Iva solch fortwährenden Nadelstichen ausgesetzt, ferne Gelegenheit ließ man vorübergehen, ohne sie, „das Kind aus dem Volke," „das ungebildete Land- mädchen", zu demütigen.
Halb wahnsinnig vor Zorn floh sie zuweilen auf ihr Zimmer und kämpfte gegen den vernichtenden Sturm im Herzen.
Thilo war von der Sorge um das Wohl seiner Gäste zu sehr in Anspruch genommen, um anderes zu beachten. Ueberdies lag es in seiner Politik, die Abneigung und den Haß, womit seine Gattin verfolgt wurde, nicht zu gewahren. Wohl sah er die Veränderung ihrer Züge, bemerkte die wachsende Kälte, die sie gegen alle, ihn nicht ausgenommen, an den Tag legte, Frieda aber hatte all das Jvas verstocktem Eigeiisinn zugeschrieben und Thilo glaubte ihr. Er hiell feine junge Frau für unverbesserlich in ihrem unangenehmen, unfug- samen Wesen, zeigte sich folglich, wenn allein mtt ihr, kalt und gleichgültig, und so wurde bte Kluft zwischen den Gatten immer größer.
Blätter auch, von „dem Kaiser" spräche, dagegen immer von „dem Herrn Erzbischof von Posen". Das sei so eines von den „kleinen Mitteln". Das ist eine kleinliche Verdächtigung. Sollen wir vielleicht von dem „Herrn Kaiser" sprechen, was kein Mensch tut, oder uns heilig verpflichten, den gelegentlich gebrauchten Majestätstitel unter allen Umständen anzuwenden? Die österreichssche Presse fpricht auch von „dem Kaiser" F^nz Joseph, aber jeden Erzherzog nennt sie nach dortiger Sitte „den Herrn Erzherzog". Damit sollen also wohl die Erzherzöge im Gegensatz zum Kaiser besonders geehrt werden! Es ist nichts so dumm, es findet doch sein Publikum — nämlich unter den Lesern der .Täglichen Rundschau'.
* Ausgewiesen wurde der Berliner Korrespondent des „Amsterdamer Algemeinen Handelsblad" L. CatzvanAalten. Er hat sich bei der deutschen Regierung mißliebig gemacht durch eine all- zusreie Kritik ihrer Maßnahmen. Schon im Oktober oder November 1903 war er auf dem Berliner Polizeipräsidium verwarnt worden. Er selbst behauptet, er fei durchaus nicht deutschseind- sich gesinnt, hege vielmehr große Sympathie für das deutsche Volk. Doch habe er immer einen strengen Unterschied gemacht zwischen Volk und Regierung. Mit anderen Worten: er hat die Negierung angegriffen, und deshalb wurden seine Artikel bei der Berliner Polizeibehörde oder an noch höherer Stelle als deutschfeindlich angesehen und mit der Ausweisung bestraft. Wir kennen seine journalistischen Missetaten nicht, möchten aber doch fragen: wie steht es denn aber mit den Berliner Korrespondenten englischer Blätter? Schreiben die nie in deutschfeindlichem Sinne?
* Eine Tabaksteuervorlage soll, wie ein Berliner zuweilen offiziös bedientes Blatt versichert, zu den im Reichsschatzamt ausgearbeiteten Entwürfen gehören. Die Vorlage soll aber nur den Luxusverbrauch, insbesondere auch den Zigarettentabak, schärfer heranziehen. Die „Deutsche Tageszeitung" bemerkt dazu: „Es handelt sich nicht um bestimmte feste Pläne, sondern lediglich um vorläufige Vorschläge, deren Schicksal im Bundesrat noch nicht abzuseben ist."
* Zum sozialdemokratischen Parteitage m Jena sind nicht weniger als 120 Anträge eingegangen. Weitaus die meisten beschäftigen sich' mit dem neuen Or gauisationsstatut, über das also die Meinungen noch immer stark aus- einandergehen müssen. In 9 Anträgen werden Vorschläge gemacht, auf die Tagesordnung noch andere Gegenstände zu setzen, als der Partei- vorstand darauf gesetzt hat. 16 Anträge beschäftigen sich mit Presse, Flugschriften usw. Recht mißtrauisch scheinen Parteigenossen des 3. Hamburger Wahlkreises gegen die Reichstagsfraktion zu sein, denn sie beantragen, die Reichstagsfraktion solle in einer geschlossenen Sitzung Auskunft geben über die Beteiligung an den parlamentarischen Arbeiten und Abstimmungen im Reichstage seitens der Abgeordneten. Parteigenossen in Heidelberg und im 4. sächsischen Wahlkreise wünschen, daß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion im Reichstage den Antrag auf Trennung der Kirche vom Staate einbringe. Aus 5 Wahlkreisen liegen Resolutionen vor, die sich in kräftigen Worten gegen die unaufhörlichen Zänkereien unter den Literaten und Theoretikern der Partei aussprechen und den Ton verurteilen, in dem die Diskussion unter den Streitenden geführt wird. Die sozialdemokratische Presse pflegt sich darüber auftuhalten, daß auf den
„So ist's recht, Iva; der Schimpf war öffentlich und follte auch öffentlich gesühnt werden. Diese Demütigung aber erspare ich Dir. Sei ein ander Mal auf der Hut."
Mit fettfamcm Lächeln blickte sie auf.
„Es ist wahr geworden," seufzte sie.
„Was?" fragte er befremdet.
„Was ich geträumt. Erinnerst Du Dich noch, was ich Dir und Rudolf erzählte?"
„Du erzähltest es mit solchem Pathos, daß man es nicht leicht vergessen konnte. Wie aber reimst Du's zusammen?"
Sie lachte, aber das Lachen klang falsch und unwahr.
„Der Mann, den ich im Traume sah, der mich blutend mtt zerrissenen Füßen dem Feuer entgegentrieb, der Mann warst Du — Thilo. Nun tust Du, was ich im Traume erlebt. Aber meinen ganzen Traum sagte ich nicht; erwähnte ich, daß ich in der Angst des Todeskampfes meinen Verfolger erdrossäte?"
Wieder lachte sie und blickte ihn mit brennenden Augen an.
„Du bist krankhaft erregt," sprach er beunruhigt ; „ich wußte ja, daß Du etwas wild bist, aber auf so etwas war ich nicht gefaßt. Morgen wird's hoffentlich besser werden."
„Ja, wenn ich ihr Abbitte geleistet habe. Weißt Du, Thilo, was ich heute gewünscht?"
„Nun?"
„Daß ich nie Dich geheiratet hätte." Fünfzehntes Kapitel.
Sie säet Wind.
Lustige Tage streichen dahin über daS Herrenhaus und dessen glänzende Gäste. Musik und Lachen ertönte und fröhliche Stimmen in den schimmernden Gemächern von Richmond Hall. Bescheiden traten des Städtchens Bewohner bei Sette, wenn die fremden Damen in rauschender Seide und edlem Pelzwerk durch die Straßen schritten oder im vergoldeten Schlitten mit dem sprühenden Drachenkopf schnell vorüberglitteu.