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Zultzaer M Zeitung

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Rotationsdruck n. Verlag der $ulbotr Ar- tiendruckerei in Zulda Zernsprecher Nr. 9.

194.

Fulda, Samstag, den 26. August 1905.

Krstes HU'alt.

s- —

** Der sozialdemokratische Partei- bericht.

Der von dem sozialdemokratischen Partei­vorstande erstattete Bericht zu dem Partei­tage in Jena ist in diesem Jahre recht dürfttg ausgefallen. Auch ist nicht zu verkennen, daß er über gewisse Fragen mit einer Resigniert- heit hinweggleitet, die stark absticht von dem Selbstlob, welches der Parteivorstand in früheren Jahren sich und der Partei zu spenden pflegte. Diese Resigniertheit tritt namentlich hervor in den Ausführungen über die Organisation der Sozialdemokratie und über die bisherigen Nach­wahlen zum Reichstage.

Zwar brinot der Bericht eine Reihe von Zahlen, die das Anwachsen der Organisation oartun sollen, aber er muß doch gestehen, daß die Wirklichkeit hier weit hinter den Wünschen fcer leitenden „Genossen" zurückbleibt. „An sich", «ißt es in dem Bericht, „entspricht die Zahl der organisierten Genossen keineswegs den An­forderungen, die eine Partei von der Stärke wie die unsrige stellen muß. . . . Vergleicht man die Mitgliederzahlen der einzelnen Bezirke mit der Zahl der bei der letzten Reichstagswahl für die Kandidaten unserer Partei abgegebenen Stimmen, dann zeigt sich ein arges Mißver­hältnis. Bei rühriger Agitation und plan­mäßiger Organisation muß es gelingen, der Stärke der Partei entsprechende Organisationen tzu schaffen." Wir erblicken in diesem Zuge­ständnis der sozialdemokratischen Parteileitung eine Bestätigung der längst bekannten Tatsache, daß viele, sehr viele Stimmen, die bei den Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie abge­geben wurden, von sogenannten „Mitläufern" herstammen, die gar nicht zur Sozialdemokratie gehören und sich selbst auch nicht dazu rechnen, aber durch irgend einen persönlichen Grund ver­anlaßt werden, dem Sozialdemokraten die Stimme ;u geben. Auf diese Weise ist die drei „Millionen- Partei" in die Welt gekommen.

Es gab eine Zeit, wo niemand schärfer über >iese „Mitläufer" urteilte, wie der „Genosse" Bebel. Er erblickte in ihnen nicht nur einen unnützen Ballast für die Partei, sondern auch eine Gefahr, weil sie die „überzeugten Genossen" iber ihre wahre Stärke täuschten. Heute herrscht im sozialdemokratischen Lager Jubel über jede Stimme, die der Partei zugewandt wird, sie mag kommen, woher sie will. Das Wägen hat man aufgegeben, man zählt nur noch. Um nun dieses Zählgeschäft erfreulicher zu gestalten, gibt sich der sozialdemokratische Partei - Vorstand die Mühe, Den „Genossen" die Wege zu weisen, auf welchen sie am leichtesten — Gimpel fangen könnten. Daß dabei die Phrase vom „Brotwucher" an der Spitze steht, ist selbstverständlich. „Wir haben die Augen offen zu halten," sagt der Bericht, „und die Ursachen der voraussichtlich (!) schlim­men Wirkungen der Handelsverträge dem Volke zu denunzieren . . . Die Wirkung dieserHandels- verträge muß von der Arbeiterklasse gerade so ausgenutzt werden, wie die Caprivi'schen Handels­verträge von den Junkern ausgenutzt worden sind."

Run, viel Glück werden die „Genossen" >amit nicht haben. Darüber könnien sie sich schon aus der Statistik belehren, die der Bericht

Im Mt eiltstMMt.

Nach dem Amerikanischen der Mrs. May Agnes Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.

11] (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung aus dem zweiten Blatt.)

„Wie sich Thilo freuen wird, zu hören, wie viele Preise Du erhalten hast", sprach Emmy unterwegs.

„Was kümmert's ihn? übrigens bin ich froh, daß ich ihm damals folgte und zur Schule ging."

„Das war vor zwei Jahren und seitdem haben wir die Brüder nicht gesehen; ob sie wohl je wieder nach Barnsield kommen?"

„Was sollte sie hierher bringen, jetzt, wo ihr Onkel nach Europa gegangen?"

Emmy zuckte die Achseln.

„Bei seinem Alter noch dazu; schade ist'S um das schöne Haus, das nun einsam und ver­ödet steht."

„Ich wollte, es wäre mein", rief Iva, „so ein Haus ließ ich mir gefallen, das ist was anderes, als Tante Jerry's kleiner verschrumpfter Holz­kasten."

„Du sollst nicht begehren Deines Nächsten @ut" lachte Emmy. ,

„Das tue ich nicht; ich möchte nur ein schönes Haus, das mir gehört und ich werde auch eines bekommen."

„Ei, eil und wie stellst Du das an?"

. „Hm, daS weiß ich selber noch nicht; aber rerch will ich werden."

«Es ist leichter, daß ein Kamee! durch ein Nadelohr geht . .

--Ich weiß, ich weih," unterbrach Iva, „und dennoch werde ich's riskieren. Geld regiert die StA*' ist ein Verbrechen in der mensch- tr. Sc Gesellschaft, und Reichtum deckt beinahe MS Gebrechen, Latz mit, Emmy, ich weiß das

des Parteivorstandes über die seit den letzten allgemeinen Reichstagswahlen vorgenommenen Nachwahlen aufmacht. Diese Nachwahlen sind, soweit Sozialdemokraten dabei in Betracht kommen, sämtlich unter der Parole: gegen bte Brotwucherer! vor sich gegangen. Und fast durchweg haben sie einen Rückgang der sozial­demokratischen Stimmen erkennen lassen, zum Teil sogar einen sehr erheblichen Rückgang. Der Bericht des sozialdemokratischen Parteivorstandes kann diese Tatsache nicht wegleugnen. Er be­müht sich aber, sie mit allerlei Scheingründen zu vertuschen, muß aber doch selbst eingestehen, daß diese Scheingründe nicht ausreichen, um den Abfall zu erklären. Da ist es denn interessant, im Bericht des Vorstandes der „drei Millionen" Partei zu lesen: „Die Gewaltmittel, mit denen der Wuchertarif im Reichstage durchgedrückt wurde, sollen alle Schichten der Bevölkerung in Aufregung versetzt und hunderttausende Wähler brachten ihre Empörung am 16.Juni 1903 durch Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels zum Ausdruck." Also: Hicndert- tausende Wähler! Wir erwarten, daß bei zukünf­tigen Prahlereien der Sozialdemokratie diese „Hunderttausende" von den drei Millionen in Abzug gebracht werden. Die seither vorgenom­menen Nachwahlen nötigen die Sozialdemokratie direkt dazu.

Als Trost für den schlechten Ausfall dieser Reichstagsnachwahlen führt der Parteivorstand den „Genossen" das „überraschend günstige Bild" vor Augen, welches die Erfolge der Sozialdemo­kratie bei den Gemeindewahlen darstellt. Wir ge­stehen zu, daß diese Erfolge — leider — vor­handen sind. Sie sind es aber nur in Folge der Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien und in Folge der Mangelhaftigkeit der Organisation der letzteren. Der Bericht des sozialdemokratischen Parteivorstandes fordert die „Genossen" zu einer energischen Agitation und einer festeren Organi­sation auf. Vom Gegner soll man lernen! Wir hegen die Erwartung, daß in Zentrumskreiscn noch mehr wie bisher die Aufmerksamkeit auch auf die Bekämpfung der Sozialdemokratie bei den kommunalen Wahlen gerichtet wird. Diese Wahlen gewinnen stetig an Uedelitung. Ihre Vorbereitung ist bte beste Einleitung zu Erfolgen bei ben Parlamentswahlen.

Deutscher Reich.

Berlin, ben 25. August 1905.

* Die Ernennung des Frhr. v. Schorlemer- Lieser zum Oberpräsibenten ber Rhein­provinz wird nunmehr auch im »Reichsanz.' bekannt gegeben.

* Die neuen Unterseeboote für die deutsche Marine. Für Unterseeboote sollen angeblich im nächsten Etat, da die Versuche noch nicht ab­geschlossen sind, etwa l1, Millionen Mark ge­fordert werden.

* Die Anarchosozialisten und der .Vorwärts'. Der Vorwärts' beschäftigt sich in seinem heutigen Leitartikel mit ber gestern erwähnten Versamm­lung, auf ber eine sogenannte „anarchosozialisti­sche" Partei gegründet wurde, und kommt dabei zu dem Ergebnisse, daß die 3000 Arbeiter, die der Resolution zugestimmt hätten, sich von anar­chistischen Phrasen hätten blenden lassen. Er wurde der Sache aber doch wohl keinen langen Leitar­tikelgewidmet haben, wenn er sie für harmlos hielte.

besser, und ich will reich werden, gleichwie auf welche Art."

Emilie warf einen beinahe scheuen Blick auf das funkelnde Auge, das dunkele Antlitz, in dem eiserner Entschluß sich ausprägte.

„Ich glaube, 's ist Unrecht, das zu sagen," be­gann sie fchüchtern, „reich sein, macht nicht glück­licher, oder glaubst Du?"

„Gewiß nicht."

„Warum verlangst Du denn so sehr darnach?"

„Reichtum gibt Macht!"

„Und sollte Macht Glück bringen?"

„Mir — ja. Macht ist meines Leben Leben. Wissen verleiht Macht, deshalb lerne ich so viel als möglich, es ist Mittel zum Zweck, Reichtum aber erreicht das Ziel; ich will und muß ihn besitzen.

Der Ausdruck in Jvas Antlitz wurde immer beredter, es war, als wollte sie das Geschick be­siegen, niedertreten, was hemmend sich ihr in den Weg stellte.

„Und was tätest Du, wenn Du reich wärest?"

„Vor allem würde ich reifen, Europa besuchen, die Alpen durchreisen, den Rhein entlang fahren, die Gespenster des Harz belauschen und schließlich einen Prinzen erobern."

Emmy brach in ein silberhelles Lachen aus.

„Einen Prinzen! o Du bist köstlich, Iva!" „Bin ich etwa nicht gut genug für einen Prin­zen?" fragte Iva und warf stolz das Haupt zu- rück, „ich dächte, die Ehre wäre ihm erwiesen, nicht mir."

„Bescheidenheit ist eine Zier", lachte Emmy; „wie seltsam aber, daß wir vom Heiraten sprechen."

„Ist doch nichts Absonderliche-, oder meinst Du, ich wollte eine alte Jungfer werden, wie Tante Jerry?" Gott bewahre; rch werde heiraten und Du auch."

„Wen? auch einen Prinzen?"

„Thilo Wildair."

„Warum nicht aar; aber da sind wir nun zu

* Zur Fleischnot. Auf Verfügung bes Lanb- wirtschafts-Ministeriums läßt bie Regre- rung, wie bie ,Frankf. Zeitung' melbet, burch Vermittelung ber Lanbratsämter Erhebungen da­rüber anstellen, in wie weit bie in ber Presse laut geworbenen Klagen über Fleischnot Berech­tigung haben; insbesondere soll ben Grünben über Fleischteuerung in ben einzelnen Orten nach- gesorscht unb über bie etwa bis jetzt bereits zu Tage getretenen Folgen für das Fleischergewerbe berichtet werden. Ein eigentlicher Fragebogen ist nicht aufgestellt worden; es handelt sich um all­gemeine Auskünfte.

** Ueber ben Anteil des Aufschlages der Fleischer am Fleischpreise lesen wir im»Reichs- anzeiger' folgenbes: „In Heft 7 des dritten Jahrganges (1905) der Zeitschrift für Agrar­politik', Organ des deutschen Landwirtschafts­rates, ist eine eingehende, besonders für die Gegenwart bemerkenswerte Untersuchung über die „Entwickelung der Schlachtvieh- und Fleisch­preise für Schweine in Berlin von 1895 bis 1904 in ihrem Zusammenhang mit Produktion, Handel und Konsumtion" von H. Gerlich ver­öffentlicht. Von großem Interesse für die Kon­sumenten ist der Nachweis, einen wie großen Teil des Fleischpreises der Zuschlag des Fleischers bildet, demnach nicht dem Produzenten zur Last gelegt werden darf. In den einzelnen Monaten Der 10 Jahre 1895—1904 schwankte der Auf­schlag des Fleischers zwischen 9 und 23 Pfg. pro Pfund ober zwischen 15 und 60 Prozent des Schlachtviehpreises, d. h. also: von dem Fleischpreise, dm die K nsumenten zahlen müssen, entfallen bis zu fast zwei Dritteln auf den Zuschlag des Fleischers. Im Durch­schnitt der 10 Jahre betiug dieser Zuschlag 28,15 Prozent des Schlachtoiehpreises."

* Der Herr Erzbischof von Posen wird nun auch von radikal-polnischer Seite angegriffen, wie vorher von hakatislischer. Darin scheint uns ein Beweis dafür zu liegen, daß er auf dem schwierigen Gebiete der Ostmarkenfrage den goldenenMittelweg einhält. Einpolnisches Blatt fährt nämlich jetzt den Erzbischof folgendermaßen an:

Aus Au'aß eine» Fettes in ©tiefen (d. h. aus An­laß der Anwesenheit des Kaisers. Die Red) habe der Erzbischof befohlen, daß in sämtlichen GnesenerKirchen die Glocken läuten sollten, auf dem Turme des Domes wurde die deutsche Fahne gehißt; er habe auch ange­ordnet, daß die gesamte Gnesener Geistlichkeit sich auf dem Markte versammele, um an dem deutschen Feste teilzunehmen. Es sei ja selbstverständlich, daß durch dieses Vorgehen in ganz Polen die schmerzlichsten Em- vstndungen hervorgerufen worden seien. Heute, wo die Nation schwer zu leiden habe, wo man stacken Geistes sein müsse, um in dem Kampfe um das nationale Da­sein nicht zu unterliegen, sollte der Primas von Polen seinen Landsleuten mit gutem Beispiel vorangehen; eine schwere Schuld lade er auf sich, wenn er unter die feindliche Fahne flüchte (!) und sich zum Werkzeug der Entnationalisierung machen lasse.

Zu biefer Ausführung ist zu bemerken, baß ber Herr Erzbischof ben Titel Pt imas von Polen selbst nicht führt. Derselbe hat nur noch ben Wert einer historischen Erinnerung.

* Der »Neichsbote' mag feine höhere Duld­samkeit um feinen Preis anzweifeln lasten. Er fragt bie .Germania', ob sie wohl ruhig bleiben würbe, wenn bie Evangelischen einen Oester- reicher etwa nach Bayern ober bem Rheinland schicken würden, um bie katholische Kirche zu be­kämpfen?" Diese Frage soll barin ihre Berech­tigung haben, baß bie Bayern Pater Abel unb

Hanse und was würde Mama sagen, wüßte sie, welchen Unsinn wir schwätzten."

Iva verlebte im Kreise der lieben Familie ein paar fröhliche Stunden, auch Onkel Murray, ein würdiger Geistlicher mit weißgelocktem Pat- riarchenhanpt, war zugegen, und als Mux kam, die junge Herrin zu holen, legte er segnend die Hand auf Jva's Haupt.

„Vergessen Sie nicht, mein Kind", sprach er leise, „der Berg des Hochmutes hat einen blenden­den Gipfel, im Tale aber scheint die Sonne wär­mer. Gott segne Sie!"

Iva küßte des Greises Hand und ging.

Auch für uns, lieber Leser, scheidet Iva, das Kind. Der Vorhang fällt nach diesem ersten Akte ihres Lebens, und Iva, der Jungfrau, soll er emporrauschen.

Neuntes Kapitel.

Alte Freunde.

Drei Jahre verflossen. In Barnsield war ziemlich alles beim alten geblieben. Im gewohn­ten Nundlauf brachten die Tage des Lebens Wer­den und Welken, Geburten, Todesfälle, Hochzeiten.

Einen Fortschritt hatte der Ort gemacht, eine Bahnlinie berührte das stille Uferstädtchen und die Fremden, die zur Sommerszeit in den gast­freundlichen Mauern sich anfiedelten, brachten Be­wegung in den trägen Geschäftsgang und Ver­wunderung unter die patriarchalischen Ein­wohner.

Iva, zur Jungfrau gereift, war Barnfield's stolze, launige Schönheit. Der Letargie der äuße­ren Verhältnisse setzte sie des eigenen Seins rast7 loses, feuerigeS Wechselleben entgegen. Ihre kör­perliche und geistige Reise war beinahe zur Voll- lendung gediehen. Trotz des geübtesten Schiffers handhabte sie da- Ruder und bei brausendem Sturm und schäumender See konnte man Jva's Kahn auf den Fluten tanzen sehen, während das schlanke Mädchen gleich einer Wasserfee das Steuer führte und die Wogen besiegt«.

Jahrgangs

Pater Auracher unb ber Preuße Pater Alban Schachleiter unb bie Los- von Rom-Bewegung in Böhmen bekämpfen unb „Branbreben" gegen ben Protestantismus halten bürsten. Das Pastoren­blatt beliebt hartnäckig zu ignorieren, baß es sich in Oesterreich um bie Verteibigung ber burch Protestanten unb ihre glaubenslosen alldeutschen Helfer schwer angegriffenenkatholischen Kirche hanbelt. Wir würben allerdings nicht „ruhig sein", wenn bie Protestanten Oesterreicher nach Bayern ober bem Rheinlanbe schickten, um bie katholische Kirche zu bekämpfen. Ebenso ver- urteilen wir es aber auch, wenn bie Protestanten Deutsche nach Oesterreich schicken, um dort den Katholizismus zu bekämpfen. Darum eben han­delt es sich trotz allen Leugnens unb Vertuschens des ,Reichsboten'.

§ Die Meldungen in einigen Blättern, daß Kolonialbirektor Dr. Stübel vom Urlaub tele­graphisch zurückberufen worden sei, weil Personal­veränderungen im Kolonialamt beoorftänben, weiden vom ,Reichsboten' als „durchaus falsch" bezeichnet. Das Blatt erklärt, Dr. Stübel Jet „freiwillig lediglich ber Vorgänge in Ostafrika wegen vom Urlaub zurückgekehrtt'._______

Ausland.

* Das französische Heer. Der ,Lorrain' veröffentlicht eine von französischen Aerzten heraus­gegebene Statistik, bie die Sterblichkeit unb Krankheitsfälle ber 5 großen Heere Europas be­spricht, und aus bem wir folgenben interessanten Vergleich zwischen Deutschland uno %TanJ' reich entnehmen. In den Jahren 1896 bis 1901 war die mittlere Sterblichkeit unter ben Mannschaften des deutschen Heeres 2,32 vom Tausend, unter denen des französischen Heeres dagegen 4,58 vom Tausend. In drei Jahren hat das deutsche Heer 1300 R ann, das französische über 10,000 verloren. Demnach hat Deutsch­land seil 1870 ungefähr 13,000 Mann, Frank­reich aber 100,000 Mann (ben Bestand dreier Armeekorps!) verloren. Die Haupikrankheiten, die diese Verluste herbeisühren, sind Typhus und Schwindsucht. Für Deuischland stellt sich der Verlust durch Typhus in einem Jahre auf 87 Mann, für Frankreich auf 625 Mann, durch Schwindsucht in Deutschland auf 120, in Frankreich auf 1415. (Beinahe das Zwölffache!) Diese Zahlen sind überaus lehrreich. Siezeigen in erster Linie, daß der deutsche Soldat unter viel besseren hygienischen Bedingungen lebt, als der französische, besonders wird den luftigen Ka­sernen, ben zweckmäßigen Lazaretten unb ber ge­wissenhaften Einhaltung ber nötigen sanitären Maß­regeln bie niedere Sterblichkeit an Typhus zu verdanken sein, und es darf der Militärver­waltung zur Ehre angerechnet werden, wenn sie nicht nur auf Vermehrung der Präsenzstärke sondern auch darauf bedacht ist, daß das Mark des deutschen Volkes wohl behütet fei. Etwas anderes lehrt aber die hohe Sterblichkeit des französischen Heeres an Schwindsucht. Sie lehtt, daß Frankreich in dem Truppenkontingent, den es heute stellt, bie Grenze seiner Leistungs­fähigkeit nicht nur erreicht, fonbern bereits über­schritten hat, baß es also genötigt ist, ganze Bataillone von schwächlichen Leuten einzustellen, bie ben Krankheitskeim bereits in sich tragen. Ohne Zweifel muß biefer Miß­stand ben französischen Machthabern zu beulen geben, dmn ba ber jetzt in militärischen Fragen

Sie liebte es, Gefahren zu trotzen, weil sie Aufregung bedingen, Furcht kannte sie nicht, Mut und Trotz waren ihres Charakters Hauptzuge.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte in Barnsield der Typhus geherrscht, viele starben, viele flohen den Herd der Ansteckung, Iva scheute keine Ge- fahr. Wo sie am größten, war sie nahe, um zu helfen; wo alle flohen, blieb sie, — der Schutzgeyt der Kranken und Sterbenden. Nicht Nächsten­liebe war's, die dazu sie vermochte, nicht jene Selbstaufopferung, die des heiligen Vincenz Toch- ter beseelt, nur der Reiz der Aufregung, der Un­ruhe bewog sie, und vielleicht auch Mitleid mit den verlassenen Kranken.

Längst hatte sie über Barnsield s Bewohner jene Herrschaft erlangt, die ein kühner Geist über andere erreicht, von der Zeit der Epidemie an aber war ihre Macht unbeschränkt. Das schone, dunkle Mädchen schien des Ortes gefronte Fürstin, ihrer Kindheit Traum war verwirklicht, sie hatte die ersehnte Macht und triumphierte tn ihr. Un­gefesselt, frei, glücklich und beinahe ungezahmt herrschte sie in ihrer eroberten Welt über tausend Herzen und alle blickten bewundernd auf zu ihr, wie zu einem glänzenden Gestirn — unerrelch- bar — unbegehrbar.

Mr. Murray hatte eS übernommen, bte Stu­dien feiner Nichte Emmy weiter zu führen, Iva schloß sich der Freundin an und überflügelte si« bald 'n staunenswerter Weise. Sie lernte mit Leichtigkeit tote und lebende Sprachen, verfolgt« alle Fächer des Studiums mit Begierde und Sy­stem, nut die Religionswissenschaft entsprach weni­ger ihrem Geschmack. „Wozu all die Glaubens­lehren?" fragte sie. Ihr Gott war jener große, mächtige Herr der Erde und der Wasser» der König des Weltalls, ihn betete sie an in ihrer eigenen wilden Weise, ein besonderes Bekenntnis des Glaubens aber schien ihr überflüssig, einem freien, unabhängigen Geiste, wie dem ihren unmöglich.

Selten nur aina sie zur Kirche. Sm feierliches