32. Jahrgang.
Iba, Dienstag, den 22. August 1905
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verein Paris auf.
Als nach einstündigem Einzug die Halle von ca. 10 000 Personen gefüllt sich ein imposantes Bild dar. Kopf gedrängt stand die Menge im Parterre.
darüber erhob sich eine gewaltige Galerie, wo wieder Kopf an Kopf die Menge drängte. Und über diese Tausende spannte sich in kühnem Bogen die gewaltige Wölbung des Riesenraumes.
An der Versammlung in der Festhalle nahmen von illustreu Persönlichkeiten u. a. teil Weihbischof 3 o r n v. Bulach- Straßburg, Graf Hubert A u d l a u-Homburg, Amtsgerichtsdirektor Gieß- c r, Landtagsabgeordneter, Mannheim, Landgerichtsrat Gröber, Reichs- u. Landtagsabge- ordneter, Heilbronn, Fabrikbesitzer Brandts- M.-Gladbach, Gerstenberger, Mitglied des bayerischen Landtags und deutschen Reichstags, Hauplreöäkteur, Würzburg, T,r. Alexander Gieß- )V e i Jt Domkap.Ullar, Reichstagsabgeordneter, Budapest, F. Sch ar wer', Ehrendomherr und Dekan, Danzig, Generalsekretär des Cha^kkstbver- bandes O b e r l ß - Straßburg, Justizrat Modler- Berlin. Der Präsident des Lokalkomitees, Dr. B u r g u b u r u , mit lebhaftem Beifall empfangen, begrüßte die Versammlung mit einer herzlichen Ansprache. Mit Stolz erfüllte es fein Herz, zu konstatieren, daß der hiesige Festzug an Teilnehmerzahl — es waren 36 000 — alle seine Vorgänger überflügelt hat. (Lebh. Beifall.) Es beweist uns, daß die Einladung, die wir an Sie ergehen ließen, allüberall freudigen Widerhall gesunden hat. Redner dankt für das erhebende öffentliche Bekenntnis des katholischen Glaubens, das die Arbeiter durch den imposanten Festzug abgelegt babeu und stellte der Versammlung einen Mann vor, der in unermüdlicher Arbeitskraft nch bisher für die Sache der katholischen Versammlungen aufgeopfert habe, und der aus diesem ' runde beute besonders geehrt zu werden serielle: ber Vorsitzende des Zentralkomitees, Herr üiraf Droste zu Vischering!" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.)
Bräsident des Zentralkomitees Graf Droste- ischering, stürmisch begrüßt: „Indem ich hnen für die Wahl danke, eröffne ich die erste iersammlung des 52. Katholikentages. Namens des Zentralkomitees danke ich Ihnen für den nposanten Festzug und Ihr so zahlreiches Er- einen. Besondere Freude gewährt uns das Er» idjeinen der Schweizer. Wir wissen uns eins n Gla' den und der Anhänglichkeit an die Kirche. Lebhafter Beifall.) Sie sind gekommen, um mit dhre katbolischen Glaubensgenossen aus allen rutschen Gauen sich zu vereinigen und ein Glau- .nsbekenntnis abzulegen. Wir wollen in diesen 2 ageh uns, erbauen und erfreuen an der Herr-
52. GmcalmsWmlmg der Kcholide» IevtschlMdZ M Archdurg i. 6.
(Nachdruck verboten.)
cpc. Straßburg i. E>, 21. Aug. 1905.
Dir Arbeitcrvcrsammlung in der Festhalle.
Um 3 Uhr erreichte die Spitze des Festzuges die Stätte der Hauptversammlung, die große Festhalle am Steinring. Unter den Klängen der Musik flutete Verein auf Verein herein. Unter den Schildern, die den Herkunftsort der einzelnen Gruppen bezeichnen, fällt besonders der Gesellen
sah man die Schilder mit den Namen eine und die bunten Banner und Fahnen, nnb
Erscheint täglich, mit ▲ Jk A
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auswärts l M. Sb PrS- 'bä
Verantwortlicher WK
Schriftleiter-A.wez.er
j. pmrelle?"in Mda. wochenbellage: „Illustrierte Sonntagszeitung"
bleiben bis an das Ende der Zeiten, da der Geist ihres himmlischen Stisters und Bräutigams Jesu Christi nie aufhören wird, in ihr zu wehen und zu glühen. Die Kirche ist und bleibt die Mutter! Die Seele des Knechtes ist in den Augen der Kirche so viel wert wie die Seele des Fürsten, wenn sie sie betrachtet im Glanze und göttlichen Schimmer der heiligmachenden Gnade, und die Kirche erhebt auf ihre Altäre, wenn beide die Tugend in heldenmütigem Grade geübt haben, einen Hirten sowohl als einen König. Das ist die wahre Gleichheit und Brüderlichkeit: die in Gott! Katholische Männer! Beherziget die schönen Worte des Weltapostels: „Stehet fest im Glauben, handelt männlich und seid stark. Alles, was ihr tuet, geschehe in Liebe." Damit diese Worte an Euch allen in Erfüllung gehen, flehe ich zur heiligen Mutter des Erlösers, sie wolle über euch und eure Familien immerdar wachen. Hierauf bat Redner den gleichfalls anwesenden Hochw. Herrn Bischof von Straßburg um seinen Segen.
Die Versammlung bricht in einen spontanen stürmischen Beifall aus; nachdem sich derselbe gelegt, empfängt die Versammlung kniend den Segen. Als der Hochw. Herr Bischof das Rednerpult verläßt, bricht der Sturm des Beifalls von neuem aus.
Das Wort erhält bann der Vorsitzenbe der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, Schiffe r - Düsselborf: Die Geschichte hat unwiderleglich bargetan, daß die katholische Kirche zu allen Zeiten dem Wohle der Schwachen die größte Aufmerksamkeit geschenkt hat, sowohl in geistiger wie in sozialer Beziehung. Auch heute arbeitet der katholische Klerus, arbeiten die katholischen Bischöfe und Päpste in dieser Richtung. Ehe cs Sozialdemokraten gab, hat Bischof Emanuel von Ketteler die Fahiw der christlichen Sozialpolitik aufgepflanzt. Sie haben einen guten, braven Mann begraben, riefen wir Arbeiter am Grabe Leos Xlli. aus, aber er war uns mehr! Der Geist, der von den Arbeiterenzykliken ausgmg, wird von allen Organen der katholischen Kirche in Deutschland anerkannt. Unsere Bischöfe arbeüen mit, daß diese Ideen verwirklicht werden; sie mahnen uns Arbeiter aber auch, selbst die Hand anzulegen. (Beifall.) Welche Errungenschasten man auch unserer Zeit nachrühmen kann, einen --•'feen Nachteil haben sie mit sich gebracht, den Stand de" Stofen. Von den 60 Millionen Einwohnern Deutschland^ tn^en 70 Prozent dem reinen Lohnarbeiterstand in Landwttrw,»^ u' Industrie, in Handel und Verkehr an. Es beöuiiu langer Zeit, bis man die Bedeutung dieser Millionen für die Allgemeinheit und die Berechtigung der neuzeitigen Arbeiterbewegung anerkannte. Wer die wirkliche Lage der Arbeiterbevölkerung kennt, wird bestätigerl müssen, daß dieses Streben der Arbeiter nach Besserung ihrer Lage berechtigt ist. Die christliche Arbeiterbewegung tut aber mehr, sie hebt die Arbeiter in ihren idealen Bestrebungen, und deshalb ist sie ein hoher sozialer Kulturfaktor. Abseits von uns steht aber eine starke sozialdemokratische Organisation, die in der Arbeiterbewegung keine geringe Rolle spielt. Gegen die geschallen anmarschierende sozialdemokratische Armee des Materialismus hilft, wenn die christliche Weltanschauung den Sieg erringen soll, nur eine ebenso geschlossene, ebenso gut disziplinierte Armee der christlichen Arbeiter. Das Christentum hat die Arbeit geadelt; in dieser Erkenntnis liegt unser stärkster Schutz gegen die Sozialdemokratie. In diesem Grundsatz ausgesprochen liegt aber auch die Berechtigung des Anspruchs der christlichen Arbeiter, Anteil zu nehmen an den Kulturgütern der Gegenwart und der kommenden Zeit! (Beifall.)
Die christlich-nationale Arbeiterbewegung muß sich stützen auf die katholischen Arbeitervereine,
lichkeit bet katholischen Kirche. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen erneuern die Treue und den Gehorsam gegen das Oberhaupt der Kirche und die Bischöfe. Neue Kräfte wollen wir sammeln für die Werke der Charitas. Wir wollen unser Augenmerk richten auf die Besserung und Hebung nuferer gesellschaftlichen Lage im engen Anschluß an das Christentum (Stürmischer Beifall), unterwürfig um des Gewissens willen ber weltlichen Obrigkeit im Wiberspruch zu ben Sozialdemokraten. (Erneuter stürmischer Beifall.) Möge unser 52. Katholikentag segensreiche Früchte tragen!"
Sodann ergriff bas Wort, ebenfalls von ber fBwfammiung stürmisch begrüßt, Weihbischof Zorn von Bulach» Straßburg, welcher die Versamm- lung mit bem katholischen Gruße willkommen hieß und dann etwa folgendes ausführte:
Es ist mir der ehrende Auftrag geworden, Euch int Namen des allverehrten Herrn Bischofs von Straßburg in feiner Bischofsstadt willkommen zu heißen, denn die Kraft seiner Stimme wäre in dieser ausgedehnten Festhalle der Inbrunst und Kraft seiner Gefühle nicht gewachsen. Niemals wohl hat bei einem Katholikentage ein so imponierender Festzug sich entwickelt, wie der, welcher soeben durch die Straßen unserer Stadt und an ihrem Mittelpunkt, unserem hehren Münster vorbei, in geschlossenen Reihen geschritten ist. Nicht alle wackeren Männer, die Straßburg heute in feinen Mauern sieht, gehören dieser Diözese an; aber wenn auch das Herz eines Bischofes zunächst für die ihm direkt anbertrauten Seelen schlägt, so ist es weit und empfänglich genug, um Euch all in Liebe zu umfassen. Denn nach dem Vorbilde der Apostel, die sich vor allem als die Väter der Seelen fühlten, tragen die Bischöfe und Priester in ber gleichsam unendlichen Brust die ganze menschliche Familie, die zu Gott beten barf: „Vater Unser!" Die Väter aber freuen sich bes Gl'^* 's ihrer Kinder, zumal jener Kinder, die einen r ' besonderen Anspruch auf ihre Für- forge haben, und ein großes Glück ist Euch be- schieden! Ihr seid gläubige Christen. Was hat Euch getrieben, hierher zu kommen?
der Mühe, der Beschwerden einer für viele bon feu6 langen ssteise? Euer Glaube, ber Wunsch, Eueren katholischen Glaubest bekunden, ihn zu beleben und zu erwärmen an dellt Fe«rö oer Liebe, das in hellen Flammen auflodert, wenn friedfertige Glaubensbrüder sich bereinigen. Wer Glaube sagt, sagt Leben und Kraft und Trost in Gott. Als der göttliche Meister Jesus Christus im Begriffe war, diese Erde zu verlassen, verhieß er der Welt einen Tröster, weil er, als der Gott- mensch, die ganze Tiefe des menschlichen Elendes zu ergründen imstande war nnb daher wußte, wie sehr die Welt des Trostes bedurfte. Wohl ist die körperliche Arbeit dadurch geadelt, ja geheiligt worden, daß der Sohn Gottes es nicht verschmäht hat, das Handwerk seines Nährvaters ait’wüben. Der allmächtige Gott saßt, nach dem Ausdruck des Propheten Jsaias, mit drei Fingern der Erde Last, und dieser allmächtige Gott hat im schlichten Hanse zu Nazareth wie ein einfacher Zimmermann sich abgemüht. Nichtsdestoweniger bleibt die Arbeit für die menschliche Natur etwas Hartes, und deshalb paßt besonders auf den Ackersmann und ben Arbeiter die Klage des großen Dulders Job: „Wie die Tage des Tagelöhners seine Tage." Aber wie er inmitten unsäglicher Leiden sich mit der Hoffnung auf einen Erlöser tröstete, so auch erheben wir unser Haupt und rufen aus: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt. Katholische Männer, laßt Euch diese Hoffnung nie» inals rauben! Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! Er lebt fortwährend in feiner Kirche. Von feinem Geiste belebt, erleuchtet und erwärmt, ist sie durch die Jahrhunderte die milde Erlöserin. der Menschheit gewesen, und wird es
die die geistlichen Vorarbeiten für das Aufstreben der Arbeiter gewährleisten und sogenannte wirtschaftliche und religöse Fragen in den Bereich ihrer Tätigkeit zu ziehen haben. Der moderne katholische Arbeiter muß innerlich gefestigt sein und ein offener Vertreter für seine Sache. (Lebhafter Beifall.) Er muß ausgerüstet sein mit dem Waffenarsenal auf dem sozialpolitischen Gebiete. Aufklärung, Schulung und Durchbildung tun not.
Ich bedauere, daß wir unter uns selbst noch nicht einig sind über die richtige Form der Gewerkschaftsbewegung. Diese Frage darf aber nicht auf dem Katholikentag ausgetragen werden; ihre Lösung muß an anderer Stelle versucht werden, und die Lösung muß gefunden werden im Geiste rechter Arbeitersolidarität, rechter Bruderliebe, rechter Kameradschastlichkeit, rechter christlicher Nächstenliebe. Die christliche und die katholische Arbeiterschaft kann sich den Luxus der Zerfpliite- rung auf die Dauer nicht erlauben. Streben wir danach, zu werden auf diesem Gebiete ein einig Volk von Brüdern. (Lebh. Beifall.)
Hierzu gehört aber Opferwilligkeit in Persönlicher und materieller Beziehung. Wenn die Sozialdemokratie Opfer bringen kann für ihre schlechte Sache, so müssen wir sie desto eher bringen für unsere gute Sache (Stürmischer Beifall und Händeklatschen). Einer für alle und alle für einen! (Bravo!) Die Zeit ist da, wo ein Fern- bleiben von unserer Arbeiterbewegung geradezu zu einem Verbrechen an unserer Sache und der geistlichen Weltanschauung werden kann." (Erneuter, stürmischer Beifall.)
„Ein großer Mann hat gesagt, das 20. Jahrhundert gehört den Arbeitern; möge wenigstens ein großer Teil ben christlichen Arbeitern gehören. Möge der Straßburger Katholikentag, der den schweren Tritt der katholischen Arbeiterbataillone gehört hat, mit dazu beitragen, daß die ganze Arbeiterschaft gehoben und auf das Niveau gebracht wird, das ihr in der Welt zukommt!" (Anhaltender, stürmischer Beifall.)
Zum Schluß ergreift das Wort Herr Pfarrer F o r s ch n e r - Mainz, welcher in markanter Form die gegnerischen Anwürfe auf die katholischen Arbeiter znriickwies, indem er namentlich unter tosender Zustimmung der Versammlung konstatierte, daß die 30 000 Arbeiter, die nach Straßburg gekommen seien, nicht etwa „eingefangen" feien, sondern aus eigenem Triebe erschienen seien. Die katholischen Arbeiter, so schließt der Redner, bat en während des Kulturkampfes und bis in die jetzige Q"it mit der katholischen Geistlichkeit Hand in QHuViit <r'ie Erfolge der katholischen Kirche ^anL, ... • '"nipn ob ne die Treue ver
waren nicht möglich ae>v„,.n
Arbeiter, die Erfolge der Arberrer üllf sozi»».. biete wären nicht erreicht worden ohne die wot- arbeit der katholischen Kirche.
Arbeiten, Beten Singen
Gehört zum Hausrat vor allen Dingen! (Stürmischer Beifall).
Nach einem Dankwort des Grafen Droste- Vischering an das Lokalkomitee und einer Aufforderung an die Anwesenden, stets treu zum Volksverein zu halfen, schließt die Versammlung mit einem donnernden Hoch aus Papst und Kaiser.
Begrützungs-Abend.
Wenige Stunden nachdem sich die vielen Tausende Arbeiter nach Schluß der Arbeiter-Versammlung in der Festhalle aus dieser entfernt hatten, war die mächtige Festhalle schon lange vor 8 Uhr wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Begeisterung macht sich unter den dichten Massen geltend, die erkennen läßt, daß man schon oft so vieles Schöne und Gute Über unsere General - Versammlungen gehört hat und
Rotationsdruck u.
Verlag der Zuldaer Ae- .. tiendruckerei in Mda fflonatsbeitage: „Zuldaei Seschlchtsblatter". 8«*”*'
Im Alke enWnmt.
.-ach oeui Amerikanischen der Mrs. May Agnes Fleming erzählt von Lina v. Berlepsch.
*1] (Nachdruck verboten.)
Es war Iva. Wer sie sah, dachte unwillkür- 'ch an jene bunten sprühenden Raketen, die bei end welcher Veranlassung zischend in die Luft fliegen.
Als Miß Jerusha an jenem Weihnachtsabend iit Dechant Braun in der oben Hütte erschien und das schlafende Kind im Arme der toten Mutier fand, war sie peinlich ratlos. Sie hatte bereits genug vom Wesen deS kleinen Wirbelsturmes erfahren, um zu ahnen, daß eine Szene erfolgen würde, sobald Iva erführe, welch' ein Verlust sie betroffen.
Leicht beugte sie sich über das schlummernde ■ iiitb und machte es von der Verblichenen los In raschen Flüsterworten bat sie den Dechant, das Kind eist heimbringen zu lassen, bevor die eiche entfernt würde.
Iva schlief ununterbrochen. Sie wurde nach bau e gebracht, auf ein Lager geregt und erwachte erst am folgenden Morgen.
Ihr erster Blick fiel auf Jerufha. Der alten Jungfer steife Pappendeckelgestalt erweckte in ihr die Erinnerung an das Jüngsterlebte.
„Wer brachte mich hierher?" fragte sie, die wildenHaare aus der Stirne schüttelnd
„Ich, liebes Kind."
„Wo ist Mama?"
„Sie — sie ist — hm. Wie hast Du geschlafen heute nacht?"
„Wo ist Mama?" wiederholte das Kind und heftete die blitzenden schwarzen Augen auf Miß Jerry's verlegenes Gesicht.
„sie ist — sie ist nicht da."
„Wo ist sie beim, Du altes, häßliches Ding, — toaS hast Du mit meiner Mama angefangen?"
„Häßliches, altes Ding! Du meine Güte! Ist
das eine Art, so mit den Leuten zu reden?" rief Jerusha entrüstet.
„Wo ist meine Mama?" schrie Iva und stampfte mit dem Fuße.
„Hör' mal Kind, das ist nicht . . ."
„Wo ist meine Mama?" gellte es 'gegen und die dünnen eifenfeften Finger k-.'. _ t sich in Jerufha's Arm und erpreßten ihr einen Schmerzensschrei.
„Ach, ach, au! Du garstige Krabbe! laß mick- los oder — Deine Mama isi tot! da! — Schade, daß Tn nicht auch dabei bist!"
Und sie stieß die Kleine von sich, daß sie gegen die Wand flog.
Tot!
Betäubend wie ein Blitzstrahl fiel das Wort aufs tferj des Kindes. Tot! ihre Mama tot!
Mit weit geöffnetem Munde, die Hände nach vorne gestreckt, mit verglasten Augen stand Iva da.
„Tot!" bebte es von den weißen Lippen.
Jerusha batte Tränen erwartet, leidenschaftliches Geschrei, unbändigen Jammer, nicht diesen starren, unnatürlichen Schmerz, der auch ihr das Blut stocken machte.
Sie trat zu dem Kinde und rüttelte es.
„Komm, Iva! Sieh nicht so starr aus den Augen, das ist nicht gut. Komm!"
Langsam wandten sich die leblosen Augen zu ihr.
„Mama!" hauchten die Lippen.
„Deine Mama ist gestorben, lieb Herz und wie wir hoffen, int Himmel. Sei vernünftig, Kind! — O Gott! sie ist ja völlig toll geworden!"
Diese Worte brachen den Bann. Iva begriff ihr Unglück. Ein Schrei, ein wilder, herzbrechender Schrei, die kleinen Arme haschte» nach einer Stütze, kraftlos sank sie schreiend zur Erde.
Das Bewußtsein verlor sie nicht. Jerusha, die ihre Obren mit beiden Händen schützte, wünschte wahrlich, sie möchte ohnmächtig werden. Iva aber war von zu lebhafter Natur. Schrei um Schrei burdnitterte das Haus. Nach vergeblichen Versuchen, Die Kleine zu beruhigen ober aufzu
heben, mußte man sie endlich sich selbst überlassen. So lange die Lunge Kraft hatte, schrie das Kind, und als es endlich erschöpft war, ersetzte rauhes, heiseres Krächzen des Schmerzes überlauten Ausdruck. Nun kam ein anderer Geist über die Kleine. Wie von einer Feder emvorgeschnellt, sprang sie auf und stürzte auf die Türe zu.
Glücklicherweise hatte Miß Jerry sie geschlossen. Betrogen in ihrer Absicht erfaßte Iva bas Schloß unb rüttelte mit des kleinen Körpers ganzer Kraft. Stampfend und fchäumend vor Wut, polterte sie mit den Fäusten gegen die Türe.
„Aufmachen! aufniachen!" schrie sie immer wieder.
Das Schloß widerstand. Außer sich, rannte Iva mitz dem Kopf voran durch die Scheiben ber Glastüre, drehte ben Schlüssel um unb stürzte heftig ulutettu uuf Jerusha lgg Uiiu yrüo OIC scharcken Nägel ihr in's Gesicht.
Die knöchernen Finger der alten Jungfer erfaßten die Arme ber kleinen Milben unb hielten sie fest. Ein ftummer Kampf erfolgte. Balb aber hatte sich des Kindes stürmische Leidenschaft erschöpft; nach kurzem Widerstand schwankte sie unb wäre zu Boben gesunken, hätte Jerusha sie nicht aufrecht gehalten. Sie trug die Kleine auf ihr eigen Bett, wo die Natur endlich ihr Recht behauptete unb nach einer Flut linbernber Tränen ber armen Waise einen traumlosen Schlummer gönnte.
„Herr meines Lebens!" stöhnte Jerusha, als sie von bem Bette wegschlich, „was ist bas für ein Wechselbalg! Rein besessen! Diese Augen, bas reinste Feuer! Ganz unheimlich wirb Einem bei dem Geschöpf!"
Als Iva erwachte, war sie ruhig. Wie Stroh- feuer hatte sich der erste Schmerz in raschem, heftigen Auflodern verzehrt. Still ging sie im Hause umher und äußerte fein anderes Leben als das, welches in den großen, fremden Augen glühte.
Ihre Mutter war begraben.
Mit stillem Grauen teilte Jerusha ihr bas mit, sie befürchtete abermaliges Toben. Aber Iva nahm die Kunde gelassen auf. Es lag nicht in
ber Möglichkeit der physischen Natur, in einen neuen Schmerz auszubrechen.
Eine dauernde Quelle der Unruhe war für die alte Jungfer Adolf Darrells Schicksal. Seit dem Momente, wo ihre Türe sich hinter ihm geschlossen, war jegliche Spur verschwunden. Wahrscheinlich hatte er in jener Sturmnacht den Tod gesunden.
Niemand wußte, daß er zu ihr gekommen, niemand außer Mux, und diese wurde höflichst aufmerksam gemacht, sie hätte reinen Mund zu halten, wenn sie nicht wollte, daß Miß Jerry ihr das Genick breche.
Um solch unangenehmer Operation zu entgehen, entschloß sich Mux, zu schweigen.
Aber, wie wir uns bereits überzeugt haben, batte Jerusha's Gewifsen tyrannische Anlagen, es warf ihr die indirekte Schuld von des armen Jungen Tod vor und verlangte zur Sühne die Aufnahme der kleinen Iva. Man wollte das Kind in einem Waifenhause unterbringen, Miß Jerusha Gloria Anna Skamp aber lehnte das Anerbieten kurz ab und erklärte, sie würde selbst für Iva Darrell sorgen.
So wurde aus der kleinen Tänzerin eine Bewohnerin des einsamen Häuschens am Meeresufer. Anfangs war sie unnatürlich ernst unb still, bald aber zerfloß der Trübsinn wie Nebel vor der Sonne, unb nun erst kam die alte Jungfer zum Bewußtsein, welche Last sie sich aufgebürdet, weich' ein Leben voll Aerger unb Unruhe ihr beborftanb.
Zuerst erklärte Fräulein Iva mit nachbrück- lichstem Stampfen, sie wäre durchaus nicht geneigt unb dächte nicht im geringsten daran, sich bei der Hausarbeit zu beteiligen.
„Ich habe nie gearbeitet," rief sie und warf stolz das Köpfchen zurück, „unb werbe es nie tun.* Umsonst versuchte die Pflegemutter ihr diese Notwendigkeit begreiflich zu machen. Gleichgil- tig horte Iva zu und zuckte die Achseln. Wollte Jerufha schelten, so blitzte es gefährlich im Gesicht ber Kleinen und schließlich sprang sie zürnend auf.