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•M 196.

Deutsches Reich.

Berlin, den 28. August 1905.

* Eine erfreuliche Friedenskundgebung detz Reichskarrzlers Fürst Bülow wird aus New- Jork, wie folgt berichtet:

Reichskanzler Fürst v. Bülow hat am SamStaa dem Berliner Vertreter der Associated Preß auf eine Anfrage folgende telegraphische Ant­wort erteilt: Seit dem Beginn der Aktion deS Präsidenten Roosevelt hat der Deutsche Kaiser sowohl wie die deutsche Regierung nie­mals aufgehört, für die Sache deS Friedens einzutreten, wo nur immer sich eine Gelegenheit dazu darbot. Deutschland ist ebenso wie Amerika daran interessiert, daß dem Risiko der Unsicherheit, die mit jedem großen Krieg unzertrenn­lich verbunden sind, ein Ende gesetzt werde. Der Kaiser und das deutsche Volk wünschen von Herzen, daß die Bemühungen des Präsidenten Roosevelt er­folgreich sein mögen. Fürst Bülow.

* Ueber den Straßburger Katholikentag hielt der Abg. Bebel am Sonntag in Straßburg vor angeblich 10,000 Zubörern, von den ihn ein Teil mit Pfeifen empfing, die angekündigte Rede, in der er nach seiner Gewohnheü über alles und noch einiges mit dem ihm eigenen Ueber» legenheitsbewußtsein seine Meinung zum besten gab, ohne jedoch, soweit wenigstens die uns vorliegende Berichte erkennen lassen, irgend etwas Neues und Originelles zu sagen. Er zog haupt­sächlich über die katholische Kirche und das Zentrum her. Nach seiner Ansicht vertritt die Sozialdemokratie besser als die Kirche die Grund­sätze des Christentums und wird, wie alle anderen Gegner, so auch di« katholische Kirche überwinden; so^ar die Jesuiten fürchtet sie nicht. Das Zentrum ist schuld an dem „Wuchertarif", der Bölkerverhetzung usw. und tut nichts für di« Arbeiter. Es lohnt sich nicht, diese „ollen Kamellen" einer näheren Betrachtung zu würdigen.

* Bom englischen Flottenbesuch ist zu berichten, daß die englischen Schiffe am Sonntag nach- mittag um 6 Uhr in Swinemünde ein» g e t r o f f e n u. auf der Reede vor Anker gegangen sind. Am Abend stattete der englische Dizekonsul Rose dem Admiral Wilson an Bord deS Flagg- kchikfeS einen Besuch ab. Am Montag morgen kamen 5 Torpedobootzerstörer in den Hafen, daS erste und zweite deutsche Geschwader trafen früh “ c gleichfalls dort ein. Grotz-Admiral v. Köster ie alsbald dem Admiral Sir A. Wilson an । seines Flaggschiffes einen Besuch ab, den englische Admiral an Bord des deutschen aggschifseS „Kaiser Wilhelm II." sofort er- Vormittags 10 Uhr begab sich Admiral A. Wilson in Begleitung deS Flaggleutnants m Land und stattet« mit dem englischen Konsul -Stettin und dem englischen Vizekonsul dem Landrat b. Bötticher, dem er von Grätzel und dem Kommandan- Obersl Höfer, Besuche ab. Wie * meldet, wird die aktive deutsch« Mt Reede von Swinemünde vorauS- am Dienstag morgen wieder verlaf- — DaS englische Geschwader soll nach den imtflen der Berichterstatter großen „Enthu- .namentlich unter den Badegästen erregt Sine „wahre Völkerwanderung" soll sich den Dampfern drängen, die zur Flotte auf die ibe hinausfahren. Die Sonder§üge, die in der Snacht und Montags früh von Berlin Stettin abgegangen find, hatten aber, trotz Bemühungen deS Flottenvereins, unter feigem Andrang nicht zu leiden. Ganze 800 etfonen fuhren mit.

lffS

Sem Volke entstammt.

Mach dem Amerikanischen der MrS. May Agne- Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.

(Nachdruck verboten.)

„Schrecklich I was hat Ihr Bruder ge--"

„Bruder? er ist mein Bruder nicht mehrt" Unterbrach Thilo wild aufspringend, „er hat ge­tan, was ich nie, nie verzeihen werde."

Zum ersten Male hörte Iva solche Sprache in seinem Munde und schrak unwillkürlich zurück vor dem Ausdruck seiner Züge.

„WaS hat er getan? was kann er getan haben, das diese Strenge verdiente? er, so offen, so gut, so warmfühlend!"

„O, daß ich das erleben muß! und wer soll eS unserer Mutter sagen?"

„Bitte, fassen Sie sich und teilen Sie mir mit, was geschehen."

„Nein, Sie sollen es nie erfahren."

„Er wird doch keinen Mord begangen haben?"

^Den könnt ich ihm eher verzeihen."

. Welches namenlose Verbrechen konnte in Thi- los Augen verdammlicher erscheinen, als Mord?

Erschreckt blickte Iva auf ihn, als er den zer­knitterten Brief in der Hand, in wttder Erregung auf- und niederschritt.

„Wir hatten ihn alle so lieb", sprach er mit gepreßter Stimme, „o, daß er gestorben wäre, ehe es dahingekommen I"

Iva erfaßte teilnahmsvoll seine Hand.

„Vielleicht ist es nicht so schlimm, als Sie denken, Thilo; mir ist, als könnt' ich's verbürgen, butz Rudolf jeder schlechten Tat unfähig ist."

Gott segne Sie für Ihre Teilnahme, Iva", ^Otgnete Thilo weich, „sie ist mein bester Trost, bin «L?*6 ""ch nun allein, liebe Freundin, ich Aon U^mai}nt von dem Schlage und bitte, fpre-

,2® ”te mehr mit mir von Rudolf, fein nannt »toeröe f°rtan zwischen unS nicht mehr ge-

Fulda, Dienstag, dm 29. August 1905.

* Ueber jesuitische Gesetzesverhöhnung ereifert sich der „Hannov. Kurier" auf Grund unserer Mitteilung, daß Pater BroerS am Tage der Ein­weihung der Berliner Liebfrauenkirche in dieser eine Predigt gehalten habe. Das nationalliberale Blatt scheint es auf eine Denunziation ab­gesehen zu haben, und zwar nicht sowohl gegen Pater Broers als vielmehr gegen den Kardinal Fürstbischof Kopp. Dessen Rede bei dem Fest­mahle wird nämlich herangezogen und entlüftet wird gefragt: „Ist nun dieses Treiben eines Je- suite» in der Diözese des Herrn Kopp vereinbar mit der Untertanentreue gegen den Kaiser, die der Breslauer Fürstbischof zum so und so vielten Mal« feierlich gelobt hat? Wer rst ferner verantwort­lich für die öffentliche Verhöhnung des Gesetzes? Und wo sind die berufenen Wächter des Gesetzes, wenn diese Verhöhnung dreist an die große Glocke der ultramontanen Presse gehangen wird?" Auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage: „Darf ein solcher Jesuit eine Berliner Kanzel ungestraft besteigen?" antwortet das Blatt: „In Absatz 1 der Verordnung des Bundesrats vom 5. Juli 1872 heißt es, daß den Angehörigen des Je­suitenordens die Ausübung einer Ordenstätigkeit, insbesondere an Kirche und Schule, sowie die Ab­haltung von Missionen nicht zu gestatten ist." Es ist bezeichnend, daß es sich auf kein Gesetz zu be­rufen vermag. Von der Verordnung des Bundes­rats wäre doch noch immer erst zu beweisen, daß sie mit dem Gesetze in Einklang stehe und nicht darüber hinausgehe. Das wird bekanntlich viel­fach bestritten und es wird behauptet, der Bundes­rat habe etwas verordnet, wozu ihm das Jesuiten­gesetz kein Recht gab.

\ Zur Choleragefahr schreibt der ,Reichs- und Staatsanzeiger': „Von den jüngst gemeldeten >rei Choleraerkrankungen auf russischen Flößen m Weichselgebiete ist auch die dritte als asia- ische Cholera festgestellt worden. Außerdem sind Auf weitere Erkrankungen auf Flößen beschäf- igter Personen zur Anzeige gelangt, von denen vier als Cholera erkannt wurden. Von hen seit dem 16. ds. Mts. Erkrankten sind drei ge­storben. Um der Weiterverbreitung der Krank­heit vorzubeugen, ist der Schiffs- und Floß- verkehr auf der Weichsel der gesundheitspolizei­lichen Ueberwachung unterstellt worden."

* Bei der Formierung des Marinefeld­detachements für Deutsch-Ostafrika sind in Kiel die Einjährig-Freiwilligen ausnahms­los von dem Feldzuge zurückgewiesen. Die Ent- scheidung hat Oberstleutnant v. Glasenapp als Kommandeur des ersten Seebataillons selbständig getroffen. Daß keine allgemeine Verfügung hierüber ergangen ist, geht daraus hervor, daß Major v. Scheliha, der Kommandeur des Wil- helmshavener Seebataillons, zwei Einjährige zu- gelaffen hat.

* Kronprinz Wilhelm und Prinz Eitel Friedrich, die zwei ältesten Söhne unseres Kaisers, werden in der ,Allg. evang. luth. Kirchenztg/ folgendermaßen charakterisiert: „In London will man wissen, die Norweger dächten an dm Prinzen Eitel Friedrich von Preußen. Dieser Liebling der Potsdamer soll durchaus überall Prätendent spielen. Früher hieß es, er werde zum König von Ungarn gekütt werden und lerne darum bereits eifrig magyarisch. Na­türlich ist das Unsinn. Wir können diesen be­gabten Jüngling sehr gut selber gebrauchen. Sein Bruder, der Kronprinz, ist ein schlichter, treuer Mensch vom Typus Friedrich Wil­helm III., hat die Natur deS Vaters, aber nicht dessen Feuergeist. Eitel Friedrich hat umgekehrt

Er drückte ihre Hand, zog den Hut tief in die Stirn« und schritt hinweg.

Schmerzlich bewegt blickte Iva ihm nach. WaS mochte Rudolf begangen haben? Wie schwer wurde es ihr, den großherzigen, frohglücklichen jungen Mann mit einem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Und doch — mußte eS nicht so sein? hatte er nicht seinem einzigen Bruder selbst ein Geständnis abgelegt?

Während sie in trüben Gedanken verloren saß, legten zwei weiche Händchen sich über ihre Augen.

„Emmy!" sagte Iva ruhig. Lachend ließ Emilie Murray die Freundin los und setzte sich zu ihr ins GraS.

„Wo kommst Du her?"

„Von Tante Jerry; sie verriet mir, ihr wolltet de« Himmel abkonterfeien, und da mußt' ich ha­bet sein, selbst auf die Gefahr, zu stören. Wo aber ist der Herr Professor?"

„Auf dem Wege nach Barnfield."

„Und lieh Dich hier mutterseelenallein? wie ungalant! Hegtest Du nicht selbst bessere Meinung von seiner Artigkeit?"

„Ich bildete mir fein Urteil über ihn."

„Ich wohl; ich finde ihn interessant und möchte wissen, was er von uns denkt?"

„Das kann ich Dir sagen. Dich hält er für ein liebes Mädchen und mich für eine Träumerin."

„Spärliches Lob!" lachte Emmy, „aber ich verdiene auch nichts besseres. Daß Du eine Träumerin bist, ist wahr. Wirst Du je erwachen, Iva?"

„Muß ich's nicht? Ich tue es nicht gern."

„Du fürchtest wohl, da- Erwachen dürste un­angenehm sein?"

„Ich ahnte so etwa-. O, Emmy, ich bin mei­nes schlaftrunkenen Dasein- müde und möchte doch so ungern erfahren, wie furchtbar ernst daS Leben ist. Wäre ich nur Dir gleich. Du kleine Prinzes­sin Rosenroth!"

„DaS ist eben unmöglich, Iva lieb, unsere Cha- rattere sind so verschieden, wie unser AeufeereS.

der Mutter Gestalt und Gestchtszüge ererbt und dabei den Gedankenhochflug der Großen unter den Zollern. Soll er nun eben solch' eine Rolle spielen, wie 1870 Prinz Leopold mit der spa­nischen Kandidatur? In London würde man sich nicht genieren, das Paris von damals zu kopieren: a Berlin, ä Berlin!"

* Lokomotivführer und Eisenbahnunsälle. Der Verein der Berliner Lokomotiv­führer hat sich am Mittwoch mit dem Sprem- berger Eisenbahnunfall eingehend befaßt. Es wurden unter anderen eine Anzahl von Vor­fällen mitgeteilt, bei denen auf eingleisigen Bahnen ebenfalls Züge abgelaffen' wurden, als andere sich noch auf der Strecke befanden und Zusammenstöße nur durch die Geistesgegenwart der Lokomotivführer vermieden wurden. Als ein Hauptfehler in der Einrichtung SprembergS wurde es bezeichnet, daß die Blockstelle Schleife, die zwischen Weißwasser und Spremberg liegt, Spremberg nicht blockieren konnte, als der Nacht­zug die Blockstelle passiert hatte. Wäre diese Vorkehrung, die bereits in vielen Otten mit eingleisigen Sttecken besteht, getroffen gewesen, so hätte Bahnhof Spremberg dem Berliner Schnellzug kein Ausfahrtsignal geben können, da der Block verriegelt gewesen wäre. Bemerst wurde ferner, daß sich die Schuld des ver­hafteten Stationsassistenten als noch viel größer herausstelle. Der seinen Verletzungen erlegene Lokomotivführer Krug hatte sich, als er das Zeichen zur Abfahrt erhielt, auszufahren geweigert, da sich der Nachtzug auf der Strecke befinden müsse; der diensthabende Beamte habe den Lokomotivbeamten angeranzt und ihm befohlen, auszufahren. Denn er als Fahrleiter müsse besser Bescheid wissen, als das Zugpersonal. Leider sind Lokomotivführer häufig genug mit Strafen belegt worden, wenn sie sich aus Sicherheitsbedenken weigerten, Anord­nungen der Fahrleiter zu entsprechen, und aus diesem Grunde dürfte wohl auch der verstorbene Lokomotivführer Krug, trotz seiner Bedenken, den Zug in Bewegung gesetzt haben. Schließlich wurde in der Besprechung auch die Kopflosigkeit der Bahnwärter, die aus den er­haltenen Läutesignalen wissen mußten, daß sich beide Züge auf der Strecke befanden, und die deshalb die Verpflichtung hatten, den Zügen Haltezeichen mit der roten Fahne zu geben, scharf betont.

Die Nachrichten aus Deutsch-Ostafrika, welche nunmehr eine weitere Ausdehnung des Aufstandes nach Süden hin als unzweifelhaft erkennen lassen, werden von der gesamten Presse als sehr ernst behandelt. Nach den ,Berl. N. Nachrck werden am 7. September von Genua 15 Offiziere und 50 Feldwebel und Unteroffi­ziere abgehen, die zu Führern der verstärkten Schutztruppe bestimmt sind. Was die Anwer­bung von Sudanesen für die Schutztruppe an« langt, so teilt das genannte Blatt mit, es sei in Rom wegen der Anwerbung im italienischen Ge­biete angefragt worden, und dort die Ge­nehmigung dazu erteilt worden. Major von Schleinitz werde daher die Anwerbungen in Massauah bewerkstelligen.

Ausland.

* Die Wirkung des neuen Schulgesetzes in Frankreich. Wohin eine Schule mit dogmenlosem Du bist ein leuchtendes, sprühendes Meteor, ich ein schlichtes Flöckchen an der Hecke."

„Du bist ein sonnenhelles, liebenswürdiges Ge­schöpf mit warmem Herzen, verständigem Kopf und glücklichen Anlagen, Du wirst froh leben und selig sterben, ich aber — o Emmy — vor mir liegt der Abgrund: — was wird aus mir werden?"

Besorgt blickte Emmy auf sie.

„Was fehlt Dir? Du bist so trübe und seltsam bewegt."

„Weife selbst nicht, was mir fehlt! Ich möchte fort von hier: ich glaube, es ist mein Tod, wenn rch noch lange hier bleibe."

Wie Blei drückte es an jenem Tage auf Jva'S Herzen. »

War es der Gedanke an Rudolf und fein un­genanntes Vergehen, das sie verfolgte? War es Thilo's Bild in seinem Schmerze?"

Tante Jerry hatte längst aufgehört, sich über eine Aeußerung ihres „Tamboraments" wie sie sagte, zu wundern, dennoch, als sie Iva so stumm sah, so trübe und in sich gekehrt, fragte sie sich, was ihr wohl wäre?

Mux hielt den Gemütszustand der jungen Her­rin für einen neuen „Streich",. Mieritz kam schnurrend und rieb das glänzende Fell gegen Jva's Kleid, die gewohnte Liebkosung zu em­pfangen.

Die Liebkosung blieb auS. Iva beachtete nichts und begab sich früh auf ihr Zimmer. Dort schweifte der dunkle Blick lange, lange hinaus in die schlum­mernde Landschaft, hinauf zu den flimmernden Sternen, die in stiller Pracht niedersahen auf da- ruhelose Menschenkind und Frieden senkten in daS gequälte Herz.

Elfte- Kapitel.

Neuigkeitem

Im Herrenhause ging Besondere- vor. Ganz Barnfield war darüber in Aufregung. Die letzte Präsidentenwahl, ja selbst die erste Lokomotive, die stolz dampfend in- Städtchen einstchr, hatte kaum solche Sensation erreat

32. Jahrgangs

Religionsunterricht führt, lehren die Laienschulen Frankreichs. Bonjeau, ein Richter am Seine, tribunal, schreibt: „Frankreich geht dem Abgrunde entgegen.... Die Hauptschuld an der Ent­sittlichung und Entartung ist offenkundig die religionslose Erziehung." Aehnliche Klagen erhebt Cristans im ,Figaro'. Das Sittenverderbnis greift unter der Schuljugend des zartesten Alters mit rasender Schnelligkeit um sich. Täglich bringt bi« Pfennigpresse Berichte von denraifiniettestenund schauderhaftesten Verbrechen. Knaben und Mäd­chen lesen ' lauschen einander pornographische Bücher a. ... und die schmutzigsten Romane mit den unanständigsten Bildern. Die kleinen Mädchen haben alle Scham verloren ... Die Verbannung aller Religion aus der Schule hat das Nebel verzehnfacht. An den Früchten kann man den Baum des neuen Schulgesetzes erkenn» n."

* Der letzte französisch-marokkanische Zwischen­fall hat eine neue Verschärfung erfahren. Nach einer Reutermeldung aus Tanger ist der al­gerische Untertan B u Mzian ei Miliani noch in Haft. Der Maghzen antwortete schriftlich auf die Vorstellungen Taillandiers, lehnte die französischen Forderungen ab und wies die französische Gerichtsbarkeit zurück. Ob­gleich man allgemein glaubt, daß der Maghzen im letzten Augenblick nachgeben wird, will man wissen, daß die französische Regierung bereit ist, die nöti­gen Maßregeln zu ergreifen, um einen Druck auf den Sultan auszuüben. Da aber eine an der Grenze oder Küste auszuführende militärische De­monstration die Sicherheit des französischen Ge­sandten in Fez gefährden würde, wäre es nötia, den französischen Gesandten zuerst abzuberufen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die Antwort des Maghzen noch lange ausstehen wird. Man glaubt, die französische Regierung toerbe auf Uebermittelung von Entschuldigungen durch eine hochstehende maurische Persönlichkeit an den französischen Admiral bestehen, selbst im Falle der Annahme der jetzigen mäßigen Forderungen Frankreichs. Dem „Petit Journal" zufolge hat die Seebehörde in T o u l o n zum Zwecke der B e- reithaltung einiger Schiffe die Zu­rückberufung der beurlaubten Offiziere unb Mannschaften angeordnet. — Sollte nicht hinter dem ganzen „Zwischenfall" etwas künstliche Mache stecken, damit die Franzosen einen Vorwand er­halten, sich in die- marokkanischen Verhältnisse ein- zumischen?

* lieber die russischen Revolutionsparteien ist eine interessante, wenngleich wohl nicht in allen Punkten richtige amtliche Statistik erschienen. Nach der „Petersburger Telegr.-Agentur" hat La8 Polizeidepartement eine Mitteilung veröffentlicht, wonach seit Ende 1904 eine intensive T ä- t i g f e i t der verschiedenen revolutionären Par­teien im westlichen Teile Rußlands herrschte, gemeinsam gegen die Regierung vorzu­gehen. Eine jüdische Geheimgesell­schaft, „Der Bund", begann in aggressiver Weise gegen die Christen vorzugehen; auch die polni> scheu Revolutionsparteien entwickel­ten besondere Tättgkeit und bildeten Kampforgani­sationen terroristischen und anarchistischen Charak­ters. Ihr Zweck war, in dem politischen und wirt- schaftlichen Leben durch Attentate unb Ausstände in den bedeutenderen Zentren Warschaus mög­lichst große Verwirrung hervorzurufen. Diese Ab­sicht ist in den letzten Monaten mit besonderer Hartnäckigkeit verwirklicht worden. Alle Be­mühungen der Vertreter der ge­mäßigten politischen Richtung, di« erregten politischen Leidenschaften zu besänftigen, sind erfolglos ge­blieben. Auf ein Sendschreiben des ErzbifchofS

Wie Lauffeuer verbreiteten sich wunderbar« Gerüchte. Mrs. Toldus, das ehrwürdige Haupt der Barufielder Frau Basen, wußte herrliches zu erzählen von mannshohen Spiegeln, funkelnden Goldrahmen, sammtnen Tapeten und all der Pracht und Herrlichkeit, die aus der Metropol« gekommen, das alte Herrenhaus zu verschönern.

Arbeiter erschienen und unterwarfen den gan­zen Besitz gründlicher Erneuerung, der Garten wurde umgelegt, englische Anlagen geschaffen, Springbrunnen errichtet und Marmorstatuen im dunkelen Strauchwerk ausgestellt.

Und als alles fertig war, erschien eine vor­nehm aussehende Haushälterin mit der nötigen Dienerschaft und sie elektrisierten die Barnfelder unb blickten mit edlem Selbstgefühl auf die gaf­fende, hausbackene Menge, die bedeutend mehr Re­spekt hatte vor der Haushälterin im schwarzseidnen Gewände und dem fchwarzbefrackten Kellermeister mit blütweißer Halsbinde, als vor dem Herrn auf Richmond Hall.

Thilo Wildair war nte steif und hochmütig, er streichelte die rotbackigen Sproßlmge, warf den Jungen Kupfermünzen zu, zog den Hut vor Barn- selds verlegen erglühenden Mädchen und nickt« den Alten mit herablaffender Freundlichkeit zu.

„Der junge Gutsherr verheiratete sich", fagtt ein anderes Gerücht, „er bringt eine New-Korker Schönheit, eine Erbin nach Barnfeld."

Wer glücklich genug war, mit der glitzernden Dienerfchaft in nähere Berührung zu kommen, versuchte natürlich des näheren zu erfahren. Di« Diener aber schüttelten das Haupt unter geheim­nisvollen Winken, die zu verstehen gaben, daß fU selbstverständlich alles wüßten, ihres Herrn Ver­trauen aber nicht mißbrauchen wollten.

Obgleich Jerusha Skamp nicht zu den Klatsch- schwestern de- Städtchen- zählte, konnte sie nicht umhin, die laufenden Gerüchte zu vernehmen. Sie wurde unruhig. Nie noch war ihr die Kluft -wischen dem reichen Gut-Herrn und dem armen, namenlosen Mädchen aut dem Volke so groß er­schiene», al- eben jetzt. Sahen nicht di« Kammer-