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Zuldaer M Zeitung
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Druck und Verlag der zuldaerAettendruckerei in Zulda (harmonies. Zernsprecher Nr. 9.
M 199.
Fulda, Freitag, den 1. September 1905,
32. Jahrgang.
Dmdchant fleinridj Fidelis Müller f.
Ein tatenreiches uni edles Priesterleben ist am Mittwoch, den 30. August, vorm. 11 Uhr zu Ende gegangen. Die Stadt Fulda hat einen ihrer besten Söhne, der Klerus der Diözese eines seiner leuchtendsten Vorbilder, die bischöfliche Kurie einen erfahrenen und kenntnisreichen Mitarbeiter verloren. Eine große Zahl trauernder Angehörigen sieht heute das Grab sich über einem Familiengliede schließen, zu dem sie stets mit Stolz, aber auch mit Liebe und inniger Dankbarkeit Hinblicken durften.
Domdechant Heinrich Fidelis Müller wurde als ein Sohn der alten Bischofsstadt Fulda am 23. April 1837 geboren. Sein Geburtshaus in der Kanalstraße ist heute Eigentum des Herrn Schlossermeisters Ludwig Fleischmann. Dort wohnte sein Vater, der hochangesehene Hofschlosser Müller, der später, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, Jahre hindurch in der Verwaltung der städtischen Angelegenheiten tätig war. Es ist ein schöner Charakterzug des Entschlafenen jene rührende kindliche Liebe zu seinem im Leben so mannigfach und schwer geprüften Vater, dem er in Kastel und auf der Amöneburg seinen Lebensabend liebend verschönte.
Die Gymnasialstudien machte der selige Domdechant auf dem Fuldaer Gymnasium und hier hinterließen seine Lehrer, besonders Bormann und Gies einen nachhaltigen Eindruck auf ihn Von letzterem hatte er eine große Vorliebe für Botanik empfangen und bis an sein Ende war es eine Freude für ihn, auf Spaziergängen die Pflanzen am Wege zu betrachten und zu benennen, was so ganz seiner sinnigen Natur entsprach. Schon am Gymnasium zeigte sich sein ausgesprochenes Talent für Musik. Den ersten Unterricht hierin gab ihm der Seminarlehrer Georg Andreas Henkel, der Sohn des berühmten Orgelkomponisten Michael Henkel. Später waren der Musikdirektor Knoch und der nachmalige Hildesheimer Dommusikdirektor Professor Nick seine Lehrer. Er versuchte sich früh in kleineren Kompositionen und bei der l 100jährigen Jubelfeier des. hl. Bonifatius wurde vor dem Standbild des Heiligen ein von ihm komponiertes Musikstück vorgetragen. Auch hatte er mit gleich veranlagten Mitschülern ein musikalisches Quartett gebildet und noch in seinen letzten Lebenslagen erzählte er mit Begeisterung von den schönen Ausflügen, die er mit seinen Freunden in Fuldas Umgebung an den freien Nachmittagen unternommen hatte.
Durch seinen tieffrommen und echt kirchlichen Geist ist der Entschlafene stets ein leuchtendes Vorbild für feine Mitbrüder gewesen. Dieser Geist war ihm in dem Elternhause eingeflößt worden, genährt durch den mit ihm verwandten alten Regens Heinrich Komp, den Oheim des hochseligen Bischofs Georgius Ignatius. Heinrich Komp war auch sein Taufpate gewesen und wie lieb ihn dieser hatte, beweist die letztwillige Verfügung, nach welcher sein Patenkind seine goldene Uhr zum Andenken haben sollte. Den frommen Geist hat er aber vor allem gestärkt während seiner philosophischen und theologischen Studien im hiesigen Priesterseminar durch engen Anschluß an den damaligen Regens Dr. Schneider. Es ist wiederum ein leuchtender Zug im Charakterbild des Verewigten, daß er, wie seinem leiblichen Vater, so auch seinem geistigen Vater, dem Regens im Priesterseminar, von Anfang an so treu und kindlich sich anschloß und lebenslang ihm die größte Verehrung bewahrte.
Der 21. Oktober 1859 brachte dem Verstorbenen die Würde des Priestertums. Nach kurzer Verwendung in der hiesigen Stadtpfarrei und in Großenlüder arbeitete er wenig über ein Jahr als Kaplan in Dermbach unter der Leitung des Pfarrers Henkel, der, noch der alten Schule angehörig, zwar nicht in allem die gleiche Anschauung mit ihm vertrat, aber, selbst literarisch tätig, ihm mannigfache Anregung zu wissenschaftlicher Tätigkeit bot. Von Dermbach berief der hochselige Bischof Christoph Florentins Kött den jungen Kaplan als Pfarrverweser nach Bocken- heim. Es war eine Vertrauensstellung, denn die katholische Gemeinde war dort erst noch zu gründen. Er hat die Erwartung seiner Oberen nicht getäuscht. Der Bau der Kirche und des
Pfarrhauses und die Errichtung einer katholischen Schule in Bockenheim sind sein Werk.
Wer dem Entschlafenen im Leben nahe trat, wurde gleich bei der ersten Begegnung mit ihm auf die feine Art und Weise aufmerksam, mit der er sich zu bewegen wußte. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir das als eine Frucht seines regen Verkehrs mit den ersten katholischen Familien und Persönlichkeiten Frankfurts ansehen, bei denen die damaligen Größen des katholischen Deutschlands aus und einzugehen pflegten. Wir denken da an die Familie Brentano, von Steinle, Frau Rat Schlosser, an den feinsinnigen Münzenberger, den gelehrten Janssen, mit bem ihn eine innige Freundschaft verband, an den nachmaligen Mainzer Domdekan Lennig u. a. Gern ließ er die Erinnerungen an jene schönen Tage wieder aufleben und seine Erzählungen hiervon machten ähnlich, wie dies auch bei seinem Freunde Dechant Kreisler der Fall war, den Umgang mit ihm lehr- und genußreich.
Zehn Jahre wirkte er als Pfarrverweser und seit dem 12. Dezember 1871 als Pfarrer in Bockenheim. Da wurde ihm 1873 ein größerer Vertrauensposten übertragen, die Verwaltung der Pfarrei Kassel, die durch den Tod des Dechanten Wehner verwaist war. Hier hat der Verstorbene seine beste Lebenskraft gelassen Auf Schloß Wilhelmshöhe hat er einmal dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, der ihm scherzend bemerkte, Kassel habe einen so stolzen Dechant, der auf alle herabsehe, im Lause der Unterhaltung gesagt: „Die Jahre in der Diaspora sind Kriegsjahre, sie zählen doppelt." Das hat er freilich an sich erfahren. 1875 wurde ihm die Oberschulinspektion entzogen, er wurde mit seinen Kaplänen aus dem Pfarrhause ausgewiesen, sein ganzes Gehalt wurde ihm gesperrt. In diesen trüben Zeiten ließ er den Mut nicht sinken, und wie wir von einem, der ihm damals nahestand, hören, hat er niemals ein Wort der Klage über seine Lippen gebracht. Seine Hauptsorge galt der katholischen Schule und durch seine energischen Bemühungen wurde denn auch die Eingliederung der katholischen Schule in den Organismus der städtischen Volksschulen erreicht. Er sorgte für die Berufung der Vinzentinerinnen aus dem Mutterhause in Hildesheim und für Gründung des segensreich wirkenden Elisabeth-Klosters. Er gründete einen Elisabeth- und Vincenz-Verein, 1884 den katholischen Gesellenverein. Seine musikalischen Neigungen konnte ein Mann von der Begabung Müllers natürlich auch in Kassel nicht verleugnen. Was er in Bockenheim nach Maßgabe der dortigen bescheidenen Verhältnisse mit Mühe und Eifer ins Werksetzte, die Erzielung eines schönenKirchengesan- ges und die Bildung eines Kirchenchores, das gelang ihm in Kassel unter ungleich günstigeren Umständen aufs vortrefflichste. Er erinnerte sich mit Vorliebe der schönen musikalischen Aufführungen, zu denen er auch Kräfte von der Oper und den ersten Bürgerskreisen heranzuziehen verstand, für welche zur szenischen Ausstattung Künstler wie Professor Knackfuß und der für ihn begeisterte protestantische Maler Kolitz sich ihm zur Verfügung stellten. Daß ein Mann von dem ängstlichsten Pflichtbewußtsein, wie es dem Entschlafenen eigen war, die Seelsorge nicht vergaß, versteht sich von selbst. Noch heute gedenkt man mit Hochachtung der eifrigen Hirtensorge des damaligen Dechanten und des gemütvollen, zu Herzen dringenden, begeisterten Predigers; der, wie er später oft hervorhob, besonders apologetisch in seinen Kanzelvorträgen zu wirken bemüht war. Unter den Konversionen, die unter ihm geschahen, sei besonders die des Herzogs Palrl von Mecklenburg an dieser Stelle erwähnt. Auch seine große sich selbst vergessende Wohltätigkeit werden die Kasseler Armen und Bedrängten noch lange nicht vergessen. Daß es dem treuen Jünger Christi nicht an Schwierigkeiten und Mißhelligkeiten fehlte, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden.
Unter dieser aufreibenden Tätigkeit hatte schließlich seine Gesundheit gelitten. Das bewog ihn, um die erledigte Pfarrstelle zu Amöneburg zu bitten. Der selige Bischof Joseph willfahrte seinem Wunsche und am 15. November 1890 wurde der Verstorbene Pfarrer daselbst, seit dem 5. Januar 1891 auch zum Dechanten des gleichnamigen Dekanats bestellt.
Drei Jahre wirkte er in diesem Amte. Nach der Erhebung des Regens Dr. Komp zur Bischofswürde wurde er zum Domkapitular gewählt und als solcher am 26. November 1894 installiert. Was er in seiner Eigenschaft als Berater des Bischofs und seit 1902 als Domdechant gewesen, haben die Beteiligten in dem Nachruf ausgesprochen, mit dem sie seinen Tod angezeigt haben. Darin wird er gerühmt als ein hochbegabter, für die hl. Kirche begeisterter Priester, als ein hochverdienter Mann, der mit großer Klugheit und hingehender Treue in allen seinen Stellungen für das Wohl der Diözese gewirkt hat.
Wir wollen blos erinnern an sein unermüdliches Werben für den Priesterverein Associate perseverantiae sacerdotalia", an die gewissenhafte Direktion des Pactum Marianum, welche die Priester dadurch belohnen werden, daß sie die Erfüllung ihrer Verpflichtung nicht verzögern.
an seine Tätigkeit für den Priesterunterstützungs- Verein, dessen Seele er Jahre hindurch gewesen, an sein Wirken als Diözesanpräses des Boni- fatiusvereins, dessen hohe Bedeutung er als Diasporapfarrer kennen gelernt hatte und noch jüngst in einer Ansprache an die Alumnen in begeisternden Worten hervorhob. Wir erinnern an seine Tätigkeit als Präses des ihm liebgewordenen Männer- und Meistervereins, den er nach Kräften zu heben und durch Vorträge zu beleben suchte, an sein Amt als Diözesanpräses der Gesellenvereine, dessen er noch drei Tage vor seinem Tod gewaltet hat.
Das war Herr Domdechant Heinrich Fidelis Müller in seinem Leben, ein edler Priester, ein Mann des Gebetes und der Arbeit, ein Mann der gewissenhaftesten Zeitbenützung, ein Mann voll der Begeisterung für die hl. Kirche Gottes, ein fidelis servus et prudens. Es ist wohl kein Zufall, daß er, den man so oft noch im Dunkel des Abends vor dem Josephsaltar der Kathedrale betend knieen sah, am Mittwoch, dem Tag des hl. Joseph, zu Gott abberufen wurde. Der große Patron der Sterbestunde wird ihm einen guten Tod vom Herrn erfleht haben. Eine besondere Gnade ist ihm zuteil geworden. Die Aufregungen und Unruhen, welche ihm bei seiner übergroßen Aengstlichkeit die letzten Stunden hätten bringen können, blieben ihm erspart. Die Gnade setzt die Natur voraus und vervollkommnet sie. Ein Priester von den herrlichen Eigenschaften des Entschlafenen mußte notwendig auch als Mensch das gewöhnliche Maß weit überragen. In der Tat war Müller eine hoch- begabte Natur, von liebenswürdigem Charakter, der auch bei vertrauterem Verkehr stets verehrungswürdig blieb, stets voll Rücksicht gegen andere, auch Unterstellte, von peinlicher Ordnungsliebe — noch vor einigen Wochen nahm er wiederum eine musterhafte Sichtung seiner Papiere und Bücher vor. Sein feiner ästhetischer Sinn ist auch in weiteren Kreisen bekannt geworden und jedem Besucher sprang seine mit geschmackvollen Bildern und Kunstwerken ausgestattele Wohnung sofort in die Augen. Es wird wenige Menschen, außer den Berufsprofefforen, geben, die über eine solche Kenntnis der Kunst uni)] Literatur verfügen, wie er sich ihrer rühmen konnte. Und er war hierin nicht blos ein Wissender, sondern vor allem auch ein Wertschätzer, der mit seinem gemütvollen Inneren und seiner lebhaften Phantasie die Kunst und Literaturerzeugniffe auch verkostete. Seine musikalische Begabung und seine Leistungen auf dem Gebiete der Tonkunst müssen wir be- rufeneren Federn zu schildern überlassen. Es ist geradezu staunenswert, was er hierin leistete, trotz seiner Inanspruchnahme durch die Amts- geschäfte, trotz seines unermüdlich pflichttreuen Arbeitens in der Seelsorge und Verwaltung. Freilich ist auch ein gutes Stück seiner Gesundheit und seines Lebens durch diese aufreibende Tätigkeit dahingeschwunden. Eine ausführliche Uebersicht über seine Kompositionen zu geben, liegt nicht im Rahmen dieses Nachrufs. Nur kurz sei hingewiesen auf seiner Liedersammlungen (Trutznachtigall, Liliengärtlein, Kinderlieber, Lieder im Volkston u. s. w.), auf seine Lieder zu feierlichen Gelegenheiten (Aloysius-, Papst-, Bonifatius-Jubiläum u. s. w.), auf seine Messen (Herz-Jesu-, Bonifatius-, Elisabeth-, Josephs-Messe) sein Auge glänzte vor Freude, wenn er dem Schreiber dieser Zeilen den Eindruck erzählte, den seine erste Meßkomposition, die leider ungedruckt geblieben ist, auf die am Grabe des hl. Bonifatius versammelten deutschen Bischöfe Ende der sechziger Jahre machte, als sie beim feierlichen Pontifikalamt im Dom zum Vortrag kam. Durch seine Oratorien hat Müller, den die Akademie S. Caeclia in Rom zum Ehrenmitglied« ernannte, einen Weltruf erlangt, an lausenden von Orten des In- und Auslandes sind sie aufgeführt worden. Noch vor kurzem schrieb ein Musikverständiger :
„Die Fahrt, die er zu den Passionsspielen in Oberammergau im Jahre 1871 machte, brachte ihn zu der Erkenntnis, daß es idealer wäre, wenn statt eines wirklichen Dramas religiöse Musik aufgeführt und dabei lebende Bilder ausgestellt würden. Diese Idee gelang ihm überraschend gut. Es entstand im Jahre 1889 ein „Weihnachtsoratorium" (op. 5), das bis jetzt über dreißig Auflagen erlebt hat. Von einem wahren Beifallssturm begleitet, nahm es seinen Triumphzug durch die Länder deutscher Zunge und erbaute und begeisterte allenthalben. Binnen 4 Jahren wurde es in 200 Städten Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz dem Publikum vorgeführt. Jetzt hat es bereits in über 2000 Orten die Zuschauer entzückt, die Zuhörer begeistert. Selbst nach Rußland fand es seinen Weg. In Mailand erschien eine italienische Ausgabe, in Amerika wurde es in vielen Städten gegeben, wo echt christliche Gesinnung herrscht. In Natal (Südafrika) riß es die gläubigen Schwarzen zu ungeheurer Begeisterung hin. Ein Erfolg, wie er in der Musikliteratur wohl einzig ist. Mit gleicher Begeisterung wurden „Die hl. Elisabeth" (op. 12) und die „Passion unseres Herrn Jesu Christi" (op. 16) ausgenommen.
Mit der Schöpfung der „Paffion", die ebenfalls bereits in über 300 Städten zur Aufführung kam, hat H. F. Müller sich einen Namen und eine geachtete Stellung in der musikalischen Welt begründet. Ja, man kann sagen, er ist wohl einer der volkstümlichsten Tondichter Deutschlands auf dem Gebiet religiöser Musik geworden, insofern sie den Zweck hat, nicht nur dem Kenner, sondern auch der großen Menge, die nichts als den guten Willen auf sich wirken zu lasten, mitbringt, einen wahren Genuß für Herz und Ohr zu bereiten und zugleich durch Inhalt und Form des behandelten religiösen Stoffes einen sittlich veredelnden Einfluß auszuüben.
Die Zuhörer, ohne Unterschied der Konfession, worunter auch oftmals hohe Fürstlichkeiten waren, erklärten sich von den frommen, innigen Rezitativen, Arien, Liedern und Chören ergriffen und wohnten den Aufführungen mit vollster Hingabe und Andacht wie einem Gottesdienst bei. Auch das Festspiel „Die hl. Elisabeth" wurde mit großem Erfolg bis jetzt in 250 Städten aufgeführt."
Kaum war sein letztes Oratorium, Emanuel, vollendet, da faßte der Unermüdliche einen neuen Plan: Hauptszenen aus dem öffentlichen Wirken des Herrn in Musik zu setzen. Die Titel waren schon gewählt: Das Vater unser, die Bergpredigt, der Kinderfreund u. s. f., ja bereits liegt ein beträchtlicher Teil ausgearbeitet vor. Die letzte Arbeit vor seinem Tode war die Korrektur von Druckbogen (Noten) für die neue Auflage des Gefangbuches. Das Urteil über Müller's Kompositionen ist natürlich ein verschiedenes — in Sachen des Geschmackes gehen ja die Anschauungen am meisten auseinander. Jedenfalls soll man in ihnen nicht mehr suchen, als er selber in ihnen gefunden wissen wollte. Wie er immer und immer wieder betonte, wollte er nicht grandiose Effekte erzielen, Ohrenschmaus bereiten, geistreiche und originelle Melodienführungen erfinden, erst recht keine überraschenden modernen Akkordfolgen vorführen: nur erbauen wollte er, zur Andacht stimmen, die Menschenherzen für Gott gewinnen, für Gott erziehen, zur Liebe des Heilandes begeistern. Daß ihm dieses auch gelungen ist, bezeugt die weihevolle Stimmung, mit der allerorten seine Kompositionen gesungen und angehört wurden. Dabei darf nicht vergeffen werden, was schon der große Volkslied-Schriftsteller Erk von ihm wiederholt gerühmt hat, daß Müller wie wenige den Volkston in seinen Liedern zu treffen wußte. Seine Musik hat darum die gute Eigenschaft, von allen, auch vom gewöhnlichen Volke verstanden zu werden, ohne ins Triviale zu fallen und dadurch an Kredit bei den Kennern zu verlieren. Müller erbaute durch seine Musik, weil er seine ganze gläubige Seele in seine Melodieen ergoß. Das mag auch der Grund gewesen sein, weshalb er selber bei der Wiedergabe seiner Kompositionen sich immer wieder so tief ergriffen und in frommer Stimmung fühlte, und weshalb er es ungern sah, wenn man etwas aussetzen zu müssen glaubte: er betrachtete eine derartige Kritik fast als einen Zweifel an seiner eigenen inneren Glaubensund Gebetsstimmung, die er in seinen Kompositionen verkörpert fand.
Es ist wohl weniger bekannt, daß der Verstorbene auch Dichter war und den Text zu seinen Liedern und Oratorien vielfach selbst geschrieben hat. Hier liebte er es, die mittelalterliche Form, die uns etwas fremd geworden ist, nachzuahmen — seinem kindlich frommen, einfachen, gemütvollen Sinn stand das Mittelalter mit seinem einfachen, frommen, künstlerischen Denken und Empfinden bei weitem näher als die gesuchte und raffinierte Kunst der Neuzeit.
So ist er denn von uns geschieden dieser edle, fromme Priester, dieser liebenswürdige Mann, diese hochbegabte künstlerische Natur, dieser getreue Arbeiter für Gott, die Kirche und die Seelen. Möchten die Tausende, in deren Herzen er durch seine Lieder und Oratorien so fromme Gesinnungen weckte, seiner Seele ein kleines Gebetlein weihen, mögen seine Konfratres des treuen Mitbruders am Altäre gedenken! Wir aber glauben, daß er jetzt oder doch bald die Wahrheit der Worte erfährt, die er mit so wunderbar schönen Akkorden umgeben: „O wie groß ist die Fülle der Seligkeit, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben." Wir rufen ihm mit seinen eigenen Worten aus dem Oratorium „Die hl. Elisabeth" nach:
„Freund Christi, komm', o komme In deines Vaters Haus, Leg' ab die Erdenhülle Und ruhe selig aus.
Dein Lauf ist nun vollendet. Es winket dir die Kron' Des Lebens, du sollst sitzen An deines Jesu Thron! Freund Christi, komm', o komme In deines Vaters Haus."